Beata Anna di San Bartolomeo

22. Mai 2024

Selige Anna vom hl. Bartholomäus

Liebe, verehrte Freunde,

„Wer das innere Gebet noch gar nicht angefangen hat, den bitte ich um der Liebe des Herrn willen, ein solches Gut nicht länger entbehren zu wollen“, schreibt die hl. Theresia von Avila. „Hier gibt es nichts zu fürchten, sondern nur zu gewinnen; so wird er allmählich zur Kenntnis des Wegs gelangen, der zum Himmel führt. Meiner Ansicht nach ist das innere Gebet nichts anderes als ein freundschaftlicher Umgang, bei dem wir oftmals ganz allein mit dem reden, von dem wir wissen, dass er uns liebt“ (Vida, Kap. 8; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2709). Durch ihre Lehre vom inneren Gebet und ihr Vorbild hat die heilige Reformerin des Karmel viele Heilige geprägt. Eine der Ersten war die selige Anna vom hl. Bartholomäus, eine Karmelitin, die ihr Leben der Liebe zu Gott und zu ihrem Nächsten geweiht hatte. Ihr Herz stand allen offen: den Großen wie den Kleinen dieser Welt, Soldaten und Zivilisten, Kardinälen und Bischöfen, jungen und alten Leuten, Männern und Frauen, und in erster Linie ihren Schwestern und Brüdern im Karmel.

Selige Anna vom hl. Bartholomäus Anna García y Manzanas wurde am 1. Oktober 1549 in El Almendral, einem kastilischen Dorf in Spanien, als das sechste von sieben Kindern geboren. Ihre Eltern waren wohlhabende Großbauern und gute Christen, die sich vor der Sonntagsmesse regelmäßig um die Armen kümmerten. Die Mutter besuchte und betreute auch Kranke. Die Familie kam täglich bei der Messe, beim gemeinsamen Lesen von Heiligenbiographien und beim Rosenkranzgebet zusammen. Anna war erst neun Jahre alt, als ihre Mutter 1558 starb. Im folgenden Jahr verlor sie auch ihren Vater.. Die älteren Geschwister übernahmen die Elternrolle für sie. Die finanzielle Situation der Waisen verschlechterte sich zunehmend; Anna musste Schafe hüten, während die Knaben auf den Feldern arbeiteten. Bald ließ Jesus die junge Hirtin, die er in ihrem Leben begleitete, seine Gegenwart spüren.

„Sie war von natürlicher Schönheit, mittelgroß und mit anmutigen Gesichtszügen ausgestattet“, sagte später ihre Cousine Francisca. Als Anna ein heiratsfähiges Alter erreichte, stellte man ihr den Bruder ihres Schwagers vor. Da sie jedoch bereits beschlossen hatte, sich Gott zu weihen, lehnte sie eine Heirat ab. Mit etwa 20 Jahren vertraute sie einem Priester ihren geheimen Wunsch an, Nonne zu werden; er verwies sie auf den Karmel, der in Avila von Mutter Teresa de Jesus (der hl. Theresia von Avila) gegründet worden war. Anna teilte ihren Wunsch, ins Kloster zu gehen, auch ihren Brüdern mit. Diese waren schließlich trotz aller Bedenken damit einverstanden, und der Ältere, Hernando, brachte sie in den Karmel. Da Anna jedoch die Erlaubnis des Ordensoberen abzuwarten hatte, musste sie für mehrere Monate nach El Almendral zurückkehren und durfte erst Anfang November 1570 in den Karmel San José in Avila eintreten.

Das Karmelitinnenkloster war in der Tat 1562 von der hl. Theresia gegründet worden. Doña Teresa de Ahumada, ein strahlend schönes Mädchen aus kastilischem Adel, war 1535 mit 20 Jahren in den Karmel von der Menschwerdung in Avila eingetreten. Nachdem sie die Praxis des inneren Gebets für sich entdeckt hatte, war sie mit der eher freizügigen Lebensführung im Kloster unzufrieden. Sie war sich auch der Missstände bewusst, unter denen die Kirche ihrer Zeit litt. „In jener Zeit erhielt ich Kunde von dem (durch den Protestantismus und die Religionskriege verursachten) Schaden und der Verwüstung in Frankreich. Das betrübte mich sehr. Ich weinte vor dem Herrn und bat ihn, er möchte doch einem so großen Übel abhelfen. Ich würde, wie mir schien, tausend Leben zur Rettung einer einzigen von den vielen Seelen hingegeben haben, die dort zugrunde gingen. Doch da ich eine Frau und elend war, war ich nicht imstande, das zu tun, was ich am liebsten zum Ruhm des Herrn getan hätte. Das erfüllte mich und erfüllt mich noch jetzt mit dem sehnsüchtigen Verlangen, es möchten bei der großen Anzahl der Feinde Gottes wenigstens seine wenigen Freunde wahrhaft gut sein. Ich entschloss mich daher, die evangelischen Räte mit aller mir möglichen Vollkommenheit zu befolgen und die wenigen Nonnen dieses Klosters zum gleichen Streben anzuleiten“ (Der Weg der Vollkommenheit, Kap. 1). In dieser Absicht hatte sie den Karmel San José gegründet. Die Karmelitinnen dort befolgten die ursprüngliche Regel des Karmel und führten ein Leben, in dessen Mittelpunkt das Gebet stand. Theresia legte großen Wert auf das Alleinsein, die Klausur und das Schweigen, damit die Schwestern durch nichts von der Suche nach dem Herrn abgelenkt werden. Denn das innere Gebet wird in der Tat durch Schweigen gefördert.

Der Katechismus der Katholischen Kirche bestätigt: „Das innere Gebet ist Schweigen. Es ist ‚schweigsame Liebe’ (hl.Johannes vom Kreuz). Beim inneren Gebet sind die Worte kein langes Reden, sie sind wie Reisig, das das Feuer der Liebe anfacht.. In diesem für den ‚äußeren’ Menschen unerträglichen Schweigen spricht der Vater zu uns sein menschgewordenes Wort, das für uns leidet, stirbt und aufersteht; der Geist der Sohnschaft lässt uns am Beten Jesu teilnehmen. Das innere Gebet ist eine Gemeinschaft der Liebe. Es trägt Leben für viele in sich, wenn es einwilligt, in der Nacht des Glaubens zu verharren“ (Katechismus, Nrn. 2717.2719).

„Geh, meine Tochter!“

Anna trat in den Karmel San José ein, in dem sich die heilige Gründerin aber nicht allzu oft aufhielt. Doch die Ruhe der ersten Tage schwand bald dahin. „Der Herr versteckte sich, und ich blieb im Dunklen“, sagte Anna später. Die Prüfung dauerte die ganze Zeit ihres Noviziats. Bei ihrer Einkleidung bekam die junge Novizin den Namen Anna vom heiligen Bartholomäus. Das Kloster war arm und noch nicht fertiggebaut; während der Mahlzeiten der Bauarbeiter machten sich die Nonnen selbst ans Werk und taten, was in ihrer Macht stand. Schwester Anna vom hl. Bartholomäus wurde als Pförtnerin, Köchin und Krankenschwester eingesetzt. Am 15. August 1571 legte sie ihre Profess als Laienschwester ab, d..h. sie war fortan vornehmlich in Haus und Garten beschäftigt. Zwischen 1575 und 1577 litt sie an einer sonderbaren Krankheit und schien sogar an der Schwelle des Todes zu stehen. Die Ärzte wussten nicht, was ihr fehlte, und ihre Arzneien blieben wirkungslos. Als die hl. Theresia gegen Ende Juli 1577 wieder in das Kloster nach Avila kam, rief sie Schwester Anna zu sich, sprach ihr Mut zu und trug ihr auf, den Kranken Essen zu reichen. Anna gehorchte, und Christus stärkte sie: Sie fühlte sich sogleich besser. Mutter Theresia sagte zu ihr: „Geh, meine Tochter, werde eine gute Krankenschwester. Der Herr wird dir helfen!“

Mutter Theresia, die Schwester Anna vom hl. Bartholomäus sehr schätzte, wollte sie immer um sich haben. Die beiden waren fortan bis zum Tod der Mutter unzertrennlich. Anna umgab die Gründerin mit ihrer Liebe, leistete ihr Gesellschaft und stand ihr stets hilfsbereit zur Seite. Sie beteuerte, die Mutter fühle sich ohne sie „ganz verloren“..Sie unternahmen gemeinsam vier weite und beschwerliche Reisen in der Absicht, neue Klöster zu gründen.

Das Motiv der hl. Theresia für die Gründung von Klöstern war ihr Mitgefühl mit Christus, der selbst an seiner Kirche litt. In ihrem „Bericht“ vom 9. Februar 1570 vermeldet sie eine göttliche Gnade, die ihr im Karmel von Malagón zuteil wurde. Als der Herr ihr mitteilte, dass er derzeit in seinem Leib, d.h. der Kirche, große Schmerzen zu ertragen habe, fragte sie ihn: „Was kann ich tun, Herr, um diesen Übeln abzuhelfen?“ „Ich bin zu allem bereit!“ Christus erwiderte: „Beeile dich, gründe Klöster; mir macht es Freude, bei den Seelen zu sein, die darin wohnen!“ In einer Zeit, in der insbesondere die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie unter dem Einfluss des Protestantismus bestritten wurde, war Theresia von dem Wunsch beseelt, neue Klöster zu errichten, in denen das Allerheiligste Sakrament verehrt und für die Errettung der Sünder gebetet wurde.

Vier Reisen mit einer Heiligen

Die erste Rundreise der beiden Nonnen dauerte von Juni bis November 1579 und führte sie nach Medina, Valladolid, Alba de Tormes und Salamanca; anschließend kehrten sie nach Avila zurück. In Salamanca begann Anna auf Wunsch von Mutter Theresia sich wieder im Schreiben zu üben, das sie bereits als Kind erlernt hatte. Bald übernahm sie das Amt der Sekretärin und führte weitgehend den Briefwechsel der Heiligen. Die zweite Reise der beiden Nonnen ging von November 1579 bis Juli 1580 zum Konvent von Malagón sowie zur Neugründung von Villanueva de la Jara. Die dritte Reise vom August 1580 bis zum September 1581 führte sie nach Medina, Valladolid, Palencia und Soria. Die vierte Reise von Januar bis Oktober 1582 war die letzte, die Mutter Theresia unternahm: Sie ging über Medina del Campo, Valladolid und Palencia nach Burgos, wo die beiden nach einer überaus mühsamen Reise am 26. Januar 1582 ein Kloster gründeten. Mutter Theresia war schwer erkrankt. Auf dem Rückweg nach Avila fuhren die Schwestern auf Bitten von P. Antonio de Jesus zunächst nach Alba de Tormes, wo sie am 20. September ankamen. Zwei Wochen später gab Mutter Theresia ihre Seele in die Hand Gottes zurück.

„Am Nachmittag des 3. Oktober 1582 machte P. Antonio de Jesus einen Besuch bei der Gründerin; als er sah, dass ich keine Ruhe fand, bat er mich, etwas essen zu gehen“, berichtete Schwester Anna. „Nachdem ich weggegangen bin, konnte sich die die Heilige nicht beruhigen; ihr Blick wanderte von einer Ecke des Zimmers zur anderen. Der Pater fragte sie, ob sie mich bei sich haben wollte, und sie gab durch Zeichen zu verstehen, dass sie das wollte; sie riefen mich zurück. Sobald sie mich erblickte, begann sie zu lachen; sie griff mit den Händen nach mir und legte ihren Kopf in meine Arme; und so blieb sie, bis sie starb..“

Ein Feuereifer

Anna kehrte am 3. November 1582 nach Avila zurück, wo inzwischen Mutter Maria vom hl. Hieronymus, eine Cousine Mutter Theresias, zur Priorin gewählt worden war. 1591, neun Jahre später, wurde Mutter Maria vom hl. Hieronymus für 3 Jahre als Priorin nach Madrid berufen; sie nahm Schwester Anna mit nach Madrid. Getreu ihrer Berufung zum Dienen war diese bestrebt, sämtlichen Schwestern dort Freude und Rückhalt zu vermitteln, indem sie für Frieden im Madrider Konvent sorgte. Beide Ordensschwestern kehrten im September 1594 nach Avila zurück. Es folgte ein dreijähriger Aufenthalt in der Gründung Ocaña; danach verbrachten sie vier Jahre in Avila in Erwartung einer weiteren Gründung in Frankreich. Das Herz Schwester Annas, die den apostolischen Eifer der Gründerin für das Heil der Seelen geerbt hatte, brannte vor liebevoller Sorge um die gefährdeten Seelen in Frankreich.

In Paris pflegte Madame Acarie, eine Mystikerin und sechsfache Mutter, in ihrem Haus Männer und Frauen zu versammeln, die eine anspruchsvolle Spiritualität praktizieren wollten. Madame Acarie kannte die Schriften der hl. Theresia bereits seit 1601. Eine Erscheinung der Heiligen offenbarte ihr, dass sie berufen war, einen Karmel in Frankreich zu gründen. Damit dieser neue Karmel vom theresianischem Geist erfüllt werde, wurde beschlossen, Ordensschwestern aus Spanien zu holen, die die Gründerin noch gekannt hatten. Für die Gründung dieses Karmels setzten sich insbesondere der Stifter des Französischen Oratoriums, Pierre de Bérulle, und der zukünftige Siegelbewahrer Michel de Marillac ein; die notwendigen Schritte dauerten wegen diverser Schwierigkeiten mehrere Jahre lang, zumal das Verhältnis zwischen Frankreich und Spanien von Spannungen beherrscht war. Zudem hatten die spanischen Karmeliter Vorbehalte dagegen, die Schwestern ziehen zu lassen; so musste der apostolische Nuntius einschreiten, um den Widerstand des Ordensgenerals zu überwinden.

Am 17. Oktober 1604 kamen schließlich sechs spanische Karmelitinnen in Paris an, darunter auch die Laienschwester Anna vom hl. Bartholomäus; für die Schwestern war im Priorat Notre-Dame-des-Champs eine passende Unterkunft vorbereitet worden. Bald wurden sieben französische Kandidatinnen eingekleidet und von den spanischen Schwestern geschult. Anna vom hl. Bartholomäus machte sich gleich im Sinne ihres Ideals, des Gehorsams, im Küchendienst nützlich. Sie schrieb später: „Wir können Gott nichts Besseres schenken als unseren Willen. Für ihn zählen die kleinen Dinge, die man aus Gehorsam tut, ebensoviel wie die großen, denn er schaut nicht auf die Größe, sondern auf die Liebe, mit der man sie angeht, und den Selbstverzicht.“

Das große Schweigen

Bald danach wurden die Verdienste und Fähigkeiten Schwester Annas auch von den Oberen des Ordens anerkannt; sie beförderten sie vom Stand der Laienschwester in den Stand der Chorschwester (wie bereits von Mutter Theresia zu ihren Lebzeiten gewünscht, von Schwester Anna jedoch aus Gründen der Demut abgelehnt). Sie wurde bald zur Priorin eines im Januar 1605 in Pontoise gegründeten Klosters bestimmt. Anna ging ganz in der Weitergabe des theresianischen Charismas auf, insbesondere durch die Praxis des Schweigens. Sie schrieb: „Wir sollten bei seiner Majestät (Gott) eine Sache unter all seinen Taten besonders bewundern: das große Schweigen, in dem er sämtliche Mysterien unserer Erlösung vollzog.. Wir wollen nach seinem Vorbild und aus Liebe zu ihm Schweigen bewahren.. Machen wir alle Werke für ihn allein, schweigend. Unser Herr sagt selbst, dass er insgeheim zu den Demütigen im Herzen sprechen wird. – Seliges Schweigen! Durch dieses Schweigen rufst Du, Herr, und Du lässt deine Lehre in der ganzen Welt erschallen; und diejenigen, die Dich lieben, schöpfen die Weisheit eher aus diesem Schweigen denn aus Büchern und aus dem Studium. Der Herr hat sich für uns zur Quelle lebendigen Wassers gemacht, damit wir nicht untergehen in diesem Ozean der Prüfungen. Ohne den Glauben können wir nicht vorwärtskommen auf dem königlichen Weg der Mysterien Gottes. Der Glaube öffnet unsere Augen, er leitet uns. Wo es keinen Glauben gibt, gibt es kein Licht und keinen Weg, der zum Guten führt.“

Am 5. Oktober 1605 wurde Anna zur Priorin des Pariser Konventes gewählt.. Sie stahl sich um 2 Uhr nachts verkleidet aus Pontoise fort, damit niemand aus dem Kloster oder der Stadt sie an der Abreise hindern konnte. Der neue Konvent zählte lediglich eine einzige Nonne, die ihren Profess bereits abgelegt hatte, aber viele Novizinnen. Mutter Anna widmete sich mit aller Kraft der Aufgabe, eine für die Liebe zu Christus brennende Familie zu gründen. Zu ihrer großen Zufriedenheit entwickelte sich trotz aller Sprachschwierigkeiten ein schöner geschwisterlicher Geist im Konvent. Sie wollte eigentlich unter der Leitung von Karmeliterpatres leben, doch das wurde nicht zugelassen. Bald mischte sich Abbé Pierre de Bérulle in das Leben des Konventes ein und sorgte dort für Unruhe, indem er die Priorin zu ihrem Leidwesen in ihrer Amtsführung behinderte. Am 18. Mai 1608 wurde Mutter Anna schließlich nach Tours entsandt, wo sie einen Karmel gründen sollte. In Tours war die soziale und religiöse Situation ganz anders als in Paris. Abbé Pierre de Bérulle konnte hier zwar keinen Einfluss ausüben, doch der Konvent war der üblen Nachrede zahlreicher Protestanten ausgesetzt, die die Ansiedlung der Karmelitinnen nicht begrüßten. Der Priorin gelang es jedoch, die Situation umzukehren: Sie verschaffte sich Respekt und konnte sogar einige Bekehrungen bewirken. Die von Mutter Anna in Frankreich geleistete Arbeit war insgesamt beachtlich, ebenso ihre herausragende Rolle in der Geschichte der katholischen Restauration in Frankreich.

Mutter Anna schrieb viele – stets spontane und schlichte – Briefe, die zwar voll lebendiger Affektivität, aber auch von bemerkenswerter Umsicht waren. Sie zeigte sich darin immer besorgt um ihre Mitmenschen, insbesondere um deren Gesundheit, da sie es nicht ertragen konnte, jemanden leiden zu sehen; viele ihrer Briefe zeugten von ihrem Wunsch, Mut und Freude zu schenken.

Liebe und Vorbild

Mit der Zeit verlor Mutter Anna vom hl. Bartholomäus allmählich jede Hoffnung, in Frankreich unter der Leitung von Karmeliterpatres leben zu können, da Pierre de Bérulle strikt dagegen war. Auf Vorschlag niederländischer Karmeliter und mit Erlaubnis des Generalabtes zog sie nach Antwerpen in Flandern, das damals der Hoheit Spaniens unterstellt war, und gründete dort am 6. November 1612 einen Konvent in großer Armut, aber in grenzenlosem Vertrauen auf die Vorsehung, ganz nach Art der hl. Theresia. Drei Jahre später bezog die kleine Gemeinschaft ihr endgültiges Kloster. Die Mutter setzte die theresianische Lehre, die Reinheit und Einfachheit, Gehorsam und völlige Öffnung erforderte, in die Praxis um. „Wenn man die Novizinnen mit Umsicht und Liebe führt“, schrieb sie, „wird man erreichen, dass sie bittere Erlebnisse wie süße wahrnehmen. Es ist gut, aufrichtig zu ihnen zu sein und ihnen bisweilen unsere eigenen Fehler oder einige unserer Versuchungen zu gestehen, um ihnen Mut zu machen, ihre zu bekennen. Wenn man die Tugend nur mit Worten lehrt und die Werke nicht sichtbar macht, lehrt man schlecht. Sämtliche Erfordernisse des Ordenslebens lassen sich durch Liebe und Vorbild besser vermitteln als durch Strenge und Drohungen.“ Die Regel erklärt ja auch: „Die Priorin soll das Gesetz der Nachsicht anwenden und Härte und Strenge nur unter außergewöhnlichen Umständen einsetzen.“ Mutter Anna liebte das folgende Gebet: „Herr, wenn du mich bestrafen musst, so möchte ich lieber wegen zuviel Nachsicht bestraft werden als wegen zuviel Härte.“ Sie zeigte jedoch durchaus die nötige Entschlossenheit, wenn es um den klaren Willen Gottes ging. Sie selbst lebte überaus enthaltsam und schlief nachts nur etwa drei Stunden. Ihre Kasteiungen hatten stets die Demut zum Ziel: „Die äußere Kasteiung wird euch kaum etwas nützen, wenn sie nicht von Demut und innerer Kasteiung geregelt wird“, sagte sie zu den Schwestern. „Wandeln wir in Gottesfurcht und heiliger Demut. Die aus Schwäche begangenen Irrtümer werden von Gott sofort verziehen, aber Lauheit in der Liebe, vor allem wenn sie von Dauer ist, missfällt ihm sehr.“

Bei der Ankunft Mutter Annas herrschte in Flandern noch Frieden. Der „Achtzigjährige Krieg“ (1568-1648), der Aufstand eines Teil der Niederländer, namentlich der Protestanten, gegen den katholischen König Spaniens, den damaligen Herrscher über die Niederlande, war durch einen im Vertrag von Antwerpen 1609 vereinbarten Waffenstillstand von zwölf Jahren gerade unterbrochen. Mit dem Ende des Waffenstillstandes lebten die Feindseligkeiten jedoch wieder auf. In der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 1624 war die Stadt Antwerpen einem Überraschungsangriff der Protestanten von der See her ausgesetzt. Obwohl es Nacht war, rief die Priorin die Schwestern zum Beten zusammen, und siehe da, ein Sturm trieb die Schiffe auseinander und vereitelte die Pläne der Angreifer!

In den letzten zwei Jahren ihres Lebens litt Anna vom hl. Bartholomäus an mehreren Krankheiten. Am 7. Februar 1626, vier Monate vor ihrem Tod, hatte sie eine Vision der Heiligen Dreifaltigkeit. Als einige Hofdamen die Kranke besuchten, war diese durch soviel Aufmerksamkeit so verwirrt, dass sie folgende Worte an den Herrn richtete: „Wie kannst du es dulden, dass eine arme Karmelitin einen solchen Wirbel verursacht? Nein, Herr, erlaube es nicht, nimm mich ohne Lärm und ohne Aufsehen hin! Eine arme Karmelitin darf bei ihrem Tod nicht soviel Lärm machen!“ Am 7. Juni, dem Dreifaltigkeitssonntag, verstarb Mutter Anna im Alter von 76 Jahren..

Mutter Anna vom hl. Bartholomäus wurde am 6. Mai 1917 von Papst Benedikt XV. seliggesprochen. Bitten wir sie, für uns jeden Tag Treue zum inneren Gebet sowie einen glühenden Eifer für das Heil der Seelen zu erwirken!

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