Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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15. August 2016
Mariä Himmelfahrt


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Bei einem Kreuzweg, den er am 26. Juli 2013 in Rio de Janeiro (Brasilien) mit Jugendlichen betete, sagte Papst Franziskus: „Im Kreuz Christi ist die ganze Liebe Gottes, ist seine unermessliche Barmherzigkeit. Und das ist eine Liebe, der wir vertrauen können, an die wir glauben können … Vertrauen wir auf Jesus, vertrauen wir uns ihm an, denn nie enttäuscht er einen! Nur im gestorbenen und auferstandenen Christus finden wir das Heil und die Erlösung.“

Das Kreuz Christi war das große Mysterium, das vom seligen Frédéric Janssoone, einem auf drei Kontinenten tätigen Apostel des 19. Jahrhunderts, gepredigt wurde. Er wurde am 19. November 1838 in Ghyvelde, einem flämischen Dorf bei Dünkirchen, in Nordfrankreich geboren. Sein Vater Pierre-Antoine war einfacher Bauer und zeichnete sich durch typisch flämische Tugenden aus: Respekt vor gut gemachter Arbeit, Familiensinn sowie einen schlichten und festen Glauben. Frédérics Mutter Marie-Isabelle war nicht nur eine gute Ehefrau und besonnene Familienmutter, die insgesamt 13 Kinder gebar, sondern auch eine eifrige Christin; sie weihte alle ihre Kinder der Jungfrau Maria und wünschte sich sehnlichst, dass einer ihrer Söhne Priester werde. In der harmonischen Familie pflegte man gemeinsam den Rosenkranz zu beten und die Geheimnisse im Leben Jesu zu betrachten (in jedes „Gegrüßet seist du, Maria“ wird ein sogenanntes Geheimnis eingefügt, das betrachtet wird). Frédéric erzählte später, einmal hätten die vier jüngsten Kinder beschlossen, Einsiedler zu werden, nachdem sie Auszüge aus dem Leben der Wüstenväter gehört hatten, und seien verschwunden; man habe sie erst am Abend betend hinter einem Heuschober gefunden! Die Familie Janssoone war bekannt für ihre Wohltätigkeit; in ihrem Heim fanden Arme stets sowohl Unterkunft als auch Verpflegung. Als der Erzbischof von Cambrai einmal bei einem Pastoralbesuch die Familie kennenlernte, sagte er: „Ich hätte nie gedacht, dass es heute noch so zutiefst christliche Familien gibt.“

Pierre-Antoine Janssoone starb 1848 an Magenkrebs. Frédéric war erst 10 Jahre alt, der Beste seiner Klasse an der Grundschule, und hatte den Wunsch, Priester zu werden, wie er seiner Mutter anvertraute. Der Älteste der Familie, Pierre, studierte bereits seit Kurzem am Großen Seminar. Das Studium war teuer, aber Marie-Isabelle zögerte nicht, für die Erfüllung des gemeinsamen Traums Opfer zu bringen. Frédérics erste Schritte an der höheren Schule gerieten glänzend; doch schon bald musste er das Kolleg verlassen und sich eine Arbeitsstelle suchen, nachdem sich seine Mutter durch Fehlinvestitionen ruiniert hatte und krank wurde; Pierre verließ ebenfalls das Seminar – aus Gesundheitsgründen. Die beiden Brüder wurden in einem Tuchhandelsgeschäft in Estaires angestellt. Frédéric begann als einfacher Laufbursche. Dank seiner Geschicklichkeit stieg er rasch auf, wurde zunächst Kommis, dann Sozius und konnte seiner beruflichen Zukunft mit Zuversicht entgegenblicken.

In der groben Kutte der Franziskaner

Der Tod seiner Mutter 1861 war für Frédéric der Auslöser, neben der Arbeit sein Studium fortzusetzen. Frau Janssoone hatte den Wunsch mit in den Himmel genommen, einer oder mehrere ihrer Söhne mögen Priester werden (eine Tochter war bereits Ordensschwester). Pierre wurde Missionar und wirkte 42 Jahre lang in Indien, wo er – wie ein Heiliger verehrt – 1912 starb. Ein weiterer Sohn, Henri, schloss sich den Franziskanern an, ertrank jedoch 1867. Frédéric hatte den Ruf Gottes eigentlich aus den Augen verloren; doch durch den Tod seiner Mutter besann er sich wieder auf seinen ursprünglichen Plan, sich ganz dem Herrn zu weihen. Er wurde in der Zisterzienser-abtei Mont-des-Cats vorstellig, doch der Pater Abt fühlte sich durch sein weltliches Auftreten derart irritiert, dass er ihn abwies. Frédéric wandte sich daraufhin an die Franziskaner, trat 1864 in deren Kloster in Amiens ein und empfing bald die aus grobem braunem Wollstoff gefertigte Kutte. Das Leben im Noviziat war asketisch, die winterliche Kälte hart, die Armut ganz real. Nach einer Periode des Zweifelns legte Frédéric am 18. Juli 1865 schließlich seine Profess ab. Er studierte zunächst in Limoges, dann in Bourges, wo er 1870 im Alter von 32 Jahren zum Priester geweiht wurde.

Während des Deutsch-Französischen Krieges wurde Pater Frédéric als Anstaltsgeistlicher an das im Sacré-Coeur-Kloster von Bourges eingerichtete Militärkrankenhaus abgeordnet, wo er vielen verwundeten und an Typhus erkrankten Soldaten half, sich mit dem Herrn zu versöhnen. Nach Einstellung der Kampfhandlungen 1871 wurde er nach Bordeaux in ein neugegründetes Kloster versetzt und bald danach zu dessen Superior gewählt. Er organisierte dort glanzvolle religiöse Großveranstaltungen, insbesondere am 2. August, dem Tag des Portiunkula-Ablasses, der jedem Gläubigen gewährt wird, der an dem Tag in frommer Gesinnung eine Kirche des Franziskanerordens aufsucht. (In der Portiunkula-Kapelle in Assisi hatte der heilige Franziskus die Zusicherung erhalten, dass seine Sünden vergeben seien.) Pater Frédéric versammelte 25 000 Personen um das Heiligtum von Notre-Dame des Anges. Bis zu seinem Tode pflegte er das Fest vom 2. August als großes Heilserereignis zu feiern. Doch er war nicht für das Vorsteheramt geschaffen; 1873 wurde er schließlich von der drückenden Last befreit und wirkte fortan als Prediger bei Gemeindemissionen. Ziel dieser Veranstaltungen der „inneren Mission“ war eine „Neuevangelisierung“ der Christen, die ihre religiösen Pflichten vernachlässigt hatten. 1876 wurde der Pater auf eigenen Antrag für sechs Jahre in das Heilige Land entsandt. Bereits seit 1342 vertraut die Kirche die „Kustodie“, d.h. die Bewachung der durch das Leben und die Passion Christi geheiligten Stätten sowie die Betreuung der Pilger, dem Franziskanerorden an. Insgesamt hatten seither 6 000 Franziskaner diese Mission in Palästina erfüllt, 2 000 von ihnen hatten den Boden des Heiligen Landes sogar mit ihrem Blut getränkt. Nach seiner Ankunft in Jerusalem hielt Pater Frédéric erst einmal eine vier Monate lange Einkehr im Kloster an der Grabeskirche, dem Ort, an dem Jesus begraben worden und auferstanden war.

Friedensstifter

1?878 wurde Pater Frédéric zum Vikar, d.h. zum ersten Assistenten des Kustos (des kanonischen Oberen der Franziskaner im Heiligen Land), ernannt. Der Vikar hatte eine dreifache Funktion zu erfüllen: eine diplomatische Rolle gegenüber Frankreich; das Amt des Pönitentiars, d.h. die Verantwortung für die geistliche Betreuung der französischsprachigen Gläubiger; schließlich eine administrative Funktion, die die Errichtung sowie den Unterhalt katholischer Klöster und Kirchen umfasste. So ließ Pater Frédéric die Katharinenkirche in Bethlehem errichten, um den Verlust der Geburtskirche zu kompensieren, die seit dem 18. Jahrhundert von den Orthodoxen besetzt war. Sie wurde nach langwierigen Verhandlungen mit dem orthodoxen Bischof, dem türkischen Pascha und dem französischen Konsul 1882 fertiggestellt. Auf Pater Frédéric geht auch der Bau der Salvatorkirche in Jerusalem zurück.

1881 verfügte die antiklerikale Regierung Frankreichs die Vertreibung von 5000 Ordensleuten, die unerwünschten Kongregationen angehörten. Die Maßnahme war ein schwerer Schlag für die französischen katholischen Missionswerke. Pater Frédéric reiste im August 1881 nach Kanada, um dort für die Mission im Heiligen Land zu werben. Der kalte kanadische Winter setzte ihm allerdings so zu, dass er ernsthaft erkrankte; er konnte erst im Juni 1882 geheilt nach Palästina zurückkehren, wo er zunächst die mitunter blutigen Auseinandersetzungen zwischen Christen unterschiedlicher Konfessionen um die Nutzung der Grabeskirche in Jerusalem und der Geburtskirche in Bethlehem schlichten musste. Im Einvernehmen mit den Vertretern der verschiedenen Kirchen versuchte Pater Frédéric die bis dahin nur mündlich abgesprochenen Regelungen schriftlich festzuhalten. Zu diesem Zweck beobachtete er mit Hilfe eines Bruders Tag und Nacht die geltenden Gebräuche an den heiligen Stätten und verfasste zwei dicke Bücher über die jeweilige Nutzung der Grabes- und der Geburtskirche. Die Regelungen gelten auch heute noch. Auf seinen unzähligen Streifzügen durch das Heilige Land erwarb sich Pater Frédéric eine profunde Kenntnis der heiligen Stätten. Er kümmerte sich nebenbei um die katholischen Pilger, die sich im damals rauhen und unwirtlichen Palästina zurechtfinden mussten, und ließ für sie das Hospiz Notre-Dame de France errichten, wo er auch Exerzitien durchführte.

Ein Weg des Mitleidens

Bereits im 14. Jahrhundert pflegten die Franziskaner des Heiligen Landes freitags zusammen mit Pilgern die „Via dolorosa“ nachzugehen – den Weg, den Jesus Christus bei seiner Passion vom Prätorium des Pilatus bis nach Golgotha und zum Heiligen Grab zurückgelegt hatte –, um an dem Ort zu beten, an dem der Herr gelitten und sein Leben hingegeben hatte. Diese Praxis liegt der Kreuzwegverehrung zugrunde, die die Franziskaner später in der ganzen Christenheit verbreiteten. Die Anzahl der Kreuzwegstationen wurde im 17. Jahrhundert auf 14 festgelegt. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts machte sich vor allem der heilige Leonhard von Porto Maurizio um diese Andachtsform verdient. Pater Janssoone führte sie nach 1878 auch in Jerusalem schrittweise wieder ein; bald durfte er beim Karfreitagskreuzweg mit Genehmigung der ottomanischen Herrscher sogar öffentlich zu predigen. Diese Predigten wurden von vielen Pilgern als der Höhepunkt ihrer Wallfahrt betrachtet. Von dieser Zeit an leiten die Franziskaner jede Woche einen Kreuzweg die „Via dolorosa“ in Jerusalem entlang.

Die Kirche öffnet weitherzig die geistliche Schatzkammer, deren Hüterin sie ist – und die auf den unschätzbaren Verdiensten des Heilands, der Jungfrau Maria und der Heiligen beruht –, und gewährt jedem Gläubigen einen vollkommenen Ablass, der die fromme Übung des Kreuzweges verrichtet (oder, wenn ihm das unmöglich ist, sich dem über Funk bzw. Fernsehen übertragenen Kreuzweg des Heiligen Vaters anschließt oder eine Viertelstunde lang in Betrachtung des Leidens und Sterbens unseres Herrn verharrt). Der Kreuzweg ist ein Weg des Mitleidens mit Christus, mehr noch, ein Weg der Bekehrung und schließt neben der Einsicht, dass unsere Sünden im Grunde für das Leiden und den Kreuzestod Jesu verantwortlich sind, auch die Bitte um Vergebung an Gott den Vater mit ein. Er ist auf zwei Pole ausgerichtet: zum einen die Betrachtung der Passionsszenen und zum anderen unser Wandeln auf den Spuren Christi im täglichen Leben – im Gefolge der Gottesmutter, die der Überlieferung nach als erste die Leidensstrecke ihres Sohnes bis zum Kalvarienberg nachgegangen ist. Jede der 14 Stationen dient dem Gedenken an einen bestimmten Moment des Leidesweges (der nicht immer im Evangelium erwähnt ist, etwa die Begegnung mit der heiligen Veronika), begleitet von einem Gebet sowie dem Singen einer Strophe aus dem Stabat Mater oder einem anderen passenden Kirchenlied.

Das Entstehen eines Heiligtums

Pater Frédéric wurde im April 1888 auf Bitten zahlreicher kanadischer Geistlicher durch ein päpstliches Breve zum Kommissar des Heiligen Landes in Kanada ernannt. Sein Auftrag bestand darin, dringend notwendige Mittel für den Erhalt sowie den reibungslosen Betrieb der Heiligen Stätten in Palästina zu beschaffen – durch Predigten, Spendensammlungen und die Organisation von Wallfahrten. Gleich nach seiner Ankunft in Trois-Rivières, einer Stadt zwischen Montreal und Québec, wurde er eingeladen, bei der Weihe einer kleinen, 1720 in Cap de la Madeleine am Sankt-Lorenz-Strom errichteten Kirche für Unsere Liebe Frau zu predigen. Am 22. Juni 1888 sagte er bei der Segnung einer Statue der Jungfrau von der wundertätigen Medaille in jener Kirche voraus, dass „Notre-Dame du Cap“ das bedeutendste Marien-Heiligtum Kanadas werde. Am gleichen Abend suchten Pater Frédéric, Abbé Désilets, der Gemeinde-pfarrer, sowie Pierre Lacroix, ein behinderter Mann, die kleine Kirche zum Beten auf und erlebten mit, wie die Statue der Gottesmutter plötzlich die Augen hob, die sie normalerweise gesenkt hielt, und mit einem traurig-strengen Ausdruck aufblickte. Das Wunder dauerte fünf bis zehn Minuten. Von diesem Tage an warb Pater Frédéric unermüdlich für die Wallfahrt zu Notre-Dame du Cap; er machte sie sowohl auf seinen Reisen als auch durch die Zeitschrift „Les Annales du Très Saint Rosaire“ überall bekannt. Der wachsende Ansturm der Pilger machte 1897 die Errichtung eines Anlegeplatzes für Schiffe mit Tiefgang und bald auch einer Zweigbahn erforderlich, die am Heiligtum endete. Aufgrund seiner übermäßigen Belastung vertraute Pater Frédéric das Heiligtum 1902 den Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria an; zwei Jahre danach gewährte der Heilige Stuhl der Statue von Notre-Dame du Cap das seltene Privileg der „Krönung“. Im Laufe der Zeremonie durfte Pater Frédéric die Krone tragen, mit der der Bischof zum Zeichen der geistlichen Königinnenwürde Mariens das Haupt der Statue krönte. 1955 begannen die Oblaten mit der Errichtung einer stattlichen Basilika neben der „kleinen Kirche“; sie wurde 1964 fertiggestellt.

Doch das 28 Jahre währende Apostolat Pater Frédérics in Québec erstreckte sich auf viele weitere Bereiche. Er engagierte sich unermüdlich als Prediger, Wandermissionar und Journalist im Dienste seiner Adoptivheimat. Er zog von Gemeinde zu Gemeinde und predigte über die großen Glaubenswahrheiten, insbesondere die vier letzten Dinge (Tod, Gericht, Himmel, Hölle), von denen der selige Papst Paul VI. einmal sagte: „Zu den grundlegenden Prinzipien des christlichen Lebens gehört, dass es gemäß seiner künftigen und ewigen eschatologischen Bestimmung gelebt werden muss. Ja, da gibt es einiges, wovor wir zittern können. Hören wir noch einmal die prophetische Stimme des heiligen Paulus: Wirkt euer Heil mit Furcht und Zittern (Phil 2, 12). Die Wichtigkeit und Ungewissheit unseres ewigen Schicksals waren immer ein ergiebiger Gegenstand zum Nachdenken und eine Energiequelle ohnegleichen für die Moral und auch für die Heiligkeit des christlichen Lebens“ (28. April 1971). Ein andermal mahnte Paul VI.: „Man spricht selten und wenig von den letzten Dingen. Doch das II. Vatikanum erinnert uns an die schwerwiegenden eschatologischen Wahrheiten, die uns betreffen, auch an die schreckliche Wahrheit einer möglichen ewigen Strafe, die wir Hölle nennen, über die Christus ganz offen gesprochen hat (vgl. Mt 22,13; 25,41 – Konstitution Lumen gentium, Nr. 48)“ – (Audienz vom 8. September 1971). Viele Menschen fühlten sich von Pater Frédérics schlichten, kraftvollen Worten angesprochen und wollten ihre Sünden beichten. Um sie anzuhören, wurde der Pater von einem „Heer“ von Geistlichen begleitet; wenn ein Gläubiger ihn um seine Fürbitte bat und dann wunderbare Gnadengaben empfing, so schrieb sie der Pater stets der Fürsprache von Notre-Dame du Cap sowie der Kraft der aus dem Heiligen Land mitgebrachten Reliquien zu.

Die Schiffsreisen auf dem Sankt-Lorenz-Strom

Als echter Franziskaner lebte Pater Frédéric in strengster Armut, die nicht nur alles Überflüssige ausschloss, sondern auch das Notwendige nur sparsam zuließ. Da er Spenden sammelte, flossen große Summen durch seine Hände; gleichwohl zeugten seine Kleidung, seine Nahrung, seine Möbel und alles bei ihm von größter Askese. Als Wanderprediger erlegte er sich einen Lebensrhythmus auf, der auch gesundheitlich robustere Menschen zermürbt hätte: Er wollte unbedingt Seelen evangelisieren, um sie vor der Verdammnis zu retten. Die Worte des heiligen Paulus, Denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde … Denn die Liebe Christi drängt uns (1 Kor 9,16; 2 Kor 5,14), fanden ein Echo in seinem Herzen. Er fuhr öfter zum Predigen nach Beaupré und Montréal. Die Schiffsreisen auf dem Sankt-Lorenz-Strom (von Trois-Rivières nach Montréal dauerten sie 24 Stunden, nach Beaupré in der Nähe von Québec 36 Stunden) nutzte er zum Predigen. Ein Zeuge hatte ihn einmal vier Stunden lang ununterbrochen reden hören, ohne dass jemand Ermüdungserscheinungen gezeigt hätte. Pater Frédéric stiftete drei Kreuzwege in Kanada, um diese Frömmigkeitsübung auch dort zu verankern.

An Karfreitag 2005, kurz vor dem Tod des heiligen Papstes Johannes-Paul II., leitete Kardinal Ratzinger den Kreuzweg am Kolosseum. Zur Einführung erklärte er den Sinn dieser Andacht so: „Das Beten des Kreuzwegs ist so verstanden als ein Weg in die innere, geistliche Kommunion mit Jesus hinein, ohne die die sakramentale Kommunion leer bliebe. Diese Sicht steht einem bloß sentimentalen Verstehen des Kreuzwegs entgegen, deren Gefahr der Herr in der 8. Station den weinenden Frauen von Jerusalem entgegenhält. Bloßes Gefühl reicht nicht; der Kreuzweg soll eine Schule des Glaubens sein – jenes Glaubens, der seinem Wesen nach in der Liebe wirksam wird. Aber das bedeutet doch keinen Ausschluss der Gefühle … Der Kreuzweg zeigt uns den Gott, der selbst mit den Menschen mitleidet, dessen Liebe nicht in einer fernen Höhe unberührt bleibt, sondern heruntersteigt zu uns, bis in den Tod am Kreuz hinein. Der mitleidende Gott, der Mensch wurde, um unser Kreuz zu tragen, will unser steinernes Herz verwandeln und uns zum Mit-leiden rufen, uns das ‚Herz von Fleisch’ geben, das nicht an der Not des anderen vorübergehen kann, sondern sich verwunden lässt und zur heilenden und helfenden Liebe führt …

Damit sagt er uns zugleich, was sein Satz bedeutet, der beim heiligen Matthäus steht: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mt 16, 24). In all diesen Worten zusammen deutet er uns selber, was ‚Kreuzweg’ ist – wie wir ihn beten und gehen sollen: Der Kreuzweg ist der Weg des Sichverlierens, d.h. der Weg der wahren Liebe. Diesen Weg ist er uns vorangegangen.“ An Karfreitag 2013 wies uns Papst Franziskus darauf hin, dass der Kreuzweg uns hilft, uns für (oder gegen) Jesus zu entscheiden: „Das Kreuz … ist auch Gericht: Gott richtet uns, indem er uns liebt. Wenn ich seine Liebe annehme, bin ich gerettet, wenn ich sie ablehne, bin ich verurteilt, nicht von ihm, sondern von mir selbst, denn Gott verurteilt nicht, er liebt nur und rettet“ (29. März 2013).

Von Tür zu Tür

Pater Frédéric nutzte alle Mittel, um die gute Nachricht zu verkünden. Bis zu seinem Lebensende ging er unermüdlich „von Tür zu Tür“, um Spenden zu sammeln, fromme Bücher zu verkaufen und das Wort des Heils zu den Menschen zu bringen. Mit 72 Jahren verwandte er noch einen ganzen Monat lang zwölf Stunden pro Tag für eine solche Aktion. Er verzichtete oft auf seine Nachtruhe, um sich auch schriftlich der Bekehrungsarbeit zu widmen; er verfasste unzählige Zeitungsartikel sowie über 30 Bücher und Broschüren in einem schlichten und volksnahen Stil – insbesondere über das Leben unseres Herrn Jesus Christus und das Leben des heiligen Franziskus; sie waren damals allesamt Bestseller.

Obwohl sein energisches Auftreten und seine außerordentliche Ausdauer darüber hinwegtäuschen mochten, war Pater Frédérics Gesundheit nicht gerade robust. Wie er einem Freund bekannte, litt er unter ständigen Magenschmerzen, so dass er kaum etwas essen konnte. Erholung pflegte er in der apostolischen Arbeit zu finden: Gemeinde-missionen beendete er stets in besserer Verfassung als er sie begonnen hatte. 1916 brach er schließlich bei einer Wallfahrt zusammen; es wurde bei ihm fortgeschrittener Magenkrebs diagnostiziert. Nach einem fünfzigtägigen Krankenhausaufenthalt in Montreal, während dessen er unter vielerlei Versuchungen des Teufels litt, fand er in der Krankensalbung Trost, die, wie der Katechismus der Katholischen Kirche erklärt, „gegen die Versuchungen des bösen Feindes stärkt, gegen die Versuchung von Entmutigung und Todesangst“ (Katechismus, Nr. 1520). Pater Frédéric starb am 4. August 1916 und wurde in der Franziskanerkirche von Trois-Rivières beigesetzt. Der heilige Johannes-Paul II. sprach ihn am 25. September 1988 selig.

Bitten wir diesen glühenden Apostel des Kreuzes, er möge uns helfen, die Wahrheit zu entdecken, die in den Worten von Papst Franziskus vom 26. Juli 2013 steckt: „Was hat das Kreuz in denen hinterlassen, die es gesehen haben, und in denen, die es berührt haben? Was hinterlässt das Kreuz in jedem von uns? Seht: Es hinterlässt ein Gut, das niemand uns geben kann: die Gewissheit der treuen Liebe Gottes zu uns!“

Dom Antoine Marie osb

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