Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


Herunterladen als pdf
[Cette lettre en français]
[This letter in English]
[Deze brief in het Nederlands]
29. Juni 2017
hl. Petrus und Paulus


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Wenn die Kräfte des Bösen ihre Angriffe auf das Werk des göttlichen Erlösers im Laufe der Jahrhunderte nicht einstellen, so lässt es Gott nicht an Antworten mangeln auf die angsterfüllten Gebete seiner bedrohten Kinder: Er schickt mit Natur- und Gnadengaben reich gesegnete Menschen zu ihnen, die Trost und Hilfe spenden“, erklärte der ehrwürdige Pius XII. bei der Heiligsprechung von Pierre Chanel am 12. Juni 1954. Der Missionar hatte die „Ehre, als Erster in Ozeanien sein Blut für den Glauben zu vergießen. Kaum hatte er auf der Insel Futuna, die bis dahin für die Gnade unerreichbar gewesen war, sein Leben geopfert, schon konnte dort eine unerwartet reiche Ernte eingefahren werden.“

Pierre erblickte am 12. Juli 1803 in dem heute zur Diözese Belley-Ars gehörenden Weiler Cuet als das fünfte der acht Kinder von Claude-François Chanel und Marie-Anne Sibellas das Licht der Welt. Er wurde von seiner Mutter zur Liebe zu Gott und zur Jungfrau Maria, zur Furcht vor der Hölle und zur Sehnsucht nach dem Himmel erzogen. 1812 lud Abbé Trompier, der Pfarrer des naheliegenden Städtchens Cras, Pierre ein, sich einer Gruppe von Jungen anzuschließen, die sich bei ihm auf das Priesteramt vorbereiteten. Ab 1819 lernte Pierre am Knabenseminar von Meximieux weiter, wo er zum ersten Mal den Ruf in die Mission vernahm. Anschließend studierte er Philosophie in Belley und wechselte 1824 an das Priesterseminar von Brou.

Am 15. Juli 1827 wurde Pierre vom ersten Bischof von Belley, Msgr. Devie, zum Priester geweiht und zum Vikar von Ambérieux ernannt (die Diözese Belley war 1822 von der Diözese Lyon abgetrennt worden.) Abbé Chanel gewann rasch die Zuneigung seiner Pfarrkinder. Sein Beichtstuhl war stets von Pönitenten umlagert. Durch seine Güte und Milde nahm er vor allem Kinder und Jugendliche für sich ein. Sein Wahlspruch lautete: „Maria lieben und für die Liebe zu ihr werben“. Er führte in seiner Gemeinde die dort bis dahin unbekannten Andachten im Marienmonat ein. Als eifriger Streiter für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen arbeitete er bis zur Erschöpfung. Er dachte jedoch nicht an Erholung, sondern fühlte sich immer mehr zur Überseemission hingezogen; schließlich vertraute er seinen Wunsch Bischof Devie an. Statt ihn in die Mission zu entsenden, ernannte ihn dieser 1828 zum Pfarrer von Crozet in der Nähe von Genf. Pierres Eltern waren damit nicht einverstanden und beklagten sich beim Generalvikar. Pierre fuhr zu ihnen, um sie zu besänftigen und zu trösten. „Wenn ich weiter auf meine Eltern zugegangen wäre, hätte ich mich im gleichen Maße von Gott entfernt“, sagte er später. Abbé Chanel fand seine neue Gemeinde in einem beklagenswerten Zustand vor. An Sonn- und Feiertagen war die Kirche nahezu leer; manch einer arbeitete weiter wie an einem Werktag. Die Kinder gingen müßig, waren sich selbst überlassen und lernten allerhand Böses. Der Abbé unternahm zuallererst eine Wallfahrt nach Annecy zum Grab des heiligen Franz von Sales; sodann vertraute er sich der heiligen Gottesmutter an und bat alle Ordensgemeinschaften, für die Bekehrung seiner Schäfchen zu beten.

Durch seine Güte und Milde

Pierre besuchte sämtliche Familien, in erster Linie die armen und kranken. Er begegnete Kindern mit liebevoller Aufmerksamkeit und wusste sie geschickt für den Religionsunterricht zu gewinnen. Nachdem er die Grundlagen einer christlichen Bildung gelegt hatte, nahm er sich die schändlichsten Auswüchse in seiner Gemeinde vor – eingedenk der Worte der Heiligen Schrift: Die Weisheit erstreckt sich kraftvoll von einem Ende zum anderen und leitet das All vortrefflich (Weish 8,1). Er hielt sich strikt an die selbsterlegte Regel, nie über seine Pfarrkinder zu klagen bzw. sie zu tadeln, sondern sprach stets wie ein guter Vater über sie; alle fühlten sich zu Recht von ihm geliebt. Ein aus Crozet stammender Pfarrer schrieb über ihn: „Vor allem durch seine Güte und Milde reformierte er die Gemeinde – in moralischer wie in religiöser Hinsicht. Sein pastorales Leben bringt die Nachsicht und die Liebe des Erlösers zum Ausdruck. Er war so gütig, dass er den Schlüssel zu allen Herzen besaß … Wieviel Gutes hat diese sanfte und tätige Liebe in der Gemeinde bewirkt! Sie hat sie rundum erneuert.“

In Pierres Augen war Unwissenheit der Hauptfeind der Religion. Er gab mehrmals pro Woche Religionsunterricht für Kinder und stieg jeden Sonntag während der Messe sowie nach der Vesper auf die Kanzel, um seine Pfarrkinder zu unterweisen. Meistens sprach er über die Bedeutung des ewigen Heils, des Gebetes, der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Gottes, über die Verehrung der heiligen Gottesmutter sowie die Scheu, sich offen zum Christentum zu bekennen. Da er meinte, er könne seine Gemeinde nicht allein von Grund auf erneuern, lud er Mitbrüder zu einer Gemeindemission ein. Der erhoffte Erfolg ließ nicht auf sich warten.

Kommen Sie und belehren Sie uns!“

Gleichwohl lebte in seinem Herzen die Sehnsucht nach der Überseemission fort. Einmal sagte er zu Freunden: „Ich sehe arme Götzendiener, die nicht das Glück haben, den wahren Gott zu kennen. Mir ist, als streckten sie mir die Arme entgegen und sagten: ‚Kommen Sie, kommen Sie uns zu Hilfe; kommen Sie und belehren Sie uns über Ihre heilige Religion, die in die ewige Glückseligkeit führt!’“ Pierre meinte, dafür zunächst seinen Opfergeist und seinen Gehorsam stärken zu müssen, und fühlte sich daher zum Ordensleben hingezogen. 1831 lernte er den Stifter der kurz zuvor in Lyon gegründeten Gesellschaft Mariens, Pater Jean-Claude Colin (1790-1875), kennen, der damals das Kleine Seminar von Belley leitete. Mit Einverständnis von Bischof Devie bereitete sich Pierre in aller Stille auf seinen Eintritt in die Gesellschaft Mariens vor. Ende August richtete er zum letzten Mal eine erbauliche Ansprache an seine Gemeinde, die er anschließend Maria weihte. Danach schloss er sich den Maristenpatres an.

Er wurde zum Professor am Kleinen Seminar von Belley ernannt und übernahm im Herbst auch das Amt des Hausgeistlichen. Im Beichtstuhl gewann er die Hochachtung und Zuneigung von Schülern und Lehrern. Er frohlockte geradezu, wenn er Gutes geschehen sah. „Wir hatten gerade Einkehrtage“, schrieb er im Dezember 1832. „Sie haben ausgezeichnete Früchte getragen … Wenn man unsere Gemeinschaft zu Schuljahrsbeginn und jetzt vergleicht, ist das wie Tag und Nacht. Man erkennt sie gar nicht wieder. Unsere Kinder sind hinreißend fleißig, folgsam und zufrieden … Ich habe vor Freude geweint.“ Ende August 1833 begleitete Pierre Pater Colin nach Rom, um dem Heiligen Stuhl die Konstitutionen der Gesellschaft Mariens vorzulegen. Sie wurden am 29. April 1836 von Papst Gregor XVI. gebilligt. Pater Colin wurde zum Generaloberen gewählt, und die Maristenpatres legten das dreifache Ordensgelübde (Armut, Keuschheit, Gehorsam) ab.

Aus Rom zurückgekehrt, übertrug Pater Colin Pierre Chanel die Leitung des Knabenseminars, ein Amt, das dieser mit voller Hingabe ausfüllte. Da er stets für alle ansprechbar war, wurde er pausenlos behelligt; gleichwohl trug er stets ein Lächeln im Gesicht und zeigte keine Spur von Ermüdung oder Ärger. „Mehr als einmal fand ich ihn“, berichtete ein Zeuge, „nach Erfüllung seiner heiligen Amtspflichten erschöpft in seinem Zimmer sitzend vor; er wollte keinerlei Hilfe und begnügte sich damit, still zu beten, die Augen auf ein Kruzifix geheftet.“

Bitte um Gebete

Im Mai 1836 vertraute der Heilige Stuhl die Mission im westlichen Ozeanien der Gesellschaft Mariens an. Pierre wurde als Missionar ausgewählt; er war überglücklich. „Wir können es kaum erwarten, an Bord des Schiffes zu gehen, das uns nach Polynesien bringen soll. Es ist gut möglich, dass wir auf einer so langen Überfahrt großen Gefahren begegnen. Das kann mich nicht im Geringsten schrecken; ich habe mein Leben bereits als Opfer dargeboten. Eine einzige Sache erfüllt mich mit Angst: dass ich mich der apostolischen Berufung als unwürdig erweisen könnte. Ich brauche so sehr den Beistand Gottes und der heiligen Jungfrau, dass ich überall um Gebete bitte.“

Am Abend vor Weihnachten 1836 schifften sich der apostolische Vikar für das westliche Ozeanien, Msgr. Pompallier, fünf Maristenpatres, darunter auch Pater Chanel, sowie drei Katechetenbrüder in Le Havre nach Chile ein. Von dort ging es weiter zu den Gambierinseln. Dort hatte sich die Glaubenssituation dank der eifrigen Bemühungen der Picpus-Patres bereits überaus positiv entwickelt. An der von Msgr. Pompallier zelebrierten Messe nahmen viele Christen teil. Seiner Begegnung mit dem König wohnte eine unübersehbare Menge von Christen auf Knien bei; die Missionare konnten sich nur mit Mühe einen Weg durch die Menge bahnen. Pater Chanel erhob die Augen zum Himmel und sagte: „Maria, lass auch auf den uns zugewiesenen Archipelen so ein Wunder geschehen! Es geht dabei um die Ehre deines göttlichen Sohnes, um deine Ehre und um das Heil der Seelen.“ Nach einer weiteren Überfahrt landeten die Missionare am 1. November 1837 auf der Insel Wallis. Pater Pierre Bataillon sowie ein Bruder ließen sich dort nieder und gründeten die erste Missionsstation im westlichen Ozeanien. Die zweite folgte am 11. November auf der Insel Futuna, betreut von Pater Chanel und Bruder Marie Nizier.

Pater Chanels Missionsgebiet umfasste zwei durch einen kleinen Meeresarm getrennte Inseln. Die größere Insel Futuna war 46 km² groß und beherbergte 1837 weniger als 1000 Einwohner; diese lebten in zwei „Königreichen“, die sich so gut wie ständig bekriegten. Die Ureinwohner glaubten an die Existenz böser Götter, denen die Verantwortung für Krankheiten, Naturkatastrophen sowie für den Tod zugeschrieben wurde. Sie fühlten sich verpflichtet, Opfergaben zu den Behausungen ihrer Götter zu tragen, um sie zu besänftigen. Da diese Gottheiten als alleinige Urheber aller Übel galten, wurden sie nicht aus Zuneigung, sondern aus Furcht verehrt. Die Leute glaubten an die Unsterblichkeit der Seele, die im Jenseits je nach ihren Werken für alle Ewigkeit bestraft oder belohnt werde.

Die Grundwahrheiten

Dem menschlichen Gewissen ist eine bestimmte Anzahl natürlicher Wahrheiten im Hinblick auf die Kenntnis von Gut und Böse, die Unsterblichkeit der Seele, den Tod und die darauf folgende Vergeltung sowie auf Gott eingeprägt; diese oft mit Irrtümern behafteten Begriffe werden durch die Offenbarung geklärt. Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt, „dass der Mensch durch die Offenbarung Gottes nicht nur über das erleuchtet wird, was sein Verständnis übersteigt, sondern auch über das, was in Fragen der Religion und der Sitten der Vernunft an sich nicht unzugänglich ist, damit es auch bei der gegenwärtigen Verfasstheit des Menschengeschlechtes von allen ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewissheit und ohne Beimischung eines Irrtums erkannt werden kann“ (Katechismus, Nr. 38), zum Beispiel die Zehn Gebote. Des Weiteren erklärt der Katechismus: „Der Tod setzt dem Leben des Menschen, d.h. der Zeit, in der dieser die in Christus geoffenbarte göttliche Gnade annehmen oder zurückweisen kann, ein Ende. Das Neue Testament spricht vom Gericht hauptsächlich im Blick auf die endgültige Begegnung mit Christus bei seinem zweiten Kommen. Es sagt aber auch wiederholt, dass einem jeden unmittelbar nach dem Tod entsprechend seinen Werken und seinem Glauben vergolten wird … Jeder Mensch empfängt im Moment des Todes in seiner unsterblichen Seele die ewige Vergeltung. Dies geschieht in einem besonderen Gericht, das sein Leben auf Christus bezieht - entweder durch eine Läuterung hindurch oder indem er unmittelbar in die himmlische Seligkeit eintritt oder indem er sich selbst sogleich für immer verdammt“ (Katechismus, Nr. 1021-1022). In seiner Regel gibt uns der hl. Benedikt folgende Mahnung: „Gürten wir uns also mit Glauben und Treue im Guten, und gehen wir unter der Führung des Evangeliums seine Wege, damit wir ihn schauen dürfen, der uns in sein Reich gerufen hat. Wollen wir in seinem Reich und in seinem Zelt wohnen, dann müssen wir durch gute Taten dorthin eilen; anders kommen wir nicht ans Ziel“ (Prolog).

Niukili, der König der Siegerpartei, nahm die Missionare in der Hoffnung auf materielle Vorteile auf und erlaubte ihnen, sich in seiner Nähe niederzulassen. Pater Chanel weihte sein Apostolat Unserer Lieben Frau. Anfangs feierte er die Messe im Verborgenen, machte Familienbesuche und wollte die Landessprache und – sitten kennenlernen, um bald mit dem Evangelisieren beginnen zu können. An Weihnachten lud er Niukili mit seinem Hofstaat zur Mitternachtsmette in seine ärmliche, aber so gut es ging festlich geschmückte und erleuchtete Kapelle ein. Der König und die anderen Gäste waren entzückt. An den folgenden Tagen sah man den Pater an verschiedenen Orten die heilige Messe zelebrieren. Die Inselbewohner verfolgten die für sie unverständliche Liturgie schweigend. Von allen liturgischen Gegenständen beeindruckte sie das Kruzifix am meisten, und sie fragten immer wieder danach. Der Missionar nutzte die Gelegenheit zur Verkündigung des Evangeliums und erklärte unter Hinweis auf den hl. Paulus, Gott zeige seinen Liebesplan und sein Wohlwollen für uns, indem er seinen Sohn für unsere Sünden hingebe: Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren (Röm 5,8).

Nichts kann uns mehr bewegen und tiefer anrühren als das Gedenken und die Betrachtung aller Leiden und aller Qualen, die unser Herr auf sich genommen hat. Wenn jemand für uns alle Arten von Schmerzen erlitten hat, nicht absichtlich, sondern aus Notwendigkeit und durch Zwang, können wir in diesen Leiden vielleicht nur ein relatives Gut sehen. Aber im Gegenteil, wenn es sich um jemanden handelte, der für uns, einzig und allein für uns, freiwillig den Tod erleiden wollte, obwohl er sich ihm hätte entziehen können, so wäre diese Geste der Güte so schön und so erhaben, dass auch das dankbarste Herz die ganze Dankbarkeit, die das verdiente, nicht ausdrücken, ja nicht einmal empfinden könnte. Wie vortrefflich ist also die Liebe Jesu Christi zu uns, und wie kann man all das Gewaltige und Göttliche in der Wohltat der Erlösung ermessen?“ (Katechismus des Konzils von Trient, Kap. 5, Nr. 2).

Unsere Götter werden uns auffressen“

Im Januar 1838 flammten die Feindseligkeiten auf der Insel wieder auf und führten zu einem mehrere Wochen dauernden Kriegszustand. Der Pater suchte unverzüglich die beiden Anführer auf und versuchte sie miteinander zu versöhnen. Er beschwor die Inselbewohner bei jeder Gelegenheit, sich zu Dem zu bekehren, der der Frieden in Person ist, doch sie hielten an ihren falschen Göttern fest. Die wenigen Taufen, die er vornehmen konnte, waren Nottaufen. Die Inselbewohner bemerkten sehr wohl, dass der Missionar stets fröhlich und freundlich blieb, und waren von seiner stets hilfsbereiten Nächstenliebe gerührt. Nach und nach gewann er das Vertrauen einiger Jugendlicher und überzeugte sie von der Unrichtigkeit ihres Aberglaubens. Doch die Angst vor ihren Göttern und ihrem König hielt sie zurück: „Wenn wir Christen werden, werden uns unsere Götter vor Wut auffressen.“ Die schwerste Prüfung für den Missionar war sein mangelnder Erfolg; er bot ihn dem Herrn als Opfer für das Heil der ihm anvertrauten Seelen dar.

Am 2. Februar 1839 zerstörte ein Wirbelsturm so gut wie alle Behausungen und Plantagen auf der Insel; es drohte eine Hungersnot. Im August forderte eine blutige Schlacht zwischen den verfeindeten Parteien rund 40 Tote und zahlreiche Verletzte. Der Missionar versuchte danach, Niukili zur Bekehrung zu bewegen, doch dieser sträubte sich heftig dagegen. Um seine Herrschaft zu festigen, hatte er nämlich immer so getan, als würde die Hauptgottheit der Insel in ihm selbst wohnen. Es hätte ihn große Selbstüberwindung gekostet, den Schwindel zuzugeben. Auch die anderen Anführer befürchteten einen Autoritätsverlust und hätten zudem auf den Genuss der Opfergaben verzichten müssen, die das Volk den Göttern darbrachte, um sie gnädig zu stimmen. So lehnten sie den christlichen Glauben alle einmütig ab. Sie untersagten jegliche Lebensmittelspenden für die Missionare und ermutigten die Leute sogar, ihnen ihr selbst angebautes Obst und Gemüse zu stehlen.

Sehr gut!“

Im Mai konnte Pater Chanel mit großer Freude einen Mitbruder, Pater Chevron, begrüßen, der ihn unterstützen sollte. Die Aussichten hellten sich etwas auf: Ein paar junge Leute bereiteten sich auf die Taufe vor. Doch schon im November musste Pater Chevron auf die Insel Wallis übersiedeln, wo Pater Bataillon Unterstützung bei der Betreuung seiner 1400 Katechumenen brauchte. „Ich ließ Pater Chanel inmitten der Verfolgungswelle zurück“, schrieb er. „Ein einziger Gedanke tröstete mich: dass ich die Krone des Märtyrertodes dem Gehorsam opferte, das kostbarste Opfer für einen Missionar.“ Bald schloss sich auch der Sohn des Königs, Meitala, den Katechumenen an. Als Niukili davon erfuhr, eilte er außer sich vor Wut zu ihm und forderte ihn ultimativ auf, sich von seiner neuen Religion loszusagen. Da Meitala sich weigerte, beschloss der König mit seinem Rat den Tod Pater Chanels. Musumusu, einer der wüstesten Chistenfeinde, wurde beauftragt, zunächst den Katechumenen eine Lektion zu erteilen und sodann die Missionare zu töten. Am 28. April 1841 wurden die Katechumenen bei Tagesanbruch von einer wilden Horde unter Musumusus Führung überfallen und verprügelt. Danach liefen die Angreifer zum Haus der Missionare. Sie trafen Pater Chanel allein vor seiner Hütte an. Musumusu lockte den Pater mit heimtückischen Worten ins Innere der Hütte, wo bereits zwei seiner Männer die Habseligkeiten der Missionare durchwühlten. Der Pater erhielt einen Keulenhieb, stürzte und blieb mit dem Rücken an die Bambuswand gelehnt sitzen. Keine Klage, nicht einmal ein Stöhnen kam von seinen Lippen. Er sagte nur „Sehr gut!“ und betete, während die Leute alles, was sie fanden, forttrugen. Musumusu sah, dass seine Männer nur noch darauf aus waren, mit der Beute zu fliehen; er tötete den Pater mit einem Beilschlag auf den Kopf. Sobald der Märtyrer seine Seele an Gott zurückgegeben hatte, verdunkelte sich der Himmel, und es ertönte ein heftiger Knall; danach löste sich die Finsternis rasch auf. Das Wunder versetzte Mörder und Inselbewohner gleichermaßen in Angst und Schrecken.

In Erwartung seines Märtyrertodes hatte Pater Chanel den Katechumenen versichert, dass die Religion damit nicht untergehen werde; dass nach ihm andere Patres kommen würden, um sein Werk fortzusetzen. Bald nach der Ermordung des Missionars starben der König, sein Bruder und einige andere einen schrecklichen Tod, was allgemein als Strafe Gottes betrachtet wurde. Die Katechumenen, allen voran Meitala, tauchten aus dem Untergrund auf und bekannten sich vor ihren Landsleuten offen zu ihrem Glauben. Auf der Insel vollzog sich ein tiefer Sinneswandel, so dass Msgr. Pompallier ein Jahr später bei der Einführung neuer Missionare fast die ganze Einwohnerschaft bekehrt vorfand. So hatte Pater Chanel durch sein Blut und seinen Tod all das erreicht, was er durch seine Arbeit und sein Leiden nicht zustande gebracht hatte. Musumusu und die meisten anderen Mörder Pater Chanels zeigten tiefe Reue und wurden 1843 getauft; sie bestätigten die Wahrheit des Tertullianzitats: „Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Christen.“

Möge die selige Jungfrau Maria, die Pierre Chanel in seinem missionarischen Werk geleitet hat, uns helfen, für das Heil der Seelen einzutreten, indem wir jeden Tag die Tugend der Güte und der Milde üben, die uns der Herr Jesus als Erbe hinterlassen hat.

Dom Antoine Marie osb

Die Veröffentlichung des Rundbriefes der Abtei St.-Joseph de Clairval in einer Zeitschrift, oder das Einsetzen desselben auf einem ,,web site" oder einer ,,home page" sind genehmigungspflichtig. Bitte wenden Sie sich dafür an uns per E-Mail oder durch http://www.clairval.com.

Index der Briefe  - Home Page

Webmaster © 1996-2018 Traditions Monastiques