Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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15. November 2017
hl. Albert d. Große


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Er beseitigt den Tod für immer. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht (Jes 25,8). Diese Worte aus dem Propheten Jesaja enthalten die Verheißung, die Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis in ihrem Leben äußerster physischer und seelischer Leiden Kraft gegeben hat“, sagte Papst Benedikt XVI. bei ihrer Heiligsprechung. „Diese außergewöhnliche Frau, die heute der Bevölkerung Indiens als ihre erste Heilige geschenkt wird, war der Überzeugung, dass ihr Kreuz das eigentliche Mittel war, um das himmlische Gastmahl zu erreichen, das vom Vater für sie vorbereitet worden war. Indem sie die Einladung zum Hochzeitsmahl annahm und sich durch Gebet und Buße mit dem Gewand der Gnade Gottes schmückte, glich sie ihr Leben dem Leben Christi an und erfreut sich jetzt der feinsten Speisen und erlesenen Weine des Himmelreiches (vgl. Jes 25,6)“ (12. Oktober 2008).

Anna Muttathupadathu wurde am 19. August 1910 in Kudamaloor in der Provinz Kerala im Südwesten Indiens geboren. Ihre Familie zählte zu den Anhängern des syro-malabarischen katholischen Patriarchats, dessen Ursprung auf den heiligen Apostel Thomas zurückgeht. Anna war das fünfte Kind der armen, aber altehrwürdigen christlichen Familie. Ihr Vater arbeitete als Arzt; ihre Mutter starb bereits, als die Kleine drei Monate alt war. Anna wurde unter die Vormundschaft einer Tante sowie eines Großonkels, der Priester war, gestellt und lebte fortan bei ihren Großeltern. Das Fehlen der Mutter, aber auch die in der Familie häufigen heftigen Ausein-andersetzungen prägten das Kind zutiefst. Die Großmutter nahm Anna oft – selbst unter der Woche – in die Kirche mit und führte sie in die Anfangsgründe des Glaubens ein.

Das II. Vatikanische Konzil unterstrich die Bedeutung der Kindererziehung im Kreise der Familie für unsere Zeit: „Da die Eltern ihren Kindern das Leben schenkten, haben sie die überaus schwere Verpflichtung zur Kindererziehung. Daher müssen sie als die ersten und bevorzugten Erzieher ihrer Kinder anerkannt werden. Ihr Erziehungswirken ist so entscheidend, dass es dort, wo es fehlt, kaum zu ersetzen ist. Den Eltern obliegt es, die Familie derart zu einer Heimstätte der Frömmigkeit und Liebe zu Gott und den Menschen zu gestalten, dass die gesamte Erziehung der Kinder nach der persönlichen wie der gesellschaftlichen Seite hin davon getragen wird. So ist die Familie die erste Schule der sozialen Tugenden, deren kein gesellschaftliches Gebilde entraten kann. Besonders aber sollen in der christlichen Familie, die mit der Gnade und dem Auftrag des Ehesakramentes ausgestattet ist, die Kinder schon von den frühesten Jahren an angeleitet werden, gemäß dem in der Taufe empfangenen Glauben Gott zu erkennen und zu verehren und den Nächsten zu lieben. Was gesunde menschliche Gemeinschaft und was Kirche ist, erfahren die Kinder zum erstenmal in einer solchen christlichen Familie; durch sie werden sie auch allmählich in die weltliche Gemeinschaft und in das Volk Gottes eingeführt. Daher sollen die Eltern wohl bedenken, wie entscheidend die echt christliche Familie für das Leben und das Wachstum des Gottesvolkes ist“ (Gravissimum educationis, Nr. 3).

Ein Königsweg

Tief beeindruckt vom Leben der hl. Therese von Lisieux, die wie sie ihre Mutter verloren hatte, beschloss Anna bzw. Annakutti, wie sie innerhalb der Familie genannt wurde, durch viel Gebet und Buße ebenfalls eine Heilige zu werden. Ihr Weg zur Heiligkeit wurde zum „Kreuzweg, zum Weg der Krankheit und des Leidens“ (hl. Johannes-Paul II.), den sie später als einen Königsweg in der Nachfolge Christi betrachtete. Eine Hilfe war ihr dabei die Verehrung, die sie Pater Chavara entgegenbrachte, einem Priester, der im 19. Jh. in Kerala gewirkt hatte.

Der am 10. Februar 1805 geborene Kuriakose-Elias Chavara war Priester der syro-malabarischen Kirche und Karmelitermönch; er gründete die Kongregation der Karmeliter von der Unbefleckten Gottesmutter Maria sowie die der Schwestern der Mutter des Karmel. 1861 zum Generalvikar der syro-malabarischen Kirche ernannt, wurde er zu einem großen Förderer der Einheit der Kirche und weihte sich der spirituellen Erneuerung der syro-malabarischen christlichen Gemeinschaft. Als Mann des Gebets zeichnete er sich besonders durch seine Liebe zu Jesus im Allerheiligsten und seine Verehrung für die Unbefleckte Jungfrau aus. Er starb 1871 (vgl. Brief unserer Abtei vom 28. Oktober 1999) und wurde 2014 heiliggesprochen.

Das Christentum hatte sehr früh in Indien Fuß gefasst, vor allem im Südwesten des Landes (dem heutigen Kerala). Die malabarische Kirche wurde zunächst der Jurisdiktion des Patriarchats von Antiochia unterstellt, dessen ostsyrischen Ritus und Gebräuche sie übernahm. Im 17. Jh. wurde die Rechtsprechungshoheit auf die römische Kirche übertragen, von der sie ebenfalls bestimmte Gebräuche übernahm. Ein Teil der Christen verweigerte sich diesem Wechsel und schloss sich der (nicht mit Rom unierten) syrisch-orthodoxen Kirche an. Die syro-malabarische katholische Kirche ist der Zweig, der nach wie vor der römischen Jurisdiktion unterliegt.

Ein verzweifelter Schritt

Annakutti leitete schon als junges Mädchen die täglichen Gebete im Hause der Familie. Am 11. November 1917 empfing sie mit 7 Jahren die Erstkommunion. Danach fragte sie ihre Freundinnen öfter: „Wisst ihr, warum ich heute so besonders glücklich bin? – Weil ich Jesus in meinem Herzen empfangen habe!“ Sie fühlte sich nunmehr gestärkt in der Erkenntnis, dass sie Gott gehörte. Viel später schrieb sie einmal an ihren Beichtvater: „Vom Alter von sieben Jahren an gehörte ich nicht mehr mir selbst. Ich hatte mich ganz meinem göttlichen Bräutigam hingegeben …“ Als Annakutti 10 Jahre alt war, kam sie in die direkte Obhut ihrer Tante Annama und erwies sich ihr gegenüber als überaus folgsam. Drei Jahre später beschloss die Tante, sie nach indischer Sitte zu verheiraten; das Mädchen war schön, und obwohl es keine Mitgift besaß, fehlte es nicht an Bewerbern. Annakutti wies die Heiratsanträge mit allem Nachdruck zurück. Als sie sich nicht anders zu helfen wusste, brannte sie einen ihrer Füße an, da sie dachte, mit einem lädierten Körper wolle sie bestimmt niemand mehr heiraten. Die Verbrennung, die sie als Opfer für ihr Anliegen, Gott zu gehören, betrachtete, war schwer und schmerzhaft. Es brauchte mehrere Jahre, bis sie wieder ohne Beschwerden gehen konnte. Doch die Verletzung schreckte die Heiratswilligen nicht ab. Nach einem weiteren vergeblichen Versuch gab die Tante ihre Hochzeitspläne auf, verbot aber dem jungen Mädchen, das Kloster der Karmelitinnen weiter zu besuchen, und meldete sie an einer anderen Schule an. Ihren Schulkameradinnen gegenüber zeigte sich Annakutti freundlich, unkompliziert, hilfsbereit und bescheiden; sie nutzte ihre Beliebtheit, um sie zu Predigten und religiösen Vorträgen mitzunehmen, denn sie verlor nie ihre Berufung aus den Augen.

Annakuttis Tante Annama war sehr fromm und ging jeden Tag zur Messe. Obwohl sie allen gegenüber extrem streng war, empfand sie eine besondere Zuneigung zu ihrer Nichte. Sie bestand darauf, dass diese stets mit schönen Kleidern und Schmuck angetan zur Schule ging; das junge Mädchen litt umso mehr darunter, als es von seinen Freundinnen deswegen gehänselt wurde. Soweit es Annakutti möglich war, tauchte sie in eine intensive Verbundenheit mit dem Herrn ein und brachte ihm insgeheim viele Opfer dar: Sie half z.B. den Haus-bediensteten in der Küche und im Haushalt und schenkte ihnen manchmal sogar, ohne dass die Tante es wusste, einen Teil ihres Essens. Erst später erkannte sie, wie gut die Strenge und die hohen Anforderungen der Tante sie auf die Opfer vorbereitet hatten, die ihr das Leben im Noviziat abverlangte.

Eine wichtige Bemerkung

Noch eine für die Dinge des Alltags nicht ganz unerhebliche kleine Bemerkung möchte ich anfügen“, schrieb Papst Benedikt XVI. in der Enzyklika Spe salvi. „Zu einer heute vielleicht weniger praktizierten, aber vor nicht allzu langer Zeit noch sehr verbreiteten Weise der Frömmigkeit gehörte der Gedanke, man könne die kleinen Mühen des Alltags, die uns immer wieder einmal wie mehr oder weniger empfindliche Nadelstiche treffen, ‚aufopfern’ und ihnen dadurch Sinn verleihen. In dieser Frömmigkeit gab es gewiss Übertriebenes und auch Ungesundes, aber es ist zu fragen, ob da nicht doch irgendwie etwas Wesentliches und Helfendes enthalten war. Was kann das heißen: ‚aufopfern’? Diese Menschen waren überzeugt, dass sie ihre kleinen Mühen in das große Mitleiden Christi hineinlegen konnten, so dass sie irgendwie zu dem Schatz des Mitleids gehörten, dessen die Menschheit bedarf. So könnten auch die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltags Sinn gewinnen und zum Haushalt des Guten, der Liebe in der Menschheit beitragen. Vielleicht sollten wir doch fragen, ob solches nicht auch für uns wieder zu einer sinnvollen Möglichkeit werden kann“ (30. November 2007, Nr. 40).

An Pfingsten 1927 trat Annakutti mit 17 Jahren in das Klarissenkloster von Bharananganam ein – auf Anraten eines Onkels, der den Konvent als Seelsorger betreute. Das Kloster gehörte zu einem im 19. Jh. in Kerala gegründeten Zweig des Franziskanerordens, der damals 23 Häuser besaß (2008 waren es 740, die meisten in Indien). Die Nonnen kümmerten sich um Waisen und Kranke. Wie damals in der Kongregation üblich, erhielt die junge Bewerberin eine zweijährige Ausbildung: zunächst als Schülerin, dann als Postulantin. Sie ordnete sich problemlos der Disziplin des Hauses unter, da ihr diese viel milder vorkam als die Strenge ihrer Tante. Am 2. August 1928 wurde sie Postulantin und nahm den Namen des Tagesheiligen, des hl. Alfons von Liguori, an; sie hieß fortan Schwester Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis. Ihre Tante, ihr Vater sowie eine gewisse Zeit lang selbst die Novizenmeisterin versuchten noch einmal, sie zu verheiraten, doch die junge Nonne wehrte sich dagegen und legte große Entschlossenheit an den Tag. „Die Berufung, die ich empfangen habe – ein Geschenk Gottes!“, sagte sie später. „Gott weiß um meine Seelenqualen in jenen Tagen. Er hat die Schwierigkeiten beseitigt und mir einen Platz im Ordensleben zugewiesen.“

Der ärmste Orden

1929 wurde Schwester Alfonsa zusammen mit einer anderen Postulantin zur weiteren Ausbildung in ein Kloster der Anbeterinnen des Allerheiligsten Sakramentes entsandt. Die Schwestern dort waren so angetan von ihr, dass sie versuchten, sie zum Bleiben zu überreden. Schwester Alfonsa lehnte mit einem freundlichen Lächeln ab: Ihre Berufung gelte nur für den ärmsten Orden, den der hl. Klara. Im folgenden Jahr wurde sie eingekleidet, doch ihre Aufnahme ins Noviziat verzögerte sich. Zum einen ließ sich die Oberin Mutter Ursula von den kritischen Äußerungen einiger eifersüchtiger Mitschwestern gegen Alfonsa beeinflussen. Zum anderen befürchtete sie, dass die offensichtlich fragile Gesundheit Alfonsas die Strenge der Regel nicht verkraften konnte. Schwester Alfonsa hatte damals in der Tat schwere gesundheitliche Probleme. Gleichwohl bemühte sie sich, ein inniges Ordensleben zu führen; sie schrieb: „Ich werde beim Handeln und Sprechen nicht meinen persönlichen Neigungen folgen … Ich will darauf achten, niemanden zurückzuweisen. Ich will immer sanft zu den anderen sprechen. Ich will meine Augen streng kontrollieren. Ich werde den Herrn für jede kleine Verfehlung um Vergebung bitten und mich mit Ihm durch Bußwerke versöhnen. Wie sehr ich auch leiden mag, ich werde mich nicht beklagen, und wenn ich gedemütigt werde, werde ich im Heiligen Herzen Jesu Zuflucht suchen.“

Die Konstitutionen der Klarissen verlangten für die Aufnahme ins Noviziat von jeder Postulantin eine Mitgift von 800 Rupien. Die Familien der anderen Postulantinnen konnten die Summe aufbringen, doch Schwester Alfonsas Vater war nicht vermögend. Er verkaufte das von seiner Mutter geerbte Gold und konnte so 500 Rupien anbieten. Eine großzügige Spende von Mutter Ursulas Familie sowie das nie zurückgeforderte Darlehen eines Priesters vervollständigten schließlich die Mitgift. Schwester Alfonsa wurde am 12. August 1935 Novizin und legte ein Jahr später ihre Profess ab. „Sag unserem Vater“, schrieb sie an ihre Schwester, „dass ich wohlauf bin und in Frieden lebe. Der Herr hat mir die Gnade geschenkt, eine richtige Nonne zu werden. Er hat mir die besondere Gnade gewährt, mit Jesus zu leiden. Das ist das kostbarste Geschenk, das mein göttlicher Bräutigam mir machen konnte. Du musst dich also mit mir freuen.“

Der christliche Glaube „hat uns gezeigt, dass Gott, die Wahrheit und die Liebe in Person, für uns und mit uns leiden wollte … Der Mensch ist Gott so viel wert, dass er selbst Mensch wurde, um mit dem Menschen mit-leiden zu können, ganz real in Fleisch und Blut, wie es uns in der Passionsgeschichte Jesu gezeigt wird. Von da aus ist in alles menschliche Leiden ein Mitleidender, Mittragender hineingetreten; in jedem Leiden ist von da aus die consolatio, der Trost der mitleidenden Liebe Gottes anwesend und damit der Stern der Hoffnung aufgegangen“ (Enzyklika Spe Salvi, Nr. 39).

Selbst im Leiden lächeln

Als Schwester Alfonsa einmal krank wurde, betete sie eine Novene zu Pater Chavara und wurde bald gesund; ein andermal fand sie nach einer Erscheinung des Paters Heilung, ein weiteres Mal nach einer Erscheinung der hl. Therese. Wenn es ihre Gesundheit zuließ, unterrichtete Schwester Alfonsa an der Schule ihrer Kongregation; sie hatte eine spezielle Begabung, sich bei den Schülern beliebt zu machen und sie zum Herrn hin zu lenken. Sie schrieb so schön, dass sie als Sekretärin zum Schreiben offizieller Briefe eingesetzt wurde. Ihre Haltung und ihr Benehmen zeugten von einer außerordentlichen Ausgeglichenheit; sie lächelte selbst im Leiden und nutzte jede Gelegenheit zum Opfer.

Nachdem sie mehrere schwere Krankheiten überstanden hatte, litt sie im Juli 1945 aufgrund einer von Gallenkoliken begleiteten Magen- und Darmentzündung jeden Freitag unter heftigen Krämpfen und Erbrechen. Bald bat sie die Oberin um die Erlaubnis, den Herrn um die Gnade bitten zu dürfen, dass er ihre Schwächeanfälle nicht mehr tagsüber, sondern nachts stattfinden lasse; sie erklärte: „Wenn ich nachts leide, bleibe ich allein und störe niemanden. Wenn ich hingegen tagsüber leide, dann merken es die Schwestern und tun alles, um mir Erleichterung zu verschaffen; ich störe.“ Trotz aller Schmerzen schmückte stets ein unschuldiges Lächeln ihre Lippen. „Sie dankt Gott ohne Unterlass für die Freude und das Privileg ihrer Berufung zum geweihten Leben, für die Gnade ihrer Gelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams“, sagte der hl. Johannes-Paul II. „Sie lernte, das Leid zu lieben, weil sie den leidenden Christus liebte. Sie lernte, durch ihre Liebe zum gekreuzigten Herrn das Kreuz selbst zu lieben“ (Seligsprechungspredigt vom 8. Februar 1986). Schwester Alfonsa erklärte einmal: „Die in einer Mühle gemahlenen Weizenkörner werden zu Mehl. Und aus diesem Mehl werden die Hostien für die heilige Eucharistie gebacken. Die durch die Presse gedrückten Weintrauben ergeben Traubensaft, der zu Wein wird. Ähnlich werden wir vom Leiden zermalmt und werden so besser.“ Zu ihren leiblichen Schmerzen kam das durch Unverständnis, Eifersucht und Fehleinschätzungen verursachte Leid hinzu; sie selbst bemühte sich, ihr feindlich gesonnenen Personen gegenüber doppelt freundlich zu sein. „Selbst wenn ich zu Unrecht beschuldigt werde, begnüge ich mich damit, zu sagen: ‚Tut mir leid. Entschuldigen Sie.’“ In einem Brief vom Februar 1946 schrieb sie kurz vor ihrem Tod: „Ich habe mich ganz und gar Jesus hingegeben. Er möge mit mir machen, was er möchte. Mein einziger Wunsch in dieser Welt besteht darin, für die Liebe Gottes zu leiden und mich darüber zu freuen.“

Angesichts der Aussicht, dass die bettlägerig gewordene Schwester Alfonsa bald sterben würde, schlug ihr Beichtvater der Oberin vor, sie möge die Schwester bitten, ihre „spirituellen Erfahrungen“ schriftlich niederzulegen. Mutter Ursula gab die Bitte weiter, doch zu ihrer großen Überraschung antwortete die Kranke nicht gleich, als müsste sie eine schwere Entscheidung treffen; dann brach sie in Tränen aus: „Ist es absolut notwendig, dass ich über mich schreibe? In meinem Leben gibt es nichts Erinnernswertes. Trotzdem ist es richtig, dass ich für mich selbst ein paar kleine geistliche Notizen verfasst habe; sie liegen dort im Schrank: Vernichten Sie sie, bitte.“ Als Mutter Ursula sich weigerte, flehte sie: „Mutter, um der Liebe Gottes willen, niemand soll etwas über mich erfahren … Ich bin eine sehr dumme Person, ein Erdwurm. Aber wenn es Gottes Wille ist, so wird er schon einen Weg finden. Bedenken Sie, was er im Falle der Maria von Ägypten getan hat.“

Die heilige Maria von Ägypten war zur Zeit der Wüstenväter (5. Jh.) eine berühmte Prostituierte in Alexandrien. Sie bekehrte sich und lebte unerkannt 47 Jahre lang als Büßerin in der Wüste, bis sie schließlich vom Abt eines dort ansässigen Konventes entdeckt wurde, der ihr zur Bedeckung ihrer Blöße einen Mantel schenkte. Am folgenden Gründonnerstag brachte er ihr die Kommunion. Als er im folgenden Jahr zurückkehrte, fand er sie tot vor und ließ sie beerdigen. Ihr Grab wurde bald zu einer Wallfahrtsstätte für Christen und zog selbst Pilger aus Europa an.

Die Oberin kam Schwester Alfonsas Bitte nach und zerriss die Aufzeichnungen; die Kranke beruhigte sich. Doch wie sie vorausgesehen hatte, verbreitete sich nach ihrem Tod der Ruf ihrer Heiligkeit wie ein Lauffeuer. Man konnte ihr Leben und ihre Spiritualität dank etlicher Zeitzeugen sowie anhand der Briefe, die von ihr erhalten waren, rekonstituieren.

Man hört sie nicht

Schwester Alfonsas Kräfte ließen immer mehr nach. Sie sprach oft von ihrem baldigen Tod – gefasst und mitunter sehr poetisch: „Die Vögelchen fliegen so leicht zum Himmel empor, dass man ihren Flügelschlag gar nicht hört. Ich werde es auch so halten, wenn der Herr und Meister mich zu sich ruft.“ Am 27. Juli 1946 verkündete sie: „Morgen wird es eine große Schlacht geben.“ Man dachte, sie würde auf eine neue Schmerzattacke anspielen, da sie solche Anfälle oft im Voraus spürte; doch wie man nachträglich feststellte, hatte sie noch nie zuvor das Wort „Schlacht“ in dem Zusammenhang verwendet. Am folgenden Tag, einem Sonntag, kleidete sie sich an und begab sich zum Stundengebet in die Kapelle. Als ihr plötzlich übel wurde, zog sie sich wieder in ihre Zelle zurück. Unter heftigen Schmerzen murmelte sie noch die Worte „Jesus, Maria, Josef“, bevor sie das Bewusstsein verlor und starb. In ihrem Herzen sprach sie vielleicht ein letztes Mal das von ihr selbst verfasste Gebet: „Jesus, verbirg mich in der geheiligten Wunde deines Herzens. Befreie mich von dem unersättlichen Wunsch, geliebt und geschätzt zu werden. Errette mich aus der elenden Suche nach Liebe und Ruhm. Mach mich demütig genug, damit ich eine völlige Null werde, ein kleiner Feuerfunke, der dein Heiliges Herz entflammt. Schenke mir die Gnade, mich ebenso völlig zu vergessen wie die anderen Geschöpfe.“ Sie wurde 36 Jahre alt.

Eine Schwester, die ständig unter starken Rückenschmerzen litt, erbot sich, bei der Trauerfeier den Sarg vom Kloster bis zur Pfarrkirche mitzutragen: Unterwegs trat bei ihr eine plötzliche und vollständige Heilung ein. Schwester Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis wurde 1986 vom hl. Johannes-Paul II. auf seiner apostolischen Reise nach Kerala selig- und 2008 von Benedikt XVI. im Petersdom zu Rom heiliggesprochen.

Bei ihrer Heiligsprechung sagte Benedikt XVI.: „Sie schrieb: ’Für mich ist ein Tag ohne Leiden ein verlorener Tag.’ Mögen wir sie nachahmen, indem wir unser Kreuz auf uns nehmen, um eines Tages zu ihr in das Paradies zu gelangen!“

Dom Antoine Marie osb

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