Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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8. Juni 2016
Hl. Eprem der Syrer, Kirchenlehrer


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

„Wo die Freude, der Eifer und der Wunsch bestehen, Christus zu den anderen zu bringen, wachsen auch echte Berufungen“, schrieb Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltmissionstag 2014. „Unter diesen darf die Berufung der Laien zur Mission nicht unerwähnt bleiben. Mittlerweile ist das Bewusstsein von der Identität und der Sendung der gläubigen Laien in der Kirche gewachsen, wie auch das Wissen darum, dass sie berufen sind, eine zunehmend wichtige Rolle bei der Verbreitung des Evangeliums zu übernehmen.“ Ein zeitnahes Beispiel hierfür bietet das Leben Marcello Candias, der sich als Laie und zugleich als Spross einer wohlhabenden Mailänder Familie in der Mission engagierte?: Er verkaufte sein Hab und Gut und baute von dem Geld ein Armenhospital in Brasilien.

Marcello Candia wurde 1916 in Portici (im italienischen Kampanien) als das dritte von fünf Kindern geboren. Sein Vater Camillo war Industrieller und besaß in Mailand, Neapel, Pisa und Aquileia eine Reihe von Kohlensäurefabriken. Camillo war kein Kirchgänger, doch er hatte aufgrund seiner katholischen Erziehung einen ausgeprägten Sinn für Anstand, Respekt sowie für berufliche und soziale Gerechtigkeit. Er war ein Arbeitgeber, für den die Familie und das Unternehmen an erster Stelle kamen – ein pflichtbewusster, verantwortungsvoller Mann. Er wandte sich von Anfang an gegen den Faschismus und schickte seine Kinder auf Privatschulen, um sie vor der herrschenden totalitären Ideologie zu schützen.

Leidenschaftliche Hinwendung zu den Armen

Die ersten Grundlagen des Glaubens lernte Marcello von seiner Mutter Luigia. Sie war eine gebildete Frau von hohen menschlichen Qualitäten und lebte nur für ihre Familie sowie – durch ihre Beteiligung an karitativen Werken – für die Armen. Marcello begleitete sie gern bei ihren Krankenbesuchen, denen stets ein Abstecher in eine Kirche vorausging, um dort Jesus in der Eucharistie zu begegnen. In seinem Herzen entstand eine leidenschaftliche Hinwendung zu den Benachteiligten und Leidenden?; sie wurde zur entscheidenden Triebfeder seines Lebens. Bereits mit 12 Jahren half er in der Suppenküche der Kapuzinerpatres in der Via Piave in Rom aus. Am 7. Februar 1933 starb Frau Candia im Alter von 42 Jahren. Marcello war 17 Jahre alt und trauerte so sehr, dass er darüber krank wurde und fortan häufig unter Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit litt.

Marcellos Frömmigkeit beeindruckte seine Freunde und Verwandten, die ihm vorwarfen, ein „Doppelleben“ zu führen?: Er zeigte sich einerseits als reicher, eleganter und umschwärmter junger Mann, als hervorragender Schüler und guter Kamerad, andererseits merkten aber alle, dass er stets in ein inniges Zwiegespräch mit Gott vertieft war. 1939 wurde Marcello zum Doktor der Chemie promoviert. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er einige Zeit als Chemiker in einer Sprengstofffabrik eingesetzt, wurde jedoch bald vom Kriegsdienst freigestellt. Er setzte sein Studium fort und arbeitete nebenher für seinen Vater. 1943 erwarb er den Doktortitel in Biologie und Pharmazie. Während des Krieges setzte er mehrfach seine Freiheit und sogar sein Leben aufs Spiel, indem er von Deportation bedrohte Juden unterstützte. Nach Kriegsende stand er heimkehrenden Verschleppten und Kriegsgefangenen bei. Zusammen mit drei Freunden organisierte er eine Anlaufstelle für medizinische und humanitäre Hilfe am Bahnhof und ließ in einem Park – zum größten Teil auf eigene Kosten – provisorische Unterkünfte für die Heimkehrer errichten. Als der autoritäre Leiter der Einrichung einmal verkünden ließ, wer nicht zur heiligen Messe komme, werde nichts zu essen bekommen, stellte Marcello sogleich richtig?: „Alle bekommen was zu essen?!“

Um seine ganze Freizeit karitativen Hilfswerken widmen zu können, verzichtete Marcello auf eine Heirat. Zusammen mit Elda Scarsella Marzocchi gründete er ein „Mutter-Kind-Dorf“ für ledige Mütter. Anfänglich hielt er das Projekt vor seinem Vater geheim, da er wusste, dass dieser dagegen sein würde?; als dieser jedoch merkte, wieviel Gutes sein Sohn bewirkte, stimmte er ihm schließlich zu. Marcellos Beichtvater hingegen riet von einer Zusammenarbeit mit Elda Marzocchi ab, denn in seinen Augen war das Milieu eines Heims für ledige Mütter unpassend für einen jungen Mann, der sich für den Zölibat entschieden hatte. So zog sich Marcello aus dem Projekt zurück und wandte sich der Unterstützung der Mission zu – zunächst durch Arzneimittelsendungen sowie die Gründung einer Zeitschrift mit dem Titel „Die Mission“. Mit J.-B. Montini, dem damaligen Erzbischof von Mailand und zugleich künftigem Papst Paul VI., sowie Professor Lazzati von der Mailänder Universität gründete er ein Heim für Studenten aus Übersee. Die Bischöfe der Missionsländer begannen nämlich, Priester zur Weiterbildung nach Italien zu schicken, um sie später als Lehrer an den Seminaren Afrikas, Asiens und Latein--amerikas einsetzen zu können. Oft ergab sich ein erster direkter Kontakt zwischen den Bischöfen und Marcello, um für die Betreffenden Unterkunft, Stipendien usw. zu besorgen. Marcello war auch Mitbegründer etlicher Hilfswerke und Vereinigungen zugunsten der Mission.

„Komm“ und „geh?!“

1950

erbte Marcello mit 34 Jahren das Unternehmen seines Vaters. Nach und nach erwachte der Wunsch in ihm, sich von allem loszusagen und Laienmis-sionar zu werden. Er musste damit jedoch bis zum Jahr 1961 warten?: Wegen der schwierigen Situation der Arbeiter in der Nachkriegszeit war er in den Fabriken unentbehrlich. Zudem sprach sich sein Beichtvater gegen das Vorhaben aus.

Die Mission „ist unumgänglich für denjenigen, der die Stimme des Geistes hört, der ihm zuflüstert?: ‚komm’ und ‚geh’. Wer Christus nachfolgt, muss zum Missionar werden?; denn er weiß, dass Jesus mit ihm geht, mit ihm spricht, mit ihm atmet, mit ihm arbeitet“, schreibt Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltmissionstag 2015. „Wen soll die Verkündigung des Evangeliums bevorzugen?? – Die Antwort ist klar, und wir finden sie im Evangelium selbst?: es sind die Armen, die Kleinen, die Kranken, diejenigen, die oft verachtet und vergessen werden, diejenigen, die es nicht vergelten können (vgl. Lk 14,13-14). Die Evangelisierung, die sich vor allem an sie wendet, ist Zeichen des Reiches, das zu bringen Jesus gekommen ist. Es besteht ein untrennbares Band zwischen unserem Glauben und den Armen. Lassen wir die Armen nie allein?!”

Als 1955 bei der Explosion eines Behälters mit 60 000 Liter flüssiger Kohlensäure zwei Arbeiter ums Leben kamen und die gerade grundrenovierte Fabrik zerstört wurde, musste Marcello seinen Plan auf Eis legen. Er unterstützte die Familien der beiden Opfer aus eigener Tasche, sorgte für den Wiederaufbau der Fabrik und ergriff Überbrückungsmaßnahmen, damit kein Arbeiter und kein Kunde durch das Unglück zu Schaden kam. Nebenbei wandte er seine Aufmerksamkeit speziell den Armen in Brasilien zu, denn er hatte den Kapuzinerpater Alberto Beretta kennengelernt, einen Bruder der heiligen Gianna Beretta Molla, der gerade auf dem Sprung nach Brasilien war. 1957 unternahm Marcello zum ersten Mal selbst eine Reise nach Macapà im Norden des Amazonasdeltas. Die Kleinstadt zählte damals 18 000 Einwohner, die größtenteils ohne jeglichen materiellen und spirituellen Beistand im Elend lebten. Zusammen mit dem von einem Mailänder Missionsinstitut entsandten Diözesanbischof Aristide Pirovano studierte Marcello die Probleme vor Ort. Zunächst ließ er eine schöne Pfarrkirche in der Stadt bauen. Danach fasste er die Errichtung eines Krankenhauses ins Auge, das mit 150 Betten und einer Leprastation angesichts der damaligen Größe der Stadt völlig überdimensioniert angelegt war. Die Zeit gab ihm jedoch Recht?: Gegenwärtig (2010) zählt die Stadt über 400 000 Einwohner.

Verkaufe alles, was du hast?!

Marcello nahm die Bauarbeiten 1961 in Angriff – mit dem Erlös aus dem Verkauf seiner Fabriken. Er wollte das Krankenhaus zum Gedenken an seine Eltern dem hl. Kamillus und dem hl. Ludwig weihen. Bischof Pirovano wurde damals nach Mailand zurückgerufen, um die Leitung seines Missionshauses zu übernehmen und konnte so das Missionarskreuz 1965 nach einer Privat--audienz beim seligen Paul VI. persönlich an Marcello übergeben. Dieser siedelte im Juni 1965 nach Macapà über. Er hatte viele Jahre in Zeiten großen wirtschaftlichen Aufschwungs als Fabrikdirektor verbracht und ging nun auf die fünfzig zu. Sein Leben änderte sich radikal?: Aus einem Leben in Wohlstand wechselte er in ein Leben in Armut inmitten armer Leute. Aus authentisch gelebtem Glauben heraus ließ er für Gott alles zurück?; allen, die ihn davon abbringen wollten, entgegnete er?: „Man muss den Armen nicht nur wirtschaftliche Hilfe gewähren. Wir müssen ihr Leben soweit wie möglich teilen. Es wäre für mich zu leicht, hier, in diesem friedlichen und bequemen Leben zu verbleiben und zu sagen?: Das Überflüssige schicke ich dort hin. Ich bin dazu berufen, mit ihnen zu leben.“

Marcello stieß allerdings auch in Missionarskreisen auf Unverständnis und Widerspruch, und das traf ihn schwer. „Warum muss man ein so großes Krankenhaus in dieser Gegend bauen, wo man mit dem Geld doch zehn medizinische Versorgungszentren einrichten könnte“, fragten manche. „Wird dieser Mailänder Patron wirklich durchhalten und hier bleiben, oder wird er sich, nachdem er eine Riesenbaustelle eingerichtet hat, bald aus dem Staub machen und das Werk unvollendet lassen??“ Ohne Bischof Pirovano fühlte sich Marcello geistig isoliert. Die Verwaltung war misstrauisch und verweigerte ihm die notwendigen Genehmigungen. Mehrere Jahre später, als man ihm aufgrund seiner Beharrlichkeit etwas mehr Wohlwollen entgegenbrachte, sagte ein Beamter über ihn?: „Schon seit Jahren beobachte ich diesen Candia und werde nicht schlau aus ihm. Er muss ein bisschen verrückt sein, obwohl er einen geistig gesunden Eindruck macht.“ Die Torheit des Kreuzes wird für die Ungläubigen stets ein Geheimnis bleiben. Doch Marcello ließ sich nicht entmutigen?: „Der liebe Gott will wohl, dass ich etwas Buße tue?!“ Es fiel ihm in der Tat überaus schwer, das Leben in Armut zu erlernen?: Er musste auf manche Bequemlichkeit verzichten, sich an die Speisen der Armen sowie an das enge Zusammenleben mit ungebildeten Leuten in elenden Unterkünften gewöhnen. Ein italienischer Freund berichtete?: „Candia war voller Dynamik, selbstsicher, er war es gewohnt, zu befehlen und als Chef zu sprechen …, aber jedesmal, wenn er vom Amazonas zurückkehrte, fand ich ihn verändert. Er hatte gemerkt, dass er auf fremde Hilfe angewiesen war, um seine großen Vorhaben zu verwirklichen, und das war er nicht gewohnt.“ Marcello war von Natur aus dickköpfig, ungeduldig, perfektionistisch, übertrieben anspruchsvoll und rechthaberisch. Es gelang ihm jedoch, diese Fehler nach und nach zu korrigieren.

Nicht mehr unentbehrlich

1967

erlitt Marcello einen Herzinfarkt und hatte von da an zunehmend mit Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Gleichwohl setzte er seine Arbeit beherzt fort. 1969 wurde das Krankenhaus von Macapà eingeweiht?; es bot zunächst eine kinderärztliche Versorgung, nach einigen Monaten kamen ein Forschungszentrum für Tropenkrankheiten mit dem Schwerpunkt Lepra, eine Sozialstation und eine Betreuungsstelle hinzu. Alles war von Marcello geplant, beinahe ausschließlich von ihm finanziert und gegen mancherlei Widerstände realisiert worden. Die Initialzündung zu diesem Projekt war ursprünglich von Kardinal Montini ausgegangen. „Wenn Sie in Brasilien ein Krankenhaus bauen, dann machen Sie es richtig brasilianisch“, hatte der Kardinal geraten. „Vermeiden Sie jegliche Bevormundung, setzen Sie Ihre Vorstellungen – selbst in bester Absicht – nicht gegen die anderen durch. Bauen Sie das Krankenhaus nicht nur für die Brasilianer, sondern auch zusammen mit den Brasilianern und nehmen Sie sich vor, zum Schluss nicht mehr unentbehrlich zu sein. Wenn der Augenblick kommt, in dem Sie sich überflüssig vorkommen, weil die Einrichtung auch ohne Sie auskommt, dann haben Sie wirklich ein Werk menschlicher Solidarität vollbracht.“ Die Ratschläge kosteten Marcello einige Geduld, denn der überwiegende Teil des festangestellten brasilianischen Personals erwies sich als eher apathisch und verantwortungslos. Der Kardinal hatte ihm auch zur Einrichtung eines Schulkrankenhauses geraten?: In Missionsländern sei die Krankenpflege zwar durchaus wichtig, noch wichtiger sei es aber, den Leuten beizubringen, wie man richtig heilt. Und schließlich sollte das Krankenhaus niemanden abweisen. Marcello hielt sich strikt an diese Empfehlung?: Er wies das Krankenhauspersonal an, die Patienten nie danach zu fragen, ob sie die Behandlungskosten tragen können.

In der Welt habt ihr Drangsal, warnte uns bereits Jesus (Joh 16,33). So wurde der selbstlose Freund der Armen 1973 vor die Landesregierung zitiert, da er des illegalen Medikamentenimports nach Brasilien bezichtigt worden war. Er musste auch ständig darüber wachen, dass das Krankenhaus weiterhin den Ärmsten offenstand. Glück-licherweise kam ihm bei der kompetenten und umsichtigen Verwaltung der Mittel seine Erfahrung als Unternehmensleiter zugute.

„Der gläubige Laie muss so handeln, wie es ihm die Klugheit gebietet?: Sie ist die Tugend der Unterscheidung, die dazu befähigt, in jeder Situation das wahre Gute zu erkennen und die geeigneten Mittel zu wählen, um dieses zu vollbringen. Die Klugheit befähigt dazu, mit Realismus und Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns in sich stimmige Entscheidungen zu treffen. Die weit verbreitete Ansicht, die die Klugheit mit Schläue, utilitaristischer Berechnung und Misstrauen oder mit Ängstlichkeit und Unschlüssigkeit gleichsetzt, hat wenig mit dem richtigen Verständnis dieser Tugend zu tun, die der praktischen Vernunft zuzuordnen ist und als ein Maßstab für die anderen Tugenden hilft, besonnen und mutig zu entscheiden, was getan werden muss. Letztlich ist sie eine Tugend, die ein reifes Denken und Verantwortungs-bewusstsein voraussetzt, damit aus der objektiven Kenntnis der Situation heraus und in dem Willen, das Richtige zu tun, eine Entscheidung getroffen werden kann (Kompendium der Soziallehre der Kirche, Nr. 547–548).

Eine andere Logik

Als Industrieller war Marcello eine penible Buchführung gewohnt. Doch bei den Werken Gottes mussten mitunter andere Prioritäten gesetzt werden. „Nach und nach merkte ich“, sagte er, „dass man einer anderen Logik folgen musste, sobald man es mit Gott zu tun hatte. Die Abrechnung ist schnell gemacht, denn von zehn Kranken kann vielleicht einer seine Behandlung selbst bezahlen?; krankenversichert sind 40%. Die anderen können zu ihrer Heilung auf nichts anderes zurückgreifen als auf sich selbst. So habe ich gelernt, dass ein gut funktionierendes Armenkrankenhaus immer defizitär sein muss. Sie können sich kaum vorstellen, wie schwer es für mich war, mich auf diese Logik einzulassen … Und als meine Mittel erschöpft waren, begannen die Hilfszahlungen meiner Freunde zu fließen, der Mitarbeiter meiner ehemaligen Fabriken usw.“ Daneben erlebte er ein weiteres Wunder?: die Veränderung vieler Leute in Macapà, die ihm plötzlich beistanden und so ihre Würde und ihren Glauben wiederfanden.

Marcello Candia hat uns ein schönes Bespiel für den sinnvollen Einsatz von Reichtum geschenkt. In seiner Verkündigungsbulle des Jubiläums der Barmherzigkeit schreibt Papst Franziskus?: „Fallt nicht in die schreckliche Falle, zu glauben, dass alles im Leben vom Geld abhänge und dass darum alles andere keinen Wert und keine Würde habe. Das ist bloß eine Illusion?! Keiner kann sein Geld mitnehmen ins Jenseits. Und Geld macht nicht wirklich glücklich. Die Gewalt, die angewendet wird, um blutiges Geld anzusammeln, macht auch nicht wirklich mächtig und schon gar nicht unsterblich. Früher oder später kommt für alle das Gericht Gottes, dem keiner entfliehen kann“ (11. April 2015, Nr. 19). Denn „jeder Mensch empfängt im Moment des Todes in seiner unsterblichen Seele die ewige Vergeltung. Dies geschieht in einem besonderen Gericht, das sein Leben auf Christus bezieht“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1022). Auch Jesus selbst hat uns angekündigt, dass er am jüngsten Tag kommen werde, um die Menschen zu richten?: Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen, und es werden sich versammeln vor ihm alle Völker … Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen?: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters?! Nehmt in Besitz das Reich, das euch bereitet ist seit Grundlegung der Welt?! Denn ich war hungrig, und ihr gabt mir zu essen?; ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken?; ich war fremd, und ihr habt mich beherbergt?; ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet?; ich war krank, und ihr habt mich besucht?; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen“ … Dann wird er auch zu denen zur Linken sprechen?: „Weicht von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel bereitet ist und seinen Engeln. Denn ich war hungrig, und ihr gabt mir nicht zu essen?; ich war durstig, um ihr gabt mir nicht zu trinken?; ich war fremd, und ihr habt mich nicht beherbergt?; ich war nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet?; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht“ … Und diese werden eingehen in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben (Mt 25,32-46).

Ein bescheidenes Werkzeug

Trotz aller Widerstände wurden Marcello schon zu Lebzeiten auch Lob und Beifall zuteil. 1975 widmete ihm eine überregionale brasilianische Tageszeitung einen langen Artikel mit dem Titel „Der beste Mensch Brasiliens“. Auf derlei Komplimente erwiderte er?: „Für mich bin ich nichts?; ich bin nur ein bescheidenes Werkzeug der Vorsehung … Nicht ich habe etwas verschenkt, sondern sie, die Armen, beschenken mich … Wer in seinem Leben viel bekommen hat, muss auch viel geben.“ Marcello befolgte Kardinal Montinis Rat und vertraute das Werk dem Krankenpflegeorden der Kamillianer an. Er sagte später?: „Es ist nicht christlich, in einem Werk auf Selbstsuche zu gehen. Man muss sich in Gott verwirklichen … Ich danke dem Herrn, dass er mir die Mittel geschenkt hat, damit ich das Werk beginnen konnte. Doch dann musste ich mich entbehrlich machen. Auch die, die nach mir gekommen sind, mussten einen eigenen Beitrag leisten können … So habe ich mich zurückgezogen, und jetzt begnüge ich mich damit, Geld zu sammeln, damit sie die Arbeit fortführen können.“

Die Lage der Leprakranken hatte schon immer sein Herz bewegt. Bereits 1967 richtete er mitten im Urwald, 400 km südlich von Macapá, eine Leprastation für sie ein. Bis dahin waren die Kranken in einen für Gesunde verbotenen Sperrbezirk verbannt. Die Kolonie beherbergte rund tausend Patienten, die unter elendsten Bedingungen lebten – ohne jede Betreuung und hygienische Versorgung. Als Marcello den Ort zum ersten Mal mit einer Sondergenehmigung besuchte, erkannte er, dass man in den Herzen dieser Ausgestoßenen zunächst die Hoffnung wecken musste, indem man unter ihnen eine religiöse Gemeinschaft mit einem Priester gründete. Marcello legte eine städtische Siedlung für sie an?: mit Einzelhäusern, fließendem Wasser, Kanalisation, einer Ambulanz, einer von den Kranken selbst verwalteten Sozialstation usw. Anderswo wurden weitere Leprastationen und Gebetshäuser errichtet. 1980 besuchte der heilige Johannes-Paul II. die Einrichtungen?; er war so beeindruckt, dass er zur Freude sämtlicher Mitarbeiter vor Ort eine Stiftung „Doktor Marcello Candia“ gründete.

1983 kehrte Marcello schwer krank nach Mailand zurück. Er hatte seit 1967 vier Herzanfälle erlitten und war nun an Haut- und Leberkrebs erkrankt?; er starb am 31. August 1983. Am 9. Juni 2014 erkannte Papst Franzikus die Heldenhaftigkeit seiner Tugenden an und verlieh ihm den Titel „Ehrwürdiger Diener Gottes“. Für Marcello ist ein Seligsprechungsprozess eingeleitet worden.

Jesus von Nazareth zog durchs Land, Wohltaten spendend und alle heilend, die in der Gewalt des Teufels waren, denn Gott war mit ihm (Apg 10,38). Möge der ehrwürdige Marcello Candia die Gnade für uns erwirken, Christus nachzufolgen, indem wir den Leidenden Linderung verschaffen?; dabei sollten wir stets bedenken, dass „die erste Armut der Völker“, wie die selige Mutter Teresa sagte, darin besteht, „dass sie Christus nicht kennen“ (vgl. Benedikt XVI., Botschaft für die Fastenzeit 2006).

Dom Antoine Marie osb

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