11. August 1998
Hl. Klara


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

,,Wozu sind die Mönche und die religiösen Orden gut?" Diese in christlicher Umgebung anstößige Überlegung ist in unserer verweltlichten Gesellschaft beinahe banal geworden. So konnte Papst Johannes-Paul II. am 25. März 1996 die Frage aufgreifen: ,,Nicht wenige fragen sich heutzutage ratlos: Wozu soll das geweihte Leben gut sein? Warum lassen sich Menschen auf diese Lebensform ein, wo es doch im Bereich der Nächstenliebe und selbst der Evangelisierung so viele dringende Notwendigkeiten gibt, auf die man auch antworten kann, ohne die besonderen Verpflichtungen des geweihten Lebens zu übernehmen?" (Apostolisches Schreiben Vita consecrata, 104).

Auf diese Frage antwortet der Heilige Vater: ,,Was in den Augen der Menschen als Verschwendung erscheinen mag, ist für den in seinem innersten Herzen von der Schönheit und der Güte des Herrn angezogenen Menschen eine klare Antwort der Liebe und eine überschwengliche Dankbarkeit dafür, auf ganz besondere Weise zum Kennenlernen des Sohnes und zur Teilhabe an seiner göttlichen Sendung in der Welt zugelassen worden zu sein" (ibid.).

,,Gott allein genügt"

Ein von Christus betörtes achtzehnjähriges chilenisches Mädchen erklärte vor seinem Eintritt in den Karmel im Jahre 1918 seinem bekümmerten und entrüsteten Bruder die Motive seiner Berufung folgendermaßen: ,,In der Seele existiert ein unlöschbarer Durst nach Glück. Ich weiß nicht warum, aber in mir ist er zehnmal so stark. Ich möchte lieben, aber etwas Unendliches, und ich wünsche mir, daß dieses von mir geliebte Wesen sich nicht ändert und nicht Spielzeug seiner Leidenschaften, der Umstände der Zeit und des Lebens wird. Lieben, ja, aber das unverrückbare Sein lieben, Gott, der mich seit einer Ewigkeit unendlich geliebt hat". Das natürliche Verlangen nach Glück ist göttlichen Ursprungs; Gott hat es in das Herz des Menschen gepflanzt, um ihn an sich zu ziehen, da Er allein dieses Verlangen stillen kann. ,,Das wahre Glück liegt nicht in Reichtum und Wohlstand, nicht in Ruhm und Macht, auch nicht in einem menschlichen Werk - mag dieses auch noch so wertvoll sein wie etwa die Wissenschaften, die Technik und die Kunst - und auch in keinem Geschöpf, sondern einzig in Gott, dem Quell alles Guten und aller Liebe" (Katechismus der Katholischen Kirche, 1723).

Am 21. März 1993 erklärte Papst Johannes-Paul II. anläßlich der Heiligsprechung der heiligen Therese der Anden: ,,Einer verweltlichen Gesellschaft, die mit dem Rücken zu Gott lebt, stelle ich mit großer Freude diese chilenische Karmelitin als Vorbild der ewigen Jugend des Evangeliums vor. Sie legt das ungetrübte Zeugnis einer Existenz ab, die den Menschen von heute verkündet, daß in der Liebe, der Anbetung und dem Dienst Gottes die Größe und Freude, die Freiheit und volle Selbstverwirklichung der menschlichen Kreatur liegen. Das Leben der seligen Therese ruft sanft aus ihrem Kloster: Gott allein genügt!"

,,Seit da spricht mein Jesus zu mir"

Juana Fernández Solar wurde am 13. Juli 1900 in einer wohlhabenden Familie aus Santiago de Chile (Lateinamerika) geboren. Von Kindheit an offenbarte sie eine lebhafte Persönlichkeit aus Herz und Verstand und war von einer großen Sehnsucht nach Gott beseelt.

Trotz dieser guten Veranlagung mangelte es Juana nicht an Fehlern. Sie war dickköpfig, eitel und egoistisch, schmollte gern und gab sich ihren Launen hin. ,,Manchmal hatte ich kleine Anfälle wilder Wut", sagte sie später. Unterstützt von den Ihren (sie hatte fünf Geschwister) und vor allem von der Gnade ihrer Taufe, führte sie einen harten Kampf gegen ihre schlechten Neigungen, insbesondere gegen ihr jähzorniges und empfindsames Temperament, das dem Einfluß ihrer zerbrechlichen Gesundheit unterworfen war. Eines Tages ließ sich ihre Schwester Rebecca dazu hinreißen, mit aller Kraft auf sie einzuschlagen. Juana wollte mit derselben Stärke zurückschlagen. Mit vor Wut gerötetem Gesicht ging sie auf ihre Schwester los, hielt jedoch plötzlich inne: Statt eines Schlages, gab sie ihr rasch einen Kuß. Rebecca verstand die heldenhafte Geste ihrer Schwester nicht und jagte sie mit dem Ruf fort: ,,Geh weg! Du hast mir einen Judaskuß gegeben!" Juana, die ihre Wut besiegt hatte, zog sich sanftmütig zurück.

Als Juana im Alter von 13 Jahren mit einer akuten Blinddarmentzündung im Krankenhaus lag, litt sie heftig unter der Einsamkeit: ,,Da hefteten sich meine Augen auf ein Bild mit der Darstellung des Heiligsten Herzens Jesu", schrieb sie, ,,und ich hörte eine sehr liebliche Stimme zu mir sagen: ,Was soll das, Juanita! Ich bin immer allein auf dem Altar, weil ich dich liebe, und du, du kannst nicht einen Augenblick allein sein?` Seit da spricht mein Jesus zu mir. Und ich habe mich stundenlang mit Ihm unterhalten... Er lehrte mich nach und nach, wie ich leiden mußte, ohne mich zu beklagen. Ich tat alles mit Jesus und für Jesus".

Als Jugendliche fand Juana Gefallen an weltlichen Vergnügungen - sie war hübsch und beliebt - und verlor dadurch einen Teil ihrer religiösen Inbrunst. Doch indem ihre häufigen Krankheiten sie immer wieder von Zerstreuungen abhielten, führten sie sie in die Gegenwart Gottes zurück, und bald konnte sie sich nur noch mit Abscheu an jene Feste erinnern, wo Eitelkeit und Sinnenlust einander den Vorrang streitig machten.

Unterwegs zu den Gipfeln

Am 8. Dezember 1915 weihte sich Juana mit Erlaubnis ihres Beichtvaters durch das Keuschheitsgelübde Gott. Auf den herausragenden Wert dieses Gelübdes wies Papst Johannes-Paul II. hin: Die freudige Übung der vollkommenen Keuschheit legt Zeugnis ab ,,für die Macht der Liebe Gottes in der Schwachheit des menschlichen Zustandes. Die gottgeweihte Person beweist: Was von den meisten für unmöglich gehalten wurde, wird durch die Gnade des Herrn Jesus möglich und wirklich befreiend. [...] Dies ist ein Zeugnis, das heute nötiger denn je ist, gerade weil es von unserer Welt so wenig verstanden wird" (Vita consecrata, 88).

1916 machte Juana ihre ersten Exerzitien nach der Methode des heiligen Ignatius von Loyola. Nach der Meditation über den ,,Ruf des Christkönigs" schrieb sie: ,,Jesus überallhin folgen zu können, wohin Er will. Er wählt die Armut, die Demütigungen, das Kreuz. Werde ich diese Gaben nicht erhalten, wo Er mich doch erschaffen hat, mich am Leben erhält und mich von der Hölle befreit hat? Mehr noch, Er hat dreißig Jahre lang alle Arten von Leid ertragen, um schließlich am Kreuz zu sterben wie der Ruchloseste der Menschen... Und sollte ich nichts erleiden wollen für seine Liebe?" Diese Überlegungen durchdrangen ihre Seele so sehr, daß ihr die Buße ein wirkliches Bedürfnis wurde, um dem leidenden Christus nachzueifern. Ihre Schwester Rebecca berichtete, daß sie tausend Kunstgriffe anwandte, um ihrem eigenen Geschmack entgegenzuwirken und sich in allen Dingen zu kasteien. Doch sie gehorchte ihrer Mutter, die sie bat, nicht auf die wegen ihrer schwachen Gesundheit notwendige Nahrung zu verzichten.

Trotz aller Anfechtungen und Krankheiten blieb Juana ein fröhliches und offenherziges Mädchen. In den Ferien an der Pazifikküste machte sie mit ihren Freundinnen große Ausflüge zu Pferde (,,Ich bin sehr Yankee", schrieb sie - sie reitet im Damensitz -) und sie halfen zusammen den Priestern, die in den Landmissionen mit der Katechisierung der Bauern beschäftigt waren. Sie widmete sich auch überaus gern den Armen.

,,Mich dürstet es nach Seelen"

Juana vernahm den Ruf Gottes: ,,Wie glücklich ich bin, geliebtes Schwesterchen!" schrieb sie an Rebecca am 15. April 1916. ,,Ich sehne mich jeden Tag danach, in den Karmel zu gehen, um mich nur noch Jesus zu widmen, um mit Ihm zu verschmelzen und nur noch sein Leben zu leben: lieben und leiden, um Seelen zu retten. Ja, mich dürstet es nach Seelen, weil mein Jesus, ich weiß es wohl, das am meisten liebt. Ich muß meinem Bräutigam das Blut zurückbringen, das er für jede von ihnen vergossen hat".

Somit verpflichtete sie sich zum Weg der Heiligkeit als Antwort auf die Liebe, die Gott uns in der erlösenden Menschwerdung bewiesen hatte: Darin besteht diese Liebe: Nicht daß wir Gott liebten, sondern daß er uns liebte und seinen Sohn sandte zur Sühne für unsere Sünden (1 Joh 4, 10). Die Forderung nach Umkehr betrifft alle Kinder der Kirche. Doch die Personen, die sich für das geweihte Leben entscheiden, leben diese Forderung in einer völligen Hingabe ihres Selbst, die bis zum Verzicht auf legitime Güter reicht. Denn durch das Armutsgelübde verzichten sie auf den persönlichen Besitz irdischer Güter, durch das Keuschheitsgelübde auf die Ehe, durch das Gehorsamsgelübde auf ihr legitimes Selbstbestimmungrecht in der Ausrichtung ihres Lebens. Diese absolute Liebe hat Vorbildcharakter für alle Christen.

Im September 1917 schrieb Juana an die Priorin des am Fuße der Gebirgskette der Anden, 70 km von Santiago entfernt gelegenen Klosters Carmel de Los Andes und legte ihr ihren Wunsch vor, in dieses Kloster einzutreten. ,,Das Leben einer Karmelitin ist leiden, lieben und beten, und darin liegt mein Ideal. Ehrwürdige Mutter, mein Jesus hat mich diese drei Dinge seit meiner Kindheit gelehrt".

Doch das junge Mädchen erlebte noch Rückfälle. Es bezichtigte sich der Koketterie und bekannte am 18. Oktober 1917: ,,Heute wurden von einer Klosterschwester Süßigkeiten unter uns verteilt, und da sie mir nur ein kleines Stückchen gab, wurde ich wütend und warf es weg, und ich habe das andere Stück, das sie mir gab, nicht angenommen" (Tagebuch). Unsere Verfehlungen zeugen von der Schwachheit des Menschen und helfen uns so zu begreifen, daß die Heiligkeit nicht so sehr unser Werk als dasjenige des Heiligen Geistes ist. Um zur Heiligkeit zu gelangen, kämpfte Juana mit ihrer ganzen Inbrunst weiter.

Die Klause des Herzens

Als Antwort auf eine Eingebung des heiligen Herzens Jesu bot Juana sich im Frühjahr 1918 als Liebes- und Sühnopfer dar. Bald danach wurde ihr Geist von Finsternis überschattet. Sie vertraute einem Priester ihren inneren Leidenszustand an und bemerkte dazu: ,,Das wundert mich nicht, hochwürdiger Vater, weil ich Christus gebeten habe, mich allen Trostes zu berauben, damit andere Seelen, die ich liebe, in den Sakramenten und im Gebet Frieden und Freude finden".

Die erlösende Passion Christi hat dem Leiden als Folge der Erbsünde einen neuen Sinn verliehen: Es kann zur Beteiligung am Heilswerk Jesu werden. Ich will das, was an Christi Drangsalen noch aussteht, ergänzen an meinem Fleisch, sagt der heilige Paulus (Kol 1, 24). Zwar ist das Leiden an sich kein Gut, doch Jesus hat es aus Gnade auf sich genommen für unsere seelische Wiedergeburt. Wenn wir auf den Spuren des leidenden Christus wandeln, wirken auch wir am Heilswerk für die Seelen mit und können, bewegt durch den Heiligen Geist und die Liebe, für uns selbst und für unseren Nächsten die Gnade der Heiligung mit Aussicht auf das ewige Leben erlangen. Unter den Gläubigen - des Himmels, des Fegefeuers und der Erde - gibt es ein stetiges Band der Liebe und einen reichen Austausch aller Güter, der Gemeinschaft der Heiligen heißt. In diesem wunderbaren Austausch kommen die Verdienste der einen den anderen zugute.

Am 11. Januar 1919 begab sich Juana mit ihrer Mutter zu einem Besuch ins Karmeliterkloster Los Andes, das ausgewählt wurde, weil es das ärmste Chiles war. In den vorangegangenen Tagen hatte sie an ihrer Berufung gezweifelt; ihr schien, sie könnte mehr für das Heil der Seelen tun, wenn sie in einen aktiven Orden eintreten würde. Doch kaum war sie hinter die Mauern des kleinen Klosters getreten, da spürte sie alle Zweifel in sich zusammenfallen: ,,Ich fühlte mich in einem so großen Frieden und Glück, daß ich es unmöglich erklären kann. Ich sah klar, daß Gott mich da wollte und fühlte gleichsam eine Kraft in mir, um alle Hindernisse zu überwinden, damit ich Karmelitin werde und mich für immer dort einschließen konnte".

Die Klausur der kontemplativen Orden ist eine Art, das Ostergeheimnis Christi zu leben. Aus der Erfahrung des Todes an sich selbst wird sie zu einem Überfluß an Leben und erscheint als eine freudige Vorwegnahme der jeder Person angebotenen Möglichkeit, in Jesus Christus einzig für Gott zu leben. Die Klausur erinnert an jene ,,Klause des Herzens", in der jeder berufen ist, die Einheit mit dem Herrn zu leben (vgl. Vita consecrata 59).

,,Der heilige Josef hat das Wunder bewirkt!"

Gegen Ende des Jahres 1917 traten Juana und ihre Mutter eines Tages nach der Messe aus der Kirche, als das Mädchen unvermittelt sagte: ,,Weißt du, Mama, daß ich Karmelitin werden will?" Frau Fernández hatte die Wirkung der Gnade in der Seele ihrer Tochter aus der Nähe verfolgt. Ihre Antwort war entsprechend ruhig und schlicht: ,,Wenn dein Vater sein Einverständnis dazu gibt, werde ich bestimmt nicht dagegen sein". Im Frühjahr 1919 schrieb Juana, die sich gerade bei Freunden aufhielt, an ihren Vater, um seine Zustimmung zu erhalten. Sie legte ihr ganzes Herz und ihren ganzen Glauben in diesen Brief. Die Voraussetzungen waren nicht günstig, denn die finanzielle Situation der Familie hatte sich verschlechtert und es stand zu befürchten, daß die damals für den Eintritt in ein Karmeliterkloster notwendige Mitgift nicht bezahlt werden konnte.

Die Tage vergingen, und obwohl Juana zu ihren Eltern heimgekehrt war, erwähnte ihr Vater den Brief mit keinem Wort. Eines Tages lief Juana schließlich zu ihm. Mit aller gewohnten Zärtlichkeit und allem Feingefühl flehte sie ihn um die ersehnte Zustimmung an. Er bezwang sein Herz und antwortete: ,,Mein Kind, wenn das der Wille Gottes ist, stelle ich mich ihm nicht entgegen". Von Freude erfüllt rief Juana aus: ,,Der heilige Josef hat das Wunder bewirkt!"

In einem Brief offenbarte Juana ihrem Bruder das innere Feuer, von dem sie entflammt war: ,,Die Seele, die durch die Bedürfnisse des Körpers und des soziales Umfeldes, in dem sie lebt, angekettet ist, befindet sich im Exil und sehnt sich mit brennendem Verlangen danach, unentwegt jenen unendlichen Horizont zu betrachten, der in dem Maße weiter wird, in dem sie ihn anschaut, ohne je in Gott auf Grenzen zu stoßen. Lieber Lucho, Du kannst das jetzt nicht verstehen, aber ich werde dafür beten, daß Gott eines Tages sich deiner Seele so zeigt, wie Er sich in seiner unendlichen Güte meiner Seele offenbart... Denke vor allem daran, daß das Leben so kurz ist; Du weißt bereits, daß dieses Leben nicht das Leben ist". Verglichen mit dem ewigen Leben, in dem wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen werden in einer unbeschreiblichen und grenzenlosen Glückseligkeit, befreit von allem Leid, allen Tränen und vom Tode, verdient das irdische Leben in der Tat nicht die Bezeichnung ,,Leben".

Der wahre Reichtum

Am 7. Mai 1919 schlossen sich die Tore des Karmeliterklosters Los Andes endgültig hinter der Postulantin, die hinfort den Namen ,,Schwester Therese von Jesus" tragen sollte. ,,Gelobt sei Gott", schrieb sie bereits am folgenden Tag an ihre Mutter. ,,Ich bin in meinem kleinen Kloster. Ich mühe mich kolossal damit ab, in den Holzschuhen zu laufen. Ich kann nicht mehr vor Lachen, wenn ich meine Ungeschicklichkeit sehe. Endlich bin ich glücklich, denn obwohl ich nichts habe, finde ich alles in Gott". Sie verlor nichts von ihrem Sinn für Humor: ,,Hier wird die Wäsche viel geflickt und gestopft, denn wir sind arm. Stellt euch vor, die Tracht, die ich zu reparieren habe, besteht aus über fünfzig Flicken. Vom ursprünglichen Stoff bleibt nichts mehr übrig!"

In jeder Ordensgemeinschaft wird die Armut in Ehren gehalten. Ihr Sinn besteht in erster Linie darin, durch die Nachahmung Christi für Gott Zeugnis abzulegen, denn er ist der wahre Reichtum des menschlichen Herzens: Selig, die arm sind in ihrem Geist, denn ihrer ist das Himmelreich (Mt 5, 3). In einer oft materialistischen, habgierigen, den Bedürfnissen und Leiden der Schwächsten gegenüber gleichgültigen Welt prangert die evangelische Armut nachdrücklich die Anbetung des Geldes an. Sie ist ein Appell zur gemäßigten Nutzung der Güter dieser Welt (vgl. Vita consecrata, 89-90).

Am 14. Oktober 1919 empfing Schwester Therese im Beisein ihrer Familie und vieler Freundinnen die Tracht des Karmelordens und begann ihr Noviziat. In dieser Probezeit machte sie abwechselnd mystische Erfahrungen außergewöhnlicher Gunst und großer Versuchungen durch, insbesondere gegen den Glauben.

Reif für die Ernte

Anfang März 1920 behauptete Schwester Therese auf einmal, sie werde in einem Monat sterben. Tatsächlich erkrankte sie am 2. April, dem Karfreitag, schwer an Typhus. Am Ostermontag empfing sie mit großer Inbrunst die letzten Sakramente, und es wurde ihr gestattet, am folgenden Tag ihr Ordensgelübde abzulegen. Am 12., nach nur elf Monaten Leben als Karmelitin, trat Schwester Therese von Jesus in die Freude des Himmels ein.

,,Sie wird schnell Wunder bewirken", hatte einige Tage nach ihrem Tod Pater Julian Cea angekündigt. Seit dieser Zeit führen unzählige Personen alle Arten von Gnaden- und Gunstbezeigungen auf ihre Fürsprache zurück. Das Kloster Los Andes ist zur am häufigsten aufgesuchten Pilgerstätte Chiles geworden, und viele junge Leute werden dort der Gnade teilhaftig, ein christliches Leben beginnen oder wiederaufnehmen zu können.

Die posthume Nachwirkung und Ausstrahlung der heiligen Therese der Anden sind erstaunlich bei einem jungen Mädchen, das im Alter von nicht einmal zwanzig Jahren gestorben ist. Dieses in den Augen einer in die zeitliche Wirkung verliebten Gesellschaft konturlose Leben wird indes von der Kirche als Vorbild menschlichen Erfolgs hingestellt. Das Geheimnis der chilenischen Heiligen besteht in ihrer tiefen Vereinigung mit Christus und in der Übung der wahren Liebe, die ausgegossen ist in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben wurde (Röm 5, 5). Diese Liebe im Unterschied zur falschen Liebe auf der Suche nach egoistischem Vergnügen kommt einer maßlosen Selbsthingabe gleich; sie verhilft dem Menschen zur Glückseligkeit.

,,Gott ließ in ihr in bewundernswerter Weise das Licht seines Sohnes Jesus Christus erstrahlen", sagte der Papst anläßlich der Kanonisation unserer Heiligen, ,,damit sie zum Leuchtturm und zum Wegweiser für eine Welt wird, die blind zu sein scheint und unfähig, die göttliche Herrlichkeit zu erkennen... Einer Jugend, die ständig durch die Botschaften und Anregungen einer erotisierenden Kultur herausgefordert ist, einer Gesellschaft, die die echte Liebe, die Hingabe bedeutet, mit der selbstsüchtigen Benutzung des Nächsten (zum eigenen Vergnügen) verwechselt, verkündet dieses junge Mädchen aus den Anden die Schönheit und das Glück, die aus den reinen Herzen kommen.

,,Im Heim ihrer Familie lernte sie, Gott über alle Dinge zu lieben. Und als sie spürte, daß sie ausschließlich ihrem Schöpfer gehörte, wurde ihre Nächstenliebe noch intensiver und endgültiger. Das beschrieb sie in einem ihrer Briefe: ,Wenn ich liebe, so ist das für immer. Eine Karmelitin vergißt nie. Von ihrer kleinen Zelle aus begleitet sie die Seelen, die sie in der Welt geliebt hat` (August 1919). Ihre brennende Liebe drängte Therese dazu, mit Jesus und wie Jesus leiden zu wollen... Sie wollte eine unbefleckte Hostie sein, die als stetiges und stilles Opfer für die Sünder dargebracht wird. ,Wir sind Miterlöser der Welt, und die Erlösung der Seelen wird nicht ohne das Kreuz vollbracht` (Brief vom September 1919)... In einer Welt, in der man darum kämpft, sich durchzusetzen, zu besitzen und zu beherrschen, lehrt sie uns, daß das Glück darin besteht, der Letzte und der Diener aller zu sein nach dem Vorbild Jesu, der nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um selbst zu dienen und sein Leben für die Erlösung vieler hinzugeben".

Wir vertrauen alle Lebenden und Verstorbenen, die Ihnen teuer sind, der unbefleckten Jungfrau Maria sowie dem heiligen Josef und der heiligen Therese der Andes an.

Dom Antoine Marie osb

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