Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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10. Februar 2017
Hl. Scholastika, Schwester vom hl. Benedikt


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Im Jahre 1894 meldete sich eine junge Karmelitin aus Lisieux als Freiwillige für das kurz zuvor in Saigon im damaligen Indochina gegründete Karmelitinnenkloster. Man fragte sie, was sie in dem fernen Missionsland zu tun gedenke. Sie antwortete: „Glauben Sie, ich ginge in die Mission, um etwas zu tun? Ich bin sicher, dass ich dort rein gar nichts beschicken werde.“ Die heilige Therese vom Kinde Jesu wollte damit sagen, dass in den Augen Gottes nicht konkrete Ergebnisse zählen, sondern die Liebe, die wir in unsere Unternehmungen legen. Das kurze Leben des seligen Missionspriesters Mario Borzaga, der nach drei Jahren unauffälligen Apostolats im Alter von 28 Jahren in Laos ermordet wurde, bietet ein schönes Beispiel für den Glauben an die verborgene Fruchtbarkeit der Liebe.
Der 1932 in Trient am Fuße der italienischen Alpen geborene Mario Borzaga fühlte sich im Alter von 20 Jahren, kurz nach seinem Eintritt in das Priesterseminar, vom Zeugnis eines Missionars derart angesprochen, dass er in das Noviziat der Oblaten der Makellosen Jungfrau Maria eintrat, einer vom heiligen Eugène de Mazenod im 19. Jh. gegründeten Missionskongregation. Kurz vor seiner ewigen Profess 1956 schilderte Mario in seinem Tagebuch das Lebensglück, das er sich erträumte: „Ich habe meine Berufung verstanden: ein glücklicher Mensch werden, selbst in dem Bemühen, mich dem gekreuzigten Christus anzugleichen. Wieviel Leid steht noch aus, Herr? Du allein weißt es, und ich, ich sage in jedem Moment meines Lebens Fiat voluntas tua – Dein Wille geschehe. Ich möchte, wie die Eucharistie, ein gutes Brot zum Essen für meine Brüder werden, ihre göttliche Nahrung. Ich muss daher zuerst durch den Kreuzestod hindurch. Erst das Opfer, dann die Freude, mich an die Brüder der ganzen Welt verschenken zu können … Wenn ich mich meinen nach Gott hungernden Brüdern hingebe, ohne mich zuvor durch das Opfer überwunden zu haben, werde ich ihnen nur ein menschliches Wrack schenken können. Wenn ich aber meinen mit dem Tod Jesu vereinten Tod hinnehme, werde ich Jesus selbst mit meinen Händen an meine Brüder weiterreichen. Es geht also nicht so sehr darum, Selbstverzicht zu üben, als vielmehr darum, alles in mir zu stärken, was für die Seelen, die Jesus mir zum Lieben gegeben hat, leiden, hingegeben und geopfert werden kann“ (Pater Mario Borzaga OMI, Diario di un uomo felice – Tagebuch eines glücklichen Mannes, 17. November 1956).


Für den Märtyrertod ausersehen

Nach seiner Priesterweihe im Jahre 1957 schrieb Mario in sein Tagebuch: „Wenn Jesus mir seine Liebe geschenkt hat, muss ich ihm Liebe schenken; wenn er mir sein Blut geschenkt hat, muss ich ihm mein Blut schenken!… Christus, der mich erwählt hat, ist derselbe, der den Märtyrern und Jungfrauen Leben und Kraft verlieh: Das waren Personen wie ich, schwach und zerbrechlich. Ich bin ebenfalls für den Märtyrertod ausersehen.“
Als eine Gruppe von Oblaten nach Laos entsandt werden sollte, meldete sich Mario für die gefährliche Mission: Er war darauf vorbereitet, dass die heidnische Bevölkerung des Landes unter ärmlichen und aufopferungsvollen Bedingungen evangelisiert werden musste. Er wusste, dass sich das Land im Krieg befand und dass Pater Jean-Baptiste Malo, ein nach Laos entsandter Priester der Pariser Missions étrangères, 1954 auf dem Weg in ein vietnamesisches Konzentrationslager vor Erschöpfung gestorben war.
In seiner Enzyklika Redemptoris missio (7. Dezember 1990) griff der heilige Johannes-Paul II. einen oft gegen die Mission erhobenen Einwand auf: „Und dennoch fragen sich einige, auch im Hinblick auf die Veränderungen in der modernen Welt und der Verbreitung neuer theologischer Ideen: Ist die Mission unter den Nicht-Christen noch aktuell? Wird sie vielleicht durch den Dialog unter den Religionen ersetzt? Ist die Förderung im Bereich des Menschlichen nicht eines ihrer Ziele, das genügt? Schließt nicht die Achtung vor dem Gewissen und vor der Freiheit jeden Bekehrungsversuch aus? Kann man nicht in jeder Religion gerettet werden?“ Der Papst antwortete mit einem Zitat des heiligen Petrus: Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen, als der Name Jesu Christi (Apg 4,12). „Diese Aussage hat universale Bedeutung, weil für alle - Juden wie Heiden - das Heil nur von Jesus Christus kommen kann … Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen (vgl. 1 Tim 2,5) … Die Menschen können demnach mit Gott nicht in Verbindnung kommen, wenn es nicht durch Jesus Christus unter Mitwirkung des Geistes geschieht. Durch seine einzigartige und universale Mittlertätigkeit, weit entfernt davon, Hindernis auf dem Weg zu Gott zu sein, ist er der von Gott selbst bestimmte Weg“ (RM, Nr. 4-5).
Mario Borzaga brach im Herbst 1957 nach Laos auf. Das zwischen Vietnam und Thailand in Indochina gelegene Land hatte damals rund sieben Millionen Einwohner, mehrheitlich Buddhisten. Das Königreich war gebirgig und besaß keinen Zugang zum Meer, so kamen die ersten katholischen Missionare erst 1884 ins Land. 1893 dehnte Frankreich sein Protektorat auf Laos aus, doch die antiklerikalen französischen Behörden gewährten der katholischen Mission keinerlei Unterstützung. So wurden lediglich kleine Posten zur Evangelisierung eingerichtet. Die meisten Christen waren Ausländer, vor allem Vietnamesen; Laoten ließen sich, abgesehen von einigen Bergstämmen, nur selten bekehren. 1940 wurde Indochina von Japan besetzt, die französischen Priester wurden davongejagt. Nach der Kapitulation Japans begann die Pathet Lao, ein Ableger der vietnamesischen kommunistischen Partei Viet Minh, einen Guerillakrieg gegen das laotische Königshaus. 1954 zog sich Frankreich aus Indochina zurück; Laos wurde zwar unabhängig, jedoch durch den zum Teil auf laotischem Territorium geführten Vietnamkrieg verwüstet.


Mein Kreuz

Pater Mario Borzaga stieß bald auf schwere Probleme. In der Missionsstation von Kengsadock musste er alles neu lernen: zuallererst die laotische Sprache als Vorbedingung für jede Kommunikation mit den Leuten, die er evangelisieren sollte. Ebenso musste er sich tausend praktische Kenntnisse aneignen, um zu überleben und die notleidende Bevölkerung zu unterstützen: jagen, angeln, Holzhütten bauen, Maschinen bedienen … – und das alles in einem heißen, feuchten Klima vor dem Hintergrund eines Bürgerkrieges. Der junge Missionar entdeckte, dass es schwer war, „stillschweigend von allen zu lernen; vor allem schwer, zu glauben, zu leiden und zu lieben“. Gott forderte keine Heldentaten von ihm, wie er es sich erträumt hatte, sondern eine geduldige Arbeit im Verborgenen, ohne sichtbare Ergebnisse. Wie Jesus auf dem Ölberg, litt auch er unter der Angst vor Leid und Tod (vgl. Mk 14,33). Einmal notierte er: „Mein Kreuz bin ich selbst; mein Kreuz ist die Sprache, die ich nicht lernen kann; mein Kreuz ist meine Ängstlichkeit, die mich daran hindert, auch nur ein einziges laotisches Wort auszusprechen.“ In dieser Zeit verfasste er folgendes Gebet: „Alles gehört dir, Herr, selbst das Unbehagen, die Angst, die Gewissensbisse, die Finsternis … Ich liebe dich, weil Du die Liebe bist.“
Ende 1958 wurde der damals 26-jährige Pater nach Kiukatiam entsandt, in ein Dorf, dessen Bewohner dem Volkstamm der Hmong angehörten. Die christliche Gemeinde dort war gerade ein paar Jahrzehnte alt. Bald stand Mario inmitten von Ureinwohnern allein da. Sein Alltag war restlos ausgefüllt und ließ ihm keine Atempause: Messe lesen, Religionsunterricht erteilen, Katecheten ausbilden, Katechumenen auf die Taufe vorbereiten, Beichten abnehmen, in der Krankenstation Kranke versorgen, Nachbardörfer besuchen. Unglücklicherweise sprachen die Hmong kein Laotisch, sondern eine eigene, dem Pater unbekannte Sprache. Dieser verlor dennoch nicht den Mut, sondern setzte sein Vertrauen auf Gott und machte sich ans Werk. Halt fand er in der Gewissheit, dass er dort war, wo Jesus ihn haben wollte. Um seine notgedrungene Schweigsamkeit zu kompensieren, war er stets allen zu Diensten und gewann dadurch die Zuneigung der Hmong, die ihn „ernstes und aufrichtiges Herz“ nannten. Seine Geduld war unerschöpflich, selbst wenn er sich mutlos und traurig fühlte. Als musikalischer Mensch brachte der Pater seinen Schäfchen viele Kirchenlieder bei und komponierte sogar eine schöne Salve Regina in der Sprache der Hmong. Er hatte allerdings mit einem lebhaften Widerwillen gegen das laotische Essen, die mangelnde Hygiene der Einwohner und das deprimierende Wetter zu kämpfen. Er notierte in sein Tagebuch: „Ich lächle bei jeder Gelegenheit; nicht, weil ich mich meiner sicher fühle, sondern weil ich sicher bin, das Jesus im Kampf auch abgenutzte Bajonette, rostige Kanonen und lahme Truppen einsetzt; deswegen will ich ihn unbedingt wissen lassen, dass ich mit von der Partie bin … Wie sollte ich Gott nicht unendlich dankbar sein für seine grenzenlose Liebe, durch die er mir den Glauben geschenkt hat? O mein Gott, wie unermesslich gut bist du zu mir gewesen! Was habe ich getan, um soviel Liebe zu verdienen?“


Eine kleine Flamme in der Nacht

In zwei Briefen aus dem Jahre 1959 gab der junge Missionar eine realistische Schilderung der Situation: „Die Ernte des Herrn ist unermesslich in den von den Hmong bewohnten Bergen … Wir bräuchten allein in unserer Gegend hunderte Arbeiter im Weinberg des Herrn. Wir sind nur ein halbes Dutzend. Betet, damit unsere Heiligkeit wie eine kleine Flamme in der Nacht leuchtet … Der Missionar hat sich zum Vagabund gemacht für die, die verzweifelt im Finsteren wandeln; er ist Einsiedler geworden aus Liebe zu dem, der in der eisigen Öde des Heidentums nach einer Hand sucht, die ihm die Pforte zum Himmelreich öffnet.“
Papst Johannes-Paul II. bestätigt nachdrücklich die Legitimität und die Notwendigkeit der Mission : „Verkündigung und Zeugnis für Christus verletzen die Freiheit nicht, wenn sie mit Achtung vor dem Gewissen erfolgen. Der Glaube verlangt die freie Zustimmung des Menschen. Aber er muss angeboten werden, weil alle Menschen das Recht haben, den Reichtum des Geheimnisses Christi kennenzulernen, worin, nach unserem Glauben, die Menschheit in unerschöpflicher Fülle alles das finden kann, was sie suchend und tastend über Gott, über den Menschen und seine Bestimmung, über Leben und Tod und über die Wahrheit in Erfahrung zu bringen sucht. Darum ist die Kirche darauf bedacht, ihren missionarischen Elan lebendig zu erhalten, ja ihn im geschichtlichen Augenblick unserer heutigen Zeit noch zu verstärken“ (RM, Nr. 8).


Mit dem Pater singen

Marios junge Katechetenschüler bewahrten eine liebevolle Erinnerung an ihren Lehrer. Einer schrieb: „Pater Mario Borzaga war sehr geduldig und gutherzig. Er liebte alle. Er verstand die Sprache der Hmong ein wenig; ich hatte sie ihm beigebracht.“ Ein weiterer Schüler bezeugte: „Ich habe mit dem Pater etwa ein Jahr lang zusammengelebt. Ich war erst 16 Jahre alt und wusste nicht, wie man ein Haus baut. Wir haben den Pater gefragt. Für ein Haus von 6 mal 8 Metern errechnete er auf einem Papierblatt Kosten von neun Geldbarren für Blech, Balken usw. Ich war einverstanden; dann gingen wir große Bäume fällen und brachten sie herbei, damit der Pater sie zersägte. Es gab noch einen Bruder, der gekommen war, um Pater Borzaga zu helfen: Sie haben das Holz für mein Haus gesägt, und wir haben es zusammengesetzt. Jeden Abend haben wir am Ende des Essens mit Pater Borzaga Singgebete gelernt. Er hatte eine schöne, laute Stimme.“ Ein anderer Zeuge berichtete: „Er war sehr nett, lächelnd, schön und sehr hilfsbereit. Er pflegte die Kranken gut und passte gut auf die Katechetenschüler auf, die aus anderen Bezirken gekommen waren, um bei ihm zu lernen. Wir wohnten in einem kleinen Haus, das hinter dem seinen lag. Er hat Kleider und Taschenlampen für uns gekauft. Er war sehr geduldig, regte sich nicht auf und war sehr willensstark. Er passte gut auf uns auf.“
Die Missionare begnügten sich nicht mit bloßer humanitärer Hilfe; indem sie den Bauern bei der Nahrungsbeschaffung bzw. bei der Krankenpflege halfen, hofften sie, die Seelen der Menschen für die Liebe Jesu Christi zu öffnen. In einem Brief an die Eltern des 1961 von Widerstandskämpfern ermordeten Oblatenpater Vincent L’Hénoret stand: „Ihr Sohn hat uns viele Dinge gelehrt; er hat uns geholfen, den lieben Gott kennenzulernen; er ließ uns die Tugenden beachten; er war immer da, um uns gesund zu machen. Er ließ uns die Sünde meiden und schenkte uns die Gnade Gottes.“ Die Missionare kämpften gegen die auch unter Christen noch verbreitete Sitte, für die Heilung von Kranken den Geistern Hühner zu opfern und an buddhistischen Feiern teilzunehmen.
1959 forderte der Heilige Stuhl alle in Kriegsgebieten tätigen Missionare auf, selbst unter Lebensgefahr an ihrem Posten zu bleiben. Die Anweisung wurde von den in Indochina stationierten Priestern einmütig befolgt, obwohl sie wussten, dass ihnen der Märtyrertod drohte. Am 24. April, einem Sonntag, arbeitete Mario nach der Messe in der Ambulanz, als eine kleine Gruppe von Hmongs erschien und ihn um einen Besuch in ihrem drei Fußmärsche entfernten Dorf bat. Sie wollten sich über den christlichen Glauben informieren und hofften auch auf medizinischen Rat für ihre Kranken. Die Gelegenheit schien günstig, da in der Osterferien zwei weitere Oblatenmissionare in der Missionsstation anwesend waren. Mario versprach, am nächsten Tag mit ihnen aufzubrechen. Er plante, vor Beginn der Regenzeit noch mehrere Dörfer besuchen und eine erfolgreiche Missionstour absolvieren zu können. Er nahm den 19-jährigen Katecheten Paul Thoj Xyooj als Begleiter mit und wollte in ein bis zwei Wochen zurück sein. Sie machten sich am 25. April 1960, dem Fest des heiligen Evangelisten Markus, auf den Weg, um die Gute Nachricht von Jesus Christus und seiner Liebe zu den Armen und Kranken zu bringen. Wie vorgesehen erreichten sie das erste Ziel, das Dorf Ban Phoua Xua, wo der Pater die Kranken versorgte; danach setzten sie ihre Reise fort und versprachen, in einigen Monaten wiederzukommen. Ihr weiterer Weg war gefährlich, weil in dem Gebiet die Mitglieder der kommunistischen Guerilla ungehindert agieren konnten …


„Warum habt ihr geschossen?“

Am 1. Mai stieß eine Patrouille der Pathet Lao beim Dorf Muang Met auf den Pater und seinen jungen Begleiter. Die kommunistischen Guerilleros hielten Mario für einen Amerikaner und fesselten ihm die Hände auf dem Rücken. Der Katechet Paul rief: „Tötet ihn nicht, er ist kein Amerikaner, sondern Italiener, und ein sehr guter Priester, sehr nett zu aller Welt. Er tut nur gute Dinge.“ Die Soldaten rieten ihm zur Flucht, er jedoch erwiderte: „Ich gehe nicht fort, ich bleibe bei ihm; wenn ihr ihn tötet, tötet auch mich. Wo er stirbt, sterbe ich, und wo er lebt, lebe ich.“ Die Guerilleros verprügelten den Katecheten, um ihn zum Schweigen zu bringen, und beschlossen, beide Männer fernab vom Dorf und ohne Zeugen umzubringen. Mario verhielt sich ruhig und schwieg – wie Jesus angesichts seiner Ankläger. Viele Jahre später berichtete der Anführer der Gruppe: „Wir haben sie gezwungen, eine Grube auszuheben. Ich habe dann auf sie geschossen. Der Hmong starb auf der Stelle, der ,Amerikaner‘ aber fiel mit den Worten ‚Warum habt ihr auf mich, den Pater, geschossen?’ in die Grube. Wir haben sie unverzüglich mit Erde zugedeckt; dann durchsuchten wir den Rucksack des Amerikaners. Es war nichts Großartiges drin: Kordeln mit kleinen Steinchen und zwei gekreuzten Eisenstäbchen, Bilder einer strahlenden Frau, allein oder mit einem Kind, und Bilder eines Mannes, dessen Herz man sehen konnte …“ Rosenkränze und Bilder des Heiligen Herzens Jesu sowie der Jungfrau Maria waren die einzigen Schätze des Missionars. Der 1. Mai war ein Sonntag. Wahrscheinlich hatte Mario zusammen mit seinem Katecheten zuvor eine Frühmesse gefeiert; sie wurde seine Wegzehrung.
Einer von Marios Schülern bezeugte: „Im April 1960 ging der Pater in den Tod, und ich habe bis Juli sein Haus gehütet und seine Tiere versorgt. Dann sind sie gekommen und haben alle seine Tiere getötet, Hühner, Schweine … Sie haben seinen ganzen Messwein genommen, alle seine Kleider fortgebracht und sein Haus beschädigt. Ich musste das Haus verlassen und in den Wald flüchten. Ich liebe ihn und denke immer noch viel an ihn: Er hatte ein gutes Herz und war sehr geduldig. Er liebte jeden, er liebte mich, und er ist tot. Ich habe geweint, und meine Tränen fließen. Heute denke ich immer an ihn, weil er wie ein Vater für mich war. Ich glaube und bin mir sicher, dass er den lieben Gott bittet, mir jeden Tag zu helfen. Ich bin sicher und vertraue darauf, dass Xyooj und er beim lieben Gott sind; weil diese beiden einen zu schweren Weg gehabt haben.“ Ein anderer ehemaliger Schüler schrieb: „Ich bestätige ausdrücklich, dass Pater Mario getötet wurde, weil er sich in jenes Dorf begab, um die Geister zu vertreiben und den Leuten den Zugang zum Christentum zu ermöglichen. Wir sind alle überzeugt: Er wurde getötet, weil er losgegangen ist, um die Gute Nachricht Jesu zu verkünden und Kranke zu pflegen.“ Die in China und Vietnam geschulten Guerillaführer wollten die Ausbreitung des Christentums in Laos aufhalten. Sie waren überzeugt, dass es nach der Vertreibung bzw. Ausschaltung der Missionare leicht sein würde, das Volk für die marxistisch-leninistische Ideologie zu gewinnen.
Der katholischen Mission geht es um das ewige Heil der Seelen: eine entscheidende Frage, die sich für jeden Menschen stellt. „Die Versuchung heute besteht darin, das Christentum auf eine rein menschliche Weisheit zu reduzieren, gleichsam als Lehre des guten Lebens“, schrieb der heilige Johannes-Paul II. „In einer stark säkularisierten Welt ist ‚nach und nach eine Säkularisierung des Heiles’ eingetreten, für die man gewiss zugunsten des Menschen kämpft, aber eines Menschen, der halbiert und allein auf die horizontale Dimension beschränkt ist. Wir unsererseits wissen, dass Jesus gekommen ist, um das umfassende Heil zu bringen, das den ganzen Menschen und alle Menschen erfassen soll, um die wunderbaren Horizonte der göttlichen Kindschaft zu erschließen. Warum Mission? Weil uns, wie dem heiligen Paulus, die Gnade geschenkt wurde, den Heiden den unergründlichen Reichtum Christi zu verkündigen (Eph 3, 8)“ (RM, Nr. 11).


Glauben und lieben

Pater Mario Borzagas Leben zeigt, dass die in Liebe gelebte Berufung des Missionars ein Weg zur Heiligkeit ist. „Ich will in mir einen Glauben und eine Liebe wachsen lassen, die tief und fest sind wie ein Fels“, schrieb er. „Ohne sie kann ich kein Märtyrer werden: Glaube und Liebe sind unerlässlich. Es gibt nichts weiter zu tun als glauben und lieben.“
Am 5. Juni 2015 unterzeichnete Papst Franziskus das Dekret zur Seligsprechung von 17 Märtyrern, die zwischen 1954 und 1970 in Laos gestorben sind; unter ihnen befinden sich 10 Franzosen, 6 Ureinwohner Indochinas und ein Italiener (Mario Borzaga). Am 11. Dezember 2016 fand in Vientiane, der Hauptstadt Laos, die Seligsprechungs-zeremonie statt. Dank einer relativer Lockerung des kommunistischen Regimes werden die 50 000 Katholiken des Landes heute geduldet, solange sie zurückhaltend agieren. Heute sind die meisten in Laos tätigen katholischen Priester Laoten; sie führen die Arbeit der europäischen Missionare fort, die ihrem Volk zu Hilfe geeilt waren. Gleichwohl ist einer laotischen Nonne zufolge „die Lage im Norden des Landes besonders schwierig: Jede äußere Glaubensbekundung ist untersagt – auch alle Gebetsorte, Kreuze, Bilder, heiligen Bücher sowie jede Geste bzw. Äußerung, die eventuell als Bekehrungsversuch gedeutet werden könnte“ (Zeugnis aus dem Jahre 2013).
Für den heiligen Johannes-Paul II. geht die Mission alle Christen an: „Die Zahl der Menschen, die auf Christus warten, ist noch immer unendlich groß … Wir können nicht ruhig vor uns hinleben, wenn wir an die Millionen von Brüdern und Schwestern denken, die, wenn auch durch das Blut Christi erlöst, doch leben, ohne von der Liebe Gottes zu wissen. Sowohl für den einzelnen Gläubigen wie für die ganze Kirche muss das missionarische Anliegen das erste sein, weil es die ewige Bestimmung der Menschen betrifft und auf den geheimnisvollen und barmherzigen Plan Gottes antwortet“ (RM, Nr. 86).
„Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Christen“ (Tertullian). Beten wir durch die Fürsprache des seligen Mario Borzaga und seiner Gefährten, die als Saat in die Erde von Laos gefallen sind, zu Jesus, er möge dort eine reiche Ernte für das ewige Leben aufkeimen lassen.

Dom Antoine Marie osb

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