Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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30. November 2016
Hl. Andreas


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Turin, 1814. In der Osteroktav begegnete die Marchesa Juliette di Barolo einer Prozession, die das Allerheiligste auf dem Weg zu einem Kranken begleitete. Sie fiel auf die Knie. Plötzlich wurde der heilige Gesang von einer gellenden Stimme unterbrochen: „Ich brauche keine Wegzehrung, sondern Suppe!“ Die Provokation kam von einem Häftling aus dem nahegelegenen Zentralgefängnis und veranlasste die junge Frau zu einem Besuch dort. Sie war empört angesichts der Verwahrlosung der Häftlinge; der Besuch im Frauengefängnis schockierte sie geradezu: „Sie stürzten sich auf mich, um es mal so zu sagen, sie schrien durcheinander, und der Grad ihres Verfalls erfüllte mich mit Schmerz und Scham … Ich kehrte mit von Schmerz gebrochenem Herzen nach Hause zurück und wusste nicht recht, was man tun könnte, um die leibliche und moralische Existenz der Gefangenen zu verbessern.“ Das Ehepaar Barolo sah in dieser Entdeckung einen Fingerzeig der Vorsehung: Es stellte sein ganzes Leben fortan in den Dienst der Wohltätigkeit.

Familienexil

Juliette wurde am 26. Juni 1786 auf Schloss Maulévrier in der Nähe von Cholet in Westfrankreich geboren und getauft. Ihr Vater, Edouard Colbert, war französischer Botschafter beim Erzbischof von Köln und gehörte zur Familie Jean-Baptiste Colberts, des berühmten Ministers am Hofe Ludwigs XIV. Seine Frau Anne-Marie schenkte ihm vier Kinder. Die Französische Revolution warf das Leben der Familie, die normalerweise in Bonn wohnte, völlig aus der Bahn. 1793 begann für die Colberts ein beschwerliches Leben als Flüchtlinge, das sie zunächst nach Holland, dann nach Belgien führte. Weitaus traumatisierender für Juliette war jedoch der Tod ihrer Mutter in Brüssel sowie später der Tod ihrer Großmutter väterlicherseits, die 1794 unter der Guillotine starb. Als Napoleon schließlich die Rückkehr der Emigrierten nach Frankreich gestattete, fanden die Colberts ihr Schloss niedergebrannt, ihre Ländereien verwüstet und deren Bewohner in Not und Elend vor. Die schmerzliche Erfahrung ließ den Marquis seine wichtigste Aufgabe nicht vergessen: seinen Kindern den christlichen Glauben und christliche Kultur zu vermitteln. Nach der Proklamation des Kaiserreichs kam Juliette 1804 als Ehrendame im Hause der Kaiserin an den Hof. Dort lernte sie den jungen Marchese Carlo-Tancredi di Barolo kennen.

Dieser stammte aus dem piemontesichen Adelsgeschlecht Falletti di Barolo und war am 26. Oktober 1782 in Turin geboren. Tancredi zeichnete sich von frühester Jugend an durch Intelligenz, Gerechtigkeitsliebe und edle Gefühle aus. Er wurde ein frommer Mann, der den Erfordernissen seiner Zeit offen und aufmerksam begegnete. Als Napoleon versuchte, seinem Hof dadurch zu mehr Ganz zu verhelfen, dass er sowohl den emigrierten alten französischen Adel als auch Mitglieder adliger Familien aus den von ihm beherrschten Gebieten an seinen Hof berief, musste Tancredi nach Paris ziehen. Er wurde zunächst Page, später Kammerherr im kaiserlichen Palast.

Tancredi und Juliette entdeckten, dass sie vieles gemeinsam hatten: einen tiefen Glauben, eine breite Bildung sowie den Wunsch, sich für eine bessere Gesellschaft einzusetzen. Vom Temperament her waren sie allerdings grundverschieden: Sie war überaus geistreich, schlagfertig und ungestüm; er hingegen mild, zurückhaltend und nachdenklich. Die Hochzeit fand am 18. August 1806 in Paris statt. Da beide aus wohlhabenden Familien kamen, konnten sie bis zum Sturz Napoleons 1814 ein sorgloses Leben führen. Sie wohnten in Turin, fuhren jedoch oft nach Paris. Auf ihren Reisen besichtigten sie die neuen sozialen Einrichtungen, die im Sinne des Evangeliums errichtet worden waren. Das Leben des Paares war von der schmerzlichen Erfahrung der Kinderlosigkeit geprägt. Trotz dieser schweren Prüfung wurde die Zuneigung der Eheleute immer reiner und stärker, denn sie fußte auf den Tugenden des Glaubens und der Nächstenliebe. Sie fanden sich mit ihrer Kinderlosigkeit ab, die sie als Gottes Willen betrachteten, und wandten sich den Armen von Turin zu, was ihnen eine hohe spirituelle Fruchtbarkeit bescherte.

„Viele Ehepaare können keine eigenen Kinder bekommen“, schreibt Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Amoris lætitia (19. März 2016). „Wir wissen, wie viel Leid das mit sich bringt. Andererseits wissen wir auch, dass die Ehe nicht nur zur Zeugung von Kindern eingesetzt ist. Wenn deshalb das – oft so erwünschte – Kind fehlt, bleibt die Ehe dennoch als volle Lebensgemeinschaft bestehen und behält ihren Wert sowie ihre Unauflöslichkeit. Außerdem ist die Mutterschaft keine ausschließlich biologische Wirklichkeit, sondern drückt sich auf unterschiedliche Weise aus. Die Adoption ist ein Weg, die Mutterschaft und die Vaterschaft in einer sehr großzügigen Weise zu verwirklichen, und ich möchte diejenigen, die keine Kinder bekommen können, ermutigen, weitherzig zu sein und ihre eheliche Liebe zu öffnen, um die zu empfangen, die kein geeignetes familiäres Umfeld haben. Sie werden nie bereuen, großherzig gewesen zu sein. Die Adoption ist die Tat der Liebe, jemandem eine Familie zu schenken, der keine hat. Es ist wichtig, darauf zu bestehen, dass die Gesetzgebung die Formalien für die Adoption erleichtert, vor allem in den Fällen unerwünschter Kinder, um der Abtreibung oder der Aussetzung zuvorzukommen. Diejenigen, welche die Herausforderung annehmen, einen Menschen bedingungslos und unentgeltlich zu adoptieren und aufzunehmen, werden zu Mittlern dieser Liebe Gottes, der sagt: Selbst wenn eine leibliche Mutter ihr Kind vergessen würde: Ich vergesse dich nicht (Jes 49,15)“ (Nr. 178-179).

Die „Kindergärten“

Die Barolos nahmen vernachlässigte Kinder in ihr prächtiges Turiner Haus auf und legten damit den Grundstein für die späteren „Kindergärten“. Der Stundenplan beinhaltete Religionsunterricht, Lesen, Gebete, Spiele usw. Den noch formbaren Wesen sollten damit die wesentlichen Grundlagen des sittlichen Lebens wie Gottesfurcht, Respekt vor den Eltern, Gehorsam und Aufrichtigkeit vermittelt werden. Die zunächst weltlichen Lehrerinnen wurden 1832 durch Nonnen ersetzt. Zwei Jahre danach gründeten die Eheleute Barolo die der christlichen Kindererziehung geweihte Kongregation der Suore di Sant’Anna.

Obwohl ihre Familie dagegen war, gelang es Juliette dennoch, bis in die Gefängnisse vorzudringen. Sie wurde von den weiblichen Häftlingen mit Beschimpfungen, manchmal sogar mit Schlägen empfangen. Sie ließ sich nicht entmutigen, sondern setzte ihre Besuche fort, bis sie schließlich akzeptiert wurde. Sie verbrachte ganze Tage mit diesen Frauen, unterwies sie im Katechismus und lehrte sie lesen, beten, vergeben und sich heiligen. Das Ehepaar Barolo ließ seine Beziehungen spielen, reichte Berichte über das erniedrigende Leben der Gefangenen an die Behörden weiter und machte Lösungsvorschläge. Juliette wollte persönlich bei den maßgeblichen Leuten vorsprechen, obwohl es ihr sehr schwer fiel. Sie wurde zunächst kalt und mit spöttischer Höflichkeit empfangen, doch sie war so überzeugend, dass sie bald als echte Autorität galt. 1821 wurde dank ihrer Bemühungen ein neues Frauengefängnis eröffnet, zu deren Leiterin sie ernannt wurde. Juliette ließ eine Kapelle einrichten und übernahm die Kosten für die Gottesdienste. Die Frauen, die sich durch ihre Belehrungen und ihre Zuneigung hatten bekehren lassen, freuten sich darüber, dass sie nicht länger von den religiösen Zeremonien ausgeschlossen waren. „Meine armen Kinder“, sagte sie zu ihnen, „Gott ist immer mit uns, aber es ist ein großes Glück, am heiligen Messopfer teilnehmen zu können, das er in seiner Liebe zur Vergebung unserer Sünden eingesetzt hat.“ Um Unterstützung bei ihrer Arbeit zu bekommen, leistete Juliette einen finanziellen Beitrag zur Ansiedlung von Josefsschwestern in Turin. Unter deren mildem und liebevollem Einfluss wurden die Gefangenen immer umgänglicher und fügsamer. Juliette bezeugte: „Mehrere Frauen sind im Gefängnis gestorben: alle in heiliger Ruhe und unerschütterlichem Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit. Ich habe keine einzige in gottlosem Zustand sterben sehen, und auch wenn sie sich anfänglich ungläubig gaben, nahmen sie die Ermahnungen nach und nach an und folgten den guten Beispielen. Ich habe da viel Unwissen, aber keinen Unglauben angetroffen; mehr als einmal hörte ich jemanden rufen: ‚Dank Ihnen, gnädige Frau, freue ich mich, dass ich ins Gefängnis gekommen bin; ich habe da gelernt, das Gute und das Böse zu erkennen und in der Religion Trost zu finden.’“

Die „Magdalenen“

1823 erteilte die Regierung von Piemont dem Ehepaar Barolo die Genehmigung, aus eigenen Mitteln ein Heim für ehemalige weibliche Häftlinge und reuige Prostituierte zu gründen. In dem von Josefsschwestern betreuten Heim entstanden auf Anregung Juliettes zwei Gemeinschaften: ein Nonnenkloster kontemplativer Prägung für alle Reuigen, die sich zu einem gottgeweihten Leben berufen fühlten – die sogenannten „Magdalenen“; für diejenigen, die zwar nicht ins Kloster gehen, aber auch nicht in die Welt zurückkehren wollten, wurde ein Dritter Orden für Krankenpflege gegründet: die Oblaten der heiligen Maria Magdalena.

Tancredi wurde 1816 in den Turiner Stadtrat gewählt. Er wirkte zunächst als Ratsherr, in den Jahren 1826 und 1827 sogar als einer der beiden Bürgermeister. In den 22 Jahren, die er im Dienste der Stadtverwaltung verbrachte, wurde er zum Fürsprecher und Förderer mehrerer Bildungs- und Wohlfahrtseinrichtungen; er wollte damit nicht nur den Bedürftigen helfen, sondern auch die soziale Gerechtigkeit und den sozialen Frieden stärken. Als Mitglied der Kommission für das öffentliche Bildungswesen kümmerte er sich insbesondere um die Organisation des Grundschulunterrichts, den er den christlichen Schulbrüdern anvertraute. Daneben ließ er auch höhere Volksschulklassen einrichten, die es früher nicht gegeben hatte. Diese 1827 von der Regierung genehmigten Schulen waren für Heranwachsende aus der Unterschicht bestimmt, die vor dem Einstieg ins Arbeitsleben ihr Wissen abrunden wollten. Die Schulen verfolgten einen doppelten Zweck: zum einen die wachsende Schülerzahl an den Kollegien begrenzen, da die Universitäten nicht alle Absolventen aufnehmen konnten; zum anderen eine angemessene Bildung und gute Berufsvorbereitung für Handwerker, Händler usw. bieten. Als umsichtiger Pädagoge kümmerte sich Tancredi persönlich um die Vorschriften, die Lehrbücher, die Prüfungen, die einzelnen Fächer und die Unterrichtsmethoden.

Der Marchese ließ Kirchen, Krankenhäuser und Schulen renovieren bzw. bauen, arbeitete eifrig daran, die Lebensumstände seiner Mitbürger zu verbessern, und fand daneben noch Zeit, speziell für die Jugend allgemeinbildende Werke zu schreiben. Diese Hefte waren in schlichtem Stil geschrieben und wurden kostenlos verteilt. Tancredi nutzte jede Gelegenheit, seine Leser zu erbaulichen Gedanken anzuregen. In seinen „Kurzen Belehrungen für die Jugend“ schrieb er: „Junge Leute sollen sich mit innigen Gebeten und aufrichtigem Herzen dem himmlischen Vater zuwenden, damit er sie liebevoll und sicher auf ihrem kurzen Weg geleite.“

Nachdem er wieder einfacher Ratsherr geworden war, spendete Tancredi aus Respekt für die Seelen der Verstorbenen eine beträchtliche Summe für die Erschließung eines neuen Friedhofs. Im Gegenzug bat er lediglich um eine bescheidene Grabstelle für seine Familie; eine Inschrift sollte die Besucher bitten, für die Ruhe seiner Seele und der Seelen seiner Angehörigen zu beten.

Eine tiefe Freundschaft

Juliette widmete ihre Zeit vor allem barmherzigen Werken, verbrachte mehr als eine Stunde am Tag mit Beten und trug ein Büßerhemd aus Rosshaar. Sie war hochgebildet, sprach fünf Sprachen fließend und gewann die gesamte intellektuelle und politische Elite Turins, die bei ihr ein- und ausging, für sich. Das Ehepaar Barolo nahm den Dichter Silvio Pellico (1789-1854) nach dessen Entlassung aus dem Gefängnis bei sich auf. Dieser war ein begeisterter Patriot und kämpfte für die Einheit Italiens. Da er bei den Österreichern als gefährlicher Revolutionär galt, wurde er zum Tode verurteilt; die Todesstrafe wandelte man jedoch bald in eine Haftstrafe um. Die Barolos nahmen sich seiner an und stellten ihn 1834 als Bibliothekar ein. Tancredi verband eine tiefe Freundschaft mit ihm. 1838 wurde Silvio Pellico Juliettes Sekretär und begleitete sie, wenn sie Arme und karitative Einrichtungen besuchte.

1835 brach zunächst im Piemont, dann in Turin eine Choleraepidemie aus. Anders als viele Adlige, die überstürzt aus der Stadt flohen, kehrte das Ehepaar Barolo von einem Aufenthalt auf dem Lande unverzüglich in die Stadt zurück. Tancredi organisierte die Hilfe für die Kranken; er richtete Hilfszentren sowie Tag und Nacht geöffnete Lazarette ein. Aus Angst, Juliette könnte sich anstecken, ließ er sie anfangs nur Witwen und Waisen besuchen. Erst als sich seine Angst etwas gelegt hatte, durfte seine Frau auch Kranke pflegen. In jenen tragischen Wochen, in denen sich viele Turiner durch Mut und Großherzigkeit auszeichneten, legten die Ratsherren ein Gelöbnis vor der Jungfrau della Consolata, der Patronin der Stadt, ab, um ein Ende der Choleraepidemie zu erreichen. Der Text wurde von Tancredi vorbereitet. Der Stadtrat verpflichtete sich darin, die unterirische Kapelle – die heutige Krypta della Consolata – der Sankt-Andreas-Kirche zu renovieren, auf dem Platz davor eine Säule mit einer Statue der Gottesmutter zu errichten, ein Vierzigstündiges Gebet abzuhalten und jeden 30. August in sieben aufeinanderfolgenden Jahren an einem Dankgottesdienst zu Ehren der Maria della Consolata teilzunehmen. Das Pergament mit dem Gelübde wurde während einer Festmesse dem Erzbischof überreicht. Das Gelübde und die vielen Gebete konnten ein Ende der Seuche erwirken. Juliette wurde für ihren Einsatz mit der Goldmedaille der Stadt geehrt, Tancredi wurde zum „Kommandanten der Heiligen Mauritius und Lazarus“ ernannt.

Wer wird als erster gehen?

Doch bald danach bekam das Ehepaar Barolo zunehmend Gesundheitsprobleme: Bei Juliette traten sie recht augenfällig zutage, bei ihrem Mann eher schleichend. Tancredi sagte eines Tages zu seiner Frau: „Ich werde als erster gehen.“ Die Choleraepidemie war seit drei Jahren Überwunden, als er plötzlich heftige Schmerzen bekam. Auf Anraten der Ärzte brachen die Barolos zur Erholung nach Tirol auf. Doch Tancredis Zustand verschlimmerte sich; das Ehepaar beschloss umzukehren. In Chiari bei Brescia fühlte sich Tancredi dem Tod nahe. Der Pfarrer des Ortes spendete ihm das Sakrament der Krankensalbung. Er verschied am 4. September 1838 friedlich in Juliettes Armen und ging in das wahre Leben ein.

Die sterbliche Hülle des Marchese wurde nach Turin überführt. Würdenträger, Freunde und ein Heer von Armen, die ihre Dankbarkeit ausdrücken wollten, versammelten sich, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Die schlichte Trauerfeier fand, wie Tancredi in seinem Testament verfügt hatte, in der St. Dalmas-Kirche statt. Am Herzen lagen ihm einzig die Gebete für seine Seelenruhe: Er hatte dafür gesorgt, dass viele Messen für dieses Anliegen gelesen und reichlich Almosen an die Armen sowie an karitative Einrichtungen verteilt wurden. Auf seinen Grabstein ließ Juliette folgende Inschrift meißeln: „Er hat für viele Leute viel Gutes getan; er hätte es gern für alle getan.“

Beim Tode des Marchese standen die „Tauben“, wie er die Schwestern einer vier Jahre zuvor von ihm gegründeten Kongregation zur Erziehung vernachlässigter Kinder nannte, noch ganz am Anfang. Juliette vollendete das begonnene Werk ihres Mannes und verfasste Konstitutionen für das junge Institut, die 1841 vom Turiner Erzbischof gebilligt wurden. Am 8. März 1846 bekam sie schließlich auch die Approbation des Heiligen Stuhls. Die Kongregation breitete sich anschließend in ganz Italien und nach 1871 auch in vielen Missionsländern aus. Juliette blieb den „Tauben“ stets eng verbunden: Sie besuchte ihre Einrichtungen und sorgte sich sowohl um die finanzielle Unterstützung als auch um die spirituelle Vitalität der Konvente.

Für die Erziehung junger Mädchen aus der Oberschicht siedelte die Marchesa die von ihrer Freundin, der heiligen Sophie Barat (1779-1865), gegründete Kongregation der Sacré-Coeur-Schwestern in Turin an. Daneben unterstützte sie auch das Krankenhaus des heiligen Giuseppe Benedetto Cottolengo (1786-1842), das „kleine Haus der Göttlichen Vorsehung“, in Turin. 1832 hatte Tancredi, als damaliger Verwalter des Krankenhauses von Moncalieri, angeregt, ein Nebengebäude für arme Kinder vorzusehen. Juliette verfolgte die Pläne ihres Mannes weiter, kümmerte sich selbst um das Werk und ließ es nach Turin verlegen. Das Hospital für Waisen und Mädchen aus armen Familien wurde 1845 eingeweiht. Juliette berief den jungen Don Bosco (1815-1888) zum Krankenhausgeistlichen; daneben sollte er auch die seelsorgerische Betreuung der gefallenen Mädchen im 1823 gegründeten Heim übernehmen. Die Zusammenarbeit zwischen ihm und der Marchesa währte nur zwei Jahre, da Don Bosco der Betreuung von Straßenjungen in den von der Marchesa zur Verfügung gestellten Räumen Vorrang einräumte. Juliette musste auf seine Mitarbeit verzichten und begnügte sich hinfort damit, sein Werk anonym durch eine Mittelsperson finanziell zu unterstützen.

Ein Weg, der in den Himmel führt

1848 wurde Europa erneut von Revolutionen erschüttert. In Turin ging man auf die Straße, um für einen vereinigten italienischen Staat zu demonstrieren – ungeachtet der seit jeher geltenden Rechte des Heiligen Stuhls über die päpstlichen Hoheitsgebiete. Die Demonstrationen richteten sich gegen die katholische Kirche und ihre Institutionen. Die Marchesa di Barolo war ernsthaft gefährdet; man riet ihr, die Stadt zu verlassen. „Ich kann meine 500 Adoptivtöchter nicht mitnehmen“, erwiderte sie heftig. „Ich muss also bleiben, um ihnen bis zuletzt als Mutter beizustehen. Vielleicht will man mir den Kopf abschlagen? Das ist auch ein Weg, der in den Himmel führt. Der Herr hat meiner Großmutter den Mut geschenkt, unter der Guillotine zu sterben. Er wird mich bestimmt nicht im Stich lassen. Weder Drohungen noch Verfolgungen, noch Folterqualen werden mich soweit bringen, den Posten zu verlassen, an den mich meine Pflicht bindet!“ Die Heimsuchung steigerte lediglich ihre Geduld und Entschlossenheit. Doch selbst als die öffentliche Ordnung wiederhergestellt war, konnte sie trotz aller Gelassenheit ihre Angst vor der Zukunft nicht ganz vergessen.

In dem Bestreben, alles zu erhalten, was sie zusammen mit ihrem Mann geschaffen hatte, vereinigte Juliette sämtliche Werke unter einer per Dekret anerkannten Dachorganisation öffentlichen Rechts, der sogenannten „Opera Pia Barolo“. Gegen Ende ihres Lebens finanzierte die Marchesa 1863 zum größten Teil aus eigenen Mitteln die Errichtung einer Kirche in einem Arbeiterviertel Turins, die der heiligen Julia, ihrer Namenspatronin, geweiht wurde. Als sie im Oktober 1863 wieder erkrankte und ihren Tod nahen fühlte, bereitete sie sich im Geiste des Glaubens darauf vor, vor Gott zu treten; sie erwartete den Augenblick mit zuversichtlichem Herzen, den Blick auf das Kruzifix geheftet und mit einem Bild der Gottesmutter in der Hand, welches sie vom heiligen Pfarrer von Ars geschenkt bekommen hatte. Am 19. Januar 1864 gab sie ihre Seele friedlich in die Hand Gottes zurück. Die sterblichen Hüllen des Ehepaars Barolo ruhen heute im Chor der Kirche Santa Giulia. 1991 wurde ein Seligsprechungsprozess für Juliette, 1995 für Tancredi eröffnet. Am 5. Mai 2015 erkannte der Papst die Heldenhaftigkeit von Juliettes Tugenden an; sie wurde somit für „ehrwürdig“ erklärt – eine bedeutende Etappe auf dem Weg zur Seligsprechung.

Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben (Mt 10,8), hat Jesus gesagt. Ebenso: Ich habe euch erwählt und euch bestellt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe … Das ist mein Auftrag für euch: Liebt einander (Joh 15,16-17). Die Gaben, die der Herrn uns schenkt, sind zum Wohl unseres Nächsten bestimmt. Das Ehepaar Barolo hatte den großen Reichtum, den der Herr ihnen unverdient geschenkt hatte, in den Dienst der Armen gestellt. Mögen wir ihrem Beispiel folgen und unsere Talente, mögen sie auch noch so bescheiden sein, in den Dienst unserer Mitmenschen stellen.

Dom Antoine Marie osb

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