21. Januar 1998
Heilige Agnes, Jungfrau und Märtyrin


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

,,Was erbittest du von der Kirche Gottes?" - ,,Den Glauben". Dieser Dialog eröffnet die Taufliturgie für einen Erwachsenen, er wird fortgesetzt mit der Frage des Priesters: ,,Was schenkt dir der Glaube?" - ,,Das ewige Leben", erwidert der Katechumene. In der Tat, ,,der Glaube läßt uns schon im voraus die Freude und das Licht der beseligenden Gottesschau genießen, die das Ziel unseres irdischen Weges ist. Wir werden dann Gott von Angesicht zu Angesicht sehen, wie er ist (1. Kor. 13, 12; 1. Joh. 3, 2)" (Katechismus der katholischen Kirche, 163).

In unseren Tagen wird die Tugend des Glaubens oft verkannt, herabgemindert auf ein rein subjektives Gefühl oder eine unbestimmte religiöse Vorstellung, die wie eine freie und fakultative Meinung betrachtet wird, als würde es sich nur um eine persönliche Überzeugung handeln, die dem privaten Bereich gehört und die niemanden etwas angehe, vor allem nicht die Kirche.

Glauben ist nicht fakultativ

Aber was ist nun wirklich der Glaube? Der Glaube ist jene göttliche Tugend, durch die wir an Gott und an all das glauben, was er uns gesagt und geoffenbart hat und was die heilige Kirche uns zu glauben vorlegt. Denn Gott ist die Wahrheit selbst. Durch seine Offenbarung redet der unsichtbare Gott die Menschen wie Freunde an und verkehrt mit ihnen, um sie in die Gemeinschaft mit sich einzuladen. Durch seinen Glauben ordnet der Mensch seinen Verstand und seinen Willen völlig Gott unter, der sich offenbart hat (vgl. Katechismus, 1814; 142-143).

Weit davon entfernt, nach eigenem Belieben darüber zu entscheiden, ist der Glaube eine Notwendigkeit für das ewige Heil. Jesus Christus hat es ausdrücklich bekräftigt: Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet (Mk. 16, 16). ,,Weil es ohne Glauben unmöglich ist, Gott zu gefallen (Hebr. 11, 6) und die Gemeinschaft seiner Söhne teilen zu können, so wird niemals ohne ihn Rechtfertigung zuteil, und keiner wird das ewige Leben erlangen, es sei denn, er beharrt im Glauben bis an das Ende (Katechismus, 161). Den Glauben ablehnen, der ein Geschenk Gottes ist, heißt das Heil ablehnen und es für alle Ewigkeit verlieren: Wer nicht glaubt, wird verdammt werden (Mk. 16, 16). Der Glaube kann folglich nicht eine fakultative Wahl sein.

Wem sollen wir glauben ?

Der Glaube ist bei weitem nicht nebensächlich oder ohne Bedeutung und hat eine tiefgehende Wirkung auf das ganze Leben des Christen: Der Gerechte wird leben aus dem Glauben (Röm. 1, 17). Therese vom Kinde Jesu, die der hl. Papst Pius X. ,,die größte Heilige des modernen Zeitalters"genannt hat, hat die Kraft des Glaubens in einem ganz schlichten Leben gezeigt. Als sie kaum vier Jahre alt ist, wird sie von ihrer Schwester Céline, die verwirrt ist von dem Geheimnis der Eucharistie, gefragt: ,,Wie ist es möglich, daß der Liebe Gott in einer so kleinen Hostie zugegen sein kann? - Das ist nicht erstaunlich, gibt Therese zurück, denn der Liebe Gott ist allmächtig. - Was heißt das, allmächtig? - Aber das ist doch, daß er alles tun kann, was er will!" Bewundernswerte Logik eines Kindes. Aber kann dieser kindliche Glaube denn vernünftig sein? Ja, denn es ist vernünftig zu glauben. Es ist unbestritten, glauben ist eine menschliche Handlung. Es steht nicht im Widerspruch weder zur Freiheit noch zur Intelligenz des Menschen, sein Vertrauen in Gott zu setzen und die Wahrheiten anzunehmen, die von ihm offenbart worden sind. Schon in unseren menschlichen Beziehungen steht es nicht im Widerspruch mit unserer Würde zu glauben, was uns andere Personen über sich selbst und ihre Absichten sagen und ihren Versprechen Vertrauen zu schenken. Indessen unterscheidet sich der christliche Glaube als persönliche Bindung an Gott und Zustimmung zu der von ihm geoffenbarten Wahrheit von dem Glauben, den man einem Menschen schenkt. Sich ganz Gott anheimzugeben und das, was er sagt, absolut zu glauben, ist richtig und gut. Nichtig und falsch wäre es hingegen, einem Geschöpf einen solchen Glauben zu schenken (vgl. Katechismus, 150). ,,Wenn wir Gott nicht Glauben schenken, bemerkt der hl. Ambrosius, wem sollen wir glauben?"

Eine unklare Empfindung ?

Die geoffenbarten Wahrheiten können für die menschliche Vernunft und Erfahrung in Dunkel gehüllt sein. Der Glaube zerreißt nicht den Schleier des Geheimnisses, aber er macht es möglich, sich dazu zu bekennen im Vertrauen auf Gott, der weder sich noch uns täuschen kann. ,,Der Glaube ist gewiß, gewisser als jede menschliche Erkenntnis, denn er gründet auf dem Wort Gottes, das nicht lügen kann" (Katechismus, 157).

Aber der Glaube ist nicht ein unklares Empfinden und ausschließlich subjektiv, das keine Begründung anführen kann, die der Vernunft einleuchtend erscheinen. Im Gegenteil, ,,damit nichtsdestoweniger der Gehorsam unseres Glaubens mit der Vernunft übereinstimmend sei, wollte Gott, daß mit den inneren Hilfen des Heiligen Geistes äußere Beweise seiner Offenbarung verbunden werden. So sind die Wunder Christi und der Heiligen, die Weissagungen, die Ausbreitung und Heiligkeit der Kirche, ihre Fruchtbarkeit und ihr Fortbestehen ganz sichere und dem Erkenntnisvermögen aller angepaßte Zeichen der göttlichen Offenbarung, Beweggründe der Glaubwürdigkeit, die zeigen, daß die Zustimmung zum Glauben keineswegs eine blinde Regung des Herzens ist" (Katechismus, 156). In unserer Epoche der Skepsis und des Relativismus, in der man alle Religionen als gleichwertig hinstellt, ist es von Bedeutung, gewissenhaft die äußerlichen Beweise der Offenbarung zu studieren und gut unsere Gründe, warum wir glauben zu kennen.

Eine feurige Lohe

Die Gnade des Glaubens, empfangen in der Taufe, hat in der Familie von Therese ein guten Nährboden gefunden. Ihre Eltern, Louis-Joseph und Zélie Martin, sind sich der Bedeutung ihrer Rolle als christliche Eltern bewußt und stellen mit der Hilfe Gottes alles unter den Blickwinkel des Evangeliums. ,,Durch die Gnade des Ehesakramentes haben die Eltern die Pflicht und das Vorrecht erhalten, ihre Kinder zu evangelisieren. Sie sollen als die ersten Glaubensboten ihre Kinder möglichst früh in die Mysterien des Glaubens einführen und sie schon von früher Kindheit an in das kirchliche Leben miteinbeziehen. Die Lebensweise in der Familie kann jene Gefühlshaltungen prägen, die während des ganzen späteren Lebens Voraussetzung und Stütze eines lebendigen Glaubens bleiben werden... Die Familienkatechese geht allen anderen Formen der Glaubensunterweisung voran, begleitet und bereichert sie. Die Eltern haben die Sendung, ihre Kinder beten zu lehren und sie ihre Berufung als Kinder Gottes entdecken zu lassen" (Katechismus, 2225-2226).

Der Glaube führt Therese zur Erkenntnis der Vaterschaft Gottes und seiner barmherzigen Liebe. ,,Jederzeit war der Herrgott voll Erbarmen mit mir und voller Güte, langsam um zu strafen und überreich an Barmherzigkeit", schreibt sie am Ende ihres Lebens... ,,Er hat mir seine unendliche Barmherzigkeit geschenkt, und durch sie gelange ich zur Anschauung der göttlichen Vollkommenheit!... Und so erscheint mir alles im strahlenden Licht der Liebe; selbst die Gerechtigkeit (und sie vielleicht noch mehr als alles andere) scheint mir mit Liebe bekleidet". Sie hat begriffen, daß die Schwäche, die Ohnmacht, sogar die Sünde selbst, sofern man sie bereut, weit davon entfernt, ein Hindernis für die Barmherzigkeit Gottes zu sein, diese herausfordert und an sich zieht: ,,Ja, ich fühle es, selbst wenn ich alle Sünden, die man begehen kann, auf dem Gewissen hätte, ich würde mich, mit vor Reue gebrochenem Herzen, in Jesu Arme werfen, denn ich weiß, wie herzinnig er das verlorene Kind liebt, das zu ihm zurückkehrt... Ich bin mir bewußt, daß die Vielzahl der Beleidigungen wie ein Tropfen Wasser wären, der in eine feurige Lohe fällt".

Wie mit abgewendetem Kopf

Durch ihren lebendigen Glauben entdeckt die heilige Karmelitin die Barmherzigkeit Gottes, selbst wenn er Leiden schickt. Der Plan Gottes liegt ihr klar vor Augen: die Folge der Sünde soll nicht nur dem Heil des Menschen dienen, sondern auch seiner Vervollkommnung bis zu seiner Heiligkeit. Im Leiden findet Therese das Geheimnis der Heiligkeit als Mittel, aus sich herauzutreten, um sich mit Gott zu vereinen, anders gesagt, als ein Mittel zu lieben. Denn nichts gefällt Gott mehr als unser Gehorsam, der sich in der Annahme unserer Leiden kundtut. Die Prüfungen sind in den Augen der heiligen Therese ein Mittel, Gott ,,mehr Hingabe und Liebe zu bezeugen"; sie schreibt: ,,In der Kelter des Leidens werde ich dir meine Liebe beweisen".

Aber ,,wie kann der Gute Gott, der uns liebt, glücklich sein, wenn wir leiden?" fragt sie sich. Und ihre Liebe diktiert ihr die Antwort: ,,Nein, niemals macht unser Leiden ihn glücklich, aber dieses Leiden ist für uns notwendig. Also läßt er es zu, wie mit abgewendetem Kopf". Da die Sünde das Leiden zu einer Notwendigkeit machte, will Gott es, aber aus Liebe, als ein Mittel, den Menschen wieder dazu zu bringen, ihn zu lieben. Ein bitteres Heilmittel, aber im Hinblick auf den Egoismus des Menschen ein notwendiges Heilmittel für die Gesundheit und das Glück der Seele. ,,Es fällt Gott schwer, uns das Quellwasser der Tränen trinken zu lassen", schreibt sie weiterhin, ,,aber er weiß, daß es das einzige Mittel ist, uns darauf vorzubereiten, Ihn zu kennen wie er sich kennt und selbst göttlich zu werden!..."

,,Es muß bekanntgemacht werden"

In der Tat hat das Leiden jeden Lebensabschnitt von Therese gekennzeichnet. ,,Ich habe hier auf Erden viel gelitten", gesteht sie; ,,es muß bekanntgemacht werden"... Dieses Geständnis macht sie zur Vertrauten von denen, die Prüfungen zu ertragen haben. Mit vier Jahren verliert sie ihre Mutter an den Folgen einer langen und schmerzhaften Krebserkrankung. ,,Nach dem Tod meiner Mama, schreibt sie, änderte sich vollständig mein glücklicher Charakter. Ich, vordem so lebhaft, so offenherzig, wurde schüchtern und sanft, empfindsam bis zum Äußersten. Ein Blick genügte, mich in Tränen ausbrechen zu lassen; damit ich zufrieden war, durfte man sich nicht um mich kümmern; ich ertrug nicht die Gesellschaft fremder Menschen und fand meine Fröhlichkeit erst im engsten Familienkreis wieder".

Sie war acht Jahre, als ihre Schwester Pauline, die sie sich zu ihrer ,,zweiten Mama" erwählt hatte, in den Karmel von Lisieux eintrat. An diesem Tage flossen Ströme von Tränen. ,,Da ich die Geschichte meiner Seele schreibe, muß ich alles sagen, und ich gestehe, daß die Leiden, die ich vor ihrem Eintritt erlitten hatte, nichts waren im Vergleich zu denen, die folgten". Sie bekam eine seltsame Nervenkrankheit. Angesichts der alarmierenden Ausmaße, die die Krankheit annahm, dachte Monsieur Martin, daß ,,sein kleines Mädchen geisteskrank werden oder sterben würde". Es bedurfte des Eingreifens der Heiligen Jungfrau, um ihr die Gesundheit zurückzugeben. Diese Heilung machte indessen den Leiden von Therese kein Ende. Sie schreibt darüber: ,,Noch lange nach meiner Gesundung glaubte ich, daß ich mit Willen krank wurde, und das war ein wahrhaftiges Martyrium für meine Seele... Der Liebe Gott hat mir dieses geheime Martyrium auferlegt bis zu meinem Eintritt in den Karmel".

Ausserordentliche Wirkungskraft

Kaum ein Jahr nach dem Eintritt von Therese in den Karmel muß Monsieur Martin, von einer Gehirn-

erkrankung befallen, in die psychiatrische Krankenanstalt ,,Bon Sauveur" von Caen eingeliefert werden. Er bleibt dort drei lange Jahre. ,,So wie die Qualen Jesu das Herz seiner Mutter wie ein Schwert durchdrangen, so fühlen unsere Herzen die Leiden von denen, die wir auf Erden am zärtlichsten lieben... Ich erinnere mich, daß ich im Juni 1888 im Augenblick unserer ersten Prüfungen sagte: ,Ich fühle es, daß ich noch größere Heimsuchungen ertragen kann`. Ich wußte nicht, daß unser geliebter Vater einen Monat nach meiner Einkleidung den bittersten Kelch, den, der am tiefeten erniedrigt, würde trinken müssen... Ach! An jenem Tag habe ich nicht gesagt, daß ich noch mehr leiden könnte!!!" Das Vertrauen der Heiligen Therese wird aber trotzdem nicht erschüttert. Auf diesen bitteren Kelch wirft sie einen bejahenden Blick. Im Licht des Glaubens kann sie später schreiben: ,,Eines Tages werden wir gern von unseren glorreichen Prüfungen sprechen... Ja, es scheint mir, daß die drei Jahre des Martyriums von Papa die fruchtbringendsten unseres Lebens waren; ich würde sie nicht eintauschen gegen alle Exstasen und Offenbarungen der Heiligen, mein Herz fließt über, wenn ich an diesen unermeßlichen Schatz denke".

Inzwischen werden aber die ihr auferlegten Heimsuchengen nicht geringer. ,,Die innere Dürre war mein tägliches Brot, und doch, obwohl ich jede Tröstung entbehren mußte, war ich das glücklichste aller Geschöpfe, denn meine Wünsche wurden erfüllt". Einer dieser Wünsche war, diese Prüfungen für das Heil der Sünder aufzuopfern. ,,Ich brannte vor Eifer, sie den ewigen Flammen zu entreißen". Denn ,,allein das Leiden kann die Seelen neu gebären", schreibt sie. Sich solcherart mit dem Leiden Christi verbindend, hat es die Heilige fertiggebracht, im Rahmen ihres kontemplativen Lebens am Erlösungswerk teilzunehmen. ,,Die, die hinter Klostermauern leben, bringen sich mit Jesus für das Heil der Welt dar... Als Ausdruck der reinen Liebe, die mehr wert ist als alle Tätigkeit, besitzt das kontemplative Leben ein außerordentliches apostolisches und missionarisches Wirkungsvermögen" (Johannes Paul II., Vita consecrata, 25. März 1996, Nr. 59).

Man muß darauf verweisen, daß man sie nachahmen kann

Seit ihrem Eintritt in den Karmel am 9. April 1888 erfreut sich Therese nicht mehr der Gegenwart Gottes, die ihr so süß war. Sie hat Schwierigkeit zu beten. ,,Das Rosenkranzgebet kostet mich mehr als ein Bußinstrument zu tragen... Ich spüre, daß ich ihn schlecht bete. So sehr ich mich bemühe, die Geheimnisse des Rosenkranzes zu meditieren, ich kann meinen Geist nicht darauf konzentrieren. Lange war ich sehr unglücklich über diesen Mangel an Andacht, der mich verwunderte, denn ich liebe die Heilige Jungfrau so sehr, daß es mir ein Leichtes sein müßte, ihr zu Ehren die Gebete zu sprechen, die ihr angenehm sind. Jetzt bin ich weniger verzagt, ich denke, daß die Himmelskönigin, die ja meine Mutter ist, meinen guten Willen sieht und damit vorlieb nimmt".

Die Karmelitin kennt auch die Erschöpfung: ,,Ja, das Leben kostet Anstrengung", schreibt sie, ,,es ist nicht leicht, den Arbeitstag zu beginnen... Wenn man wenigstens Jesu Nähe verspürte, würde man alles für ihn tun, aber nein, er scheint meilenweit entfernt, und wir sind uns selbst überlassen... Warum tut er das, dieser süße Freund, sieht er nicht unsere Angst, die Last, die mich niederdrückt? Wo ist er, warum kommt er nicht, uns zu trösten, denn wir haben doch keinen andern Freund als ihn?" Und dann erinnert sie sich an die Worte Jesu: Macht euch nicht Sorge für den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jedem Tag genügt seine Plage (Mt. 6, 34), und Tag um Tag ihr Kreuz tragend singt sie:

Wenn ich an morgen denke, befürchte ich meine Unbeständigkeit,
Unlust steigt in meinem Herzen auf und Traurigkeit,
Aber ich nehme an, mein Gott, die Prüfungen, das Leid,
Die Du mir schickst für heut.

Die ,,kleine Therese" hat sich fast immer der Tugend der Geduld befleißigt in den Leiden, die denen ähneln, denen wir im täglichen Leben begegnen, kleine, verborgene Leiden, die uns verletzen und die, da der wache und liebende Glaube uns fehlt, uns niedergeschlagen machen, zur Belastung für uns selbst und die andern. Um diese Leiden ertragen zu können, nimmt Therese oft Zuflucht zu der Allerheiligsten Jungfrau, ihrer ,,Mutter im Himmel": ,,Immer kommt sie mir zu Hilfe, wenn ich sie anrufe".

Sie findet in Maria mütterlichen Beistand und ein Modell des Glaubens und der Liebe in einem ganz gewöhnlichen Leben. ,,Wie sehr hätte ich doch Priester sein wollen, um über die Heilige Jungfrau zu predigen!... Damit eine Predigt über die Heilige Jungfrau mir gefällt und meiner Seele guttut, muß ich ihr wirkliches Leben vor Augen haben, nicht Vermutungen über ihr Leben; und ich bin sicher, daß ihr Leben tatsächlich ganz einfach gewesen ist. Man zeigt sie uns als unnahbar; man muß darauf verweisen, daß man sie nachahmen kann, ihre Tugenden zeigen, sagen, daß sie aus dem Glauben lebte wie wir, Beweise aus dem Evangelium bringen, wo wir lesen: Sie (Maria und Joseph) begriffen nicht, was er ihnen sagte (Lk. 2, 50). Und die andere, nicht weniger geheimnisvolle Textuelle: Sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was über ihn (das Kind Jesu) gesagt wurde (Lk. 2, 33). Diese Bewunderung setzt ein gewisses Erstaunen voraus".

Ein Orkan des Ruhmes

Am 2. April 1896, während der Karwoche, machen zwei Blutstürze der heiligen Therese klar, daß sie von der Tuberkulose befallen ist. Mit ruhiger Heiterkeit sieht sie dem baldigen Tod entgegen: ,,Es war wie ein liebliches und entferntes Gemurmel, das mir die Ankunft des Gemahls verkündete". Aber im letzten Lebensjahr ist ihre Seele eine Beute der finstersten Dunkelheit, der Himmel entzog sich ihren Blicken, und sie ist starken Versuchungen gegen den Glauben ausgeliefert. In dieser Prüfung ist sie sich bewußt, das Schicksal der Ungläubigen zu teilen: ,,Jesus hat mich fühlen lassen, daß es wirklich Seelen gibt, die nicht den Glauben haben und die durch Mißbrauch der Gnaden diesen kostbaren Schatz verlieren, die Quelle der einzigen und wahrhaftigen Freuden", schreibt sie. Aus Liebe nimmt sie diese Prüfung an: ,,Ich sage Jesus, daß ich glücklich bin, nicht schon hier auf Erden diese Freuden des schönen Himmels zu genießen und daß Er ihn dadurch den armen Ungläubigen für die Ewigkeit öffnet". Ihr Todeskampf am 30. September 1897 gleicht dem von Jesus ,,ohne einen Beistand von Tröstungen". Aber ihre letzten Worte sind Ausdruck des Sieges ihres Glaubens und ihrer Liebe: ,,O!... ich liebe ihn... Mein Gott..., ich liebe Dich".

Dieser leidenschaftlichen Liebe verdankt sie ihre Aufnahme in den Himmel und hier auf Erden einen Orkan von beispiellosem Ruhm! Die kleine Karmelitin wird bald die Menschenmengen anziehen. Von überall eilt man herbei, um sie anzurufen oder ihr zu danken, denn von ihr ergießt sich ein wahrer ,,Regen von Rosen", irdische und geistliche Gnadengaben, die die Belohnung für ihren unerschütterlichen Glauben in die Barmherzige Liebe Gottes sind. Die Worte Jesu: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht (Joh. 12, 24) werden buchstabengetreu verwirklicht. Am 17. Mai 1925 nehmen mehrere hunderttausend Pilger aus aller Welt am ,,Triumph" der kleinen Therese teil, die geehrt und heiliggesprochen wird. Und jetzt zögert Papst Johannes Paul II. nicht, sie zur Kirchenlehrerin zu erklären! Am 19. Oktober des vergangenes Jahres, während des Weltmissionstages, wird diese außerordentliche Ehre und ein Übermaß an Ruhm der Patronin der Missionen zuteil. Die Kirche sieht in ihr ein Licht für die neue Glaubensverkündung.

Die hl. Therese von Lisieux hatte versprochen, ,,ihr Dasein im Himmel zu nutzen, um auf der Erde Gutes zu tun". Bitten wir sie, uns ihr Glauben und ihre Hingabe zur Gottes Vorsehung mitzuteilen. Sie werden unser Leben verändern und uns auf den Weg des Himmels leiten. Wir beten für alle, die Ihnen teuer sind, die Lebenden und Verstorbenen.

Dom Antoine Marie osb

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