Carta

Blason   Abadia de São José de ​​Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

France


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30 Maio 2019
Christi Himmelfahrt


Caro amigo da Abadia de São José

Am 14. Oktober 2018 sprach Papst Franziskus neben Papst Paul VI. auch Nunzio Sulprizio heilig, einen jungen Mann, der am 1. Dezember 1963 im Beisein aller für das II. Vatikanum versammelten Bischöfe von Paul VI. seliggesprochen worden war. Das Leben Nunzio Sulprizios war im Wesentlichen von zwei Aspekten gekennzeichnet, wie Papst Paul VI. bei der Seligsprechung betont hatte: „Der Kürze seines Lebens und der Tatsache, dass er in seiner Jugend einige Jahre lang als armer, einfacher Lehrling in einer schäbigen Schlosserwerkstatt gearbeitet hatte – ‚jung‘ und ‚Arbeiter‘: Diese zwei Merkmale scheinen den neuen Seligen auszuzeichnen; sein Charakter macht seine kurze und traurige Biographie überaus interessant … ‚Jung‘ und ‚Arbeiter’ – ist das mit Heiligkeit überhaupt vereinbar? Kann ein junger Mann ein Heiliger sein? Noch interessanter wird es, wenn wir entdecken, dass unser Kandidat nicht trotz der Tatsache der Seligsprechung würdig ist, dass er jung und Arbeiter war, sondern gerade deswegen.“

Am 13. April 1817 kam in Pescosansonesco, einem Dorf in Abruzzen (Mittelitalien), ein Junge auf die Welt, der noch am gleichen Tag zu Ehren von Mariä Verkündigung Annunzio getauft wurde. Sein Vater, Domenico Sulprizio, war Schuhmacher, seine Mutter, Rosa Luciani, arbeitete in einer Spinnerei. Anlässlich eines Besuchs des Bischofs von Pescara im Nachbarort empfing Nunzio bereits mit drei Jahren das Sakrament der Firmung. Im August 1820 starb Domenico Sulprizio mit 26 Jahren und ließ seine Frau mittellos zurück. Diese heiratete zwei Jahre später wieder; Nunzios Stiefvater erwies sich als unerbittlich streng; er schlug und demütigte den Jungen wegen der geringsten Verfehlung. Der scheue, sensible Knabe stand seiner Mutter und seiner Großmutter mütterlicherseits sehr nahe; er besuchte eine kleine Schule, die von einem Pfarrer betrieben wurde, und verbrachte dort die schönsten Stunden seines Lebens: Er lernte Jesus, den menschgewordenen Sohn Gottes, kennen, begann zu beten und lernte lesen und schreiben. Am 5. März 1823 starb auch Nunzios Mutter; das Kind wurde von seiner Großmutter, Rosaria Luciani, aufgenommen, die zwar weder lesen noch schreiben konnte, die jedoch umso reicher an Glauben und Nächstenliebe war. Der Junge kam auf eine Armenschule. Es machte ihm Freude, als Messdiener zu wirken und Jesus im Tabernakel zu besuchen; er empfand Abscheu vor der Sünde und wollte dem Herrn Jesus nacheifern. Doch 1826 verlor Nunzio im Alter von gerade 9 Jahren auch seine geliebte Großmutter.

Mit Hammer und Amboss

Der Knabe wurde nun von seinem Onkel Domenico Luciani aufgenommen, den alle Welt nur „Mingo“ nannte. Der Mann war Alkoholiker, zudem extrem jähzornig, brutal und grob. Er nahm Nunzio von der Schule und setzte ihn als Lehrling in seiner Schmiede ein, wo er ihn ohne Rücksicht auf seine Jugend und seine elementarsten Lebensbedürfnisse 12 Stunden am Tag schuften ließ. Kam ihm sein Neffe nicht folgsam genug vor, gab er ihm nichts zu essen. Nunzio magerte ab und fiel mitunter vor Hunger in Ohnmacht, doch sein Onkel nahm das nicht einmal zur Kenntnis. Er schickte ihn zum Einkaufen, ganz gleich, welche Entfernungen zurückgelegt und welche Lasten transportiert werden mussten. Dem Jungen blieben weder Schläge noch Flüche, noch Gotteslästerungen erspart. Die anderen Männer, die in der Schmiede arbeiteten, behandelten ihn ebenfalls schlecht; sie wussten um seine Empfindsamkeit und machten sich einen Spaß daraus, in seiner Gegenwart zu lästern. Nunzio pflegte in solchen Fällen wegzulaufen und sich die Ohren zuzuhalten. An manchen Tagen bat er, vor Müdigkeit und Hunger erschöpft, die Nachbarn um Hilfe. Nur sein tiefer Glaube hielt ihn aufrecht und bewahrte ihn vor dem Zusammenbruch. Während er in der Werkstatt mit Hammer und Amboss arbeitete – eine unmenschliche Arbeit für ein Kind –,  dachte er an seinen großen Freund, den gekreuzigten Jesus; er betete und brachte, mit Ihm vereint, sein Leid als Opfer für die Sünden der Welt dar. Sonntags ging er zur Messe, selbst wenn niemand ihn geschickt hatte; das war sein einziger Trost in der ganzen Woche.

Papst Paul VI. sagte zu den Jugendlichen: „Euer Alter wurde von Nunzio Sulprizio erleuchtet und geheiligt … Er lässt euch sagen, dass die Jugend nicht als Alter zügelloser Leidenschaften, unausweichlicher Abstürze, unüberwindbarer Krisen, pessimistischer Dekadenz und zur Schau getragener Selbstsucht betrachtet werden darf. Er lässt euch sagen, dass die Jugend vielmehr eine Gnade, ein Glück ist. Sagte der hl. Filippo Neri nicht immer wieder: ‚Wie glücklich seid ihr, ihr jungen Leute, die ihr noch Zeit habt, Gutes zu tun?’ Es ist eine Gnade, es ist ein Glück, unschuldig, rein, fröhlich, stark, voller Schwung und Leben zu sein, wie eigentlich alle Menschen sein müssten, die das Geschenk einer jungen, neuen, durch die Taufe geheiligten Existenz empfangen. Sie bekommen einen Schatz, der nicht kopflos vergeudet werden darf, sondern erkannt, bewahrt und so entwickelt werden muss, dass er lebendige, für sie selbst und alle anderen ergiebige Früchte trägt … Nunzio wird euch lehren, dass ihr, die Jugendlichen, in euch selbst die Welt erneuern könnt, in der zu leben euch die Vorsehung berufen hat, und dass es eure vordringliche Aufgabe ist, euch dem Heil einer Gesellschaft zu weihen, die gerade so starke und unerschrockene Seelen braucht. Er wird euch den obersten Glaubenssatz Christi lehren: dass nämlich das Opfer, das Kreuz, unser Heil und das Heil der Welt ist.“

Kraft und Licht

An einem kalten Wintermorgen schickte Mingo seinen Neffen mit allerlei schwerem Material beladen zu einem abgelegenen Bauernhof. Nunzio glitt unterwegs aus und fiel in einen eisigen Tümpel. Am Abend kehrte er erschöpft, mit einem geschwollenen Bein und hohem Fieber heim. Er legte sich wortlos ins Bett, doch am nächsten Tag konnte er nicht mehr. Sein Onkel verordnete ihm ein einfaches Medikament: Er solle weiterarbeiten, sonst bekäme er nichts zu essen. Nunzio ging wieder an die Arbeit. Wenn er konnte, floh er zum Beten in die Kirche, denn Jesus in der Hostie schenkte ihm Freude, Kraft und Licht. War es ihm unmöglich, das Allerheiligste aufzusuchen, suchte er die Begegnung mit Gott in seinem Herzen. Dank seiner engen Verbundenheit mit Gott behielt er stets sein Lächeln bei und vergab alles: „Es ist, wie Gott will! Möge Gottes Wille geschehen!“ Seine innere Freude und seine Nächstenliebe machten ihn bei den Bauern der Gegend beliebt, und sie plauderten gern mit ihm. Er nutzte die Gelegenheit, um einfach über den Glauben zu sprechen und ihnen den Herrn zu verkündigen.

„Und für euch, Arbeiter“, fügte Papst Paul VI. hinzu, „besagt die Botschaft des seligen Nunzio Sulprizio vor allem, dass die Kirche an euch denkt, dass sie euch schätzt und euch vertraut, dass sie in eurem Status die Würde des Menschen und des Christen erkennt, dass bereits die Last eurer Mühen euren Anspruch auf sozialen Aufstieg und moralische Größe begründet. Die Botschaft besagt auch, wie sehr die Arbeit immer noch des Schutzes, des Beistands und der Hilfe bedarf, um frei und menschlich sein zu können und um dem Leben den ihm zustehenden Raum zu geben. Sie besagt auch, dass die Arbeit nicht von der Religion getrennt werden darf. Die Religion schenkt Erleuchtung, d.h. den höchsten Lebenssinn, und legt die Skala der wahren Werte im Leben fest; die Religion lässt atmen, sie verleiht der körperlichen Mühe und der beruflichen Tätigkeit Innerlichkeit, Reinigung, Edelmut und Trost; die Religion macht die Technik, die Wirtschaft und das soziale Leben menschlich; sie macht die Arbeiter groß, gut, gerecht, frei und heilig. Nunzio wird euch sagen, wie ungerecht es ist, das Leben des Arbeiters seiner geistlichen Nahrung und seiner spirituellen Ausdrucksmöglichkeit, nämlich des Gebets, zu berauben. Er wird euch sagen, dass es für euren Geist, für euer familiäres und gesellschaftliches Leben nichts Schädlicheres gibt, als Christus zu ignorieren, als Ihm, dem großen Freund, mit Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit zu begegnen; und dass letztlich niemand mehr als ein Arbeiter mit starkem und ehrlichem Herzen dazu berufen ist, Ihm nahe zu sein, sein Evangelium zu empfangen und in den Genuss seines Heils zu kommen.“

„Du wirst den Blasebalg ziehen!“

Eines Tages fiel Nunzio ein Hammer auf den Fuss. Um die dadurch entstandene Wunde zu reinigen, schleppte er sich zum Dorfbrunnen, wurde jedoch bald von den Frauen verjagt, die dort ihre Wäsche waschen wollten. Er konnte nun nicht mehr wie früher weiterarbeiten; sein Onkel sagte: „Wenn du den Hammer nicht mehr heben kannst, wirst du … halt den Blasebalg ziehen!“ Das bedeutete eine unbeschreibliche Qual für das Kind; Mingo band es sogar an der Kette des Blasebalgs fest, um es zum Arbeiten zu zwingen. Als er schließlich einsehen musste, dass es so nicht weiterging, schickte er seinen Neffen ins Krankenhaus der Nachbarstadt und dachte, der Nichtsnutz würde schon nicht zurückkehren. Nunzio blieb von April bis Juni 1831 dort, doch die Behandlung vermochte seine brandige Wunde nicht zu heilen. Die wochenlange Erholung tat ihm dennoch gut; er kümmerte sich um die anderen Kranken und betete viel. Zu seinem Onkel zurückgekehrt, musste er betteln, um zu überleben. „Ich leide kaum“, beteuerte er, „wenn es mir nur gelingt, meine Seele zu retten und Gott zu lieben!“ Sein einziger Lichtblick in dieser Situation war das Kruzifix.

Francesco Sulprizio, ein anderer Onkel Nunzios, war Korporal in der Armee der Bourbonen in Neapel. Als er von der grausamen Behandlung seines Neffen erfuhr, suchte er 1832 Mingos Schmiede auf und verlangte, dass Nunzio seiner Obhut anvertraut werde. Der Schmied war froh, den unnützen Arbeiter loszuwerden. Francesco nahm den Jungen nach Neapel mit, wo er ihn dem Obersten Felice Worchinger vorstellte, einem frommen, mildtätigen Mann. Dieser erklärte sich bereit, den Jungen unter seine Fittiche zu nehmen und für ihn zu sorgen.

Die Jungfrau Maria ließ zwei mitleidige Männer Nunzios Weg kreuzen. Papst Franziskus forderte alle Christen am Welttag der Kranken vom 11. Februar 2018 auf, um Sensibilität für das Leid unseres Nächsten zu bitten: „Maria, der Mutter der Zärtlichkeit, wollen wir alle an Körper und Geist Kranken anvertrauen, damit sie sie in der Hoffnung stütze. Sie bitten wir auch, uns zu helfen, gegenüber den kranken Brüdern und Schwestern Aufnahmebereitschaft zu zeigen. Die Kirche weiß, dass sie einer besonderen Gnade bedarf, um ihrem evangeliumsgemäßen Dienst der Krankenpflege gerecht zu werden. Daher möge uns das Gebet zur Mutter des Herrn alle in einem inständigen Flehen vereinen, damit jedes Glied der Kirche in Liebe die Berufung zum Dienst am Leben und der Gesundheit lebe.“

Wie könnte ich mich beklagen?

Nunzio wurde umgehend in das für unheilbar Kranke vorgesehene Hospital Santa Maria del Popolo eingeliefert. Seine Knochen waren bereits von Krebs befallen und bereiteten ihm heftige Schmerzen, die er mit unerschütterlicher Geduld ertrug. Ein Geistlicher fragte ihn: „Musst du viel leiden?“ – „Ja, ich erfülle den Willen Gottes.“ – „Was würde dir Freude machen?“ – „Ich möchte gern beichten und Jesus zum ersten Mal empfangen!“ – „Hast du die Erstkommunion noch nicht erhalten?“ – „Nein, in unserer Gegend müssen wir damit warten, bis wir 15 Jahre alt sind.“ – „Und deine Eltern?“ – „Sie sind tot.“ – „Und wer sorgt für dich?“ – „Gottes Vorsehung!“ Man ging sogleich daran, ihn auf den Empfang von Jesu Leib vorzubereiten. Der Tag der Erstkommunion wurde der schönste Tag seines Lebens. Sein Beichtvater sagte später: „Von da an begann die Gnade Gottes auf eigentümliche Weise in ihm zu wirken: Seine ganze Person atmete die Liebe zu Gott und die Liebe zu Jesus Christus aus.“ Nunzio wurde auf seinem Leidensweg mit Visionen der Gottesmutter, der Engel und Heiligen bedacht. Die Verbände um seine Wunden entwickelten wundertätige Eigenschaften: So wurde eine Hofdame aus Neapel von ihren Schmerzen befreit, als sie sie auf ihr krankes Knie legte. Der Oberst fragte sich daraufhin verwirrt: „Wie könnte ich mich über die Schicksalsschläge beklagen, die der Herr mir schickt, wenn ich den heroischen Mut sehe, mit welchem Nunzio seine Krankheit trägt? Wie könnte ich zögern, meinen Überfluss mit den Armen zu teilen, wenn er als der sicherlich Ärmste von allen das Angebotene zurückweist und es anderen gibt?“

Die medizinische Behandlung führte zu einer Besserung: Nunzio konnte seine Krücken beiseitelegen und an einem Stock gehen. Er betete viel vor dem Allerheiligsten und dem Kruzifix, vor Unserer Lieben Frau der Schmerzen und selbst im Bett. Er wurde zum Engel und Apostel der anderen Kranken, katechisierte die Kinder im Krankenhaus und bereitete sie auf ihre erste Beichte sowie auf ihre Erstkommunion vor. Alle, die sich ihm näherten, spürten den Zauber seines heiligen Lebens. Seinen Gefährten im Krankenhaus empfahl er: „Sei immer mit dem Herrn, denn alles Gute kommt von ihm. Leide aus Liebe zu Gott und mit Freude!“ Gern pflegte er folgendes Stoßgebet an Unsere Liebe Frau zu richten: „Mutter Maria, lass mich Gottes Willen tun!“

In seiner Botschaft zum Welttag der Kranken vom 11. Februar 2017 schrieb Papst Franziskus: „Nachdem die heilige Bernadette an der Grotte gewesen ist, verwandelt sie durch das Gebet ihre Gebrechlichkeit in Unterstützung für die anderen, wird durch die Liebe fähig, ihren Nächsten zu bereichern und bietet vor allem ihr Leben für das Heil der Menschheit dar. Dass die ‚schöne Frau‘ sie bittet, für die Sünder zu beten, erinnert uns daran, dass die Kranken und Leidenden nicht nur den Wunsch zu genesen in sich tragen, sondern auch ein christliches Leben führen wollen und so weit kommen, es als echte missionarische Jünger Christi hinzugeben. Bernadette erhält von Maria die Berufung, den Kranken zu dienen; sie soll eine ‚Schwester der Nächstenliebe‘ sein – eine Aufgabe, die sie in so hohem Maße erfüllt, dass sie zu einem Vorbild wird, auf das sich jeder und jede im Pflegedienst Tätige beziehen kann. Bitten wir also die ‚Unbefleckte Empfängnis‘ um die Gnade, dass wir es verstehen, in unserer Beziehung zum Kranken immer den Menschen zu sehen, der zwar der Hilfe bedarf und bisweilen sogar für die elementarsten Dinge, der aber seine persönliche Gabe in sich trägt, um sie mit den anderen zu teilen.“

Die erste Person

Vom 11. April 1834 an wohnte Nunzio in der Wohnung Oberst Worchingers, seines zweiten Vaters. Er hatte den Wunsch, sich Gott zu weihen. Bis es soweit war, erlegte er sich mit Billigung seines Beichtvaters einen streng geregelten Tagesablauf auf: Gebet, Andacht und Frühmesse am Morgen, feste Lernzeiten tagsüber und Rosenkranzgebet am Abend. Der ehrwürdige Gaetano Errico, der gerade dabei war, die Kongregation der Missionare von den Heiligsten Herzen zu gründen, versprach, den jungen Mann als Ersten in seine Ordensfamilie aufzunehmen. Doch Nunzios Zustand verschlimmerte sich: Man konnte nichts mehr gegen seinen Knochenkrebs tun. Im Herbst 1835 beschlossen die Ärzte, sein krankes Bein zu amputieren, doch der Patient war so schwach, dass sie schließlich darauf verzichten mussten.

Im März 1836 bekam Nunzio hohes Fieber, und sein Herz wurde immer schwächer. Er litt unter starken Schmerzen, betete viel und bot sich als Opfer für die Kirche, die Priester und die Bekehrung der Sünder dar. Zu Besuchern sagte er: „Jesus hat so viel für uns gelitten, und dank seiner Verdienste wartet das ewige Leben auf uns. … Jesus hat für mich viel gelitten. Warum sollte ich nicht auch für Ihn leiden?… Ich würde sogar sterben, um einen einzigen Sünder zu bekehren.“ Am 5. Mai bat er um ein Kruzifix und ließ seinen Beichtvater rufen. Er empfing die Sterbesakramente und tröstete den Oberst, seinen Wohltäter. Gegen Abend rief er beglückt: „Unsere Liebe Frau, unsere Liebe Frau, seht wie schön sie ist!“ Mit diesen Worten auf den Lippen entschlief er im Herrn. Er wurde 19 Jahre alt. Sein Grab wurde umgehend zu einer Pilgerstätte.

Unerklärliche Früchte

Eiin einziger von Nunzio eigenhändig geschriebener Brief ist uns erhalten geblieben: Er hatte ihn einige Monate vor seinem Tod an seinen Onkel Mingo geschickt. Nunzio äußerte darin weder Bitterkeit noch Groll, denn sein Herz war völlig frei davon: Der Heilige Geist hatte in ihm seine besten Früchte hervorgebracht (vgl. Gal 5,22f). Papst Paul VI. ging der Frage dieser – ohne die Gnade unerklärlichen – Früchte nach: “Es wird nicht schwer sein, bei unserem Seligen ergiebige Ansatzpunkte für unsere Neugier und unsere Sympathie zu finden. Lädt uns seine von Not und Armut bestimmte Kindheit zum Beispiel nicht dazu ein, über das Mysterium unschuldigen Leidens nachzudenken? Und wieso mündete seine vom Gefühl der Einsamkeit, des Elends und sogar von Gewalt geprägte Kindheit nicht wie gewöhnlich in einer psychischen Krankheit, in Aufsässigkeit und Verderbtheit? Wieso entfaltete sich diese unglückliche, missglückte Jugend von Anfang an in einer unschuldigen, geduldigen und freundlichen Güte? Und dann das grundlegende Problem seines tief-religiösen Lebens. Von wo hatte er seine so lebendige, sichere, beharrliche und persönliche Frömmigkeit?… Wir könnten darin das Walten des unsichtbaren göttlichen Herrn entdecken, der eine reine Seele zum privilegierten Schüler macht, so dass diese die Glaubenswahrheiten und die Mysterien des Gottesreichs nicht aus Büchern oder von einem Lehrer, sondern aus einer erwachenden inneren Erkenntnis heraus lernt. Ebenso kann man sich fragen, wieso dieser kranke, unglückliche junge Mann die Fähigkeit besaß, jenseits seiner eigenen Bedürfnisse die Bedürfnisse der anderen zu verstehen und jenseits seiner eigenen Schmerzen auch die der anderen zu sehen. Die Geduld, die Milde und die Nächstenliebe dieses unheilbar kranken, hinkenden Jünglings lässt sich nur erzählen, beschreiben; eine schöne Rolle spielt in dieser kurzen Geschichte ein großherziger Oberst. Doch auf der menschlichen Ebene bleibt diese Güte unerklärlich; sie konfrontiert uns mit dem Geheimnis des wackeren Nunzio: dem Geheimnis seiner Heiligkeit.“

In seiner Heiligsprechungspredigt sagte Papst Franziskus: „Jesus ist radikal. Er gibt alles und verlangt alles: Er gibt totale Liebe und verlangt ein ungeteiltes Herz. Noch heute schenkt er sich uns als lebendiges Brot; können wir ihm dafür ein paar Krümel geben? Ihm, der sich zu unserem Diener machte, so sehr, dass er für uns das Kreuz auf sich nahm, können wir nicht einfach antworten, indem wir einige Gebote befolgen. Es ist nicht damit getan, ihm, der uns das ewige Leben bietet, ein bisschen Zeit zu schenken. Jesus gibt sich mit einem ‚Prozentsatz an Liebe‘ nicht zufrieden: wir können ihn nicht mit zwanzig, fünfzig oder sechzig Prozent lieben. Entweder alles oder nichts. Liebe Brüder und Schwestern, unser Herz ist wie ein Magnet: Es lässt sich von der Liebe anziehen, aber es kann nur auf einer Seite andocken und es muss wählen: Entweder es wird Gott lieben, oder es wird den Reichtum der Welt lieben (vgl. Mt 6,24); es wird leben, um zu lieben, oder es wird für sich selbst leben (vgl. Mk 8,35). Fragen wir uns, auf welcher Seite wir stehen. Fragen wir uns, wo wir in unserer Liebesgeschichte mit Gott stehen. Begnügen wir uns mit einigen Geboten oder folgen wir Jesus als Verliebte, die wirklich bereit sind, für ihn etwas aufzugeben? Jesus stellt einem jeden von uns und uns allen als einer ‚Kirche auf dem Weg’ die Frage: Sind wir eine Kirche, die nur gute Gebote predigt, oder eine bräutliche Kirche, die sich ihrem Herrn in Liebe hingibt?“

Bitten wir heiligen Nunzio, er möge für jeden von uns – je nach unserer Berufung – die Gnade der völligen Selbsthingabe erlangen, damit wir dem heiligenden Wirken des Geistes der Wahrheit und der Liebe willig folgen können.

Dom Antoine Marie osb