3. September 1997
Hl. Gregor der Größe


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Denn so sehr liebte Gott die Welt, daß er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe (Joh 3, 16). Die Verkündigung dieser Guten Nachricht an alle Menschen steht im Mittelpunkt der Evangelisation des dritten Jahrtausends.

Billiger trost?

"Spürt der Mensch unserer Zeit die Notwendigkeit dieser Verkündigung? Auf den ersten Blick scheint die Antwort ,Nein` zu lauten, denn die allgemeine Haltung und eine bestimmte vorherrschende Kultur vermitteln das Bild einer selbstsicheren Menschheit, die gern auf Gott verzichtet, da sie eine absolute Freiheit beansprucht, sogar gegen das sittliche Gesetz. Doch wenn man die Wirklichkeit der einzelnen Person näher betrachtet, die ihrer eigenen Zerbrechlichkeit und ihrer Einsamkeit ins Auge blicken muß, so merkt man, daß der Geist der Menschen viel mehr, als man glauben möchte, von Angst beherrscht ist, von der Angst vor der Zukunft, von der Furcht vor Krankheit und Tod. Das erklärt, weshalb so viele Menschen auf der Suche nach einem Ausweg manchmal erschreckende Abkürzungen einschlagen, wie zum Beispiel den Tunnel der Drogen oder den der traumatisierender magischer Riten. Das Christentum bietet keinen billigen Trost, denn es verlangt echten Glauben und ein streng sittliches Leben. Doch es gibt uns einen Grund zur Hoffnung, da es uns auf Gott als an Barmherzigkeit reichen Vater verweist, der uns seinen Sohn geschenkt und uns dadurch seine übergroße Liebe gezeigt hat" (Johannes-Paul II., Angelus vom 9. März 1997).

Diese Liebe läßt uns Jesus Christus, der Sohn Gottes, durch die Liebe einer Mutter entdecken, durch ein Geschenk, das Er persönlich jedem einzelnen Menschen gemacht hat: Als nun JESUS seine Mutter sah und neben ihr stehend den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: ,,Frau, siehe, dein Sohn!" Daraufhin sagte er zum Jünger: ,,Siehe, deine Mutter!" (Joh 19, 26-27). Im mütterlichen Antlitz Marias erkennen die Christen den Ausdruck der Fürsorge und der Güte Gottes, des Vaters, wieder: Die heilige Jungfrau erscheint als diejenige, die die Sünder anzieht und ihnen durch ihre Zuneigung und ihre Nachsicht die Barmherzigkeit Gottes offenbart. Sie hilft ihnen, das Hindernis der Furcht zu überwinden, die die Majestät Gottes jedem Geschöpf von Natur aus einflößt. Die wachsende Anziehungskraft der Marienverehrung auf Generationen von Christen bezeugt die Vortrefflichkeit eines solchen Geschenks.

Die Gegenwart einer Mutter ist in der Tat eine Quelle des Trostes und der Freude. Wie auch immer unser Stand im Leben und unsere Verantwortung beschaffen sein mögen, wir sind in die milde Mütterlichkeit der Jungfrau Maria eingehüllt, die im Auftrag der Gnade Werke für uns vollbringt, die jede Mutter ihrem Kinde in Überfluß schenkt: sie liebt, behütet und beschützt uns und ist unsere Fürsprecherin. Sie wirkt in der Tat bei der sprituellen Geburt und Erziehung eines jeden unter uns mit. Sie läßt die Gnade in unsere Herzen fließen und vergrößert ohne Unterlaß den Bereich der Heiligkeit darin.

Um unserer Zeit ein Beispiel für das mütterliche Wirken Marias zu geben, sprach Papst Johannes-Paul II. am 23. Mai 1982 Anne-Marie Rivier selig.

Eine kleine frau von einem meter zweiunddreissig

1770, im Alter von nicht einmal zwei Jahren, wurde Anne-Marie Opfer eines schweren Unfalls: Sie fiel aus dem oberen Teil des Etagenbettes, in dem sie schlief. Bei ihrem Sturz brach sie sich die Hüfte und konnte sich hinfort selbst mit Krücken nicht aufrecht halten. Diese dramatische Episode trug sich im Lande ihrer Kindheit in Montpezat in den Bergen des Ardèche (Südfrankreich) zu.

Anne-Marie litt auch an Rachitis: Bei normal entwickeltem Oberkörper und Kopf blieben ihre Arme und Beine ganz dürr, und auch als Erwachsene wurde sie nicht größer als ein Meter zweiunddreißig. In ihrer Gebrechlichkeit schleppte sie sich auf dem Boden vorwärts, und ihre Mutter trug sie jeden Tag in die Kapelle der Büßer, wo eine sehr alte Pieta-Statue verehrt wurde. Im Laufe dieser Besuche erklärte die Mutter ihrem Kind, wer jene Mutter in Tränen war, die ihren vom Kreuz abgenommenen Sohn in den Armen hielt. Die Liebe zu Christus und dessen Mutter, der Wunsch, etwas für sie zu tun, der Abscheu vor der Sünde, die die Ursache ihrer Leiden gewesen ist, und vor allem ein absolutes Vertrauen auf Maria drangen nach und nach in das zarte und großmütige Herz des kleinen Mädchens vor. Eines Tages erklärte sie ohne Umschweife ihrer Mutter: ,,Die Dame aus der Kapelle wird mich heilen!" Sie wartete unerschütterlich auf das Wunder, das nicht kam, und flehte: ,,Heilige Jungfrau, mache mich gesund, und ich werde dir jeden Tag Sträuße und Kränze bringen. Wenn du mich nicht heilst, komme ich nicht wieder... Wenn du mich nicht heilst, schmolle ich mit dir!"

Dennoch ließ sich die arme Kranke weiterhin jeden Tag vor die Statue tragen. Sie wußte, daß Maria im Himmel ihre Rolle für das ewige Heil der Menschen weiterspielt. Denn durch ihre in den Evangelien berichteten Worte und Beispiele trägt sie zu unserer spirituellen Bildung bei: Sie lädt uns zur vollkommenen Reinheit ein, zur einzigen Sorge, Gott zu gefallen, zur Treue, zur Gelehrigkeit allen Anregungen des Heiligen Geistes gegenüber, zur Übung der Tugenden und zur innigen Vereinigung mit Jesus. Maria ist ein liebendes, singendes, emporsteigendes und strahlendes Herz. Die allerseligste Jungfrau greift durch ihr Gebet, das sogar Wunder für uns erwirken kann, wenn sie es für angebracht hält, auch in unser Leben ein. Ihre guten Eingebungen sind häufiger, als wir uns denken. Wie oft scheuen wir vor einer Entscheidung oder vor einer schwer zu erfüllenden Aufgabe zurück. Eine Anrufung, ein Hilferuf in einem solchen Fall, und die Sonne scheint wieder, die Freude kehrt zurück. Mitunter gibt es auch deutlichere Worte, sehr klare Hinweise für die, die als Kinder um eine Verhaltenslinie bitten. ,,Nie versäumt es die heilige Jungfrau, mich zu beschützen, sobald ich sie darum bitte", schreibt die heilige Therese vom Kinde Jesu. ,,Wenn mich eine Unruhe, eine Ratlosigkeit überkommt, wende ich mich ganz schnell an sie, und sie nimmt sich wie die zärtlichste Mutter meiner Anliegen an". Auch Anne-Marie sollte die Wirkung dieses mütterlichen Schutzes zu spüren bekommen.

Zu Hause erzählte sie erbauliche Geschichten für die Dorfkinder und verstand es hervorragend, die Aufmerksamkeit ihrer kleinen Zuhörerschaft zu fesseln, um sie ruhig zu halten. Sie unterrichtete den Katechismus und brachte all diese Kinder zum Beten. Nach und nach fühlte sie im Grunde ihres Herzens den Wunsch reifen, sich Gott und der Erziehung von Kindern zu weihen. ,,So verspürte ich mehr denn je den lebhaften Wunsch, gesund zu werden", sagte sie später.

1774 wurde ihr Vater zu Gott heimgerufen. Die Beerdigung fand am 8. September, dem Fest der Geburt der allerseligsten Jungfrau statt. An diesem Tage bat Anne-Marie um ihre Krücken, die man verlegt hatte. Sie wurden wiedergefunden. Zur großen Überraschung aller konnte sich Anne-Marie auf einmal ihrer bedienen und machte drei Runden durch das Zimmer. Die Jungfrau Maria hatte ihr an ihrem Festtag ein schönes Wunder beschert, durch das sie nun mit Hilfe ihrer Krücken laufen konnte!

Ein doppelte dosis an wundern

Am 31. Juli 1777 fiel die damals neun Jahre alte Anne-Marie auf der Treppe hin und brach sich einen Schenkel. Der sofort herbeigerufene Wundarzt richtete den Knochen wieder ein. Nach dem Weggang des Arztes nahm Frau Rivier, von einem Glauben beseelt, der Berge versetzen kann, den Verband ab und rieb das verletzte Bein mit Öl aus der Lampe unserer Lieben Frau von Pradelles ein. Am folgenden Tag war das Glied nicht mehr geschwollen. Am 15. August danach sagte einer seiner Onkel zum Kind: ,,Steh auf und versuche zu gehen". Da kam es zum zweiten Wunder, das noch überraschender war als das erste: Anne-Marie stand auf und lief ohne Krücken! Sie stieß einen Freudenschrei aus: ,,Die heilige Jungfrau hat mich geheilt!... Die heilige Jungfrau hat mich geheilt!..." In ihrer überbordenden Freude erzählte sie überall die von Maria zu ihren Gunsten bewirkten Wunder weiter.

Mit elf Jahren empfing Anne-Marie die Erstkommunion: ,,Ich war so klein", berichtete sie später, ,,daß ich meine Wollmütze unter die Knie habe legen müssen, um die Kommunionsbank zu erreichen". Damals ließ die Mutter ihr das Lesen und Schreiben beibringen und schickte sie anschließend zur Vervollkommnung ihrer Kenntnisse zu den Schwestern unserer Lieben Frau nach Pradelles. Nach ihrer Heimkehr wurde Anne-Marie durch ihren Eifer zu zahlreichen pastoralen und karitativen Tätigkeiten angestiftet: Sie katechisierte, führte Jugendliche zur heiligen Messe und in den Beichtstuhl, pflegte Kranke und stand Sterbenden bei. Ihr Innenleben wurde durch den täglichen Empfang der heiligen Kommunion, das Beten des Rosenkranzes und des kleinen Offiziums der Unbefleckten Empfängnis genährt. Ihre Ausstrahlung war so groß, daß sie gebeten wurde, zu verschiedenen Anlässen Novenen abzuhalten.

Mit siebzehn Jahren bat sie um Aufnahme bei den Ordensschwestern unserer Lieben Frau. Doch der Rat der Schwestern lehnte die Zulassung wegen ihrer schlechten Gesundheit ab. Eine schmerzliche Überraschung! ,,Diese Absagen fachten meine Wünsche nur noch an", sagte sie im Vertrauen. ,,Da man mich nicht ins Kloster eintreten läßt, werde ich selbst ein Kloster aufmachen!" Die Seele unserer ,,kleinen" Anne-Marie war von einem Glauben, der Berge versetzen konnte, einem blinden Vertrauen in die allerseligste Jungfrau und einer überfließenden Nächstenliebe entflammt.

,,Alle ins Paradies"

1786 kehrte sie nach Montpezat zurück. Sie war achtzehn Jahre alt, blieb jedoch weiterhin so klein. Das hinderte sie allerdings nicht daran, den Pfarrer zu bitten, er möge sie an die Spitze einer Schule setzen. Der Pfarrer hielt ihre Bitte für lächerlich, da er meinte, sie könnte von den Kindern weder Respekt noch Gehorsam einfordern. Anne-Marie bat und bat... Sie wollte nicht nur junge Mädchen versammeln, sondern auch gute Familienmütter heranbilden, denn sie war von der evangelisierenden Rolle der Familien und von der Wichtigkeit der religiösen Initiation von jüngster Kindheit an überzeugt: ,,Das ganze Leben steckt in den ersten Eindrücken!" Schließlich gab der Pfarrer nach. Sie besaß nunmehr die Erlaubnis, in einem Dominikanerschwestern gehörenden Haus eine Schule aus dem Nichts aufzubauen. Die Schule öffnete im Herbst 1786 ihre Pforten und wurde von den Kindern angesehener Bürger, vor allem aber auch von armen Kindern besucht, die umsonst aufgenommen wurden.

Die junge Lehrerin war anspruchsvoll, wurde aber von den Mädchen geliebt, da diese einsahen, daß ihre Strenge nur zu ihrem eigenen Vorteil war und ihrer Liebe zu ihnen entsprang. Anne-Maries pädagogische Methode war schlicht und voll gesunden Menschenverstandes. Sie war sich dessen bewußt, daß die vollständige Bildung eines Kindes eine solide und tiefe Bildung sowohl im Spirituellen als auch im Doktrinellen umfassen muß. Ihr Wunsch, die ihr anvertrauten Seelen zur ewigen Seligkeit zu führen, ließ sie oft folgendes wiederholen: ,,Meine Kinder, ich will euch alle ins Paradies mitnehmen".

Sie erzielte ermutigende Erfolge bei den Kindern. Ihr Geheimnis? Kühnheit, Hartnäckigkeit, eine ansteckende Freude und viel Mut. Hier nun einige Ratschläge, die sie später ihren Nonnen erteilt hat: Für den Unterricht: ,,Macht nicht durch eure Talente auf euch aufmerksam, nicht einmal, um die Kinder in die Schule zu ziehen... Wenn diese erfolgreich sind, sollen sie sich nicht für Genies halten, die glänzen wollen. Keine wissenschaftlichen Ausdrücke, um zu ihnen zu sprechen. Bewundert ihre Kleidung nicht: Erweckt im Gegenteil ihren Abscheu vor Schmuck und Moden".

Sie warnt die neuen Lehrerinnen: ,,Manchmal sind die Kinder boshaft genug, um den Charakter einer neu angekommenen Schwester auf die Probe zu stellen, da sie sehen möchten, ob sie Energie und Wachsamkeit besitzt und ob man sich ungestraft über sie lustig machen kann. So mögen diejenigen, die die Leitung einer Klasse übernehmen, eine gesetzte und ernste Miene aufsetzen, die zu erkennen gibt, daß man seine Aufgabe ohne zu tändeln erfüllen muß; sie sollen aber auch einen Ton der Güte und der Höflichkeit pflegen, der für sich einnimmt".

,,Achtet auf die Sauberkeit und das reichliche Vorhandensein von Nahrungsmitteln; Jugendliche müssen genügend essen. Schlaf und körperliche Übung sind notwendig. Die Kinder sollen keine nassen Füße haben. Gebt ihnen ein heißes Getränk, wenn es sie friert. Wenn sie krank sind, ruft den Arzt und gebt ihnen keine ,Arzneien nach Hausfrauenart`. Drängt ihnen keine Lebensmittel auf, gegen die sie eine unüberwindliche Abneigung haben...".

Im sturm der Revolution

1789: Die Revolution brach aus. Anne-Marie tat alles in ihrer Macht Stehende, um den kirchentreuen Priestern, die wegen ihrer Treue zum Papst vom Gesetz verfolgt wurden, bei der Ausübung ihres Amtes zu helfen. Je nach Gelegenheit führte sie Tag und Nacht Gläubige zusammen, damit sie beichten, die Messe hören und zur Kommunion gehen konnten. Konnte einmal der Priester nicht kommen, unterwies sie die Leute selbst. In jenen Zeiten, in denen die Guillotine nicht stillstand, mußte eine realistische Sprache gesprochen werden. So zögerte sie nicht, eindrücklich vom gekreuzigten Jesus, unserem Vorbild an Mut und Beständigkeit, von den Letzten Dingen, der Todsünde, die zur Verdammnis führt, und vom Paradies zu sprechen, das all denen verheißen ist, die dem Evangelium und der römischen Kirche treu bleiben. Dann fragte sie ihre Zuhörerschaft: ,,Versprecht ihr mir, für Jesus Christus zu sterben?" Mit Tränen in den Augen antworteten alle: ,,Ja!"

Schon bald wurde sie vor den Revolutionskommissar zitiert, der ihr das Abhalten solcher Versammlungen untersagte und mit Inhaftierung und Verurteilung drohte. Doch diese ein Meter zweiunddreißig kleine Frau widersetzte sich und bot, ohne sich einschüchtern zu lassen, vertrauenswürdigen Leuten das Haus Rivier als Versammlungsort an.

Anne-Marie hatte bald ein halbes Dutzend Internatsschülerinnen, die sie in der Form einer religiösen Gemeinschaft vereinen wollte: Ihr Traum vom Kloster verfolgte sie immer noch. Ihr eifriges Bemühen um das Heil der Seelen stachelte sie zu großem Wagemut an. ,,Gott unterstützte mich so sehr", berichtete sie, ,,daß ich gar nicht daran dachte, die begonnene Arbeit aufzugeben, ich sann auf noch weitreichendere Werke. Ich sagte mir, hier werden die Kinder unterrichtet, den Frauen und jungen Mädchen wird geholfen, wer kümmert sich aber anderswo um die vielen armen Seelen?... Und ich brannte vor Verlangen, an mehreren Plätzen zugleich sein zu können..." 1793, als die Revolution am schlimmsten wütete, verliebten sich drei junge Mädchen in ihr Ideal und schlossen sich ihr an. Anne-Marie teilte jedem von ihnen ein Dorf in der Umgebung zu, wo sie den Katechismus unterrichten und der Jugend helfen sollten, gemäß dem Evangelium zu leben.

Noch einmal die heilige jungfrau

1794 wurde das Haus der Dominikanerinnen in Montpezat von der Revolutionsregierung verkauft. Anne-Marie und ihre Gefährtinnen, die sich dort niedergelassen hatten, mußten ausziehen; sie baten die heilige Jungfrau, ihnen ein Zeichen der Ermutigung zu geben: Da wurde die Marienstatue lebendig und lächelte ihnen zu. Durch dieses Wunder gestärkt, ließen sie sich im Dorfe Thueyts, in einem anderen Haus der Dominikanerinnen nieder und richteten dort eine Schule ein. Der Zulauf war so groß, daß Anne-Marie die Knaben den Christlichen Schulbrüdern anvertrauen mußte. Ihr Beispiel zog zwei weitere junge Mädchen an, die bereit waren, ihr zu helfen. Eines Tages versammelte sie ihre fünf ersten Gefährtinnen und erklärte ihnen ohne Umschweife: ,,Schließen wir uns zusammen und machen wir ein Kloster!" Alle waren einverstanden; die Gründung wurde beschlossen. Die ersten Genehmigungen vom Bistum wurden erteilt, und am 21. November 1796, dem Fest der Darstellung Mariä im Tempel, weihten sich Anne-Marie und ihre Töchter unter der Schirmherrschaft unserer Lieben Frau von der Darstellung Gott und der Jugend. ,,Wir waren nichts, wir hatten nichts, wir konnten nichts", sagte sie später. ,,Könnten Sie nach alldem daran zweifeln, daß der liebe Gott die Dinge gelenkt hat?" Der Frömmigkeit der Gründerin lagen in der Tat die Tugenden ,,Glaube, Liebe, Hoffnung" mit einer ganz apostolischen Note zugrunde. Für sie ging es darum, zusammen mit Christus das Werk der Erlösung voranzubringen. Aus diesem Grunde schrieb sie: ,,Unsere Berufung ist Jesus Christus".

Zu Beginn des Schuljahres im Oktober 1798 zählte die Schule von Thueyts 62 Internatsschülerinnen, und es mußte ein neues Haus angekauft werden, natürlich ohne Geld zu besitzen... Doch die göttliche Vorsehung, die diejenigen, die sich ihr anvertrauen, niemals enttäuscht, sorgte dafür, daß die notwendigen Gelder bald zusammenkamen. 1801 gab der Erzbischof Monsignore D'Aviau seine Zustimmung zu den provisorischen Regeln, die ihm von Mutter Anne-Marie unterbreitet worden waren. Diese wurde als Oberin auf Lebenszeit bestätigt, und zwölf Ordensschwestern legten ihre Gelübde ab. 1815 wurde der größte Teil der Gemeinschaft von Thueyts nach Bourg-Saint-Andéol in das große, von der Gründerin unter Mühen erworbene Kloster der Visitandinnen verlegt. ,,Ich habe immer nur durch das Gebet nach Geld gesucht, und es ist immer gekommen" gestand sie und zeigte auf eine Statue der allerseligsten Jungfrau.

Die Anzahl der Schulen nahm in wunderbarer Weise zu. In dem Augenblick, als sie diese Erde verließ, um endlich die Jungfrau Maria zu sehen, die sie hier auf Erden im Glauben so geliebt hatte, zählte ihre Kongregation 300 Nonnen, die auf 141 Einrichtungen verteilt waren. Heute gibt es ungefähr 3000 Schwestern von der Darstellung, verteilt auf 9 Provinzen, von denen 3 in Europa und 6 in den Vereinigten Staaten liegen. Sie sind Lehrerinnen, Krankenschwestern und Erzieherinnen im Gemeindedienst zugleich. Am 3. Februar 1838, während sie den zweiten Teil des ,,Gegrüßet seist du, Maria" betete, ,,Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes", verschied Mutter Anne-Marie friedlich. Unsere Liebe Frau war zur Stelle.

Indem wir Maria um ihre Fürsprache bitten, erkennen wir unsere Lage als Sünder an und wenden uns an die ,,Mutter der Barmherzigkeit", an die ganz Heilige. Wir vertrauen ihr das ,,Jetzt" an, das Heute unseres Lebens. Möge sie die Gewißheit in unsere Herzen pflanzen, daß Gott uns liebt, und möge sie uns nahe sein in den Augenblicken der Einsamkeit, wenn wir versucht sind, angesichts der Schwierigkeiten des Lebens die Arme sinken zu lassen. Möge unser Vertrauen noch wachsen, um ihr bereits jetzt ,,die Stunde unseres Todes" anzuvertrauen. Möge die Gottesmutter dann zugegen sein, wie beim Kreuzestod ihres Sohnes, und uns in der Stunde unseres Heimgangs als unsere Mutter empfangen, um uns zu Jesus ins Paradies zu geleiten (vgl. Katechismus, 2677). Diese Gnade wünschen wir Ihnen durch die Fürsprache des heiligen Josef. Wir beten für all Ihre Verstorbenen und in Ihren Anliegen.

Dom Antoine Marie osb

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