17. Januar 2023
Selige Anna-Maria Taigi
Liebe, verehrte Freunde,
Was töricht ist vor der Welt, wählte Gott aus, um die Weisen zu beschämen (1 Kor 1,27). 1863 begründete der Heilige Stuhl die Eröffnung eines Seligsprechungsverfahrens für eine Familienmutter folgendermaßen: „Wenn Gott seine Macht und seine Weisheit zeigen will, setzt er normalerweise das ein, was in den Augen der Welt Schwäche und Wahnwitz ist, um die Vorhaben der Gottlosen zu vereiteln und die Anstrengungen der Hölle zunichte zu machen. Heute hat er eine einfache Frau der auf allen Seiten ausufernden Flut von Gottlosigkeit entgegengestellt. Er hat sich zu diesem Zweck Anna Maria Taigis bedient; sie war Kind ehrlicher, aber armer Eltern, verheiratet mit einem Mann des Volkes, betraut mit der Sorge um ihre Familie, die sich und die Ihren nur von der Arbeit ihrer Hände ernähren konnte. Sie wurde von Gott erwählt, um Seelen für ihn zu gewinnen, um selbst ein Sühnopfer zu werden, ein Hindernis gegen die Vorstöße der Gottlosen, und um durch ihre Gebete Unglück zu verhindern.“ Wie der berühmte französische Journalist Louis Veuillot anmerkte, herrschte im 19. Jh. nämlich die Ansicht vor, „dass die Herrschaft des Papstes beendet sei, dass das Gesetz Christi und Christus selbst tot seien, dass dieser angebliche Sohn Gottes von der Wissenschaft bald ins Reich der Fabel verwiesen werde, dass er keine Wunder mehr tue. Daraufhin rief Gott Anna Maria. Er schenkte ihr das Wissen um die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Sie war die Antwort Gottes!“
Die am 29. Mai 1769 in Siena in der Toscana geborene Anna Maria war die einzige Tochter des Apothekers Luigi Gianetti sowie seiner Frau Maria und wurde einen Tag nach ihrer Geburt getauft. Sechs Jahre danach sah sich ihr Vater durch Schicksalsschläge gezwungen, sein Geschäft sowie all sein Hab und Gut zu verkaufen, um seine Gläubiger auszuzahlen; sowohl er als auch seine Frau mussten sich als Dienstboten verdingen. Aufgrund ihres Fleißes und ihrer bescheidenen Lebensführung waren die Gianettis jedoch bald in der Lage, nach Rom zu ziehen. Anna Maria besuchte dort knapp 2 Jahre lang die Schule, wo sie lesen sowie den Katechismus lernte. So konnte sie die Erstkommunion und die Firmung empfangen. Ihre Eltern gingen mit ihr fast täglich zur hl. Messe. Mit 13 Jahren nahm sie eine Tätigkeit als Arbeiterin auf, wurde jedoch bald – wie ihre Eltern – in einem Haushalt angestellt. Dort bekam sie die Gefahren zu spüren, die zu viele Freiheiten mit sich bringen, und die Fallen, die die Welt für leichtsinnige Seelen bereithält. Sie lernte den um 8 Jahre älteren Domenico Taigi kennen, der als Tagelöhner im Palast des Fürsten Chigi arbeitete. Er hielt bald um ihre Hand an; Anna Maria gab ihr Jawort erst, nachdem sie Gott im Gebet um Rat gefragt hatte. Die Hochzeit wurde im Januar 1789 gefeiert. Die junge Frau passte sich Domenicos schwierigem Charakter an, der zwar ein anständiger, aber sehr jähzorniger Mann war.
Bald wurde Domenico zum Majordomus befördert und bekam eine Wohnung im Palast seiner Herren. Eines Tages kam Anna Maria, schön zurechtgemacht wie immer, auf dem Weg zum Petersdom an einem Priester namens P. Angelo aus dem Servitenorden vorbei. Dieser hatte in dem Moment, als er sie erblickte, eine innere Eingebung des Herrn, der zu ihm sagte: „Ich vertraue dir diese Frau an: Du sollst an ihrer Bekehrung arbeiten, und sie soll sich heiligen, weil ich sie auserwählt habe.“ Die junge Frau, deren Leben bis dahin zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zur Welt geteilt war, vernahm wiederum den Ruf, ihr Leben mehr nach ihrem Glauben auszurichten. Die Geburt ihrer ersten Kinder spornte sie in ihrem spirituellen Leben an. Sie ging zu P. Angelo zum Beichten, doch dieser erkannte sie zunächst gar nicht wieder. Bald danach kehrte sie in seinen Beichtstuhl zurück, und da wurde sie vom Pater väterlich empfangen: „Endlich sind Sie gekommen!“ Von jenem Tag an veränderte sich Anna Maria radikal; ihre Tage waren nun mit Hausarbeit und karitativen Werken ausgefüllt.
Ende des Jahres 1790, als sie vor einem Kruzifix in Gebet vertieft war, vernahm sie plötzlich eine Frage Christi: „Was willst du? Jesus in seiner Blöße folgen, aller Dinge beraubt? Oder Ihm in seinem Triumph und seinem Ruhm folgen? Was wählst du?“ – „Ich nehme das Kreuz meines Jesus an“, erwiderte sie. „Ich werde es wie Er in Leid und Schande tragen. Was den Triumph und den Ruhm angeht, ich möchte sie aus seiner Hand im Jenseits empfangen.“ So brachte sich Anna Maria großherzig als Sühnopfer für die vom Herrn bewirkte Erlösung dar. Sie sehnte sich nach einer religiösen Lebensform, die mit ihrem Stand als verheiratete Frau vereinbar war, und vertraute ihren Wunsch P. Angelo an. Er schlug ihr vor, einem Dritten Orden beizutreten. Mit Zustimmung ihres Mannes wurde sie in den Dritten Orden der Trinitarier aufgenommen. Der Trinitarierorden war im 13. Jh. vom hl. Johannes von Matha und dem hl. Felix von Valois gegründet worden, um die von den Mohammedanern gefangen genommenen und versklavten Christen zu befreien; die materiell und spirituell schwierige Mission dieser Mönche wurde stets von frommen Laien unterstützt. „Meine Frau bat mich um die Erlaubnis, dem Orden der hl. Dreifaltigkeit als Tertiarierin beitreten zu dürfen“, erinnerte sich Domenico nach Anna Marias Tod. „Ich war einverstanden, jedoch nur unter der Bedingung, dass sie ihrer Rolle als Gattin und Familienmutter treu bleibt.“
„Das ist ein Spiegel“
Doch Anna Maria erhielt eine weitere Mission: Sie wurde von Gott auserwählt, um mit unüberwindlicher Kraft die Existenz des Übernatürlichen zu bezeugen. Dazu wurde ihr eine einzigartige Gabe verliehen: Die Vision einer leuchtenden runden Scheibe oder „Sonne“, in der sie stets alle Dinge – natürliche wie übernatürliche – sehen konnte. Sie besaß diese Gabe 47 Jahre lang bis zu ihrem Tod. „Das ist ein Spiegel, den ich dir zeige, damit du das Gute und das Böse, das geschieht, erkennst“, sagte der Herr zu ihr. Diese Scheibe, die ihre natürliche Sehfähigkeit nicht beeinträchtigte, gab ihr Kraft. Sie sah sie etwa einen Meter weit und etwas höher vor sich schweben: Sie hatte die Größe der Sonne, wie wir sie kennen, und war von Strahlen umgeben. Über ihr schwebte eine Dornenkrone, von der beidseitig je ein langer Dorn nach unten reichte, die sich unterhalb der Scheibe kreuzten. In der Mitte befand sich eine sitzende Frauengestalt, die offenbar die göttliche Weisheit darstellte. Im Licht dieser Sonne konnte Anna Maria alle Geheimnisse des Glaubens und des Lebens Christi sehen, das Gewissen und die geheimsten Gedanken der Menschen, das Los der Verstorbenen, die Lage der einzelnen Nationen, alle Revolutionen, Kriege, die Pläne der Regierungen, die Machenschaften der Geheimgesellschaften, die Fallen der Dämonen, die Sünden usw. Sie konnte stets einen Blick in diese Sonne werfen, wenn sie wollte, tat es aber nur, wenn es zum Ruhm Gottes erforderlich war.
Unzählige Fakten belegen die Existenz dieses Phänomens, das nicht dem Teufel zugeordnet werden kann: Anna Marias Demut, ihr Gehorsam sowie die unzähligen Bekehrungen, die sich aus den Erleuchtungen der Sonne ergaben, beweisen den göttlichen Ursprung dieser Gabe. Persönlich profitierte Anna Maria am meisten davon, da sie ihre geringsten Verfehlungen und Schwächen selbst erkannte; das erfüllte sie mit tiefster Demut. Sie hatte das Bedürfnis, für das Heil der Sünder, deren Verfehlungen sie sah, zu beten und Buße zu tun. In Bezug auf die Geheimnisse des Glaubens „machte sie genaue und theologisch richtige Aussagen, die selbst die gelehrtesten Wissenschaftler verblüfften“, sagte ihr Beichtvater später. Anna Marias Gabe zog einen wahren Besucherstrom an: Arme, Fürsten, Priester, Bischöfe und selbst der Papst kamen, um sie um Rat zu fragen. Schlicht, demütig und bestrebt, persönlich unbeachtet zu bleiben, antwortete sie gutmütig, wobei sie jedes Lob und jedes noch so kleine Geschenk für sich oder für ihre Familie zurückwies. Gleichwohl gab das ständige Kommen und Gehen im Hause Taigi auch Anlass zu überaus abenteuerlichen und böswilligen Vermutungen.
Heftige innere Kämpfe
Der Herr schenkte Anna Maria die Gabe ständigen Gebets, das gleichsam der Atem ihrer Seele wurde. Doch je mehr Gaben sie von Gott erhielt, desto mehr wollte sie Ihm zurückgeben. Ihr Beichtvater musste sie in ihren Bußübungen bremsen. Gleichwohl blieb ihr ganzes Leben von Buße geprägt. Sie aß nur wenig, blieb nachts wach, um zu beten, und gönnte sich so wenig Schlaf wie möglich. Zu den äußeren Kasteiungen fügte Anna Maria die Kasteiung ihrer Gefühle hinzu. Ein Trinitarier meinte, sie habe „einen Pakt mit ihrem Willen geschlossen, sich keine natürliche Genugtuung zu verschaffen“, um allen Platz in sich selbst dem Herrn zu schenken. Trotz ihres lebhaften und sensiblen Temperaments versuchte sie, sich auch Personen gegenüber liebenswürdig zu zeigen, die sie nicht mochte oder die sie verletzt hatten. Ihre inneren Empfindungen dabei brachte sie Gott zur Wiedergutmachung ihrer eigenen Sünden sowie der Sünden der Welt dar.
Ihr Mann, dem nicht die gleichen Gnaden zuteil geworden waren, litt unter der großen Veränderung in ihrem Leben, das immer weltabgewandter und asketischer wurde, fand sich jedoch schließlich damit ab. Anna Maria führte ihr einfaches Leben als Familienmutter weiter und machte ihr Heim zu einem Heiligtum des Friedens und der Freude für ihre sieben Kinder, von denen drei sehr früh verstarben. Sie erzog sie liebevoll, machte sie mit dem Katechismus vertraut, brachte ihnen die Grundlagen des Lesens und Schreibens bei und betete viel für sie. Nach zwei Jahren Schule wurden die Knaben bei Handwerkern in die Lehre gegeben, während die Töchter unter dem Schutz ihrer Mutter zu Hause blieben, die sie stets beschäftigt hielt. Nach dem Abendessen pflegte die Familie gemeinsam den Rosenkranz zu beten; danach wurde eine kurze Lebensbeschreibung des Heiligen des Tages vorgelesen. Sonntags machten alle zusammen Krankenbesuche. Anna Marias Mutterliebe hinderte sie allerdings nicht daran, verdiente Strafen auch konsequent durchzusetzen. Als französische Truppen 1798 in Rom einmarschierten, zogen Anna Marias durch die Wechselfälle des Lebens verbitterten Eltern in das Haus der Familie. Ihre Mutter suchte oft Streit mit ihrem Schwiegersohn, und es kam wiederholt zu wütenden Szenen, wobei die junge Frau nach Kräften versuchte, die Wogen zu glätten. Als nach dem Tod von Anna Marias Mutter ihr Vater an Lepra erkrankte, wurde er von seiner Tochter liebevoll gepflegt, und sie verhalf ihm zu einem christlichen Tod.
Nur eine Beichte pro Woche
Anna Maria besuchte frühmorgens die Messe, es sei denn, ein Familienmitglied war krank. Sie hielt die Sakramente in hohen Ehren und empfahl insbesondere, häufig zu beichten. Am liebsten hätte sie jeden Tag gebeichtet, aber ihr Beichtvater wies sie an, sich mit einer Beichte pro Woche zu begnügen. Er erlaubte ihr jedoch, täglich die Kommunion zu empfangen, was damals nicht üblich war. Sobald Anna Maria vor dem Tabernakel niedergekniet war, wurde sie ganz regungslos und still. Bei der Kommunion glitt die Hostie zuweilen von selbst aus den Fingern des Priesters und legte sich sanft auf ihre Lippen.
Die sieben von unserem Herrn Jesus Christus eingesetzten Sakramente „sind hingeordnet auf die Heiligung der Menschen, den Aufbau des Leibes Christi und schließlich auf die Gott geschuldete Verehrung; als Zeichen haben sie auch die Aufgabe der Unterweisung. Den Glauben setzen sie nicht nur voraus, sondern durch Wort und Wirklichkeit nähren sie ihn auch, stärken ihn und zeigen ihn an (…) Sie sind wirksam, denn in ihnen ist Christus selbst am Werk: er selbst tauft, er selbst handelt in seinen Sakramenten, um die Gnade mitzuteilen, die das Sakrament bezeichnet. Die Kirche sagt, dass die Sakramente des Neuen Bundes für die Gläubigen heilsnotwendig sind (…) Die Frucht des sakramentalen Lebens besteht darin, dass der Geist der Gotteskindschaft den Gläubigen Anteil an der göttlichen Natur schenkt, indem er sie mit der Lebenskraft des einzigen Sohnes, des Erlösers, vereint“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nrn. 1123; 1127; 1129).
Anna Maria verehrte besonders innig die Gottesmutter, die ihr Gnaden verlieh und ihr mitunter erschien. In ihrem Heim wurde vor allem das Kreuz in hohen Ehren gehalten; sie trug stets ein kleines Exemplar am Hals als ständige Erinnerung an die Liebe Gottes und als Mahnung zum Opfer und zur Buße. Die Klarsicht, die sie der leuchtenden Scheibe verdankte, hatte viel Leid für sie zur Folge. Zudem litt sie immer wieder unter seltsamen, unerklärlichen Schmerzen. Der Herr hatte ihr einmal verkündet: „Ich habe dich erwählt, um dich in den Rang der Märtyrer zu erheben. Dein Leben wird zur Stärkung des Glaubens ein langes Martyrium werden. Ich bestimme dich dazu, Seelen zu bekehren und Menschen jeden Ranges und jeden Standes zu trösten. Du wirst gegen falsche und arglistige Seelen zu kämpfen haben, du musst dich darauf gefasst machen, verspottet, beleidigt, verachtet und beschimpft zu werden, und du wirst mir zu Liebe alles ertragen.“ Anna Maria war auch heftigen Angriffen des Teufels ausgesetzt, die sich mitunter in nagenden Zweifeln an bestimmten Dogmen der Kirche äußerten, insbesondere am ewigen Leben und an der Existenz der Hölle. Bei ihren Kämpfen stützte sich Anna Maria auf ihre Demut, auf das Gebet sowie auf die Namen Jesu und Mariae. Der eigenen Schwäche bewusst, bat sie den Herrn, sie fest in seiner Gnade zu halten, aus Angst, sie könnte Ihn verraten. Ihre innige Liebe zu Gott rief in ihr heftigen Abscheu vor der Sünde hervor und lenkte ihr Augenmerk immerfort auf die Mysterien des Lebens Christi sowie der Heiligen Dreifaltigkeit.
Die einzige Zukunft
Anna Maria wusste, dass der Weg in den Himmel der Weg der Treue zu den Geboten Gottes ist. „Im Herzen unserer Religion befindet sich das Geheimnis befreienden Gehorsams, das im vollkommenen Gehorsam Christi in der Menschwerdung und am Kreuz seine Vollendung findet“, mahnte der hl. Johannes Paul II. „Auch wir werden wirklich frei sein, wenn wir wie Jesus den Gehorsam lernen. Die Zehn Gebote sind keineswegs willkürlich auferlegte Pflichten eines tyrannischen Herrn. Sie waren auf Stein geschrieben; aber bereits vorher waren sie als immerwährendes und überall gültiges universales Sittengesetz in das menschliche Herz eingeschrieben. Heute und für immer sind die zehn Worte des Gesetzes die einzig wahre Grundlage für das Leben des einzelnen Menschen, der Gesellschaften und der Nationen. Heute und für immer sind sie allein die Zukunft der menschlichen Familie. Sie bewahren den Menschen vor der zerstörenden Macht des Egoismus, Hasses und der Verlogenheit. Sie zeigen ihm alle falschen Götter, die ihn zum Sklaven machen: Gott ausschließende Eigenliebe, Machtgier und Vergnügungssucht, die die Rechtsordnung umstürzen und unsere menschliche Würde und die unseres Nächsten erniedrigen. Wenn wir uns von diesen falschen Idolen abwenden und jenem Gott folgen, der sein Volk befreit und es nie verlässt, dann werden wir wie Mose nach vierzig Tagen auf den Berg steigen, strahlen in Herrlichkeit und vom Licht Gottes erfüllt sein“ (Rede auf dem Berg Sinai, 26. Februar 2000).
Obwohl Anna Maria Ruhe und Licht um sich verbreitete, musste sie zwanzig Jahre lang der Versuchung einer seelischen Finsternis widerstehen. „Der himmlische Trost verschwand wie ein Blitz und ließ Dürre, Mühsal und Arbeit zurück“, sagte ein Zeuge später. „Gott nahm ihr die gewährten übernatürlichen Erleuchtungen zwar nicht wieder weg, doch diese verschafften ihr keine Erleichterung von der schrecklichen inneren Verzweiflung, die auf ihr lastete.“
Die Versuchung ist für den Christen Teil des Lebens, sie ist aber keine Sünde. Eine Sünde begeht man, indem man einem schlechten Gedanken aus freiem Willen nachgibt. Bei der Abwehr von Versuchungen sind Akte der Liebe zu Jesus Christus und die Zuflucht zur Jungfrau Maria – insbesondere durch kurze Stoßgebete (z.B. „Jesus, ich vertraue auf Dich!“) – überaus hilfreich.
Anna Maria Taigis Nächstenliebe umfasste auch die Seelen im Fegefeuer: „Gedenkt mit großer Ehrfurcht der Seelen im Fegefeuer“, pflegte sie zu sagen. „Vor allem der Seelen der Priester! Lasst Messen für sie lesen, sooft ihr könnt. Gewöhnt euch an, jeden Tag für sie zu beten; das wird euch vor vielen Unglücksfällen bewahren, auch eure ganze Familie.“ Mehrere dieser Seelen kamen nach ihrer Befreiung zu ihr, um sich zu bedanken. Anna Maria wurde das Los vieler Verstorbener offenbart. So bekam sie zu sehen, wie ein hochgeachteter Geistlicher im Fegefeuer grausam gefoltert wurde, weil er früher statt Gottes Ehre vor allem sein eigenes Ansehen mehren wollte. Ein andermal sah sie, wie die Seele des Kapuziners Felix de Montefiascone direkt in den Himmel auffuhr.
Die Auswirkungen der Französischen Revolution machten sich bis nach Rom bemerkbar und beeinflussten zu Anna Marias Leidwesen auch den Klerus. Sie wusste um die Ränke zahlreicher Geheimgesellschaften gegen die Kirche und konnte mehrere Intrigen durch ihre Gebete vereiteln. Sie erlebte die Verschleppung von Papst Pius VI. durch das Direktorium mit, ebenso seine lange Agonie und seinen Erschöpfungstod 1799 in Valence (Frankreich). Sie sagte die Wahl und den triumphalen Wiedereinzug von Pius VII. in Rom voraus. 1823 wurde Leo XII., der Nachfolger Pius’ VII., von einer schweren Krankheit heimgesucht. Sein Berater, der Passionistenmönch Vincenzo Strambi, bot sein Leben für die Genesung des Heiligen Vaters dar. Anna Maria konnte ihm mitteilen, dass sein Opfer angenommen wurde und er anstelle des Papstes sterben werde, was dann auch eintraf. Ebenso sagte sie die Wahl Gregors XVI. (1831) sowie die Wahl Pius’ IX. (1846) voraus. Anna Maria verfolgte den Lebenslauf Napoleons bis zu seinem Tod 1821. Sie betete und bot sich als Opfer dar, „damit die Waffen der Gottlosen zerbrochen werden und ihre Macht vernichtet wird“..
Respektvoll, demütig, aufrichtig und einfach
„Wer Gott dient, muss respektvoll und demütig, aber gleichzeitig auch aufrichtig und einfach sein“, versicherte Anna Maria. Sie selbst war stets aufrichtig. So erfuhren Kranke durch sie von ihrem bevorstehenden Tod und konnten im Glauben sterben. Sie bewirkte auch einige Bekehrungen im letzten Augenblick. Sie konnte hervorragend moralische Qualen lindern und half den Bedürftigen; wenn ihre eigenen Mittel bzw. die ihrer Verwandten dazu nicht ausreichten, ging sie für die Notleidenden sogar betteln. Selbst als mit zunehmendem Alter ihre Finger zu schmerzen begannen, nähte sie weiter, um ihre Familie mit anständiger Kleidung zu versorgen und den Unterhalt des Haushalts zu sichern. Ende Oktober 1836 wurde sie schwer krank. In einem letzten Gespräch mit ihrem Mann und ihren Kindern legte sie der Familie das tägliche gemeinsame Rosenkranzgebet ans Herz. Nach einer langen, schmerzhaften, aber friedlichen Agonie gab sie im Alter von 68 Jahren am 9. Juni 1837 glückselig und befreit ihre Seele in die Hand Gottes zurück. Beim Seligsprechungsprozess für seine Gattin legte der damals 92-jährige Domenico ein leidenschaftliches Zeugnis ab; auch seine beiden Töchter wurden gehört. Papst Benedikt XV. sprach Anna Maria Taigi am 30. Mai 1920 selig.
Am Ende ihres Lebens sprach Anna Maria Taigi angesichts der Zweifel der Voltairianer an der Religion folgende unglaubliche Worte: „Ich glaube nicht nur an den Gott der christlichen Offenbarung, ich habe ihn sogar gesehen! Ich habe ihn ein halbes Jahrhundert lang jeden Tag gesehen!“ Mögen wir, ermutigt durch diese starken Worte, in unerschütterlichem Glauben an den dreifaltigen Gott leben und unser Verhalten an den Lehren des Evangeliums Jesu Christi ausrichten!












