Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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11. November 2015
Hl. Martin


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Auf die Frage, woher er denn seine profunden Kenntnisse beziehe, wies der heilige Bonaventura mit dem Finger auf sein Kruzifix : „Das ist das Buch, das mich belehrt.“ Als Thomas von Aquin einmal theologische Fragen mit ihm erörterte, sah er plötzlich den Gekreuzigten über dem Haupt seines Freundes schweben ; von den heiligen Wundmalen des Erlösers gingen leuchtende Strahlen aus und fielen auf Bonaventuras Schriften. Thomas wagte nicht weiter zu argumentieren.

Bonaventura, dem man später den Beinamen „Doctor seraphicus“ verlieh (weil er Theologie mit kontemplativer Gottesliebe zu verbinden wusste), kam 1217 oder 1221 in Bagnoregio, einer Kleinstadt in Mittelitalien, zur Welt. Er wurde auf den Vornamen seines Vaters, Giovanni de Fidanza, getauft, der als Arzt praktizierte. Der kleine Giovanni wurde eines Tages schwer krank. Alle Arzneien, die der Vater an ihm probierte, versagten ; die Mutter wachte an Giovannis Bett und betete zu Gott, er möge ihren Sohn bewahren. Schließlich bat sie den 1226 verstorbenen, aber bereits in ganz Italien verehrten Franziskus von Assisi um seinen Beistand. Als das Kind daraufhin genas, rief die Mutter : „O buona ventura !“ (Oh, welch glückliche Fügung !). Der Ausdruck wurde zum Spitznamen des Jungen, der tief in seinem Herzen genau wusste, dass er sein leibliches Leben – nach Gott – dem heiligen Franziskus zu verdanken hatte.

Was soll ich mit meinem Leben anfangen ?

Paris war damals der leuchtende Mittelpunkt des Abendlandes und zog Wissensdurstige in Scharen an. Namentlich die Theologie erlebte eine glanzvolle Blütezeit. So sandte Giovanni de Fidanza 1235 seinen Sohn nach Paris ; dieser widmete sich zunächst dem Studium der freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik) und erwarb das Diplom eines Magister artium. Anschließend stand er vor der schwierigen Frage : „Was soll ich mit meinem Leben anfangen ?“ Das beredte Glaubenszeugnis sowie das evangelische Ideal der Minoritenbrüder beeindruckten ihn so tief, dass er an der Pforte des 1219 gegründeten Pariser Franziskanerklosters anklopfte. In der Gestalt des heiligen Franziskus und in der Bewegung, die dieser ins Leben gerufen hatte, erkannte der Student das Wirken Jesu Christi wieder. Später erläuterte er die Gründe für seinen Schritt so : „Ich bekenne vor Gott, dass mir das Leben des seligen Franziskus deswegen am liebsten war, weil es den Anfängen und dem Gedeihen der Kirche ähnelt. Die Kirche hat mit einfachen Sündern angefangen und bereicherte sich dann um berühmte und weise Gelehrte ; die Ordensfamilie des seligen Franziskus wurde nicht durch menschliche Klugheit, sondern von Christus gegründet.“

Bei seiner Wallfahrt nach Assisi am 4. Oktober 2013 ging Papst Franziskus der Frage nach : „Wo nimmt der Weg des heiligen Franziskus zu Christus seinen Anfang ? – Beim Blick des gekreuzigten Jesus. Sich von ihm anschauen lassen in dem Moment, in dem er sein Leben für uns hingibt und uns zu sich zieht. Franziskus hat diese Erfahrung in besonderer Weise in der kleinen Kirche von San Damiano gemacht … Auf diesem Kreuz erscheint Jesus nicht tot, sondern lebend ! Das Blut fließt aus den Wunden der Hände, der Füße und der Seite herab, doch dieses Blut drückt Leben aus. Jesus hat die Augen nicht geschlossen, sondern geöffnet, weit offen : ein Blick, der zum Herzen spricht. Und der Gekreuzigte spricht uns nicht von Niederlage, von Scheitern. Paradoxerweise spricht er uns von einem Tod, der Leben ist, der Leben hervorbringt, denn er spricht uns von Liebe, weil er die Mensch gewordene Liebe Gottes ist. Und die Liebe stirbt nicht, nein, sie besiegt das Böse und den Tod. Wer sich vom gekreuzigten Jesus anschauen lässt, wird gleichsam neu erschaffen, wird eine ‚neue Schöpfung’. Das ist der Ausgangspunkt von allem : Es ist die Erfahrung der verwandelnden Gnade, unverdient geliebt zu sein, obwohl man Sünder ist.“

1243 legte Giovanni die Ordenstracht der Franziskaner an und erhielt den Namen Bonaventura. Vom Anbeginn seines Ordenslebens an legte er eine tiefe Demut an den Tag, indem er sich stets hintanstellte und die niedrigsten Arbeiten suchte. Er hegte eine große Liebe zur heiligen Eucharistie ; zuweilen schämte er sich seiner Fehler jedoch so sehr, dass er es nicht wagte, sich dem allerheiligsten Sakrament zu nähern. Als es ihm eines Tages so erging, brachte ihm ein Engel die Kommunion, um ihn zu ermutigen. Aufgrund seiner Nächstenliebe war der junge Bruder stets zuvorkommend, besonders seinen Mitbrüdern gegenüber, denen er nie einen Dienst abschlug, selbst wenn er ihm ungelegen kam oder schwerfiel. Bonaventura nahm ein Studium an der Theologischen Fakultät in Paris auf und begegnete dort einem hervorragenden Professor, der sein ganzes Leben prägen sollte : Alexander von Hales, der die Fakultät seit 1231 geleitet und ungeachtet seines hohen Ansehens der Welt den Rücken gekehrt hatte. Er blieb bis zu seinem Tod im Jahre 1245 Franziskaner, ein Vordenker für seine begeisterten Studenten. Bruder Alexander von Hales erfasste rasch die moralische Stärke seines neuen Schülers : „Adam scheint Bruder Bonaventura von der Sünde verschont zu haben.“ Dieser wiederum pries seinen Lehrer : „Dieser unwiderlegbare Gelehrte wird mein Vater und Wegweiser werden. Nie werde ich von seinen Ansichten abweichen.“ Auf dieser Vertrauensbasis bereitete sich Bonaventura auf sein Theologieexamen vor. Er zeichnete sich trotz seiner lebenslang labilen Gesundheit durch besonderen Scharfsinn, Arbeitseifer und eine vorbildliche Übung religiöser Tugenden aus. Er erwies sich bald als tiefsinniger Philosoph, sicherer Theologe und eifriger Kandidat für die Priesterweihe. Nach seinem Abschluss als Bakkalaureus im Jahre 1248 bekam er vom seligen Johannes von Parma, dem Generalminister der Franziskaner, die Lehrbefugnis für Paris erteilt. Der frischgebackene Professor setzte seine theologischen Studien fort und hielt großartige Vorlesungen, die ihm viele Hörer bescherten.

Der Primat der Liebe

Papst B?enedikt XVI. hebt den von Liebe geprägten theologischen Ansatz in Bonaventuras Schriften hervor : „Es stimmt, dass es eine arrogante Art und Weise gibt, Theologie zu betreiben, einen Hochmut der Vernunft, die sich über das Wort Gottes stellt. Aber die wahre Theologie, die vernünftige Arbeit der wahren und guten Theologie hat einen anderen Ursprung, nicht den Hochmut der Vernunft. Wer liebt, will den Geliebten immer besser und immer mehr kennen ; die wahre Theologie setzt nicht die von Hochmut motivierte Vernunft und deren Forschung ein, … sondern sie ist bestimmt von der Liebe zu dem, dem sie ihre Zustimmung gegeben hat … Den Geliebten besser kennen ; das ist die grundlegende Absicht der Theologie. Für den hl. Bonaventura ist also schließlich der Primat der Liebe entscheidend“ (Generalaudienz vom 17. März 2010).

Zwischen 1248 und 1257 verfasste Bruder Bonaventura mehrere theologische Werke und predigte regelmäßig. Ganz gleich, ob er sich an einfache Gläubige, Ordensgemeinschaften, Kleriker oder an den König wandte, seine Verkündigung erfolgte stets mit der gleichen Schlichtheit, Klarheit und Milde. Er galt als der beste Prediger seiner Zeit. Mitglieder der Pariser Universität entfalteten indes damals eine heftige Polemik gegen die Bettelorden (Franziskaner und Dominikaner). Bruder Bonaventura und seinem Mitstreiter Thomas von Aquin wurde der Magistergrad verweigert, den sie benötigt hätten, um an der Universität lehren zu können, obwohl sie beide bereits 1253 den Doktortitel erworben hatten. Sicherlich zog der neue Entwurf der Bettelorden (die von Almosen und nicht von festen Einkünften lebten) viel Unverständnis auf sich ; doch der Konflikt wurde auch von Neid und Eifersucht geschürt. Zur Antwort verfasste Bonaventura eine Schrift mit dem Titel De perfectione evangelica (Über die evangelische Vollkommenheit). Er weist darin nach, dass die Ordensmänner durch ihre radikale Praxis des Armuts-, Keuschheits- und Gehorsamsgelübdes die Evangelischen Räte Jesu befolgen. Der Konflikt beruhigte sich, zumindest für einige Zeit ; dank der persönlichen Intervention von Papst Alexander IV. wurden Bonaventura und Thomas von Aquin 1257 offiziell als Doktoren und Magister der Pariser Universität anerkannt.

Generalminister

Im gleichen Jahr wurde Johannes von Parma, dem seit 10 Jahren amtierenden Generalminister der Franziskaner, von einigen Brüdern der Vorwurf gemacht, er greife die häretischen Lehren von Joachim von Fiore († 1202) auf, denen zufolge die Kirche auf jede Organisation und jeden hierarchischen Aufbau verzichten müsse, um sich unmittelbar vom Heiligen Geist führen zu lassen. Johannes rief daraufhin ein außerordentliches Generalkapitel ein, legte sein Amt nieder und schlug Bruder Bonaventura als Nachfolger vor. Das Kapitel folgte seinem Rat. Bonaventura erfuhr die Nachricht in Paris. Der Orden der Minderen Brüder, dessen Leitung er nur widerstrebend übernahm, hatte innerhalb der letzten fünfzig Jahre einen rasanten Aufschwung erlebt ; er zählte 35 000 Mitglieder in 32 Provinzen. Bonaventura übte das Amt siebzehn Jahre lang mit Umsicht und Hingabe aus : Er besuchte die Provinzen, verfasste Briefe an die Brüder und griff mitunter auch streng durch, um Misstände zu beheben. Im Oktober 1259 zog er sich auf den Berg La Verna zurück, wo Franziskus 1224 seine Stigmen empfangen hatte. In der Einsiedelei entstand die bekannteste Schrift des heiligen Bonaventura : Itinerarium mentis in Deum (Pilgerbuch des Geistes zu Gott), ein Handbuch mystischer Kontemplation.

„Der hl. Bonaventura teilt mit dem hl. Franz von Assisi auch die Liebe zur Schöpfung, die Freude über die Schönheit der Schöpfung Gottes“, betonte Benedikt XVI. „Ich zitiere zu diesem Punkt einen Satz aus dem ersten Kapitel des Itinerarium : ‚Wer den unzähligen Glanz der Geschöpfe nicht sieht, ist blind ; wer von so vielen Stimmen nicht wach wird, ist taub ; wer ob all dieser Wunder nicht Gott lobt, ist stumm ; wer sich angesichts so vieler Zeichen nicht zum ersten Prinzip erhebt, ist töricht’ (I,15). Die ganze Schöpfung spricht mit lauter Stimme von Gott, vom guten und schönen Gott ; von seiner Liebe. Unser ganzes Leben ist also für den hl. Bonaventura eine ‚Wanderschaft’, eine Pilgerreise – ein Aufstieg zu Gott. Doch mit unseren Kräften allein vermögen wir nicht zur Höhe Gottes aufzusteigen. Gott selbst muss uns helfen, er muss uns in die Höhe ‚ziehen’. Daher ist das Gebet notwendig. Das Gebet ist die Mutter und der Ursprung der Erhöhung … ein Handeln, das uns nach oben bringt, sagt Bonaventura“ (Generalaudienz vom 17. März 2010).

Für Klarheit sorgen

Bruder Bonaventura wollte die Ausbreitung des Ordens konsolidieren und im Geiste des heiligen Franziskus seine Einheit bewahren. Unter den Jüngern des Poverello von Assisi hatte sich eine schwere Fehlinterpretation von dessen Botschaft verbreitet, die eine falsche Sicht des gesamten Christentums zur Folge hatte. Die Gruppe der sogenannten „Spiritualen“ unter den Brüdern vertrat die Ansicht, mit dem heiligen Franziskus habe eine völlig neue Ära in der Geschichte begonnen : der Anbruch des ewigen Evangeliums (Offb 14,6), das an die Stelle des Neuen Testaments treten werde. Die Kirche habe nunmehr ihre historische Rolle erfüllt und werde von einer charismatischen Gemeinschaft freier Menschen, der „Spiritualen“, abgelöst, die innerlich vom Geist geleitet werden. Bruder Bonaventura erkannte sofort, dass mit diesem von den Schriften Joachim von Fiores inspirierten Ansatz der Orden unregierbar würde. So ließ er vom Generalkapitel von Narbonne im Jahre 1260 einen Text verabschieden, der einheitliche Normen für den Alltag der Minderen Brüder festlegte.

Bonaventura wusste allerdings, dass Vorschriften allein, selbst wenn sie von Weisheit und Mäßigung diktiert waren, keine geistliche und emotionale Gemeinschaft herstellen konnten. Er wollte daher in einer Biographie des heiligen Franziskus das authentische Charisma des Stifters sowie die Hauptlinien seines Lebens und seiner Lehre darstellen. Er sammelte alle verfügbaren Dokumente sowie viele Aussagen von Zeitzeugen, die Franziskus noch selbst gekannt hatten. Die Biographie, die unter dem Titel Legenda Maior erschien, zeichnete ein überaus getreues Porträt des Stifters und wurde vom Generalkapitel von Pisa (1263) anerkannt. (Das lateinische Wort Legenda bezeichnet im Unterschied zur – davon abgeleiteten – „Legende“ keine Frucht der Phantasie, sondern vielmehr einen Text, der Autorität besitzt, der öffentlich „gelesen werden sollte“.)

„Welches Bild des hl. Franziskus tritt aus dem Herzen und aus der Feder seines ergebenen Sohnes und Nachfolgers, des hl. Bonaventura, hervor ?“, fragte Benedikt XVI. „Der wesentliche Punkt ist : Franziskus ist ein ‚alter Christus’ (ein zweiter Christus), ein Mensch, der voll Leidenschaft Christus gesucht hat. In der Liebe, die zur Nachahmung drängt, hat er sich ganz ihm gleichgestaltet. Bonaventura verwies alle Schüler des Franziskus auf dieses lebendige Ideal.“ Der spezifische Akzent der Theologie des heiligen Bonaventura erkläre sich aus dem franziskanischen Charisma : „Der Poverello von Assisi hatte jenseits der intellektuellen Debatten seiner Zeit mit seinem ganzen Leben den Primat der Liebe gezeigt ; er war eine lebende und liebende Ikone Christi und hat so in seiner Zeit die Gestalt des Herrn vergegenwärtigt – er hat seine Zeitgenossen nicht mit Worten, sondern mit seinem Leben überzeugt. In allen Werken des hl. Bonaventura, gerade auch in den wissenschaft-lichen und Schulwerken, sieht und findet man diese franziskanische Inspiration ; das heißt : man bemerkt, dass er denkt, während er von der Begegnung mit dem Poverello von Assisi ausgeht“ (Generalaudienzen vom 3. und 17. März 2010).

Ein kostbarer Schatz

Bonaventura legte Wert darauf, dass er trotz der hohen Anzahl seiner Mitbrüder für jeden einzelnen von ihnen ansprechbar blieb. Einmal wandte sich ein einfacher Laienbruder namens Egidio mit folgender Frage an ihn : „Wenn ich an die Erleuchtungen denke, die solche Gelehrte wie du vom Himmel empfangen, so frage ich mich : ‚Wie kann ein unwissender Mensch wie ich zum Heil gelangen ?’“ – „Wenn Gott einem Menschen kein anderes Talent schenkt als die Gnade der Gottesliebe, so würde das an sich schon genügen und wäre ein kostbarer Schatz.“ – „Willst du mir sagen, dass ein ungebildeter Mensch den Herrn mehr lieben kann ein großer Gelehrter ?“ – „Gewiss, Bruder Egidio ; nicht nur genauso, sondern noch viel mehr. Man sieht ganz einfache alte Frauen, die in diesem wesentlichen Punkt die größten Theologen übertreffen.“ Bruder Egidio lief von Freude überwältigt sogleich auf die Landstraße hinaus und begann lauthals zu rufen : „Kommt, ihr einfachen, ungebildeten Leute, kommt, ihr guten Frauen, kommt alle und liebt den Herrn. Ihr könnt ihn genauso und sogar noch mehr lieben als Pater Bonaventura und die klügsten Theologen !“

Am 24. November 1265 ernannte Papst Clemens IV. Bruder Bonaventura zum Erzbischof von York in England, wo dieser bereits als apostolischer Visitator gewirkt hatte. Da die Kirche in York völlig zerstritten war, freute sich der Papst, einen besonnenen, standhaften und freundlichen Mann von untadeligen Sitten dorthin entsenden zu können, der für alle Parteien als Gesprächspartner akzeptabel war. Bonaventura weilte zu dem Zeitpunkt in Paris, brach jedoch sofort nach Italien auf, um den Papst zu bitten, er möge ihn vorerst in seinem Amt als Generalminister seines Ordens belassen. Der Papst gab der Bitte – bis auf Weiteres – nach. Bonaventuras Tätigkeit, seine umsichtige Regierung, sein Reformeifer sowie seine großen Werke machten ihn gleichwohl zu einem sehr einflussreichen Mann. Nach dem Tod Clemens’ IV. versammelten sich die Kardinäle in Viterbo, um einen Nachfolger für ihn zu wählen ; sie konnten sich jedoch auch nach dreijähriger Diskussion nicht einigen. Als eine Reise Bonaventura 1271 nach Viterbo führte und er nach seiner Meinung gefragt wurde, hielt er vor den Kardinälen eine Predigt über ihre Pflichten der Kirche gegenüber und entwarf für sie ein ungefähres Bild vom idealen Papst. Daraufhin wurde der damalige Gesandte in Syrien, Tebaldo Visconti, zum Papst gewählt ; er nannte sich Gregor X. und bat sogleich den Generalminister der Franziskaner, ihm vier Brüder als Botschafter für die Vereinigungsverhandlungen mit der Ostkirche zur Verfügung zu stellen.

Nachdem Bonaventura 1272 ein Generalkapitel seines Ordens in Lyon geleitet hatte, zog er wieder nach Paris, wo er an der Universität eine Vorlesungsreihe unter dem Titel Hexaemeron halten wollte, eine allegorische Deutung der sechs Schöpfungstage. Er konnte sein Vorhaben allerdings nicht zu Ende führen, denn er wurde von Gregor X. zum Kardinalbischof von Albano ernannt. Bonaventura konnte diesmal nicht ablehnen und machte sich sogleich auf den Weg. Der Heilige Vater seinerseits schickte ihm Gesandte entgegen, die ihm den Kardinalshut überreichen sollten. Die Gesandten trafen Bruder Bonaventura im Kloster Mugello in der Nähe von Florenz beim Geschirrspülen an und mussten sich auf seine Bitte hin gedulden, bis er fertig war. Bald ersuchte der Papst den neuernannten Kardinal, ihn bei der Vorbereitung des zweiten ökumenischen Konzils in Lyon zu unterstützen, das eine Wiedervereinigung der römischen Kirche mit der seit 1054 abgespaltenen Ostkirche herbeiführen sollte.

Das zweite Konzil von Lyon

Nachdem Bonaventura zum offiziellen Vertreter des Heiligen Stuhls für die Verhandlungen mit den Griechen ernannt worden war, legte er am 20. Mai 1274 das Amt des Generalministers nieder. Während des Konzils brachte er die Verhandlungen mit großem Engagement voran ; bei der vierten Sitzung am 6. Juli erklärten sich die Vertreter des byzantinischen Kaisers Michael Palaiologos bereit, ein Glaubensbekenntnis zu unterzeichnen, das den Primat des Papstes, die Einfügung des Filioque ins Credo (der Heilige Geist geht vom Vater und vom Sohn aus), die Existenz des Fegefeuers und die Einsetzung der sieben Sakramente durch Christus anerkennt. „Die heilige Römische Kirche hat auch den höchsten und vollen Primat und die Herrschaft über die gesamte katholische Kirche inne ; sie ist sich in Wahrheit und Demut bewusst, dass sie diesen Primat vom Herrn selbst im seligen Petrus, dem Fürst bzw. Haupt der Apostel, dessen Nachfolger der Römische Bischof ist, zusammen mit der Fülle der Macht empfangen hat. Und wie sie vor den anderen gehalten ist, die Wahrheit des Glaubens zu verteidigen, so müssen auch eventuell auftauchende Fragen bezüglich des Glaubens durch ihr Urteil entschieden werden … Ihr sind alle Kirchen unterstellt, ihre Vorsteher erweisen ihr Gehorsam und Ehrfurcht.“ Leider war diese schwer errungene Einigung mit den Griechen nicht von Dauer.

Gleich am nächsten Tag wurde Bonaventura von einer schweren Krankheit befallen und starb in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli 1274. Sein Leichnam wurde im Beisein des Papstes und der Konzilsväter in der Lyoner Franziskanerkirche beigesetzt. Ein anonymer päpstlicher Notar würdigte den Verstorbenen folgendermaßen : „Ein guter Mann, umgänglich, fromm und barmherzig, tugendhaft, von Gott und den Menschen geliebt … Gott hatte ihm eine solche Ausstrahlung verliehen, dass alle, die ihn sahen, von einer Zuneigung überwältigt wurden, die das Herz nicht verbergen konnte.“

Als Bonaventuras Leichnam 1434 umgebettet werden sollte, fand man sein Haupt völlig unversehrt vor : ein wichtiges Moment für seine Heiligsprechung. Einer seiner Arme wurde in seine Geburtsstadt Bagnoregio überführt. Das ist die einzige Reliquie Bonaventuras, die heute noch erhalten ist, da sein Grab im 16. Jahrhundert anlässlich der Plünderung Lyons von Protestanten geschändet wurde. Am 14. April 1462 trug der Franziskanerpapst Sixtus IV. Bruder Bonaventura in die Liste der Heiligen ein. Sixtus V. erhob ihn 1587 in den Rang eines Kirchenlehrers.

Die Lehre des heiligen Bonaventura ist von einer grenzenlosen Liebe zu Christus durchdrungen : „Der Glaube ist im Geiste so beschaffen, dass er in uns Zuneigung weckt“, schrieb er. „Das Wissen zum Beispiel, dass Christus für uns gestorben ist, bleibt nicht Wissen, sondern wird zwangsläufig zu Zuneigung, zu Liebe“ (Proœmium in Sent., q. 3). Bitten wir den „seraphischen Lehrer“, er möge für uns einen glaubensstarken Geist und ein vor Liebe glühendes Herz erwirken.

Dom Antoine Marie osb

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