Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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7. Oktober 2015
Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

„Man hat oft zu Recht behauptet, der gewöhnliche Mensch fühle sich dank der Religion als Ausnahmemensch ; genauso wahr ist aber, dass sich der Ausnahmemensch unter dem Einfluss der Religion gewöhnlich vorkommt.“ Als er das schrieb, zeichnete Gilbert Keith Chesterton, ohne es zu wollen, sein eigenes Porträt. Denn er fand als herausragendes literarisches Genie am Ende eines demütigen und aufrechten Lebensweges, der ihn in allem Gottes Güte sowie die Fähigkeit des Menschen zur Gotteserkenntnis bewundern ließ, schließlich zum katholischen Glauben.

G.K. Chesterton wurde am 29. Mai 1874 in London geboren und einen Monat später nach anglikanischem Ritus getauft. Während seiner Schulzeit machte er den Eindruck eines mäßig begabten, etwas zurückgebliebenen und fahrigen Kindes, das von seinen Mitschülern oft verspottet wurde. Ein Klassenkamerad meinte später : „Wir spürten, dass er auf der Suche nach Gott war.“ Er selbst sagte : „Mit zwölf Jahren war ich ein Heide, mit sechzehn ein erklärter Agnostiker.“ Er machte eine von Skeptizismus geprägte Phase durch, war dann zeitweilig vom Satanismus fasziniert und fasste schließlich sogar einen Selbstmord ins Auge. Gleichwohl begann allmählich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens in ihm zu keimen : „Für mich hing die Religion am dünnen Faden der Dankbarkeit.“

Ein ausgeprägter Hang

Von 1892 bis 1895 studierte Gilbert Kunst an der Londoner Universität. Da er einen ausgeprägten Hang zur Schriftstellerei in sich spürte, wandte er sich voller Elan dem Journalismus zu. 1900 veröffentlichte er eine Gedichtsammlung unter dem Titel The Wild Knight und warb darin für Ideen, die bereits damals als überholt galten : Patriotismus, Demut, Ehrfurcht vor dem Kind … Chesterton fesselte den Leser durch seine blühende Phantasie, seinen lebendigen Stil, sein unersättliches Interesse an der Welt und vor allem durch seine erstaunliche Fähigkeit, den tiefen Sinn der Dinge und Haltungen zu erfassen, die man durch Gewöhnung nur allzu leicht banalisiert. Er sah Altvertrautes mit neuen Augen, entstaubte Gewohnheiten und betrachtete das Alte im Glanz seiner Neuartigkeit.

Gilbert war eine imposante Erscheinung : 1,93 m groß und 130 kg schwer. Er trat stets mit einer Zigarre im Mund, in ein Cape gehüllt, mit einem zerknitterten Hut auf dem Kopf und einem Stockdegen bewaffnet auf. 1901 heiratete er Frances Blogg ; die Ehe blieb kinderlos. Er war stets in Gedanken vertieft und blieb sein Leben lang recht zerstreut. Einmal telegraphierte er an seine Frau : „Ich bin in Market Harbourgh. Wo müsste ich sein ?“ Die Antwort lautete : „Zu Hause !“ Er erfreute sich an der Schönheit der Schöpfung, doch er war sich bewusst, dass sie sein Herz nicht vollauf zufriedenstellen konnte. In der Hoffnung, das wahre Glück zu finden, versuchte er seine Vorliebe für die schönen Dinge dieser Welt mit einer inneren Distanz zu verbinden, die ihm Unabhängigkeit verschaffte. Diese Harmonie sollte er erst im Christentum finden. Seinen Weg dahin schilderte er in dem 1908 publizierten Buch Orthodoxy. In seinem drei Jahre zuvor erschienenen Werk Heretics hatte er bereits vermerkt, dass jedes Mal, wenn ein neuer „Prophet“ eine neue Lehre präsentiere, diese sich bei näherem Hinsehen als ziemlich alt erweise. Häresie bestehe darin, eine Teilwahrheit zu isolieren ; der Häretiker ziehe eine Teilwahrheit, die ihm gefalle, der ganzen Wahrheit vor. Doch da einzig die ganze Wahrheit frei mache, stelle sich die Häresie eher als Sklaverei denn als Befreiung heraus. In einer Predigt von 5. Dezember 2013 hat Papst Franziskus folgenden Spruch Chestertons zitiert : „Eine Häresie ist eine Wahrheit, die verrückt geworden ist.“ Der Heilige Vater setzte hinzu : „Die christlichen Worte, wenn sie ohne Christus sind, beginnen den Weg der Verrücktheit zu gehen“ (vgl. Osservatore Romano in deutscher Sprache vom 13. Dezember 2013).

Trotz seiner außergewöhnlichen Begabung blieb Chesterton zutiefst bescheiden. Einmal richtete der Direktor einer großen Zeitung folgende schriftliche Frage an ihn : „Was funktioniert nicht richtig in der Welt ?“ Gilbert erwiderte : „Sehr geehrter Herr, hier meine Antwort auf Ihre Frage : Ich ! Hochachtungsvoll, G.K. Chesterton.“ In seinen Augen sollte man niemandem mehr misstrauen „als sich selbst ; unsere schlimmsten Feinde tragen wir in uns“. Chesterton besaß die großartige Fähigkeit, die Realität mit den Augen eines Kindes zu sehen. Die Erfindungen der Moderne ließen ihn weder seinen gesunden Menschenverstand noch seine Liebe zu den einfachen Dingen verlieren : „Von Anfang staunte ich über das herrliche Wunder des Lebens – über das Wunder des durchs Fenster fallenden Sonnenlichts, das Wunder von Menschen, die auf Beinen durch die Straßen gehen, das Wunder von Menschen, die miteinander sprechen.“

1914 machte Chesterton eine schwere Gesundheitskrise durch, die ihn mehrere Monate lang ans Bett fesselte. Bald danach traf ihn ein weiterer Schicksalsschlag : Sein Bruder Cecil starb in einem französischen Militärhospital. Aus Pietät führte Gilbert die von Cecil gegründete Zeitschrift fortan als Herausgeber weiter. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Anführer der sogenannten Distributistenbewegung, die im Gegensatz zum Sozialismus sowie zum wilden Kapitalismus die Idee propagierte, das Privateigentum müsse in möglichst kleine Einheiten aufgeteilt und anschließend innerhalb der Gesellschaft gerecht umverteilt werden.

Bekehrungsgrund

Chesterton erkannte immer deutlicher, „dass es nur eine Kirche gibt, wie es ja auch nur ein Universum gibt“. 1922 trat er in die Katholische Kirche ein. Seine Frau folgte ihm vier Jahre später. Wenn man ihn fragte, warum er konvertiert sei, antwortete er : „Um meine Sünden loszuwerden.“ Auch Pater Ignatius Rice, der sein Abschwören entgegennahm, unterstrich : „Er wurde Katholik wegen des wirksamen Vorgehens der Kirche gegen die Sünde.“ Der Wunsch, für seine Sünden Vergebung zu erlangen, setzt die Anerkennung der Realität der Sünde, aber auch den Glauben an die Existenz der Erbsünde voraus. Chesterton hielt die Erbsündenlehre für überaus tröstlich : „Diese Lehre zeigt, dass wir eine Welt missbraucht haben, die gut ist, und nicht, dass wir in einer schlechten Welt gefangen sind. Sie schreibt das Böse dem falschen Gebrauch des Willens zu und erklärt so, dass man das Böse durch den richtigen Gebrauch des Willens ausgleichen kann. Jedes andere Credo ist eine Art Kapitulation vor der Fatalität.“ Diese Worte stimmen mit der Lehre des Katechismus der Katholischen Kirche überein :

„Weil die Schöpfung aus der göttlichen Güte hervorgegangen ist, hat sie an dieser Güte teil : Gott sah, dass es gut war (Gen 1,4 und ff.) … Die Kirche musste wiederholt dafür einstehen, dass die Schöpfung, einschließlich der materiellen Welt, gut ist … Im Anschluss an den hl. Paulus lehrte die Kirche stets, dass das unermessliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams … Die Lehre von der Erbsünde – in Verbindung mit der Lehre von der Erlösung durch Christus – gibt einen klaren Blick dafür, wie es um den Menschen und sein Handeln in der Welt steht. Durch die Sünde der Stammeltern hat der Teufel eine gewisse Herrschaft über den Menschen erlangt, obwohl der Mensch frei bleibt … Zu übersehen, dass der Mensch eine verwundete, zum Bösen geneigte Natur hat, führt zu schlimmen Irrtümern im Bereich der Erziehung, der Politik, des gesellschaftlichen Handelns und der Sittlichkeit“ (Katechismus, Nr. 299 ; 403 ; 407). Wegen der Erbsünde und ihrer Folgen, insbesondere wegen der dreifachen Begierde, neigt der Mensch in der Tat zum Bösen und braucht einen Erlöser. Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat die sündige Menschheit durch seinen Kreuzestod erlöst, aber die tatsächliche Versöhnung der einzelnen Seele mit Gott geschieht durch die Sakramente. Wenn die Taufe die Erbsünde und alle anderen Sünden, die vor der Taufe begangen worden sind, aufhebt, werden die nach der Taufe begangegen Sünden durch das Sakrament der Buße bzw. der Beichte wieder getilgt. Die Verwaltung dieses Sakraments ist den Priestern anvertraut, die befugt sind, alle Sünden zu vergeben. Die göttliche Barmherzigkeit kennt keine Grenzen, und niemand darf sich vom Anblick seiner Sünden entmutigen lassen, mögen sie auch noch so schwer sein. Wenn man sich mit der erforderlichen Einstellung diesem Sakrament nähert (Reue, Besserungs- und Bußwilligkeit durch die Beichte), wird einem mit Sicherheit Gottes Vergebung zuteil. Es ist ein Zeichen der unergründlichen Weisheit Gottes, dass die Sünden durch Menschen vergeben werden sollen, dass man aus dem Munde eines anderen Menschen, der – wie auch wir – selbst Sünder ist, hören soll : „So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Eine Privatreligion

Der berühmte Schriftsteller hat sich deswegen für den traditionellen christlichen Glauben entschieden, weil dieser wahr ist. Den Hauptgrund dafür, dass viele die Wahrheit nicht ganz erkennen, sieht er in der Hochmut, wobei er Hochmut als „Verfälschung der Tatsachen durch die Einführung des Ichs“ definiert. Anders als viele moderne Autoren bezieht Chesterton seine Philosophie nicht aus einem persönlichen inneren Gefühl, sondern gründet sie auf einer objektiven, allgemeingültigen Erfahrung : „Ein Mensch kann ebensowenig eine Privatreligion haben wie eine Privatsonne oder einen Privatmond.“ Er weiß, dass man der katholischen Kirche Unnachgiebigkeit in der Lehre vorwirft. In Wirklichkeit habe jedermann „Dogmen“, d.h. Urteilskriterien ; ohne sie wäre das Leben unmöglich. „Es gibt lediglich zwei Arten von Menschen : die, die die Lehre der Offenbarung bewusst akzeptieren, und die, die irgendeine Lehre unbewusst akzeptieren.“ Wir müssen uns also fragen, auf welche Lehre wir unser Leben gründen wollen. Manche halten das Christentum heute für überholt. Chesterton ist anderer Ansicht. Für ihn liegt die Wahrheit nicht darin, „dass man das christliche Ideal versucht und für mangelhaft befunden hat ; sondern vielmehr darin, dass man es für zu schwer befunden und daher es gar nicht erst versucht hat.“

Ein Pfarrer als Detektiv

Gilbert machte eines Tages die Bekanntschaft eines mit vielen Paketen beladenen und mit einem riesigen Regenschirm bewaffneten Pfarrers, der zunächst einen linkischen, naiven Eindruck erweckte. Doch bei einem gemeinsamen Spaziergang musste er feststellen, dass dieser einfache Pater O’Connor dank seiner Seelenkenntnis die Geheimnisse des Lasters und des Verbrechens besser kannte als der beste Detektiv von Scotland Yard. Er entwarf daraufhin die Figur des Father Brown, den er in einer ganzen Reihe von Detektivgeschichten am Schauplatz eines Diebstahls oder Mordes auftreten und scheinbar völlig alberne Fragen stellen lässt. Zunächst werden Father Browns Ansichten für belanglos gehalten ; doch schon bald zeigt sich, dass er allein die Lüge in den Worten, Gesichtern und Haltungen der Leute erkennen und schließlich die wahren Schuldigen benennen kann. Auf diese unterhaltsame Weise bringt Chesterton seine Überzeugung zum Ausdruck, dass allein die katholische Kirche die Menschen von Grund auf kennt, denn sie allein besitzt den göttlichen Auftrag, die Seelen zu erneuern. In der Geschichte Die fliegenden Sterne beschwört Father Brown den Verbrecher Flambeau, sein Leben zu ändern : „Sie besitzen noch einen Rest Ihrer Jugend, Ihrer Ehre und Ihres Humors ; denken Sie nicht, dass das in diesem Beruf weiter so bleibt. Im Guten können sich die Menschen auf einem anständigen Niveau halten, aber im Bösen konnte sich noch nie jemand auf einem Niveau halten. Dieser Weg führt immer bergab. Ein netter Mann beginnt zu trinken und wird dann gewalttätig ; ein Mann, der um nichts in der Welt lügen würde, der aber jemanden tötet, verfällt der Lüge, um den Mord zu vertuschen. Viele Menschen, die ich gekannt habe, haben wie Sie als anständige ‚Gesetzlose’, als lustige Wegelagerer begonnen, die nur Reiche beraubten, und dann endeten sie mitten im Dreck.“ Chestertons Ansichten wurden in gewisser Weise vom heiligen Johannes-Paul II. nachträglich bestätigt : „Der Mensch kann sich selbst nicht im letzten ohne Christus verstehen. Er kann weder begreifen, wer er ist, noch worin seine wahre Würde besteht, noch welches seine Berufung und was seine endgültige Bestimmung ist“ (Predigt vom 2. Juni 1979).

Chestertons zahlreiche Schriften (Artikel, Romane, Erzählungen, historische und kritische Werke) spiegeln einen feinen, vor Humor sprühenden Geist wider. Der Autor beherrschte die Kunst des Paradoxons perfekt und machte von ihr auch bei ernsten Themen Gebrauch. Er versuchte, mit ihrer Hilfe die Wahrheit ins Licht zu rücken und die Inkonsequenz der Leute, die unterschiedslos allem zustimmen, freundlich ins Lächerliche zu ziehen. In manch einer Kontroverse appellierte er an den „nicht gemeinen Menschenverstand“ und machte dadurch schelmisch darauf aufmerksam, dass der gesunde Menschenverstand vielleicht nicht mehr in dem Maße verbreitet ist wie ehedem, da viele namhafte Denker Positionen vertreten, die dem „gesunden Menschenverstand“ zuwiderlaufen.

Die Wirklichkeit erkennen

Seinen geliebten Menschenverstand fand Chesterton bei den großen Kirchenlehrern wieder. Gegen Ende seines Lebens schrieb er eine Biographie des heiligen Thomas von Aquin : ein Meisterwerk, das einer der größten Kenner des Thomismus, Étienne Gilson, als das beste Buch über den Doctor Angelicus bezeichnete. Chesterton verfügte über keine weitere philosophische bzw. theologische Bildung als seine persönliche Lektüre ; dennoch spürte er in seinem Inneren, dass der als Abbild Gottes erschaffene Mensch die Wirklichkeit erkennen kann. Deswegen wagte er es, das Leben eines Mannes zu beschreiben, dem er sich geistesverwandt fühlte. Am Ende des Buches erinnert er zum Vergleich an Martin Luther und zeigt auf, wie dieser zur Trennung zwischen Mensch und Vernunft gelangt. Für Luther sei der Mensch durch die Sünde so verdorben, dass seine natürliche Verstandes- und Willenskraft nichts Nützliches bewirken könne : Der tief gesunkene Mensch könne nichts weiter tun als aus der Tiefe seines Elends um Barmherzigkeit flehen. Der heilige Thomas und die Katholische Kirche hingegen glauben, dass die Menschen „durch ihre natürlichen Kräfte und ihr Licht tatsächlich zur wahren und sicheren Erkenntnis des einen persönlichen Gottes, der die Welt durch seine Vorsehung schützt und leitet, sowie des natürlichen Gesetzes, das vom Schöpfer in unsere Herzen gelegt wurde, gelangen können“ (Katechismus, Nr. 37). Das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft beschrieb der heilige Johannes-Paul II. so : „Die Kirche ihrerseits kann nicht umhin, den Einsatz der Vernunft für das Erreichen von Zielen anzuerkennen, die das menschliche Dasein immer würdiger machen. Denn sie sieht in der Philosophie den Weg, um Grundwahrheiten zu erkennen, welche die Existenz des Menschen betreffen. Gleichzeitig betrachtet sie die Philosophie als unverzichtbare Hilfe, um das Glaubensverständnis zu vertiefen und die Wahrheit des Evangeliums allen, die sie noch nicht kennen, mitzuteilen“ (Enzyklika Fides et ratio, 14. September 1998, Nr. 5).

Chesterton verteidigte nicht nur den Glauben, sondern auch die guten Sitten. Nachlässigkeit in der Kleidung war für ihn ein Zeichen des sittlichen Verfalls in einer Gesellschaft. Die Neigung, den Körper rückhaltlos zu enthüllen, gefährdete in seinen Augen nicht nur die guten Sitten, sondern schadete auch der Vernunft. Dem Helden der Episoden aus dem Leben von Gabriel Gale legte er folgende Worte in den Mund : „Haben Sie nie bemerkt, wie wahr die Aussage ‚angekleidet und klaren Sinnes’ (Mk 5,15) – in Bezug auf den von Jesus geheilten Besessenen – ist ? Der Mensch ist nicht klaren Sinnes, wenn er nicht bekleidet ist mit den Symbolen seiner sozialen Würde. Die Menschheit ist nicht einmal menschlich, wenn sie nackt ist.“ So gegen den Strom zu schwimmen, erfordert Mut ; im Grunde geht es um die Frage, ob man leben will. Denn : „Was tot ist, schwimmt mit dem Strom. Nur was lebt, kann gegen den Strom schwimmen.“

G.K. Chesterton sah im Respekt für das Ererbte einen Akt der Ehrerbietung gegenüber unseren Vorfahren : „Tradition bedeutet, dass man der am meisten im Schatten stehenden Klasse, unseren Vorfahren, seine Stimme leiht. Tradition ist Demokratie für die Toten. Sie ist die Weigerung, der kleinen, anmaßenden Oligarchie derer, die zufällig gerade auf der Erde wandeln, das Feld zu überlassen.“ Doch die Achtung vor der Tradition setzt auch einen klugen Blick auf uns selbst und unsere Interessen voraus : „Reiße niemals einen Zaun ein, bevor du nicht weißt, warum man ihn aufgestellt hat“ – eine Anspielung auf den Bibelspruch Verschiebe nicht die von deinen Vorfahren gezogene Grenze deines Nachbarn (Dtn 19,14). Denn wahrer Fortschritt sei nur auf der Grundlage dessen möglich, was uns weitergegeben wurde : „Wahrem Fortschritt geht es nicht darum, die Dinge hinter sich zu lassen wie auf einer Straße, sondern darum, Leben aus ihnen zu saugen wie aus einer Wurzel.“

Beliebte „Plaudereien“

1931 wurde Chesterton eingeladen, eine Sendereihe

für den Rundfunk zu produzieren. Er war einverstanden und lieferte zu seinem Tod jedes Jahr an die vierzig Sendungen. Seine „Plaudereien“ erfreuten sich großer Beliebtheit ; wie sein Freund Hillaire Belloc äußerte er sich dort freimütig zu allen großen Fragen der Zeit. Von Anfang an tat er seine Abneigung gegen das Hitlerregime kund ; ebenso gegen die Eugenik, obwohl Großbritannien sich gerade anschickte, den „Mental Deficiency Act“ (1931) zu verabschieden, durch den die Sterilisierung „geistig zurückgebliebener“ Personen erleichtert werden sollte. Solche Ideen hielt er für unsinnig, „als hätte man das Recht, seine Landsleute zu versklaven, um an ihnen chemische Experimente durchzuführen“. Er wandte sich entschieden gegen den Gesetzesvorschlag, der durch seine vage Formulierung jedermann schutzlos unmenschlichen Bestimmungen zu unterwerfen drohte : „Jeder beliebige renitente Landstreicher, jeder saumselige Arbeiter, jeder exzentrische Landbewohner könnte leicht in die Kategorie tobsüchtiger Geisteskranker eingeordnet werden. Das ist die Situation und damit … sind wir bereits in einem eugenisch organisierten Staat ; uns bleibt nur noch die Rebellion.“

Im festen Glauben daran, dass dem Menschen von Anfang an das Bild Gottes eingeprägt ist (vgl. Gen 1,26-27), trat C.K. Chesterton sein Leben lang leidenschaftlich für den Menschen ein und sah die Richtung, welche die Menschheit einschlug, mit Sorge. Wenn man nicht anerkenne, dass die Würde des Menschen ihre Quelle unbestreitbar in Gott hat, werde man weiterhin immer wieder versuchen, die menschliche Natur völlig umzukrempeln. Wer solle verhindern, dass die „neuen Wunder“ zu „alten Missständen“ – Verfall und Sklaverei – führen ? Er sah voraus, dass die Absage an Gott geradewegs in eine Absage an den Menschen, an das Übernatürliche und an die Natur münden werde ; denn „wenn Sie das Über-natürliche wegnehmen, bleibt Ihnen nicht einmal mehr das Natürliche“, sondern nur noch eine versehrte und kranke Natur. „Die Menschenrechte müssen sich notwendigerweise auf eine Ordnung stützen, die über sie hinausgeht, sonst laufen sie Gefahr, in der Abstraktion zu verschwinden, oder schlimmer noch, in irgendeiner Ideologie zu verkümmern“, sagte der heilige Johannes-Paul II. am 19. November 1983.

Nach einem arbeitsreichen und aufreibenden Leben verstarb Chesterton am 14. Juni 1936 friedlich in seinem Zuhause in Beaconsfield. Vor Kurzem hat der Bischof von Northampton einen Seligsprechungsprozess für ihn eingeleitet.

Die Schriften dieses mutigen Mannes bleiben ein Licht in der Finsternis unserer Welt. Angesichts der gewaltigen, sowohl gegen die Vernunft als auch gegen den Glauben gerichteten Kräfte, die den Menschen erniedrigen, ermutigt uns G.K. Chesterton immer wieder, durchzuhalten und die Wahrheit zu bezeugen, ob gelegen, ob ungelegen (2 Tim 4,2). Folgen wir seinem Beispiel und setzen wir unser Vertrauen auf die Gnade Gottes und seine Liebe, die uns erretten wollen, indem sie uns die christliche Liebe lehren ; denn „lieben bedeutet, das zu lieben, was nicht liebenswert ist. Vergeben bedeutet, das Unverzeihliche zu vergeben. Glauben bedeutet, das Unglaubliche zu glauben. Hoffen bedeutet, auch dann zu hoffen, wenn es keine Hoffnung mehr gibt.“

Dom Antoine Marie osb

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