13. Mai 1998
Mariensmonat, erste Erscheinung von Unserer Lieben Frau in Fatima


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Seit den Erscheinungen der Jungfrau Maria im Jahre 1858 ist Lourdes eine gnadenreiche Stätte geworden. Die Macht und die Barmherzigkeit Gottes wird dort allen offenkundig, Gläubigen und Nichtgläubigen. Noch heutzutage läßt uns Maria ihre mütterliche Gegenwart spüren, wie der nachfolgende Bericht bestätigt.

Ein Leiden, für das es kein Heilmittel gibt

Delizia Cirolli, geboren am 17. November 1964 in Sizilien, ist die älteste von vier Kindern. Sie verlebt eine glückliche Kindheit im Schoß ihrer Familie, trotz der finanziellen Schwierigkeiten wegen der Arbeitslosigkeit des Vaters. Anfang März 1976 verspürt sie eine schmerzhafte und andauernde Behinderung im rechten Knie. Die Eltern Cirolli lassen das Mädchen von ihrem Hausarzt untersuchen, der Analysen vom Laboratorium anordnet und schmerzstillende Medikamente verschreibt. Durch einen chirurgischen Eingriff wird ein bösartiges Geschwulst festgestellt (ein ,,Sarkom von Ewin", ein Knochenkrebs). Der Chirurg schlägt eine Amputation des ganzen Beines vor, ohne jedoch eine Heilung garantieren zu können. Die armen Eltern können sich zu diesem Schritt nicht entschließen. Der Arzt verschreibt daraufhin eine Behandlung durch Bestrahlung. Aber das sehr sensible Kind erträgt nicht den Krankenhausaufenthalt und kehrt ins Elternhaus schon vor dem Anfang der Behandlung zurück.

,,Bewahren wir den Glauben!"

Im Anblick der Leiden des Kindes hat die Lehrerin der Schule die Idee, sie mit ihrer Mutter nach Lourdes zu schicken. Der Aufenthalt (vom 7. bis 11. August 1976) ist qualvoll. Trotzdem wohnen die beiden Pilgerinnen allen Gottesdiensten bei, gehen zur Grotte, zu den Fontänen, zu den Bädern. Nach ihrer Rückkehr geht es Delizia nicht besser. Das Kind siecht sichtbar dahin. Aber ihre Umgebung hat das Vertrauen nicht verloren: ,,Die Heilige Jungfrau wird etwas unternehmen, bewahren wir den Glauben!" Und man fährt fort, zu Unserer Lieben Frau von Lourdes zu beten, während die Mutter des Mädchens dafür sorgt, daß es niemals an Wasser von der Grotte mangelt.

Gegen Mitte Dezember kann das Kind kaum mehr Nahrung zu sich nehmen. Seine Mutter bereitet schon, wie es in Sizilien die Tradition ist, des Totenkleid vor, das sie ihrem Mädchen nach seinem Hinscheiden anziehen wird. Und da ereignet sich das Unvorhergesehene. Kurz vor Weihnachten fühlt sich Delizia plötzlich wohler. Sie fragt ihre Mutter, ob sie das Bett verlassen dürfe. Wie groß ist nicht die Verblüffung von Frau Cirolli, als sie sieht, daß ihre Tochter aufrecht und ohne Stütze steht! Und sie geht! Delizia ist geheilt, die Jungfrau Maria hat die Gebete erhört! Nach den Weihnachtsferien kann das junge Mädchen wieder normal zur Schule gehen.

Diese Heilung ist außergewöhnlich, sie wird von mehreren internationalen medizinischen Instanzen geprüft und als ein Phänomen angesehen, das mit den Beobachtungen und Vorhersagen der medizinischen Erführung im Widerspruch steht. Am 28. Juni 1989 erklärt der Erzbischof von Catania (Sizilien): ,,Ich nehme die Tatsache zu Protokoll, daß diese Heilung nach den Bedingungen, unter denen sie sich vollzogen hat und andauert, ,wissenschaftlich unerklärlich` ist, und als Erzbischof von Catania erkäre ich sie als ,ein Wunder`".

Dieses Wunder, das erst vor kurzem geschehen ist, läßt uns von ganzem Herzen die Macht und göttliche Güte preisen. Aber der Herrgott vollbringt auch Umwandlungen in moralischer und seelischer Hinsicht, was ein Grund zu noch größerer Dankbarkeit Ihm gegenüber ist. Davon zeugt die Lebensgeschichte von Léonie Martin, einer Schwester der hl. Therese vom Kinde Jesu und vom Heiligsten Antlitz.

,,Dieses schlimme kleine Mädchen"

Als Léonie am 3. Juni 1863 in Alençon zur Welt kommt, umstehen ihre Wiege ihre Eltern, Louis und Zélie Martin und zwei Schwestern, Marie, die erst drei Jahre alt ist, und Pauline, 21 Monate. Céline (1869) und Therese (1873) vergrößern später den Familienkreis. Léonie ist ein recht schwaches Kind, das nacheinander erst unter einer Art chronischem Keuchhusten

und dann unter Masern mit sehr starken Krämpfen leidet. Von Zeit zu Zeit bedeckt ein eitriger Ausschlag ihren ganzen Körper. Unstet, ungeschickt und geistig sehr zurück, ist Léonie für die ganze Familie ein Grund tiefer Betrübnis. Ihr Mangel an psychischem Gleichgewicht macht sich immer mehr bemerkbar, als sie heranwächst. Sie bekennt eines Tages: ,,Meine Kindheit und meine frühe Jugend waren von großen Leiden begleitet, von den qualvollsten Prüfungen". Sie hat jedoch ein gutes Gedächtnis und weiß den Katechismus fehlerlos.

Die Ältesten, Marie und Pauline, werden im Pensionat der Salesianerinnen in Le Mans erzogen, wo ihre Tante, Schwester Marie-Dosithée, Nonne ist. Die Oberin will Léonie nicht aufnehmen. Die Tante erreicht aber die Erlaubnis zu einem Probeaufenthalt: ,,Ich habe jetzt Léonie hier, dieses schlimme kleine Mädchen", schreibt sie, ,,und ich versichere Ihnen, daß sie mir nicht wenig zu schaffen macht. Es ist ein ständiger Kampf... Sie fürchtet niemanden außer mir!" Der Versuch ist nicht von Dauer: sie wird in ihre Familie zurückgeschickt.

Ein zu schöner Traum

Madame Martin läßt ihr Privatstunden geben. Aber Léonie begreift nichts vom Rechnen und reiht die Zahlen mit größter Fantasie aneinander. Wieder wird ein Versuch im Haus der Salesianerinnen in Betracht gezogen. Ihre Mutter schreibt: ,,Wir sind dabei, ihre Ausstattung herzurichten. Ich glaube, das ist verlorenes Geld, aber mich beunruhigt vor allem die Mühe, die sie ihrer Tante verursachen wird... Diese ist der einzige Mensch, der Einfluß auf sie ausübt. Wenn man die kleine Léonie fragt, was sie später, wenn sie groß ist, machen wird, ist die Antwort immer die gleiche: ,Ich werde Ordensschwester bei den Salesianerinnen wie meine Tante`. Wolle Gott, daß es so sei, aber das ist zu schön, ich wage es nicht zu hoffen".

Die Korrespondenz von Madame Martin verrät ihre pädagogische Besorgheit, vor allem was Léonie betrifft, deren gefühlemäßige und intellektuelle Spätentwicklung eine ganz besondere Zuwendung erfordert. Sie weiß sehr gut, daß das Vertrauen die Seele der Erziehung ist und setzt alles daran, dieses verschlossene Herz zu gewinnen. Zélie möchte, daß ihre Töchter mitteilsam, offenherzig und ungezwungen sind. Dank ihrer Liebe erlangt sie Vertrauen oder Geständnis, aber sie kann auch streng sein und läßt weder Dickköpfigkeit noch Launenhaftigkeit durchgehen. Sie unterstützt die Freigebigkeit ihrer Tochter und bedient sich der alltäglichen Ereignisse, um sie zu lehren, sich zu überwinden, indem sie betont, in jeder Lebenslage treu seine Standespflichten zu tun.

,,Die Rolle der Eltern ist so entscheidend, daß sie dort, wo sie fehlt, kaum zu ersetzen ist", lehrt der Katechismus der Katholischen Kirche. ,,Die Eltern sind die Erstverantwortlichen für die Erziehung ihrer Kinder. In erster Linie erfüllen sie diese Verantwortung, indem sie ein Zuhause schaffen, wo Zärtlichkeit, Vergebung, gegenseitige Achtung, Treue und selbstlose Dienstbereitschaft herrschen... Die Eltern sollen die Kinder lehren, die materiellen und triebhaften Dimensionen den inneren und geistigen unterzuordnen" (Katechismus, 2221-2223).

Eine langwierige Aufgabe

Erziehen, das heißt auch, das sittliche Urteil und das Gewissen formen. ,,Ein gut gebildetes Gewissen urteilt richtig und wahrhaftig. Es folgt bei seinen Urteilen der Vernunft und richtet sich nach dem wahren Gut, das durch die Weisheit des Schöpfers gewollt ist. Für uns Menschen, die schlechten Einflüssen unterworfen und stets versucht sind, dem eigenen Urteil den Vorzug zu geben und die Lehren der kirchlichen Autorität zurückzuweisen, ist die Gewissenserziehung unerläßlich. Die Erziehung des Gewissens ist eine lebenslange Aufgabe. Schon in den ersten Jahren leitet sie das Kind dazu an, das durch das Gewissen wahrgenommene Gesetz zu erkennen und zu erfüllen. Eine umsichtige Erziehung regt zu tugendhaftem Verhalten an. Sie bewahrt oder betreit vor Furcht, Selbstsucht und Stolz, falschen Schuldgefühlen und Regungen der Selbstgefälligkeit, die durch menschliche Schwäche und Fehlerhaftigkeit entstehen können. Gewissenserziehung gewährleistet die Freiheit und führt zum Frieden des Herzens"

(Katechismus, 1783-1784).

Indessen erreicht Madame Martin trotz ihrer liebevollen Fürsorge keine Besserung des Widerspruchsgeistes von Léonie, die manchmal den Eindruck erweckt, sich in ihrer Verstocktheit zu verbarrikadieren. Trotzdem läßt sich ihre Mutter nicht entmutigen. Sie hebt die geringsten Zeichen einer Besserung hervor. ,,Ich bin nicht unzufrieden mit meiner Léonie", schreibt sie eines Tages, ,,wenn man über ihre Dickköpfigkeit Herr werden könnte, würde aus ihr ein gutes Mädchen, anhänglich und Anstrengungen nicht scheuend. Sie hat einen eisernen Willen; wenn sie etwas will, überwindet sie alle Widerstände, um ihr Ziel zu erreichen". Aber einige Wochen später vertraut sie Pauline an: ,,Ich kann mit ihr nicht mehr fertig werden, sie tut, was sie will und wie sie will".

,,Gott wird sich erweichen lassen"

Ein Gedanke gibt Zélie Kraft für ihre Aufgabe, die immer wieder von neuem in Angriff genommen werden muß: ein Kind, das Gegenstand von so viel Gebeten und so viel Ängsten ist, kann nicht verlorengehen! Für ihre Tochter zu beten, ist Teil ihrer Rolle als Erzieherin und Mutter. Zélie erhofft einen Beistand des Himmels: ,,Je schwieriger sie mir erscheint, umso mehr bin ich überzeugt, daß der Liebe Gott es nicht zulassen wird, daß sie so bleibt. Ich werde so viel beten, daß Er sich erweichen läßt. Sie wurde im Alter von 18 Monaten von einer Krankheit geheilt, an der sie hätte sterben müssen; warum hätte der Liebe Gott sie vom Tode errettet, wenn er nicht für sie Absichten seiner Barmherzigkeit gehabt hätte?" Einige Jahre später findet die ,,Kleine Therese" dieses schöne Wort: ,,Man erhält vom Lieben Gott so viel, wie man sich erhofft". Die Hoffnung von Madame Martin wird nicht enttäuscht werden. So bewahrheitet sich die Bemerkung des Katechismus: ,,Die Kinder tragen ihrerseits dazu bei, daß ihre Eltern an Heiligkeit zunehmen" (Katechismus, 2227).

Die Tante, die Salesianerin ist, stirbt im Kloster von Le Mans am 24. Februar 1877. Léonie hatte ihr ihre ,,Besorgungen" für den Himmel anvertraut: ,,Ich will", hatte sie zu ihrer Schwester Marie gesagt, ,,daß meine Tante, die Ordensschwester, wenn sie im Himmel sein wird, beim Lieben Gott für mich die religiöse Berufung erbittet... Ich will eine wirkliche Ordensschwester werden. - Eine wirkliche? Was willst du damit sagen?

- Eine Heilige". Bald wird das Geheimnis aufgeklärt, das auf dem Schicksal von Léonie lastet. Louise, eine Hausangestellte, übt seit zwei Jahren auf das Kind eine wahrhafte Tyrannei aus: sie denkt, einen großen Dienst zu erweisen, indem sie diese Kleine durch körperliche Züchtigung ,,bändigt". Sie verlangt von dem kleinen Mädchen Stillschweigen darüber und verbietet ihr jede Unterhaltung mit ihrer Mutter. Endlich wird das Unheil entdeckt. Madame Martin erklärt es in einem Brief an ihre Schwägerin: ,,Ja, ich sehe einen Hoffnungsschimmer aufleuchten, der eine gänzliche Veränderung ankündigt. Alle Anstrengungen, die ich bis heute machte, um sie an mich zu binden, waren unfruchtbar, aber heute ist das etwas ganz anderes. Sie liebt mich so sehr, wie es nur möglich ist zu lieben, und mit dieser Liebe wird nach und nach die Liebe Gottes von ihrem Herzen Besitz ergreifen. Sie setzt in mich ein unbegrenztes Vertrauen und geht so weit, mir ihre geringsten Fehler einzugestehen; sie will wirklich ihr Leben ändern und gibt sich viel Mühe, was keiner besser würdigen kann als ich".

Diese ständig wiederholten Bemühungen tragen letzten Endes Früchte. Aber am 28. August 1877 stirbt Madame Martin an Krebs. Die Familie zieht von Alençon nach Lisieux um, wo Onkel und Tante Guérin wohnen. Am 2. Oktober 1882 tritt Pauline in den Karmel von Lisieux ein, in den auch Marie ihrerseits 1886 aufgenommen wird. Léonie nutzt eine Reise nach Alençon aus, um am 7. Oktober 1886 im Haus der Klarissinnen in dieser Stadt um Aufnahme zu bitten. Onkel Guérin beruhigt die Familie Martin über die ,,heilige" Laune von Léonie: ,,Macht euch keine Sorgen, sie wird nicht dort bleiben". In der Tat verläßt Léonie am 1. Dezember das Kloster, zutiefst deprimiert.

Eine sinnvolle Wahl

Im darauffolgenden Jahr erneuter Versuch für ein gottgeweihtes Leben: Léonie tritt dieses Mal bei den Salesianerinnen in Caen ein. Die Wahl ist sinnvoll: die Gründer des Ordens, der hl. Franz von Sales und die hl. Jeanne de Chantal, haben die Ordensregeln so vorgesehen, daß auch Personen mit schwacher Gesundheit das kontemplative Leben möglich gemacht wird. Aber nach sechs Monaten ist Léonie gezwungen, diesen neuen Versuch abzubrechen. Nach Lisieux zurückgekehrt, nutzt sie ihre Zeit, um Arme und Kranke zu besuchen, sie kümmert sich sogar um Sterbende; sie ist dienstbereit im Hause wie außerhalb. Am 9. April 1888 geht Therese im Alter von 15 Jahren in den Karmel. Bald leidet Monsieur Martin unter einer Geistekrankheit und muß im Krankenhaus Bon Sauveur in Caen interniert werden. Léonie und Céline umsorgen ihn mehrere Jahre lang, mit dem Beistand von ihrem Onkel und ihrer Tante.

Am 24. Juni 1893 macht Léonie einen zweiten Versuch bei den Salesianerinnen in Caen. Wiederum muß sie aber im Juli 1895 das Kloster verlassen. Ihr Vater ist ein Jahr zuvor gestorben und Céline im September 1894 in den Karmel eingetreten. Léonie braucht sehr viel Tapferkeit, um mit ihrem zerfahrenen und unsteten Charakter fertig zu werden, trotz ihrer nicht erlahmenden Zielstrebigkeit für das gottgeweihte Leben. Aber Therese ist als Lehrerin für ein geistiges Leben eine wahre Wegweiserin durch ihre einfache und überzeugende Pädagogik. Sie lehrt sie in ihren Briefen und bei den Unterredungen im Karmel kindliches Vertrauen und ruft dadurch bei Léonie Gefühle der vorbehaltlosen Hingabe wach, die ihrer Seele nach und nach Frieden bringen.

Am 30. September 1897 stirbt Therese vom Kinde Jesu im Karmel von Lisieux. Ein Jahr später erscheint die Geschichte einer Seele, die Autobiographie von Therese. Léonie verschlingt das Buch und ist bewegt, durch die Erinnerungen an ihre Kindheit, die sie darin wiederfindet; vor allem aber entdeckt sie die Geheimnisse der Liebe zwischen Therese und ihrem vielgeliebten Herrn. Die Geschichte einer Seele wird zu ihrer Lieblingslektüre und hilft ihr, ihre eigene Berufung zu verwirklichen.

Endlich ganz Gott zu eigen

Am 28. Januar 1899 tritt Léonie im Alter von 35 Jahren endgültig ins Kloster der Salesianerinnen von Caen ein. Sie wird am 30. Juni 1899 eingekleidet und bekommt den Namen Schwester Françoise-Thérèse. Die Ratschläge des hl. Franz von Sales sind ihr gegenwärtig: ,,Laßt uns bestimmte kleine Tugenden ausüben, die unserer Geringfügigkeit entsprechen: die Geduld, den Nächsten ertragen, das Dienen, die Demut, die Sanftmut, die Liebenswürdigkeit, die Toleranz unserer Unvollkommenheit gegenüber... Gott findet Gefallen an uns nicht durch die große Bedeutung unserer Handlungen, sondern durch die Liebe, mit der wir sie vollbringen".

Die Gesundheit von Schwester Franziska-Therese bleibt recht schwach. Manchmal bedeckt der Ausschlag eines Ekzems ihren ganzen Körper. Sie schreibt einmal: ,,Der Ausschlag bekleidet mich mit einem Bußgewand von den Füßen bis zum Kopf mit einem Juckreiz, der mich daran hindert, ein Auge zuzutun; wenn ich mich unglücklicherweise auch nur ein klein wenig kratze, wird das wie eine richtige Verbrennung. Ich denke, ich würde noch ganz anderes erdulden müssen, wenn ich im Fegefeuer wäre, also opfere ich meine Leiden auf für alle großen Anliegen, die vor allem unserem geliebten Pontifex und Vater (dem Papst) am Herzen liegen. Letztendlich hilft mir dieser Wunsch, ein Apostolat zu verrichten, großherzig zu sein".

1930 schreibt Schwester Franziska-Therese an Céline: ,,Ich kann mich nicht mehr an diese traurige Welt gewöhnen. Alles ist für mich Anlaß zu Unmut und Mattigkeit, bete für deinen armen kleinen Feigling, denn im Grunde ist es reine Feigheit, nicht leiden zu wollen für den Lieben Gott, der doch mehr als je zuvor beleidigt wird... Ich klammere mich so gut ich kann an seinen Willen, den ich liebe und den ich vor allem anderen tun will, aber meine armseligen Bemühungen sind recht unfruchtbar, und oft leide ich unbeschreiblich".

Trotzalledem sind diese Leiden von einer tiefen inneren Freude begleitet. Ihre Überraschung ist groß, als man ihr mitteilt, daß Therese heiliggesprochen werden soll. ,,Therese war sehr liebenswürdig", schreibt sie, ,,aber sie heiligsprechen!" Am 29. April 1923 ist die feierliche Seligsprechung durch Papst Pius XI. Dann folgt am 17. Mai 1925 die Heiligsprechung. Man schlägt den vier Schwestern Martin vor, zu den grandiosen Feierlichkeiten dieses Tages nach Rom zu kommen. Alle vier ziehen die Stille und die Verborgenheit ihres Klosters vor. ,,Ich bin hier viel glücklicher, als in Rom dabeizusein", schreibt Schwester Franziska-Therese, ,,ich bleibe lieber auf meinem letzten Platz... Nur die Stille allein taugt für mich... Aber, Gott sei Dank, weit davon entfernt, mich zu blenden, gibt mir das alles eine immer größere Sehnsucht nach dem Himmel".

,,Welch grosses Glück!"

Zu Beginn des Jahres 1941 tauscht Schwester Franziska-Therese ihre Zelle gegen das Krankenzimmer. Sie schreibt an ihre Schwestern: ,,Ich begebe mich auf den Weg zur Ewigkeit, welch großes Glück!... An mir ist nichts mehr gesund außer den Augen, dem Herz und dem Kopf, Gott sei gedankt, aber Er darf alles nehmen, alles gehört Ihm! Ich gebe Ihm alles, selbst meine geringe, armselige Intelligenz!" In der Nacht vom 16. zum 17. Juni verläßt sie friedlich diese Welt in Gegenwart ihrer Oberin, die sie segnet und im Namen ihrer Mitschwestern küßt. Im Laufe ihres 78 Jahre währenden Lebens, davon 43 bei den Salesianerinnen, war Léonie durch so viele Prüfungen, durch das machtvolle Wirken des Heiligen Geistes eine ,,Heilige" geworden! Noch vor kurzem hat ihre letzte Oberin Zeugnis abgelegt von der Liebenswürdigkeit, von der Schlichtheit, von der Bescheidenheit des schwierigen Kindes von Alençon, das durch Anstrengungen und durch die Gnade Gottes eine vortreffliche Salesianerin wurde. Dieser tiefgreifende moralische Wandel ist einer der schönsten Erfolge des ,,Wegs der Kindheit" der hl. Therese vom Kinde Jesu, für die die Heiligkeit eine Bereitschaft des Herzens ist, die uns demütig und klein werden läßt in den Armen Gottes, unserer Schwäche bewußt und voll Kühnheit auf die Güte von Gott dem Vater vertrauend (vgl. Novissima verba, 3. August 1897).

,,Eine ganz besondere Gnade"

Seit dem Tod von Schwester Franziska-Therese hat sich sehr schnell eine Welle weltweiter Sympathie für sie ausgetreitet. Aus allen Teilen der Erde bekommen die Salesianerinnen Bitten um Fürsprachen, sowie Ausdruck des Dankes für erhaltene Gnadenbeweise. Sie, die ihren Eltern so viel Sorgen bereitete, ist eine Helferin für die geworden, die bei der Erziehung ihrer Kinder Schwierigkeiten begegnen.

,,O mein Gott, schreibt Schwester Franziska-Therese, Du hast mir in meinem Leben wenig gegeben, was glänzt, mach doch, daß ich wie Du mich den echten Werten zuwende und die irdischen Werte verachte, um nur zu schätzen und zu erlangen trachte als das Vollkommene, das Ewige, die Liebe Gottes dank meiner Hoffnung". Durch das Buch der ,,Nachfolge Christi", in dem sie oft liest, wird sie zu den Worten angeregt: ,,Herr, mein Gott, ich betrachte es als besondere Gnade, daß Du mir wenig von diesen Gaben geschenkt hast, die nach außen augenfällig sind und die Lob und Bewunderung der Menschen hervorrufen. Denn Du, mein Gott, hast die Armen, die Demütigen, die von der Welt Verachteten zu Deinen Freunden und zu Deinen Dienern erwählt" (III, 22).

Wir bitten Léonie vertrauensvoll, uns zu lehren, in ihre Fußstapfen zu treten und mit dem hl. Josef und der hl. Therese vom Kinde Jesu unsere Fürsprecherin zu sein für Sie und alle, die Ihnen teuer sind, die Lebenden und die Verstorbenen.

Dom Antoine Marie osb

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