1. Mârz 2002
Jacques Fesch
Liebe, verehrte Freunde,
KARFREITAG. Grausam ans Kreuz genagelt, erduldet Jesus den Hohn der beiden Verbrecher, an denen die gleiche Strafe vollstreckt wird. Einer von ihnen lästert ihn: Bist du nicht der Messias? Hilf dir selbst und uns! Als der andere Verbrecher die Geduld des seltsamen Gefangenen sieht, wird er von der Gnade berührt und ergreift die Verteidigung Jesu: Dieser hat nichts Unrechtes getan. Dann wendet er sich an den Erlöser: Jesus, gedenke meiner, wenn du kommst in deinem Königreich. – Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein, antwortet ihm Jesus (vgl. Lk 23). Durch diese Worte vollzieht der Herr die erste „Heiligsprechung“ der Geschichte. Man darf demnach „nie an Gottes Barmherzigkeit verzweifeln“ (vgl. Regel des heiligen Benedikt, Kap. 4): Wie die Bekehrung des guten Verbrechers, illustriert auch das Leben von Jacques Fesch diesen schönen Spruch.
Man sagt, die Erziehung eines Kindes beginne zwanzig Jahre vor seiner Geburt durch die Erziehung seiner Mutter; und seines Vaters, müsste man hinzufügen. Der Vater von Jacques, Georges Fesch, wurde 1885 in Lüttich geboren; seine Eltern waren bereits über vierzig Jahre alt. Er ließ sich in den zwanziger Jahren als Bankdirektor in Frankreich nieder. Er war ungläubig und stolz darauf, dass er es war und das auch zeigte; so prahlte er damit, „Freidenker“ zu sein. Hinter seinem Zynismus verbargen sich Bitterkeit, Enttäuschungen und Desillusionierung.
Jacques kam als viertes, „unerwünschtes“ Kind der Familie am 6. April 1930 in Saint-Germain-en-Laye bei Paris auf die Welt und wurde am 6. Juli danach getauft. Frau Fesch teilte die Ansichten ihres Mannes. Obwohl sie keine Kirchgängerin war, war sie eine gute Mutter für die Kleinsten, die sie zärtlich liebte und pflegte. Sobald diese jedoch ein Alter von 13-14 Jahren erreichten und heranwuchsen, wurden sie von ihr vernachlässigt. Die Beziehungen Jacques‘ zu seiner Mutter kühlten damals ab und wurden reserviert.
Jacques wuchs heran, ohne an irgendetwas Gefallen zu finden. Er besuchte verschiedene schulische Einrichtungen, von denen er wegen seiner Faulheit und seiner Disziplinlosigkeit verwiesen wurde. Er war träge, apathisch, unbeständig und lasterhaft. Er besaß stets viel Geld und entwickelte sich gemäß der Lebensregeln seines Vaters: Amoralität und Verachtung seiner Mitmenschen. Dennoch ging er zur Erstkommunion, wie es damals üblich war. Mit seiner weißen Armbinde besaß er einen noch ungetrübten Blick. Doch bald war all das vergessen; als junger Mann verbrachte er einen Teil seiner Nächte an übelbeleumdeten Orten. Sein Vater kümmerte sich nicht darum.
In den Jahren 1947-1948 lernte Jacques Pierrette Polack kennen, deren Vater einen wichtigen Posten in der Leitung der Elsässischen Kohlenbergwerke innehatte. Sie war christlicher Herkunft, also getauft und hatte die Erstkommunion empfangen. Sie scheint die Initiative ergriffen zu haben, um in Jacques‘ Leben zu treten, der damals mehr schlecht als recht in der Bank seines eigenen Vaters arbeitete.
Jacques‘ Eltern verstanden sich nicht gut. 1950 zerfiel die Familie. Wenn dem Herzen von Ehegatten keine Liebe zu Gott innewohnt, ist deren Ehe recht zerbrechlich: Die Erfahrung von Jacques‘ Familie zeigt das in tragischer Weise.
Eine „Ehe“ ohne Liebe
1950 fuhr Jacques nach Deutschland, um seinen Militärdienst abzuleisten. Pierrette, die wusste, dass sie von ihm schwanger war, fand eine Arbeit im Betrieb ihres Vaters, Herrn Polack, in Straßburg. Nach langem Zögern gestand sie schließlich Jacques, dass das Kind, das sie erwartete, von ihm war. Dieser wartete seine Volljährigkeit ab und heiratete Pierrette „bürgerlich“ am 5. Juni 1951, einen Monat vor der Geburt des Babys, einer kleinen Véronique. Er gestand später: „Ich habe in erster Linie geheiratet, weil meine Frau schwanger war… Meine Frau liebe ich nicht; ich verstand mich zwar gut mit ihr, aber eher freundschaftlich…“ Vom Militärdienst befreit, fand er eine Anstellung im Betrieb von Herrn Polack. Doch nachdem er eine Unterschlagung begangen hatte, trennte er sich von seinem Schwiegervater und brach mit Pierrette; diese sagte später: „Er war sehr unglücklich, als wir uns trennten. Ich bin sicher, er litt sehr. Er weinte wie ein Kind. Wir haben nie aufgehört, uns zu sehen.“ Wenn Jacques kam, um seine Tochter Véronique bei seinem Schwiegervater zu besuchen, wurde er nie hineingebeten: Er blieb an der Türschwelle stehen, um sie zu liebkosen…
Um ihrem Sohn zu helfen, stellte Frau Fesch ihm eine erhebliche Summe für den Start eines Kohletransportunternehmens zur Verfügung (1953), doch Jacques vergeudete die Hälfte dieses Betrags für den Kauf eines Sportwagens. Über diese Zeit schrieb er im Nachhinein: „Ich fand mich allein in Saint-Germain-en-Laye wieder und war durch diese Erfahrung (die Trennung von Pierrette), die bei mir einen Geschmack von Gewissensbissen hinterlassen hatte, noch unausgeglichener. Ich versuchte zu arbeiten… einen Monat lang. Beim ersten Misserfolg warf ich alles hin…“ Einer seiner Freunde, Jacques Robbe, malte ihm ein auf den ersten Blick begeisterndes Abenteuer in den schönsten Farben aus: „Was ist fabelhafter, abenteuerlicher und verführerischer als ein Freund, der einem die Ohren von den Wundern eines freien Lebens als einsamer Seefahrer vollsäuselt?“ Jacques Robbe war nicht böse, aber schädlich; durch Filme und Bücher nährte er den verrückten Traum, ein Segelboot zu kaufen, um „in die Ferne zu fliehen“, doch im letzten Moment ließ er seinen Gefährten im Stich… Das Segelboot kostete zwei Millionen Franc, und Jacques Fesch besaß kein Geld; sein Vater lehnte es ab, ein solches Projekt zu finanzieren.
Ein Abenteuer, das teuer zu stehen kam
Plötzlich nahm im Geiste Jacques‘ eine verrückte Idee Gestalt an: Er wollte sich den Betrag durch Diebstahl besorgen! Er billigte das Stehlen, denn diese Handlung „ergab sich natürlich aus seiner Sichtweise“. Die Komplizen, an die er sich gewandt hatte, Robbe und Blot, beschlossen, Herrn Silberstein, einen Geldwechsler, zu überfallen. Sie hatten nicht die Absicht, ihn zu töten. Jacques unternahm jedoch eine lange Reise, um die Pistole seines Vaters in seinen Besitz zu bringen.
Am 25. Februar 1954 bestellte Jacques morgens bei Herrn Silberstein die Summe von 2 220 000 Franc in Goldbarren, die er am selben Abend in Empfang nehmen wollte. Gegen 18 Uhr parkte er sein Auto in der Nähe von dessen Büro und ergriff die nicht entsicherte Pistole. In diesem Moment ließen ihn Robbe und Blot im Stich. Der erste wandte sich an einen Polizisten: „Kommen Sie, mein bester Freund will gerade eine Dummheit begehen.“ Unterdessen hatte Fesch Silberstein mit dem Pistolenknauf auf den Kopf geschlagen, ohne dass dieser das Bewusstsein verloren hätte. Der Bankier rief um Hilfe. Jacques legte den Entsicherungshebel seiner Pistole um und schlug Silberstein ein zweites Mal mit dem Knauf, wobei er sich selbst ungeschickterweise eine Kugel in den Finger schoss. Er raffte das Geld zusammen, das er im Safe fand, und rannte, so schnell er konnte, weg, verfolgt von einigen Passanten. Er stürmte in einen Torweg und verbarg sich kurz oben auf einer Dienstbotentreppe, dann stieg er wieder hinunter. Er wurde sofort wiedererkannt. Ein Polizist rief ihm zu: „Hände hoch, oder ich schieße!“ Jacques war jedoch schneller und schoss durch den Stoff seines Regenmantels hindurch: Die Kugel traf den Polizisten mitten ins Herz und tötete ihn. Jacques floh weiter und wurde schließlich von einem pensionierten Polizeibeamten festgenommen, der ihm eine schwere Tür ins Gesicht stieß und ihn verletzte: Jacques brach zusammen.
Pierrette, die völlig ahnungslos war, wartete in einem Café in der Nähe des Geldwechslerbüros auf ihn. Aber zu dem Rendezvous erschien nicht Jacques, sondern die Polizei. Bald erkannte man, dass sie unschuldig war, und ließ sie nach einer Gegenüberstellung mit Jacques, dessen Kopf von dem erhaltenen Schlag noch ganz blutüberströmt war, frei. Er wurde am 27. Februar als Mörder in das pariser Gefängnis der Santé eingeliefert; er blieb drei Jahre lang dort.
Nach der Verhaftung Jacques‘ ließ Gott im Herzen von Frau Fesch die nie völlig erloschenen religiösen Gefühle wieder aufleben. Bevor sie an Krebs und vor Kummer starb, sagte sie 1956: „Ich biete mein Leben als Opfer dar, damit mein Sohn einen guten Tod hat.“
Das Morgenrot der Bekehrung
Beim ersten Besuch des Gefängnisgeistlichen rief ihm Jacques gleich entgegen: „Es ist nicht der Mühe wert! Ich habe keinen Glauben.“ Der Priester stattete ihm dennoch aus Mitgefühl jeden Tag einen kurzen Besuch ab, wie allen anderen Gefangenen. Unter den von ihm mitgebrachten Büchern, erregte nur ein einziges die Aufmerksamkeit von Jacques: der Bericht über die Marienerscheinungen in Fatima. Diese Lektüre leitete die Rückkehr Jacques‘ zum christlichen Glauben ein. Maria wird der Vorgängerstern der Sonne genannt; und in der Tat, wenn die Verehrung der Seligsten Jungfrau in einer Seele erwacht, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass sie von Gott bald mit Gnade beschenkt wird. Zudem befolgen unzählige Personen die Bitte unserer Lieben Frau von Fatima und sprechen nach jedem Gesätz des Rosenkranzes folgendes Gebet: „O mein Jesus, verzeih‘ uns unsere Sünden! Bewahre uns vor dem Feuer der Hölle! Führe alle Seelen in den Himmel, besanders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen!“; zweifellos übt dieses kleine Gebet auf sündige Seelen einen heilbringenden Einfluss aus, namentlich war das bei Jacques Fesch der Fall.
Am 1. März 1955 hörte Jacques plötzlich eine überirdische Stimme klar und deutlich sagen: „Jacques, du empfängst die Gnade deines Todes.“ Der Schock führte augenblicklich dazu, dass er sich bekehrte. Er beschrieb es in seinem geistlichen Tagebuch: „An jenem Tag lag ich mit offenen Augen in meinem Bett und litt zum ersten Mal in meinem Leben wirklich mit einer seltenen Intensität darunter, was mir bestimmte Familienangelegenheiten an Ergreifendem offenbart haben, und da stieg ein Ruf aus meiner Brust empor, ein Hilferuf: ‚Mein Gott!‘ Und plötzlich packte mich der Herr wie ein heftiger Windstoß, ohne dass man weiß, woher er kommt, an der Gurgel. Und von diesem Augenblick an glaubte ich mit einer unerschütterlichen Gewissheit, die mich seither nie verlassen hat.“ Jacques hatte die Existenz Gottes nicht durch eine Beweisführung erfahren, er war Ihm als demjenigen begegnet, der ihn allein verwandeln konnte, indem er ihn in seine Liebe hüllte. Die Angst hatte damit nichts zu tun, denn zu jener Zeit konnte er als Mörder zu Recht hoffen, der Todesstrafe zu entgehen.
Schritte auf das Licht zu
Nach diesem Übergang vom Atheismus zum Christentum kam es am 2. Dezember 1955 zu einer zweiten Bekehrung. Jacques fühlte sich auf einmal zu einer heroischen Tugendhaftigkeit erhoben, die darin bestand, seinen Tod aus den Händen Gottes zu empfangen, für sich selbst und für die anderen: „Ich bin überglücklich“, schrieb er. „Ich werde ohne mein Zutun gerettet, ich werde aus der Welt abgerufen, weil ich mich darin verlieren würde… Die Strafe, die auf mich wartet, ist keine Schuld, die ich einlösen muss, sondern ein Geschenk des Herrn für mich.“ Er unterrichtete sich gründlich über die Seele und über die Letzten Dinge, über die Hölle und das Leben der Seligen im Himmel, über das Kreuz. Er absolvierte ein wahres Noviziat für das ewige Leben. Trotz ständiger Überwachung seitens der Wächter betete er auf Knien. Er übte sein Apostolat als Neubekehrter sowohl bei den Mitgliedern seiner Familie als auch bei den Mitgefangenen mit feuriger Begeisterung aus; er behandelte sie sogar grob, um sie aus ihrem Unglauben zu erwecken, vor allem Pierrette, die er aus Liebe bekehren wollte, denn nach seiner Verhaftung war in ihm eine wahre und tiefe Liebe zu ihr aufgekeimt: „Es gibt eine doppelte Veränderung in mir“, schrieb er ihr. „Die Möglichkeit, dich zu lieben, und die Tatsache, dass ich dich liebe.“ Er liebte sie, doch er lernte durch die Erfahrung, dass wahre Liebe hier auf Erden nie ohne Leiden möglich ist. Nach und nach erwachte der Glaube in der Seele Pierrettes. Einige Tage vor Jacques‘ Tod ging sie nach über zehn Jahren Lebens fern der Kirche wieder zur heiligen Kommunion.
Religion ohne Abzug
Jacques war nun überzeugt, dass er sterben würde, weil Jesus ihm zweimal zu verstehen gegeben hatte, dass er im Blick auf seinen Tod Gnadengaben empfange. Er bedauerte, dass sein Pfarrer nicht hinreichend auf das ewige Heil einging. „Dieser Geistliche“, schrieb er, „ist ein gebildeter Mann… aber dadurch präsentiert er mitunter eine Synthese philosophischer und religiöser Ideen, die von der evanglischen Schlichtheit weit entfernt ist.“
Er selbst war zwar nicht von der Vorstellung der Hölle besessen, aber er war sich seiner Fehler und schlechter Neigungen bewusst; er fasste die Verdammnis als reelle Möglichkeit ins Auge. Doch sein ganzes Tagebuch spricht von wahrer Liebe und fester Hoffnung auf den Himmel. „Mein Tod ist erlösend, selbst wenn er ungerecht erscheint. Man darf nicht dagegen kämpfen, was von Gott beschlossen wurde… und was einer großen Barmherzigkeit entspringt.“ Die Frömmigkeit dieses reuigen Häftlings entspricht der Wahrheit des Evangeliums. In seinem apostolischen Schreiben Reconciliatio et pænitentia vom 2. Dezember 1984 mahnt Papst Johannes-Paul II.: „Auch kann die Kirche nicht ohne schwerwiegende Verstümmelung ihrer wesentlichen Botschaft auf eine beständige Katechese darüber verzichten, was der traditionelle christliche Sprachgebrauch als die vier Letzten Dinge des Menschen bezeichnet: Tod, Gericht, Hölle und Paradies. In einer Kultur, die den Menschen in sein mehr oder weniger gelungenes irdisches Leben einzusperren sucht, verlangt man von den Hirten der Kirche eine Katechese, die mit der Gewissheit des Glaubens das Jenseits erschließt und erhellt: Jenseits der geheimnisvollen Pforten des Todes zeichnet sich eine Ewigkeit der Freude in der Gemeinschaft mit Gott oder der Strafe in der Ferne von ihm ab. Nur in dieser eschatologischen (das Schicksal des Menschen nach dem Tode betreffenden) Sicht kann man das richtige Maß für die Sünde erhalten und sich entschieden zu Buße und Versöhnung angetrieben fühlen“ (Nr. 26).
Die Geheimnisse seines Herzens
Zwischen dem 1. August und dem 1. Oktober 1957 verfasste Jacques ein seiner damals sechsjährigen Tochter Véronique gewidmetes geistliches Tagebuch. Er offenbarte darin weniger eine enge Verbindung mit den Seinigen als vielmehr eine innige Vertrautheit mit Gott. Jacques hatte Jesus entdeckt und wünschte nun sehnlichst, dass auch Véronique ihn entdecken möge: „Was ich habe, gebe ich dir für den Tag, an dem du, dann schon eine Frau, durch diese Zeilen dem Leben desjenigen wirst folgen können, der dein Papa geworden ist und der nie auch nur für einen Augenblick aufgehört hat, dich zu lieben.“ Das Tagebuch endete folgendermaßen: „Wenn es mir am Ende dieser Seiten gelingt, dich an das heranzuführen, was das Leben sein kann, das wahre Leben, das in dieser Welt beginnt, um sich dort zu entfalten, wo alles Licht ist, wenn du die Größe und den Preis einer Seele und die geringe Bedeutung des irdischen Erfolgs hast erahnen können, werden diese Zeilen nicht umsonst geschrieben sein. Und vielleicht wirst du eines Tages selber angesichts einer Heimsuchung aus diesem dir so nahestehenden Beispiel die Kraft und den Mut schöpfen können, zu erkennen, woher das Licht kommt.“
Er gewöhnte es sich nach und nach an, die Gedanken, die von Gott kommen, von denen zu unterscheiden, die vom Teufel kommen. Wenn Jesus ihn seine Gegenwart spüren ließ, schrieb er: „Ich möchte vor Freude sterben… Es gibt nichts als ein Dankeslied, das aus meiner Brust emporsteigen möchte.“ Doch es gibt auch Momente innerer Qual: „Das Barometer meiner Frömmigkeit, das bis jetzt auf ‚wechselhaft‘ gestanden hat, sinkt immer mehr in Richtung Regen und Nebel: Die Welt und ihre Reize gewinnen wieder an Boden, den sie unter dem Einfluss der Gnade verloren haben… Wenn ich es auch nicht verhindern kann, dass mehr oder weniger wirre Gedanken sich meines Geistes bemächtigen, so kann mich doch nichts daran hindern, mich niederzuknien und meine Gebete zu sprechen, selbst wenn meine Aufmerksamkeit nicht so anhaltend ist… Dieser Kampf wird aufhören, wenn der Liebe Gott ihn aufhören lassen will… Mein einziges Verdienst besteht darin, dass ich das Fallbeil über meinem Schädel haben werde!… Das wird natürlich überhaupt nicht lustig, doch danach werde ich so zufrieden sein!… Eine einzige Viertelstunde gegenüber der Ewigkeit!…“
Währenddessen wurden das Ermittlungsverfahren und der Prozess von Jacques durchgeführt, eine Sache, die bei den Gerichtssitzungen und in der Presse leidenschaftliche Debatten auslöste. Das Urteil fiel am 6. April 1957, dem Vorabend des Karfreitags: Es war ein Todesurteil (damals war die Todesstrafe in Frankreich in Kraft). Am 11. Juli wurde die Berufung abgelehnt. Nun konnte nur noch ein Begnadigungsgesuch beim Präsidenten der Republik eingereicht werden.
Die Betrachtung des Kreuzes
In dem Maße, wie die Stunde seiner Hinrichtung nahte, fühlte sich Jacques immer enger mit der Passion Jesu vereint und sagte sogar: „Ich bin freudigen Herzens. Keine Angst, kein Schrecken mehr, Unsere Liebe Frau hat sie mir genommen.“ Er versuchte oft, sich in die Lage Jesu während seiner Passion zu versetzen: „Vor allem Nägel müssen weh tun, die Hand, die mit Gewalt am Holz festgehalten wird, die Spitze, die auf die Hand gedrückt wird, um sie gut zu zentrieren; und dann der Hammerschlag mit voller Wucht, und das Fleisch, das zerrissen wird, und das Blut, das hervorspritzt… Und nach der ersten Hand kommt die zweite! Dann die Füße!… Danach muss die geringste Körperbewegung an den Wunden um die Nägel scheuern und unerträgliche Schmerzen verursachen… Und was soll man über die Leiden einer Mutter denken, die all das mit ansieht und nichts tun kann, um ihrem Sohn Linderung zu verschaffen; die arme Heilige Jungfrau, demütig, tränenerstickt und schweigend am Fuße des Kreuzes…“
Am späten Nachmittag des 30. Septembers 1957 teilte der Anwalt Baudet seinem Klienten, Jacques Fesch, mit, dass sein Gnadengesuch abgelehnt worden war. Die Hinrichtung war für den folgenden Morgen anberaumt. Jacques regelte zunächst sein eheliches Verhältnis, indem er unter Mitwirkung des Pfarrers von Saint-Germain-en-Laye Pierrette auch kirchlich heiratete. Am 1. Oktober stand er um drei Uhr morgens auf und machte sein Bett. Die letzten Zeilen seines Tagebuchs sprechen für sich: „In fünf Stunden werde ich Jesus sehen. Friede kommt über mich, und meine Gebete fließen wie Honig… O Maria, hab Mitleid mit mir! Ich glaube, ich muss dieses Tagebuch jetzt abbrechen, denn ich höre beunruhigende Geräusche. Hoffentlich stehe ich meinen Mann. Heilige Jungfrau Maria, stehe mir bei! Adieu an alle, der Herr segne euch!“ Sein letzter Brief war an seinen Beichtvater gerichtet: „Ich warte in der Nacht und in Frieden… Meine Augen sind auf das Kruzifix geheftet, und mein Blick lässt die Wunden meines Heilands nicht los… Ich warte auf die Liebe.“
Gegen 5 Uhr traten der Geistliche und der Anwalt von Jacques in die Zelle. Er beichtete ein letztes Mal und empfing die heilige Kommunion. Tiefer Frieden kam über ihn. In seinem Herzen war er sich des ganz nahen Himmels gewiss und wiederholte es sich unablässig. Seine Hände wurden hinter dem Rücken gefesselt; er sagte zum Priester: „Das Kruzifix, mein Vater, das Kruzifix!“ Er küsste seinen Herrn voller Rührung und ließ sich zum Schafott führen. Die Hinrichtung fand acht Minuten später statt. Als Pierrette vom Tode ihres Mannes erfuhr, besorgte sie sich sein geistliches Tagebuch und las es noch am gleichen Tag zu Ende.
Im Dezember 1993 leitete Kardinal Lustiger, der Erzbischof von Paris, die Voruntersuchung zur Seligsprechung von Jacques Fesch ein: „Ich hoffe, dass er eines Tages als ein Gesicht der Heiligkeit verehrt wird.“ Seine Bekehrung lädt uns in der Tat dazu ein, niemals an der Barmherzigkeit Gottes und an der Fürsprache unserer Lieben Frau zu verzweifeln.
Wie die Moabiterin Rut, die Boas gefiel und von ihm die Erlaubnis bekam, auf seinem Feld die von den Schnittern liegengelassenen Ähren einzusammeln (Rut 2,1-13), sammelt die Heilige Jungfrau Maria auf ihrem wertvollen Weg durch das Feld der Kirche und der Welt die verlorenen Seelen, die verlassenen Seelen, die niemand mehr will, ein: Sie legt sie gewissermaßen in ihre Schürze, beschützt sie vor dem furchterregenden Richter, vor dem sie allein Gnade hat finden können, und führt sie gleichsam heimlich den ewigen Kornkammern des Familienvaters zu.
O du barmherzigste Jungfrau Maria, sei unsere Führerin, unser Licht und unser Trost auf dem Wege zum Paradies. Nimm uns gnädig an die Hand und führe uns in die himmlische Stadt, deren Königin du bist, damit wir dort in aller Ewigkeit den Vater der Barmherzigkeit und den Gott jeden Trostes lobpreisen können. Und mit diesen Gedanken beten wir für all Ihre Anliegen und gedenken Ihrer Verstorbenen.






