Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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11. Oktober 2017
im Rosenkranzmonat


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Anfang August 1847 wollte der Apostolische Vikar von Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, Missionare aus Frankreich für seine Diözese suchen. „Fahren Sie doch nach Marseille!“, wurde ihm geraten. „Der Bischof dort hat ein ebenso weites Herz wie der hl. Paulus: weit wie die Welt … Heben Sie besonders hervor, dass es darum geht, verlassene Seelen zu retten … Dem Wort wird er nicht widerstehen können.“ Der Vikar folgte dem Rat und trug dem Bischof sein Anliegen vor. „Ach! Wie könnten wir Ihren Wunsch erfüllen?“, erwiderte Bischof de Mazenod. – „Aber Euer Hochwürden, es geht um verlassene Seelen, um die ärmsten … die unglücklichsten der Erde … Haben Sie Mitleid, schenken Sie ihnen Missionare“, versetzte der Gast aus Ceylon. Bischof de Mazenod schloss tief gerührt und unter Tränen seinen Amtsbruder in die Arme: „Sie sollen sie auf der Stelle bekommen!“

Eugène de Mazenod wurde als Spross provençalischen Adels am 1. August 1782 in Aix bei Marseille geboren. Sein Vater, Charles-Antoine de Mazenod, war Präsident des Rechnungshofes. Eugène bewies von frühester Kindheit an außergewöhnliche Charakterstärke. Er weinte nicht, um seine Wünsche durchzusetzen, sondern forderte sie energisch ein. Im Alter von 4 Jahren wohnte er zusammen mit seinen Eltern von einer Loge aus einer Theateraufführung bei. Als ein Zuschauer im Parkett die Schauspieler auspfiff, rief er empört mit geballter Faust hinab: „Warte nur, gleich komme ich runter!“ Er hatte gleichwohl ein gutes Herz. Als Kind besuchte er einmal kurz vor dem Winter eine befreundete Familie und wunderte sich, dass im Kamin kein Feuer brannte. Die Leute sagten, sie seien zu arm, um jeden Tag zu heizen. Eugène rannte von Mitleid erfüllt aus dem Haus; als er zurückkehrte, schob er mühsam eine mit Holz beladene Schubkarre vor sich her, die er mit strahlender Miene vor der Tür auskippte: „Hier kommt das Holz, ihr könnt euch wärmen!“ Ein andermal tauschte er seine Kleider gegen die eines vor Kälte zitternden Köhlerjungen. Seine Mutter schalt ihn: „Für den Sohn eines Rechnungshofpräsidenten ziemt es sich nicht, sich wie ein Köhler zu kleiden!“ Die Antwort lautete: „Dann werde ich eben Köhlerpräsident!“

Mit einem Priester aussterben

Als 1789 in Frankreich die Revolution ausbrach, war Eugène Schüler des Collège Bourbon in Aix. Die Familie floh zusammen mit den Brüdern des Vaters in das damals zu Piemont gehörende Nizza. Eugène begann italienisch zu lernen und wurde im nächsten September in Turin eingeschult. Trotz der anfänglichen Sprachprobleme war er bald Klassenbester. Das Vorrücken der Revolutionsarmee zwang die ganze Familie erst zum Umzug nach Turin, 1794 dann weiter nach Venedig. Die Brüder de Mazenod verdienten ihren Lebensunterhalt nunmehr als Kaufleute. Eugène war damals viel sich selbst überlassen. Doch die Vorsehung wachte über ihn: Ein frommer Priester namens Bartolo Zinelli ließ ihn kostenlos weiter die Schule besuchen und führte ihn in seine eigene Familie ein. Ein fester Rhythmus von Lernen, Frömmigkeitsübungen und sinnvollen Freizeitbeschäftigungen hielt den Knaben von gefährlichen Bekanntschaften fern – ganz im Sinne von Pfarrer Zinellis Wahlspruch: „Nichts gegen Gott, nichts ohne Gott.“ Eugène vernahm immer deutlicher den Ruf zum Priesteramt. Sein Großonkel, der ehemalige Generalvikar von Marseille, stellte ihn auf die Probe: „Weißt du nicht, dass du der letzte Spross deiner Familie bist und für den Fortbestand des Namens sorgen musst?“ Eugène erwiderte etwas verärgert: „Wäre es keine Ehre für unsere Familie, mit einem Priester auszusterben?“

Die republikanische Armee unter General Bonaparte rückte weiter vor. 1797 mussten die Mazenods erst nach Neapel, dann nach Palermo weiterfliehen. Für Eugène war das Leben im Kreise des sizilianischen Adels überaus angenehm. Die vielen weltlichen Vergnügungen hielten ihn nicht davon ab, seine literarischen und historischen Studien fortzusetzen; gegen Ende seines Aufenthalts auf der Insel hatte sich sein Glaube allerdings deutlich abgekühlt. 1801 wurde ein Konkordat zwischen Napoleon und Papst Pius VII. unterzeichnet. Im Jahr danach kehrte Eugène nach Frankreich zurück. Die dort üblichen weltlichen Zerstreuungen bereiteten ihm wachsendes Unbehagen. Er versuchte zu heiraten, doch der Plan scheiterte. 1807 las er das Werk „Geist des Christentums“ von Chateaubriand, das ihm oberflächlich vorkam. „Der christliche Glaube darf nicht auf dem Flugsand von Gefühlsregungen gründen“, notierte er, „sondern vielmehr auf dem festen Felsen klassischer rationaler Beweise.“ Er begann nach stichhaltigen Antworten auf den Jansenismus zu suchen. An einem Karfreitag wurde ihm dann die Gnade der Bekehrung zuteil: „Zu meinem Unglück habe ich das Glück außerhalb von Gott gesucht“, schrieb er im Rückblick. „Wie viele Male in meinem vergangenen Leben hatte sich mein unruhiges Herz zu Gott aufgemacht, von dem es sich abgewandt hatte!… Während jener Liturgie flog meine Seele nun endgültig ihrem Ziel, Gott, entgegen, dessen Verlust sie so lebhaft schmerzte.“ Nach reiflicher Überlegung trat er in das Saint-Sulpice-Seminar in Paris ein und schrieb an seine Mutter: „Der Herr will, dass ich einer Welt entsage, in der es beinahe unmöglich ist, sich zu retten, da dort so viel Gottlosigkeit herrscht; dass ich mich dafür opfere, den Glauben, der unter den Armen erlischt, wiederzubeleben – Ihm zu Ehren und für das Heil der Seelen, die er mit seinem kostbaren Blut erlöst hat.“

Eine unlösbare Frage

Von Pater Émery, dem Vorsitzenden der Gesellschaft der Saint-Sulpice-Priester, angeleitet, machte Eugène rasche Fortschritte im Hinblick auf sein Studium und sein Innenleben. Er erlegte sich eine strenge Askese auf und öffnete sein Herz für die sogenannten „unteren“ sozialen Klassen, denen etliche seiner Mitschüler entstammten. Von seinen Gefährten, zu denen auch der künftige Bischof von Nancy, Forbin-Janson, zählte, ließ er sich mit der Begeisterung für die Mission anstecken. Das Studium war umständehalber auf drei Jahre verkürzt; der Schwerpunkt lag auf der Apologetik (Wissenschaft von den rationalen Grundlagen des Glaubens) und der Morallehre. Da Eugène vor allem die Praxis seines künftigen Priesteramtes interessierte, fand er kein großes Gefallen an der Wissenschaft an sich.

Während der Gefangenschaft, die Napoleon Papst Pius VII. sowie der römischen Kurie auferlegte (1809-1814), diente Eugène dem Anführer des katholischen Widerstandes, Pater Émery, als Verbindungsmann. Später erklärte er dazu: „Schon als Diakon und danach als junger Priester durfte ich – trotz engster Überwachung durch die Geheimpolizei – in Alltagsdingen den römischen Kardinälen dienen, die damals nach Paris gebracht und bald darauf wegen ihrer Treue zum Heiligen Stuhl inkriminiert wurden. Die Gefahr, in der ich ständig schwebte, wurde durch das Glück kompensiert, diesen erlauchten Exilanten nützlich zu sein und mich immer mehr von ihrem Geist inspirieren zu lassen.“ Die Lehrer von Saint-Sulpice, die aus ihrem Widerstand gegen die Maßnahmen des Kaisers keinen Hehl machten, wurden des Seminars verwiesen. Sie gingen allerdings erst, nachdem sie im Geheimen Nachfolger bestimmt hatten: So wurde Eugène in das Amt des Direktors berufen. Der junge Diakon lehnte es ab, vom damaligen Pariser Erzbischof die Priesterweihe zu empfangen, der ohne Zustimmung des Papstes von Napoleon ernannt worden war; er bat lieber den Altbischof von Amiens, eines Freund seines Großonkels, darum. Nach seiner Priesterweihe am 11. Dezember 1811 trug ihm der Altbischof den Posten des Generalvikars – seines Stellvertreters – an, doch Eugène lehnte das Angebot ab; er wollte sich vielmehr ein Jahr lang dem Amt widmen, das ihm seine Lehrer anvertraut hatten, und vor allem die Freiheit haben, Armen die frohe Botschaft zu bringen – im Sinne seiner späteren Devise Pauperes evangelizare (s. Lk 4,18).

„Meine ehrenwerten Brüder“

Abbé de Mazenod kehrte ein Jahr später nach Aix-en-Provence zurück. Seine erste Predigt hielt er auf Provençalisch, damit er auch von einfachen Leuten verstanden wurde, und er fand herzerwärmende Worte für sie: „Was seid ihr für die Welt? Verachtete Leute … Meine Brüder, meine lieben Brüder, meine ehrenwerten Brüder, in den Augen des Glaubens seid ihr Kinder Gottes, Brüder Jesu Christi, Erben seines ewigen Reichs.“ Die Erziehung der Kinder lag dem Jungpriester besonders am Herzen, denn er sah eine Generation heranwachsen, die nicht einmal den Namen Gottes kannte. „Das Unterfangen ist zugegebenermaßen schwierig“, bekannte er. „Es ist sogar gefährlich, denn ich nehme mir nicht weniger vor, als mit ganzer Kraft die verhängnisvollen Ansichten einer argwöhnischen Regierung zu bekämpfen, die alles, was ihr nicht passt, verfolgt und zerstört. Aber ich fürchte nichts, weil ich mein ganzes Vertrauen auf Gott setze.“ Er scharte bald eine Gruppe von rund 20 Jugendlichen um sich, die er spielerisch zu frommen Menschen formte und die er wie ein Vater liebte. Bei einem Gefängnisbesuch steckte er sich mit Typhus an und schwebte 40 Tage lang in Todesgefahr; seine Genesung verdankte er seinen „Kindern“, die von ihren Ersparnissen Messen für ihn lesen ließen.

1814 zerfiel das napoleonische Reich. Eugène konnte sich endlich der Jugendarbeit sowie den Gemeindemissionen auf dem Lande widmen. Er plante die Gründung einer Gemeinschaft, die sich der Volksmission sowie der Weiterbildung des Klerus weihen sollte. Am 25. Januar 1816 gründete er schließlich zusammen mit vier Mitbrüdern die „Missionaires de Provence“. Die neue Gemeinschaft unterlag nicht der Jurisdiktion der Pfarrer, was zum Teil heftige Reaktionen hervorrief: Abbé de Mazenod wurde Einmischung vorgeworfen, da er über 300 aus verschiedenen Pfarrgemeinden stammenden Jugendlichen Religionsunterricht erteilte. Doch der Abbé wollte diese Jungen gegen den schlechten Geist beschützen, der anderswo herrschte.

Es wurden immer mehr vier- bis fünfwöchige Gemeindemissionen durchgeführt (insgesamt 40 in acht Jahren). Morgens wurde über das Credo, die Sakramente, die Gebote sowie das Vaterunser gepredigt, abends über den Tod, das Fegefeuer und den Himmel. Mit dem Beichtdienst waren eine Woche lang sieben Priester von 5 Uhr morgens bis Mitternacht beschäftigt.

Der Gedanke an die letzten Dinge hilft uns zu begreifen, worum es bei unseren freiwilligen Handlungen in dieser Welt geht. Wir müssen uns hier und jetzt zwischen dem Weg des Lebens und dem des ewigen Verderbens entscheiden, wie der hl. Paulus betont: Täuscht euch nicht, Gott lässt seiner nicht spotten; denn was einer sät, das wird er auch ernten; wer auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten … Solange wir also Zeit haben, wollen wir Gutes tun an allen, vornehmlich an denen, die uns nahestehen im Glauben (Gal 6,7-8.10). Deshalb behauptete am 28. April 1971 Papst Paulus VI.: „Hier ist einer der Grundlagen des christlichen Lebens: es muss entsprechend seines zukünftigen und ewigen Schicksals gelebt werden“.

Untätigkeit wäre tödlich

Eugène hat trotz aller Demut sein aristokratisches Gebaren beibehalten, was ihm bittere Feindschaften einbrachte. Er selbst kümmerte sich hauptsächlich darum, sein Werk auf feste Grundlagen zu stellen, denn dessen Existenz beruhte lediglich auf dem Wohlwollen eines Generalvikars. Sein Versuch, eine Approbation des Königs zu erhalten, scheiterte. Daraufhin wollte er seine Pariser Beziehungen spielen lassen, damit sein Onkel Fortuné in einem der provençalischen Bistümer zum Bischof ernannt wird und seinen Antrag unterstützen kann. Als bereits alle Schritte vergeblich schienen, wurde Fortuné tatsächlich zum Bischof von Marseille ernannt; er musste jedoch erst 5 Jahre im Karmeliterkloster von Aix-en-Provence auf seinen Amtsantritt warten, da die Regierung die Abschaffung der Bischofssitzes Marseille erwog.

Am 16. August 1818 vertraute der Bischof von Digne die Leitung des Marien-Heiligtums Unserer Lieben Frau von Laus in den Alpen den Missionaren der Provence an. Der Auftrag bewirkte die Erhebung der Gesellschaft zu einer gelübdegebundenen Kongregation, da die Einheit der beiden Häuser gewährleistet sein musste. Die Regeln der Kongregation entwarf Abbé de Mazenod. Er schrieb u.a.: „Die Kirche, dieses schöne Erbe des Heilands, für das er sein Blut vergossen hatte, ist in unserer Zeit grausam heimgesucht worden … Abgesehen vom heiligen Grundstock, der bis in alle Ewigkeit intakt bewahrt wird, bleiben vom früheren Christentum nur noch Spuren übrig. Was tat unser Herr Jesus Christus? Er wählte eine bestimmte Anzahl von Aposteln und Jüngern aus, die er mit seinem Geist erfüllte … und sandte sie zur Eroberung der Welt aus, die sie bald seinen heiligen Gesetzen unterwarfen. Was müssen wir nun unsererseits tun, um die vielen Seelen für Jesus Christus zurückzugewinnen, die sein Joch abgeschüttelt haben? Hart arbeiten, um Heilige zu werden, … einzig und allein die Ehre Gottes, den Aufbau der Kirche, das Heil der Seelen im Blick haben, … dann voller Gottvertrauen in die Schlacht ziehen und bis in den Tod für die größere Ehre Gottes kämpfen. Welch edles Unterfangen!“

1821 legte die Gemeinschaft das dreifache Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ab und wurde dadurch weiter gefestigt. Sie eröffnete ein drittes Haus in Marseille, und es kündigten sich weitere Novizen an. 1823 wurde der Erhalt des Bischofssitzes Marseille beschlossen und die Ernennung Fortuné de Mazenods bestätigt. Eugène und sein engster Mitarbeiter wurden Generalvikare der Diözese. Das Amt brachte viel Büroarbeit mit sich, die Eugène recht schwerfiel, zumal er sich nicht länger an Volksmissionen beteiligen konnte. Am 17. Februar 1826 wurden die Regeln seiner Kongregation von Papst Leo XII. bestätigt und auch der neue Name der Gesellschaft genehmigt: Oblaten der unbefleckten Jungfrau Maria. „Freuen wir uns, schrieb der Stifter an seine Söhne, den Namen Mariens und ihre Uniform zu tragen … In Gottes Namen, seien wir heilig!“ 1829 führte ihn eine schwere Krankheit an die Schwelle des Todes. Er erholte sich, musste jedoch für einen Kuraufenthalt in die Schweiz reisen; die Pariser Revolution von 1830 zwang ihn, länger als vorgesehen dort zu bleiben. Als die Gemeindemissionen von der neuen französischen Regierung verboten wurden, fasste er den Entschluss, seine Oblaten als Missionare in ferne Länder zu entsenden: „Eine entstehende Kongregation braucht ein Element des Eifers, Untätigkeit wäre tödlich“.

Mein Glück und meine Freude

Im Mai 1831 stimmten der Stadtrat von Marseille und der zuständige Generalrat für die Abschaffung des Bischofssitzes, sobald der Stuhl vakant wird. Um dem zuvorzukommen, erreichte Bischof Fortuné de Mazenod bei Papst Gregor XVI., dass sein Neffe sowohl die Bischofswürde als auch das Recht auf seine Nachfolge erhält. Eugène wurde am 1. Oktober 1832 in Rom zum Bischof geweiht und wandte sich mit folgenden Worten an Gott: „Es wird mir nichts passieren, was du nicht gewollt hast, und es wird mir immer Glück und Freude bereiten, deinen Willen zu tun.“ Nach Frankreich zurückgekehrt, begann er, sein Amt auszuüben, ohne von König Louis-Philippe ernannt worden zu sein, und wurde deswegen von der Verwaltung angegriffen. Der Heilige Stuhl bat ihn, sein Amt vorübergehend ruhen zu lassen. Ein harter Schlag für ihn, doch er gehorchte. 1837 trat Bischof Fortuné de Mazenod schließlich zurück, und Eugène folgte ihm als Bischof von Marseille.

Während seines 23 Jahre währenden Episkopats widmete sich Bischof Eugène de Mazenod vor allem dem Dienst an seinem Volk und an seinem Klerus. Er forderte die Priester auf, in kleinen Gemeinschaften zusammenzuleben. Die Anzahl der Diözesanpriester stieg von 171 zu Beginn seines Episkopats auf 378 zwanzig Jahre später. Eugène gründete 22 neue Pfarreien, baute bzw. renovierte 40 Kirchen, errichtete eine neue Kathedrale sowie die imposant über der Stadt thronende Basilika Notre-Dame de la Garde. In seiner Diözese siedelten sich 10 Männer- und 16 Frauenkonvente an. „Mein System besteht darin, den Eifer all derer zu unterstützen, die sich einem Leben der Vollkommenheit weihen wollen … Selbst wenn diese verschiedenen Vereinigungen nur so lange bestehen, wie die Lebenszeit derer dauert, die sich in ihnen Gott weihen, es wäre auch dann ein großer Gewinn.“

Der Bischof förderte die eucharistische Anbetung und führte die römische Liturgie wieder ein. Er beteiligte sich aktiv am Kampf für die Freiheit des höheren Schulwesens, das seit der Französischen Revolution ein Monopol der von Kirchenfeinden dominierten laizistischen Universität war. „Wenn die französische Jugend weiterhin von der Universität ausgebildet wird, so wird der Tag kommen“, sagte der Bischof, „an dem der Glaube in Frankreich ganz und gar untergeht.“ Da es für ihn um eine Sache von kapitaler Bedeutung ging, schloss er sich zusammen mit einigen Bischofskollegen und Publizisten der Bewegung für die Freiheit des Bildungswesens an. Er versuchte, die Bischöfe zu einem Bund zu vereinen, der gemeinsam vorgeht: „Keine Einzelproteste; sie sollen vor aller Augen erhoben werden!“ Nur wenn der ganze Episkopat geschlossen an die Öffentlichkeit trete, werde er die Aufmerksamkeit der Behörden erregen und eine definitive Entscheidung herbeiführen. Die Zeitungen seien „heute das Mittel der Wahl, um sich Gehör zu verschaffen“. Die Bischöfe seien „keine Untertanen, die von den Machthabern demütig eine Gunst erbitten“, sondern Verteidiger und Bewahrer der Rechte und Interessen der Kirche.

Das II. Vatikanische Konzil mahnte auch für unsere Zeit dieses Recht auf freie Erziehung an: „Die Eltern, die zuerst und unveräußerlich die Pflicht und das Recht haben, ihre Kinder zu erziehen, müssen in der Wahl der Schule wirklich frei sein. Die Staatsgewalt, deren Aufgabe es ist, die bürgerlichen Freiheiten zu schützen und zu verteidigen, muss zur Wahrung der ‚austeilenden Gerechtigkeit’ darauf sehen, dass die öffentlichen Mittel so ausgegeben werden, dass die Eltern für ihre Kinder die Schulen nach ihrem Gewissen wirklich frei wählen können … Der Staat muss dem ganzen Schulwesen seine Förderung angedeihen lassen. Dabei soll er das Subsidiaritätsprinzip vor Augen haben, unter Ausschluss jeder Art von Schulmonopol, das den angeborenen Rechten der menschlichen Person widerstreitet, dem Fortschritt und der Ausbreitung der Kultur, dem friedlichen Zusammenleben der Bürger widerspricht“ (Erklärung Gravissimum educationis, Nr. 6).

Die schwierigsten Missionen

Der Bischof von Marseille arbeitete geduldig an sich, um seinen schwierigen Charakter zu zähmen; seine Diözese leitete er umsichtig und gütig. Er blieb nach wie vor Generaloberer der Oblaten der unbefleckten Jungfrau Maria und nutzte jede sich bietende Gelegenheit, im In- und Ausland neue Häuser zu gründen – zwischen 1841 und 1847 sogar in Nordamerika, Asien (Ceylon) und Afrika (Natal). Aus Sorge um das Heil der Seelen übernahm er selbst die schwierigsten Missionen. Die Oblaten machten das Missionswerk überall bekannt – in den Pfarrgemeinden wie in den Seminaren; allein 1847-1848 gab es 115 neue Postulanten. 1861 waren 414 Oblaten, darunter 6 Bischöfe, auf vier Kontinenten tätig. Der Gründer sorgte für die notwendigen juristischen und menschlichen Rahmenbedingungen, um den Fortbestand der Kongregation nach seinem Tod zu sichern. Seinen Söhnen blieb er stets eng verbunden: durch Briefe, vor allem aber vor dem Allerheiligsten. „Dort begegnen wir uns“, schrieb er ihnen einmal voller Dankbarkeit für ihre selbstlose Hingabe. Der Bischof von Marseille starb nach einem langen, arbeitsreichen Leben und einer letzten, tapfer ertragenen Krankheit am 21. Mai 1861. Er wurde am 3. Dezember 1995 vom hl. Johannes-Paul II. heiliggesprochen.

Das Vermächtnis, das der heilige Eugène de Mazenod seinen geistlichen Söhnen hinterließ, möge mit seinem Licht auch unsere Schritte erleuchten: „Unter euch die Liebe, die Liebe, die Liebe und nach Außen den Eifer für das Heil der Seelen!“

Dom Antoine Marie osb

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