Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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24. Februar 2016
Hl. Matthias


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Der heilige Johannes-Paul II. hat einen wesentlichen Teil seiner Amtszeit als Nachfolger Petri den Leidenden und insbesondere den Kranken geweiht. Er wandte sich mehrmals an die medizinische Welt und sagte 1986: „Das Pflegepersonal hat nicht nur eine Technik anzubieten, sondern auch eine von Herzen kommende liebevolle Hingabe, eine Achtung der Menschenwürde. Achtet weiterhin darauf, dass ihr den Kranken nicht nur als Pflegeobjekt behandelt, sondern als wichtigsten Partner in einem Kampf, der sein Kampf ist. Und bei den schwerwiegenden ethischen Problemen, die sich in euren Berufen ergeben, ermutige ich euch, anspruchsvolle Antworten zu finden, die der Würde des Lebens und der Persönlichkeit des Kranken gerecht werden.“ Am 25. Oktober 1987 sprach der Papst den Arzt Giuseppe Moscati heilig, der für ihn das „Idealbild des christlichen Laien“ verkörperte.

Giuseppe Moscati wurde am 25. Juli 1880 in Benevento (Süditalien) geboren und am 31. Juli getauft. Sein Vater, Francesco Moscati, ein hoher Beamter am Berufungsgericht, wurde zuerst nach Ancona, dann nach Neapel versetzt. Er gehörte ebenso wie seine Frau, Rosa de Luca, zu den Nachfahren der Markgrafen von Roseto. Giuseppe war das siebte von neun Kindern, doch an seiner Wiege standen nur drei ältere Geschwister; die Moscatis hatten bereits drei Töchter in zartem Alter verloren. Nach Giuseppe kamen zwei weitere Söhne zur Welt. Begleitet von seiner Familie, verbrachte Francesco Moscati die Ferien jedes Jahr in seiner Heimat. Die Familie pflegte dort gemeinsam die hl. Messe in der Klarissenkirche zu besuchen, wobei Francesco oft selbst ministrierte.

Eine heilsame Verunsicherung

Das Familienklima trug dazu bei, dass in Giuseppe ein tiefer Glaube aufkeimte. Er lernte bereits in jungem Alter den seligen Bartolo Longo, den Gründer des Heiligtums der Rosenkranzmadonna in Pompeji, kennen, den er später als Hausarzt betreute und dem er in dessen Todesstunde beistand. Die beiden waren sich bei Caterina Volpicelli begegnet, der Ordensgründerin der Dienerinnen des Heiligsten Herzens, die von Papst Benedikt XVI. am 29. April 2009 heiliggesprochen wurde. In Neapel besuchte die Familie Moscati die Kirche der Dienerinnen; Giuseppe empfing dort beim Fest der Unbefleckten Empfängnis am 8. Dezember 1888 die Erstkommunion und zwei Jahre später die Firmung. 1889 kam er auf das humanistische Gymnasium Vittorio Emanuele. In seiner Seele zeichnete sich bereits da ein ausgeprägter Sinn für die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens ab: „Mit Interesse besichtigte ich das Hospital für unheilbar Kranke, das mir mein Vater in einiger Entfernung von unserem Zuhause zeigte; er weckte in mir ein Gefühl des Mitleids für den unbeschreiblichen Schmerz, der dort gelindert wurde. Eine heilsame Verunsicherung kam über mich, und ich begann, über die Zerbrechlichkeit aller Dinge nachzudenken; meine Illusionen fielen von mir ab wie die Blüten von den Orangenbäumen um mich.“ Er dachte jedoch noch nicht im Entferntesten daran, sein Leben den Kranken und der medizinischen Forschung zu widmen.

1892 kam es zu einem tragischen Ereignis, das ihn völlig aus der Bahn warf: Sein Bruder Alberto stürzte bei einer Militärparade in Turin vom Pferd und wurde Epileptiker. Giuseppe verbrachte lange Stunden an seinem Bett und pflegte ihn. Dabei reifte die Entscheidung in ihm, Arzt zu werden. Der Plan war in der Familie heftig umstritten, doch er hielt an ihm fest. 1897 starb sein Vater im Alter von 61 Jahren – nach Empfang der Sterbesakramente – an einer Gehirnblutung. Giuseppe, der gerade das Abitur abgelegt hatte, schrieb sich sogleich an der medizinischen Fakultät ein. In einer Ansprache an seine Studenten sagte er später einmal: „Denkt daran, das ihr euch mit eurer Entscheidung für die Medizin einer erhabenen Mission verschrieben habt. Bleibt, mit Gott im Herzen, den Lehren eurer Eltern treu, übt Liebe und Barmherzigkeit den Leidenden gegenüber, voller Glauben und Begeisterung; lasst euch von Lobreden und Kritiken nicht beirren und bleibt nur dem Guten verpflichtet.“

Fachkompetenz und Glaube

Während seines Studiums rollte eine Welle revoltierender und atheistischer Gesinnung über die Studentenschaft; in Neapel waren vor allem die philosophische und die medizinische Fakultät betroffen. Während seine Kommilitonen auf der Straße demonstrierten, ließ sich Giuseppe nicht von der Arbeit ablenken, sondern blieb innerlich ruhig und gelassen. Er wurde ein hervorragender Vertreter seines Fachs und hielt – trotz des herrschenden atheistischen und positivistischen Geistes – unbeirrt an seinen religiösen Überzeugungen fest. Er promovierte am 4. August 1903 im Alter von nur 23 Jahren mit der Bestnote zum Doktor der Medizin. Im selben Jahr gewann er eine Ausschreibung und wurde außerordentlicher Mitarbeiter im Krankenhaus für unheilbar Kranke – damals eines der angesehensten Krankenhäuser Europas; ab 1908 arbeitete er als Assistent am Institut für physiologische Chemie. Sein Fachwissen erregte Bewunderung, und ihm stand eine glänzende Universitätskarriere offen, doch er zog den Dienst an den Kranken vor. Er behandelte nebenbei weiterhin Patienten und wurde bald ein schneller und sicherer Diagnostiker, was sich nicht allein durch Erfahrung erklären ließ. Er verfügte über eine tiefe Intuition, und sein Mitgefühl reichte über das physische Leiden hinaus. „Denkt daran, dass Leben eine Mission, eine Pflicht, ein Schmerz ist!“, sagte er zu seinen Studenten. „Jeder von uns muss seinen eigenen Kampf führen. Denkt daran, dass ihr euch nicht nur um die Körper kümmern müsst, sondern auch um die stöhnenden Seelen, die zu euch kommen.“

Der heilige Johannes-Paul II. sagte im selben Sinne an die Adresse des Pflegepersonals: „Eure Kranken brauchen eine möglichst menschliche Begleitung; sie brauchen eine spirituelle Begleitung. Ihr steht da an der Schwelle zu einem Geheimnis, das ihnen gehört“ (5. Oktober 1986).

Giuseppe setzte die Worte Jesu über die Nächstenliebe, die sich – bis hin zur Hingabe des eigenen Lebens – im Dienst erweist, in die Praxis um. Nachdem Jesus die Füße seiner Jünger gewaschen hatte, sagte er nämlich zu ihnen: Versteht ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr, und mit Recht sagt ihr so; denn ich bin es. Wenn nun ich eure Füße gewaschen habe, als der Herr und als der Meister, seid auch ihr verpflichtet, einander die Füße zu waschen. Denn ein Beispiel gab ich euch, damit so, wie ich euch tat, auch ihr tut. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr, und ein Gesandter ist nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr das wisst, so seid ihr selig, wenn ihr euch danach richtet (Joh 13,12-17). „Die Liebe [opfert sich] für die anderen“, sagte Papst Franziskus vor Jugendlichen am 21. Juni 2015. „Schaut die Liebe der Eltern an, die Liebe so vieler Mütter, so vieler Väter, die morgens müde zur Arbeit kommen, weil sie nicht gut geschlafen haben, um sich um ihr krankes Kind zu kümmern. Das ist Liebe! Das ist Respekt! Das heißt nicht, es sich gut gehen lassen. Das ist ‚Dienen’. Liebe ist Dienen, den anderen dienen. Als Jesus nach der Fußwaschung den Aposteln diese Geste erklärt hat, lehrte er, dass wir geschaffen sind, um uns gegenseitig zu dienen. Und wenn ich sage, dass ich liebe, und dem anderen nicht diene, dem anderen nicht helfe, ihn nicht voranbringe, wenn ich mich nicht für den anderen opfere, dann ist das keine Liebe. Ihr habt das Kreuz [das Weltjugendtagskreuz] getragen: das ist das Zeichen der Liebe. Diese Liebesgeschichte Gottes, der mit Taten und Dialog, mit Respekt, Vergebung, Geduld in so vielen Jahrhunderten der Geschichte mit seinem Volk in Beziehung steht, endet dort: sein Sohn am Kreuz, der größte Dienst, der die Hingabe des Lebens ist, sich opfern, den anderen helfen.“

Unter Lebensgefahr

Im April 1906 versetzte ein Vesuvausbruch die Bevölkerung der Umgebung in Angst und Schrecken. In Torre del Greco, einer 6 km vom Krater entfernten Kleinstadt, lebten viele gelähmte bzw. betagte Patienten in einem Hospital. Doktor Moscati rettete sie unter Lebensgefahr – auch für sich selbst –, indem er das Gebäude kurz vor Einsturz des Daches räumen ließ und dabei selbst mit anfasste. Zwei Tage danach schlug er in einem Brief an den Generaldirektor der Krankenhäuser in Neapel eine Belohnung für die Helfer vor, bat jedoch darum, selbst unerwähnt zu bleiben: „Ich bitte Sie, erwähnen Sie meinen Namen nicht, um keine Asche aufzuwirbeln!“ 1911 wurde Neapel von einer Choleraepidemie heimgesucht. Schiffe aus aller Welt hatten die Krankheitskeime in die Hafenstadt eingeschleppt, und in deren Elendsvierteln mit ihren schmuddeligen Gässchen breitete sich die Seuche rapide aus. Die Opferzahlen konnten durch medizinische Maßnahmen zwar bald eingedämmt werden, doch die Lage blieb besorgniserregend. Der Gesundheitsminister beauftragte Doktor Moscati, Mittel zur endgültigen Befreiung von dieser Geißel zu finden: Viele von Moscatis Sanierungsvorschlägen wurden damals in die Tat umgesetzt.

Giuseppe blieb daneben auch der wissenschaftlichen Forschung treu. Mit 31 Jahren setzte er sich bei einer Ausschreibung durch und wurde Mitarbeiter des Krankenhausverbandes. Einer der Jurymitglieder, Professor Cardarelli, war von seiner Leistung tief beeindruckt und bekannte, dass er in den 60 Jahren seiner Lehrtätigkeit noch nie einen so gut vorbereiteten jungen Praktiker kennengelernt hatte. Auf seine Initiative hin wurde Moscati als assoziiertes Mitglied in die Königliche Akademie für Chirurgie aufgenommen. Der Minister für öffentliche Bildung verlieh ihm 1911 den Doktortitel in physiologischer Chemie und die Lehrbefugnis für dieses Fach.

Doktor Moscati hatte sich bei der Ausübung seines Berufes Christus geweiht. Um sich seinem Dienst bei den Kranken ganz und gar widmen zu können, hatte er sich für den Zölibat entschieden. Er führte stets einen Rosenkranz mit sich und versäumte nie das Angelusgebet, denn seine Verehrung für die Jungfrau Maria gab ihm die Kraft, seine Keuschheit Gott darzubringen und sie wie einen Schatz zu hüten. Seinen Studenten riet er gleichwohl mitunter zur Ehe, ganz im Sinne des heiligen Paulus: Ich wünschte, alle Menschen wären wie ich selbst; doch ein jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so (1 Kor 7,7-9). Mit einem klaren und mitfühlenden Blick auf die menschliche Unbeständigkeit rief er zur Läuterung des Herzens auf: „Wenn die Jugendlichen in ihrem Überschwang wüssten, dass die Illusionen der Liebe vergänglich und nur auf heftige Sinneserregung zurückzuführen sind! Wenn ein Engel sie warnen würde, dass alles Unreine sterben muss, weil es böse ist, während sie in ihrem verstörenden Wahn so leichtherzig ewige Treue schwören, dann würden sie vielleicht viel weniger leiden und es ginge ihnen besser.“

Auf die Frage „Wie können wir die Liebe Jesu erfahren?“ antwortete Papst Franziskus am 21. Juni 2015: „Gestattet mir, aufrichtig zu euch zu sprechen. Ich möchte ein Wort sagen, das nicht gefällt, ein unpopuläres Wort … Die Liebe ist sehr respektvoll gegenüber der Person und gebraucht die Person nicht, dass heißt: die Liebe ist keusch. Und zu euch Jugendlichen in dieser Welt, in dieser hedonistischen Welt, in dieser Welt, wo nur das Vergnügen angepriesen wird, es sich gut gehen zu lassen, sich ein schönes Leben machen, sage ich: Seid keusch, seid keusch! Wir alle haben in unserem Leben Augenblicke durchgemacht, wo diese Tugend sehr schwer ist. Aber gerade sie ist der Weg einer echten Liebe, einer Liebe, die Leben zu schenken weiß, die nicht versucht, den anderen zum eigenen Vergnügen zu gebrauchen. Es ist eine Liebe, die das Leben des anderen Menschen als heilig und unantastbar betrachtet: Ich respektiere dich, ich will dich nicht gebrauchen. Das ist nicht leicht … Verzeiht mir, wenn ich euch etwas sage, das ihr nicht erwartet habt, aber ich bitte euch: Gebt euch Mühe, die Liebe keusch zu leben!“

Das größte Übel

Im November 1914 starb Frau Moscati an Diabetes, einer damals unheilbaren Krankheit. Sie hatte zuvor die Sterbesakramente empfangen und die Ihren ermahnt: „Meine Kinder, ich sterbe zufrieden. Meidet stets die Sünde, sie ist das größte Übel des Lebens.“ Professor Moscati schrieb ein paar Jahre später: „Ich weiß, dass meine Eltern immer an meiner Seite sind; ich kann ihre liebe Nähe spüren.“ Diabetes war fortan einer seiner Forschungsschwerpunkte; er war der erste Arzt, der in Neapel Insulin einsetzte, und er bildete Kollegen in der Behandlung der Krankheit fort.

Italien trat 1915 in den Krieg ein. Giuseppe Moscati meldete sich als Freiwilliger an die Front, doch er wurde abgewiesen. Das Krankenhaus für unheilbar Kranke in Neapel wurde von der Armee beschlagnahmt, und der Professor musste Verwundete behandeln; für sie war er nicht nur ein Arzt, sondern auch ein aufmerksamer und liebevoller Tröster. Daneben bildete er weiterhin junger Ärzte aus und gab seine berufliche und spirituelle Erfahrung an sie weiter. Einer seiner Schüler bezeugte: „Er offenbarte uns sein Wissen und formte unseren Geist und unsere Seele Tag für Tag. Er sprach von Gott zu uns, von der göttlichen Vorsehung, vom christlichen Glauben. Sein Antlitz leuchtete vor Freude, wenn wir ihn in die Kirchen von Neapel begleiteten, um der Messe beizuwohnen.“ Dass Giuseppe sich treu zu seinem christlichen Glauben bekannte, verschaffte ihm Respekt, obwohl in Wissenschaftlerkreisen damals der Atheismus dominierte. Er ließ im neuen Obduktionssaal des von ihm geleiteten Instituts für pathologische Anatomie ein Kruzifix anbringen, mit einer Inschrift aus dem Buch Hosea (13,14): Ero mors tua, o mors (Ich werde dein Tod sein, o Tod). Bei der Einweihung forderte er seine Kollegen auf, „Christus, der das Leben ist und nach zu langer Abwesenheit an diesen Ort des Todes zurückkehrt, die Ehre zu erweisen“. Der häufige Empfang der Sakramente und der tägliche Besuch der Messe schenkten ihm den Mut, seinen Glauben an Jesus Christus öffentlich zu bezeugen.

Ein Opfer seines Erfolgs

Professor Moscati wurde in gewisser Weise ein Opfer seines Erfolgs bei den Studenten, denn viele von ihnen wollten, statt an den vorgesehenen Kursen teilzunehmen, lieber seine Vorlesungen hören. Neidische Kollegen zettelten Intrigen gegen ihn an, um ihm die Professorenlaufbahn zu verbauen. Er selbst berauschte sich nicht an seinem Erfolg, sondern hatte vielmehr oft innere Kämpfe zu bestehen, insbesondere gegen die Versuchung der Entmutigung: „Ich las in der Autobiographie der seligen Therese von Lisieux einen Satz, der für mich gemacht ist: ‚Mein Gott, die Entmutigung selbst ist eine Sünde.’ Ja, sie ist eine Sünde; sie kommt vom Hochmut und zeigt, dass ich wohl geglaubt habe, aus eigener Kraft Großes bewirkt zu haben! In Wahrheit sind wir nur armselige Knechte (vgl. Lk 17,10).“ Im Hinblick auf seine akademische Karriere und seinen Ruf war Professor Moscati frei von Ambitionen, doch er wollte weiterhin lehren; so versuchte er 1922 eine Verlängerung seiner Lehrbefähigung zu erhalten. Einen Augenblick lang schien es, als sei er damit gescheitert; er verfiel daraufhin in tiefe Ratlosigkeit; einem seiner ehemaligen Lehrer gestand er: „Ich bin völlig erschöpft und deprimiert, weil ich seit dem Krieg ohne Unterlass gearbeitet habe … Ich verbringe schlaflose Nächte und habe die Lehrbefugnis verloren.“

Angesichts der Wirklichkeit des Scheiterns „fragt ihr euch zu Recht: Was können wir tun?“, sagte Papst Franziskus vor Jugendlichen. „Was man gewiss nicht tun soll, ist, sich von Pessimismus und Entmutigung überwinden zu lassen … Auf Jesus vertrauen. Der Herr ist immer bei uns. Er kommt an das Ufer des Meeres unseres Lebens, er ist unserem Scheitern, unserer Schwachheit, unseren Sünden nahe, um sie zu verwandeln … Die Schwierigkeiten dürfen euch nicht abschrecken, sondern müssen euch anspornen, sie zu überwinden. Hört die Worte Jesu, die an euch gerichtet sind: Fahrt hinaus und werft die Netze aus (Lk 5,4)“ (22. September 2013).

Professor Moscati war wirklich am Ende seiner Kräfte, doch er legte nicht die Hände in den Schoß – ganz wie die Apostel, die auf alle Weise bedrängt, aber nicht erdrückt werden, hilflos sind, doch nicht verzweifeln (2 Kor 4,8). Völlig unerwartet erhielt er schließlich doch die Lehrbefugnis, so konnte er weiterhin an Universitäten und anderen Hochschulen lehren. Einige Tage später drückte er seine Grundhaltung folgendermaßen aus: „Liebe die Wahrheit, zeige, wer du bist, unverstellt und ohne Angst, schonungslos. Und wenn dir die Wahrheit die Verfolgung wert ist, so nimm sie hin; wenn sie dir Pein bereitet, so ertrage sie. Und wenn du für die Wahrheit dich selbst und dein Leben opfern müsstest, so sei stark im Opfer.“ Seine Geduld in Widrigkeiten erwies sich als fruchtbar: Da er selbst Zeiten der Dürre und der Entmutigung erlebt hatte, konnte er allen, die ähnliches durchmachten, Mut zusprechen: „Was auch passiert, denkt daran, dass Gott niemanden im Stich lässt. Je einsamer, verlassener, verachteter, unverstandener ihr euch fühlt, je mehr ihr unter der Last schwerer Ungerechtigkeiten versucht seid aufzugeben, desto mehr werdet ihr eine unendliche und geheimnisvolle Kraft spüren, die euch stützt und euch zu guten und kraftvollen Vorsätzen befähigt; ihr werdet staunen über diese Kräfte, wenn ihr euch wieder gefasst habt. Diese Kraft ist Gott!“ Diese Kraft Gottes, die sich in der Schwachheit und in der Demut zeigt, trieb Giuseppe Moscati an, für die Armen weder an Zeit noch an Geld sparen.

Sie haben alles verloren

Moscati hatte die Gabe, Armen Hilfe anzubieten, ohne sie zu verletzen. So stellte eine schwindsüchtige und mittellose Frau eines Tages fest, dass Giuseppe ihr zusammen mit ihrem Rezept einen 50 Lire-Schein zugesteckt hatte. Sie wollte sich dafür bedanken, doch er wehrte ab: „Um Gottes Liebe willen, sagen Sie niemandem etwas!“ Als er einmal zu einem kranken Eisenbahner gerufen wurde, fand er viele Leute bei ihm vor. Alles Eisenbahner-kollegen, die ebenso arm waren wie der Patient; sie legten zusammen, um den Hausbesuch zu bezahlen. Der Priester, der den Arzt begleitete, wollte es ihnen ausreden, wohl wissend, dass es ihm nicht gelingen würde. Da meldete sich Professor Moscati zu Wort: „Da Sie gerade Geld sammeln und einen Teil Ihres hart erarbeiteten Lohnes hergeben, will ich meinen Anteil zu Ihrer Spendenaktion beisteuern, damit der Kranke mit dem eingesammelten Betrag auch die notwendigen Arzneimittel bezahlen kann.“ Man nannte ihn „Armendoktor“, weil er selbst ärmlich lebte, um seinen bedürftigsten Patienten besser helfen zu können. Er besaß weder Auto noch Pferd und war immer zu Fuß unterwegs. Sprach man ihn darauf an, erwiderte er: „Ich bin arm; wegen meiner beruflichen Verpflichtungen habe ich nicht die Mittel, um solche Kosten zu tragen!“ Nach seinem Tod stand in einem Kondolenzbeitrag zu lesen: „Du hast weder Blumen noch Tränen gewollt, wir aber weinen doch, weil die Welt einen Heiligen, Neapel ein Vorbild an Tugend verloren hat; die armen Kranken aber haben alles verloren!“

Am 12. April 1927, dem Kardienstag, besuchte Professor Moscati die Frühmesse und ging zur hl. Kommunion. Bevor er sich ins Krankenhaus für unheilbar Kranke aufmachte, sagte er zu seiner Schwester: „Professor Verdinois ist in die Klinik von Professor Stanziale eingeliefert worden: Denk an die Sakramente …“ Am späten Vormittag kehrte er nach Hause zurück, wo bereits viele Patienten auf ihn warteten. Um 15 Uhr fühlte er sich plötzlich unwohl, schickte alle fort und zog sich mit den Worten „Mir ist schlecht …“ in sein Zimmer zurück. Wenige Minuten danach verstarb er friedlich in seinem Sessel. Er wurde 47 Jahre alt.

Giuseppe Moscati hatte sein Leben bis zuletzt für seine Patienten geopfert – bedingungslos, aus Liebe zu Christus. Als leuchtendes Vorbild für unsere Zeit, bleibt er ein Zeuge jener „Weisheit des Herzens“, von der Papst Franziskus in seiner Botschaft vom 3. Dezember 2014 sprach: „Weisheit des Herzens bedeutet, bei dem Mitmenschen zu verweilen. Die an der Seite des Kranken verbrachte Zeit ist eine heilige Zeit. Sie ist ein Lob Gottes, der uns nach dem Bild seines Sohnes gestaltet, der nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele (Mt 20,28). Jesus selbst hat gesagt: Ich aber bin unter euch wie der, der bedient (Lk 22,27).“

Dom Antoine Marie osb

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