den 26. November 1996
Hl. Konrad, Bischof


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Das Leiden gehört nach wie vor zu den tiefsten Rätseln der menschlichen Existenz. Seine Wirklichkeit holt alle Menschen ein: Niemand entgeht ihr. Während der Anblick der Schöpfung die Augen der Seele für die Existenz Gottes, für seine Weisheit, seine Güte und seine Vorsehung öffnet, scheint das der Welt innewohnende Leiden dieses Bild zu verdunkeln. Manch einer könnte sogar versucht sein, die Existenz Gottes zu leugnen: ,,Wenn Gott existiert, warum ist dann all das Böse in der Welt?" Wie kommt es denn, daß unser Leben auf Erden so voller Schmerzen und Konflikte ist? Konflikte zwischen der unsterblichen Seele und dem von Krankheit und Tod zerrissenen Leib; zwischen Vernunft und Leidenschaften, die uns in entgegengesetzte Richtungen ziehen; Konflikte zwischen Mensch und All, da der Mensch jeden Tag daran arbeitet, seine Nahrung der Erde abzuringen, und diese ihm nur zu oft durch Hungersnöte und Katastrophen antwortet? Warum soviel Mühsal?

,,Im Herzen eines jeden vom Menschen empfundenen Leidens und auch an der Basis der Welt des Leidens taucht unausweichlich die Frage auf: Warum?" (Johannes-Paul II., Apostolischer Brief Salvifici doloris vom 11. Februar 1984, über den ,,Christlichen Sinn des Leidens", 9).

Die Verlorene harmonie

Die Offenbarung lehrt uns, daß Gott den Menschen ursprünglich nicht in diesem dramatischen Zustand erschaffen hat. Er hat ihm nicht nur das Dasein eines Menschen, eines ,,vernünftigen Tieres" geschenkt, sondern ihn von vornherein in einen Zustand der Heiligkeit versetzt, ihn mit seiner Gnade überhäuft und ist gekommen, um ,,in ihm zu wohnen". Das wird durch den Genesisvers So schuf Gott den Menschen nach seinem Abbild, nach Gottes Bild schuf er ihn (Gen 1,27) zum Ausdruck gebracht. Die Kirchenväter sahen in dem Ausdruck nach seinem Abbild einen Hinweis auf die heiligende Gnade, die den Menschen an der göttlichen Natur teilhaben ließ, ihn ,,Gott ähnlich" machte. Die Adam gewährte Gnade hatte die besondere Eigenschaft, ihren Einfluß auf das gesamte menschliche Sein, auf Leib und Seele, auszudehnen, und zwar durch Machtwirkungen, die wir nicht mehr kennen. Die Seele war voll und ganz Herrin des Leibes, sie wappnete ihn gegen Leid und Tod; die von Begehrlichkeit freie Vernunft lenkte die Leidenschaften in vollkommener Weise; schließlich regierte der Mensch wirklich über die Welt, die Erde war für ihn gleichsam ein Garten der Freuden, ein Paradies ohne mühselige Arbeit und ohne Kampf gegen die Natur.

Diese damals herrschende wunderbare Harmonie stellte den sogenannten ,,Zustand der Urgerechtigkeit" dar. Sie sollte dem Menschen solange zustehen, wie er in der Freundschaft mit Gott verblieb. Doch wie uns die Schrift lehrt, verlor der vom Teufel versuchte Mensch die Gnade, die ihn mit Gott verband. In der Sünde zog er sich selbst Gott vor und mißachtete dadurch seinen Schöpfer, er begehrte gegen ihn auf, wies seinen Stand als Geschöpf zurück und wollte nicht nach dem Plan Gottes für ihn, sondern ,,gegen" Gott ,,vergöttlicht" werden: Ihr werdet wie Gott sein (Gen 3,5), hatte die Schlange bei der Versuchung gesagt.

Adam verliert die Gnade und mit ihr die Glückseligkeit seiner Existenz im irdischen Paradies: Er wird dem Tod unterworfen: Ihr müßt sterben; er wird seine Leidenschaften bekämpfen müssen, die ihn zum Bösen drängen (Begehrlichkeit); die Arbeit wird ihm mühsam: Darum soll der Ackerboden verflucht sein um deinetwillen (Gen 3,3-7 und 17). Durch die Sünde kam der Tod in die Welt, wird der heilige Paulus später sagen (Röm 5,12), und mit dem Tod das ganze Gefolge der Leiden, die Tag für Tag auf der Menschheit lasten. Wenn Gott den Fall Adams mit all seinen tragischen Konsequenzen zuließ, wenn er ihn hinnahm, wie man eine Beleidigung hinnimmt, so tat er das aus Respekt vor der Freiheit des Menschen. Doch auf diese seiner Liebe zugefügte Beleidigung antwortet Gott durch eine noch größere Liebe: Er bietet seine Vergebung an und verspricht einen Erlöser. Mehr noch, Er macht sich in gewisser Weise die Sache des Menschen zu eigen, bis in dessen Leiden hinein.

Ein sehr nahes mitleid

Im Alten Testament bezeugt Gott des öfteren sein Mitleid und seine Zärtlichkeit für den leidenden Menschen. Doch die Ankunft des Heilands auf der Erde macht in noch ergreifenderer Weise die Solidarität Gottes mit der leidenden Menschheit deutlich. Das Evangelium zeigt uns Jesus Christus, wie er sich ohne Unterlaß dem Elend seiner Zeitgenossen nähert. Das Leiden bewegt ihn, rührt ihn an und erschüttert ihn mitunter zu Tränen. Ungeachtet der Gepflogenheiten sieht man ihn auf die Leprakranken, die Unberührbaren seiner Zeit, zugehen, seine Finger in ihre Wunden legen und sie heilen. Innerer Schmerz erweckt tiefes Mitleid in ihm, etwa in der Szene mit der Witwe aus Nain, die den Tod ihres einzigen Sohnes beweint. Er zieht alle Leidenden an sein Herz, das für jedes Leiden offen ist: Kommt zu mir alle, die ihr müde seid und beladen, und ich will euch ausruhen lassen (Mt 11,28).

Doch Gott wollte noch weiter gehen: Indem Er Mensch geworden ist, hat Er sich selbst auch unter die Leidenden begeben. Jesus wollte in einem armseligen Stall geboren werden; er arbeitete hart, um sein tägliches Brot zu verdienen; er lernte Hunger, Durst und die Mühsal langer Fußmärsche kennen (vgl. Joh 4,6); drei Jahre lang hatte er kein Haus, nicht einmal einen Stein, auf dem er seinen Kopf hätte ausruhen können (vgl. Mt 8,20); er hatte unter der Verständnislosigkeit der Menschen, unter ihrem Spott zu leiden; man behandelte ihn wie einen dem Wein und dem guten Essen ergebenen Mann. Die Wahrhaftigkeit und die Tiefe seines Verständnisses für das Leiden kommen insbesondere in seinem Gebet zu Gethsemani zum Ausdruck: Vater, wenn es dein Wille ist, so laß diesen Kelch an mir vorübergehen! In der Passion erreichen der körperliche sowie der seelische Schmerz ihren Gipfel. Schließlich wollte der Herr den Menschen sogar bis in das Geheimnis des Todes hinein begleiten. Jeder leidende Mensch kann angesichts des Gekreuzigten sagen: ,,Er hat das durchgemacht."

Doch Jesus ist deshalb durch den Abgrund des Leidens gegangen, um das Leiden zu verklären und ihm eine völlig neue Dimension zu verleihen: Es ist nunmehr mit der Liebe verbunden. Es bleibt zwar ein großes Übel an sich, doch es ist das festeste Fundament für das endgültige Wohl des Menschen, d.h. für das ewige Heil. Es erlaubt uns, zusammen mit Jesus am Erlösungswerk mitzuwirken. Das Leiden, eine Folge der Sünde, wird durch die Macht Gottes zum Mittel unserer moralischen Erhöhung.

Das ostergeheimnis

,,Ohne Ostern ist die Welt hoffnungslos. Durch Ostern erhält das Leben seinen ganzen Sinn... Ich habe in meinem Fleisch und in meinem Herzen das Geheimnis der Passion und der Auferstehung Christi erlebt... Wir sind jeden Tag aufgerufen zu sterben und wieder aufzuerstehen." Diese Worte stammen aus dem Munde eines Mannes namens Jacques Lebreton. Er ist seit November 1942 durch einen Kriegsunfall seines Augenlichts beraubt, und seine Hände sind von den Unterarmen amputiert worden.

Es geschah in der libyschen Wüste. Inmitten einer rastenden Spahitruppe saß Jacques (zwanzig Jahre alt) auf den Fersen vor einer Kiste mit Granaten und nahm einen Sprengkörper nach dem anderen heraus, um ihn zu entschärfen. ,,Beim Arbeiten unterhielt ich mich mit den Kameraden", berichtete er später. ,,Einer von ihnen ergriff, ohne daß ich es merkte, eine Granate und entsicherte sie. Daraufhin hielt er sie mir verängstigt hin. Ich ergriff sie automatisch, doch sogleich begriff ich: Sie wird explodieren. Schnell, weg damit! Doch die Kameraden waren da, ich hätte sie umbringen können... Plötzlich ein riesiger Knall. Ich war in Finsternis getaucht. Ich versuchte zu sprechen, es gelang mir nicht. Ich sah mich tot."

Nach seiner Erstversorgung in der Feldambulanz wurde Jacques Lebreton in ein Krankenhaus nach Damaskus gebracht. Zwei oder drei Wochen lang blieb er in eine regelrechte Erstarrung getaucht. Er ahnte zwar wohl, daß seine Augen ernsthaft verletzt waren, doch er dachte, er würde das Augenlicht in sechs Monaten oder spätestens nach einem Jahr wiedergewinnen. Die Zeit würde alles heilen. Demgegenüber wußte er nicht, was sich unter den riesigen Verbänden verbarg, die um die Enden seiner Unterarme gewickelt waren: ,,Ich spürte meine Hände noch, als hielten sie die Granate krampfhaft umfaßt: Das war das den Amputierten wohlbekannte Phantomerlebnis. Als ich die Wahrheit entdeckte, begehrte ich auf. In Libyen hatte ich einmal gesehen, wie einundzwanzig meiner Kameraden in einer schrecklichen Explosion umkamen; ich hatte mir gesagt: ,Der Tod mitten im Kampf ist nichts, man sieht ihn nicht kommen. Am meisten fürchte ich mich davor, einen Arm oder ein Bein zu verlieren. Ich könnte das nicht ertragen ...` Und nun fand ich mich blind und ohne beide Hände wieder: eine vierfache Verstümmelung. Mit 21 Jahren! Wie konnte Gott eine solche Prüfung zulassen?"

,,Annehmen" statt ,,Erleiden"

Eine Ordensschwester jedoch, eine Franziskanermissionarin Mariä, die Jacques während eines früheren Aufenthaltes in Damaskus kennengelernt hatte, erfuhr, daß er im Krankenhaus lag. Sie besuchte ihn regelmäßig. ,,Sie erzählte mir von Job, der Gott nicht verfluchte. Sie zitierte das Wort aus dem Evangelium: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine Frucht." Der Kranke fühlte, wie diese Worte in seine Seele drangen. Seit langer Zeit hatte er den katholischen Glauben seiner Kindheit verloren. Er begann wieder zu beten und beichtete. Bald ging er zweimal die Woche zur heiligen Kommunion, später jeden Tag. Da entdeckte er die Liebe, die Jesus, den ,,Mann der Schmerzen", dazu gedrängt hatte, für uns am Kreuz zu sterben. Er spürte eine geheimnisvolle Kraft, die ihn näher an Christus heranführte. Dank der Kraft seines wiedergefundenen Glaubens, erblickte er in seinen Leiden einen verborgenen, erlösenden Wert. Daraufhin bot er, gestützt auf die göttliche Kraft und nicht auf seine eigene Schwäche, seine Augen und seine Hände Gott als Opfer dar. Er beschloß, seine Prüfung nicht mehr zu ,,erleiden", sondern ,,anzunehmen". ,,Das Annehmen ist ein Sieg. Bevor ich verletzt war, kannte ich zwar das Lachen, nicht aber die Freude, die wahre Freude. Jawohl, ich habe in meinem Krankenhausbett vor Freude geweint. Ich habe sogar zur Krankenschwester gesagt: ,Ich habe bei diesem Tausch nicht verloren!`,,

Die Liebe verändert die Herzen und verleiht dem angenommenen Leiden seinen ganzen Wert. Das bezeugt der heilige Franz von Sales so: ,,Die Liebe Gottes versüßt nicht nur das Bittere, es verwandelt das Kreuz in Freude, denn Gott ist der Gott der Freude." Jacques Lebreton hat es erfahren. Die selbst mitten unter den Leiden durch die Gnade ins Herz gegossene Freude ist keine merkliche Freude, sondern eine friedliche und geheimnisvolle Zufriedenheit im Glauben, die die heilige Therese vom Kinde Jesu sagen ließ: ,,Hier unten ermüdet mich alles, alles wird mir zur Last ... Ich finde nur eine Freude, die Freude, für Jesus zu leiden, doch diese nicht gefühlte Freude steht über jeder anderen Freude!" (Brief vom 12. März 1889).

Doch selbst wenn das Leiden uns nur Traurigkeit und Niedergeschlagenheit beschert, sollten wir uns auf die folgenden Worte der ,,kleinen" Therese besinnen: ,,Leiden wir, wenn es sein muß, mit Bitterkeit, ohne Mut. Jesus hat mit Traurigkeit gelitten: Würde die Seele ohne Traurigkeit überhaupt leiden?... Es ist recht tröstlich zu denken, daß Jesus, der göttlich Starke, all unsere Schwächen kennengelernt hat, daß er angesichts des bitteren Kelches gezittert hat, jenes Kelches, den er einst so heftig herbeigesehnt hatte" (Briefe vom 26. April 1889 und vom 26. Dezember 1896). So sollten wir, wenn wir leiden, daran denken, daß Jesus da ist, daß er nahe bei uns und mit uns leidet, daß er uns damit helfen will, unser gegenwärtiges Kreuz zu tragen.

Von Gott abgeschnitten

Auch Jacques Lebreton hatte buchstäblich sein Damaskuserlebnis. ,,Merkwürdigerweise habe ich diese Stadt durch das Tor des heiligen Paulus betreten. Der heilige Paulus ist dort blind angekommen und hat dann das Augenlicht wiedererlangt. Ich habe ein unendlich viel kostbareres Licht gefunden als das, das ich verloren hatte". Hinfort machte er jedes Jahr am 5. November seinen Freunden die Ankündigung: ,,Heute gebe ich Champagner aus! - Warum? - Heute jährt sich der Tag, an dem ich blind geworden bin!" Im Glauben war er seinen eigenen Worten nach der Ansicht, ,,das einzige Gebrechen bestehe darin, von Gott abgeschnitten zu sein".

,,Von Gott abgeschnitten sein" - das ist das Werk der Todsünde. Der Katechismus der katholischen Kirche lehrt uns: ,,Im Licht des Glaubens gibt es nichts Schlimmeres als die Sünde; nichts hat so arge Folgen für die Sünder selbst, für die Kirche und für die ganze Welt" (Nr. 1488). Unser Herr Jesus hat uns gesagt, es sei besser, Hände und Augen zu verlieren als in die Hitze der Flammen, d.h. in die Hölle, geworfen zu werden, wohin uns die Sünde, die uns von Gott ablenkt, führt (vgl. Mt 5,29-30). Der Verlust des ewigen Lebens ist ohne jeden Zweifel das größte Leiden für den Menschen, denn wenn er es verliert, verliert er das vollkommene Glück, für das er von Gott bestimmt worden ist. Jesus ist gekommen, um uns vom endgültigen Leiden zu befreien: von der ewigen Verdammung. ,,Der eingeborene Sohn ist der Menschheit geschenkt worden, um den Menschen vor allem gegen dieses endgültige Übel zu schützen... Die Mission des eingeborenen Sohnes besteht darin, die Sünde und den Tod zu besiegen; er triumphiert über die Sünde durch seinen Gehorsam bis in den Tod und er triumphiert über den Tod durch seine Auferstehung" (Salvifici doloris, 14). Indem er die Sünde zerschlug, zerschlug Jesus das größte aller Übel und zugleich die Wurzel allen Leidens, denn Leiden und Tod sind durch die Sünde in die Welt gekommen (vgl. Röm 5,12). So ist es für alle, die es wollen, möglich, den Erlaß ihrer Sünden zu erlangen und an den Früchten der Erlösung teilzuhaben. Diese Wohltat erreicht uns hauptsächlich durch die Sakramente, die Kanäle der göttlichen Gnade, die uns reinigt, stärkt und unsere Seele an Heiligkeit wachsen läßt. Zudem wird für uns durch das Gebet und den würdigen Empfang der Sakramente das geduldige Ertragen eines jeden Leidens möglich.

,,Warum läßt Gott das Leiden zu?" wurde eines Tages Mutter Teresa gefragt. ,,Das ist schwer zu verstehen: Das ist das Geheimnis der Liebe Gottes und deswegen können wir nicht einmal begreifen, warum Jesus soviel gelitten hat, warum er durch die Einsamkeit von Gethsemani und das Leid der Kreuzigung gehen mußte. Das ist das Geheimnis seiner großen Liebe. Das Leiden, das wir gegenwärtig sehen, ist so, als würde Christus seine Passion in uns noch einmal durchleiden." - ,,Wie kann das Leiden bewundernswert sein?" - ,,Wenn es im guten Sinne angenommen wird, als etwas aus der Hand Gottes Kommendes zu unserer Heiligung, zur Reinigung unserer Seele und auch zur Wiedergutmachung für die Sünden der Welt, dann schenkt es Frieden und ist bewundernswert." - ,,Aber ist Gott nicht ein Gott der Liebe?" - ,,Gott gibt uns das Leiden nicht, um uns zu quälen, sondern, um uns an sich zu ziehen."

Ein unersetzlicher dienst

Weit davon entfernt, unnütz zu sein, leisten leidende Menschen einen unersetzlichen Dienst. ,,Der Glaube an die Teilhabe an den Leiden Christi trägt die innere Gewißheit in sich, daß der leidende Mensch das vollendet, was den Heimsuchungen Christi gefehlt hat, und daß er in der spirituellen Perspektive des Erlösungswerks wie Christus für das Heil seiner Brüder und Schwestern nützlich ist" (Salvifici doloris, 27). Deswegen verbeugt sich die Kirche ehrfürchtig vor denen, die leiden: Sie sieht in ihnen die wichtigsten Fortführer des Heilswerks Christi. Die heilige Therese von Kinde Jesu gab kurz vor ihrem Tode zu: ,,Niemals hätte ich geglaubt, daß es möglich wäre, soviel zu leiden. Ich kann mir das nur durch den von mir gehegten brennenden Wunsch, Seelen zu retten, erklären" (30. September 1897).

Die von jedem Makel der Sünde unversehrte allerseligste Jungfrau Maria wurde sehr eng in das Heilswerk einbezogen. ,,In ihr häuften sich unzählige und intensive Leiden mit einer solchen Geschlossenheit und in einer solchen Verkettung, daß sie sowohl ihren unerschütterlichen Glauben zeigten als auch zugleich zur Erlösung aller beitrugen. Ihr Aufstieg zum Kalvarienberg und ihr Ausharren am Fuße des Kreuzes waren eine ganz besondere Teilnahme am erlösenden Tod ihres Sohnes. Daher hat auch Jesus Maria eine neue - geistige und universelle - Mutterschaft im Blick auf alle Menschen übertragen" (Salvifici doloris, 25.26). Aus diesem Grunde wird jeder, der sich an diese allen Leidenden gegenüber so mitfühlende und so zärtliche Mutter wendet, von ihr irgendeine Gnadengabe des Trostes erhalten.

Doch die Früchte unserer Geduld beim Tragen unseres Kreuzes werden wir vor allem im Himmel ernten. Der heilige Johannes versichert uns in seiner Offenbarung, im Himmel werde Gott jede Träne wegwischen von ihren Augen; der Tod wird nicht mehr sein, und nicht Trauer und Klage und Mühsal (21,4); und der heilige Paulus schreibt an die Römer: Ich bin der Überzeugung, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll (8,18). Der heilige Augustinus drückt sich in bezug auf die Herrlichkeit des Himmels folgendermaßen aus: ,,Wie groß wird jene Glückseligkeit sein, dort, wo man sich der Lobpreisung Gottes widmen wird, der ganz in uns sein wird! Er wird die Erfüllung all unserer Wünsche sein, Er, der ohne Ende geschaut, ohne Langeweile geliebt und ohne Ermüdung gelobt werden wird. Dort werden wir zur Ruhe kommen und wir werden schauen, wir werden schauen und wir werden lieben, wir werden lieben und wir werden lobpreisen" (Gottesstaat, Buch 22, Kap. 30, Nr. 1,5).

Wir beten zu Unserer Lieben Frau und zum heiligen Joseph, sie möchten Ihnen sowie allen Lebenden und Verstorbenen, die Ihnen teuer sind, diese Gnade gewähren.

Dom Antoine Marie osb

Die Veröffentlichung des Rundbriefes der Abtei St.-Joseph de Clairval in einer Zeitschrift, oder das Einsetzen desselben auf einem ,,web site" oder einer ,,home page" sind genehmigungspflichtig. Bitte wenden Sie sich dafür an uns per E-Mail oder durch http://www.clairval.com.

Index der Briefe  –  Home Page

Webmaster © 2000 Traditions Monastiques