Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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2. August 2017
hl. Eusebius


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Madeleine, sei brav! Lauf nicht so schnell!“, lautete der mehrmals wiederholte Ruf einer Mutter beim Verlassen der Kirche Notre-Dame des Accoules in Marseille zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Das quirlige Mädchen, das während der Messe ruhig geblieben war, kehrte daraufhin ganz außer Atem zu ihr zurück. Die Mutter fragte sich oft, wie sie die kleine Madeleine mit ihrem lebhaften, ungestümen Temperament bändigen sollte, denn sie war flatterhaft, hörte auf niemanden und konnte nie still sitzen. Sie kam erst durch ihre brennende Liebe zu Jesus in Ihm zur Ruhe und warb fortan mit glühendem Eifer für die Verehrung seines Heiligsten Herzens.

Madeleines Vater, Hyacinthe Rémuzat, war ein Vertreter des Marseiller Großbürgertums und widmete sich dem Seehandel. Seine Frau Anne stammte aus einer alten, durch und durch von christlicher Gesinnung geprägten provençalischen Familie. Madeleine war das siebte von zwölf Kindern und wurde am Tag ihrer Geburt, dem 29. November 1696, getauft. Sobald sie sprechen konnte, brachte man ihr die Namen Jesu und Mariens bei. Die Mutter stimmte ihre Erziehung jeweils auf den Charakter ihrer Kinder ab und bestrafte sie auch notfalls. Madeleine bereitete ihr allerdings reichlich Sorgen. Das kleine Mädchen war in der Familie zwar sehr beliebt, lehnte aber jede Liebkosung ab und löckte gern wider den Stachel. Einzig die Mutter vermochte sich bei ihm durchzusetzen: Erst wenn sie „Nein“ gesagt hatte, gab das Kind nach. Doch im Laufe der Jahre änderte sich Madeleines Verhalten. Sie zeigte immer mehr Selbstbeherrschung und vermied es, Böses zu tun. „Ich will Nonne werden!“, erklärte sie eines Tages. Ihre Brüder und Schwestern erwiderten: „Du? Zu lebhaft und zu launisch!“ Um ihr eine Freude zu machen, gaben ihr die Eltern gleichwohl das Versprechen, sie bald zu den Salesianerinnen in die Schule zu schicken.

Hinfallen, weinen, aufstehen

Mit knapp 9 Jahren kam Madeleine tatsächlich in das Pensionat des Ordens von der Heimsuchung Mariä. Sie trug freudig die der Ordenstracht nachempfundene Schuluniform und versicherte, von Gott zum Klosterleben berufen zu sein. Trotz ihres guten Willens und trotz aller Liebe zu ihrer zukünftigen Lebensform gewann jedoch bald wieder ihr unstetes Naturell die Oberhand. Einmal versündigte sie sich sogar: „Habt ihr eure Sticksachen weggeräumt?“, fragte einmal eine Schwester die Schülerinnen. – „Ja, Schwester!“ – „Du auch, Madeleine?“ Ihr unsicheres „Ja“ klang nicht sehr überzeugend. „Du hast doch nichts genommen, was dir nicht gehört? Was hast du in deiner Schürze?“ – „Nichts!“ – „Wieso nichts? Und was ist das? Sind das etwa keine Seidengarne? Du solltest deine Schuld bereuen und bekennen, ohne zu lügen! Es ist nicht richtig, zu lügen…“ In dem Moment läutete die Glocke, und Madeleine lenkte ihre Schritte zum Speisesaal. Unterwegs wurde sie sich ihrer Sünde bewusst und ging in die Kirche, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Dort erschien ihr Jesus mit dem Kreuz auf seiner Schulter und blickte sie voller Traurigkeit und barmherziger Güte an. Er sagte: „Du hast mich in diesen Zustand versetzt, meine Tochter!“ Daraufhin kehrte wieder Frieden in ihre Seele ein. Sie bat ihre Lehrerin um Vergebung und versprach, nie wieder zu stehlen und zu lügen. Das Erlebnis war für sie ein Anstoß zum Neubeginn. Von da an meditierte sie am liebsten über die Passion Christi. Um Ihm ihre Liebe zu beweisen, versuchte sie, sich selbst zu überwinden: z.B. auf eine Mitschülerin zuzugehen, die sie zuvor nicht gemocht hatte, oder ihre Angst vor Insekten sowie vor der Dunkelheit zu besiegen.

Vor ihrer Erstkommunion sah man sie oft weinen; eine der Nonnen fragte sie während der Vorbereitungsexerzitien danach. „Mir wird bald das Glück zuteil, meinen Gott zu empfangen“, erwiderte Madeleine. „Ich kann gar nicht daran denken, ohne Ströme von Tränen zu vergießen.“ Da sie häufig einen rätselhaften inneren Schmerz verspürte, bat sie den Herrn im Gebet um eine Erklärung. Am 2. Juli 1708, dem Fest Mariä Heimsuchung, vernahm Madeleine nach der Kommunion eine innere Stimme: „Ich will, dass du mir treu bist!“ Dabei erschien ihr das Antlitz Jesu. Der Herr blickte sie lange an und sagte: „Ich suche ein Opfer.“ Um die Vision zu verscheuchen, schloss Madeleine die Augen; doch Jesus war immer noch da und sprach: „Ich erwähle dich zu meinem Opfer, meine Tochter!“ Jesus erwählt in der Tat bestimmte Personen, sagt ihnen die Unterstützung der Gnade zu und bittet sie, als Sühnopfer die Leiden mit Ihm zu teilen, durch die Er die Menschen erlöst hat. Darin besteht diese Liebe: Nicht dass wir Gott liebten, sondern dass er uns liebte und seinen Sohn sandte zur Sühne für unsere Sünden (1 Joh 4,10).

Es ist sehr wohl Jesus!“

Obwohl Madeleine immer öfter vom Herrn besucht wurde, machte sie Ende 1708 eine Zeit spiritueller Dürre durch: Beim Beten stellten sich keinerlei Gefühle mehr bei ihr ein. Der Teufel flüsterte ihr zu, die von ihr erlebte Verbundenheit mit Christus sei reine Illusion, eine Frucht ihrer Eitelkeit: Nichts von alldem komme von Gott! Madeleine vertraute sich ihrer Lehrerin an; diese versicherte ihr, ihre Zweifel rührten vom bösen Geist her und müssten stets sofort zurückgewiesen werden, sobald sie auftauchen. „Glaube mir, es ist sehr wohl Jesus, der zu dir spricht, Er ist es, der dich gerufen hat.“ Als Madeleine diese Prüfung nicht mehr ertragen konnte, kehrte sie im Januar 1709 zu ihren Eltern zurück. Von da an sorgte Bischof de Belsunce für ihre geistliche Betreuung und verwies sie auf den Jesuitenpater Milley. Das junge Mädchen stellte ein Lebensprogramm für sich zusammen, das Besuche der heiligen Messe, Gebetszeiten, aber auch Krankenbesuche und Armenfürsorge vorsah. So vergingen zwei Jahre. Madeleine lehnte trotz aller Beschwörungen ihrer Eltern mehrere Heiratsanträge ab. Mit 15 Jahren war sie fest entschlossen, ins Heimsuchungskloster zu gehen und holte dazu die Erlaubnis des Bischofs ein. Am Morgen des 2. Oktober 1711 ging sie, ohne jemandem Bescheid zu sagen, ins Kloster. Als ihre Eltern sie wieder abholen wollten, vertrat sie ihr Anliegen so gefasst, dass Erstere schließlich ihre Zustimmung gaben.

Die Postulantin nahm die Nonnen auf Anhieb für sich ein, und zwar sowohl durch ihre Regeltreue als auch durch ihre Herzensgüte. Bei ihrer Einkleidung fügte sie ihrem Vornamen den Namen ihrer Mutter, Anne, hinzu. Bald wurde sie zur Gehilfin des Noviziats ernannt. Da ihre Gesundheit mitunter zu wünschen übrig ließ, durfte sie auf Anordnung der Oberin weder fasten noch sonst sich kasteien. „Siehe da, jemand schlägt sich den Bauch mit Leckerbissen voll, während die anderen fasten!“, rief einmal eine Novizin vorwurfsvoll. Schwester Anne-Madeleine erwiderte nichts. „Warum haben Sie nichts gesagt?“, fragte eine ältere Schwester. – „Weil ich weiß, dass man mich immer zurecht tadelt, und weil ich nichts Besseres tun kann als zu schweigen und weiter zu gehorchen.“ Schwester Anne-Madeleine erhielt den Auftrag, die Besucher zu empfangen, die die Ordensschwestern um geistlichen Beistand bitten wollten. Sie hörte den Leuten unermüdlich zu und riet ihnen zum Empfang des Bußsakraments. Im Januar 1713 legte sie ihre Profess ab. Mit diesen liturgischen Worten wurde ihr der neue Schleier von Bischof de Belsunce überreicht: „Das wird ein Schleier für Ihre Augen gegen die Blicke der Menschen sein, ein heiliges Zeichen, damit Sie niemals ein anderes Zeichen der Liebe annehmen als das Zeichen Jesu Christi.“

Eine tiefe Unruhe

In Frankreich versetzte Anfang des 18. Jahrhunderts eine einflussreiche Partei das Leben von Kirche und Gesellschaft in Unruhe, indem sie den Jansenismus propagierte. Dieser Lehre zufolge hat Christus sein Blut nicht für alle Menschen vergossen, sondern nur für die Erwählten; den anderen sei der Zugang zu den Früchten der Erlösung für immer versperrt, was sie auch immer tun mögen. Für den Empfang der Eucharistie sei nicht nur das Bewusstsein erforderlich, sich im Zustand der Gnade zu befinden (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1415), sondern auch die Bereitschaft zur reinen Liebe zu Gott, die von keinem Laster getrübt sein darf. Diese Strenge hielt die Gläubigen von der heiligen Kommunion fern. Am 8. September 1713 verurteilte Papst Clemens XI. die Irrlehre des Jansenismus durch die Bulle Unigenitus Dei Filius, die in Frankreich auf großen Widerstand stieß. Die politische und religiöse Situation spitzte sich extrem zu.

Heute werden genau entgegengesetzte Irrlehren verbreitet. Die von der Kirche gelehrte Wahrheit, wonach Christus sein Leben für alle Menschen ohne Ausnahme hingegeben hat, wird zwar angenommen, doch daraus folgert man, dass „jeder ins Himmelreich kommt“, wie auch immer er gelebt haben mag. Wie bereits der hl. Augustinus bemerkt hatte, hat Gott zwar „uns erschaffen ohne uns, er wollte uns aber nicht retten ohne uns“ (zitiert nach dem Katechismus, Nr. 1847). Der Glaube und die guten Werke sind gleichermaßen notwendig für das ewige Heil. Der Glaube, weil der Herr die Notwendigkeit bekräftigt hat, an sein Wort zu glauben, um gerettet zu werden: Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden (Mt 16,16); die Werke, weil Jesus dem reichen Jüngling auf dessen Frage Was muss ich Gutes tun, dass ich ewiges Leben erlange? die Antwort gab: Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote (Mt 19,16-17). Denn nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird eingehen in das Himmelreich, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist (Mt 7,21).

Da das Amt der geistlichen Beratung immer schwerer auf Schwester Anne-Madeleine lastete, durfte sie es schließlich niederlegen und konnte fortan mehr Zeit der Anbetung des Allerheiligsten zum Trost des Heiligen Herzens Jesu widmen. Obwohl man es ihr nicht ansah, litt sie seelisch sehr. „Mag Gott noch so streng zu mir sein“, sagte sie zu ihrer Oberin, „ich werde nie müde, auf Ihn zu zählen. Mir genügt es zu wissen, dass Er unendlich gütig ist, damit ich mich mit aller Kraft bemühe, Ihn zu lieben. Ihn suche ich, und nicht seine Belohnung … Ich leide gern, weil Er es will.“

In seinem Kampf gegen den Jansenismus stieß Bischof de Belsunce auf den Widerstand mancher Geistlicher sowie des Parlaments von Aix-en-Provence. Da die Oberin um die von Gott geschenkte Begabung Schwester Anne-Madeleines wusste, bat sie sie, ihre Beratungstätigkeit wiederaufzunehmen. Angesichts des Hochmuts der Jansenisten, der sie in den Aufstand gegen Kirche und Papst trieb, riet die Schwester: „Seien wir, was wir sind, und seien wir es gut, um dem Handwerksmeister, dessen Werk wir sind, Ehre zu machen … Seien wir das, was Gott will, und nicht das, was wir wollen – gegen seinen Willen.“ Sie bekräftigte ihre Worte durch Gebete und Opfer. Unter ihrem Einfluss fanden viele Jansenisten zu einem Leben in Einklang mit dem Evangelium und der Lehre der Kirche zurück.

Das Herz, das die Menschen so sehr liebte

1716 wurde Schwester Anne-Madeleine eine außerordentliche mystische Gnade des Herrn zuteil, die sie noch enger mit der heiligen Drei-faltig-keit verband. Rund 40 Jahre zuvor hatte Jesus bereits einer anderen Salesianerin, der hl. Marguerite-Marie Alacoque, enthüllt, wie sehr er sein Herz verehrt haben wollte, das die Menschen so sehr liebte. Die von den Jansenisten strikt abgelehnte Herz-Jesu-Verehrung war folglich in vielen Klöstern der Heimsuchung Mariä verbreitet. Jesus erteilte Schwester Anne-Madeleine nun den Auftrag, das in Paray-le-Monial begonnene Werk durch die Gründung einer seinem Heiligen Herzen geweihten Vereinigung fortzusetzen; diese solle ihm zunächst „für die Liebe und die Gefühle der Zuneigung danken, die er uns gegenwärtig in der anbetungswürdigen Eucharistie erweist; sodann, soweit es in unserer Macht steht, die Gemeinheiten und Beleidigungen wiedergutmachen, denen er aufgrund seiner Liebe während seines ganzen sterblichen Lebens ausgesetzt war und denen er aufgrund ebendieser Liebe heute noch tagtäglich auf unseren Altären ausgesetzt ist.“ Das solle im Wesentlichen durch die immerwährende Anbetung des Allerheiligsten Sakraments im Tabernakel geschehen. Die Oberin stimmte dem Projekt zu und verwies die Schwester an Bischof de Belsunce weiter, der nicht nur die erforderlichen Genehmigungen erteilte, sondern auch erstes Mitglied der neuen Vereinigung wurde. „Meine Hauptabsicht war“, schrieb Schwester Anne-Madeleine, „dem Heiligen Herzen unseres gütigen Meisters Seelen zuzuführen, damit sie ihn für die Undankbarkeit in den meisten der ihm geweihten Herzen entschädigen – die Kränkung, die ihn am meisten schmerzt … Er beklagt durch seinen Propheten, dass niemand komme, um ihn zu trösten in der Schmach, die durch all diejenigen verursacht werde, die ihn im Stich lassen, und dass niemand komme, um mit ihm zu trauern (vgl. Ps 68,21). Doch jetzt werde er Leute finden, die seine Klagen hören und seinen Kummer teilen.“ Die Approbation Roms wurde im August 1717 erteilt, und die Bruderschaft gewann rasch viele neue Mitglieder. Die Salesianerschwester wollte die Herz-Jesu-Verehrung nun auf die ganze Weltkirche ausdehnen.

Im Februar 1718 sahen über 60 Personen, die in der Franziskanerkirche von Marseille zur eucharistischen Anbetung versammelt waren, wie auf der Hostie das Antlitz unseres Herrn erschien. Das Wunder dauerte über eine halbe Stunde lang. Gott ließ Schwester Anne-Madeleine wissen, Er werde der Stadt Marseille eine Strafe auferlegen müssen, wenn sie keine Buße tue (damals litt Marseille – wie ganz Frankreich – unter einem dramatischen Verfall der Sitten). Im Mai 1720 legte ein Schiff aus dem Orient im Hafen der Stadt an und trug die Pest an Bord. Im Juli brach die Seuche aus, doch das Kloster der Salesianerinnen blieb verschont. Anfang August wurde ein Sperrgürtel um die Stadt errichtet. Von den damals 90000 Einwohnern fielen 40000 der Seuche zum Opfer. Schwester Anne-Madeleine bat im Auftrag ihrer Oberin Gott, er möge kundtun, „durch welches Mittel sein Heiligstes Herz verehrt werden soll, damit diese Plage, die in der Stadt wütet, endlich aufhört“; er gab ihr daraufhin zu verstehen, „dass er ein Fest zu Ehren seines Heiligsten Herzens will.“

Die erste öffentliche Weihe

Der Bischof von Marseille führte das Fest umgehend in seiner Diözese ein: Für den 1. November war eine öffentliche Zeremonie geplant, bei der die Stadt und die Diözese dem Heiligen Herzen Jesu geweiht werden sollten. An dem Tag wehte jedoch ein so starker Mistral (der in Provence haüfige Nordwind), dass es unmöglich schien, eine Prozession durchzuführen. Als jedoch um 8 Uhr alle Glocken der Stadt zu läuten begannen, legte sich der Wind. Begleitet von seinem Klerus setzte sich der Bischof barfuß und mit bedecktem Haupt an die Spitze der Prozession. Die Bevölkerung vergaß ihre Angst, und der Platz, an dem man einen Altar errichtet hatte, war voller Menschen. Es gab zwar auch Stimmen, die meinten, der Bischof durch dieses Sammeln eine fatale Verbreitung der Seuche verursachen werde, doch Letzterer predigte unbeirrt weiter und weihte die Stadt und die Diözese dem Heiligen Herzen Jesu: Das war die erste öffentliche Weihe an das Herz Jesu überhaupt. Anschließend feierte der Bischof eine Messe und teilte eigenhändig die Kommunion an Kranke und Gesunde aus. Nach der Messe frischte der Wind wieder auf. Die Seuche klang danach allmählich ab, das sorglose Leben nahm wieder seinen Lauf. Als 1722 geweihte Hostien gestohlen und profaniert wurden, kehrte die Pest wieder zurück. Bischof de Belsunce ordnete trotzdem die Durchführung der Fronleichnams- und Herz-Jesu-Prozessionen an, an denen auf sein Drängen hin auch die Stadträte kollektiv teilnahmen. Im September verschwand die Seuche endgültig.

Anlässlich des Herz-Jesu-Festes wird in der Sacré-Cœur-Basilika zu Marseille auch heute noch jedes Jahr eine Messe der Stadträte zelebriert und der Weiheakt wiederholt.

Benedikt XVI. erinnerte am 25. Juni 2006 an die Tradition, die Familie durch die Ausstellung eines entsprechenden Bildes im Haus dem Heiligen Herzen Jesu zu weihen. „Die Verehrung wurzelt im Geheimnis der Menschwerdung: Gerade durch das Herz Jesu offenbarte sich die Liebe Gottes zur Menschheit auf erhabene Weise. Daher behält die echte Verehrung des Heiligsten Herzens ihre volle Gültigkeit und zieht besonders die nach der Barmherzigkeit Gottes dürstenden Seelen an, die in ihm den unerschöpflichen Quell finden, aus dem sie das Wasser des Lebens schöpfen können, das die Wüsten der Seele bewässern und die Hoffnung wieder erblühen lassen kann.“

Meine Hauptbeschäftigung ist Gott!“

Während ihrer Exerzitien im Jahre 1723 wurde Schwester Anne-Madeleine eine mystische Gnade zuteil, dank derer sie die letzten sechs Jahre ihres Lebens in besonderer Verbundenheit mit der Passion Jesu verbringen durfte – namentlich durch Stigmen, die allerdings unsichtbar blieben. 1728 wurde sie von ihrer Oberin zur Verwalterin und Beraterin ernannt. „Man kann nur hoffen, dass Gott Wunder tut“, kommentierte Schwester Anne-Madeleine, „und dass ich in dem, was mich von Natur aus vernichten müsste, Gesundheit finde … Aber meine innere Beschäftigung ist immer dieselbe. Sie scheint sogar intensiver zu werden in der vielfachen Ablenkung, die mit einem solchen Amt einhergeht … Mein Licht, meine Beschäftigung, mein Leben, all das ist Gott … Gottes Geist unterweist mich im Hinblick auf alle meine Aufgaben und bewirkt, dass ich sie in einem so vollkommenen Ausmaß erfülle, dass ich nichts zu befürchten habe.“ In der Tat erregten die Klugheit und Umsicht der jungen Verwalterin allenthalben Bewunderung.

Da die Salesianerschwestern des Klosters von Castellane in der Haute-Provence unter dem Einfluss ihres Bischofs der jansenistischen Irrlehre anhingen, wurden sie auf andere Konvente verteilt. Einige von ihnen kamen nach Marseille, wo Schwester Anne-Madeleine für eine von ihnen zuständig war. Diese Nonnen sahen nach und nach ihren Irrtum ein und kehrten schließlich voll neuen Eifers in ihr Mutterhaus zurück. Schwester Anne-Madeleine konnte das allerdings nicht mehr erleben, da ihre Kräfte rapide nachließen. „Ich habe keinerlei Wünsche mehr“, schrieb sie, „weder für das Leben noch für den Tod … Ich warte darauf, dass der Augenblick der Vollendung kommt, aber ohne Unruhe, und selbst wenn ich noch fünfzig Jahre lang warten müsste, würde ich nur sagen: Amen!“ Ihre Mission war erfüllt: Die Verehrung des Heiligsten Herzens war nun weit verbreitet. Dem Beispiel Marseilles folgend hatten sich weitere Diözesen dem Herzen Jesu geweiht. Das liturgische Herz-Jesu-Fest wurde 1765 vom Heiligen Stuhl gebilligt.

Ende Januar 1730 erlitt Schwester Anne-Madeleine einen Blutsturz und wurde bettlägerig. Am 14. Februar nahm ihr ein Priester die Beichte ab. Da sie in der folgenden Nacht das Gefühl hatte, sie müsse sterben, holte man erneut den Geistlichen. Als er ihr die Sterbesakramente reichte, rief sie: „Ist es also wirklich wahr, dass der glückliche Moment gekommen ist, in dem ich mich ins das Heilige Herz Jesu stürze? – Ich bin nur eine Sünderin, aber ich hoffe, das er mir Barmherzigkeit erweist. Erfreut euch, liebe Schwestern, an meinem Glück!“ Bald danach bat sie die Oberin um eine letzte Gnade, dass man nämlich nach ihrem Tod die Herz‑Jesu-Litanei bete. Sie gab ihre Seele am Morgen des 15. Februar 1730 dem Herrn zurück. Ihr 2015 in Marseille abgeschlossener Seligsprechungsprozess wird nun in Rom fortgesetzt.

Indem sie ihrer Berufung folgte, griff Schwester Anne-Madeleine den dringenden Apell des Heiligen Herzens Jesu zur Liebe auf und verbreitete ihn weiter, damit auch wir seine Hoheit über unser Leben, unser Heim und unsere Gesellschaft erkennen und damit er in allem den Vorrang habe (Kol 1,18-20).

Dom Antoine Marie osb

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