Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


Herunterladen als pdf
[Cette lettre en français]
[This letter in English]
[Deze brief in het Nederlands]
[Esta carta en español]
[Questa lettera in italiano]
6. Januar 2017
Erscheinung des Herrn


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Papst Franziskus gestand einmal einem Jesuitenpater gegenüber, wie sehr er den von ihm selbst heiliggesprochenen Peter bzw. Pierre Favre bewundere?; der Heilige Vater verwies auf die Fähigkeit des Heiligen zum Dialog mit allen, auch mit den Fernstehenderen und Gegnern der Gesellschaft Jesu, auf „die schlichte Frömmigkeit, vielleicht eine gewisse Naivität, die unmittelbare Verfügbarkeit, seine aufmerksame innere Unterscheidung, die Tatsache, dass er ein Mann großer und starker Entscheidungen und zugleich fähig war, so sanftmütig zu sein“.
Peter Favre war nur ein paar Stunden alt, als er am 13. April 1506 in Le Villaret (Savoyen) über das Taufbecken gehalten wurde. Er stammte aus einer armen Hirtenfamilie, die aber „rechtschaffen katholisch und sehr fromm war“. Er selbst schrieb später?: „Meine Eltern haben mich mit solcher Sorgfalt in der Furcht des Herrn erzogen, dass ich schon als kleines Kind meiner Handlungen bewusst war?; und was ein Zeichen für eine noch größere Gunst Gottes war, ich verspürte bereits im Alter von sieben Jahren mitunter besondere Anwandlungen von Frömmigkeit, als hätte sich der Herr selbst, der Bräutigam meiner Seele, meiner bemächtigen wollen … Da ich ein brennendes Verlangen nach Reinheit fühlte, versprach ich Gott mit etwa zwölf Jahren, bis in alle Ewigkeit meine Keuschheit zu bewahren.“


Kein Tier ging verloren

Peter war so lernbegierig, dass er seine Schafe im Vertrauen auf deren Schutzengel zuweilen allein ließ und eilig ins Tal hinunterrannte, um sich bei einem Mönch des nahegelegenen Klosters eine Unterrichtsstunde anzuhören?; danach schaute er kurz bei Jesus im Tabernakel vorbei und lief schnell wieder zu seinen Tieren zurück, von denen nie eines in seiner Abwesenheit verlorenging … Als sein Vater zögerte, ihn auf eine höhere Schule zu schicken, sagte Pater Mamert Favre, der Prior des Kartäuserklosters von Reposoir und zugleich Peters Onkel, zu ihm?: „Dich gegen das Weiterlernen des kleinen Peter zu stellen, hieße dich gegen Gott zu stellen“?; er erklärte sich bereit, die Schulkosten zu übernehmen. Der Junge besuchte zunächst die Schule in Thônes, wo er die Grundzüge der Grammatik und des Rechnens erlernte. Dank seines scharfen Verstandes und seines guten Gedächtnisses konnte er anschließend am Collège von Roche-sur-Foron weiterlernen. Da er sich zum Priesteramt berufen fühlte, fragte er nach Abschluss der höheren Schule mit 19 Jahren die Mönche des Kartäuserklosters um Rat?; diese ermunterten ihn zu einem Studium an der Sorbonne in Paris.
Nach seiner Ankunft in der Hauptstadt musste Peter sein Zimmer zunächst mit einem Spanier namens Francisco de Xavier teilen?; später kam als weiterer Zimmergenosse Inigo (Ignatius) von Loyola hinzu. Da letzterer als 34-jähriger ehemaliger Soldat Probleme beim Studieren hatte, musste ihm Peter bald Nachhilfe geben. „Daraus ergaben sich für mich zunächst oberflächliche, dann engere Beziehungen zu ihm …, bis er schließlich zu meinem geistlichen Mentor wurde, indem er mir Regeln und Methoden an die Hand gab, die mir halfen, Gottes Willen zu erkennen?; zum Schluss waren wir in unserem Wünschen und Wollen ganz vereint.“ Mit Unterstützung dieses Ratgebers konnte der Student aus Savoyen sowohl etliche Versuchungen als auch seine Zögerlichkeit erfolgreich überwinden und fand in der getreuen Erfüllung von Gottes Willen zu einem neuen inneren Gleichgewicht. Simon Rodriguez, eines der ersten Mitglieder der kleinen Gruppe um Ignatius, legte später folgendes Zeugnis über Peter ab?: „Er besaß die allerliebste Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit im Umgang und Gespräch mit Anderen, die ich jemals im Leben gesehen habe … Ja, ich weiß nicht, wie er sich so der Freundschaft zu Anderen hingeben, wie er so unmerklich deren Gedanken beeinflussen konnte. Moralisch standhaft und durch den Charme seiner liebenswürdigen Worte gewann er die Herzen derjenigen für die Liebe zu Gott, mit denen er umging.“
1530 erhielt Peter sein Abschlussdiplom und wurde vier Jahre später, nachdem er unter der Leitung von Ignatius die geistlichen Übungen absolviert hatte, zum Priester geweiht. Am 15. August 1934 nahm er in der Kapelle von Montmartre die privaten Gelübde seiner Gefährten entgegen, die damit den Grundstein zur späteren Societas Jesu legten. Als einziger Priester der Gruppe, wurde er deren Geistlicher?; war Ignatius abwesend, so vertrat er ihn an der Spitze der entstehenden Gemeinschaft. 1536 erhielt er den Titel eines Magister Artium. Peter widmete viel Zeit dem Studium und den Geistlichen Übungen, die ihn tief prägten, und beteiligte sich an der Ausarbeitung des lateinischen Textes der Übungen, d.h. deren erster Version, die uns überliefert ist. Dieses Büchlein, das Pius XI. als „überaus weises und universell geltendes Gesetz zur Unterstützung der Gläubigen in ihrem Bemühen, sich zu bessern und die Gipfel des geistlichen Lebens zu erklimmen“, bezeichnete, verdankte sicherlich vieles dem Mann aus Savoyen.
Papst Franziskus legt uns die Übungen auch heute noch ans Herz?: „Mögen die Geistlichen Übungen auch weiterhin absolviert, unterstützt und gewürdigt werden, denn die Männer und Frauen von heute brauchen die Begegnung mit Gott … Jemandem die Geistlichen Übungen vorzulegen, heißt, ihn einladen, Gott, seine Liebe und seine Schönheit persönlich zu erfahren. Wer diese Übungen authentisch lebt, erfährt die Anziehungskraft Gottes und geht verändert daraus hervor. Nimmt er sein normales Leben, sein Amt, seine alltäglichen Beziehungen wieder auf, verströmt er dabei den Duft Christi“ (3. März 2014, über Radio Vatikan).


Die Wurzeln

Im Januar 1537 fassten die elf „Freunde im Herrn“ den Plan, eine Wallfahrt ins Heilige Land zu unternehmen. Doch schon bald stellte sich heraus, dass die Reise wegen der unsicheren Lage dort unmöglich sein würde?; so lenkten sie ihre Schritte nach Rom, um sich ganz in den Dienst des Papstes zu stellen. Peter Favre wurde Professor für Theologie und für die Heilige Schrift an der Universität Sapienza. Die kanonische Anerkennung der Societas Jesu durch Papst Paul III. erfolgte am 27. September 1540. Man musste nun einen Ordensoberen wählen. Nach drei einstimmigen Wahlgängen nahm Ignatius das Amt an. Peter Favre seinerseits wirkte lieber im Hintergrund?; er wusste, dass man den sichtbaren Zweigen und Früchten eines Baumes spontan mehr Bedeutung beimisst als seinen verborgenen Wurzeln?; und doch zieht der Baum seinen Saft aus ihnen. „Ebenso muss das Beste in diesem Leben eher von Mühsal zugedeckt und verborgen sein“, gab er zu bedenken.
Am 22. April 1541 legten die elf Freunde offiziell ihre Profess ab. Für Pater Favre begann anschließend ein Leben als Wandermissionar. In weniger als zehn Jahren legte er – meistens zu Fuß – über 15 000 km zurück und warb in Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland für eine geistliche Erneuerung der Christenheit sowie für eine Kirchenreform. „Ich hatte zum einen alle Nöte der Menschen, ihre Schwächen, ihre Sünden, ihre Verstocktheit, ihre Verzweiflung und ihre Tränen, die Katastrophen, Hungersnöte, Seuchen, Ängste usw. im Sinn“, schrieb er. „Zum anderen die Arznei dafür?: Christus den Erlöser, den Lebens- und Lichtspender, den Helfer, den barmherzigen und mitfühlenden Herrn und Gott?; ich betete ihn mit der ganzen Kraft dieser Namen an, damit er allen Menschen gnädig beistehe. Ich wünschte mir damals und bat darum …, dass ich endlich Diener und Priester des tröstenden Christus werden darf, ein Priester Christi, der hilft, erlöst, heilt, befreit, bereichert und stärkt, damit durch ihn auch ich vielen zu Hilfe kommen kann.“


Dem Wohl aller dienen

Peter Favres intensive Tätigkeit war seinem tiefen spirituellen Leben nicht abträglich. Er wollte sein ganzes Leben in Gott vereinen?: „Man darf sich nicht einzig und allein darum bemühen, für rein spirituelle Dinge, wie die Kontemplation oder das innere und inbrünstige Gebet, die Erleuchtung des Geistes zu suchen, mit dem Ziel, sie gut oder gar sehr gut zu machen?; man muss mit aller Kraft auch danach trachten, die gleiche Gnade in äußerlichen Verrichtungen zu finden?: im lauten Beten und selbst in privaten Gesprächen oder im Predigen an das Volk.“ Widersprüche seien dabei sehr hilfreich, „denn viel besser als das, was ohne Schwierigkeiten und ohne Kämpfe erreicht wird, werden sie dir zeigen, was im Menschen steckt und warum du den Geist Gottes brauchst“. Seine Verbundenheit mit Gott entfaltete sich spontan in einem vertrauten Umgang mit den Heiligen und den Engeln. Er betete zur heiligen Apollonia (einer jungfräulichen Märtyrerin des 3. Jh.), damit jemand von Zahnschmerzen befreit wird?; oder zum Schutzengel einer bestimmten Person oder auch zum Schutzpatron bzw. -patronin eines Ortes, damit sie sein Amt als Verkünder des Evangeliums erleichtern?: „Um jemanden günstig gesinnt zu machen (ganz unabhängig davon, was man für ihn tun konnte), schien es mir überaus geboten zu sein, allen seinen Schutzengeln große Verehrung zu erweisen, denn diese haben tausend Arten, die Herzen für uns zu öffnen und die Gewalt sowie die Versuchungen unserer Feinde abzuwehren.“ In der Zeit der Religionskriege betete er vor allen Dingen um „das Wohl des gesamten französischen Königreichs, das bereits so viele Wohltaten empfangen hat, dem so viele Sünden vergeben wurden, in dem heute so viele leibliche und geistliche Bedürfnisse vorhanden sind.“ Ebenso setzte er sich jedoch auch für das Wohl aller anderer Länder ein und betete um die Bekehrung aller Feinde der Kirche, insbesondere Sultan Süleymans des Prächtigen sowie der protestantischen Reformatoren.
Paul III. ernannte Peter zum Theologen des apostolischen Legaten von Parma (des päpstlichen Präfekten in einer zum Kirchenstaat gehörenden Stadt)?; er blieb 18 Monate dort. Aus Treue zu seinem Armutsgelübde lehnte er die Gastfreundschaft des Legaten ab und bat wie ein armer Bettler in einem Hospital um Unterkunft und Verpflegung. Er predigte, betrieb Seelsorge und führte erfolgreich Exerzitien zur Reformierung mehrerer Klöster durch. Er hielt Religionsunterricht für Kinder und bildete Priester sowie Katecheten aus. Bald erreichte er, dass die Bewohner Parmas öfter die Sakramente empfingen. Nach mehreren Kriegen gab es viele Bettler in der Stadt?; Pater Favre engagierte sich für die Ärmsten unter ihnen. Gleichwohl schrieb er später demütig?: „Ich hatte eindeutig das Gefühl, oft nachlässig, zerstreut und zu sorglos gewesen zu sein zu denen, die ich einst von Wunden bedeckt erblickt hatte und denen ich mitunter zwar zu Hilfe kam, aber nur gemächlich und lasch … Ich hätte ja für sie von Tür zu Tür gehen und betteln können, um ihre Not zu lindern.“ 1543 gründete er in Mainz ein Pilgerheim sowie ein Hospiz für arme Kranke.


Versöhnen

Auf Bitten des Papstes reiste Peter Favre anschließend nach Deutschland zu den von Karl V. einberufenen Wormser und Regensburger Religionsgesprächen, die eine Einigung zwischen Katholiken und „Reformierten“ herbeiführen sollten. Der Einigungsversuch scheiterte, doch der Deutschlandaufenthalt öffnete Favres Augen für die religiöse Unwissenheit der Christen und den unmoralischen Lebenswandel des Klerus – beides gewichtige Ursachen für die Erfolge des Protestantismus. Er blieb neun Monate in Deutschland, hielt Exerzitien – sogar für Bischöfe und Fürsten des kaiserlichen Hofes, er predigte, nahm Beichten ab und kam mit allen Gesellschaftsschichten in Berührung. Im Hinblick auf die Protestanten riet er zu christlicher Nächstenliebe und Geduld?: „Die Abtrünnigen versöhnen, damit sie uns lieben …“ Dank seiner Bemühungen konvertierte zwar manch einer zum katholischen Glauben, doch es kam zu keiner massiven Rückkehr in den Schoß der Kirche. Verstört und versucht, am Erfolg seines Apostolats in Deutschland zu verzweifeln, erkannte er bald, dass hinter diesen entmutigenden Gefühlen der böse Geist steckte, der stets Schwierigkeiten bereitet, während der gute Engel Möglichkeiten aufzeigt und ermutigt. In den Geistlichen Übungen des heiligen Ignatius heißt es zu diesem Thema?: „Bei denen, die im Dienste Gottes unseres Herrn vom Guten zum je Besseren übergehen, … ist es dem bösen Geiste eigen, … Hindernisse zu legen, … damit man nicht weiter vorrücke?; und dem guten Geist ist es eigen, Mut und Kraft … zu geben, indem er alle Hindernisse leicht macht und weghebt, damit man im Tun des Guten weiter voranschreite“ (vgl. Nr. 315).
Peter befürchtete einmal in einer Anwandlung von Bitterkeit, er könnte zulassen, dass sich sein Herz „verdüstere und in der Liebe schrumpfe“. Daraufhin erhielt er folgenden inneren Rat?: „Suche nach einer echten Beziehung zu Gott und seinen Heiligen, und du wirst leicht herausfinden, wie du dich deinem Nächsten gegenüber verhalten sollst, mag er dir nun freundschaftlich oder feindlich gesonnen sein … Wenn es etwas zu sagen oder zu tun gibt, um dich jetzt mit deinem Nächsten zu versöhnen?: Tue es gleich, und du wirst dich mit Gott versöhnen.“ Er merkte auch, dass es wichtig ist, sein Herz von jedem Groll zu befreien, „damit die Liebe mit Gefühlen des Wohlwollens, der Langmut, der Geduld und der Ergebenheit einhergehe?; damit sie sich nicht erzürnt, nicht aufhört, den Leuten zu vertrauen, und damit sie die Hoffnung nicht verliert …“ (vgl. 1 Kor 13). Peter erkannte ganz konkret, dass „man vor allem darauf achten sollte, sich nicht von jenen kalten Winden durchwehen zu lassen, die im aufmerksamen Beobachten der Fehler anderer ihren Ursprung haben. Oft lässt einen das die Hoffnung für ihr Heil verlieren oder macht die Wertschätzung, das Vertrauen, die Liebe und das Wohlwollen ihnen gegenüber zunichte. Man muss nicht nur über die Wahrnehmung ihrer Fehler mit Geisteswärme hinwegsehen, sondern möglichst auch über deren tatsächliches Vorliegen, um das Böse durch das Gute zu besiegen und ihnen trotz ihrer Mängel weiterhin verbunden zu bleiben und sich um sie zu sorgen.“
Peter genoss weiterhin die Wertschätzung des heiligen Ignatius und des Papstes, die um seine Mitarbeit wetteiferten. Er bekam den Auftrag, nach Spanien zu reisen. Unterwegs machte er Halt in Savoyen, um seine Familie wiederzusehen. Siebzig Jahre später rühmte der ebenfalls aus Savoyen stammende heilige Franz von Sales den Ruf der Heiligkeit, den er der ganzen Region aufgeprägt hatte, und berichtete sogar über bezeugte Extasen und Levitationen. Nach Beendigung seiner Mission am spanischen Hof reiste Peter Favre über Barcelona und Frankreich wieder nach Deutschland zurück.


Wie verwandelt

Im April 1542 war er wieder in Deutschland und blieb zwei Jahre da. Er war für seine Tugend und sein Wissen so hoch geachtet, dass ein Kölner Student, Peter Canisius, zu ihm nach Mainz kam, um ihn wegen seiner Berufung um Rat zu fragen. Canisius bezeugte später?: „Ich habe nie einen gelehrteren und tiefsinnigeren Theologen gesehen oder gehört, einen Mann von so augenfälliger und so erhabener Tugend.“ Der junge Mann absolvierte die Exerzitien des heiligen Ignatius bei Peter Favre und fühlte sich danach „wie in einen anderen Mann verwandelt“. Im darauf folgenden Jahr trat der künftige Heilige und Kirchenlehrer in die Societas Jesu ein. Peter Favre war damals gerade dabei, in Deutschland die Grundsteine für den Orden zu legen. Als er einmal in Mainz von Traurigkeit übermannt wurde, weil er die Beerdigung eines Priesters zu nachlässig vorgenommen hatte, bekam er folgende innere Antwort?: „Es ist besser, vorwärts zu gehen in dem Willen, Gutes zu tun, als den Willen zu ermüden und zu erschöpfen unter der Last der Vergangenheit.“
Im Oktober 1542 wurde er gebeten, den geplanten ökumenischen Konzil von Trient theologisch zu beraten. Demütig wie er war, erschreckte ihn die Bitte?; aber „der Herr befreite mich von allem durch die Kraft eines heiligen und blinden Gehorsams, der weder meine persönliche Unzulänglichkeit, noch die Größe und das Gewicht dessen, worum man mich gebeten hatte, in Rechnung zog“.
Im Sommer 1544 reiste Peter Favre auf Bitten von Papst Paul III. und von Ignatius nach Portugal an den Hof von König Johann III. Letzterer war von der Heiligkeit des Ordensmannes so beeindruckt, dass er ihn in seinem Land behalten wollte. Der Pater begnügte sich jedoch mit einem kurzen Aufenthalt im Noviziat seines Ordens, wo er durch seine Güte die Novizen schnell für sich einnahm. Zudem gewann er über 30 namhafte Mitglieder der Universität von Coïmbra für den Eintritt in den Jesuitenorden?; mehrere von ihnen wirkten später als Missionare in Japan bzw. in den portugiesischen Kolonien. Bald danach begab sich Peter Favre nach Spanien und gründete 1545 trotz seiner schwindenden Kräfte zwei Jesuitenklöster?: Valladolid und Alcala. Als er an Karfreitag 1545 in Valladolid Jugendlichen sowie Kindern aus der Familie eines seiner Schüler die Beichte abnahm, fühlte er plötzlich Gedanken der Hochmut in sich aufsteigen. „Ein Geist flüsterte mir zu?: ‚Bist du hergekommen, um dich mit diesen Kindern abzugeben?? Wäre es nicht besser gewesen, dort zu bleiben, wo du die Beichte wichtiger Persönlichkeiten hättest hören können??’“ Er reagierte sofort und beschloss, den Rest seines Lebens zurückgezogen zu arbeiten. „Besser denn je erkannte ich den Wert dessen, was man mit aufrechter Gesinnung für die Kleinsten, für die Verachteten und Verschmähten dieser Welt tut.“
Peter Favre musste sich in Madrid wegen einer Erkrankung in das Hospital Campo del Rey begeben. Dort erreichte ihn ein Brief Papst Pauls III., der ihn als Verstärkung für die beiden theologischen Berater der Konzilsväter nach Trient berief. Obwohl er noch krank war, machte er sich auf den Weg. Als die Eröffnung des Konzils jedoch wegen der herrschenden Hitze verschoben wurde, nutzte Peter Favre die Zwischenzeit zur Grundsteinlegung eines Kollegs in Gandia (Katalonien)?; er war von Herzog Francisco de Borja, dem früheren Vizekönig Kataloniens, darum gebeten worden. Der bereits verwitwete Fürst fasste bei diesem Anlass den Entschluss, in den Jesuitenorden einzutreten, und wurde später dessen dritter Generaloberer?; die Kirche verehrt ihn als Heiligen. In Valencia angekommen, wurde Pater Favre von Besuchern belagert und fand keine Zeit, sich zu erholen. Während er schließlich in Barcelona auf sein Schiff wartete, predigte er bis zum Umfallen, stand Klöstern zur Seite und bereitete Waisenkinder auf die Erstkommunion vor. Mehrere Freunde bemerkten, wie erschöpft er war, und versuchten ihn zurückzuhalten?: „Wenn Sie fahren, gehen Sie in den Tod?!“ – „Es ist nicht notwendig, zu leben“, erwiderte er, „aber es ist notwendig, zu gehorchen.“


Voller Güte

Peter Favre schiffte sich am 17. Juli 1546 nach Rom ein, wo er von Ignatius freudig begrüßt wurde. Doch am 31. Juli war er am Ende seiner Kräfte?; er empfing die Krankensalbung und die Kommunion als Viatikum. Während seines kurzen Lebens hatte er nie aufgehört, sich auf das Jüngste Gericht vorzubereiten. „Das Üben von Barmherzigkeit ist ein sicheres Mittel, selbst die Barmherzigkeit Gottes zu erlangen“, schrieb er. „Wir können in Gott leicht einen großherzigen Spender bekommen, wenn wir selbst großherzig hergeben, was wir sind und was wir haben … Wenn man will, dass Gott wirklich Nachsicht übt und sich nicht an die Strenge seiner Gerechtigkeit hält, muss man selbst voller Güte und Nachsicht zu allen sein, weder zu strikt noch zu streng.“ Peter Favre starb am 1. August im Alter von vierzig Jahren in den Armen des heiligen Ignatius, der über ihn sagte?: „Er liebt ganz einfach die Dame Caritas. Ihr zuliebe legt er so großen Wert auf jene wichtigen Eigenschaften, die das apostolische Wirken und die Selbstdisziplin zugleich erleichtern?: Erziehung, Höflichkeit, Wissen, Freundlichkeit, Bildung, kurzum alles, was den Umgang zwischen den Menschen menschlicher und zugleich christlicher gestalten kann zur größeren Ehre Gottes.“
Der heilige Peter Favre hat einige Wohltaten, die er von Gott empfangen hatte, in seinem Memoriale festgehalten?; er hatte das Buch zu seinem eigenen Gebrauch verfasst und offenbart darin immer wieder den Wunsch, dass alles Gute, das er selbst bewirken, denken oder ausrichten könne, durch den guten und nicht durch den bösen Geist geschehe. Denn er begnügte sich nicht damit, die Wahrheit zu sagen, sondern legte größten Wert darauf, zu unterscheiden, in welchem Geist er es tat?; er wollte sie immer „mit dem Geist der Wahrheit, der der Heilige Geist ist,“ sagen. Mögen wir seinem Beispiel folgen und lernen, in jedem Moment unseres Lebens Gottes Willen zu erkennen und zu erfüllen?!

Dom Antoine Marie osb

Die Veröffentlichung des Rundbriefes der Abtei St.-Joseph de Clairval in einer Zeitschrift, oder das Einsetzen desselben auf einem ,,web site" oder einer ,,home page" sind genehmigungspflichtig. Bitte wenden Sie sich dafür an uns per E-Mail oder durch http://www.clairval.com.

Index der Briefe  - Home Page

Webmaster © 1996-2018 Traditions Monastiques