18. Mai 1999
Monat Mariens


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

,,Es gibt kein größeres Unglück als zu leben und zu sterben, ohne Gott zu kennen", wiederholte die heilige Clau- dine Thévenet immer wieder gern; die Lyoner Ordensschwester hatte alles auf Gott gesetzt, wie Papst Johannes-Paul II. bei ihrer Seligsprechung bemerkte: ,,Claudine, die aus ihrem religiösen Leben nach dem Vorbild der von ihr zutiefst verehrten Jungfrau Maria eine ,Lobeshymne` auf Gott gemacht hat, erinnert die Christen daran, daß es die Mühe lohnt, alles auf Gott zu setzen. Sie behauptet, daß die Menschen, die der Herr beruft, sich ganz besonders seinem Dienst zu weihen, ihr Leben verlieren können müssen (Vgl. Mt 16, 25), damit andere Gott lieben und erkennen können; sie bestätigt auch durch ihr Vorbild, daß der schönste Erfolg im Leben die Heiligkeit ist" (4. Oktober 1981. Seitdem wurde Claudine Thévenet am 21. März 1993 heiliggesprochen.).

Das kleine Veilchen

Claudine Thévenet wurde am 30. März 1774 in Lyon geboren und bereits am folgenden Tag in der Saint-Nizier-Kirche getauft. Später erhielt sie den Spitznamen Glady; sie war die zweite Tochter von insgesamt sieben Kindern. Die ersten zwölf Jahre ihres Lebens verliefen friedlich in der Familie, in der der christliche Glaube wohl verankert war. Mit neun Jahren wurde Glady, auch ,,das kleine Veilchen" genannt, von ihren Eltern den Benediktinerinnen der Abtei Saint-Pierre anvertraut. Als 1789 der Sturm der Revolution losbrach, kehrte Claudine eilends zu ihrer Familie zurück.

Die Stadt Lyon wurde von der Schreckensherrschaft furchtbar heimgesucht. Als Reaktion darauf brach am 29. Mai 1793 ein Aufstand gegen die Pariser Regierung aus und errang nach 24-stündigem Kampf die Herrschaft über die Stadt. Als Vorsichtsmaßnahme brachte Herr Thévenet seine jüngsten Kinder zu einer seiner Schwestern außer der Stadt. Nachdem von Paris Truppen entsandt worden waren, war die Stadt Lyon am 9. August eingekesselt. Herr Thévenet konnte nicht nach Hause zurückkehren.

Die beiden älteren Brüder von Claudine, Louis-Antoine (20 Jahre) und François-Marie (18 Jahre), schlossen sich unter dem Befehl von General de Précy der Seite der Belagerten an. Unausgesetzt beschossen und vom Hunger geschwächt, kapitulierte Lyon nach zwei Monaten. Claudine stand allein mit ihrer Mutter auf dem Land und teilte eine dreifache Angst mit ihr: die Ungewißheit über den Vater und die vier jüngsten Kinder; das Schicksal von Louis Guyot, ihrem Onkel mütterlicherseits, der auf von den revolutionären Truppen besetztem Gebiet geblieben war; und mehr noch die Gefährdung ihrer beiden Brüder im Kampf. Angesichts dieser quälenden Situation setzte sie all ihr Vertrauen auf Gott und bemühte sich, Gelassenheit zu bewahren.

Der letzte Kampf fand nahe der Wohnung der Thévenets statt. Nach der Schlacht begab sich Glady auf das Schlachtfeld, um nach ihren Brüdern zu suchen. Sie ging zu jeder sterblichen Hülle und betrachtete jeden Kopf genau im Lichte einer kleinen Laterne, denn inzwischen war es Nacht geworden. Ihre Brüder waren nicht darunter. Zwischen Hoffnung und Angst schwankend, kehrte sie nach Hause zurück. Was sollte sie ihrer armen Mutter sagen? Da tauchten plötzlich die Vermißten auf! Sie hatten den letzten Angriff ohne Verletzung überstanden und sich in einem befreundeten Haus versteckt; dann schlugen sie sich über die Dächer zu ihrer Wohnung durch, um die Angst der Mutter und der Schwester zu beschwichtigen. Doch die Freude war von kurzer Dauer. Die beiden Brüder wurden denunziert, verhaftet und ins Gefängnis gesperrt, wo sie auf ihre Erschießung warteten.

Die Pariser Revolutionsregierung hatte eine exemplarische Bestrafung befohlen. Täglich wurden Hunderte von Verurteilten auf dem unbebauten Gelände von Brotteaux erschossen. Überall herrschten Ungewißheit und Angst. Frau Thévenets Schmerz wurde allerdings durch die Rückkehr ihres Gatten Philibert gelindert. Dieser griff nach jedem Strohhalm, um die Befreiung seiner Söhne zu erreichen; doch diese machten sich keine Illusionen.

,,Vergib, wie auch wir vergeben!"

Tag für Tag suchte das junge Mädchen den Zug der Zum-Tode-Verurteilten ab. Am Morgen des 5. Januar 1794 betrachtete sie wie gewohnt die traurige Prozession. Plötzlich krampfte sich ihr Herz zusammen: Louis und François! Sie fing den Blick ihrer aneinander geketteten Brüder auf! Alles in ihr zitterte vor Entsetzen. Doch sie mußte bis zum Ende durchhalten wie die seligste Jungfrau Maria, als sie ihren Sohn auf den Kalvarienberg begleitete. Mühsam kämpfte sie sich in die Nähe ihrer Brüder durch. Louis riskierte ein Zeichen an den Diener, der Claudine begleitete, und flüsterte ihm mit leiser Stimme zu: ,,Bück dich und nimm einen Brief an unsere Mutter aus meinem Schuh". Dann wandte er sich an seine Schwester: ,,Merk dir, Glady, vergib, wie auch wir vergeben!" Da erinnerte sie sich an das erste Wort Jesu am Kreuze: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (Lk 23, 34).

Dann ertönte das Gewehrfeuer; Claudine hatte den Mut, anschließend an die Seite der Opfer zu schlüpfen. Da erregte ein schauriges Geräusch ihre Aufmerksamkeit: Die Überlebenden, unter denen sie auch Louis und François erkannte, wurden mit Säbelhieben niedergemetzelt. Das war zuviel für ihre Nerven: Sie behielt ihr ganzes Leben lang eine Anfälligkeit für Migräne bei.

Nun mußte sie zu den Ihren zurückkehren. Ihre noch vor Aufregung eiskalte Hand hielt den kostbaren Brief umklammert. Diese Abschiedsbotschaft, ein rührendes Zeugnis lebendigen Glaubens und der Vergebung, war ein Trost. Jeder der Brüder hatte einen eigenen Brief geschrieben, und jeder Brief war von beiden unterzeichnet. ,,Wir werden glücklicher sein als Ihr: In vier oder fünf Stunden stehen wir vor Gott... Wir kehren in den Schoß Gottes zurück, dieses guten Vaters, den wir beleidigt haben, doch wir erhoffen alles von seiner Barmherzigkeit." Sie hatten beide bei einem alten, gebrechlichen und mit ihnen verurteilten Priester beichten können.

Eine neue Kraft

Die wichtigste Mahnung ihrer beiden Brüder hallte immerfort in den Ohren Gladys wieder: ,,Vergib, wie auch wir vergeben." Als in Lyon wieder Ruhe eingekehrt war, wurde der Denunziant der beiden jungen Männer von den Thévenets nicht vor Gericht angeklagt.

Diese edle Gesinnung orientierte sich an der Lehre unseres Herrn Jesus. ,,Die Lehre Christi verlangt sogar", mahnt der Katechismus der Katholischen Kirche, ,,Schuld zu verzeihen. Sie dehnt das Gebot der Liebe, das Gebot des neuen Gesetzes, auf alle Feinde aus" (Katechismus, 1933). Der Geist des Evangeliums ist mit dem Haß auf den Feind unvereinbar; das verhindert aber nicht, das von ihm begangene Böse zu erkennen und zu hassen.

Nachdem Jesus mit Worten die Vergebung der Schuld gepredigt hatte, gab er ein vollkommenes Beispiel dafür: Als sie an den Ort kamen, der ,Schädel` genannt wird, kreuzigten sie ihn dort und auch die Verbrecher, den einen zur Rechten, den anderen zur Linken. Jesus aber sprach: ,,Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23, 33-34). ,,Jesus bittet mit seinem menschlichen Herzen, der Vater möge vergeben", kommentiert Kardinal Journet. ,,Wir müssen mit unseren menschlichen Herzen darum bitten, der Vater möge uns vergeben. Gegen den Haß und die Entfesselung niedriger Instinkte wendet er sich an die Hochherzigkeit des Himmels: Wir müssen uns mit Ihm an die himmlische Hochherzigkeit wenden gegen den Haß, die Dummheiten und die Verbrechen der Erde. Mit Ihm tritt eine neue Kraft in die Welt, um sie nie wieder zu verlassen, stärker als alles Böse in der Welt. Die alte Herrschaft der Gewalt stoßt auf ein anderes, auf ein neues Reich... Von da an hat sich etwas verändert auf zeitlicher Ebene" (Die sieben Worte Christi am Kreuz).

Wenn die Weigerung zu vergeben unser Herz verschließt und es für die barmherzige Liebe des Vaters undurchdringlich macht, so öffnet die Vergebung unser Herz für die Gnade. So weckte die heldenhaft überwundene Heimsuchung bei Claudine keinerwegs Agressivität oder Bitterkeit, sondern machte sie für ein großes Mitleid mit dem Elend Anderer bereit. Nach und nach entwickelte sich ein zweifaches Gefühl in ihr: der Wunsch, die intime Kenntnis der Güte Christi weiterzugeben, und die Traurigkeit bei dem Gedanken an das große Unglück derjenigen, die Gott nicht kennen.

Die Gottvergessenheit

In den zehn Jahren, die auf den tragischen Tod ihrer Brüder folgten, widmete sich Glady einer aktiven und diskreten Wohltätigkeit. Sie half in der Sankt-Bruno-Gemeinde aus und weihte viel Zeit den Armen. Sie litt tief unter dem Anblick des trostlosen Zustands des Erziehungswesens. ,,Die Jugend hat keine Sitten mehr", schrieb zu jener Zeit ein Inspektor für Volksbildung. ,,Sie ist in eine schreckliche Liederlichkeit verstrickt. Kinder beschimpfen ehrbare Leute und Alte; sie lassen sich nichts mehr beibringen; sie sind undisziplinierbar. Die Mädchen verbringen ihre Zeit mit Soldaten in den Ausflugslokalen. Was wird aus der kommenden Generation, wenn man solche Übel nicht prompt behebt?" Das Schicksal von Tausenden solcher armen Kinder, die vielleicht heranwuchsen, ohne jemals den Namen Gottes gehört zu haben, ließ Claudine erzittern. Sie war immer mehr überzeugt, daß einer der Hauptgründe für die Übel der Revolution die Gottvergessenheit war.

Ihre erste und wichtigste Zuflucht war das Gebet. Sie trat der Bruderschaft des Heiligsten Herzens Jesu bei, in der die Anbetung der Eucharistie im Mittelpunkt stand. Dann gewann sie weitere junge Mädchen, die sich für dasselbe Ideal begeisterten. Sie versammelten sich gelegentlich nach ihren Besuchen bei Notleidenden und tauschten ihre Erfahrungen in der apostolischen Arbeit aus.

Dann kam der Winter 1815. Ein junger Priester bemerkte im Vorbeigehen an der Saint-Nizier-Kirche einen Schatten unter dem Portal; er vernahm erstickte Schluchzer. Zwei zitternde und vor Hunger sterbende kleine Mädchen in Lumpen versuchten, vor der schneidenden Kälte Schutz zu finden. Der Priester erriet, daß die Kleinen ausgesetzt worden waren. Er führte sie zu Claudine Thévenet. Claudine, zu Tränen gerührt, bekleidete und versorgte erst die beiden Kinder und begab sich dann zu einer ihrer Freundinnen, Marie Chirat. Alles war schnell abgemacht: Die beiden Kleinen würden bei Marie wohnen, die eines der zwei Stockwerke ihres Hauses für sie freimachte. Einige Tage später wurden fünf weitere Pensionärinnen aufgenommen. Das Heim von Fräulein Chirat wurde zur Providence du Sacré-Coeur (Vorsehung des Heiligsten Herzens), und Claudine fungierte darin als Leiterin.

Doch dabei blieb es nicht. Pater Coindre, der geistliche Berater Claudines, schlug die Bildung einer festen Organisation mit einer genauen und angemessenen Regel vor. Der von ihm verfaßte Entwurf stützte sich auf die Regel des heiligen Augustinus und auf die Grundgesetze des heiligen Ignatius von Loyola. Am 31. Juli 1816, dem Fest des heiligen Ignatius wurde die Heilige Vereinigung des Heiligsten Herzens Jesu gegründet. Claudine wurde zur Vorsitzenden gewählt. Einen Augenblick lang war sie von Verwirrung überwältigt, doch dann, nach einem Moment der Sammlung, nahm sie nach dem Vorbild der allerseligsten Jungfrau Maria bei der Verkündigung die Wahl an.

Eine verrückte Unternehmung

Während Claudine sich mit flammendem Eifer für die apostolischen Werke einsetzte, wohnte sie immer noch bei der Mutter. Diese schwer geprüfte Frau befürchtete, daß ihr der Herr eines Tages Glady wegnehmen könnte, indem er sie zum Ordensleben beruft. Und wirklich, Claudine war sich einer besonderen Berufung Gottes bewußt. In einer schmerzlichen Stunde bereitete sie ihre Mutter mit Zartgefühl auf die Trennung vor. Am 5. Oktober 1818 zog sie endgültig in die Providence um. Diese erste Nacht fern dem Heim der Familie gehörte zu den schrecklichsten, die sie je erlebt hatte: ,,Mir schien", sagte sie später, ,,ich hätte mich auf eine verrückte und vermessene Unternehmung eingelassen, die keinerlei gesicherte Aussicht auf Erfolg hatte, sondern im Gegenteil, alles im allem zu Nichts führen mußte." Ihre große Liebe zu Gott und ihr fester Glaube hielten sie aufrecht. Als der Herr zwei Jahre später Frau Thévenet zu sich rief und somit Claudine erneut in Schmerz tauchte, schenkte er ihr gleichzeitig völlige Handlungsfreiheit.

Bald erweiterte sich der apostolische Auftrag: Claudine stellte fest, daß Töchter aus wohlhabenden Familien auf religiöser Ebene denen aus armen Familien keineswegs überlegen waren. So eröffnete sie ein Pensionat für diese jungen Mädchen. Dafür mußte sie jedoch ein neues Gebäude bauen und eine hohe Summe borgen. Da wurde sie von der Person, auf deren finanzielle Hilfe sie gehofft hatte, im letzten Augenblick im Stich gelassen. Im Gebet vertraute sie sich Gott vollkommen an, und dieser konnte nicht anders, er mußte ihr helfen. Und die Schulden wurden wirklich nach und nach getilgt.

Die kleine Gemeinschaft stieß nicht immer auf Wohlwollen. Böse Zungen kritisierten die Unternehmung und versuchten, die Oberin lächerlich zu machen. Wenn die Mädchen und ihre Erzieherinnen durch die Straßen gingen, waren sie üblen Späßen ausgesetzt, die mitunter bis zur Beleidigung und zur Gewalttätigkeit gingen. Claudine, die den Wert der Vergebung kannte, empfahl, ,,die Beschimpfungen mit Geduld zu ertragen und mit sanften und freundlichen Worten zu beantworten." Sie war überzeugt davon daß die ,,Fürsorge der Vorsehung... konkret und unmittelbar [ist]; sie kümmert sich um alles, von den geringsten Kleinigkeiten bis zu den großen weltgeschichtlichen Ereignissen" (Katechismus, 303). Jesus hat in der Tat eine kindliche Hingabe an die Vorsehung des himmlischen Vaters gefordert: Macht euch also nicht Sorge und sagt nicht: Was werden wir essen, was werden wir trinken... Euer Vater im Himmel weiß ja, daß ihr all dessen bedürft. Sucht zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazugegeben werden (Mt 6, 31-33).

Aus dem Bösen Gutes hervorgehen lassen

Doch wenn Gott, der allmächtige Vater, der Schöpfer der Welt, sich um all seine Geschöpfe kümmert, warum gibt es das Böse in der Welt? Das Böse kommt nicht von Gott. Am Anfang war der Mensch als gut erschaffen und kraft einer wunderbaren Gnade zu einer innigen Gemeinschaft mit Gott aufgerufen. Die Ausstrahlung dieser Gnade erreichte alle Aspekte des Lebens: Solange der Mensch in der Verbundenheit mit Gott blieb, mußte er weder sterben noch leiden. Doch als er vom Teufel versucht wurde, mißachtete er das Gebot Gottes und verlor so den Zustand der Gnade. Die Harmonie, in die er gestellt war, existierte nicht mehr. Die sichtbare Schöpfung wurde für den Menschen fremd und feindlich. Der Tod hielt seinen Auftritt in der Geschichte der Menschheit. Seit dieser Ursünde wurde die Welt von einer wahren ,,Flut" der Sünde und des Bösen überschwemmt. Doch der Mensch wurde selbst nach seinem Fall von Gott nicht im Stich gelassen. Christus zerbrach durch seinen Kreuzestod und seine Auferstehung die Macht des Teufels und befreite den Menschen. Von da an konnte dieser durch das Leiden und den Tod, die zu Mitteln des Heils geworden waren, zur himmlischen Glückseligkeit gelangen. ,,Die unaussprechliche Gnade Christi hat uns bessere Güter beschert als die, die der Neid des Dämons uns weggenommen hatte", sagte der heilige Leo der Große. Wo aber die Sünde sich mehrte, da strömte über die Gnade (Röm 5, 20).

So konnte der heilige Augustinus folgendes behaupten: ,,Der allmächtige Gott könnte in seiner unendlichen Güte unmöglich irgend etwas Böses in seinen Werken dulden, wenn er nicht dermaßen allmächtig und gut wäre, daß er auch aus dem Bösen Gutes zu ziehen vermöchte" (Vgl. Katechismus, 311). Freilich wird deswegen das Böse nicht zu etwas Gutem. ,,Aus dem schlimmsten moralischen Übel, das je begangen worden ist, aus der durch die Sünden aller Menschen verschuldeten Verwerfung und Ermordung des Sohnes Gottes, hat Gott im Übermaß seiner Gnade das größte aller Güter gemacht: die Verherrlichung Christi und unsere Erlösung" (Katechismus, 312). Die geheimnisvollen Wege der Vorsehung werden erst im Himmel vollständig erkannt, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, doch wir haben bereits jetzt die Gewißheit, daß denen, die Gott lieben, alles mitwirkt zum Guten (Röm 8, 28). Das Zeugnis der Heiligen bestätigt diese Wahrheit immer wieder. ,,Alles geht aus Liebe hervor", sagt die heilige Katharina von Siena, ,,alles ist auf das Heil des Menschen hingeordnet. Gott tut nichts außer mit diesem Ziel" (Vgl. Katechismus, 313).

,,Niemandem etwas zuleide tun"

Ohne es gewollt zu haben, hatte Claudine Thévenet eine Kongregation gegründet. Die innere Einstellung, die sie bei den Schwestern zu wecken wünschte, bestand darin, ,,alle Handlungen mit dem Ziel zu tun, Gott zu gefallen, und aus einem Glaubensgrundsatz heraus". Mit ihren Gefährtinnen nahm sie eine Ordenstracht sowie einen neuen Namen an: Claudine nannte sich hinfort Mutter Marie Saint-Ignace. 1822 wurde ihre Kongregation vom Bischof von Le Puy bestätigt und eingesetzt.

Auf Mutter Marie Saint-Ignace warteten noch viele leidvolle Erfahrungen: der Tod von Pfarrer Coindre 1826; der verfrühte Tod zweier junger Schwestern, auf die sie sehr gezählt hatte; eine schwere, lebensgefährliche Krankheit; die Drohung, ihre Kongregation werde mit den ,,Damen des Heiligen Herzens" der heiligen Madeleine-Sophie Barat vereinigt; die Revolution von 1830, die dramatische Kämpfe auf dem Hügel von Fourvière und bis in ihr Haus mit sich brachte... All diese Prüfungen waren harte Schläge für die Gründerin, die nichtsdestoweniger tatkräftig und heiter blieb und ihren Nonnen immer wieder gern sagte: ,,Die Liebe sei wie euer Augapfel", und: ,,Seid bereit, alles von den anderen zu erleiden und niemandem etwas zuleide zu tun".

Im Februar 1836 wurde Pfarrer Pousset zum Seelsorger der Schwestern ernannt. Mutter Saint-Ignace, die mit ihm rechnete, um von Rom die Anerkennung ihrer Kongregation zu erreichen, war recht bald von ihm enttäuscht. Der Priester konnte die Spiritualität des heiligen Ignatius, von der sich die Schwestern inspirierten, nicht leiden. Zudem überschritt er seine Befugnisse. Die Mutter sah sich ganz bewußt gezwungen, ihm demütig aber fest Widerstand zu leisten. Es kam zu zahlreichen peinlichen Szenen. Im Laufe der Monate verfiel die Gesundheit von Mutter Marie Saint-Ignace.

,,Wie gut der liebe Gott ist!"

Am 29. Januar 1837 empfing sie in Anwesenheit der ganzen Gemeinschaft die letzten Sakramente. Pfarrer Pousset machte der Sterbenden nun öffentlich einen verletzenden Vorwurf: ,,Sie haben Gnadengaben erhalten, um eine ganzes Reich zu bekehren: Was haben Sie daraus gemacht? Sie sind ein Hindernis für die Entwicklung ihrer Kongregation. Was werden Sie Gott antworten, wenn er von Ihnen Rechenschaft über alles verlangt?" Mutter Marie Saint-Ignace bewahrte ein ruhiges Gesicht, obwohl sie später einigen ihrer Nonnen eingestand, daß sie bei diesen Worten beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Doch ihr mitleidiges Herz konnte noch eine letzte Vergebung gewähren. Noch am selben Tag wurde sie gelähmt und begann ihren Todeskampf, während dessen sie kein Wort artikulieren konnte, außer: ,,Wie gut der liebe Gott ist!" Zwei Tage später gab sie ihre Seele Gott zurück.

Das in den Boden gesäte, gedemütigte, nach dem Vorbild Christi gestaltete Korn trug reiche Frucht. Die zur ,,Nonnenkongregation von Jesus-Maria" gewordene Ordensfamilie der heiligen Claudine Thévenet zählt heute mehr als zwei Tausend Schwestern auf fünf Kontinenten.

Heilige Marie Saint-Ignace, hilf uns, deinem Vorbild an Demut, an Vergebung und Hingabe an Gott zu folgen. Deiner Fürsprache vertrauen wir alle lebenden und verstorbenen Freunde der Abtei Saint-Joseph de Clairval an.

Dom Antoine Marie osb

Die Veröffentlichung des Rundbriefes der Abtei St.-Joseph de Clairval in einer Zeitschrift, oder das Einsetzen desselben auf einem ,,web site" oder einer ,,home page" sind genehmigungspflichtig. Bitte wenden Sie sich dafür an uns per E-Mail oder durch http://www.clairval.com.

Index der Briefe  –  Home Page

Webmaster © 2000 Traditions Monastiques