15. Juli 2025
Ehrwürdiger Frater Ave Maria
Liebe, verehrte Freunde,
Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden, sagt unser Herr Jesus Christus (Mt 5,4). Diese Seligpreisung erscheint paradox. Wie kann man glücklich sein, indem man leidet? Das Leben von Cesare Pisano, dessen Ordensname Bruder Ave Maria war, zeigt, dass es möglich ist, trotz eines sehr leidvollen Lebens glücklich zu sein – vorausgesetzt, man sucht Gott und begegnet ihm, wie er es getan hat.
Cesare Pisano wurde am 24. Februar 1900 in Pogli di Ortovero in Norditalien geboren. Er war das älteste von fünf Kindern christlicher und fleißiger Eltern. Sein Vater, ein Bäcker, zog alleine nach Südamerika, um seiner Familie bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen. Die Erziehung der Kinder lag ganz in den Händen ihrer Mutter Serafina, einer mutigen und feinfühligen Frau, die ihre Pflicht unter großen Opfern erfüllte. Cesare wuchs in Frömmigkeit und Bescheidenheit auf. Er war kräftig, lebhaft und intelligent. Das Leben schien es gut mit ihm zu meinen. Als sein Großvater am 1. November 1912, dem Fest Allerheiligen, Cesare in der Gesellschaft einiger Lausbuben sah, winkte er ihm, mit ihm zum Friedhof zu gehen, um für die Toten zu beten. Der Junge beachtete ihn jedoch nicht und blieb bei seinen Freunden. In einem Unterstand fanden sie ein Gewehr, das sie für ungeladen hielten und begannen damit Krieg zu spielen. Cesare schrie: „Schießt, ich habe keine Angst!“, und stellt sich tot. Einer der Spielgefährten drückte ab. Die Schrotkugeln trafen Cesare in beide Augen, und er brach zusammen. So wurde das Spiel zur Tragödie.
Im Krankenhaus musste das linke Auge entfernt werden. Es bestand eine geringe Hoffnung, dass das rechte Auge wiederhergestellt werden könnte, aber die Zukunft widerlegte diese Prognose. Cesare berichtete: „Der Arzt sagte in meinem Beisein zu meinem Vater, der aus Amerika gekommen war, dass ich nur durch ein Wunder wieder sehen könnte. Ich war verzweifelt. Mit dem Augenlicht verlor ich allmählich auch den Frieden und den Glauben. Ich glaubte, dass diese Welt der Gunst eines großen, launischen, grausamen und ungerechten Geistes ausgeliefert sei.“
Mit dreizehn Jahren wurde Cesare in das für Blinde spezialisierte „Institut David Chiossone“ in Genua eingewiesen. Für ihn begann eine Zeit der Krise, der Abscheu vor dem Leben. In der Schule lernte er die Braille-Methode zum Schreiben und Lesen für Blinde, aber er nutzte sie nicht so, wie er es hätte können. Apathisch hing er den ganzen Tag herum und ärgerte sich über alles. Er rebellierte gegen das „böse Schicksal“, dem er sich ausgeliefert sah. Diese düsteren Gedanken zerstörten sein Vertrauen auf Gott. Cesare hörte auf zu beten, verleugnete die Kirche und besuchte die Messe nicht mehr. Aus Groll leugnete er die Existenz Gottes. Vier Jahre lang verharrte er in einer großen geistigen Leere. Später gab er zu, ein großer Sünder gewesen zu sein. „Ich schämte mich meiner körperlichen und geistigen Blindheit, aber ich schämte mich nicht, moralisch und geistig blind zu sein.“ Cesare war bereits drei Jahre blind, als eine „Tochter der Nächstenliebe“, Schwester Teresa Chiapponi, als Krankenschwester in das „David-Chiossone-Institut“ kam. Diese Ordensfrau begann, mit zarten Gesten der Nächstenliebe und einfachen, aber kraftvollen Worten des Glaubens auf das Herz dieses rebellischen jungen Mannes „einzuhämmern“. Indem sie ihm seinen geistigen und moralischen Verfall bewusst machte, sagte sie zu ihm: „Reicht es dir nicht, auf den Augen blind zu sein, willst du auch in der Seele blind werden?“ Cesare erinnerte sich: „Wenn ich diese Ordensfrau betrachtete, die immer mit Gott und dem Nächsten beschäftigt war, dachte ich: Entweder ist sie verrückt oder sie ist eine Heilige.“ Der Tod seiner Großmutter 1919 löste das bei dem jungen Mann einen Denkprozess über den Sinn des Lebens aus. Eines Tages fragte ihn Schwester Teresa: „Warum betest du nicht für deine Großmutter, die du so sehr liebst?“ Cesare willigte ein, und einige Zeit später beichtete und kommunizierte er. Das war der Moment der Gnade. Eine neue Gemeinschaft – die mit Gott – gab seinen trostlosen Tagen Sinn und Bedeutung. Er begann freiwillig zu beten, alleine und mit anderen. Er, der so lange Zeit nichts geliebt hatte, liebte es nun, mit Gott zusammen zu sein. Losgelöst und entzaubert von allem Geschaffenen erkannte er, dass „Gott alles ist“. Und mit Begeisterung begann er wieder zu studieren und erlernte verschiedene kleine Berufe, die ihm später von Nutzen sein sollten.
Das Erwachen einer Berufung
Eines Tages fragte Schwester Teresa: „Cesare, was willst du mit deinem Leben anfangen?“ Aus Spott antwortete er: „Ich werde Mönch!“ Die Schwester schwieg und betete. Einige Tage später hörte sie Cesare ernsthaft fragen: „Schwester Teresa, was sagen Sie dazu? Kann ich mich dem Herrn hingeben?“ „Ja, das kannst du, ja, du musst es sogar tun. Überlege es dir gut.“ Sie dachte dabei an Don Orione, einen Priester, der Blinden den Zugang zum religiösen Leben ermöglichen wollte. Luigi Orione (1872-1940), der 2004 heiliggesprochen wurde, war ein piemontesischer Priester, der 1903 das „Kleine Werk der Göttlichen Vorsehung“ gründete, das mit Feingefühl auf die spirituellen Bedürfnisse der unterschiedlichsten Menschen einging: arme Kinder, Kranke, Opfer von Naturkatastrophen usw. Schwester Teresa hatte von den „Eremiten der Göttlichen Vorsehung“ gehört, dem kontemplativen Zweig des Werkes. Vielleicht gibt es dort einen Platz für Cesare? Sie fuhr also zu Don Orione nach Tortona und fragte ihn, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein blinder junger Mann ins Noviziat aufgenommen werden könnte. Humorvoll antwortete der Priester: „Nur eine Sache ist absolut notwendig und unerlässlich: Er muss persönlich an der Tür erscheinen.“
Schon bei seiner ersten Begegnung mit Don Orione war Cesare tief berührt von den leidenschaftlichen und deutlichen Worten, die der Priester an ihn richtete und die aus seinem grenzenlosen Vertrauen in die göttliche Vorsehung entsprangen. Der junge Mann schrieb: „Don Orione hat mich überzeugt, den ewigen Reichtum, das wahre Licht und die göttliche Weisheit zu erobern. Nachdem es an irdischen Gütern verzweifelt war (glückliche Verzweiflung!), wurde mein Herz von einer freudigen und hellen Hoffnung erfüllt und von der Gewissheit, dass es möglich und leicht ist, das wahre Glück im unsterblichen Leben zu erreichen, nach dem sich jedes menschliche Herz sehnt.“
Am 18. März 1920 kam Cesare im Mutterhaus des „Kleinen Werkes“ in Tortona an. Dort fand er die Leidenschaft für das Leben, den Frieden und diese heitere Freude wieder, die nie mehr aus seinem Gesicht weichen sollte. Im Juli begann er sein Noviziat in der Villa Moffa in Bra. Der Gründer erkannte bei seinem Novizen eine Eignung für ein kontemplatives Leben, das sich auf die eucharistische Anbetung konzentrierte. „In der Nacht von Mariä Himmelfahrt 1920 hatte ich die Gnade, den heiligen Habit aus den Händen meines hochverehrten Vaters Don Orione zu empfangen, und Gott sei Dank war dieses Gewand so arm, dass der arme Seraph von Assisi (der heilige Franziskus) selbst mich hätte beneiden können.“
Cesare verbrachte ein ganzes Jahr im „Paterno“ (dem Hauptsitz) in Tortona und zog im folgenden Jahr nach Bra, wo er im Gymnasium mit der Braille-Methode Latein lernte. Das Gebet und die Arbeit nahmen den Rest seiner Zeit in Anspruch. „Ich werde Holz für die Küche sägen, der Küster ruft mich, um ihm zu helfen. Ich werde auch Kartoffeln, Kürbisse und Rüben schälen.“ Wie viele Blinde hatte er gelernt, seine Behinderung zu überwinden, indem er seine anderen Sinne nutzte: hören, fühlen, riechen. So war er am Bau einer großen „Lourdes-Grotte“ im Park beteiligt: „Ich war faul und blind und hatte noch nie solche Arbeiten verrichtet, aber um der Muttergottes willen begann ich mit Hacke und Schaufel zu arbeiten, so dass mir die Arbeit allmählich zu einer wunderbaren Beschäftigung wurde.“
„Dieser Welt einen Tritt versetzen“
1922 begann Cesare sein Noviziatsjahr nicht ohne Momente des inneren Kampfes, für die ihm Schwester Teresa Chiapponi per Brief wertvolle Ratschläge gab. Er war sich bewusst, dass er ohne den Unfall und seine Erblindung nie die liebevollen Pläne Gottes für ihn entdeckt hätte. In seiner Demut wurde er von seinen vergangenen Sünden überwältigt und brauchte sein ganzes Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes und die Fürsprache Marias, um das Gefühl der Unwürdigkeit zu überwinden. „Wenn ich daran denke, was in kurzer Zeit in mir geschehen ist, wie ich mich entschlossen habe, allem, was es in dieser korrupten und verdorbenen Welt an Hass, Neid, Verleumdung, Betrug, und Skandalen gibt, die voller Gefahren ist und Ursache aller Täuschungen, ein für alle Mal einen Tritt zu versetzen, muss ich die Wahrheit erkennen: Nicht ich habe den besten Teil gewählt und gut gehandelt, sondern der Herr und die Muttergottes haben alles für mich ausgewählt und alles in mir bewirkt.“ Am 13. Mai 1923 stieg Cesare zur Einsiedelei Sant‘Alberto di Butrio hinauf, die in einer abgelegenen Gegend auf 700 Metern Höhe im lombardischen Apennin lag. Dort fand er eine kleine Gemeinschaft vor, die don Orione zwei Jahre zuvor dort eingerichtet hatte und die aus einem Priester und drei Eremiten bestand. Er schrieb begeistert: „Ich bin in dieses kleine Stück Paradies gekommen, und wurde väterlich, mütterlich und brüderlich aufgenommen von vier heiligen Seelen, die hier in heroischer Nächstenliebe leben! Hier fehlt es an allem. Nein, im Gegenteil: Es fehlt nichts für diejenigen, die heilig werden wollen!“ Am 9. September 1923 kleidete Don Orione Cesare in das weiße Eremitengewand mit zwei beigen Streifen. Er gab ihm einen neuen Namen: Bruder Ave Maria und sagte ihm: „Ich vertraue dir eine Aufgabe an, nämlich zu beten. Bete immer, bete für alle!“ Jeden Tag sah man ihn ab vier Uhr morgens auf den Knien in der Kirche. Sein Atem ging im Rhythmus von unaufhörlichen Ave Maria-Rufen, und er betete mehrere Rosenkränze am Tag. Wenn man ihn fragte: „Werden Sie nicht müde, wenn sie so vertieft in dieser Haltung auf den Knien verharren?“, antwortete er: „Man wird nur müde, wenn man etwas tut, was einem nicht gefällt.“ Und er bemerkte: „Wenn man mit dem Herrn spricht, beginnt man damit, ihn über das zu befragen, was man selbst möchte, aber am Ende zieht man immer seinen Willen dem unseren vor.“ Sein Gesicht mit einem langen Bart und wehendem Haar, verlieh ihm das Aussehen eines Wüstenvaters.
Sein Winterhemd
Nach nur einem Jahr in der Einsiedelei prägte ein schmerzhaftes Ereignis die Berufung des Bruders Ave Maria. In der Nacht des 6. November 1924 hustete er Blut, das er auch in den folgenden Tagen aushustete. Der Dorfarzt diagnostizierte eine fortgeschrittene Tuberkulose und kündigte ihm seinen baldigen Tod an. Überraschender Weise überlebte der Kranke zwar, blieb aber leidend und gebrechlich. Die Kälte, die im Winter in der ungeheizten Einsiedelei herrschte, bereitete ihm große Schmerzen. „Ich bin ein armer Blinder, nicht nur in Gesellschaft von ‘Schwester Blindheit’, sondern auch von anderen Übeln befallen, mit einer schwachen, heiseren Stimme, die kaum zu hören ist.“ Husten und Appetitlosigkeit waren sein „Winterhemd“. Er meinte dazu: „Das sind alles Juwelen, die der Herr mir gibt. Vielleicht werden diese Juwelen mich bis zu meinem Tod begleiten, ich darf keine anderen vorziehen!“ In den 1930er Jahren lebten sieben Eremiten in Sant’Alberto, von denen einige blind waren. Bruder Ave Maria hielt fortan die Fäden in der Hand, aus denen er sein Leben weben sollte: äußerlich die Einsiedelei, die Gemeinschaft, das Gebet, die Buße, die Arbeit und die niederen Aufgaben; innerlich die Erfahrung des eigenen Elends und der göttlichen Vorsehung, das Licht des Glaubens, der Liebe, der Vertrautheit mit Gott und der Muttergottes sowie die hoffnungsvolle Erwartung des Himmels. Die ersten Briefe des Bruders Ave Maria stammten aus dem Jahr 1924, und im Laufe der Jahre wurden es immer mehr. Vor 1942 benutzte er eine Braille-Maschine für Blinde, danach schrieb er auf einer gewöhnlichen Olivetti-Schreibmaschine, deren Tastenbelegung er auswendig kannte. Seine erhaltenen Briefe umfassen vierzehn Bände.
Der Gehorsam bewirkt Wunder: Im Sommer 1928 war der einzige Brunnen, der die Einsiedelei mit Wasser versorgte, fast ausgetrocknet. Don Orione hatte etwa fünfzig junge Kleriker aus dem Kollegium in Tortona eingeladen, um einen Monat Urlaub an diesem schönen Ort zu verbringen. Ein Priester, der auf der Durchreise war, riet dringend, den Aufenthalt abzusagen: Was sollte aus den jungen Leuten werden, wenn sie sich nicht waschen könnten und nur schlammiges Wasser zu trinken hätten? Don Orione wurde nun von einem Jugendlichen, der in das 30 km entfernte Tortona heruntergekommen war, gewarnt und schickte den Boten mit folgender Anweisung zurück: „Befiehl Bruder Ave Maria in meinem Namen, zum Brunnenrand zu gehen und drei Vaterunser zu beten. Gott wird seinen Gehorsam segnen.“ Der Bruder ging ohne zu zögern zum Brunnen und betete mit großer Ehrfurcht die drei Vaterunser. Dann warf er den Eimer mit dem Flaschenzug auf den Grund des Brunnens, und zur allgemeinen Überraschung kam der Eimer voll mit reinem, frischem Wasser heraus. Während des gesamten Urlaubsmonats der Kleriker floss das Wasser reichlich. Am Tag nach ihrer Abreise war der Brunnen wieder trocken. Der bescheidene Bruder erklärte dieses Wunder allein mit dem Glauben Don Oriones.
„Nur auf der Durchreise“
Bruder Ave Maria verbrachte fast den Rest seines Lebens in der Einsiedelei von Sant‘Alberto di Butrio. Er führte ein Leben der Stille, der Sammlung und des Gebets, um besser über die ewigen Wahrheiten nachdenken zu können. Don Orione schickte ihm gerne verängstigte, geprüfte und suchende Menschen, damit er sie tröstete und sie ermutigte zu beten und sich der Vorsehung Gottes zu überlassen. Oft handelte es sich um Personen mit hohem sozialem Status: Aristokraten, Professoren, Wissenschaftler, Schriftsteller usw. Eines Tages kam ein reicher Genueser in die Einsiedelei und betrat die Zelle des Bruders. In seiner Überraschung über die dort herrschende Armut fragte er ihn: „Wo sind ihre Sachen?“ „Und wo sind Ihre?“, entgegnete Bruder Ave Maria. „Ich bin doch nur auf der Durchreise hier!“ „Ich auch!“
In den 1940er Jahren nach dem Tod Don Oriones, wurde Bruder Ave Maria gegen seinen Willen berühmt, und die Menschen strömten an Feiertagen zusammen, um ihn zu sehen und von ihm ein Wort der Ermutigung zu erhalten – nur ein Wort, denn nur das war aufgrund des Zustands seiner Lunge möglich. Während des Zweiten Weltkriegs opferte er seine Leiden, insbesondere den Hunger, den er in der Einsiedelei erdulden musste, für sein vom Unglück heimgesuchtes Volk auf. Die Einsiedelei bot vielen Flüchtlingen Zuflucht, darunter auch verfolgten Juden. Nach dem Krieg bemerkt der Bruder: „Alle reden von Freiheit und Frieden, aber nur Gott ist frei, und nur wer seinen Willen tut, genießt die Freiheit der Kinder Gottes, die eine Überfülle an Frieden und Freude im Heiligen Geist ist. Entweder betet der Mensch zu Gott, oder er murrt.“
Bruder Ave Maria verfügte über besondere Gnaden und Charismen, die er unter dem Anschein eines „normalen“ Lebens verborgen hielt. Gott teilte sich ihm durch innere Einsprechungen mit: „Ich höre eine Stimme, die in meinem Herzen widerhallt und mich lehrt. Eine Stimme, die nur zu mir spricht und mich meine Sünden sehen und sie von ganzem Herzen verabscheuen lässt. Oh, welch ein Frieden durchflutet meine Seele, wenn ich diese Stimme höre!“ Er drückte seine spirituelle Erfahrung mit den Worten aus: „Es ist die liebevolle Umarmung des unendlich Großen und des unendlich Kleinen.“ Über die Heilige Messe sagte der Bruder: „Für uns ist die Heilige Messe die Gegenwart auf Golgatha, mit Maria und Johannes. Es ist das gleiche Opfer. Wenn man so will, ist es, als würde man dorthin versetzt werden, rückwärts durch die Jahrhunderte – dort zu sein, auf dem Kalvarienberg, wo Jesus stirbt.“
Dazu schrieb der hl. Johannes Paul II.: „Wenn die Kirche die heilige Eucharistie, das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung ihres Herrn, feiert, wird dieses zentrale Mysterium des Heils wirklich gegenwärtig und vollzieht sich das Werk unserer Erlösung. Dieses Opfer ist für die Erlösung des Menschengeschlechts so entscheidend, daß Jesus Christus es vollbrachte und erst dann zum Vater zurückkehrte, nachdem er uns das Mittel hinterlassen hatte, damit wir so daran teilnehmen können, als ob wir selbst dabei gewesen wären. Jeder Gläubige kann auf diese Weise am Opfer Christi teilnehmen und seine Früchte in unerschöpflichem Maß erlangen. Das ist der Glaube, aus dem die christlichen Generationen im Laufe der Jahrhunderte gelebt haben. Diesen Glauben hat das Lehramt der Kirche unaufhörlich mit freudiger Dankbarkeit für das unschätzbare Geschenk bekräftigt …Was hätte Jesus noch mehr für uns tun können? In der Eucharistie zeigt er uns wirklich eine Liebe, die „bis zur Vollendung“ (Joh 13,1) geht, eine Liebe, die kein Maß kennt (Enzyklika Ecclesia de Eucharistia, 2003, Nr. 11).
Der wirklich „gute Tod“
Zu Allerheiligen 1962, dem 50. Jahrestag seiner Erblindung, bekannte Bruder Ave Maria vor seinen versammelten Mitbrüdern in Anlehnung an den heiligen Paulus: „Ja, die Blindheit ist ein Kreuz. Aber dieses Kreuz ist nur vorübergehend und sehr leicht im Vergleich zu dem seligen und ewigen Licht, das uns bereitet wird“ (vgl. 2 Kor 4,17). Indem er sein bevorstehendes Ende andeutete, schrieb er: „Wie süß ist der Tod für diejenigen, die ihr ganzes irdisches Leben damit verbringen, das gute Sterben zu lernen! Nicht der Tod ist bitter – es sind die Taten, die man in diesem Leben vollbracht hat, die ihn bitter machen können. Aber wie gut sterben auch Sünder, die zwischen ihren Sünden und dem Tod Jahre der Buße, der Gottesfurcht und der Liebe gelebt haben. Was macht es schon aus, ob man jung oder alt, arm oder reich stirbt? Wichtig ist, dass man gut stirbt, dass man heilig stirbt. Und um heilig zu sterben, muss man heilig leben, indem man oft an den Tod denkt, indem man immer, bevor man etwas tut, denkt: Worüber werde ich in der Stunde meines Todes glücklich sein, getan zu haben?“
„Der Tod wird durch Christus verwandelt. Jesus, der Sohn Gottes, erlitt ebenfalls den Tod, der dem Menschsein eigen ist. Doch trotz seines Schreckens vor ihm nahm er ihn in einem Akt der völligen und freien Unterwerfung unter den Willen seines Vaters auf sich. Der Gehorsam Jesu hat den Fluch des Todes in einen Segen verwandelt“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1009).
Im Januar 1964 verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Bruder Ave Maria. Trotz der Pflege, die ihm im Krankenhaus zuteil wurde, ging es mit ihm schnell bergab. Am 20. Januar empfing er bei vollem Bewusstsein freudig die Sakramente und flüsterte: „Alles ist Güte und Barmherzigkeit des Herrn.“ Er starb am 21. Januar. Am 18. Dezember 1982 unterzeichnete Papst Johannes Paul II. das Dekret, das den heroischen Grad seiner Tugenden verkündete. Nun wartet die Kirche auf ein Wunder, das seine Seligsprechung ermöglicht.
„Ein glücklicher Mensch“, so beschrieb sich der Bruder selbst: „Hier ist ein Wunder, das der Herr und die Muttergottes vollbracht haben: Ein blinder Mann, ein schwerer Sünder, dem Gott vergeben hat, im Büßergewand, zurückgezogen in den vier Wänden einer Einsiedelei, dieser blinde Mann ist glücklich: glücklich genug, um Mitleid mit den Reichen, Mächtigen und Weisen dieser Welt zu haben, die weder Glauben noch Liebe zu Gott haben. Dieser glückliche Blinde betet zu Gott und seiner himmlischen Mutter, dass die Zahl dieser Unglücklichen so weit wie möglich vermindertwird.“







