26. Juli 1999
Hl. Joachim und Anna


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am Morgen des ersten Januar 1300 erlebte Rom, die Hauptstadt der christlichen Welt, eine außergewöhnliche Betriebsamkeit. Die Römer begaben sich in Scharen zur Basilika Sankt Peter. ,,Heiliger Vater", sagten sie zum Papst, ,,gebt uns Euren Segen, bevor wir sterben. Wir haben von unseren Vorfahren gehört, daß jeder Christ, der den Leichnam der Apostel in diesem Jahr der Jahrhundertwende besucht, sowohl von seinen Verfehlungen als auch von den Strafen für die Sünde befreit wird". Am Abend war der Zulauf so groß, daß man sich sowohl im Kirchenschiff als auch um die Altäre herum kaum mehr bewegen konnte. An den folgenden Tagen herrschte der gleiche Andrang. Von überall her strömten die Pilger herbei, um die Basilika aufzusuchen, ihre Sünden zu beichten und am Grab der Apostel zu beten.

Die erste Reaktion des Heiligen Stuhls war Überraschung: Man kannte keine Tradition in dieser Richtung. Papst Bonifaz VIII. ließ die Archivare nachforschen, doch vergebens: Sie fanden keine Spur von außerordentlichen Ablässen, weder für das Jahr 1200 noch für die Jahrhunderte davor. Auf der Suche nach mündlichen Zeugnissen entdeckte man schließlich einen alten Mann, der behauptete: ,,Mein Vater ist im Jahre 1200 nach Rom gegangen; er hat mir empfohlen, ich solle meinerseits, falls ich so lange leben werde, eine solche Gnade bei der neuen Jahrhundertwende bloß nicht versäumen". Am päpstlichen Hof blieb man ratlos.

Um das zu glauben, muß man es gesehen haben!

Doch die Pilger strömten immer weiter herbei. Was sollte man tun? Es ist schwer, die Volksfrömmigkeit im Ungewissen zu lassen. Am 22. Februar erließ Bonifaz VIII. eine Bulle für das Volk, die den Pilgern des Jahres 1300 unter bestimmten Voraussetzungen einen vollkommenen Ablaß gewährte. Die Verkündung dieses Dokumentes hatte eine gewaltige Wirkung. Aus allen Ländern eilte man nach Rom. Ein damaliger Chronist schätzte die Zahl der Pilger in diesem Jahr auf zwei Millionen. Die Straßen waren von Reisenden übervölkert. Junge Leute, die zu arm waren, um sich ein Reittier zu leisten, machten sich zu Fuß auf; Alte und Gebrechliche wurden auf Tragen transportiert. Man sah reiche Leute, die aus dem Geiste der Buße und der Demut heraus ebenso bescheiden reisten wie die Armen. In Rom mußte der Verkehr geregelt werden. Der Zugang zur Engelsbrücke, über die man zum Petersdom kommt, erwies sich als zu eng; so wurde, so gut es ging, ein neuer Weg gebahnt. Die Brücke wurde durch einen Bauzaun zweigeteilt, um ,,Einbahnstraßen" einzurichten. Selbst nachts hörten die Besuche in den Basiliken nicht auf. ,,Um das zu glauben, muß man es gesehen haben!" beteuerte ein Zeuge.

Papst Bonifaz VIII. hatte zu jeder Jahrhundertwende die Abhaltung eines Jubeljahres vorgesehen. Doch ,,wegen der Kürze des menschlichen Lebens" gewährte Papst Clemens VI. für das Jahr 1350 ein neues Jubiläum. Nach und nach gewann das Jubeljahr, das einzig und allein dem Erreichen eines vollkommenen Ablasses gedient hatte, eine weitere Bedeutung: Es bot Gelegenheit zur geistlichen Erneuerung in der Liebe zu Gott, in der Treue zum Evangelium und dadurch in der Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft im Blick auf Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Bei der Ankündigung des Jubeljahres 1950 sagte Papst Pius XII.: ,,Das Große Jubiläum hat nicht nur den Hauptzweck, alle Christen zur Sühne für ihre Sünden und zur Besserung ihres Lebens aufzurufen, sondern auch zum Erwerb von Tugend und Heiligkeit, entsprechend dem, was gesagt wurde: Heilig müßt ihr sein, weil ich, der Herr, euer Gott, heilig bin (Lev 19, 2) ... Wenn die Menschen auf diese Stimme des Evangeliums gutwillig hören,... so werden sich nicht nur die privaten Sitten, sondern auch das öffentliche Leben an die Gebote und den christlichen Geist anpassen". Zur Eröffnung des Jubeljahres 1975 sagte Papst Paul VI., das Wesentliche des Heiligen Jahres sei ,,die innere Erneuerung des Menschen: Das Evangelium nennt das Umkehr, Buße... Das ist eine Zeit der Gnade, die man gewöhnlich nur erreicht, wenn man den Kopf senkt".

In Erwartung des Jahres 2000 steht die katholische Kirche vor zahlreichen Herausforderungen. Bischof Cordes, der stellvertretende Vorsitzende des Päpstlichen Rates für die Laien stellte sie bei einer internationalen Begegnung 1992 folgendermaßen vor: ,,In der Kirche stehen mehrere Millionen von Katholiken nicht in der Nachfolge Christi und sind ihm nicht ergeben, obwohl sie sich stets als katholisch bezeichnen und gelegentlich an den liturgischen Feiern der Kirche teilnehmen. Es gibt weitere Millionen, die in bezug auf die Grundlagen des Glaubens desorientiert bzw. im Unklaren sind, oder sogar durch Irrlehren fehlgeleitet werden. Auch wenn der Kommunismus nicht mehr die Bedrohung darstellt wie früher, können westlicher Materialismus, Verweltlichung und Konsumerismus (mißbräuchliche Nutzung der Güter dieser Erde) eine weitaus größere Bedrohung für das Seelenleben darstellen. Und über die sichtbaren Verletzungen der Kirche hinaus, kennen Milliarden unserer Mitmenschen Christus immer noch nicht und leben unter verschiedenen Formen sozialer und persönlicher Unterdrückung. Viele sind noch immer Sklaven der Sünde und stehen unter dem Einfluß des Schlechten. Warum sollten wir nicht anerkennen, daß Satan daran arbeitet, die Menschen von Gott zu trennen - wie uns die Schrift sagt: Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge (1 Petr 5, 8)?"

Eine starke Pädagogik

Angesichts dieser Herausforderungen ruft Papst Johannes-Paul II. alle Christen zur Feier des Großen Jubiläums des Jahres 2000 auf: ,,Die Jubiläumszeit führt uns in jene kraftvolle Sprache ein, welche die göttliche Pädagogik des Heiles anwendet, um den Menschen zu Umkehr und Buße anzuhalten; sie ist Anfang und Weg seiner Rehabilitierung und die Voraussetzung für die Wiedererlangung dessen, was der Mensch mit seinen Kräften allein nicht erreichen könnte: die Freundschaft Gottes, seine Gnade, das übernatürliche und damit das einzige Leben, in dem sich die tiefsten Sehnsüchte des menschlichen Herzens erfüllen können" (Bulle Incarnationis mysterium, IM, 29. November 1998, 2).

Die ,,kraftvolle Sprache", welche Gott im Blick auf unser Heil anwendet, ist die Sprache der Propheten bis hin zum heiligen Johannes dem Täufer, und vor allem die Sprache Jesu, des göttlichen Meisters: Vielmehr werdet ihr alle, wenn ihr euren Sinn nicht ändert, auf gleiche Weise umkommen (Lk 13, 3). Geht hinein durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor, und breit ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele sind es, die hineingehen auf ihm. Eng aber ist das Tor und schmal ist der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind es, die ihn finden (Mt 7, 13-14). Jesus offenbart uns den so schwerwiegenden Einsatz unseres irdischen Lebens: Die Art, wie wir gelebt haben, wird unser ewiges Schicksal unwiderruflich festlegen. Das Leben auf Erden ist einzig: Es ist für die Menschen bestimmt, einmal zu sterben, und darauf kommt das Gericht (Hebr 9, 27). ,,Da wir aber weder Tag noch Stunde wissen", lehrt das II. Vatikanische Konzil, ,,so müssen wir nach der Mahnung des Herrn standhaft wachen, damit wir am Ende unseres einmaligen Erdenlebens mit ihm zur Hochzeit einzutreten und den Gesegneten zugezählt zu werden verdienen und nicht wie böse und faule Knechte ins ewige Feuer weichen müssen, in die Finsternis draußen, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird" (Lumen gentium, 48). Der Herr hat uns vor die Wahl zwischen zwei Wegen gestellt: dem Weg des Lebens und dem Weg des Todes (Jer 21, 8). Wir müssen uns für den einen oder anderen entscheiden.

Da wir nach dem Abbild Gottes, ihm ähnlich (Gen 1, 26) erschaffen sind, sind wir auch fähig, ihn zu erkennen und frei zu lieben. Durch das Wort Abbild will die Heilige Schrift sagen, daß wir zur Freundschaft mit Gott berufen sind. Andererseits ist Christus vom Vater entsandt worden, damit wir die Annahme zu Söhnen empfingen (Gal 4, 5), damit wir in die Familie Gottes eintreten und Erben Gottes und Miterben Christi (Röm 8, 17) in der Heimat des Himmels werden. Das ist die Hoffnung der Christen. Aber Freundschaft kann niemandem aufgezwungen werden. Freundschaft wie auch Adoption wird angeboten, um frei angenommen oder abgelehnt zu werden. Wer sich für die Ablehnung entscheidet, der hat keinen Anteil am Reich Christi und Gottes (Eph 5, 5). Durch die schwere Sünde zerbricht der Mensch die Freundschaft Gottes und begibt sich auf den Weg ins ewige Verderben. ,,Die Todsünde ist wie auch die Liebe eine radikale Möglichkeit, die der Mensch in Freiheit wählen kann", lehrt der Katechismus der Katholischen Kirche. ,,Sie zieht den Verlust der göttlichen Tugend der Liebe und der heiligmachenden Gnade, das heißt des Standes der Gnade, nach sich. Wenn sie nicht durch Reue und göttliche Vergebung wieder gutgemacht wird, verursacht sie den Ausschluß aus dem Reiche Christi und den ewigen Tod in der Hölle, da es in der Macht unseres Willens steht, endgültige und unwiderrufliche Entscheidungen zu treffen" (Katechismus, 1861).

Es ist bitterböse, den Herrn, unseren Gott, zu verlassen

Jesus warnt uns im Evangelium oft vor der ewigen Konsequenz der Todsünde: Wenn dir dein rechtes Auge zum Ärgernis wird, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengehe, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde. Wenn dir deine rechte Hand zum Ärgernis wird, so hau sie ab und wirf sie von dir; denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengehe, als daß dein ganzer Leib in die Hölle fahre (Mt 5, 29-30). Der heilige Benedikt greift diese Lehre wieder auf, indem er die Mönche ermahnt, ,,den Tag des Gerichtes zu fürchten" und ,,vor der Hölle zu zittern" (Regel, Kap. 4). Der Erlöser lädt uns zu einer heilsamen Furcht vor dem ewigen Unglück ein, wenn Er sagt: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen; fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle zu stürzen vermag (Mt 10, 28). Diese Worte zeigen, wie bitterböse es ist, daß du den Herrn, deinen Gott, verließest

(Jer 2, 19). Sie sind dazu bestimmt, unser Gewissen aufzurütteln, um Reue darin zu erwecken, d.h. den ,,Seelenschmerz" und den ,,Abscheu über die begangene Sünde, verbunden mit dem Vorsatz, fortan nicht zu sündigen" (Katechismus, 1451).

Wenn die Reue aus der Liebe zu Gott, der über alles geliebt wird, hervorgeht, so wird sie ,,vollkommen" genannt. Die ,,unvollkommene Reue" erwächst aus der Betrachtung der Abscheulichkeit der Sünde oder aus der Furcht vor den Strafen der Hölle; wenn sie den Willen zu sündigen ausschließt und mit der Hoffnung auf Vergebung einhergeht, so ist sie ein wahres Geschenk Gottes, ein Anstoß des Heiligen Geistes, der auf Erden stets seine Gnade anbietet, sogar denen, die sich von Ihm lossagen, denn es ist Gottes Wille, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen (1 Tim 2, 4; vgl. Katechismus, 1452-1453). Der heilige Ignatius von Loyola erklärt in seinen Geistlichen Übungen die heilsame Rolle der unvollkommenen Reue: ,,Obwohl wir vor allem wünschen sollten, daß die Menschen Gott, unserem Herrn, aus dem Motiv der reinen Liebe heraus dienen, müssen wir auch die Furcht vor seiner göttlichen Majestät sehr loben; denn nicht nur die Furcht des Kindes ist fromm und sehr heilig, sondern auch die des Dieners (unvollkommene Reue), wenn der Mensch sich nicht zu etwas Besserem und Nützlicherem erhebt, hilft sehr dabei, die Todsünde hinter sich zu lassen; und wenn er sie hinter sich gelassen hat, so gelangt er leicht zur Furcht des Kindes, die Gott so willkommen und teuer ist, weil sie untrennbar mit seiner Liebe vereint ist" (Nr. 370).

Die unvollkommene Reue disponiert dazu, die Gnade der göttlichen Vergebung im Bußsakrament zu erlangen. Dieses Sakrament ist für den Christen das normale, von Gott vorgesehene Mittel, um die Vergebung der nach der Taufe begangenen schweren Sünden zu erreichen. Dieses Sakramentes wird man durch das vollständige und persönliche Sündenbekenntnis und die danach folgende Lossprechung teilhaftig; sie sind ,,der einzige ordentliche Weg der Versöhnung der Gläubigen mit Gott und der Kirche, wenn ein solches Sündenbekenntnis nicht physisch oder moralisch unmöglich ist" (Katechismus, 1484). Für diese Praxis gibt es tiefe Gründe: ,,Christus handelt in jedem Sakrament. Er wendet sich an jeden Sünder persönlich: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! (Mk 2, 5). Er ist der Arzt, der sich jedem Kranken einzeln zuwendet, der seiner bedarf, um ihn zu heilen" (Ibid.).

Uns von Christus heilen lassen

Der erste wesentliche Akt dessen, der das Bußsakrament empfangen will, ist die Reue. Der zweite ist das Bekenntnis der Sünden vor dem Priester: ,,Von den Büßenden müssen alle Todsünden, derer sie sich nach gewissenhafter Selbsterforschung bewußt sind, im Bekenntnis aufgeführt werden, auch wenn sie ganz im Verborgenen und nur gegen die zwei letzten Vorschriften der Zehn Gebote begangen wurden" (Katechismus, 1456). Die Kirche sieht vor, daß man in bestimmten ,,schweren Notlagen", die durch den Diözesanbischof als solche festgestellt werden müssen, sich mit der gemeinschaftlichen Feier des Bußsakramentes und der kollektiven Lossprechung behelfen kann. Doch um die Absolution in diesem Fall gültig zu empfangen, müssen die Gläubigen den Vorsatz haben, ihre schweren Sünden möglichst bald einzeln zu beichten (Vgl. Katechismus, 1483).

Damit eine Sünde zur Todsünde wird, müssen gleichzeitig drei Bedingungen erfüllt sein: ,,Eine Todsünde ist jene Sünde, die eine schwerwiegende Materie zum Gegenstand hat und die dazu mit vollem Bewußtsein und bedachter Zustimmung begangen wird. Was eine schwerwiegende Materie ist, wird durch die zehn Gebote erläutert, entsprechend der Antwort Jesu an den reichen Jüngling: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, ehre deinen Vater und deine Mutter (Mk 10, 19)" (Katechismus, 1857-1858). Von sich aus schwerwiegend sind auch die Sünden des Götzendienstes, der Abtrünnigkeit, des Atheismus, aber auch der Unzucht, des vorehelichen Konkubinats, des Ehebruchs, der Empfängnisverhütung, der Abtreibung, usw.

Trifft eine der drei Bedingungen nicht zu, so ist die Sünde läßlich; diese zerbricht zwar nicht die Freundschaft Gottes, verletzt sie jedoch. Ohne genaugenommen notwendig zu sein, ist das ,,regelmäßige Bekenntnis unserer läßlichen Sünden für uns eine Hilfe, unser Gewissen zu bilden, gegen unsere bösen Neigungen anzukämpfen, uns von Christus heilen zu lassen und im geistigen Leben zu wachsen. Wenn wir in diesem Sakrament öfter das Geschenk der Barmherzigkeit Gottes empfangen, wird es uns drängen, selbst barmherzig zu sein wie er" (Katechismus, 1458).

Schließlich geht das Sakrament der Buße mit der ,,Genugtuung" einher. Nachdem der Sünder sich aus der Sünde erhoben hat, muß er seine Verfehlungen wiedergutmachen: ,,Er muß auf geeignete Weise für seine Sünden ,Genugtuung leisten`, sie ,sühnen`. Diese Genugtuung wird ebenfalls ,Buße` genannt". Diese wird vom Priester auferlegt und soll der persönlichen Situation des Pönitenten und seinem geistlichen Wohl Rechnung tragen.

Die Ablaßlehre und die Ablaßpraxis sind eng mit den Auswirkungen des Bußsakraments verbunden. In seiner Bulle Incarnationis mysterium (IM) erklärt Papst Johannes-Paul II. das so: ,,Außerdem zieht jede Sünde, selbst eine geringfügige, eine schädliche Bindung an die Geschöpfe nach sich, was der Läuterung bedarf, sei es hier auf Erden, sei es nach dem Tod im sogenannten Fegefeuer (Purgatorium). Diese Läuterung befreit von dem, was man zeitliche Sündenstrafe nennt, eine Sühne, durch die getilgt wird, was der vollen Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern im Wege steht" (IM, 10).

,,Die eingetretene Versöhnung mit Gott schließt nämlich nicht aus, daß gewisse Folgen der Sünde zurückgeblieben sind, von denen man geläutert werden muß... Mit dem Ablaß wird dem reuigen Sünder die zeitliche Strafe für Sünden erlassen, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind" (Ibid., 9). Wer also einen vollkommenen Ablaß erlangt, ist demnach bereit, unmittelbar in den Himmel einzutreten, ohne durch das Purgatorium zu gehen. Wird dieser Ablaß einer Seele im Fegefeuer zugewendet, so wird sie augenblicklich von ihren Strafen befreit.

Ein Übermaß an Liebe

,,Der Ablaß wird gewährt durch die Kirche, die kraft der ihr von Jesus Christus gewährten Binde- und Lösegewalt für den betreffenden Christen eintritt und ihm den Schatz der Verdienste Christi und der Heiligen zuwendet, damit er vom Vater der Barmherzigkeit den Erlaß der für seine Sünden geschuldeten zeitlichen Strafen erlangt" (Katechismus, 1478). In Christus finden sich überreichlich Genugtuungen und Verdienste der Erlösung. Doch auch die Gebete und die guten Werke der seligsten Jungfrau Maria und aller Heiligen haben einen unermeßlichen Preis vor Gott. ,,So kommt es zwischen den Gläubigen zu einem wunderbaren Austausch geistlicher Güter (der sogenannten ,Gemeinschaft der Heiligen`), kraft dessen die Heiligkeit des einen den anderen zugute kommt, und zwar mehr als die Sünde des einen den anderen schaden kann. Es gibt Menschen, die geradezu ein Übermaß an Liebe, an ertragenem Leid, an Reinheit und Wahrheit zurücklassen, das die anderen einbezieht und aufrichtet" (IM, 10).

Für das Jubiläum des Jahres 2000 überträgt die Kirche ihre geistlichen Schätze auf die Gläubigen: Jeder Pilger kann täglich einen vollkommenen Ablaß empfangen. Für die Erlangung jedes vollkommenen Ablasses sind mehrere Bedingungen zu erfüllen: Man muß persönlich gebeichtet, die Eucharistie empfangen haben, das Werk tun, an welches der Ablaß gebunden ist, und für die Anliegen des Papstes beten. Für das Jubiläum des Jahres 2000 besteht das zu vollbringende Werk normalerweise in einer Wallfahrt: einer Wallfahrt nach Rom, ins Heilige Land oder in die Kathedrale der Diözese (oder an einen anderen vom Diözesanbischof bestimmten Ort) oder auch in einem Besuch für eine angemessene Zeit bei geprüften Personen (Kranke, Gefangene, einsame alte Menschen, Behinderte usw.), als wäre das eine Wallfahrt zu Christus, der in diesen Menschen gegenwärtig ist.

Es gibt nur eine Pforte

Das große Jubiläum des Jahres 2000 wird mit der Öffnung der Heiligen Pforte beginnen. Jede der vier großen Patriarchalbasiliken Roms (Sankt Peter, Sankt Johannes am Lateran, Santa Maria Maggiore, Sankt Paul vor den Mauern) besitzt an ihrer Eingangsseite eine besondere Tür, die sogenannte ,,Heilige Pforte", die nur aus Anlaß der Jubeljahre geöffnet wird. In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1999 wird der Papst die Heilige Pforte der Basilika Sankt Peter öffnen und feierlich durch sie hindurchgehen, indem er das Heilige Evangelium der Kirche und der Welt zeigt.

Diese symbolische Geste ,,erinnert an den Übergang von der Sünde zur Gnade, den zu vollziehen jeder Christ aufgerufen ist. Jesus hat gesagt: Ich bin die Tür, um anzuzeigen, daß niemand zum Vater Zugang hat, außer durch ihn. Diese Selbstbestimmung Jesu bezeugt, daß er allein der vom Vater gesandte Erlöser ist. Es gibt nur einen Zugang, der den Eintritt in das Leben der Gemeinschaft mit Gott aufschließt: Dieser Zugang ist Jesus, der einzige und absolute Heilsweg" (IM, 8). Der heilige Apostel Petrus erklärt: Und in keinem anderen ist das Heil; denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der den Menschen gegeben wäre, daß wir in ihm sollten gerettet werden (Apg 4, 12). ,,Der Hinweis auf die Tür", fährt der Papst fort, ,,erinnert an die Verantwortung jedes Gläubigen, deren Schwelle zu überschreiten. Durch jene Tür gehen, heißt bekennen, daß Jesus Christus der Herr ist" (IM, 8).

Der feierliche Ritus, durch den die Heilige Pforte geöffnet wird, bedeutet zudem, ,,daß die geistlichen Schätze der Kirche für all diejenigen noch weiter geöffnet werden, die, von dem Wunsch, ihre Sünden zu sühnen, beseelt, die Privilegien des Großen Jubiläums in Anspruch nehmen möchten" (Papst Pius XII., 12. Dezember 1949).

Die Freude über das Jubiläum wäre nicht vollkommen, wenn sich der Blick nicht der seligsten Jungfrau Maria zuwendete. ,,Die Jungfrau Maria war eine Frau, die sich der Stille aussetzte, die zuhören konnte und sich in die Hände des Vaters gab. Deshalb wird sie von allen Generationen als ,selig` angerufen, weil sie die vom Heiligen Geist an ihr vollbrachten Wunder zu erkennen vermochte. Niemals werden die Völker aufhören, die Mutter des Erbarmens anzurufen, und immer werden sie unter ihrem Schutz Zuflucht finden. Sie, die mit ihrem Sohn Jesus und ihrem Mann Joseph zum heiligen Tempel Gottes pilgerte, beschütze den Weg aller, die in diesem Jubiläumsjahr zu Pilgern werden!" (IM, 14).

Die Mönche von Saint-Joseph beten für all Ihre Anliegen und ganz besonders für Ihre Verstorbenen.

Dom Antoine Marie osb

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