Carta

Blason   Abadia de São José de ​​Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

France


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4 Maro 2020
im Monat des hl. Josef


Caro amigo da Abadia de São José

Während des außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit sagte Papst Franziskus am 3. Juni 2016, dem Herz-Jesu-Fest, einem speziell den Priestern gewidmeten Tag: „Die unersetzlichen Schätze des Herzens Jesu sind zwei: der Vater und wir. Seine Tage verliefen zwischen dem Gebet zum Vater und der Begegnung mit den Menschen … Auch das Herz des Hirten Christi kennt nur zwei Richtungen: den Herrn und die Menschen. Das Herz des Priesters ist ein von der Liebe des Herrn durchbohrtes Herz. Deshalb schaut er nicht mehr auf sich selbst – sollte nicht auf sich selbst schauen –, sondern ist Gott und den Mitmenschen zugewandt. Es ist kein ‚wankendes Herz’ mehr, das sich vom Reiz des Augenblicks anziehen lässt oder das hin- und herzieht auf der Suche nach Zustimmung und kleinen Befriedigungen. Es ist stattdessen ein Herz, das im Herrn gefestigt, vom Heiligen Geist gefesselt und für die Mitmenschen offen und verfügbar ist.“ Die Kirchengeschichte kennt unzählige Priester mit einem vorbildlichen Leben. Zu ihnen gehört auch Francisco da Cruz, der durch sein Gott und den Menschen geweihtes Leben ganz Portugal erbaut hat.

Francisco (Franz) da Cruz wurde am 29. Juli 1859 in Alcochete bei Lissabon (Portugal) geboren. Sein Vater betrieb einen blühenden Holzhandel und besaß Ländereien, die von Pächtern bewirtschaftet wurden. Seine Mutter kümmerte sich um den Haushalt, das bei Franciscos Geburt bereits 3 Kinder zählte: Maria da Piedade, Manuel und José; später kamen noch António und Isabel hinzu. Im Hause da Cruz herrschte tiefe Religiosität, und Francisco eröffnete seinen Eltern im Alter von 9 Jahren, er wolle Priester werden. Doch in Portugal wehte damals ein antiklerikaler Wind. Die Naturwissenschaften schlugen in völliger Gottvergessenheit die Menschheit mit dem Versprechen von Wohlstand und Glück in ihren Bann. Im Oktober 1875 begann Francisco sein Studium an der Theologischen Fakultät der Universität Coimbra. Er studierte zwar fleißig, doch seine Frömmigkeit ging nicht über die Mindestanforderungen der Kirche hinaus: Besuch der Sonntagsmesse sowie Beichte und Kommunion einmal im Jahr. Sein Wunsch, Priester zu werden, hinderte ihn nicht daran, die Vergnügungen der Welt zu genießen: Er liebte die Jagd und das Spiel, genoss gutes Essen und gute Zigarren. Er sang hervorragend und zog die Aufmerksamkeit junger Mädchen auf sich. Dabei mied er immerhin jede Gelegenheit, Gott schwer zu beleidigen, wenn er auch nicht jedem schlechten Gedanken widerstehen konnte, wie er später zugab. Seine Mutter sorgte sich seinetwegen und betete viele Rosenkränze für ihn.

Als Francisco einmal in den Ferien zu Übungszwecken im Hof auf Spatzen schoss, übersah er seinen jungen Cousin, der im Schatten eines Busches im Gras lag, und traf ihn ins Auge; das Kind war fortan halbblind. Francisco war krank vor Kummer und beschloss, zur Wiedergutmachung die Ausbildungskosten für den Jungen zu übernehmen. Inzwischen lernte er Pater José Pires Antunes kennen, der 11 Jahre älter war als er. Er bewunderte die priesterliche Frömmigkeit des Paters, folgte seinem Vorbild jedoch erst, nachdem er selbst eine schwere Erkrankung durchgemacht hatte. Er erkannte nun die Zerbrechlichkeit des Lebens sowie der sinnlichen Genüsse und näherte sich Christus an, der nie jemanden enttäuscht. Pater José sprach oft über die Seelen zu ihm, die gerettet werden mussten, und eröffnete ihm eines Tages, dass er Jesuit werden und auf den Spuren des hl. Johannes de Britto wandeln wolle, eines portugiesischen Missionars, der im 17. Jh. in Indien den Märtyrertod erlitten hatte. Bis es soweit war, bereitete er Francisco auf eine Generalbeichte vor und überredete ihn, sich in einer marianischen Kongregation zu engagieren. Von da an bekannte sich Francisco durch Maria ganz klar zu Jesus und gab sein weltlich ausgerichtetes Leben auf.

Sympathien gewinnen

Don José wurde bald zum Professor am Seminar von Santarém ernannt. Nach Abschluss seines Theologiestudiums arbeitete Francisco zunächst am selben Seminar als Philosophiedozent. Trotz der Kopfschmerzen, die ihn seit seinen letzten Prüfungen quälten, nahm er das Amt aus der Hand der göttlichen Vorsehung an. Am 19. Dezember 1880 empfing er die niederen Weihen. Am 15. August 1881 starb seine Mutter nach kurzer Krankheit. Mit erneuerter Inbrunst und durch den Schlag gereift, empfing Francisco am 3. Juni 1882 die Priesterweihe. Als lebhafter und mitteilsamer Mensch gewann er viele Sympathien und war wegen seiner Geduld, seiner Milde und seiner Güte allseits beliebt. Doch die ständigen Kämpfe gegen sein eigenes Temperament kosteten ihn viel Kraft und verschlimmerten seine Kopfschmerzen. Im Herbst 1886 musste er einsehen, dass er außerstande war, zu unterrichten und seinen eigenen Ansprüchen zu genügen. Man ernannte ihn daraufhin zum Direktor eines Kollegs für mittellose Waisen in Braga, die die Aufnahme ins Seminar anstrebten. Wieder wurde er wegen seiner demütigen und ruhigen Autorität von allen geachtet und bewundert. Nie erhob er seine Hand gegen die ihm anvertrauten Kinder; bei schwerwiegenden Verfehlungen ließ er den Schuldigen niederknien und betete dabei selbst einen Rosenkranz. Die besten Schüler wurden zur Belohnung als Messdiener eingesetzt. Der „gute und heilige“ Pater Cruz, wie man ihn nannte, gab umsonst Nachhilfestunden und verwendete einen beträchtlichen Teil seines Gehalts dafür, fleißige Schüler zu belohnen. Doch schon bald fiel es ihm immer schwerer, die Messe zu zelebrieren: körperlich völlig erschöpft, sah er sich 1894 gezwungen, von seinem Amt zurückzutreten.

Eine riesige Aufgabe

Nach einer zehnmonatigen Erholungspause in seiner Heimat wurde Pater Cruz im Oktober 1895 zum Schulseelsorger an einem Kleinen Seminar in der Nähe von Lissabon ernannt, das alsbald in die Hauptstadt umzog. In seiner Freizeit widmete er sich der Betreuung von Armen und Kranken. Da er die Not, die in den Elendsquartieren herrschte, nicht allein lindern konnte, sammelte er Spenden in seiner Nachbarschaft. Der Pater brachte auch Häftlingen, die ja überall auf Ablehnung stießen, die Hoffnung des Evangeliums nahe: die Liebe Jesu. Sein Ruf verbreitete sich in der ganzen Stadt, und sein Beichtstuhl wurde regelrecht von Gläubigen belagert. Seine Aufgaben als Seminarseelsorger wurden immer umfangreicher; der Pater arbeitete mit vollem Einsatz, bis er 1899 an einer Rippenfellentzündung erkrankte und wieder zu seiner Familie zurückkehren musste. Die liebevolle Pflege seiner Schwester Isabel und seines Bruders Manuel brachten ihn mit der Zeit wieder auf die Beine. Während seiner langen Auszeit lernte er, seine Anfälligkeit zu akzeptieren, und schickte sich nun an, dem Guten Hirten ohne Bedauern und ohne Vorbehalte zu folgen.

„Das Einswerden mit Christus setzt Verzicht voraus“, sagte Papst Benedikt XVI. „Es schließt ein, dass wir nicht unseren Weg und unseren Willen durchsetzen wollen. Nicht dies oder jenes werden möchten, sondern uns ihm überlassen, wo und wie er uns brauchen will. Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir, hat der hl. Paulus dazu gesagt (Gal 2, 20). Im Ja der Priesterweihe haben wir diesen grundlegenden Verzicht auf das Selber-sein-Wollen, auf das Sich-selbst-Verwirklichen vollzogen. Aber dieses große Ja muss in vielen kleinen Ja und in kleinen Verzichten Tag um Tag eingelöst werden. Ohne Bitterkeit und ohne Selbstbemitleidung kann dieses Ja kleiner Schritte, die zusammen das große Ja ausmachen, nur möglich werden, wenn Jesus Christus wirklich die Mitte unseres Lebens ist“ (Gründonnerstag, 9. April 2009).

Kirchenfeindliche Strömungen

Im Laufe des Jahres 1900 nahm Pater Cruz seine seelsorgerliche Tätigkeit wieder auf, doch bereits 1902 musste er sich wegen Überlastung wieder zurückziehen. Am 2. Februar 1908 wurden der portugiesische König Karl I. sowie der Kronprinz in Lissabon ermordet. Neuer König wurde Prinz Manuel; er musste jedoch bereits zwei Jahre später nach einem Staatsstreich des Militärs nach England fliehen. In Portugal wurde die Republik ausgerufen; sogleich machten sich im ganzen Land kirchenfeindliche Strömungen bemerkbar. Die Schuld an allen Nöten des Volkes wurde den Jesuiten zugeschrieben. Im Oktober 1910 wurden ihre Klöster aufgelöst und ihr Besitz beschlagnahmt. Es kam zu einer Trennung zwischen Kirche und Staat. Viele Jesuiten wurden ins Gefängnis geworfen, andere des Landes verwiesen. Klerikern war das Tragen ihrer Soutane in der Öffentlichkeit untersagt. Pater Cruz ließ sich in Lissabon nieder und fing an, Jesuitenpatres im Gefängnis zu besuchen. Einmal flüchtete er zusammen mit einigen Mitbrüdern in ein Pfarrhaus, das anschließend von einem bewaffneten Kommando umzingelt wurde. Es strömten weitere Aufständische herbei und forderten: „Tötet sie!“ Die Eichentür des Pfarrhauses hielt jedoch dem Ansturm stand. Im Morgengrauen zogen die Soldaten ab, aber die Aufständischen harrten weiter aus. Da trat Pater Cruz auf die Schwelle und machte sich mit einem gütigen Gruß auf den Lippen auf den Weg zur Kirche. Als der Pater zur ersten Messe läutete, gingen alle auseinander.

Don Francisco besuchte regelmäßig Häftlinge im Gefängnis von Limoeiro. Er durfte ihnen materielle Unterstützung bringen, aber nicht mit ihnen reden. Wegen Verstoßes gegen diese Vorschrift wurde er einmal acht Tage lang selbst inhaftiert. Anschließend suchte er Justizminister Alfonso Costa auf und bekam von ihm einen Passierschein. Doch die Annäherung an die Gefangenen war schwierig: Viele von ihnen waren keine Katholiken und beschimpften ihn. Schließlich öffnete ihm jedoch seine Güte die Herzen der Häftlinge: Er verweigerte ihnen nie etwas, unterstützte ihre notleidenden Familien, übernahm Behördengänge, schrieb Gnadengesuche, machte Anwälte ausfindig und sprach oft beim Justizminister für sie vor. Einmal hielt ihm jemand entgegen, er würde dadurch seinen Ruf ruinieren. Seine Antwort lautete: „Mein Ruf ist der einzige persönliche Besitz, über den ich verfüge: Wenn er einen Unglücklichen zu retten vermag, gebe ich ihn leichten Herzens her.“ Innerhalb von vier Jahren wurde der Pater zum verlässlichsten, stets sehnsüchtig erwarteten Freund der Gefangenen. Als ihm einmal seine Brieftasche in einem Gemeinschaftsraum abhanden gekommen war, sagte er zu den Versammelten: „Wir stellen uns nebeneinander mit dem Gesicht zur Wand auf: ihr auf der einer Seite, ich auf der anderen, und ich stelle eine Bank zwischen uns; derjenige, der meine Brieftasche gefunden hat, möge sie auf die Bank legen.“ Der Pater hatte umgehend seine Brieftasche samt ihrem ganzen Inhalt wieder.

„Ein Jesuit!“

Pater Cruz zeigte sich auch armen Straßenkindern gegenüber barmherzig. Als er einmal seine Soutane nicht sorgfältig genug verborgen hatte, sah er sich plötzlich von einer aufgeregten Kinderschar umringt, die ihn mit der schlimmsten Beleidigung bedachte, die sie kannte: „Ein Jesuit, ein Jesuit!“ Die Kinder waren im Begriff  auseinanderzulaufen, da rief er sie zurück und bot ihnen an, Brot für sie zu kaufen. „Ich mag es, wenn man mich Jesuit nennt“, sagte er zu den hungrigen Kleinen. 1915 gründete der Patriarch von Lissabon eine Vereinigung, die das priesterliche Wirken stärken sollte, und ernannte Pater Francisco zu ihrem Leiter. Dieser organisierte und leitete die einmal im Monat stattfindenden Versammlungen; oft beschwor er seine Mitbrüder: „Arbeiten wir, arbeiten wir ohne Unterlass! Seht Satan: Er ruht weder Tag noch Nacht! Unsere Mission ist: Beichten hören und predigen, solange es Gläubige in der Kirche gibt, die zuhören, und beten!“ Er selbst ging ihnen mit gutem Beispiel voran.

Das Priesteramt ist für die Kirche von wesentlicher Bedeutung, sagte Papst Benedikt XVI.: „Als Kirche und als Priester verkündigen wir Jesus von Nazareth, den Herrn, den gekreuzigten und auferstandenen Christus, den Herrscher über die Zeit und die Geschichte, in der frohen Gewissheit, dass diese Wahrheit den tiefsten Erwartungen des menschlichen Herzens entspricht … Die Zentralität Christi bringt die richtige Wertung des Amtspriestertums mit sich, ohne das es keine Eucharistie und erst recht keine Sendung, ja selbst die Kirche nicht gäbe. In diesem Sinne ist es notwendig, darüber zu wachen, dass die ‚neuen Strukturen’ oder pastoralen Einrichtungen nicht für eine Zeit gedacht sind, in der man ohne das Weiheamt ‚auskommen’ muss, wobei von einem falschen Verständnis der rechten Förderung der Laien ausgegangen wird“ (Ansprache an die Vollversammlung der Kongregation für den Klerus, 16. März 2009).

1917 kam in Portugal der Freimaurer Sidónio Pais an die Macht, der für eine Versöhnung zwischen Kirche und Volk eintrat; er setzte den willkürlichen Verhaftungen ein Ende und stellte wieder geordnete Verhältnisse her. Im selben Jahr warteten an der Cova de Iria bei Fatima drei Kinder, die behaupteten, die Heilige Jungfrau gesehen zu haben, auf einen Priester; wie man ihnen versichert hatte, konnte dieser in den Herzen lesen. „Umso besser, wenn er alles erraten kann“, sagte die kleine Jacinta zu ihrer Cousine Lucia, „dann wird er sehen, dass wir die Wahrheit sagen.“ Sie sahen zwei Geistliche auf Eseln heranreiten. Ein älterer Priester stieg aus dem Sattel: Pater Cruz. „Kinder, wollt ihr mich zum Ort der Erscheinungen führen?“, fragte er mit einem gütigen Lächeln. Am Fuß der grünen Eiche angekommen, betete er einen Rosenkranz und sagte anschließend zu den Kindern: „Fürchtet euch nicht; es ist nicht der Teufel, der euch erschienen ist, wie man euch gesagt hat, sondern die Heilige Jungfrau!“ Jacinta rief begeistert: „Sie sind aber ein liebes altes Männchen!“ Der Pater, der gerade einmal 58 Jahre alt war, musste laut lachen. Von da an mischte er sich oft unter die Pilger von Fatima. Wenn man ihn fragte, ob er die Sonne hat tanzen sehen, antwortete er: „Nein … Ich war am Tag des Wunders nicht da; aber ich habe so viele Tränen in den Augen so vieler Sünder tanzen sehen, die ihre Sünden dank des Wunders von Fatima bereut haben, dass mir das egal ist!“

Auf der Suche nach den Sündern

Der Pater zeigte sich anderen gegenüber oft freudestrahlend und voller Aufmerksamkeit. Doch seine Stimmung konnte schnell umschlagen, und er ließ sich mitunter sogar zu verletzenden Worten hinreißen, für die er nachträglich um Vergebung bitten musste. Trotz vielfacher gesundheitlicher Probleme und einer ständigen geistigen Ermüdung entfaltete Pater Cruz eine überbordende Aktivität und durchstreifte das ganze Land im Dienste seiner Mitmenschen sowie auf der Suche nach besonders verstockten Sündern. Die Kraft dazu schöpfte er aus dem unablässigen Gebet. Einmal hielt er in einem Eisenbahnwagon sogar eine Kreuzwegandacht, an der sich etliche Reisende beteiligten. Auf einer anderen Reise betete er den Rosenkranz; zwei Frauen erkundigten sich, ob es ihn nicht ermüde, die ganze Zeit zu beten. „Und Sie, liebe Damen, ermüdet es Sie nicht, die ganze Zeit zu plaudern?“ – Als der Pater einmal krank war, ließ er einen Arzt rufen. Dieser verließ nach einer Stunde das Krankenzimmer mit den Worten: „Ich bin gekommen, um eine Spritze zu geben, und ich habe meine erste Beichte abgelegt!“ 

„Wir wollen uns fragen, was Barmherzigkeit für einen Priester – gestattet mir zu sagen: für uns Priester – bedeutet“, sagte Papst Franziskus in einer Ansprache an den Klerus am 6. März 2014. „Die Priester haben Mitleid mit den Schafen, wie Jesus, als er die Menschen müde und erschöpft sah, wie Schafe, die keinen Hirten haben. Jesus hat das ‚Innere’ Gottes. Jesaja erwähnt das oft: Er ist voll Zärtlichkeit zu den Menschen, besonders zu den Ausgegrenzten, also den Sündern, den Kranken, um die niemand sich kümmert … So ist der Priester als Abbild des guten Hirten ein Mann der Barmherzigkeit und des Mitleids, den Menschen nahe und Diener aller. Das ist ein pastorales Kriterium, dass ich sehr hervorheben möchte: die Nähe“.

„Ich habe schon alles verschenkt!“

Pater Cruz gab mit vollen Händen und behielt nichts für sich. Am Ende eines Triduums fiel den Verantwortlichen auf, dass sein Honorar mit der zehnmal höheren Gage der Musiker verwechselt worden war. Sie wandten sich an den Pater, um die Verwechslung rückgängig zu machen. „Der Irrtum ist nicht zu korrigieren, ich habe schon alles an die Armen verschenkt!“ – Ein Friseur musste einmal miterleben, wie der Pater, als es ans Bezahlen ging, in seinem Umhang und in seiner schwarzen Tasche hektisch zu wühlen begann und dabei allerlei zutage förderte, aber kaum Geld. „Bruder, ich fürchte, ich habe heute schon alles ausgegeben, es bleibt mir nichts, womit ich dich bezahlen kann. Der liebe Gott wird es dir vergelten.“ Der Friseur war skeptisch, protestierte jedoch nicht. Am nächsten Tag suchte er den Gemeindepfarrer auf und erzählte ihm alles. „Ich werde dich bezahlen“, erwiderte der Pfarrer. „Ich kenne Pater Cruz.“ – „Nein, nein, sagen Sie ihm, er soll immer zu mir kommen! Kaum war er weg, strömten die Kunden nur so herbei. Ich habe noch nie soviel Geld verdient.“ – Als der Pater einmal in Bragança predigen sollte, stieg er ohne Fahrkarte in den Zug. Unterwegs erklärte er dem Schaffner, er habe kein Geld, müsse aber bis zur Endstation fahren. Der Schaffner ließ sich nicht erweichen und zwang ihn, beim nächsten Halt auszusteigen. Der Pater stand nun auf dem Bahnsteig, doch auch der Zug fuhr nicht weiter: eine unvorhergesehene Panne. Niemand konnte herausfinden, wo der Fehler lag; da sagte der Schaffner zum Mechaniker: „Ich habe Pater Cruz aussteigen lassen, weil er keine Fahrkarte hatte; vielleicht hatte ich unrecht?“ Man ließ den Pater wieder einsteigen, und sogleich setzte der Zug seine Fahrt fort!

1925 hatte Don Francisco bei einer Wallfahrt nach Rom den General der Jesuiten, Pater Ledochowski, um Aufnahme in die Gesellschaft Jesu gebeten, doch dieser wollte keinen 66-jährigen kränklichen Novizen haben. Vier Jahre später erhielt der Pater General allerdings von Pius XI. eine selten gewährte Erlaubnis: Wenn Pater Cruz dereinst an der Schwelle des Todes ankomme, dürfe er seine Gelübde ablegen. Als der Pater 1940 das Alter von 81 Jahren erreichte, bat er Papst Pius XII. um die Gnade, die Ordensgelübde ohne weiteres Zuwarten ablegen zu dürfen; er bekam die Erlaubnis, und das war sein letzter großer Trost. Seine Kräfte schwanden immer mehr; seine Krankenpflegerin bezeugte später: „Alle waren überzeugt davon, dass er ein Heiliger war.“ Pater Cruz starb am 1. Oktober 1948, dem ersten Freitag des Rosenkranzmonats, und wurde am Festtag der von ihm tief verehrten hl. Therese vom Kinde Jesu (dem 3. Oktober) beerdigt. Kardinal Cerejeira schrieb über ihn: „Der heilige Pater Cruz wird eines der reinsten Ruhmesblätter unseres Patriarchats bleiben. Der Klerus von Lissabon wird ihn stets als vollendetes Vorbild verehren: im apostolischen Amt sowie als Priester, der sich voll und ganz der Ehre Gottes sowie dem Seelenheil der Menschen geweiht hatte. Er wird in ihm ein Vorbild und einen Fürsprecher haben.“ Der Seligsprechungsprozess für Pater Francisco da Cruz wurde am 10. März 1951 eröffnet.

„Denn der Priester, liebe Freunde, ist ein Geschenk des Herzens Christi: ein Geschenk für die Kirche und die Welt“, sagte Papst Benedikt XVI. am 13. Juni 2010. „Dem Herzen des Sohnes Gottes, das von Liebe überfließt, entspringt alles Wohl der Kirche, und in besonderer Weise hat in ihm die Berufung jener Männer ihren Ursprung, die von Jesus, dem Herrn, erobert worden sind und daher alles verlassen, um sich gemäß dem Beispiel des Guten Hirten ganz dem Dienst am christlichen Volk zu widmen. Der Priester ist von der Liebe Christi geformt, von jener Liebe, die ihn dazu gedrängt hat, sein Leben für seine Freunde hinzugeben und auch seinen Feinden zu vergeben. Daher sind die Priester die ersten Arbeiter der Zivilisation der Liebe.“

Dom Antoine Marie osb