Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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20. Januar 2016
Hl. Fabian und Sebastian


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

„Die Mütter geben oft auch den tiefsten Sinn der Glaubenspraxis weiter?: In den ersten Gebeten, in den ersten Gesten der Frömmigkeit, die ein Kind erlernt, ist der Wert des Glaubens im Leben eines Menschen eingeschrieben“, sagte Papst Franziskus am 7. Januar 2015. „Das ist eine Botschaft, die gläubigen Mütter ohne viele Erklärungen weiterzugeben wissen?: Diese kommen später, aber die Keimzelle des Glaubens liegt in jenen ersten, sehr kostbaren Augenblicken.“ Die heilige Joaquima de Vedruna gehörte zu den Familienmüttern, durch die der Glaube weitergegeben wurde. Ihr Leben beinhaltete neben den Freuden der Mutterschaft und dem Schmerz der Witwenschaft auch die völlige Selbsthingabe des Ordenslebens.

Joaquima de Vedruna wurde am 16. April 1783 in Barcelona in Spanien geboren und noch am selben Tag getauft. Ihre Eltern, Llorenç de Vedruna, Notar in der königlichen Kanzlei der Stadt, und Teresa Vidal, hatten insgesamt acht Kinder, darunter zwei Knaben?; einer von ihnen, Ramon, wurde später Mitglied der Akademie der schönen Künste. Auch in Katalonien begann deamals die „französische Aufklärung“ (d.h. der von Philosophen wie Voltaire geprägte skeptische und rationalistische Geist), sich in den Köpfen auszubreiten. Die Familie Vedruna blieb gleichwohl stets zutiefst katholisch.

Eine treuherzige Bitte

Joaquima zeigte sich oft sehr andächtig?; als die Mutter sie nach dem Geheimnis ihrer Andacht fragte, erwiderte sie?: „Das kann doch jeder. Wenn ich ein Unkraut im Garten ausreiße, bitte ich den lieben Gott, ein Laster aus meinem Herzen zu reißen. Wenn ich Nadeln benutze, um Spitzen herzustellen, sehe ich die Dornen, die wegen meiner Sünden das Haupt Jesu durchbohrt haben …“ Mit 12 Jahren vernahm Joaquima den Ruf Gottes zum Ordensleben. Die Vedrunas pflegten in einem Karmelitinnenkloster zur Messe zu gehen?; so wandte sich das Mädchen auf einmal treuherzig an die Priorin und bat um Aufnahme in das Kloster. Diese erwiderte, sie sei noch zu jung für einen solchen Schritt.

In der Kanzlei in Barcelona arbeitete neben Herrn Vedruna ein junger Anwalt namens Theodor de Mas aus Vic, einer rund 70 km entfernten Stadt. Diese Entfernung ließ damals keine täglichen Heimfahrten zu, so nahm Llorenç de Vedruna den jungen Mann in sein Haus auf. Theodor fühlte sich sofort zur reizenden, gerade einmal 16-jährigen Joaquima hingezogen. Der Vater freute sich über die Aussicht, ihn zum Schwiegersohn zu bekommen, und sprach bald mit seiner Tochter darüber. Joaquima fühlte sich zwar immer noch vom Ordensleben angezogen, doch sie sah im Wunsch ihres Vaters eine Willensäußerung Gottes. Die Hochzeit wurde auf den Ostersonntag, den 24. März 1799, festgesetzt. Theodor führte seine Braut zu seiner Familie nach Vic heim, doch die junge Städterin wurde von den Schwiegereltern nicht gerade wohlwollend aufgenommen?; es gab zunächst große Verständigungsschwierigkeiten und Spannungen, die erst mit der Geburt der ersten Tochter nachließen. Danach folgte eine Geburt auf die andere?: insgesamt neun Kinder, zwei Jungen und sieben Mädchen, wobei drei Kinder in jungem Alter starben?; vier Mädchen gingen später ins Kloster.

„Die Freude der Kinder lässt das Herz der Eltern erbeben und eröffnet neue Zukunft“, sagte Papst Franziskus am 11. Februar 2015. „Die Kinder sind die Freude der Familie und der Gesellschaft. Sie sind kein Problem der Reproduktionsbiologie und auch keiner der vielen Wege zur Selbstverwirklichung. Und sie sind erst recht kein Eigentum der Eltern … Kinder sind eine Gabe, sie sind ein Geschenk … Jedes ist einzigartig und unwiederholbar – und gleichzeitig unverkennbar mit seinen Wurzeln verbunden … Eine fortpflanzungsarme Gesellschaft, die sich nicht gern mit Kindern umgibt, die sie vor allem als Sorge, als Last, als Risiko betrachtet, ist eine trübselige Gesellschaft … Wenn eine kinderreiche Familie als Last angesehen wird, dann stimmt etwas nicht?! Elternschaft muss verantwortungsvoll sein, wie auch die Enzyklika Humanae vitae des seligen Papstes Paul VI. lehrt, aber mehr Kinder zu haben, darf nicht automatisch zu einer verantwortungslosen Entscheidung werden. Keine Kinder zu haben ist eine egoistische Entscheidung. Das Leben wird jünger und bekommt Kraft, wenn es sich vervielfältigt?: Es wird reicher, nicht ärmer?! Die Kinder lernen, ihre Familie mitzutragen. Sie reifen, indem sie ihre Opfer teilen?; sie wachsen in der Wertschätzung ihrer Gaben. Die frohe Erfahrung der Brüderlichkeit beseelt die Achtung und Sorge für die Eltern, denen unsere Dankbarkeit gebührt.“

Im 19. Jahrhundert wurde Spanien immer wieder von Kriegen, Umsturzversuchen und erbitterten Machtkämpfen erschüttert. Napoleon machte sich den Familienkonflikt innerhalb der Herrscherfamilie zunutze und besetzte die Iberische Halbinsel. 1808 marschierte die französische Armee auch in Barcelona ein?; die Familie Vedruna floh aufs Land. Theodor wurde eingezogen und kämpfte als Offizier der spanischen Armee gegen Napoleon. Nach Kriegsende zog die Familie wieder nach Barcelona, wo Theodor eine Wirtschaftskanzlei gründete. Obwohl er gesundheitlich noch unter den Kriegsfolgen litt, arbeitete er beherzt, um das tägliche Brot für die Seinen zu verdienen. Am 26. Januar 1816 schrieb er an seine Frau, die sich auf dem Hof der Familie aufhielt?: „Liebe Joaquima, danke für deinen lieben Brief. Ich freue mich, dass es dir und der Kleinen gut geht. Ich möchte, dass du sobald wie möglich zurückkommst, denn die Jungen machen mich verrückt?: Der eine will ins Theater, der andere zu den Hirtenjungen, und ich muss sie hinbringen … Die Klienten bezahlen ihre Rechnungen nicht, und ich scheue mich, den mir zustehenden Betrag zu fordern. Mögen wir noch viele Jahre leben, um uns aneinander zu erfreuen. Dein Mann Theodore, der dich liebt.“

„Ich erwähle dich?!“

Zwei Monate später erkrankte Theodore an einer schweren Tuberkulose, die ihn innerhalb einer Woche am 6. März 1816 dahinraffte. Joaquima war niedergeschmettert, doch aus der Betrachtung des Gekreuzigten schöpfte sie unerschütterliches Gottvertrauen. Noch in der Todesnacht ihres Mannes vernahm sie eine Botschaft Jesu?: „Jetzt erwähle ich dich zu meiner Braut.“ Sie ließ sich zunächst auf dem von ihrem Mann geerbten Bauernhof in Vic nieder und widmete sich den Pflichten, die die Führung eines landwirtschaftlichen Betriebes mit sich brachte?: Betreuung der Pächter, Viehzucht, Ackerbau, Entrichtung von Steuern, Prozesse usw. Obwohl sie so beschäftigt war, nahm sie sich ausgiebig Zeit zum Beten, denn das Gebet spendete ihrem betrübten Herzen Stärkung und Trost. Sie sorgte gut für ihr Gesinde – sowohl in leiblicher als auch in geistlicher Hinsicht – und fasste mit an, wenn die Mägde das Haus putzten oder das Geschirr spülten. So vergingen die ersten zehn Jahre ihres Witwentums (1816-1826).

„Die Mütter sind das stärkste Gegenmittel gegen die Verbreitung des egoistischen Individualismus. ’Individuum’ heißt ‚unteilbar’. Die Mütter dagegen ‚teilen’ sich von dem Augenblick an, in dem sie ein Kind in sich empfangen, um es zur Welt zu bringen und heranwachsen zu lassen“, sagte Papst Franziskus am 7. Januar 2015. „Wie sehr leidet eine Mutter?! Sie sind es, die die Schönheit des Lebens bezeugen. Erzbischof Oscar Arnulfo Romero sagte, dass die Mütter ein ‚mütterliches Martyrium’ leben … Ja, Mutter zu sein bedeutet nicht nur, ein Kind zur Welt zu bringen, sondern es ist auch eine Lebensentscheidung … Die Lebensentscheidung einer Mutter ist die Entscheidung, das Leben hinzugeben. Eine Gesellschaft ohne Mütter wäre eine unmenschliche Gesellschaft, denn die Mütter wissen stets, auch in den schlimmsten Augenblicken, Zärtlichkeit, Hingabe, moralische Kraft zu bezeugen. Ohne die Mütter gäbe es nicht nur keine neuen Gläubigen, sondern der Glaube würde einen Großteil seiner einfachen und tiefen Wärme verlieren. Und die Kirche ist Mutter mit all dem, sie ist unsere Mutter?! Wir sind keine Waisen, wir sind Kinder der Kirche, wir sind Kinder der Gottesmutter, und wir sind Kinder unserer eigenen Mütter.“

Der Herr will etwas anderes

Als 33-jährige junge Witwe beeindruckte Joaquima die bessere Gesellschaft von Vic?; sie selbst wünschte sich jedoch nichts sehnlicher als dem Ruf des Herrn zu folgen. Der Wunsch brannte umso heißer in ihrem Herzen, als mehrere ihrer Kinder bereits ihre eigenen Wege gingen. Sie verstärkte ihre Hinwendung zu den damals zahlreichen Armen. Sie ging – mitunter in Begleitung ihrer Töchter – regelmäßig ins Krankenhaus, um Kranke zu pflegen und Sterbenden beizustehen. Als ihre Stute eines Tages im Jahre 1819 plötzlich vor der Kapuzinerkirche scheute und stehenblieb, trat ein Mönch zu ihr und sagte?: „Ich habe Sie erwartet.“ Der Mönch war Bruder Esteve, ein vor Kurzem nach Vic und Umgebung berufener Prediger. Der streng asketisch lebende Kapuziner wurde Joaquimas geistlicher Berater. Auf seinen Streifzügen durch die Dörfer Kataloniens hatte er die Armut, die Verwahrlosung und das Leiden der Bevölkerung bereits ebenso erkannt wie die dringende Notwendigkeit einer stabilen Organisation, die ihr beistehen konnte. Aus der Begegnung der beiden Persönlichkeiten ging der Plan hervor, eine neuartige apostolische Ordenskongregation zu gründen, die diesen Bedarf stillen konnte. Joaquima verabschiedete sich von ihrer Vorstellung vom Klosterleben und nahm die Gründung eines neuen weiblichen Ordens von Krankenschwestern und Volksschullehrerinnen im Dienste der Armen in Angriff. Sie erklärte?: „Ich hatte vor, ins Kloster zu gehen, aber mir scheint, der Herr will etwas ganz anderes von mir?: die Heranbildung von Schwestern, die sich aller Bedürfnisse der Menschen annehmen, indem sie Kranke pflegen und Töchter unterrichten.“

Bei der Verkündigung des Jubiläums der Barmherzigkeit ermahnte Papst Franziskus die Christen, Werke der Barmherzigkeit zu üben?: „Es ist mein aufrichtiger Wunsch, dass die Christen während des Jubiläums über die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit nachdenken … Die Verkündigung Jesu nennt uns diese Werke der Barmherzigkeit, damit wir prüfen können, ob wir als seine Jünger leben oder eben nicht. Entdecken wir erneut die leiblichen Werke der Barmherzigkeit?: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und die Toten begraben. Und vergessen wir auch nicht die geistigen Werke der Barmherzigkeit?: den Zweifelnden recht raten, die Unwissenden lehren, die Sünder zurechtweisen, die Betrübten trösten, Beleidigungen verzeihen, die Lästigen geduldig ertragen und für die Lebenden und Verstorbenen zu Gott beten … Dabei begleitet uns das Apostelwort?: Wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig (Röm 12,8)“ (Verkündigungsbulle des außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit, 11. April 2015).

Zur Vorbereitung auf ihre Mission als Stifterin verbrachte Joaquima lange Stunden in Gebet, ohne deshalb ihre Kinder zu vernachlässigen, widmete sich wohltätigen Werken und absolvierte strenge Bußübungen. Eine besondere Vorliebe hegte sie für die liturgischen Gebete, deren Reichtum und Reiz sie voll erfasst hatte. Ihre Spiritualität gründete auch auf der tiefen Erfahrung der Gottesliebe, einer Liebe, die durch den menschgewordenen Jesus sichtbar gemacht und durch den Geist eingeflößt wird, damit wir uns zur Nachfolge Christi bekennen. Joaquimas Seele veränderte sich, und der Herr schenkte ihr außergewöhnliche spirituelle Gaben?: Erfahrungen der Extase, der Entrückung, der Levitation … Sie markierten den Rest ihres Lebens und wurden trotz ihrer Bemühungen um Geheimhaltung von zahlreichen Zeugen miterlebt.

Unverständnis und Kritik

Im April 1825 kam ein neuer Bischof, Msgr. Corcuera, nach Vic, nachdem sein Vorgänger ermordet worden war. Er interessierte sich für Joaquimas Projekt, mochte es auch noch so ungewöhnlich und innovativ sein. Am 6. Januar 1826 legte Joaquima im Alter von 42 Jahren während einer Messe die drei Ordensgelübde in die Hände des Bischofs ab. Die jüngste ihrer Töchter war gerade einmal 11 Jahre alt?; das rief vielfach Unverständnis und Kritik hervor, obwohl die Stifterin in Wirklichkeit trotz ihres Engagements ihren Kindern nach wie vor sehr nahe stand. Bald stieß eine Gruppe junger Mädchen aus einfachen Verhältnissen zu ihr?; sie hatten den Ruf Gottes zum Ordensleben vernommen, verfügten jedoch über keine Mitgift und durften deshalb nach dem damals geltenden kanonischen Recht nicht in einen Orden eintreten. In ihrer offiziellen Petition an den Bischof schrieb die Gründerin?: „Joaquima de Mas i Vedruna möchte zum Ruhm Gottes und zum Wohle ihres Nächsten arbeiten, indem sie sich mit einigen armen Menschen zusammenschließt, die von der Gottesliebe entflammt sind?; diese möchten Ordensschwestern werden, da sie jedoch keinen Zugang zu den Klöstern haben, können sie ihre Liebe zu Jesus nicht stillen. Darum bitte ich Eure Exzellenz flehentlich, …“

Joaquima errichtete kein Kloster?: Das von ihrem Mann geerbte Gutshaus wurde die Wiege der neuen Kongregation. Offiziell wurde das Institut am 26. Februar 1826 bei einer Messe im Kapuzinerkloster der Stadt gegründet und nahm zugleich neun junge Mädchen auf. Es wurde auf Bitten des Bischofs unter das Patronat Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel gestellt und 1850 unter dem Namen „Kongregation der Karmeliterschwestern von der Liebe“ definitiv anerkannt. Im Gutshaus, in dem das Noviziat untergebracht war, eröffneten die Karmelitinnen eine Mädchenschule?; zudem übernahmen sie Nachtwachen bei Kranken. Joaquima war eine wahre Mutter für ihre Gefährtinnen, die mehrheitlich jünger waren als ihre eigenen Kinder. Bruder Esteve, der eine ganz von franziskanischer Spiritualität durchdrungene Ordensregel für sie verfasste, starb 1828, und Joaquima musste das im Entstehen begriffene Werk ohne seinen Beistand weiterführen. Sie unterhielt gute freundschaftliche Beziehungen zu Priestern aus ihrem Bekanntenkreis und litt sehr darunter, wenn diese sie zu vergessen schienen. In einem Brief an die Priorin eines Klosters schrieb sie?: „Richten Sie Abt Francesc aus, dass ich nicht weiß, ob er lebendig oder tot ist?; ich kann ihn nicht vergessen, er aber kann es, denke ich, denn ich habe kein einziges Wort von ihm erhalten. Bringen Sie mich bei ihm in Erinnerung.“

„Beruhigt sie?!“

Zur damaligen Zeit konnte ein Großteil der Bevölkerung weder lesen noch schreiben?; zudem war Bildung Männersache. Joaquima wandte sich an die Rathäuser, um gesetzlichen Schutz sowie Unterrichtsräume für Mädchen zu bekommen. Ihre Töchter waren die ersten Schulschwestern Spaniens. Mutter Joaquima wollte keine körperlichen Züchtigungen an ihren Schulen dulden, und wandelte den allgemein bekannten Spruch „Der Buchstabe prägt sich durch Strafe ein“ ab in „Der Buchstabe prägt sich nicht durch Strafe ein, sondern durch Zuneigung“. Sie riet ihren Nonnen?: „Lasst nicht zu, dass eine Schülerin die Schule unzufrieden und gereizt verlässt. Wenn ihr euch während des Unterrichts über eine von ihnen habt ärgern müssen, so beruhigt sie vor dem Nachhausegehen und lasst sie spüren, wie sehr ihr sie liebt.“ Damit ihre Nonnen auch anstrengende Aufgaben übernehmen konnten, brauchten sie eine robuste Gesundheit?; die Gründerin ermunterte sie?: „Ich möchte euch alle zufrieden sehen, ihr sollt mit gutem Appetit essen und euch nachts gut ausruhen. Ja, seid fröhlich, Jesus gefällt es, wenn er im Herzen einer Nonne wohnt, die alles mit heiliger Freude annimmt.“ In einem Brief an eine Novizenmeisterin schrieb Joaquima einmal?: „Da es unter den Novizinnen einige gibt, die ängstlich sind?: Das muss aufhören. Sie sollen sich bemühen, immer mit Vertrauen das zu tun, was Gott von ihnen will?!“

Da neue Gesetze zum Schutz der Wohltätigkeit erlassen wurden, konnten Joaquima und ihre Töchter ihre Dienste auch städtischen Krankenhäusern anbieten. Als ehemalige Juristentochter und –frau verstand sie es, die geltenden gesetzlichen Bestimmungen so zu nutzen, dass sie ihren Schützlingen, den Armen, helfen konnte. Das Werk übte einen so positiven Einfluss auf die kommunalen Behörden und die Bevölkerung aus, dass es immer mehr Berufungen gab und dass die Dienste der Karmelitinnen von der Liebe aus allen möglichen Städten nachgefragt wurden. Die Kongregation hatte erst sieben Jahre bestanden, da wurden im Zuge des Carlistenkrieges (1833-1837) so gut wie alle Häuser geschlossen und Joaquima festgenommen. Sie galt als Staatsfeindin, da einer ihrer Söhne sich den carlistischen Milizen (den gegen die liberale Madrider Monarchie kämpfenden Anhängern Don Carlos’) angeschlossen hatte. Nach einer gnadenlosen Verfolgungjagd und einer kurzen Inhaftierung musste sie schließlich nach Frankreich fliehen, wo sie für drei Jahre (1840-1843) in der Stadt Perpignan Unterschlupf fand. Von da aus konnte sie Briefkontakt zu den von der Regierung verschonten Konventen pflegen. Die Schwestern lebten in der Hauptstadt des Roussillon beengt in einer zu kleinen Wohnung und verdienten ihren Lebensunterhalt mit kleinen Hilfsarbeiten?; drei der insgesamt 16 Schwestern starben. Joaquima schrieb in einem Brief an ihre Stellvertreterin in Spanien?: „Trotz allem, was ich jetzt erlebe, was ich erlebt habe und sehe, erhält mich Gott immer noch und spricht mir Mut zu, damit ich mich nicht ganz fallen lasse. So kann ich sagen, meine Tochter, dass auf dem Kreuzweg ein einziger alles trägt, und das ist Jesus. Amen?!“ Die vielfachen unvorhergesehenen und verhängnisvollen Umstände ihres Lebens hatten Joaquima gelehrt, dass man alles überstehen kann, wenn man sich Gottes Hand anvertraut. Ihr apostolischer Eifer blieb stets vom kontemplativen Leben geprägt, und sie selbst blieb stets eng mit Gott vereint, ganz nach dem Motto?: „Aktion durch Kontemplation.“

Ein unschätzbarer Trost

Nach ihrer Heimkehr nach Vic im Jahre 1843 bekam Joaquima wegen der carlistischen Sympathien ihres Sohnes, für die sie im Übrigen nichts konnte, die Feindseligkeit des Bischofs zu spüren?; sie nahm die Ungerechtigkeit schweigend hin. Glücklicherweise fand sie in der Begegnung mit dem heiligen Antoine-Marie Claret einen unschätzbaren Trost. Denn dieser nahm die Verteidigung der Schwestern in die Hand, als wäre er ihr Vater oder Bruder. Er unterstützte die Stifterin, so gut er konnte, insbesondere bei der Ausbildung der Novizinnen, und regte eine Reform der ursprüglichen Regel an, die sich als überaus segensreich erwies. Es wurde ein neues Noviziat eröffnet (das alte war 1840 geschlossen worden). Nach dem Tode Pater Clarets setzten seine geistlichen Söhne, die Claretiner-Missionare, die brüderliche Unterstützung der Nonnen fort. Trotz der vielen Probleme, die der Bürgerkrieg mit sich brachte, breitete sich das Institut immer weiter aus?: zunächst in Katalonien selbst, dann in ganz Spanien – bis nach Südamerika. Zwischen 1843 und 1853 etablierte Mutter Joaquima 19 Konvente, deren Bestimmung die Unterhaltung öffentlicher Schulen und Krankenhäuser war.

Von so viel aufopfernder Arbeit erschöpft, schwanden die Kräfte der Mutter immer mehr. Bereits 1849 hatte sie einen leichten Hirnschlag erlitten und verfolgte den Aufschwung ihres Werkes unter den Händen ihrer designierten Nachfolgerin vom Rollstuhl aus. Am Morgen des 28. August 1854 folgte in Barcelona, wo sie sich Ende 1852 niedergelassen hatte, ein schwerer Schlaganfall. Gegen drei Uhr nachmittags erlag sie im Alter von 71 Jahren der grassierenden Choleraepidemie, die allein in dem von ihr gegründeten Heim 400 Opfer forderte. Die verwitwete Joaquima Vedruna hinterließ 6 Kinder, 11 Enkel und ein Institut mit 150 Schwestern in dreißig Konventen. Sie wurde am 19. Mai 1940 von Pius XII. selig- und am 12. April 1959 vom heiligen Johannes XXIII. heiliggesprochen. Unter dem Schutzmantel Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel wirken die „Karmelitinnen von der Liebe-Vedruna“ auch heute noch unermüdlich im Dienste der Völker weiter. Sie zählen heute über 2500 Nonnen in 26 Ländern und auf vier Kontinenten.

Die heilige Joaquima erinnert uns daran, dass wir uns in gleich welchem Stand heiligen und dem „Ruf“ des Herrn folgen können?; sie zeigt, dass ein von Demut und Gebet erleuchtetes, aufopferungsvolles Leben ein kurzer Weg zum Himmel ist. Mögen wir ihre Lehre für unser eigenes Leben fruchtbar machen.

Dom Antoine Marie osb

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