9. März 1999
Hl. Franziska von Rom


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Dritter März 1953. Der Madrider Arzt Luis García Andrade untersucht in seiner Sprechstunde die zweieinhalbjährige Maria-Victoria Guzmán Gascó. Das Mädchen leidet an einer durch meningitische Störungen komplizierten schweren Infektion. Es wird zeitweise von fünf- bis zehnminütigen Krämpfen geschüttelt, wobei sich ihre Hände und Beine versteifen. Die Diagnose läßt kaum hoffen: tuberkulöse Hirnhautentzündung. Trotz einer

energischen Behandlung verschlechtert sich der Zustand Maria-Victoria; am 8. März liegt sie wie tot da: mit eingefallenen Augen, zusammengezogenen Nasenflügeln, einer nicht wahrnehmbaren Atmung und mit einem marmorkalten Körper ohne jegliche Reaktion.

Da behauptet jemand, daß man das Mädchen hätte retten können, wenn man es Pater Rubio empfohlen hätte. Die Mutter denkt, Gott ist nichts unmöglich, und läßt eine Reliquie von Pater Rubio holen. Sie nimmt das Kind in die Arme, berührt es am ganzen Körper mit der Reliquie und fleht dabei: ,,Pater Rubio, wende alles zum Besten." Damit meint sie: Wenn ihre Tochter wieder lebendig wird, so soll sie ganz gesund sein. Denn nach Ansicht der Mediziner würde Maria-Victoria selbst im unwahrscheinlichen Fall, daß sie überlebt, blind und geistig behindert bleiben.

Ohne natürliche Erklärung

Nach einem Augenblick schlägt Maria-Victoria zur allgemeinen Überraschung die Augen auf, setzt sich in den Armen ihrer Mutter auf und sagt: ,,Mama, meine schönen Schuhe, ich will auf die Straße gehen." Am 10. März wird Maria-Victoria wieder zu Doktor Andrade gebracht. Eine Blutuntersuchung bestätigt das Verschwinden der Symptome, die vier Tage zuvor zu jener bestürzenden Diagnose geführt haben. ,,Das ist ein wirkliches Wunder des Pater Rubio", erklärt der Doktor. Nach langfristigen Untersuchungen erkannten die Ärzte der medizinischen Kommission der Kanonisationskongregation am 27. Juni 1984 an, daß die Heilung ,,plötzlich, vollkommen und dauerhaft war, ohne daß eine natürliche Erklärung möglich ist". Das Wunder wurde für die Seligsprechung von Pater Rubio verwendet.

Bevor die Kirche einen Diener Gottes selig- oder heiligspricht, erwartet sie ein Wunder, das auf die Fürsprache dieser Person zurückzuführen ist. Heute werden in solchen Prozessen vor allem Wunder körperlicher Heilung registriert. Mit Hilfe von sieben Kriterien wird darüber geurteilt, ob eine Heilung wunderbar ist: 1. Die Krankheit oder das Gebrechen muß schwerwiegend und unheilbar sein. 2. Der Kranke darf sich nicht auf dem Wege der Heilung befinden. 3. Medizinische Maßnahmen dürfen entweder noch nicht angewendet worden sein, oder müssen sich als unwirksam erwiesen haben. 4. Die Heilung muß augenblicklich eingetreten sein. 5. Sie muß vollkommen sein. 6. Der Heilung darf keine zeitweilige Besserung oder Genesung vorausgegangen sein. 7. Die Heilung muß stabil und dauerhaft sein. Sind all diese Kriterien erfüllt und scheidet jede Möglichkeit aus, die Heilung natürlich zu erklären, so kann das Wunder anerkannt werden.

Ein Wunder ist eine wahrnehmbare und gewisse Tatsache, die gegen die bestehenden und bekannten Naturgesetze verstößt und die ohne eine spezielle Intervention Gottes nicht möglich ist. Warum tut Gott Wunder? Zunächst, um den Glauben zu stärken. Das Buch der Apostelgeschichte zeigt, daß Wunder den Glauben der Gläubigen festigen und Bekehrungen nach sich ziehen: Durch die Hände der Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder unter dem Volk. Mehr und mehr wuchs die Zahl derer, die an den Herrn glaubten, Scharen von Männern und Frauen (5, 12-14).

Wunder können auch die Heiligkeit eines Menschen beweisen, den Gott als Beispiel hinstellen will. Im Falle einer Seligsprechung verlangt die Kirche ein Wunder zur Bestätigung des zuvor von ihr gefällten Urteils, der Kandidat habe die Tugenden heldenhaft geübt.

Lange Momente mit Maria

Doch wer war der selige Pater Rubio, dessen Reliquie die Heilung von Maria-Victoria gewirkt hatte? José María Rubio wurde am 22. Juli 1864 in Andalusien geboren. Seine Eltern waren Bauern und überaus gute Christen: In der Familie wurde jeden Abend der Rosenkranz gebetet. Das ,,Gegrüßet seist du, Maria" ist ein Gebet, das vom Himmel kommt. ,,Die Christen lernen von zartester Kindheit an in der Familie, es zu beten", sagt Papst Johannes-Paul II. ,,Sie empfangen es als kostbares Geschenk, das ihr ganzes Leben lang zu bewahren ist. Dasselbe Gebet, fünfzigmal im Rosenkranz gebetet, hilft vielen Gläubigen, in die anbetende Betrachtung der Mysterien des Evangeliums einzutreten und mitunter lange Momente in innigem Kontakt mit der Mutter Jesu zu verharren... Sie bitten die heilige Gottesmutter, sie möge sie begleiten und beschützen auf dem Wege der täglichen Existenz" (15. November 1995). In der Tat trägt die Fürbitte Marias reiche Frucht an Heiligkeit und weckt Berufungen.

José María Rubio war schon sehr früh ein Kirchgänger; war die Kirche verschlossen, so bat er den

Sakristan um den Schlüssel, damit er vor dem Allerheiligsten beten konnte, und offenbarte dadurch sein übernatürliches Wesen. Er erwies sich auch als liebevoll zu den Seinen - er hatte insgesamt zwölf Geschwister, von denen sechs in jungem Alter starben - und fleißig in der Schule. Nach seinem Philosophie- und Theologiestudium im Seminar von Granada wurde José María 1887 zum Priester geweiht. Erst zum Vikar, dann zum Pfarrer ernannt, übte er dreizehn Jahre lang das Amt des Seelsorgers in einem Zisterzienserinnenkloster aus. In seinem priesterlichen Apostolat kümmerte er sich um Kranke und Arme, die er gern über die Wahrheiten des Glaubens belehrte. ,,Es war ein Vergnügen, ihm zuzuhören", sagte ein Zeuge. Durch seine einfache, ungekünstelte Sprache wurde Gott selbst weitervermittelt. Im Beichtstuhl wies er eine anspruchsvolle geistliche Richtung. Wer seine Hilfe in Anspruch nahm, blieb ihm hinfort treu, selbst wenn seine Führung den Abschied von schlechten Gewohnheiten verlangte. Er veranlaßte seine Pönitenten, die geistliche Exerzitien des heiligen Ignatius durchzumachen. Er tauchte sie in das Übernatürliche, indem er sie lehrte, sich in der Besinnung und im Gebet mit Gott zu unterhalten, ihr Gewissen zu erforschen und aus Liebe zu Gott die Schwierigkeiten des Lebens zu ertragen.

Die ,,Ehrenwache" und die ,,Marien"

1906 trat Don José María der Geselleschaft Jesu ein. Während seines Noviziats bei den Jesuiten widmete sich Pater Rubio mit Inbrunst dem Gebet und der Buße. Er schrieb: ,,Alles kommt mir von meinem Gott, und alles muß zu Ihm zurückkehren. So muß mein Herz verliebt bleiben in meinen sanftmütigen Herrn Jesus, mein Gut, meine Rast, meinen Trost, meinen Reichtum und eines Tages im Himmel auch meine ewige Freude und Herrlichkeit."

Es wurden ihm verschiedene Ämter übertragen. Der internationale eucharistische Kongreß von Madrid im Jahre 1911 führte zu einer Erneuerung der religiösen Praxis und der frommen Werke zu Ehren der heiligen Eucharistie. Von letzteren wurde die ,,Ehrenwache des Heiligen Herzens" Pater Rubio anvertraut. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft versammelten sich zu Gottesdiensten am ersten Freitag eines jeden Monats, am ersten Sonntag des Monats, zu einer monatlichen inneren Einkehr, zur Novene am Fest des Heiligsten Herzens Jesu sowie zu karitativen Aktivitäten. Sehr bald stellte Pater Rubio seine Begabung als Organisator unter Beweis. Diesem Werk folgte bald ein weiteres, das der ,,Marien der Tabernakel". Hierbei ging es darum, von den Christen verlassene Tabernakel mit anbetenden ,,Marien" zu versorgen. Pater Rubio verlangte von den ,,Marien" - diese sollten die heiligen Frauen darstellen, die sich auf Golgotha nahe beim Kreuze Jesu befunden hatten - den Verzicht auf jedes gesellschaftliche Leben: keine Romane, keine Koketterie, keine Tanzvergnügen. Er lehrte sie, die übernatürlichen Tugenden, Glaube, Liebe und Hoffnung, zu leben.

Die vom Pater durchgeführten Andachtsstunden waren ein überwältigender Erfolg und führten zu tiefgreifenden spirituellen Wandlungen. Die Verehrung des allerheiligsten Sakramentes der Eucharistie ist in der Tat eine für die Seelen sehr nützliche Übung. Jesus

Christus, der gestorben und wieder auferstanden ist, zur Rechten Gottes sitzt und für uns bittet, ist in seiner Kirche auf mehrfache Weise gegenwärtig, besonders aber unter den eucharistischen Gestalten (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1373). Im heiligsten Sakrament der Eucharistie ist ,,wahrhaft, wirklich und substanzhaft der Leib und das Blut zusammen mit der Seele und Gottheit unseres Herrn Jesus Christus und daher der ganze Christus enthalten" (Katechismus, 1374). Die

katholische Kirche hat dem Sakrament der Eucharistie auch außerhalb der Meßfeier den Kult der Anbetung erwiesen und tut das auch weiterhin, indem sie die konsekrierten Hostien mit größter Sorgfalt aufbewahrt, sie den Gläubigen zur feierlichen Verehrung aussetzt und sie in Prozession trägt. ,,Die Kirche und die Welt haben die Verehrung der Eucharistie sehr nötig. In diesem Sakrament der Liebe wartet Jesus selbst auf uns. Keine Zeit sei uns dafür zu schade, um ihm dort zu begegnen: in der Anbetung, in einer Kontemplation voller Glauben, bereit, die große Schuld und alles Unrecht der Welt zu sühnen. Unsere Anbetung sollte nie aufhören" (Johannes-Paul II., vgl. Katechismus, 1380).

Eine einnehmende Schlichtheit

Die Predigten von Pater Rubio waren so erfolgreich, daß selbst Priester und Jesuiten darüber erstaunt waren. Die Menschen kamen in Scharen zu ihm. ,,Er konnte wie mit einer Messerklinge in die Herzen vordringen", sagte man später. Und doch war Pater Rubio menschlich betrachtet ein unbegabter Prediger. Es gab nichts Außergewöhnliches an seiner Lehre, an seinem Stil, an seiner Sprechweise. Er drückte sich mit einer etwas unbefangenen Einfachheit aus, wie bei einer privaten Unterhaltung. Er konnte sein tiefgründiges Innenleben mit den Menschen teilen.

Als er eines Tages zum Beispiel über die Aufgabe sprach, begangene Fehler wieder gutzumachen, sagte er: ,,Liebe Brüder, wollt ihr eine andere Form der Wiedergutmachung? So erfüllt eure Standespflicht. Familienväter, erfüllt eure schöne Mission. Gattinnen, alle Damen, die mir zuhören, jede von euch soll ihre Aufgabe in der Bestimmung ausführen, in die das

göttliche Herz sie gestellt hat. Die Pflichterfüllung verlangt Opfer; und deswegen gibt es so viele Menschen, die ihre Aufgabe nicht erfüllen, weil sie sich nicht opfern wollen, und so kommen sie in die Hölle. Sie kennen nicht einmal das ABC ihrer Verpflichtungen; sie wollen heiraten, aber entweder wissen sie nicht, wozu sie sich verpflichten, oder sie wollen sich nicht aufopfern." Eine einfache und für alle verständliche Sprache.

In seinen Predigten wiederholte Pater Rubio immer wieder die gleichen Dinge, doch die Menschen waren in ihrer Seele stets von Reue und Liebe ergriffen. Er sprach von den letzten Dingen: von Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Heutzutage ,,spricht man selten und wenig von den letzten Dingen", sagte Papst Paul VI. ,,Doch das II. Vatikanische Konzil erinnert uns an die schwerwiegenden eschatologischen Wahrheiten, die uns betreffen, auch an die schreckliche Wahrheit einer möglichen ewigen Strafe, die wir Hölle nennen, über die Christus ganz offen gesprochen hat" (Audienz vom 8. September 1971). Derselbe Papst sagte ein andermal: ,,Zu den grundlegenden Prinzipien des christlichen Lebens gehört, daß es gemäß seiner künftigen und ewigen eschatologischen Bestimmung gelebt werden muß. Ja, da gibt es einiges, wovor wir zittern können. Hören wir noch einmal die prophetische Stimme des heiligen Paulus: Wirkt euer Heil mit Furcht und Zittern (Phil 2, 12). Die Wichtigkeit und Ungewißheit unseres ewigen Schicksals waren immer ein ergiebiger Gegenstand zum Nachdenken und eine Energiequelle ohnegleichen für die Moral und auch für die Heiligkeit des christlichen Lebens" (28. April 1971).

Unmenschlich?

Am 2. November 1983 sagte Papst Johannes-Paul II.: ,,Die Überlegungen, die durch das Gedenken an die Verstorbenen in uns angeregt werden, tauchen uns in das große Kapitel der letzten Dinge: Tod, Gericht, Hölle, Paradies ein. Diese Perspektive müssen wir stets vor Augen haben, das ist das Geheimnis, damit das Leben die Fülle seiner Bedeutung erlangt und täglich mit der Kraft der Hoffnung verläuft. Denken wir oft über die letzten Dinge nach, und wir werden den Sinn des Lebens immer mehr begreifen." Die Heiligen haben von jeher an die Lehre der Kirche über die letzten Dinge geglaubt, darunter auch an die Existenz der Hölle, ein für die heutige Mentalität schwer erträgliches Dogma, da man heute Eindrücken und Gefühlen mehr unterworfen ist als dem Licht des Glaubens. Der selige Frédéric Ozanam schrieb: ,,Einige moderne Menschen können das Dogma von der Ewigkeit der Höllenstrafe nicht ertragen, sie finden es unmenschlich; aber können sie die Menschheit mehr lieben oder eine genauere Kenntnis von Gerecht und Ungerecht haben als der heilige

Augustinus und der heilige Thomas, der heilige Franziskus von Assisi und der heilige Franz von Sales? Es liegt also nicht daran, daß sie die Menschheit mehr lieben, sondern daran, daß sie ein weniger lebhaftes Gefühl der Furcht vor der Sünde und der Gerechtigkeit Gottes haben."

Auch Pater Rubio lehrte diese heilbringenden Wahrheiten, doch er versäumte es dabei nicht, seine Zuhörer zum Vertrauen auf Gott zu ermuntern, indem er sie daran erinnerte, daß Gott ihnen reichlich übernatürliche Mittel zur Verfügung gestellt hatte, um in den Himmel zu kommen: Gebet, Buße, Empfang der Sakramente, Vergeben von Kränkungen usw. Seine auf das Vertrauen in die Macht der Gnade gegründete Methode verhinderte kleinmütige Ängste. Eines Tages schickte er sich gerade an, in dem Armenviertel Entravias y Vallecas zu predigen, da wurde ihm nachdrücklich empfohlen, über soziale Fragen zu sprechen und die Beichte mit keinem Wort zu erwähnen. Dennoch behandelte der Jesuit nichts als dieses Thema. Als er geendet hatte, knieten alle Menschen ohne Ausnahme und baten, beichten zu dürfen.

Unter einer Treppe

Gestützt auf die Worte des Propheten Jesaja: Setzt euch im Gericht für die Verwaisten ein, führet den Rechtsstreit der Witwe! Dann kommt, und wir wollen verhandeln... Sind eure Sünden wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee (1, 17-18), und des Propheten Daniel: Tilge deine Vergehen durch Mildtätigkeit (4, 24), empfahl Pater Rubio gute Werke und Hilfe für die Armen. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran. Jeden Tag erhielt er Briefe, in denen um Hilfe gebeten wurde. Mal sollte er ein Obdach für alte Leute, mal eine Mitgift für eine angehende Nonne, mal Arbeit für Arbeitslose finden, zudem Dienstmägde empfehlen, Eheprobleme lösen, Streitigkeiten schlichten, Bettlern milde Gaben vermitteln, Gebrechliche besuchen usw. Da er nicht überall sein konnte, wandte er sich an Laien um Hilfe. ,,Mehrmals sagte er mir im Sprechzimmer, wo ich auf ein geistliches Gespräch hoffte", berichtete eines seiner Beichtkinder, ,,mit großem Mitgefühl: Wir sprechen morgen darüber. Wollen Sie mich heute bei einem karitativen Werk vertreten? Unter einer Treppe in einer bestimmten Straße soundsoviel liegt eine arme Tuberkulosekranke. An dieser Seele findet Jesus Gefallen. Sie ist in größter Verzweiflung."

Pater Rubio liebte es, das Heiligste Herz Jesu feierlich zu ,,inthronisieren" (d.h. ein Bild davon an einem Ehrenplatz aufzustellen) - er führte in achtzehn Jahren 10 000 solcher Inthronisationen durch -, und zwar nicht nur in Palästen und Schulen, sondern auch in den ärmsten Elendsbehausungen. Bei einem Kuhhirten, der im Stall schlief, hängte er das Bild vom Heiligen Herzen Jesu über den Futtertrog der Tiere. Er gründete und leitete vier Konferenzen (Caritas-Gruppen) des heiligen Vinzenz von Paul. Er kümmerte sich viel um Kranke und behauptete, diese Fürsorge helfe, sich für diejenigen zu interessieren, deren Seele sich in einem schlechten Zustand befinde, und allgemein für kaum sympathische Leute.

Eines Tages sagte eine ältere Frau zu ihm: ,,Kommen Sie heute Nachmittag und nehmen Sie einem Mann, der bald sterben wird, die Beichte ab." Sie gab ihm eine Adresse. Als Pater Rubio an der Tür klingelte, machte ihm ein junger Mann auf, der Klavier gespielt hatte. Der Mönch nannte den Namen des ,,Kranken". ,,Das bin ich", sprach der Mann. - ,,Entschuldigen Sie, man hat mir von einem Sterbenden berichtet." Der Mann begann zu lachen, dann lud er seinen Besucher ein, der drei Stockwerke hochgestiegen war, sich etwas auszuruhen. Der Pater trat ein und erblickte eine Photographie, auf der er die ältere Frau wiedererkannte, die ihn am Morgen darum gebeten hatte, hierher zu kommen: ,,Das ist meine Mutter; sie ist schon lange tot. - Ja, das ist aber die Dame, die mir Ihren Namen und Ihre Adresse gegeben hat und mir gesagt hat, ich solle einem Sterbenden die Beichte abnehmen. - Warten Sie einen Augenblick", sagte der Mann, ,,und hören Sie bitte meine Beichte." Am nächsten Morgen wurde der Musiker tot in seinem Bett gefunden.

Pater Rubio begab sich in weit von der Hauptstadt entfernte Vorstädte, in denen sich ein von Elend zerfressenes Volk drängte und völlig zerlumpte Menschen auf Bergen von Unrat hausten. Er wollte diese Leute systematisch evangelisieren. Es gab weder eine Messe noch einen Ort, wo man sie hätte feiern können. Im Übrigen hatte auch niemand das Bedürfnis danach, ebensowenig wie nach einer katholischen Schule. Mit Hilfe eines Jesuitenbruders gelang es Pater Rubio, ein Grundstück zu kaufen und darauf inmitten der Elendsgestalten eine Kirche und zwei Schulen zu errichten.

,,Ihr kennt den Weg"

Durch all diese Werke unterhielt Pater Rubio ein sehr intensives spirituelles Leben in sich. 1917 ließ Gott harte innere Prüfungen und Anfälle von Zweifel über ihn kommen. Hinzu traten Anfeindungen von außen: Manche Mitbrüder urteilten streng über seine Projekte und seine Methoden, machten sich über seine Werke lustig und behaupteten, er wolle alles an sich reißen. Bei diesen Demütigungen legte er eine nicht alltägliche Geduld an den Tag. Aufrichtig bekannte er seine Unzulänglichkeit: ,,Ich weiß nicht, wie Gott mich findet. Ich fürchte, eher schlecht. Betet für mich! Ich gehe voller Verwirrung weiter, wenn ich den Zustand meiner Seele sehe. Meine Freunde werden beim gütigen Jesus Christus schon erreichen, daß er Mitleid mit mir hat." Doch seiner Ansicht nach soll man sich seine Fehler und Unvollkommenheiten zunutze machen, um an Demut zu wachsen. Er selbst holte sich Rat bei seinen Vorgesetzten, seinen Mitbrüdern und seinen Untergebenen.

Seit seiner Jugend hatte sich Pater Rubio nie geschont, sondern sich mitunter völlig verausgabt. Eines Tages diagnostizierte der Arzt eine Angina pectoris bei ihm. Sein Vorgesetzter beschloß, ihn ins Novizenhaus nach Aranjuez zu schicken. Der Pater machte sich keine Illusionen: ,,Ich fahre zum Sterben nach Aranjuez." Er nahm nur sein Kruzifix sowie zwei Notizhefte mit sich und stieg in den Wagen, den ihm zwei seiner geistigen Töchter besorgt hatten. Diese beklagten sich darüber, daß er fortfuhr. ,,Ihr braucht mich nicht mehr", sagte er zu ihnen. ,,Ihr kennt den Weg, um in den Himmel zu kommen, und das ist das Einzige, was ihr machen müßt."

,,Ich komme hierher, um meine Geschäfte mit Gott ins Reine zu bringen", sagte er bei seiner Ankunft in Aranjuez. Seit seiner Priesterweihe 41 Jahre zuvor wiederholte er beharrlich seinen Wunsch, am ersten Donnerstag eines Monats zu sterben, um den ersten Freitag im Himmel feiern zu dürfen. Tatsächlich ging seine Seele in die Glückseligkeit des Himmels am Donnerstag, dem 2. Mai 1929, um sechs Uhr abends.

Als Papst Johannes-Paul II. am 6. Oktober 1985 Pater José María Rubio seligsprach, stellte er ihn als einen ,,wahren anderen Christus" vor. Mögen auch wir mit Hilfe der allerseligsten Jungfrau Maria und des heiligen Josef vollkommene Jünger unseres Erlösers werden. Wir Mönche beten für Sie sowie für alle Lebenden und Verstorbenen, die Ihnen teuer sind.

Dom Antoine Marie osb

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