Beata Maria dell'Incarnazione

7. Juni 2023

Heilige Maria von der Menschwerdung

Liebe, verehrte Freunde,

In der kalten Einsamkeit von Französisch-Kanada erzählte eine Nonne im 17. Jahrhundert ein Kindheitserlebnis aus ihrem achten Lebensjahr: „Eines Nachts schien mir im Schlaf, ich sei auf einem Schulhof. Plötzlich öffnete sich der Himmel, der Herr trat heraus und kam auf mich zu! Als Jesus sich mir näherte, streckte ich ihm die Arme entgegen, um ihn zu umarmen. Jesus küsste mich liebevoll und sagte zu mir: ‚Willst du mir gehören?‘ – ‚Ja‘, erwiderte ich.“ Dieses „Ja“ zu Gott, den Schlüssel zu ihrer ganzen Existenz, wiederholte die hl. Marie de l‘Incarnation (Maria von der Menschwerdung) bei jeder Gelegenheit, in der Freude wie im Unglück. Man nannte sie „die Mutter der katholischen Kirche in Kanada“.

Heilige Maria von der Menschwerdung Marie wurde am 28. Oktober 1599 als das vierte der sieben Kinder des Bäckermeisters Florent Guyart und seiner Frau, Jeanne Michelet, in Tours geboren. Die Guyarts ließen ihren Kindern eine zutiefst christliche Erziehung und eine solide Ausbildung angedeihen. Marie besuchte die Schule vor Ort und half ihrem Vater am Backofen, so dass sie sich ein paar Grundkenntnisse in dessen Handwerk sowie in Geschäftsführung aneignete.

Marie fühlte sich schon in jungem Alter zu den göttlichen Realitäten hingezogen und erfand eine eigene Form der „Betrachtung“, indem sie ihre „kleinen Sachen“ dem lieben Gott schilderte. Dass sie sowohl für mystische Erfahrungen als auch für praktische Dinge begabt war, zeigte sich bereits frühzeitig. Im Alter von 14 Jahren äußerte Marie den Wunsch, ins Kloster zu gehen. Doch angesichts ihres fröhlichen Temperaments glaubten ihre Eltern, sie sei für die Ehe bestimmt. 1617 bekam sie einen Heiratsantrag von Claude Martin, einem Seidenweber mit eigener Werkstatt. Marie mit ihren knapp 18 Jahren wagte es nicht, ihren Eltern Widerstand zu leisten, und nahm den Antrag an. Doch sie versprach Gott, sich voll und ganz Ihm zu weihen, wenn sie eines Tages Witwe werden sollte. Die kirchliche Trauung fand im Oktober 1617 statt.

In der Drangsal geläutert

Ihr Sohn und erster Biograph, Pater Claude Martin, sagte über sie: „Da sie ihren Mann als Statthalter Gottes betrachtete, erwies sie ihm allen Respekt und jeden Dienst; sie liebte ihn nicht nur, weil er körperliche und geistige Vorzüge besaß, sondern vielmehr noch, weil Gott sie dazu verpflichtete.“ Marie hatte öfter häuslichen Ärger mit ihrer eifersüchtigen Schwiegermutter und auch finanzielle Probleme, die schließlich im Bankrott des Familienunternehmens endeten. „Gott wollte meine Seele für seine Gnade empfänglich machen und in der Drangsal läutern“, schrieb sie. Trotz aller beispielhaften Hingabe als Ehefrau bekam sie den vom hl. Paulus beschriebenen Zwiespalt zu spüren: Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn, wie er gefalle dem Herrn; der Verheiratete sorgt sich um die Sache der Welt, wie er der Frau gefalle, und er ist geteilt (1 Kor 7,32-33).

Marie war eifrig darum bemüht, im Haus und in der Werkstatt Gottesliebe und Gottesfurcht herrschen zu lassen und „alle Löcher zu stopfen, durch die die Sünde dort Eingang finden könnte“, sagte ihr Biograph. Durch ihre Nächstenliebe und ihre persönlichen Aufmerksamkeiten gewann sie die Zuneigung der Angestellten. Diskret, aber beharrlich erinnerte sie sie daran, oft zur Beichte zu gehen. Bei jeder Handlung war das Wort Gottes in ihrem Geist präsent: „Als ich mich mit den Psalmen beschäftigte, kamen mir jeden Augenblick Passagen daraus in den Sinn. Während ich meinen Pflichten nachging, empfahl ich mich Gott durch meinen Eifer: Bei dir, Herrn, suche ich Zuflucht; möge ich niemals enttäuscht werden“ (Ps 30,2).

Im April 1619 gebar Marie mit 19 Jahren einen Sohn, der nach seinem Vater Claude getauft wurde; der Vater starb sechs Monate später – zweifellos vor Kummer wegen des Konkurses seiner Werkstatt. Als 21-jährige Witwe musste sich Marie um die Abwicklung der Geschäfte ihres Mannes kümmern. Es mussten Prozesse beendet, mit Kunden und Schuldnern verhandelt und für die Zukunft gesorgt werden. „All diese Kreuze waren natürlich größer als dass eine Person meines Alters, meines Geschlechts, meiner Fähigkeit und meiner mangelnder Erfahrung sie hätte tragen können. Doch die göttliche Güte in ihrem Übermaß verlieh meinem Geist und meinem Herzen eine Kraft und einen Mut, die mich alles ertragen ließen. Mein Halt gründete auf den heiligen Worten: Ich bin bei ihm in der Drangsal (vgl. Ps 90,15).“

Eine unwiderstehliche Kraft

Marie zog sich zu ihrem Vater zurück, und ihr Wunsch, ins Kloster zu gehen, erwachte erneut. Aber der jämmerliche Zustand ihrer Geschäfte und ihr Sohn in der Wiege hielten sie in der Welt zurück. Sie bekam zahlreiche Heiratsanträge, doch nach kurzem Zögern beschloss sie, ihrem Hang zur Einsamkeit zu folgen, und legte ein Keuschheitsgelübde ab. Sie begann, geistliche Bücher zu lesen und ein intimes Zwiegespräch mit Gott zu führen. Bald ließ der Herr ihr eine mystische Erfahrung zuteil werden, die ihre „Bekehrung“, wie sie sie nannte, zur Folge hatte. Eines Morgens, als sie ihren gewohnten Beschäftigungen nachging, wurde sie von einer unwiderstehlichen Kraft überwältigt und blieb mitten auf der Straße stehen. Auf einmal öffneten sich ihre geistigen Augen, und all ihre Fehler und Unvollkommenheiten wurden ihr mit einer „über jede Gewissheit erhabenen Klarheit“ vor Augen geführt. Zugleich sah sie sich in das erlösende Blut des Gottessohnes tauchen. Sie beichtete beim ersten Priester, den sie fand, und kehrte danach völlig verwandelt heim.

Marie wollte eigentlich zurückgezogen leben, doch ihre mit einem Händler namens Paul Buisson verheiratete Schwester Claude lud sie 1621 ein, zu ihr zu ziehen. Marie nahm das Angebot an, um ihren Lebensunterhalt sowie den ihres Sohnes zu sichern; gleichwohl wollte sie ein Leben der Entsagung führen und anderen zu Diensten sein. So übernahm sie die undankbarsten und anstrengendsten Pflichten im Haus.. Sie war abwechselnd Köchin, Zimmermädchen sowie Krankenschwester und aß stets zusammen mit den Hausangestellten, um sie an Gotteslästerungen zu hindern. Noch im selben Jahr wurde sie durch mehrere mystische Gnaden in eine engere Verbindung mit Christus geführt. Zusätzlich zu ihrem Keuschheitsgelübde legte sie nun auch ein Armuts- und Gehorsamsgelübde ab.

1625 erkannte ihr Schwager Paul Buisson ihre Begabung als Geschäftsfrau und übertrug ihr die Verantwortung für sein Transportunternehmen auf dem Flussweg. Marie war nun voll mit geschäftlichen Angelegenheiten beschäftigt und musste mit vielen Kunden verhandeln. Gleichzeitig erlebte sie jedoch ein „inneres Paradies“ und empfing vielerlei Offenbarungen über das Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit. Ihr 8-jähriger Sohn Claude war ein zarter, ängstlicher Junge, der von seiner Mutter sanft auf die endgültige Trennung vorbereitet wurde. Von einem Zisterzienserpater beraten, entschied sich Marie schließlich für ein Ursulinenkloster, zumal eine innere Stimme ihr sagte, dass Gott sie da haben wollte. Der Orden der hl. Ursula war im November 1535 in Brescia in der Lombardei von der hl. Angela Merici (1474-1540) gegründet worden und widmete sich hauptsächlich der Erziehung junger Mädchen sowie der Armen- und Krankenpflege..

„Gebt mir meine Mutter zurück“

Marie Martins Eintritt in das Ursulinenkloster von Tours war für den 25. Januar 1631 vorgesehen. Am 11.. Januar riss ihr 11-jähriger Sohn an Bord eines flussaufwärts fahrenden Schiffes aus und wurde erst nach drei Tagen verzweifelter Suche im Hafen von Blois wiedergefunden. Marie vertraute ihn der Obhut ihrer Schwester an und trat am vorgesehenen Tag in das Noviziat der Ursulinen ein, obwohl sie das Gefühl hatte, das Weinen ihres Sohnes würde ihr das Herz zerreißen. In den folgenden Tagen versuchte der arme Knabe mehrfach das Kloster zu stürmen. Aus einer Gruppe von lautstark gegen die Nonnen protestierenden Schülern hörte Marie deutlich die Stimme ihres Sohnes heraus; er rief:„Gebt mir meine Mutter zurück!“

Wie konnte diese liebende christliche Mutter ihr Kind „im Stich lassen“? Menschlich scheint diese Handlung unerklärlich zu sein. Maries Entscheidung war jedoch nach reiflicher Überlegung von ihrem Seelsorger sowie vom Bischof von Tours, Bertrand d’Eschaux, gebilligt worden. Jesus selbst besteht auf dem Vorrang seines Rufes; wir lesen beim hl. Lukas: Wenn jemand zu mir kommt und er sagt sich nicht los von Vater und Mutter, Frau und Kindern, Brüdern und Schwestern, ja selbst von seinem eigenen Leben, der kann nicht mein Jünger sein (Lk 14,26). Der Ruf, Christus „als Erstem“ zu folgen, ergibt sich aus dem Primat Gottes und des Himmelreiches über alle Gefühle, seien sie noch so berechtigt. Die Kirche in ihrer Weisheit hat dieser Radikalität gerechte Grenzen gesetzt, indem sie Personen, die Verantwortung für andere Seelen tragen, untersagt, die ihnen Anvertrauten im Stich zu lassen, um einem religiösen Orden beizutreten. Doch in diesem Fall ließ Marie ihren Sohn nicht ohne Beistand zurück; sie hat für alles Notwendige vorgesorgt. Claude wurde später bei den Jesuiten ein hervorragender Schüler und beschloss eines Tages in aller Freiheit, selbst ins Kloster zu gehen.

Marie Martin, von nun an Schwester Marie de l‘Incarnation (Maria von der Menschwerdung – nicht zu verwechseln mit der Karmelitin Barbe Acarie, die den gleichen Ordensnamen trug), legte 1613 ihre Ordensgelübde ab. Obwohl sie bald stellvertretende Novizenmeisterin wurde und christliche Dogmatik unterrichtete, war sie innerlich überzeugt, dass das Kloster von Tours nur eine provisorische Bleibe für sie war. Nach und nach kristallisierte sich ihre apostolische Berufung heraus. Gott zeigte ihr im Traum ein weites Land „voll dichten Nebels“ und sagte: „Ich habe dir Kanada gezeigt; du sollst dorthin gehen und ein Haus für Jesus und Maria bauen..“ Marie informierte sich in den sogenannten Jesuitenberichten über die Mission in „Neufrankreich“. Sie lernte Marie-Madeleine de La Peltrie kennen, eine wohlhabende Witwe, die sich in Amerika der Evangelisierung kleiner Indianerinnen widmen wollte. Das Vorhaben der beiden Frauen schien völlig verrückt zu sein; wie sollten sie auf einem Schiff den Ozean überqueren, der von Klippen und Piraten unsicher gemacht wurde? Es gab viele Einwände gegen das Projekt. Erst nach der Überwindung von tausend Schwierigkeiten bestieg Marie de l’Incarnation in Begleitung von Madame de La Peltrie, die die Unternehmung finanzierte, sowie von zwei Ursulinen am 4. Mai 1639 ein Schiff namens Saint-Joseph in Richtung Neue Welt. Nachdem das Schiff beinahe an einem Eisberg zerschellt war, konnten die Reisenden am 1. August in Quebec an Land gehen.

Eine Mystikerin der Tat

Die Besiedlung Kanadas durch Franzosen hatte erst 30 Jahre zuvor mit der Gründung der Siedlung Quebec durch Samuel de Champlain begonnen. Aufgrund des Mangels an Siedlern – 1640 gab es weniger als 3000 – sowie der fehlenden Sicherheit verlief die Entwicklung langsam. Die Stadt war von ursprünglich hölzernen Befestigungen umgeben und konnte, anders als die englischen Forts, von freundlich gesonnenen Indianern wie den Huronen betreten werden; es wurden vielerlei Kontakte und Handelsbeziehungen geknüpft. Relativ häufig kam es jedoch zu Angriffen seitens der von den Engländern aufgehetzten Irokesen, eines der in der Region ansässigen Indianerstämme; so mussten die Franzosen große Vorsicht walten lassen..

Mutter Marie de l’Incarnation war bald überglücklich über die Frömmigkeit, die sie in der jungen kanadischen Kirche vorfand, und freute sich, an der Mission beteiligt zu sein, auch wenn sie feststellen musste, dass der Alltag extrem hart war. Von Anfang an konnte sie sich als talentierte „Geschäftsfrau“ bewähren. Die kleine Gemeinschaft richtete sich zunächst behelfsweise in einem Haus in der Stadt ein und zog erst 1642 in ein schönes, aus Stein erbautes dreistöckiges Klostergebäude. Doch in der Nacht von 31. Dezember 1650 wurde das durch große Opfer erkaufte Heim ein Raub der Flammen. Die Gründerin ließ sich dadurch nicht entmutigen, sondern nahm sofort den Wiederaufbau in Angriff. Durch göttlichen Beistand gestützt, konnte sie dank ihrer Energie, ihres Einfallsreichtums und zahlreicher Spenden ihr Vorhaben verwirklichen. Marie de l‘Incarnation war wahrhaftig eine „Mystikerin der Tat“. Sie bearbeitete einen Garten, betrieb eine Farm und ließ Brunnen graben. Gouverneure, Verwalter und Würdenträger der Siedlung fragten sie in zeitlichen Angelegenheiten um ihren Rat. Sie setzte ihre Führungsqualitäten auch in der Seelsorge ein. Geistlich betreut wurde sie von Jesuiten, die sie auf deren Expeditionen zu den Indianern begleitete; acht dieser Jesuiten starben zwischen 1642 und 1649 als Märtyrer und wurden 1930 heiliggesprochen.

Die Ursulinen waren in erster Linie nach Kanada gekommen, um sich dort der Erziehung junger Mädchen zu widmen. Schon einen Tag nach ihrer Ankunft in Quebec wurden ihnen sämtliche französische Mädchen anvertraut, die sie zu Frömmigkeit und Sittsamkeit anleiten sollten. Mit der Zeit wuchs die Anzahl der Schülerinnen beträchtlich und damit auch die Aufgabe der Schwestern. „Hätte es die Ursulinen nicht gegeben“, schrieb Mutter Marie, „wäre das Heil der jungen Mädchen stets in Gefahr gewesen.“ Sie wären in der harten Welt der Siedler auf sich allein gestellt gewesen. Vor ihrem Tod hatte die Gründerin den Trost, mehreren gebürtigen Kanadierinnen die Ordenstracht überreichen zu können, die die Arbeit der Schwestern fortführten.

Marie de l’Incarnation hatte stets eine besondere Vorliebe für die einheimischen Indianermädchen. Sie nahm sie mit offenen Armen auf, bemühte sich, sie zu verstehen, zu katechisieren und glücklich zu machen. Den Mitschwestern empfahl sie, den einheimischen Schülerinnen mit Herzlichkeit zu begegnen. Sie bezeichnete sie oft als die „Wonne“ ihres Herzens, gab allerdings auch zu, dass es „beinahe unmöglich“ sei, sie an die französische Kultur und französische Lebensart zu gewöhnen; man könne diese Kinder nicht in wenigen Monaten aus der Wildnis der Wälder in die Zivilisation des 17. Jahrhundert führen.

„Nur Mut, heilige Töchter!“

Mutter Marie übte auch unter erwachsenen Indianern ein intensives Apostolat aus. Zu ihren größten Freuden zählte es, wenn sie in der Kapelle der Ursulinen die Taufe eines Neubekehrten miterleben konnte. Mit über 40 Jahren begann sie, die verschiedenen Indianersprachen zu erlernen, und beherrschte sie dann so gut, dass sie ein Französisch-Algonkin-Wörterbuch, ein Irokesisch-Wörterbuch sowie einen irokesischen Katechismus verfasste. Nach dem Großfeuer von 1650 befürchteten die Huronen, dass sie Marie de l’Incarnation und ihre Gefährtinnen verlieren könnten. Häuptling Taiearonk richtete folgende bewegende Worte an sie: „Nur Mut, heilige Töchter, lasst euch nicht von der Liebe zu euren Eltern überwältigen, und zeigt heute, dass eure Liebe zu den armen Wilden eine stärkere himmlische Liebe ist als die Bande der Natur!“

Doch die Hoffnung auf eine harmonische Verschmelzung der Völker Kanadas erfüllte sich nicht. Die Indianer hatten im Allgemeinen nicht viel übrig für das sesshafte Leben und die Landwirtschaft. Sie waren anfällig für alkoholische Getränke und bekamen sie von skrupellosen Siedlern im Tausch für ihre Pelze; die Missionare mussten sie von den Zentren mit europäischer Bevölkerung fernhalten, da sie dort Anstoß erregten. Marie de l‘incarnation fragte sich, ob es nicht besser wäre, nach Frankreich zurückzukehren, da die Irokesen die Farmen der Ursulinenmission mehrfach plünderten, die Dienerschaft sowie etliche ihrer besten Freunde töteten. Erst 1666 kam es durch Gouverneur Daniel de Courcelles zu einem Friedensschluss mit den Irokesen.

1659 kam Msgr. François de Montmorency-Laval als Apostolischer Vikar nach Quebec und wurde dort später der erste Bischof (2014 heiliggesprochen). 1660 besuchte er die Ursulinen und erklärte, dass er bedeutende Veränderungen an den 1647 von Mutter Marie mit Beistand eines Jesuitenpaters formulierten Konstitutionen vornehmen wolle. Aufgrund ihrer 20-jährigen Erfahrung in Kanada hielt die Gründerin die Änderungsvorschläge für schädlich. So schrieb sie dem Bischof, der ihr eine Bedenkzeit vorgeschlagen hatte: „Die Angelegenheit ist bereits bedacht, und unsere Entscheidung steht fest: Wir werden sie nicht akzeptieren, es sei denn unter dem Zwang des Gehorsamsgebots.“ Bischof de Laval ließ schließlich, abgesehen von fünf nebensächlichen Punkten, die Konstitutionen von 1647 unangetastet. Das zeigt, dass Heilige über praktische Fragen durchaus unterschiedlicher Ansicht sein können.

„Ich fahre im Geiste um die ganze Welt“

Im Mai 1653 bot Marie de l’Incarnation ihr Leben Gott als Opfer dar für das geistliche Heil aller Bewohner Kanadas. Aus diesem Anlass verfasste sie folgendes Gebet, das die Intensität ihres missionarischen Eifers offenbart: „Durch das Herz meines Jesus, meinen Weg, meine Wahrheit und mein Leben nähere ich mich Dir, ewiger Vater. Durch dieses göttliche Herz bete ich Dich an für all diejenigen, die Dich nicht lieben; ich bete Dich an für all die mutwillig Verblendeten, die Dich aus Verachtung nicht kennen. Ich will durch dieses göttliche Herz für alle Sterblichen Genugtuung leisten. Ich fahre im Geiste um die ganze Welt, um nach Seelen zu suchen, die durch das kostbare Blut meines göttlichen Bräutigams erlöst worden sind, um Dir für alle Genugtuung zu leisten: Ich bitte Dich durch Ihn um ihre Bekehrung. Ich bringe Dir all diese Seelen dar; mach, dass sie mit Dir eins werden.“

Mutter Marie arbeitete viel und hart.. Ihre langen Bußübungen, ihre nicht auskurierten Krankheiten hatten sie erschöpft. Sie konnte nicht mehr knien, kaum sehen und ekelte sich vor jeder Nahrung. Und doch frohlockte sie bei dem Gedanken, dass sie Gott bald von Angesicht zu Angesicht sehen werde. Bevor sie starb, bekam sie noch einmal die Gnaden ihres Lebens zu sehen: die mystischen Gaben, die Gott ihr gewährt hatte; das Werk der Ursulinen, das auf dem besten Weg war, und die erfreulichen Nachrichten von ihrem Sohn Claude, der 1641 in die benediktinische Mauriner-Kongregation eingetreten, 1652 zum Prior und 1668 zum Assistenten des Generaloberers befördert worden war.. An der Schwelle des Todes ließ Marie de l‘Incarnation ihrem Sohn, den sie seit 40 Jahren nicht gesehen hatte, folgende liebevolle Botschaft übermitteln: „Sagt ihm, dass ich ihn in meinem Herzen trage.“ Marie de l’Incarnation verschied am 30. April 1672 im Alter von 72 Jahren, von denen sie 43 in Kanada verbracht hatte. Sie wurde am 3. April 2014 von Papst Franziskus durch eine „äquipollente“ Kanonisierung heiliggesprochen (die auf dem konstanten Ruf der Heiligkeit ohne die Feststellung von Wundern gründet). Ihr Festtag ist der 30. April.

In einer „Exclamation“ spricht die Ursuline Gott so an, wie sie ihn erfährt: „Nein, meine Liebe, Du bist nicht Feuer, Du bist nicht Wasser, Du bist nicht das, was wir sagen. Du bist, was Du bist in Deiner glorreichen Ewigkeit. Du bist: Das ist Dein Wesen und Dein Name. Du bist Leben, göttliches Leben, lebendiges Leben, vereinendes Leben. Du bist Seligkeit. Du bist anbetungswürdige, unbeschreibliche, unbegreifliche Einheit.. Mit einem Wort: Du bist Liebe und meine Liebe..“

In der hl. Marie de l’Incarnation hat sich die christliche Frau bemerkenswert vielfältig und ausgeglichen realisiert: Sie war Gattin, Mutter, Witwe, Betriebsleiterin, Nonne, Mystikerin sowie Missionarin, und zwar stets in Treue zu Christus, stets in enger Verbundenheit mit Gott.. Von ihrer eigenen Erfahrung gestärkt schrieb sie: „Gott lässt diejenigen nie im Stich, die Ihn als Freund behandeln und Ihm allem anderen und auch sich selbst gegenüber den Vorrang einräumen.“ Wir können sie anrufen, damit wir durch ihre Fürsprache die Gnade erlangen, alle Dinge in Gott, mit Gott und für Gott zu tun..

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