22. Januar 2025
Seliger Heinrich Suso
Liebe, verehrte Freunde,
In der Vita des seligen Heinrich Seuse steht, dass seine Mutter keiner Messe beiwohnen konnte, ohne Tränen des Mitleids über die Leiden Jesu und Mariens während der Passion zu vergießen. Nach seinem Eintritt in den Dominikanerorden entwickelte ihr Sohn Heinrich ebenfalls eine intensive Verehrung Jesu in seiner Passion und war bestrebt, ihm auf einem langen Kreuzweg zu folgen.
Heinrich Seuse von Berg wurde um 1295 in einem Armenviertel der Stadt Überlingen am Ufer des Bodensees geboren; sein Vater war Tuchhändler, seine Mutter stammte aus einem schwäbischen Adelsgeschlecht. Der weltlich gesinnte Vater kämpfte mitunter ziemlich heftig gegen die Lebensweise seiner sanften, frommen Frau an, die ganz vom Geist Gottes erfüllt war. Ihr fester Glaube half ihr jedoch, diese Prüfungen zu überstehen. Heinrich hatte eine Schwester, die später Dominikanerin wurde. Beide erhielten eine solide religiöse Erziehung und entwickelten eine große Liebe zur Natur, dem Schöpfungswerk göttlicher Liebe. Die Mutter starb an einem Karfreitag zur Todesstunde Jesu. Sie soll Heinrich nach dem Tode seines Vaters im Traum erschienen sein und ihn gebeten haben, Fürsprache für den Vater einzulegen, da dieser wegen seines weltlich geprägten Lebens zu einem langen Purgatorium verurteilt worden sei. Heinrich wurde später offenbart, dass seine Gebete erhört worden seien.
Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: „Wer in der Gnade und Freundschaft Gottes stirbt, aber noch nicht vollkommen geläutert ist, ist zwar seines ewigen Heiles sicher, macht aber nach dem Tod eine Läuterung durch, um die Heiligkeit zu erlangen, die notwendig ist, in die Freude des Himmels eingehen zu können. Diese Lehre stützt sich auch auf die Praxis, für die Verstorbenen zu beten, von der schon die Heilige Schrift spricht: Darum veranstaltete (Judas der Makkabäer) das Sühnopfer für die Verstorbenen, damit sie von der Sünde befreit werden (2 Makk 12,45). Schon seit frühester Zeit hat die Kirche das Andenken an die Verstorbenen in Ehren gehalten und für sie Fürbitten und insbesondere das eucharistische Opfer dargebracht, damit sie geläutert werden und zur beseligenden Gottesschau gelangen können. Die Kirche empfiehlt auch Almosen, Ablässe und Bußwerke zugunsten der Verstorbenen: ‚Bringen wir ihnen Hilfe und halten wir ein Gedächtnis an sie. Wenn doch die Söhne Ijobs durch das von ihrem Vater dargebrachte Opfer geläutert wurden (Vgl. Ijob 1,5), wie sollten wir dann daran zweifeln, dass unsere Opfergaben für die Toten ihnen Trost bringen? Zögern wir nicht, den Verstorbenen Hilfe zu bringen und unsere Gebete für sie aufzuopfern‘ (hl. Johannes Chrysostomus)“ (Nrn. 1030; 1032).
Heinrich trat um 1310 im Alter von 13 Jahren in das Konstanzer Dominikanerkloster ein; traditionsgemäß nahm er aus Verehrung für seine Mutter den Ordensnamen Seuse in seiner latinisierten Form Suso an. Seine Oberen nahmen ihn deshalb ausnahmsweise in einem so jungen Alter auf, weil sie bei ihm eine klare göttliche Berufung erkannten. Der Predigerorden erlebte damals eine Blütezeit und breitete sich überall im christlichen Europa aus; doch die Disziplin war nicht mehr so streng wie zu Anfang; auch das Konstanzer Kloster hatte einen Verfall der Disziplin zu beklagen. Bis zum Alter von 18 Jahren war das Ordensleben Heinrichs nicht sonderlich inbrünstig, wie er selbst später zugab. Er wollte sich zwar dem Ordensgehorsam fügen und legte seine Gelübde daher in aller Aufrichtigkeit ab, empfand dabei jedoch kein großes Verlangen nach persönlicher Askese. Er widmete sich fleißig dem Studium: des Lateinischen, das er bald perfekt beherrschte, der Logik und Rhetorik, danach der Konstitutionen der Dominikaner sowie der Philosophie und Theologie gemäß der Lehre des hl. Thomas von Aquin.
In diesen Jahren strebte er danach, die göttliche Weisheit zu lobpreisen, die als Verbündete der Erwählung galt.. Sein Herz verliebte sich in die Ewige Weisheit, blieb jedoch auch zeitlichen Freuden zugewandt; so fand in seiner Seele ein innerer Kampf statt. Er wünschte sehnlichst, die Weisheit zu sehen. Im Alter von 18 Jahren erschien ihm diese, „fern zwar, aber ganz nah an seinem Herzen“. Sie zeigte sich ihm erhaben und demütig zugleich, bald in Gestalt einer reinen, reizenden Jungfrau, bald in Gestalt eines Jünglings von erlesener Schönheit. „Mein Kind“, sprach sie zu ihm, „gib mir dein Herz.“ Begeistert angesichts dieser Schönheit, strahlte Heinrich vor göttlicher Glückseligkeit. Doch bald danach kehrten die Versuchungen zurück und überwältigten ihn; er liebte die gegenwärtigen Dinge wieder mehr als die zukünftigen.
Die barmherzige Weisheit
Nach einer erneuten Vision am Festtag der hl. Agnes erkannte Seuse, dass die Weisheit genauer das Attribut des Sohnes innerhalb der Dreifaltigkeit ist.
Der hl. Ludwig-Maria Grignion de Montfort (1673-1716) erklärte später ebenfalls: „Die substantielle und unerschaffene Weisheit ist der Sohn Gottes, die zweite Person der Heiligsten Dreifaltigkeit, oder mit anderen Worten: die Ewige Weisheit in der Ewigkeit, oder Jesus Christus in der Zeit“ (Die Liebe zur ewigen Weisheit, Nrn. 13; 19).
Die Weisheit sagte zu Bruder Heinrich: „Ich bin es doch, die gute, barmherzige Weisheit, die da den Abgrund ihrer grundlosen Barmherzigkeit, deren Tiefe allen Heiligen Geheimnis bleibt, aufgeschlossen hat, um dich und alle reuigen Seelen an ihr Herz zu nehmen. – Ich bin es, der Gute, der da arm und elend wurde, um dich wieder zu Ehren zu bringen. Ich bin es, der den bitteren Tod erlitten, um dich wieder lebendig zu machen. Ich bin es, dein Bruder, sieh, ich bin es, dein Gemahl. Ich habe alles, was du wider mich getan, völlig vergessen, als wäre nichts geschehen, du musst dich nur völlig zu mir kehren und dich nicht mehr von mir abwenden“ (Büchlein der Ewigen Weisheit, Kap..5).
Bruder Heinrich erkannte die Gefahr, die jedem Kontakt zur Welt innewohnte, und ging zum Besuchszimmer nur noch auf, wenn es absolut notwendig war. Seine Lehrmeister wurden die Wüstenväter. In den Schriften des hl. Johannes Cassianus las er: „Der am Kreuz sterbende Christus muss unser Vorbild sein..“ Er wollte sich durch Kontemplation möglichst weit mit der Passion des Herrn vereinen und folgte daher dem Rat der Weisheit: „Was die anderen Übungen betrifft, wie Armsein, Fasten, Wachen und alle anderen Kasteiungen, diese richte aus auf das Letztere (die Kontemplation) als ihr Ziel.“ Er begann tapfer, harte Bußübungen zu verrichten; so ritzte er sich die Buchstaben IHS, die für Jesus stehen, ins Fleisch (ein nicht zu befolgendes Beispiel!).
Nach Abschluss seines Fachstudiums wurde Seuse 1320 zum Studium generale des Ordens nach Köln entsandt, um seine Kenntnis der Bibel und der scholastischen Theologie zu vertiefen.. Mit großer Wissbegier folgte er der Lehre berühmter Professoren, insbesondere den Bibelkommentaren Meister Eckharts. Dieser half ihm durch persönliche Ratschläge, einen schweren Skrupel zu überwinden, der seine Berufung hätte gefährden können. Bruder Heinrich war ihm zutiefst dankbar dafür. Doch Eckhart wurde von mehreren Seiten kritisiert und stand ab 1325 im Verdacht, ketzerische Lehren zu verbreiten. Er beteuerte zwar seine Rechtgläubigkeit und widerrief 1327 öffentlich alle Irrtümer, die ihm möglicherweise in seinen Predigten und seinen Schriften unterlaufen waren. Dennoch erklärte Papst Johannes XXII. 1329 in seiner Bulle In agro dominico die 28 Thesen des mittlerweile verstorbenen Meister Eckhart für verdächtig.
1992 erklärte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, dass die vom Generalkapitel der Dominikaner beim Heiligen Stuhl beantragte Rehabilitation Eckharts nicht erfolgen könne, da dieser niemals persönlich verurteilt worden sei.
Seuse verfasste ein Stundenbuch der Ewigen Weisheit, in dem er die Thesen seines Lehrers wiederholte und dabei jede Unklarheit beseitigte.
Verachtung tapfer ertragen
Von spiritueller Inbrunst erfüllt, litt Bruder Heinrich sehr unter dem Leichtsinn der Studenten und Lehrer, die im Leben nicht nach Heiligkeit, sondern nach Anmaßung und Prahlerei suchten. Er kehrte um 1327 nach Konstanz zurück und führte ein zurückgezogenes Leben, wobei er allerdings das Lektorenamt übernahm. Er war nun als Lehrer tätig und leitete das Studium aller Mitbrüder – eine besonders wichtige Mission bei den Dominikanern. Seine Lehre kam jedoch nicht immer gut an, da er als Schüler Meister Eckharts galt. Von zwei Würdenträgern des Ordens zum Häretiker erklärt, wurde er 1330 vor ein in den Niederlanden stattfindendes Generalkapitel zitiert. Er trat dort zitternd vor Angst auf und wurde mit schweren Vorwürfen, begleitet von Strafandrohungen, konfrontiert. Bei seiner Rückkehr nach Konstanz wurde ihm das Lektorenamt entzogen.. Als er eines Tages einen Hund mit einem Stofffetzen spielen sah, betrachtete er das als Zeichen der Vorsehung, die ihn ermahnte, nicht mehr äußere, sondern vielmehr innere Bußübungen zu verrichten und somit nicht länger zum Spielzeug seiner Mitbrüder zu werden. Daraufhin warf er seine Bußwerkzeuge in den Rhein. Vor dem Kruzifix kniend bat er den Herrn: „Lehre deinen Knecht, verächtliche Äußerungen und Spott aus Liebe zu dir tapfer zu ertragen.“ Zur wahren Heiligkeit gelange man nämlich dadurch, dass man die Heimsuchungen akzeptiere, die die Vorsehung zulässt. Heinrich diente damals in der Tat oft als Zielscheibe von Verleumdungen und Schmähungen und sah sich von mehreren seiner Freunde im Stich gelassen.
„Buße besteht nicht darin, angestrengt nach Opfern bzw. außerordentlichen Wegen zu suchen“, sagte später Edith Royer, eine Mystikerin vom Anfang des 20. Jh., „sondern darin, zu allen Gelegenheiten, sich zu demütigen, die uns das Leben pausenlos präsentiert, ‚Amen‘ zu sagen. Sie bedeutet, das Kreuz zu akzeptieren, das Gott uns immer wieder auf die Schultern legt.“ Im gleichen Sinne schrieb Schwester Lucia, die Seherin von Fatima, an den Bischof von Leiria: „Gott ist betrübt darüber, eine so geringe Zahl von Seelen im Zustand der Gnade zu sehen, und die bereit sind, auf alles zu verzichten, worum Er sie bittet, um seinem Gesetz zu gehorchen. Denn das ist genau die Buße, die der liebe Gott jetzt verlangt, das ist die Buße, die sich jeder auferlegen muss. Gott will als Kasteiung die einfache und ehrliche Erfüllung der alltäglichen Pflichten und die Hinnahme von Leid und Ärgernissen. Und er wünscht, dass die Seelen klar auf diesen Weg verwiesen werden, zumal sich viele vorstellen, ‚Buße‘ bedeute große Entsagungen, und da sie weder die Kraft noch die Großherzigkeit besitzen, um diese zu üben, verlieren sie den Mut“ (20. April 1943).
Die „Freunde Gottes“
Herzog Ludwig IV. von Bayern (1286-1347) ließ sich 1328 ohne Einverständnis von Papst Johannes XXII. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches krönen und wurde vom Papst exkommuniziert, was schwere gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zog. Die Christenheit spaltete sich in Anhänger des Papstes und Anhänger des Kaisers auf. Seuse litt sehr unter dieser Spaltung, wobei die Gesellschaft zusätzlich auch von anderen Plagen heimgesucht wurde: 1338 fiel die Ernte einer Heuschreckenplage zum Opfer; drei Jahre danach kam es zu enormen Überschwemmungsschäden. 1348 verbreitete die schwarze Pest Angst und Schrecken im ganzen Abendland und raffte mindestens ein Drittel der Bevölkerung dahin; zudem starben etwa 5000 Menschen durch schwere Erdbeben. Angesichts dieser Heimsuchungen intensivierten die Christen ihr spirituelles Leben. Sie hatten das dringende Bedürfnis, Christus, den leidenden Gott, der von vielen im Stich gelassen wurde, durch ihre Liebe zu trösten. Im Süden Deutschlands entstand ein dichtes Netz der Frömmigkeit, dessen Mitglieder sich „Freunde Gottes“ nannten; ihr Ziel war es, den Heiland zu lieben, sich durch das Gebet und die Sakramente mit seinen heiligen Mysterien zu vereinen, ihm in seinem Leben nachzustreben und dadurch zu einer vollkommenen Einheit mit ihm zu gelangen.
Der damals etwa 40 Jahre alte Pater Heinrich, der nun von seinem Lektorenamt entbunden war, wurde mit der seelsorgerischen Betreuung der Schwestern seines Ordens, später auch anderer Konvente (z.B. der Benediktinerinnen) betraut. Die Nonnen schätzten seine Seelenführung und verehrten ihn geradezu. Die Dominikanerin Elisabeth Stagel wurde gleichsam seine geistliche Tochter. Neben dieser Arbeit schrieb er auch zahlreiche Briefe, die seine heiligen Freundschaften bezeugen.
Seuse wanderte zu Fuß durch die Schweiz, das Elsass und das Rheintal. Nie ging er an einer Kirche vorbei, ohne den göttlichen Vater zu grüßen. Seine Dichterseele erfreute sich an der Bewunderung der Landschaft und an den Gesprächen mit der Weisheit.. „Liebenswerter Herr, bin ich auch nicht würdig, dich zu loben, so begehrt doch meine Seele, der Himmel möge dich loben, wenn er in seiner Schönheit und Wonne mit der Sonne Glanz und der Unzahl lichter Gestirne aufleuchtet in seiner hohen Klarheit, und auch die herrliche Heide, wenn sie in der Wonne des Sommers, in vielfältiger Blumenpracht aufglänzt nach ihrem natürlichen Adel in Lust und Schönheit. Es gibt in der Zeit kein treffenderes Vorspiel der himmlischen Wohnung als jene, die Gott in wohlgemuter Freude loben“ (Büchlein der Ewigen Weisheit, Kap. 24). In seiner Autobiographie steht: „Die Arme meiner Seele breiten sich aus, beladen mit der unübersehbaren Vielzahl von Geschöpfen, und das ist, um sie alle anzuregen, freudig dem Schöpfer ihren Dank zu singen.“ Denn, wie der hl. Ignatius bereits erklärte: „Die andern Dinge auf Erden sind zum Menschen hin geschaffen, und um ihm bei der Verfolgung seines Zieles zu helfen, zu dem hin er geschaffen ist“, nämlich: „Gott zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen“ (Geistliche Übungen, Nr. 23).
Das Brot brechen
Seuse hat zuweilen in Armenvierteln und auf dem Lande nach verlorenen Schafen gesucht. Er wollte „für kleine Leute das Brot brechen und es an die Menge verteilen“. Seine Spiritualität war nicht nur von der Bibel inspiriert, sondern auch von den heiligen Kirchenvätern, insbesondere dem hl. Augustinus. Für ihn war klar, dass die Auslegung der Schrift mit der in der Kirche überlieferten Meinung übereinstimmen müsse.
„Es zeigt sich also, dass die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche gemäß dem überaus weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, dass das eine nicht ohne die anderen besteht und alle zusammen, jedes auf seine Weise, durch das Tätigsein des einen Heiligen Geistes wirksam zum Heil der Seelen beitragen“ (II. Vatikanum, Dei Verbum, Nr. 10, §3; vgl. Katechismus, Nr. 95).
Gegen 1348 schrieb Seuse das Büchlein der Ewigen Vernunft, das einzige Werk, dessen Authentizität über jeden Zweifel erhaben ist. In den Jahren 1330, vielleicht auch 1339, hatte er bereits ein Buch mit einem ähnlichen Gegenstand veröffentlicht, Das Stundenbuch der Weisheit, doch dessen Stil und Ton waren anders. Das Büchlein der Ewigen Vernunft schrieb er, um Gottesliebe in den Herzen zu wecken und weiter zu entwickeln. Die Weisheit spricht darin zu ihm: „Willst du mich darum schauen in meiner ungewordenen Gottheit, so sollst du mich hier kennen und lieben lernen in meiner leidenden Menschheit. Das ist der schnellste Weg zur ewigen Seligkeit.“ Seuse fordert den Leser auf, mit ihm zusammen die Passion Christi zu betrachten. Die Weisheit sagt dazu: „Schau, die hingebende Betrachtung meines liebevollen Leidens macht aus einem einfältigen Menschen einen hohen, erfahrenen Meister. Was kann der gewinnen: Weisheit und Gnade, Trost und Süße, Ablegen aller Fehler und meine stete Gegenwart!“ (Kap. 14). Seuse thematisiert auch die Muttergottes und ihre schmerzerfüllte Präsenz unter dem Kreuz.
Der Dialog mit der Weisheit umfasst auch Visionen vom immerwährenden Leid der Hölle und von der unermesslichen Freude des Himmelreiches. Seuse möchte „die Menschen aus dem tiefen Schlamm ihres sündigen Lebens ziehen, um sie zu wahrer Schönheit zu führen“.
Er zeigt klar die zwei Wege auf, über die der Katechismus sagt: „Der Weg Christi führt zum Leben, ein gegenläufiger Weg jedoch führt ins Verderben (Mt 7, 13). Das Gleichnis des Evangeliums von den zwei Wegen hat in der Katechese der Kirche einen festen Platz.. Es zeigt, wie wichtig sittliche Entscheidungen für unser Heil sind“ (Katechismus, Nr. 1696). Das II. Vatikanische Konzil erinnert ebenfalls an die wichtigste Frage unseres irdischen Lebens: „Da wir aber weder Tag noch Stunde wissen, so müssen wir nach der Mahnung des Herrn standhaft wachen, damit wir am Ende unseres einmaligen Erdenlebens mit ihm zur Hochzeit einzutreten und den Gesegneten zugezählt zu werden verdienen und nicht wie böse und faule Knechte ins ewige Feuer weichen müssen, in die Finsternis draußen, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird“ (Lumen Gentium, Nr. 48).
Der Katechismus lehrt: „Die in der Gnade und Freundschaft Gottes sterben und völlig geläutert sind, leben für immer mit Christus. Sie sind für immer Gott ähnlich, denn sie sehen ihn, wie er ist, von Angesicht zu Angesicht“ (Katechismus, Nr. 1023).
Seuse beschreibt den Himmel so: „Siehe, du lebst daheim im Vaterland unter lauter Freuden, selbst der Unbekannteste der unzählbaren Schar liebt dich in Treue von Herzen, mehr noch als Vater und Mutter ihr einziges herzliebes Kind je liebten! Schau selber hin auf die Herrlichkeit der himmlischen Heide: die ganze Sommerwonne, des Maien lichte Aue, das Tal der guten Freude! Man sieht den Blick von Lieb zu Lieb gehen, Harfen, Geigen, Singen, Springen, Tanzen, der Freuden ganzer Reigen ist im Schwung. Hier Lieb ohne Leid in ewig währender Sicherheit!“ Und er zieht den Schluss: „Lass mich, o Herr, ich bitte, den zweifachen Anblick (von Hölle und Himmel) nicht mehr aus den Augen verlieren, auf dass ich deiner Freundschaft nie mehr verlustig gehe!“ (Kap. 12).
Das Büchlein der Ewigen Weisheit hat einen zweiten Teil, in dem Seuse die Kunst des guten Sterbens lehrt. Der Mensch habe den Tod nicht zu fürchten, wenn er gut darauf vorbereitet sei: „Versetze dich recht in den Hinübergang, denn, wahrlich, du sitzt wie ein Vogel auf dem Zweig, wie ein Mensch am Rande des Wassers; er steht und sieht das Schiff geschwind daherziehen, darin er sitzen und in das fremde Land abfahren soll, aus dem er nicht wiederkehrt“ (Kap. 21). Es folgen zwei Meditationen über das Sakrament der Eucharistie und über den Gotteslob.
Seuses Werke hatten zum Ende des Mittelalters großen Erfolg. Zu seinen berühmten Lesern gehörten Thomas von Kempen, der mutmaßliche Verfasser der Nachfolge Jesu Christi, sowie der hl. John Fischer, ein englischer Bischof und Märtyrer.
„Hilf mir beten!“
Da sich die Dominikaner weigerten, den Befehlen Ludwigs von Bayern zu gehorchen, mussten sie nach Dissenhoven ins Schweizer Exil gehen. Seuse wurde zum Prior des Konvents ernannt und musste viele harte Prüfungen bestehen. Seine letzten Lebensjahre verliefen jedoch ruhig.. Am 25. Januar 1366 lag Heinrich Seuse im Sterben. Auf seinem Totenbett bat er Christus: „Ich bitte Dich, reinige mich in Deiner Milde mit Deinem kostbaren Blut!“ Dann appelierte er an seine Lieblingsheiligen, den hl. Dominikus, den hl. Thomas von Aquin und den hl. Nikolaus: „Erhebt Eure Hände, helft mir, zum Himmel zu beten!“ Nachdem die um sein Lager knienden Brüder das Salve Regina angestimmt hatten und er sie der Obhut der Muttergottes empfohlen hatte, gab er seine Seele in die Hand Gottes zurück. Er wurde 1831 von Papst Gregor XVI. seliggesprochen. Sein Fest wird am 25. Januar gefeiert.
Bitten wir den seligen Heinrich Seuse, er möge uns zum Erkennen sowie zur Liebe der Ewigen Weisheit, Jesu Christi, des einen Gottessohnes, verhelfen und uns stärken, damit wir Ihn bezeugen.











