23. September 2025
Seliger Ildefonso Schuster
Liebe, verehrte Freunde,
„Welches Thema soll man wählen, um den Glauben in unserer Welt in dieser Stunde der Orientierungslosigkeit und des Schmerzes zu bewahren?“, fragte sich der selige Kardinal Ildefons Schuster 1943/44 inmitten des Zweiten Weltkrieges. Er antwortete: „Schließlich beschloss ich, über das Gebet zu schreiben, ein Thema, das so oft von den Kirchenvätern behandelt worden ist. Das bedeutet, dass sie in ihren Zeiten, die voller Gefahren waren und die in vielerlei Hinsicht der unseren so ähnlich sind, das Bedürfnis danach erkannten. Dieser Benediktiner, der später Kardinal wurde, blieb der vom heiligen Benedikt überlieferten Gebetstradition eng verbunden und hat in vier Bänden ein Buch über das Gebet in der frühen Kirche „Libro della preghiera antica“ veröffentlicht.
Alfredo Schuster wurde am 18. Januar 1880 in Rom geboren. Sein Vater, Giovanni Schuster, bayerischer Herkunft, kam nach doppelter Witwenschaft in die Ewige Stadt, um unter den päpstlichen Zuaven des seligen Papstes Pius IX. zu dienen. Nach der Einnahme Roms 1870 blieb er in der Stadt. 1879 heiratete er im Alter von 60 Jahren Maria Anna Tutzer, die aus Bozen in Südtirol (heute Italien) stammte.. Beide waren tiefgläubige Katholiken. Ein Jahr nach Alfredos Geburt kam Julie zur Welt, die später eine „Tochter der christlichen Liebe“ wurde. Giovanni Schuster starb 1889 nach langem und schmerzhaftem Leiden. „Als ich noch klein war“, schrieb Alfredo, „hat mich eine Krankheit so weit gebracht, dass die Ärzte keine Hoffnung auf meine Rettung mehr hatten. Meine Mutter lief darauf zur Kirche des Heiligen Augustinus, um sich der Mutter Christi zu Füßen zu werfen, und durch ihr Gebet erreichte sie die Heilung ihres Sohnes. Ich schreibe dies aus Dankbarkeit gegenüber Unserer Lieben Frau.“ Der Junge zeigte schon früh Anzeichen seiner Berufung, zum Beispiel indem er zu Hause die Messfeier nachahmte. Schon früh zeigte sich seine Nächstenliebe; so gab oft sein Jausenbrot einem Armen, dem er auf der Straße begegnete. Mit elf Jahren trat er in die Benediktinerschule St. Paul vor den Mauern ein, wo er eine tiefgreifende humanistische Bildung erwarb, die ihm als Grundlage für eine umfassende Gelehrsamkeit dienen sollte. Seine Frömmigkeit war vorbildlich, und so war der Rosenkranz ein wesentlicher Bestandteil seines Gebetes.. In Farfa, in den Sabiner Bergen, wohin die Gemeinschaft im Sommer zog, begegnete Alfredo dem seligen Placidus Riccardi, einem Benediktiner, der ihn im geistlichen Leben unterwies und ihm bis zu seinem Tod 1915 ein Vorbild auf der Suche nach der Schönheit und nach Gott sein sollte. Alfredo erbte von ihm, der als „Heiliger des Kreuzweges“ bezeichnet wurde, eine große Liebe zu dieser Andacht.
Nach sieben Schuljahren wurde Alfredo ins Noviziat aufgenommen und erhielt den Namen Ildefons (nach einem heiligen Mönch, der von 606 bis 667 Bischof von Toledo in Spanien war). Er entwickelte eine Vorliebe für die sakrale Archäologie, jedoch konfiszierte sein Novizenmeister eines Tages alle seine Archäologiebücher mit der Begründung: „Um Archäologie zu betreiben, muss man umziehen. Aber ein Mönch bleibt in seiner Abtei!“ Bruder Ildefons legte 1899 seine erste Profess ab. Sein gesamtes Leben im Kloster ließ sich mit den Worten zusammenfassen: „ora et labora“ (bete und arbeite). Er widmete sich seinen Studien (Theologie, Heilige Schrift, Archäologie, sakrale Kunst, Geschichte und Liturgie) mit einem einzigen Ziel: dem Dienst an Gott durch die Liebe. Trotz seiner Jugend wurde er in der Gemeinschaft zum Zeremonienmeister ernannt. Im Oktober 1900 begann Bruder Ildefons ein Philosophiestudium an der neu gegründeten Benediktiner-Universität Sant´ Anselmo. Sein scharfer Verstand und seine Hingabe an die Arbeit brachten ihm im Juni 1903 einen Doktortitel in Philosophie ein. Nach seinem Theologiestudium wurde Pater Ildefons am 19. März 1904 zum Priester geweiht. Einem Freund gegenüber bemerkte er: „In der Heiligen Schrift wird das Wort ‚Priester‘ nie allein verwendet, sondern immer mit dem Ausdruck ‚Priester des Herrn‘, um unsere völlige Zugehörigkeit zum Herrn deutlich zu machen. Unser Priestertum ist nichts anderes als die Fortsetzung des Priestertums des Herrn..“
Der junge Priester entsprach voll und ganz der Definition des Mönches durch den heiligen Benedikt: ein Arbeiter, der für die Dinge Gottes arbeitet. „Nichts macht mir Freude, wenn es Gott nicht gefällt“, sagte er gerne. Er wurde für alle alles, unterrichtete die Kinder, setzte seinen Dienst als Zeremonienmeister fort und verstand es, den Vorgesetzten diskret zu helfen, die Einhaltung der Ordensregel zu verbessern. Bei seinen Ausflügen wählte der Abt gerne Pater Ildefons als Begleiter. Er schickte ihn auch aus, um den Nonnen in der Region zu predigen. 1908 vertraute der Abt ihm die wichtige und heikle Aufgabe des Novizenmeisters an. „Ich habe so wenig Freizeit“, schrieb Pater Ildefons, „dass es mir wirklich leid tut. Der Herr hat es so eingerichtet, dass mein Tag ganz zu seiner Ehre ausgefüllt ist: Schule, Beichte, Vorträge, so dass mir nichts anderes übrig bleibt, als ihm zur Gänze das Opfer meiner selbst darzubringen.“ Doch seine Seele ist im Frieden: „Ich lebe friedlich im anbetungswürdigen Willen Gottes und folge wie ein Kind dem Weg des Gehorsams, dem einzigen Weg zum Heil..“
Das schlagende Herz der Verkündigung
„Es gibt“, so Papst Franziskus, „ein großes Zeugnis, das sich durch die Geschichte des Glaubens zieht: das der Ordensfrauen und Mönche … Ihr Leben spricht für sich, doch wir können uns fragen: Wie können Menschen, die in Klöstern leben, zur Verkündigung des Evangeliums beitragen? Wäre es nicht besser, wenn sie ihre Energie in den Dienst der Mission stellen, das Kloster verlassen und das Evangelium draußen predigen würden? In Wirklichkeit sind Ordensleute das schlagende Herz der Verkündigung: Ihr Gebet ist der Sauerstoff aller Glieder des Leibes Christi, ihr Gebet ist die unsichtbare Kraft, die die Mission trägt. Es ist kein Zufall, dass die Schutzpatronin der Missionen eine Nonne ist: die heilige Theresia vom Kinde Jesu. Hören wir, wie sie ihre Berufung entdeckte: „Ich verstand, dass die Kirche ein Herz hat, ein Herz, das vor Liebe brennt. Ich verstand, dass nur die Liebe die Glieder der Kirche zum Handeln antreibt und dass, wenn diese Liebe erlischt, die Apostel das Evangelium nicht mehr verkündigen und die Märtyrer ihr Blut nicht mehr vergießen würden. Ich verstand und wusste, dass die Liebe alle Berufungen umfasst… Da rief ich mit unendlicher Freude und in Ekstase aus: O Jesus, meine Liebe, ich habe endlich meine Berufung gefunden. Meine Berufung ist die Liebe… Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich Liebe sein“ (Autobiographisches Manuskript B, 8. September 1896). Kontemplative, Mönche und Nonnen sind Menschen, die für die ganze Kirche beten, arbeiten, in Stille beten. Und das ist Liebe: Es ist die Liebe, die im Gebet für die Kirche, in der Arbeit für die Kirche, in den Klöstern zum Ausdruck kommt. Diese Liebe zu allen beseelt das Leben der Ordensleute und kommt in ihrem Fürbittgebet zum Ausdruck“ (26. April 2023).
Ab 1911 belegte Pater Ildefons unter anderem Kurse an der im selben Jahr eröffneten Hochschule für Kirchenmusik, was ihn zum Studium der Liturgie führte. 1913 wurde ihm noch dazu das Studium der Kirchengeschichte an der Universität Sant´ Anselmo anvertraut. Über historische Persönlichkeiten scherzte er gerne: „Wenigstens sind es Menschen, die in ihrer Ewigkeit leben und keinen Schaden anrichten können. In dieser Welt fühle ich mich sehr wohl!“ Etwa zu dieser Zeit begann er mit der Vorbereitung seines „Liber Sacramentorum“. Es ist dies ein umfangreiches Werk historischer und liturgischer Anmerkungen zum Römischen Messbuch und Brevier mit einem hervorragenden Kommentar. Beim Generalkapitel 1915 wurde Pater Schuster zum Prokurator seiner Kongregation beim Heiligen Stuhl ernannt. Viele Klöster, die sich in Schwierigkeiten befanden, nahmen Kontakt zu ihm auf. Nachdem er 1916 Prior von St. Paul geworden war, wurde er zwei Jahre später mit nur 38 Jahren zum Nachfolger seines verstorbenen Abtes gewählt. Nachdem er seine mangelnde Eignung für dieses Amt bekundet hatte, nahm der Neugewählte es schließlich aus Gehorsam gegenüber dem Generalkapitel an. Da er seine Mönche auf den Weg der Heiligkeit führen wollte, verdoppelte er zunächst seine Strenge sich selbst gegenüber. Er legte Wert darauf, beim Gottesdienst als Erster zu erscheinen und seine Tätigkeit beim Läuten der Glocke am schnellsten zu unterbrechen: „Eure Haltung“, sagte er zu seinen Mönchen, „muss der der Engel in der Gegenwart Gottes ähneln.“ Er organisierte Exerzitien für Klerus und Laien, wahre „Oasen des geistlichen Lebens. Bischof G. B.. Montini, der spätere Papst Paul VI., schickte junge Menschen der christlichen FUCI-Bewegung dorthin, deren Kaplan Abt Ildefons war.
Unkenntnis ewiger Wahrheiten
Papst Benedikt XV. ernannte ihn zum Konsultor der Kongregation für den Gottesdienst und später zum Präsidenten des Päpstlichen Instituts für Orientalische Studien. Beauftragt mit den apostolischen Visitationen der Priesterseminare Italiens und später der Ordensgemeinschaften erwarb sich der Abt dank seiner Diplomatie und seiner karitativen Entschlossenheit viele Sympathien. Nach dem Tod von Kardinal Tosi, Erzbischof von Mailand, wurde er zu seiner großen Überraschung am 26. Juni 1929 zu dessen Nachfolger an der Spitze der größten Diözese Italiens ernannt; am darauffolgenden 15. Juli wurde er Kardinal. Bei der Ankunft in seiner Diözese küsste er die Erde, „… die mit dem Blut so vieler Märtyrer und dem Schweiß so vieler meiner Vorgänger getränkt ist“. Er wählte den heiligen Karl Borromäus (Erzbischof von Mailand von 1565 bis 1584) zu seinem Vorbild. Sein erster Hirtenbrief war ganz auf den evangelisierenden und spirituellen Aspekt seiner Aufgabe ausgerichtet, in dem er zu karitativen Werken ermutigte. Anlässlich seines ersten Pastoralbesuches brachte er es sofort auf den Punkt: „Die Unkenntnis ewiger Wahrheiten ist die Ursache für den Schwund des Glaubens und den Verfall der öffentlichen Moral.“ Er legte großen Wert auf die Katechese und verurteilte die Vernachlässigung der Sonntagspflicht, unanständige Moden usw. Regelmäßig besuchte er die neunhundert Pfarreien der Diözese. In seinen fünfundzwanzig Jahren als Bischof tat er dies fünfmal für jede Pfarrei, wobei er manchmal zu Fuß dorthin ging, wo die Straßen für Fahrzeuge unzugänglich waren.. Er prüfte alles persönlich, insbesondere den Gottesdienst und gab so den Priestern obliegenden Pflichten große Bedeutung. Um sie zu ermutigen die Glaubenswahrheiten zu lehren, gab er selbst Katechesen für Kinder und Erwachsene. „Ich spreche eine der größten Plagen unserer Zeit an“, sagt er, „das Vergessen Gottes.“
Die Grundlage aller wahren Kultur
Papst Benedikt XVI. sagte über das Mönchtum, das nach dem Untergang des Römischen Reiches eine neue Kultur hervorbrachte: „Das Ziel der Mönche war die Suche nach Gott, quaerere Deum. Inmitten der Wirren jener Zeit, denen nichts zu widerstehen schien, ersehnten die Mönche das Wichtigste: sich der Suche nach dem zu widmen, was Wert hat und ewig bleibt, dem Leben selbst. Sie suchten Gott.. Von Nebensächlichkeiten wollten sie zu den wesentlichen Wirklichkeiten vordringen, zu dem, was allein wahrhaftig, wichtig und gewiss ist… Gott suchen und sich von ihm finden lassen, das ist heute nicht weniger notwendig als in vergangenen Zeiten. Eine bloß positivistische Kultur, die die Frage nach Gott als unwissenschaftlich ins Subjektive abdrängen würde, wäre die Kapitulation der Vernunft, der Verzicht auf ihre höchsten Möglichkeiten und damit ein Absturz der Humanität, dessen Folgen nur schwerwiegend sein könnten. Das, was die Kultur Europas gegründet hat, die Suche nach Gott und die Bereitschaft, ihm zuzuhören, bleibt auch heute Grundlage wahrer Kultur.“ (Ansprache im Collège des Bernardins, Paris, 12. September 2008).
Bei seinen Pastoralbesuchen begegnete der Kardinal Laienbewegungen, die er als das Herz der Pfarreien betrachtete. Sie teilten seine missionarische Sorge um die vielen Ungläubigen; über diese sagte er: „Ich verkünde ihnen nur die Botschaft vom ewigen Heil und von der Versöhnung mit Gott..“ Kardinal Schusters Widerstand gegen seine Müdigkeit bewirkte Erstaunen und Bewunderung der Mitmenschen. Bei einem seiner letzten Pastoralbesuche erklärte er: „Die Aufgabe des Erzbischofs von Mailand ist schwierig. Aber wie kann ich der Müdigkeit entkommen? Solange der Herr mir das Leben schenkt, werde ich meine Aufgabe fortsetzen! Es sind die Gebete der Guten, die mich stützen!“ In Mailand kosteten ihn die morgendlichen Audienzen große Anstrengung, da er sich darauf konzentrierte, jede Angelegenheit genau zu prüfen. Allen Priestern, die ihn besuchten, schenkte er väterliche Zuneigung und Aufmerksamkeit, unterstützte sie und gab ihnen Ratschläge, insbesondere sich abends ohne sich von anderen Beschäftigungen in Beschlag nehmen zu lassen, früh zur Ruhe zu begeben, um am nächsten Morgen munter zu sein. Die Arbeit der Ordensschwestern, ihre unzähligen Anstrengungen und Opfer schätzte er hoch. In einem Hirtenbrief erinnerte er die Oberen daran, dass sie in ihrem Gewissen verpflichtet seien, den in Krankenhäusern und Pflegeheimen tätigen Nonnen Urlaub zu gewähren. Während der Audienzen versuchte er unabhängig von der Person, die er empfing, stets das Gespräch auf die übernatürliche Ebene zu heben. Dank seiner innigen Verbindung mit Gott blieb er stets ruhig und gelassen, selbst bei schwierigen Gesprächen. Mit Ehrerbietung und Einfühlungsvermögen empfing er die Vertreter anderer Religionen oder christlichen Konfessionen..
Um die Gegenwart besser zu leben
Die dem heiligen Ambrosius zugeschriebene „Ambrosianische Liturgie“ in der Diözese Mailand wurde vom neuen Erzbischof mit Studien zu diesem Thema gefördert. Kardinal Montini, sein Nachfolger in Mailand, sagte über ihn: „Er war Historiker, Archäologe, Hagiograph und Liturgiker. Er studierte die Vergangenheit, um die Gegenwart besser zu leben..“ Kardinal Schusters Ideal der Heiligkeit zielte nicht auf außergewöhnliche, übernatürliche Phänomene, sondern basierte auf Gebet, das von den offenbarten Wahrheiten genährt wurde, auf der Arbeit und dem geduldigen Ertragen von Kreuzen. Sein Segen und sein Gebet erzielten jedoch manchmal wundersame Wirkung.
Als Mussolini 1922 an die Macht kam, glaubte Pater Schuster, der damals noch Mönch von St. Paul war, ebenso wie die große Mehrheit der italienischen Katholiken, er könne den Faschismus katholisieren. Doch trotz der Lateranverträge von 1929 war der Kardinal später gezwungen, sich gegen den Versuch des Staates zu wehren, alle Aktivitäten des Landes zu kontrollieren. Diskret prangerte er auch gewisse Vereinnahmungsversuche der faschistischen Bewegung im Hinblick auf den Klerus an. Nachdem Mussolini unter dem Einfluss seines deutschen Verbündeten die Rassengesetze verkündet hatte, hielt Kardinal Schuster am 13. November 1938 eine Predigt im Mailänder Dom, in der er den Rassismus klar verurteilte und ihn eine Häresie und eine „internationale Gefahr … nicht weniger als den Bolschewismus“ nannte. Auch wandte er sich gegen die Versuche des Staates, die Bildung junger Menschen zu monopolisieren. In einem Brief vom 12.. Februar 1937 an die Katholische Aktion verurteilte der Kardinal den zunehmend verbreiteten Kindsmord, der unter dem Vorwand der Eugenik immer häufiger praktiziert wurde. Er wollte diese armen, unschuldigen Kinder, denen die Taufe vorenthalten wurde, vor dem Tod bewahren.
1939 nahm Kardinal Schuster am Konklave teil, das zur Wahl von Papst Pius XII. führte. Als im April 1940 in Italien der Krieg hochgejubelt wurde, suchte er König Viktor Emanuel III. auf, um ihm zu sagen: „Eure Majestät, Italien vertraut darauf, dass Sie den Krieg abwenden werden.“ Doch sein Vorstoß blieb erfolglos. Im August 1943 wurde Mailand Ziel anglo-amerikanischer Luftangriffe: Brandbomben zerstörten fast die Hälfte der Stadt. Um den unzähligen Opfern der Armut und der darauffolgenden Hungersnot zu helfen, verteilte der Kardinal Hilfsgüter in Form von Bargeld, Lebensmitteln und Kleidung. „Gebt, gebt alles, was wir haben“, forderte er seine Gemeindepfarrer auf: „Unser Geld ist das Geld der Armen, wir können es nicht zurückbehalten.“ Er gründete die „Erzbischöfliche Caritas“ und förderte auch den Bau von Wohnungen für Obdachlose. Am 1. September 1943 veröffentlichte er einen Hirtenbrief, in dem er daran erinnerte, dass die Kirche stets die Rechte des Volkes, die Gewissensfreiheit und die Unverletzlichkeit der Familie gegen die Unterdrückung der Stärkeren verteidigt. In den letzten Kriegstagen organisierte er Verhandlungen, um eine unblutige Kapitulation der Faschisten zu erreichen. Im April 1945 bat Mussolini um ein Treffen mit dem Kardinal. Dieser versuchte, ihn zur Reue und Kapitulation zu bewegen, doch vergeblich. Als der in Mailand hingerichtete Leichnam des Diktators auf einem öffentlichen Platz aufgehängt wurde, forderte der Erzbischof die Anführer des Widerstandes auf: „Nehmt ihn herunter oder ich tue es selbst!“ Es wurde ihm gehorcht.
Am 8. Januar 1952 wurde in Florenz die Italienische Bischofskonferenz gegründet, deren erster Vorsitzender Kardinal Schuster wurde. Als er von Pius XII. zum päpstlichen Legaten für die Nationalen Eucharistischen Kongresse 1951 und 1953 ernannt wurde, zeichnete er sich durch große Frömmigkeit aus. Doch im März 1954 musste er einen kanonischen Besuch wegen Erschöpfung unterbrechen; sein Herz hatte bereits seit Jahren Anzeichen von Ermüdung gezeigt. Am 14. August zwang ihn sein Arzt, sich in das Seminar von Venegono zurückzuziehen. Den um ihn versammelten Seminaristen vertraute er sich hinsichtlich seines Gesundheitszustands an: „Da ich die Zinsen nicht Jahr für Jahr zahlen wollte, muss ich jetzt das gesamte Kapital und die Zinsen auf einmal zurückzuzahlen!“ Weiter sagte er: „Die Menschen sind von unserer Predigt nicht mehr überzeugt, aber angesichts der Heiligkeit Vieler glauben sie noch immer, knien noch immer nieder und beten..“ In einem letzten Artikel für eine Mailänder Zeitschrift anlässlich des Todes von Alcide De Gasperi, eines italienischen Politikers, dessen Seligsprechungsverfahren eingeleitet worden war, schrieb er: „Die Einheit Europas kann nur in seiner christlichen Tradition gefunden werden.“ In der Nacht vom 29. auf den 30. August starb er friedlich, nachdem er die Krankensalbung und die Kommunion empfangen hatte. Als dreißig Jahre später, am 28. Januar 1985, im Zuge seines Seligsprechungsprozesses sein Grab geöffnet wurde, war sein Leichnam unversehrt.
Der höchste Wert
Bei der Seligsprechung von Kardinal Schuster am 12. Mai 1996 betonte Papst Johannes Paul II.: „Die Liebe zu Christus, die sich in seinem unerschöpflichen Dienst an der Kirche ausdrückte, bildete das Herz von Alfredo Ildefons Schusters Spiritualität und apostolischem Wirken. … Der Geist des Gebetes und der Kontemplation, der der benediktinischen Tradition, in der er geformt wurde, eigen ist, beseelte seinen gesamten pastoralen Dienst.. … Auch heute noch weist er alle Priester und alle, die berufen sind, im Weinberg des Herrn zu arbeiten, auf den höchsten Wert der Liebe zu Gott hin, die Grundlage brüderlicher Gemeinschaft, und darauf, dass ‚worin die wahre Größe der Kirche und ihrer Kinder besteht, die Liebe ist‘ (Geistliche Schriften, S. 27).“
Kardinal Schuster betete Christus in seinem Herzen an, wie der heilige Petrus lehrte und war stets bereit, vor jedem Rechenschaft abzulegen, der ihn nach dem Grund für die Hoffnung fragte, die in ihm war. Mit Sanftmut, Respekt und reinem Gewissen war er bereit, für das Gute zu leiden, wenn es Gottes Wille war (vgl. 1 Petr 3,15-17). Möge er uns eine ähnliche Treue zum Herrn einflößen!







