2. Februar 1999
Darstellung des Herrn


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr euch nicht bekehrt und nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen (Mt 18, 3). Seinen von menschlichem Ehrgeiz erfüllten Jüngern setzt unser Herr Jesus Christus ein Kind zum Vorbild. Um ins Himmelreich einzugehen, muß man kleinen Kindern ähnlich werden: unschuldig und frei von jedem Laster, vor allem dem schlimmsten von allen, dem Hochmut. Die Demut gehört zu den wichtigsten Grundlagen des christlichen Lebens.

Der heilige Benedikt erklärt in Betrachtung der Leiter, die Jakob im Schlafe erschienen war und auf der er Engel auf- und niedersteigen sah (vgl. Gen 28, 12): ,,Jenes Herab- und Hinaufsteigen kann unserer Ansicht nach gar nicht anders verstanden werden, als daß die Erhöhung absteigen, die Erniedrigung aufsteigen läßt. Die aufgerichtete Leiter ist unser irdisches Leben, das der Herr himmelwärts emporrichtet, wenn unser Herz demütig wird" (Regel, Kap. 7).

Der heilige Augustinus behauptet: ,,Wenn ihr mich fragt, welche die wesentlichste Sache in der Religion und der Lehre Jesu Christi ist, so werde ich antworten: zuerst die Demut, dann die Demut und schließlich die Demut" (Brief 118, 22).

Unbeschreibliche Schönheit

,,Die Demut ist die Wahrheit", konnte die heilige Therese vom Kinde Jesu sagen. In der Tat besteht die Demut darin, jede Wahrheit anzuerkennen, und zuallererst unser vom Schöpfer abhängiges Geschöpfsein. Hier nun ein konkretes Beispiel an Demut, das von der Vorsehung ersonnen wurde, um uns als Vorbild zu dienen.

Am 7. Januar 1844, einem Sonntag, kam in der Mühle von Boly in Lourdes ein kleines Mädchen aus einer sehr armen, aber zutiefst christlichen Familie zur Welt; man nannte es Bernadette. Es war das Älteste von neun Kindern. Schon im Alter von 6 Jahren bekam Bernadette Asthmaanfälle, unter denen sie ihr ganzes Leben lang litt. Herr Soubirous, ihr Vater, arbeitete hart; doch die Armut der Familie wurde so groß, daß sie in einer Einzimmerwohnung, dem sogenannten ,,Verlies", Zuflucht nehmen mußte. Bernadette führte den ,,Haushalt" und kümmerte sich um ihre Geschwister. Alle liebten sich so sehr und beteten so gut, daß die Armut sie nicht am Familienglück hinderte.

11. Februar 1858. Im ,,Verlies" ist es kalt:

Bernadette geht mit einigen Freundinnen in die Grotte von Massabielle am Ufer des Gave, um Schwemmholz zu suchen. Plötzlich erblickt sie in einem Felsenloch eine außerordentlich schöne Dame. Ihr Körper, der dem Augenschein nach zu urteilen wie das Fleisch von uns allen greifbar ist, unterscheidet sich vom Körper einer gewöhnlichen Person lediglich durch seine unbeschreibliche Schönheit. Die Dame ist von mittlerer Größe und sieht ganz jung aus. Der ovale Bogen ihres Antlitzes ist von himmlischer Anmut, ihre blauen Augen sind von einer Lieblichkeit, daß sie das Herz eines Jeden zum Schmelzen bringen, der von ihnen angeschaut wird. Ihre Lippen atmen göttliche Nachsicht und Güte aus. Von einem übernatürlichen Schrecken ergriffen und doch voller Freude, traut sich Bernadette nicht, der Dame näherzutreten; sie betet mit ihr den Rosenkranz. Da hört die Erscheinung auf: Bernadette erwacht aus ihrer Ekstase und gibt auf Drängen ihrer Begleiterinnen alles preis, was sie lieber für sich behalten hätte.

Als Frau Soubirous von dem Vorfall hörte, befürchtete sie, ihre Tochter hätte sich getäuscht, und verbot ihr, zum Felsen von Massabielle zurückzukehren. Doch am Sonntag, dem 14., ließ sie sich von den Freundinnen Bernadettes erweichen. Kaum war die Sehende bei der Grotte angelangt, verkündete sie: ,,Sie ist da". Dann ging sie näher heran, versprengte Weihwasser und rief: ,,Wenn du von Gott kommst, bleib, sonst verschwinde! - Die Dame begann zu lächeln", erzählte Bernadette später, ,,und je mehr Weihwasser ich auf sie warf, desto mehr lächelte sie."

Am 18. Februar sagte die Dame zu Bernadette: ,,Willst du mir den Gefallen tun und vierzehn Tage lang hierher kommen?" Strahlend vor Freude willigte die Kleine ein, und die Dame fügte sogleich hinzu: ,,Ich verspreche dir nicht, dich in dieser Welt glücklich zu machen, sondern in der anderen." Am 21. mußte sich Bernadette durch eine richtige Menschenmenge drängen, um zur Grotte zu gelangen. Die Dame blickte mit traurigem Gesicht in die Ferne; dann wandte sie sich an Bernadette: ,,Bete zu Gott für die Sünder." Am 24. konnte Bernadette der Menge nur unter Tränen die in einem Wort zusammengefaßten Weisungen der Dame wiederholen: ,,Buße! Buße! Buße!"

,,Komm und trink aus der Quelle"

Am 25. drang Bernadette auf Knien bis zur Mitte der Grotte vor, wohin die Dame ihr vorausgegangen war. ,,Komm und trink aus der Quelle und wasch dich darin", sprach die Dame zu ihr. Bernadette kratzte mit den Fingern im Sandhaufen. Aus der Tiefe des Felsens fand eine Quelle ihren Weg bis zur Hand von

Bernadette. Das Kind trank den ersten Schluck des noch schmutzigen Wassers und benetzte sich damit das Gesicht. Die Quelle wurde bald zu einem nie versiegenden Brunnen, zum göttlichen Werkzeug vieler und überraschender Heilungen.

Am 25. März gab die strahlende Besucherin der Grotte ihr Geheimnis preis: ,,Ich bin die Unbefleckte Empfängnis." Bernadette lief zum Herrn Pfarrer und wiederholte ihm (in pyrenäischem Dialekt) diesen Satz, den sie nicht verstand. Dieser war ganz erschüttert und glaubte nun an die Wirklichkeit der Erscheinungen. Er rief: ,,Das ist die seligste Jungfrau!" Denn vier Jahre zuvor hatte Papst Pius IX. die unfehlbare Lehre von der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria verkündet.

Die letzte Erscheinung fand am 16. Juli statt, am Fest unserer Lieben Frau vom Berge Karmel: ,,Nie habe ich sie so schön gesehen", sagte Bernadette. Danach wurden gründliche Untersuchungen durchgeführt, und als Ergebnis verkündete der Bischof von Tarbes feierlich: ,,Wir sind der Ansicht, daß Maria, die unbefleckte Mutter Gottes, Bernadette Soubirous am 11. Februar 1858 und in den darauffolgenden Tagen insgesamt achtzehnmal wirklich erschienen ist."

Bei einer Erscheinung wurde Bernadette von der heiligen Jungfrau eröffnet, daß sie Ordensfrau werden würde. Acht Jahre später, nachdem sie lange wegen der Wahl einer Klostergemeinschaft gezögert hatte, schloß sich die Sehende von Lourdes im Alter von 22 Jahren den Barmherzigen Schwestern der christlichen Unterweisung von Nevers an: ,,Ich bin hierher gekommen, um mich zu verstecken", sagte sie manchmal.

,,Geh fort, es ist zu früh!"

Die Novizenmeisterin des Klosters von Nevers, Mutter Marie-Thérèse Vauzou, setzte sich zwar eifrig für die Heiligung ihrer Nonnen ein, doch sie hatte ihre eigene Auffassung von deren Vervollkommnung. Sie wollte sie demütig und vertrauensvoll und duldete es nicht, daß ihre Seelen Geheimnisse vor ihr hatten.

Bernadette, der die heilige Jungfrau mehrere Geheimnisse anvertraut hatte, die sie niemandem sagen durfte, schien der Vorgesetzten zu verschlossen zu sein. In ihren Augen war die Sehende von Lourdes ein gewöhnliches junges Mädchen, das für das Ordensleben erst geformt werden mußte. Die unerhörte Gunst, die Bernadette empfangen hatte, durfte zwar nicht ignoriert werden, doch sie mußte gegen die Versuchungen der Hochmut gewappnet werden.

Während des Noviziats wurde die junge Nonne bald in der Sakristei, bald im Krankenzimmer für kleinere Arbeiten eingesetzt. Sie bewahrte stets ein friedliches Lächeln, doch ihr Gesicht verriet ihre Müdigkeit. Sie hatte in der Tat mehr Mut als Gesundheit. Sie wurde von Asthma sowie von Magen- und Kopfschmerzen gequält. Sie wurde bald bettlägerig und war am 25. Oktober völlig am Ende. Auf dringendes Anraten ihres Beichtvaters hin bat sie darum, ihre Ordensgelübde abzulegen. Bischof Forcade erteilte die notwendige Erlaubnis und begab sich selbst an das Krankenlager der Sterbenden, um ihr das ewige Gelübde abzunehmen. Doch gleich nach der Zeremonie besserte sich der Gesundheitszustand Bernadettes unerwarteterweise. ,,Es geht mir besser", sagte sie mit einem Anflug von Bedauern. ,,Der liebe Gott hat mich nicht gewollt; ich bin bis ans Tor gegangen, und Er hat mir gesagt: ,Geh fort, es ist zu früh!`" Sie hat noch weitere 12 Jahre gelebt.

,,Innerlich demütig, äußerlich erniedrigt"

Als eifrige und gewöhnliche Novizin tauchte Schwester Marie-Bernard demütig in der Schar ihrer Gefährtinnen unter. Am Ende des Noviziats teilte Bischof Forcade den jungen Nonnen die Beschäftigungen mit, denen sie sich künftig zu widmen hatten. Jede erhielt Aufgabe, für die sie bestimmt war, doch Bernadette fehlte auf der Liste. ,,Und Schwester Marie-Bernard?" fragte der Bischof. - ,,Euer Hochwürden", erwiderte die Oberin, ,,sie ist zu nichts gut. - Stimmt das, Schwester Marie-Bernard, daß Sie zu nichts gut sind? - Das stimmt", antwortete die Nonne demütig. - ,,Aber was sollen wir dann mit Ihnen machen, armes Kind? - Wenn Sie wollen, Herr Bischof", warf die Oberin ein, ,,können wir sie aus Barmherzigkeit im Mutterhaus behalten und im Krankenzimmer irgendwie beschäftigen, und sei es auch nur zum Putzen und zum Kräuterteekochen. Da sie ja immer krank ist, wird das genau das Richtige sein für sie." Der Bischof war einverstanden und beendete die Debatte erbaulich: ,,Ich gebe Ihnen die Aufgabe zu beten", sagte er zu der kleinen Schwester. Angesichts dieser schmerzlich empfundenen öffentlichen Demütigung besann sich Bernadette auf die Weisungen der seligsten Jungfrau: ,,Leiden für das ewige Heil der armen Sünder", und sie freute sich zutiefst.

Da Bernadette als ,,Seherin" so berühmt war, hätte sie auf dieses Vorrecht pochen können, um sich in den Vordergrund zu spielen. Sie hat im Gegenteil ein Beispiel tiefer Demut gegeben, die eine besonders wichtige Lektion für unsere Zeit darstellt. Der Mensch von heute ist in der Tat ängstlich auf eine falsch verstandene Freiheit bedacht; er fordert eine völlige Unabhängigkeit von wem auch immer, selbst von seinem Schöpfer, und verfällt so einer Verherrlichung seiner selbst: ,,Die Wurzel des ursprünglichen Götzendienstes", sagte kurz vor seinem Tod der Erzbischof von Lyon, Kardinal Balland, ,,ist die Anbetung seiner selbst und der eigenen Freiheit. Einer Freiheit, die sich von jeder Konditionierung und von jeder äußeren Norm befreit wissen will. Das ist die zweifellos aktuellste Form des althergebrachten Götzendienstes. Eine Anbetung seiner selbst, die uns sicherlich von Gott, von den anderen, von der Welt abschneidet und die uns stillschweigend zu Komplizen der Entmenschlichung unserer Gesellschaft macht" (17. Februar 1998).

,,Das menschliche Wesen ist nicht das Maß aller Dinge"

Papst Johannes-Paul II. stellt fest, daß der moderne Mensch ,,so sehr in die Aufgabe eingebunden ist, die

irdische Stadt zu bauen, daß er die `Stadt Gottes' aus den Augen verloren hat oder sogar willentlich ausschließt. Gott bleibt außerhalb seines Lebenshorizontes" (11. Oktober 1985). Eine solche Haltung zieht schwerwiegende Konsequenzen nach sich. ,,Es mehren sich die Stimmen", sagt der Heilige Vater, ,,die in der völligen moralischen und religiösen Autonomie des Menschen und in einer sich immer mehr verweltlichenden Gesellschaft einen Schritt auf das Scheitern und auf das

wachsende Chaos hin vorausahnen. Von seiner Natur selbst her ist das menschliche Wesen weder Anfang noch Ende. Das menschliche Wesen ist nicht das Maß aller Dinge! Es muß zugeben, daß es über ihm ein greifbares Wesen gibt: Gott, seinen Schöpfer, seinen Vater und seinen Richter. Wir müssen bereit sein, uns in allen Bereichen unserer Existenz auf Ihn zu beziehen" (4. Mai 1987).

Die Demut ist demnach eine Quelle der Einheit mit Gott und des Vertrauens auf seine väterliche Gegenwart. Sie bereitet auf das Gebet vor, das uns die Gnadengaben erwirkt, deren wir bedürfen, um unser Heil zu wirken. ,,Die Demut ist die Grundlage des Betens... Um die Gabe des Gebetes zu empfangen, müssen wir demütig gesinnt sein" (Katechismus der Katholischen Kirche, 2559). In der Tat ist das ganz demütige Leben der heiligen Bernadette ein Leben des Gebets. Es ist aber auch ein von einem großen Mut gekennzeichnetes Leben, denn entgegen der landläufigen Meinung ist die Demut nicht die Tugend der Feigen oder Charakterlosen. Sie setzt vielmehr eine ganz seltene Seelenkraft voraus. So fügte einige Jahre nach ihrem Gelübde die heilige Bernadette ihrer Aufgabe zu ,,beten", die sie als allen anderen Aufgaben überlegen betrachtete, eine weitere Arbeit hinzu, die nicht weniger erhaben und gewinnbringend war. Als sie in einer Ecke des Krankenzimmers im Bett lag, bekam sie Besuch einer Oberin: ,,Was machen Sie da, Faulenzerin? - Aber liebe Mutter, ich tue meine Arbeit. - Und was ist Ihre Arbeit? - Krank zu sein."

Schwester Marie-Bernard litt körperlich: Die Tuberkulose hatte ihr langsames, zerstörerisches Werk begonnen. Sie litt auch unter der Armut der Schwestern, die zu Entbehrungen führte: Mitunter fehlte es sogar an Brot. Doch neben diesem körperlichen Leiden gab es eine moralische Prüfung, die nicht minder schwer zu ertragen war. Die Kälte, die Mutter Marie-Thérèse Vauzou ihr aus frommer Pflichterfüllung bezeugte, war für Bernadette eine gut zehn Jahre dauernde tiefe Qual. Die Oberin erkannte die vorbildliche religiöse Inbrunst Bernadettes; doch da sie bei dieser ,,Seherin" nichts Ungewöhnliches feststellen konnte, behielt sie eine ungünstige Meinung über die Geschehnisse von Massabielle bei. Diese schmerzliche Situation zog bei einer Novizin folgende Überlegung nach sich: ,,Welch ein Glück, wenn man nicht Bernadette ist!" Doch

Schwester Marie-Bernard erklärte später mit vollkommener Aufrichtigkeit über Mutter Marie-Thérèse: ,,Ich schulde ihr viel Dankbarkeit für das Gute, das sie meiner Seele getan hat."

Ein Platz im Herzen Gottes

,,Mein göttlicher Bräutigam hat mir den Hang zum demütigen und verborgenen Leben geschenkt", schrieb Bernadette, ,,und Er sagte mir oft, daß mein Herz erst Ruhe finden würde, wenn es Ihm alles geopfert hätte. Und um mich zu einer Entscheidung zu bringen, läßt Er mich oft daran denken, daß ich nach allem, bei meinem Tod, keinen anderen Trost haben werde als Jesus, und zwar den gekreuzigten Jesus. Ihn allein, meinen getreuen Freund, werde ich zwischen meinen eisigen Fingern ins Grab mitnehmen. O welcher Wahnsinn wäre es, wenn ich mich an etwas anderes binden würde als an Ihn." Einer Dame, die kurz zuvor ihren Mann und ihre beiden Kinder verloren hatte, riet sie, beim Heiligsten Herzen Jesu Zuflucht zu suchen: ,,Gott prüft diejenigen, die er liebt", schrieb sie. ,,Sie haben also ganz besonders Anrecht auf einen Platz in seinem göttlichen Herzen; nur dort werden Sie wahren und dauerhaften Trost finden. Er selbst lädt uns mit folgenden liebevollen Worten dazu ein: Kommt zu mir alle, die ihr leidet und in Kummer lebt; ich werde euch Erleichterung schenken und euch trösten" (vgl. Mt 11, 29).

In dem armen, erschöpften Körper Bernadettes gewann die Tuberkulose an Boden: Am Knie entstand ein Tumor, der anschwoll und sehr schmerzhaft wurde. Sie schrieb in ihr kleines Tagebuch: ,,Ich kann meine Beine gar nicht mehr gebrauchen; ich muß mich mit der Demütigung abfinden, getragen zu werden." Vom Oktober 1878 an verursachte der Tumor unstillbare Schmerzen. Bernadette fand nur noch in Jesus Kraft, und aus Liebe zu Ihm gelang es ihr, das Leiden sogar zu ,,lieben": ,,Ich bin glücklicher mit Christus auf meinem Bett als eine Königin auf ihrem Thron", schrieb sie einer Nonne, die ihr ein Bild des gekreuzigten Christus gesandt hatte. Auf diese Weise gab sie folgende Worte des heiligen Paulus wider: Nun freue ich mich der Leiden für euch und will das, was an Christi Drangsalen noch aussteht, ergänzen an meinem Fleisch zum Besten seines Leibes, das ist die Kirche (Kol 1, 24). In Verbundenheit mit dem Mysterium des Leidens Christi wirkte sie tatsächlich an der Erlösung und an der Heiligung der Seelen mit. Dadurch ist Bernadette ein Licht für unsere Zeit, in der die unmäßige Jagd nach Vergnügen oft zur Lebensregel wird.

,,Ich bin wie Er"

Schwester Marie-Bernard pflegte ihr rechtes Bein wegen des Tumors auf einen Stuhl neben dem Bett zu legen. Die Knochenfäule, die ähnlich starke Schmerzen verursacht wie Zahnweh, ringt ihr gedämpfte Klagen ab. Es gibt keine Regung der Ungeduld in ihr, man hört immer das gleiche abgehackte, keuchende Stöhnen eines Willens, der heldenhaft kämpft. Sie hält ihr Kruzifix fest: ,,Ich bin wie Er." Ganze Nächte lang läßt sie den Rosenkranz durch die Finger gleiten: ,,Ich bin glücklich darüber, daß ich mich in meinen schlaflosen Stunden mit Jesus vereinigen kann. Ein Blick auf Ihn schenkt mir die Kraft, mich zu opfern, wenn ich die Einsamkeit und das Leiden stärker fühle." Ein großes Glück ist es für sie, daß sie in Gedanken an den Messen teilnehmen kann, die in diesem Augenblick an diesem oder jenem Punkt der Erde gefeiert werden. Lassen die Schmerzen einmal nach, so macht sie sich durch Stickereien, Zeichnungen, Malereien usw. der Gemeinschaft nützlich.

Am 19. März 1879, dem Fest des heiligen Josef, gibt sie auf die Frage: ,,Um welche Gnade haben Sie ihm gebeten, Schwester Marie-Bernard?" folgende Antwort: ,,Um die Gnade eines guten Todes!".

Am 28. März empfing sie die Sterbesakramente. Ihr Martyrium zog sich allerdings noch drei Wochen dahin. ,,Der Himmel, der Himmel!" murmelte sie... ,,Es soll Heilige geben, die nicht geradewegs dorthin gegangen sind, weil sie ihn nicht genug begehrt haben. Für mich trifft das nicht zu." ,,Erinnere dich an das Versprechen der seligsten Jungfrau: Am Ende steht der Himmel", sagte man zu ihr. ,,Ja", antwortete sie schwach, ,,aber das Ende braucht lange, bis es kommt... Ich bin zermalmt wie ein Weizenkorn..."

,,Ich habe es eilig, sie wiederzusehen"

In der Nacht vom 14. auf den 15. April versuchte der Teufel, sie zur Verzweiflung zu bringen. Sie rief: ,,Jesus!" Und dann: ,,Geh weg, Satan!" Der Geistliche fragte sie: ,,Willst du dein Leben opfern? - Opfern? Das ist kein Opfer, dieses elende Leben zu verlassen, in dem man so viele Schwierigkeiten hat, Gott zu gehören!... Oh! Die Nachfolge Christi hat Recht, wenn sie lehrt, man solle nicht bis zum letzten Augenblick warten, um Gott zu dienen!... Man ist dann zu so wenig in der Lage!"

Der Vormittag des 16. April ist sehr schmerzhaft. Schwester Marie-Bernard droht zu ersticken. ,,Ich werde die Unbefleckte Mutter bitten, Ihnen Trost zu spenden", sagt Mutter Eleonore zu ihr. - ,,Nein, keinen Trost, sondern Kraft und Geduld... Ich habe sie gesehen", fährt sie fort, den Blick auf die Statue der heiligen Jungfrau geheftet, ,,ich habe sie gesehen!... Oh! Wie schön sie war und wie eilig ich es habe, sie wiederzusehen!"

Kurz vor drei Uhr nachmittags sagt Schwester Marie-Bernard zweimal: ,,Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für mich arme Sünderin... arme Sünderin." Beinahe gleich danach verscheidet sie, das Kruzifix immer noch fest ans Herz gedrückt. Sie ist 35 Jahre alt. Die Mutter Gottes hatte ihr versprochen, sie würde jung sterben. Nun war die Zeit der Belohnung gekommen.

Bernadette Soubirous wurde von Papst Pius XI. am 8. Dezember 1933 heiliggesprochen. Heute noch strömen aus allen Ländern der Welt Menschenmassen zur Grotte von Lourdes: Man sieht dort viel Elend, viele Leute in Gebet und viele Wunder. Was man nicht sieht, was man aber ganz nah spürt, ist die Herrlichkeit des Himmels, jener anderen Welt, in der die heilige

Bernadette für immer unendlich glücklich ist und für uns Fürbitte einlegt, während sie uns zu Gott hin lenkt.

Wir vertrauen Ihre leiblichen und geistlichen Bedürfnisse ebenso wie diejenigen aller Lebenden und Verstorbenen, die Ihnen teuer sind, durch die Fürsprache der heiligen Bernadette unserer Lieben Frau von Lourdes und dem heiligen Josef an.

Dom Antoine Marie osb

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