7. Februar 2024
Seliger Franziskus Faà di Bruno
Liebe, verehrte Freunde,
Als Professor Francesco Faà di Bruno vom Lehrstuhl für Mathematik an der Turiner Universität eines Tages mitten im 19. Jh.. den Studenten gerade eine schwierige Beweisführung präsentierte, erklang plötzlich ein Glöckchen und zeigte dadurch die Passage der heiligen Wegzehrung (einer geweihten Hostie) an, die von einem Priester zu einem Sterbenden gebracht wurde. Der Professor stieg von seinem Katheder herab und kniete am Fenster nieder. Vor Bewunderung zunächst erstarrt, fielen schließlich auch die Studenten auf die Knie.. Wer war dieser Professor, der später die Priesterweihe empfing und vom heiligen Papst Johannes Paul II. am 25. September 1988 seliggesprochen wurde?
Francesco (Franz) Faà di Bruno wurde am 25. März 1825 als zwölftes und letztes Kind des Marchese Luigi di Bruno und seiner Frau Carolina in Alessandria (Piemont, Norditalien) geboren. Die aus altem Adel stammende Familie wohnte in der Nähe des bäuerlichen Geburtshauses von Don Bosco; doch die beiden unter höchst unterschiedlichen sozialen Bedingungen lebenden Familien hatten keinen Kontakt zueinander. Das Heim der Familie Bruno war von Frömmigkeit, Kunstsinn und Eintracht geprägt. Von frühester Kindheit an beteiligten sich die Kinder am Verteilen von Almosen an die Armen. Da Francesco von zarter Gesundheit war, verbrachte er seine frühe Kindheit bei seinem Großvater väterlicherseits auf dem Landschloss der Familie Bruno.. Francescos Mutter starb 1834 nach schwerer Krankheit; bald danach verlor er auch seinen Großvater.
Als Francesco im Juni 1840 mit 15 Jahren das humanistische Gymnasium beendete, wusste er nicht, ob er sich für das Ordensleben oder eine militärische Karriere entscheiden sollte. Zu dem Zeitpunkt hatten sich bereits vier seiner Geschwister Gott geweiht. Er entschied sich schließlich für eine militärische Laufbahn, da er dachte, er könne sie immer noch aufgeben, wenn er sich später doch lieber Gott weihen sollte. Er absolvierte ein erfolgreiches Studium an der Militärakademie von Turin und wurde im August 1846 zum Leutnant im königlichen Generalstabskorps ernannt.. Im Rahmen des nationalen Aufstands gegen die österreichische Besetzungkämpfte Francesco während des ersten Unabhängigkeitskrieges 1848 in einer von Herzog Vittorio Emmanuele befehligten Truppe. Als Francescos Division kurz vor ihrer Feuertaufe stand, bat er in einem Brief seine Schwester Maria Luigia, auch für seine Waffengefährten zu beten. Er befürchtete, dass sie „wegen der ständigen Vernachlässigung der göttlichen Dinge, die sie sich in Friedenszeiten angewöhnt hatten und die sie in Kriegszeiten nicht einfach ablegen konnten, ohne eine Reinigung und Tröstung ihrer Seele sterben könnten“. Da er selbst bemüht war, stets im Zustand der Gnade (ohne schwere Sünde) zu leben, fürchtete er nach den Niederlagen von Custoza und Novara, wo er die Blüte der Jugend hatte fallen sehen, insbesondere um das ewige Los vieler seiner Gefährten und Freunde.
Dem ewigen Heil müsste eigentlich die Hauptsorge eines jeden Menschen gelten. „In einem aus reiner Güte gefassten Ratschluss hat Gott den Menschen aus freiem Willen erschaffen, damit dieser an seinem glückseligen Leben teilhabe“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Kompendium, Nr. 1). Nach seinem Tod wird jeder Mensch in einem „besonderen“ Gericht von Christus beurteilt: „Es ist das Gericht der unmittelbaren Vergeltung, die jeder gleich nach seinem Tod in seiner unsterblichen Seele entsprechend seinem Glauben und seinen Werken von Gott erhält.. Diese Vergeltung besteht im Eintreten in die Seligkeit des Himmels, unmittelbar oder nach einer entsprechenden Läuterung, oder im Eintreten in die ewige Verdammnis der Hölle“ (ibid., Nr.. 208). Am Ende der Welt wird es ein zweites Gericht geben; das Kompendium des Katechismus sagt dazu: „Das Letzte (allgemeine) Gericht wird im Urteil zum seligen Leben oder zur ewigen Verdammnis bestehen. Wenn Jesus Christus als Richter der Lebenden und der Toten wiederkommt, wird er über die Gerechten und Ungerechten (Apg 24, 15), die alle vor ihm versammelt sein werden, dieses Urteil aussprechen. Im Anschluss an das Letzte Gericht wird der auferstandene Leib Anteil erhalten an der Vergeltung, welche die Seele im besonderen Gericht erhalten hat“ (Nr. 214). Da Himmel und Hölle ewig währen, ist es von höchster Wichtigkeit, dass wir den Himmel gewinnen und der Hölle entkommen, „Rette uns vor dem ewigen Verderben und nimm uns auf in die Schar deiner Erwählten“, lautet die Bitte der Kirche für uns im römischen Kanon (Eucharistisches Hochgebet I).
Zum Jahresende 1849 ernannte Vittorio EmmanueleII., der nach dem Rücktritt seines Vaters Carlo Alberto König geworden war, Francesco zum „Privatlehrer der königlichen Prinzen für Mathematik“ und entsandte ihn nach Paris, damit er sich auf diesem Gebiet weiterbilden konnte. Francesco bekam sein Mathematikdiplom am 10. März 1851. In Paris gehörte er der überaus lebendigen Pfarrgemeinde Saint-Sulpice an und absolvierte auf Anregung seines Beichtvaters, des Jesuiten Armand de Pontlevoy, die Geistlichen Übungen des hl. Ignatius. Daneben engagierte er sich in den Konferenzen des hl. Vinzenz von Paul. An der Sorbonne freundete er sich mit dem Mathematiker Cauchy an, einem tiefgläubigen Katholiken, der später sein Vorbild wurde.
Den anderen nützlich sein
Nach Turin zurückgekehrt, stellte er fest, dass seine Ernennung zum Privatlehrer der königlichen Prinzen aufgrund des Einflusses kirchenfeindlicher Kräfte rückgängig gemacht worden war; er wurde mit anderen Aufgaben betraut. Er schrieb an seinen Bruder Alessandro: „Ich habe nicht das Gefühl, an meinem Platz zu sein.. Mich weiterzubilden und anderen nützlich zu sein, sind die Ecksteine meines persönlichen Glücks“ (23.. Juni 1852). Angesichts der Schwierigkeiten, auf die er in der Armee stieß, und im Bewusstsein der Tatsache, dass seine Weigerung, sich der Freimaurerei anzuschließen, seine militärische Laufbahn behinderte, reichte er im März 1853 seinen Rücktritt ein, um sich voll und ganz seinen Studien zu widmen. Er verfasste damals ein sehr erfolgreiches „Handbuch des christlichen Soldaten“, eine auf die Bedürfnisse der Soldaten abgestimmte Sammlung von Lehrsätzen und Gebeten.
Francesco hatte ein gutes Verhältnis zu Don Bosco. Einer von dessen Schülern, Don Giovanni Battista Francesia, berichtete: „In der Anfangszeit des Oratoriums, suchte uns an fast jedem Montag ein Pionierhauptmann (Francesco) auf, der, nachdem er sein Schwert abgelegt hatte, zur Beichte ging, bei der Messe ministrierte und die Kommunion empfing. Wir waren alle darüber erbaut.“ Das Beispiel Don Boscos in der Jugendarbeit weckte in Francesco den Wunsch, sich um junge Mädchen aus einfachen Verhältnissen zu kümmern, die oft vernachlässigt waren. Er eröffnete eine Schule für Kirchengesang für sie. Als Musikliebhaber von Kindheit an, stellte er eine Sammlung von Gesängen unter dem Titel La Lira cattolica zusammen. Daneben verbrachte er lange Stunden in Gebet in der Kirche der Schwestern vom Allerheiligsten Sakrament, in der auch eine ewige Anbetung stattfand.
Die einzige Sache
Im Mai 1854 kehrte Francesco nach Paris zurück und erwarb dort weitere Diplome in Mathematik und Astronomie. 1856 entwickelte er für seine erblindete Schwester Maria Luigia eine mit mehreren Preisen ausgezeichnete Blindenschrift, die vor der Verbreitung der Brailleschrift von vielen Leuten benutzt wurde. In der Fastenzeit 1856 erkrankte einer seiner Turiner Freunde in Paris schwer und starb. Francesco schrieb an seine Schwester: „Diese Krankheit wurde für mich die Nützlichste aller Osterexerzitien. Von nun an wird es für mich, wenn Gott mir beisteht, einzig und allein darum gehen, wie ein Heiliger zu leben und einen ähnlichen Tod zu verdienen..“ Im selben Jahr wurde er Mitglied des kurz zuvor von Laienprofessoren an der Sorbonne gegründeten Œuvre d’Orient (ein Hilfswerk zur Unterstützung der Christen im Orient).. Zum Jahresende 1856 nach Turin zurückgekehrt, führte er dort die sogenannten „Wirtschaftsherde“ ein, wie er sie in Paris gesehen hatte; das waren Läden, in denen Arbeitern und armen Leuten Nahrungsmittel zu Niedrigstpreisen verkauft wurden.. Er gründete auch einen Verein, der dafür eintrat, dass Feiertage arbeitsfrei sein sollten; Vizepräsident des Vereins wurde der hl. Don Bosco.
Die Schwierigkeiten, denen die Schülerinnen der Gesangschule ausgesetzt waren, bereiteten Francesco große Sorgen: Manche von ihnen fanden keine Arbeit oder auch keinen Rat und keine Unterstützung, wenn sie eine Kündigung erhielten. Aufgrund seiner Beziehungen konnte er ihnen oft eine Arbeitsstelle besorgen. Um sie besser betreuen zu können, kaufte er 1859 ein kleines Wohnhaus sowie ein Grundstück im berüchtigten Vorstadtviertel San Donato und gründete dort das „Hilfswerk der hl. Zita“. Von den sozialen Initiativen Francescos muss insbesondere dieses Hilfswerk zur sozialen und geistlichen Förderung von Frauen (Mägden, Arbeitslosen, Lehrlingen, ledigen Müttern, Kranken und Alten) erwähnt werden: Der Selige hat die Entstehung einer wahren ‚Frauenstadt‘ mit Schulen, Werkstätten, Krankenstationen und Pensionen mit jeweils eigenen Bestimmungen gefördert. In diese mutige und zukunftsweisende Initiative investierte er den gesamten Besitz seiner Familie, seine Einkünfte und seine ganze Person. Um junge Mädchen kostenfrei aufnehmen und anschließend beschäftigen zu können, richtete er auf dem Grundstück eine mit selbst entworfenen Geräten ausgestattete Musterwäscherei ein. Die betreuten Frauen bildeten einen Verein, der auch nach ihrem Auszug eine Verbindung zu ihnen unterhielt. Die Bewohnerinnen führten ein geistlich geprägtes Leben: Jeden Morgen wohnten sie in der Kapelle der heiligen Messe bei, gefolgt von einer kurzen Betrachtung; am Nachmittag besuchten sie dort das Allerheiligste Sakrament und sprachen abends gemeinsam ihr Abendgebet. Der Gründer sah sich allerdings zahlreichen Verleumdungen und böswilligen Unterstellungen ausgesetzt und wurde zuweilen als „Lumpenritter“ verspottet. In den 20 Jahren nach Gründung des Hilfswerks hatten allerdings über 10 000 junge Frauen betreut werden können. Francesco nahm auch arbeitsfähige junge Mädchen mit geistiger Behinderung auf. Sein Hilfswerk bewahrte sie vor dem Elend, d..h. vor Ausbeutung, und sicherte ihnen moralischen und religiösen Beistand zu. Im Gegenzug erledigten sie materielle Aufgaben, insbesondere in der Wäscherei.
1861 verlieh die Turiner Universität Francesco zwar den Titel eines Universitätsdozenten, ernannte ihn jedoch nie zum „ordentlichen“ Professor. Nichtsdestoweniger bekam er Anerkennung für den Entwurf bzw. die Verbesserung bestimmter wissenschaftlicher Instrumente sowie für die Entwicklung der mathematischen „Formel von Faà di Bruno“. Da er die Sorge Don Boscos angesichts der Verbreitung unmoralischer Presseprodukte teilte und da es ihm nicht gelang, eine katholische Tageszeitung zu gründen, richtete er eine Leihbibliothek ein. 1872 kam eine weitere, speziell für Priester bestimmte Wanderbibliothek hinzu. Francesco gründete auch mehrere Altenheime: ein Altenheim für wohlhabende Frauen, eines für betagte Arbeiterinnen sowie eines für arme, alte Priester.
Ein entscheidender Einfluss
Francesco wusste genau um den Einfluss einer guten Erzieherin auf ihre Schüler sowie auf ihr Umfeld Bescheid.. So hielt er die Ausbildung von Lehrerinnen für äußerst wichtig, die fest im Glauben und reich an Wissen sowie an Tugenden sein sollten. 1866-67 übernahm er die Leitung einer pädagogischen Hochschule für Frauen, die kurz vor dem Scheitern stand. Er engagierte gute Professoren und nahm die Lehre in Mathematik, Physik, Astronomie und Ethik selbst in die Hand. Er begleitete die Schülerinnen individuell und machte ihnen bewusst, dass ihre bloße Anwesenheit in einem Dorf einen radikalen Wandel bewirken könne. Er gründete auch ein Hilfswerk für ledige Mütter, dessen Leitung er einer überaus verständnisvollen Dame anvertraute.
Francescos Fürsorge für die Frauen knüpfte an die Lehre der Kirche an.. „Im Christentum hat die Frau von Anfang an eine besondere Würdestellung, deren zahlreichen und prägenden Aspekte im Neuen Testament bezeugt werden“, stellte der hl. Paul VI. fest (6. Dezember 1976). In seinem Brief Mulieris dignitatem schrieb der hl. Johannes Paul II.: „Die Würde der Frau wird von der Ordnung der Liebe bestimmt, die im wesentlichen eine Ordnung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe ist. Die Kirche sagt also Dank für alle Frauen und für jede einzelne, so wie sie aus dem Herzen Gottes in der ganzen Schönheit und im vollen Reichtum ihres Frauseins hervorgegangen sind; wie sie, zusammen mit dem Mann, eine gemeinsame Verantwortung übernehmen für das Geschick der Menschheit, was die täglichen Bedürfnisse betrifft, wie auch hinsichtlich jener endgültigen Bestimmung, welche die Menschheitsfamilie in Gott besitzt“ (15. August 1988, Nrn. 29.31).
1863 begann Francesco mit der Errichtung einer Kirche, der Chiesa di Nostra Signora del Suffragio (Unsere Liebe Frau von der Barmherzigkeit), eines Heiligtums, das dem Gebet nicht nur für die Gefallenen aller Kriege, sondern ausdrücklich auch für Seelen im Fegefeuer geweiht war.
„Das Purgatorium (oder Fegefeuer) ist der Zustand jener, die in der Freundschaft Gottes sterben, ihres ewigen Heils sicher sind, aber noch der Läuterung bedürfen, um in die himmlische Seligkeit eintreten zu können“, schreibt das Kompendium. „Kraft der Gemeinschaft der Heiligen können die Gläubigen, die noch auf Erden pilgern, den Seelen im Purgatorium helfen, indem sie Fürbitten und besonders das eucharistische Opfer, aber auch Almosen, Ablässe und Bußwerke für sie darbringen“ (Nrn. 210.211).
Mit Ordensschwestern
Francesco wurde bei seinen Hilfswerken von vielen ehrenamtlich tätigen Frauen unterstützt und plante die Gründung einer Frauenkongregation. „Wer Gott in den Blick nimmt und wer ein Erbe an Gutem für die Ewigkeit hinterlassen will, kann nicht ohne Ordensschwestern agieren“, schrieb er. Zuerst folgte die junge Giovanna Gonella seinem Ruf, später kamen weitere Frauen hinzu; sie bildeten den Kern der Schwestern der hl. Zita, die auch Minim-Schwestern Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit genannt wurden; ihre Bestimmung lag neben einer speziellen Marien-Verehrung im Beistand für die Seelen im Fegefeuer. Die Gründung erfolgte 1881. Die Anfänge der Kongregation waren von viel Arbeit, viel Gebet und großer Armut geprägt. Die Regeln spiegelten den militärischen Geist des Gründers wider, der zwar anspruchsvoll war, durch seine Gottesliebe und sein Vorbild aber zugleich anziehend wirkte.
Francescos Engagement zu verdanken waren ebenfalls: die Publikation eines Büchleins über die Eucharistie, die Leitung einer Zeitschrift sowie eines katholischen Missionsmuseums, eine Typographiewerkstatt, eine Schule für heranwachsende Mädchen und eine Nachsorgeeinrichtung für junge Arbeiterinnen nach einem Krankenhausaufenthalt. Allmählich entdeckte er, dass das Priesteramt ihm eine bessere Seelenführung ermöglichen würde; durfte eine Ordenskongregation überhaupt von einem Laien geleitet werden? Nach längeren Überlegungen und Beratungen wandte er sich an den Erzbischof von Turin, Msgr. Gastaldi; doch dieser konnte keine Weihe ins Auge fassen, ohne eine mindestens sechsmonatige vorherige Seminarausbildung zu verlangen. Francesco wiederum befürchtete, dass eine längere Abwesenheit seinerseits nicht wiedergutzumachende Schäden für seine Gründungen mit sich brächte. Entschlossen, nicht gegen den Willen des Erzbischofs zu verstoßen, verschob er sein Vorhaben auf später und fuhr nach Rom, um Einkehr zu halten. Dort legten mehrere einflussreiche Personen Fürsprache für ihn bei Papst Pius IX. ein, der ihn bereits von früher kannte.. Der Heilige Vater zeigte sich verständnisvoll und übernahm die Verantwortung für die Priesterweihe des 51 Jahre alten Francesco, die am 22. Oktober 1876 stattfand. Der Erzbischof brauchte sieben Monate, um sich nach diesem Vorfall zu beruhigen; erst am 31. Oktober des folgenden Jahres weihte er die Chiesa di Nostra Signora del Suffragio ein. Don Francesco nahm aus Feingefühl nicht an der Zeremonie teil, sondern feierte erst am nächsten Tag frühmorgens eine erste Messe in der Kirche. Seine Verehrung für die Eucharistie wurde intensiver, und es kam öfter vor, dass er nachts lange Stunden in Gegenwart des Göttlichen Hausherrn zubrachte. Francesco, der sich bereits in seiner frühen Jugend der Gottesmutter geweiht hatte, betrachtete die Kirche Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit als ein Mittel, Maria als Vermittlerin bei den Seelen im Fegefeuer zu würdigen.
Sie vergisst ihre Kinder nicht
„Wird die Jungfrau, die allen Christen von Jesus auf Golgatha als Mutter geschenkt wurde, ihre Kinder vergessen, die die Erde bereits verlassen, den Himmel aber noch nicht erreicht haben, weil sie sich noch nicht genug vom Makel der Sünde gereinigt hatten?“, fragte er. „Maria ist die Mutter schlechthin, sie könnte ihre Kinder nie im Stich lassen, wenn sie ihrer Hilfe bedürfen. Sie kennt die Qualen, denen diese Seelen durch die göttliche Gerechtigkeit ausgesetzt sind. Sie kennt ihre schweren Seufzer, die alle von der Liebe und von dem Wunsch herrühren, in den Genuss der Liebe zu kommen, der ihr Herz unwiderstehlich zustrebt; sie sieht in diesen unglücklichen Seelen ebensoviele Liebende ihrer selbst wie Liebende Jesu. Maria hat der hl. Brigitte (Buch 4) anvertraut: ‚Ich bin die Mutter all derer, die im Gefängnis des Fegefeuers schmachten.’ Hundert ehrliche Bekundungen zeigen, dass die Gottesmutter sie besucht, tröstet, für sie Fürbitte einlegt und sie manchmal alle befreit. Die Verehrung Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit erinnert uns daran, dass wir für die geringsten Verfehlungen bezahlen und die Jungfrau Maria bitten müssen, dass sie uns hilft, die Sünden, die Nachlässigkeiten und die Lieblosigkeit zu vermeiden, die sozusagen das Brennholz für das Fegefeuer sind; und damit wir die Buße, die Kasteiung, die Inbrunst liebgewinnen, denn sie sind die Mittel, um unsere Läuterung auf Erden abzuschließen. Wieviel Vertrauen erwacht in unserem Herzen bei diesen Überlegungen und wieviel Liebe zu Maria erwächst uns!“ (Abhandlung über das Herz Mariens).
1881 kaufte Francesco ein Schloss in Benevello bei Alba, in dem er eine christliche Lehr- und Bildungsanstalt für Mädchen zwischen 7 und 15 Jahren eröffnete.
Am 31. Januar 1888 starb der hl. Don Bosco. Als Francesco davon erfuhr, rief er: „Ein Heiliger ist gerade gestorben.“ Zwei Monate danach, am 27. März, gab er selbst seine Seele in die Hand Gottes zurück. In einem Weiheakt an das Heiligste Herz Jesu in Todesangt am Ölberg hatte er geschrieben: „Was kann ich Dir zurückgeben für ein solches Übermaß an Liebe? Während ich auf meine Todesstunde warte, bringe ich mich Dir aus tiefstem Herzen als Opfer dar. Herz Jesu, ich weihe Dir meinen Leib und nehme alle Leiden hin, die Du mir schicken magst; ich weihe Dir meine Seele und will alle Formen der Dürre, der Traurigkeit und der Betrübnis ertragen, durch die ich gehen muss.“
„Francesco Faà di Bruno ist ein Verkünder des Glaubens und der Liebe“, sagte der hl. Johannes Paul II. am 2. Oktober 2002. In seiner Seligsprechungspredigt hatte der Papst bemerkt: „Stets beseelt von einem inneren Feuer, am Heil seiner Mitmenschen mitzuwirken, kümmerte er sich um ihre letzte Bestimmung. Die letzte Bestimmung des Menschen ist die Begegnung mit Gott, eine Begegnung, auf die man sich bereits jetzt vorbereiten muss durch ein stetiges Streben nach Askese, indem man das Böse verwirft und Gutes tut. Die erste und erhabenste aller Formen der Liebe zu unseren Mitmenschen ist das beherzte Eintreten für ihr ewiges Heil.“ Bitten wir den seligen Francesco Faà di Bruno, er möge uns helfen, diese Art der Nächstenliebe zu praktizieren!












