Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


[Cette lettre en français]
[This letter in English]
[Deze brief in het Nederlands]
[Esta carta en español]
[Questa lettera in italiano]
15. April 2015
Osterzeit


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

„Wozu soll das geweihte Leben gut sein?? Warum lassen sich Menschen auf diese Lebensform ein, wo es doch im Bereich der Nächstenliebe und selbst der Evangelisierung so viele dringende Notwendigkeiten gibt, auf die man auch antworten kann, ohne die besonderen Verpflichtungen des geweihten Lebens zu übernehmen??“, fragte der heilige Johannes-Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben über das geweihte Leben. „Solche Fragen hat es immer gegeben, wie die Episode der Salbung in Betanien aus dem Evangelium anschaulich beweist?: Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt (Joh 12,3). Als Judas unter dem Vorwand der Not der Armen diese Verschwendung beklagte, antwortete ihm Jesus?: Lass sie gewähren?! … Das kostbare Salböl, das als reiner Akt von Liebe und daher fern jeder ‚utilitaristischen’ Überlegung vergossen wurde, ist Zeichen von Übermaß an Unentgeltlichkeit, wie es in einem Leben zum Ausdruck kommt, das hingegeben wird, um den Herrn zu lieben und ihm zu dienen, um sich seiner Person und seinem mystischen Leib zu widmen. Aber von diesem ‚verschwendeten’ Leben verbreitet sich ein Duft, der das ganze Haus erfüllt“ (Vita consecrata, 25. März 1996, Nr. 104). Ein schönes Beispiel für das geweihte Leben hat uns die heilige Gertrud im 13. Jahrhundert geboten.

Trutta

Gertrud, die wegen ihrer spirituellen Ausstrahlung „die Große“ genannt wird, gehört zu den prägendsten Persönlichkeiten Deutschlands. Das Fluidum, das vom Leben dieser schlichten Nonne ausgeht, hat die Jahrhunderte überdauert und sie zu einer international beliebten Heiligen gemacht. Sie wurde am 6. Januar 1256 geboren. Die kleine Trutta, wie man sie liebevoll nannte, wurde bereits in ihrem fünften Lebensjahr dem Kloster Helfta anvertraut. Seit dem 10. Jahrhundert war es hierzulande allgemein üblich, Töchter in Nonnenklöstern erziehen zu lassen. Adlige Familien pflegten damals auf ihrem eigenen Grund und Boden Klöster zu stiften, um sich deren immerwährende Gebete zu sichern. So gründete auch Graf Burchard von Mansfeld 1229 in der Nähe seines Schlosses ein Benediktinerinnenkloster, das die Gebräuche von Cîteaux befolgte. Dank der großzügigen Schenkungen des Grafen und seiner Gattin konnten die Ordensschwestern sowohl ihren eigenen Lebensunterhalt als auch den ihres zahlreichen Personals aus eigenen Mitteln bestreiten. 1234 siedelte der Konvent zunächst nach Rodersdorf über, bevor er sich 1258 endgültig in Helfta in Sachsen niederließ.

Äbtissin des Klosters war damals Gertrud von Hackeborn (etwa 1231–1291), die ihr Amt vierzig Jahre lang ausübte und die nicht mit unserer Heiligen verwechselt werden darf. Mutter Gertrud war eine starke Persönlichkeit, eine gute, in jeder Hinsicht vorbildliche Lehrerin?; sie ließ ihren Nonnen eine solide geistige Bildung vermitteln, so dass deren Spiritualität auf der Heiligen Schrift, der Liturgie, der patristischen Tradition, der Regel sowie der zisterzien-sischen, insbesondere vom heiligen Bernhard von Clairvaux sowie von Wilhelm von Saint-Thierry geprägten Frömmigkeit gründete. Gertrud ernannte ihre eigene, um neun Jahre jüngere Schwester, die künftige heilige Mechthild, zur Novizen-meisterin. Mechthild, die gleichzeitig auch Kantorin war und die Klosterschule leitete, brachte der kleinen Trutta das Lesen und Schreiben bei und führte sie in die Kunst des liturgischen Gesangs sowie der Kalligraphie ein. Angesichts der Gelehrigkeit der Kleinen begann Mechthild mit ihr zunächst die Fächer des Trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik), später auch die des Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik) zu studieren. Unter den kirchlichen Schriftstellern mochte Gertrud den heiligen Augustinus sowie den heiligen Bernhard wegen deren Wortgewandtheit am liebsten. Ihre Ausbildung wurde unter Mitwirkung der Dominikaner von Halle, die das Kloster auch seelsorgerisch betreuten, durch Theologie ergänzt, wobei Mechthild die beiden großen Heiligen der Dominikaner, Albertus Magnus und Thomas von Aquin, ganz besonders schätzte.

In ihren Schriften betonte Gertrud, dass der Herr ihr, ungeachtet der Verblendung ihrer Kindheits- und Jugendjahre, stets mit langmütiger Geduld und unendlicher Barmherzigkeit begegnet sei. „Hättest du mir durch den weisen Rat meiner Umgebung nicht eine natürliche Abscheu vor dem Bösen und eine Liebe zum Guten eingepflanzt, so wäre ich bei jeder Gelegenheit zur Sünde ohne Gewissensbisse gefallen, wie eine Heidin“, schrieb sie. „Doch du hast mich bereits in frühester Kindheit dazu ausersehen, im geheiligten Gehege des Ordenslebens unter geweihten Jungfrauen aufzuwachsen.“ Die junge Nonne war ein starker Charakter, entschieden und zupackend?; sie sah ein, dass sie oft nachlässig war, und bat dafür demütig um Vergebung. Sie begeisterte sich für geistige Arbeit und nahm – vor allem aus Liebe zur Musik – fleißig am Chorgesang teil.

Der Turm der Eitelkeit

Mit etwa 26 Jahren machte Gertrud eine schwere Krise durch, in der selbst ihre geliebten Studien ihr keine Linderung verschaffen konnten, denn sie erkannte, wie begrenzt sie waren?; sie fühlte sich lustlos und einsam. Die Krise dauerte einen Monat, und Gertrud sah darin ein Geschenk Gottes, „um den Turm der Eitelkeit und der Neugier niederzustürzen, in den mein Stolz ausgewachsen war, obgleich ich, ach, nutzlos Namen und Kleid des Ordensstandes trug, um vielleicht so den Weg zu finden, auf dem du mir dein Heil zeigen könntest.“ Schließlich besänftigte der Herr ihre Unruhe und ihre Ängste und gewährte ihr am 27. Januar 1281 nach der Komplet eine einzigartige Gnade?:

„Ich sah plötzlich einen Jüngling voller Anmut und Schönheit vor mir“, berichtete sie. „Er schien etwa 16 Jahre alt zu sein, und meine Augen hätten sich keinen anziehenderen Anblick wünschen können. Mit gütiger Miene richtete er folgende freundlichen Worte an mich?: ‚Warum bist du betrübt?? Hast du keinen Ratgeber, dass du dich so vom Schmerz niederdrücken lässt??’ Als er das sagte, war mir, als säße ich im Chor, in jener Ecke, wo ich so halbherzig zu beten pflegte. Da vernahm ich die Worte?: ‚Salvabo te et liberabo te, noli timere’ (Ich werde dich erretten, ich werde dich befreien, fürchte dich nicht). Dann sah ich, dass seine Hand meine Rechte ergriff, als wollte er sein Versprechen feierlich besiegeln. Anschließend fügte er hinzu?: ‚Du hast mit meinen Feinden den Staub der Erde geleckt und unter Dornen Honig gesaugt. Komm zu mir zurück, und ich will dich mit dem Strom meiner göttlichen Wonne berauschen.’ Während er so sprach, schaute ich um mich und erblickte zwischen ihm und mir eine Dornenhecke, so lang, dass ich ihr Ende gar nicht sah. Ich sah keine Möglichkeit, zu dem schönen Jüngling durchzukommen. Ich verharrte zögernd, brennend vor Verlangen und der Ohnmacht nahe, da ergriff er mich plötzlich, hob mich mühelos hoch und stellte mich neben sich. Da erkannte ich auf der Hand, die er mir kurz zuvor zum Unterpfand gereicht hatte, die kostbaren Juwelen seiner heiligen Wundmale, die sämtliche Schuldscheine gegen uns löschen (vgl. Kol 2,14) … Von jener Stunde an fand meine Seele ihre Ruhe und Heiterkeit wieder. ‚Ich begann, von deinem Duft eingehüllt weiterzugehen, und spürte bald, wie mild und sanft das Joch deiner Liebe ist, das ich früher für hart und unerträglich gehalten hatte.’“

Die Anwesenheit eines Freundes

Von da an intensivierte sich Gertruds innige Gemeinschaft mit dem Herrn, vor allem in den hohen liturgischen Zeiten?: Advent und Weihnachten, Fastenzeit und Ostern, Marienfeste. Und zwar auch dann, wenn sie wegen Krankheit nicht am Chorgebet teilnehmen konnte. Eines Morgens in der Osterzeit ließ sie sich draußen an einem Fischteich nieder. Die Schönheit des Ortes am kristallklaren Wasser, von grünen Bäumen umgeben, entzückte sie. Es gab Vögel in Hülle und Fülle, vor allem Tauben, und in der stillen Abgeschiedenheit herrschte eine köstliche Ruhe. „Da überlegte ich, was den Reiz des Ortes noch steigern könnte, und fand, dass nur die Anwesenheit eines liebenswerten, angenehmen Freundes fehlte, der meine Einsamkeit hätte lindern können. Da hast du, mein Gott, mich wissen lassen?: Wenn ich dir die empfangene Gnade durch ständige Dankbarkeit vergelte, wenn ich mir Mühe gebe, in den Tugenden zu wachsen, wenn ich alles, was irdisch ist, verachte und mich wie die Tauben frei zum Himmel aufschwinge, dann wird mein Herz ein reizvoller Aufenthaltsort für dich sein. Ich dachte den ganzen Tag darüber nach, und als ich mich am Abend zum Gebet niederkniete, kam mir folgender Abschnitt aus dem Evangelium in den Sinn?: Wenn einer mich liebt, wird er mein Wort bewahren, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen, und Wohnung bei ihm nehmen (Joh 14,23). Und alsbald spürte ich, dass du in meinem Herzen aus Staub Wohnung nahmst.“

Gertrud erkannte, dass sie dem Herrn lange ferngeblieben war, dass sie sich mit zu großem Wissensdrang den freien Künsten, der menschlichen Weisheit gewidmet, das geistliche Wissen vernachlässigt und sich des Genusses der wahren Weisheit beraubt hatte. Der Herr, der sie schon im Säuglingsalter erwählt hatte und sie von Kindesbeinen an am Festmahl des klösterlichen Lebens teilhaben ließ, führte sie durch seine Gnade „von den äußeren Dingen zur inneren Betrachtung, von den irdischen Beschäftigungen zur Sorge um die himmlischen Dinge zurück“. So wurde die Grammatikerin zur Theologin und füllte ihr Herz mit den nützlichsten und schönsten Sprüchen der Heiligen Schrift. Sie hatte stets das Wort Gottes zur Hand, um Ratsuchende zufriedenzustellen und Irrtümer durch Zitate zu widerlegen. Gertrud begann zu schreiben und mit Klarheit und Schlichtheit, mit Anmut und Überzeugung, die Wahrheit des Glaubens zu verkündigen?; mit Liebe und Treue diente sie der Kirche und stand bald selbst bei den Theologen in hohem Ansehen. Ihre Umkehr schlug sich auch in der klösterlichen Observanz nieder, im Wechsel von einem Leben, das sie als „schlampig“ bezeichnete, zu einem Leben intensiven Gebets, das mit einem außergewöhnlichen missionarischen Feuer einherging.

Der innige Umgang mit Jesus regte Gertrud dazu an, entgegen der gängigen Praxis des 13. Jahrhunderts für den häufigen Empfang der hl. Eucharistie zu werben. Eine Botschaft des Herrn an sie lautete?: „Es macht mir Freude, bei den Menschenkindern zu sein, und ich habe dieses Opfer (die hl. Messe) im Übermaß meiner Liebe eingesetzt, damit man es zu meinem Gedenken häufig wiederholt. Ich habe fest zugesagt, bis in alle Ewigkeit in diesem Mysterium bei den Gläubigen zu bleiben. Wer versucht, jemanden von der Kommunion abzuhalten, der sich nicht im Zustand der Todsünde befindet, gleicht einem strengen Zuchtmeister, der den Königssohn daran hindert, mit gleichaltrigen armen Kindern zu spielen.“ Ihre Weisungen empfing Gertrud vor allem beim Chorgebet, und sie reagierte stets mit tiefem Dank darauf. Sie schilderte ihre mystischen Erfahrungen in einer lebendigen, bildhaften Sprache.

„Der geistliche Fortschritt strebt nach immer innigerer Vereinigung mit Christus“, erklärt der Katechismus der Katholischen Kirche. „Diese Vereinigung wird ‚mystisch’ genannt, weil sie durch die Sakramente – ‚die heiligen Mysterien’ – am Mysterium Christi teilhat und in Christus am Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit. Gott beruft uns alle zu dieser innigen Vereinigung mit ihm. Besondere Gnaden oder außerordentliche Zeichen dieses mystischen Lebens werden nur Einzelnen gewährt, um die uns allen geschenkte Gnade sichtbar zu machen“ (Katechismus, 2014).

Eine auffallende Vorliebe

Der Herr führte Gertrud stufenweise zur Heiligkeit, und selbst nach dem Einsturz ihres „Turmes der Eitelkeit“ war sie nicht frei von Fehlern?: Sie neigte zur Ungeduld, ja sogar zum Jähzorn, sowie zu einem gewissen Stolz, der durch ihre Beredsamkeit und ihren kunstvollen Gesang noch gefördert wurde, und zeigte sich mitunter nachtragend. Doch obwohl sie deshalb gelegentlich niedergeschlagen war, fand sie sich nicht mit ihren Fehlern ab, sondern kämpfte unverdrossen gegen sie an. Ihr sprunghaftes Temperament stieß etliche Leute vor den Kopf, und man fragte sich, warum der Herr sie mit seiner Vorliebe auszeichnete. Jesus erklärte ihr eines Tages?: „Manche Schwächen, die man in sich selbst erkennt, nähren die Demut und die Zerknirschung und lassen einen dadurch auf dem Weg des Heils vorankommen. Ich lasse solche Schwächen bei meinen engsten Freunden mitunter fortbestehen, um sie in der Tugend zu schulen.“ Gertrud erwiderte?: „Meine Seele war oft sanft berührt angesichts deiner barmherzigen Liebe?; nie hätten mich Drohungen und Strafen so sicher zur Abscheu vor der Sünde und zur Besserung meiner Fehler hinführen können … Da hast du mir deine Abneigung gegen die Schwächen der Leute in meiner Umgebung gezeigt, und als ich dann die Augen auf mich selbst richtete, sah ich, dass ich noch viel schuldiger war?: Dein sanftes Licht hat also mein Gewissen erleuchtet, ohne dass du mich direkt auf einen Fehler in mir hingewiesen hättest, der dich betrübte.“

Jesus spricht?: Wahrlich, ich sage euch?: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, habt ihr mir getan (Mt 25,40). Gertrud, die sich selbst als die geringste und letzte aller Kreaturen betrachtete, bot dem in ihr gegenwärtigen Christus alles dar, was sie sich an Gutem zubilligte. Noch größere Freude bereitete es ihr, wenn sie ihrem Nächsten etwas schenken konnte.

Dieses Buch gehört mir

Am 2. Februar 1288, dem Fest von Mariae Reinigung, war Gertrud durch eine Krankheit ans Bett gefesselt, die ihr kaum eine Atempause gönnte. Da legte sie auf Anregung des Herrn alle himmlischen Gunsterweise, die ihr zuteil geworden waren, schriftlich nieder und erfüllte damit ihre Berufung, der Nachwelt Zeugnis von den Schätzen des Herzens Jesu abzulegen. „Dieses Buch, das mir gehört“, sagte Jesus zu ihr, „wird Der Gesandte der göttlichen Liebe heißen, weil man dadurch einen Vorgeschmack auf die Fülle meiner göttlichen Liebe bekommt.“ Er erklärte ihr auch, warum sie so viele unbeschreibliche Gnaden erhielt?: „Wenn ich so handle, dann deshalb, weil ich dich zum Licht der Völker bestimmt habe, um viele von ihnen zu erleuchten, und in deinem Buch soll jeder nach seinen Bedürfnissen das finden, was ihn zu trösten und zu belehren vermag.“ Von Gertruds intensiver schriftstellerischer Tätigkeit sind uns heute nur noch Der Gesandte der göttlichen Liebe, Die Offenbarungen und Die geistlichen Übungen erhalten – alles Perlen der geistlichen Literatur.

Gertrud schrieb an Jesus?: „Du hast mir deine unschätzbare, innige Freundschaft gewährt, indem du mir die erhabene Arche deiner Gottheit, d.h. dein Heiligstes Herz, dargeboten hast, damit ich mich daran erfreue.“ Als sie eines Tages darüber klagte, dass sie die Unvollkommenheiten, die ihr Leben beschwerten, nicht vermeiden könne, erwiderte Jesus?: „Sieh, ich enthülle den Augen deiner Seele mein Heiliges Herz, einen Teil der anbetungswürdigen Dreifaltigkeit, damit du es bittest, die Unvollkommenheit deines Lebens zu heilen und dich vor meinen Augen wohlgefällig zu machen.“ Da Gertrud gar nicht glauben konnte, dass ihr ein so kostbares Geschenk angeboten wurde, sprach Jesus ihr Mut zu?: „Wenn du eine wohlklingende und angenehme Stimme hättest und gerne singen würdest, und neben dir sich eine Person mit einer missklingenden Stimme befände, wärst du da nicht verärgert darüber, dass sie die Melodie, die du so leicht und so reizvoll wiedergeben kannst, nicht mitsingen will?? Ebenso wartet mein Heiliges Herz und wünscht sich, dass du es einlädst, sei es durch Worte, sei es durch ein Zeichen, die Handlungen deines Lebens mit dir zusammen auszuführen und zu vollenden?; es will dir diesen Dienst liebend gern erfüllen.“

Die Verehrung des Herzens Jesu, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hatte, gilt dem Menschentum Christi, denn es stellt den innersten Kern und die ganze Liebe der Person Christi dar. „Das Herz ist in der Bibel die Mitte des Menschen, wo alle seine Dimensionen — Leib und Geist, die Innerlichkeit der Person sowie seine Öffnung für die Welt und die anderen, Verstand, Wille und Gefühlsleben — miteinander verflochten sind“, erklärt Papst Franziskus. „Wenn also das Herz imstande ist, diese Dimensionen zusammenzuhalten, dann deshalb, weil es der Ort ist, an dem wir uns der Wahrheit und der Liebe öffnen und zulassen, dass sie uns anrühren und in der Tiefe verändern“ (Enzyklika Lumen fidei, 5. Juli 2013, Nr.?6). In seinem Herzen vereint Jesus Liebe und Wahrheit miteinander?; sie dürfen nicht getrennt werden, denn die Liebe ist, obwohl sie unsere Emotionalität anspricht, in erster Linie nicht an das Gefühl, sondern an die Wahrheit gebunden. „Die Liebe wird heute als eine Erfahrung angesehen, die an die Welt der unbeständigen Gefühle gebunden ist und nicht mehr an die Wahrheit“, fährt der Papst fort. „In Wirklichkeit kann die Liebe nicht auf ein Gefühl reduziert werden, das kommt und geht. Sie berührt zwar unser Gefühlsleben, doch um es für den geliebten Menschen zu öffnen und so einen Weg zu ihm zu beginnen, um eine dauerhafte Beziehung aufzubauen. Die Liebe trachtet nach der Einheit mit dem geliebten Menschen. Wenn die Liebe keinen Bezug zur Wahrheit hat, ist sie den Gefühlen unterworfen und übersteht nicht die Prüfung der Zeit. Die wahre Liebe vereint hingegen alle Elemente unserer Person und wird zu einem neuen Licht. Ohne Wahrheit kann die Liebe das Ich nicht von dem flüchtigen Augenblick befreien, damit es das Leben aufbaut und Frucht bringt. Liebe und Wahrheit kann man nicht voneinander trennen. Ohne Liebe wird die Wahrheit kalt, unpersönlich und erdrückend für das konkrete Leben des Menschen. Die Wahrheit, die wir suchen, jene, die unseren Schritten Sinn verleiht, erleuchtet uns, wenn wir von der Liebe berührt sind“ (ibid. 27).

Kurz nachdem Gertrud die Arbeit an ihrem Werk beendet hatte, starb Mutter Gertrud von Hackeborn. Zur Äbtissin wurde Sophie von Mansfeld, die Tochter des Gründers, gewählt. Als das Kloster im Zuge einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Kindern Alberts von Sachsen und dem neugewählten Kaiser Adolf von Nassau 1294 von Soldaten besetzt wurde, forderte Jesus Gertrud auf, für ihre von Verdammnis bedrohten Feinde und Verfolger zu beten und um Barmherzigkeit sowie um die Gnade der Bekehrung für sie zu bitten, anstatt ihnen übel nachzureden.

Die heilbringendste Vorbereitung

Aufgrund ihres unerschöpflichen Gottvertrauens war Gertrud von einer Todessehnsucht beseelt, die jedoch durch ihre Verbundenheit mit dem göttlichen Willen abgemildert wurde?; so war es ihr gleichgültig, ob sie lebte oder starb?: Durch den Tod hoffte sie zur ewigen Seligkeit zu gelangen?; das Leben wiederum bot ihr Gelegenheit, mehr zur Ehre des Herrn zu tun. Einmal wurde sie gefragt, ob sie nicht befürchte, ohne die Sakramente der Kirche zu sterben. „In Wahrheit möchte ich aus ganzem Herzen die Sakramente empfangen“, erwiderte sie, „doch der Wille und der Befehl meines Gottes werden für mich die beste und heilbringendste Vorbereitung sein. Ich werde daher freudig zu Ihm gehen, ob durch einen plötzlichen oder einen vorhersehbaren Tod, in dem Wissen, dass es mir niemals an Gottes Barmherzigkeit mangeln wird und dass wir ohne sie nicht gerettet werden, wie auch immer unser Tod ausfallen mag.“ Als Gertrud auf ihrem Krankenlager auf den Tod wartete, betete sie für andere. Indem sie die Namen der einzelnen Personen aussprach, empfahl sie sie jener Liebe, die den eingeborenen Sohn Gottes des Vaters auf die Erde herabsteigen ließ, um die Menschen zu erretten. Als man ihr ihren baldigen Tod ankündigte, bereitete sie sich durch ihre eigenen Exerzitien darauf vor. Sie starb am 17. November 1301 (oder 1302) voller Hingabe an die Güte Gottes, auf die sie stets ihre Hoffnung gesetzt hatte.

„Das Leben der heiligen Gertrud bleibt auch weiterhin eine Schule des christlichen Lebens, des rechten Weges, und es zeigt uns, dass der Mittelpunkt eines glücklichen Lebens, eines wahren Lebens, die Freundschaft mit Jesus, dem Herrn, ist“, sagte Papst Benedikt XVI. am 6. Oktober 2010. „Und diese Freundschaft lernt man in der Liebe zur Heiligen Schrift, in der Liebe zur Liturgie, im tiefen Glauben, in der Liebe zu Maria, damit wir Gott und damit das wahre Glück, das Ziel unseres Lebens immer mehr wirklich kennenlernen.“

Dom Antoine Marie osb

Die Veröffentlichung des Rundbriefes der Abtei St.-Joseph de Clairval in einer Zeitschrift, oder das Einsetzen desselben auf einem ,,web site" oder einer ,,home page" sind genehmigungspflichtig. Bitte wenden Sie sich dafür an uns per E-Mail oder durch http://www.clairval.com.

Index der Briefe  - Home Page

Webmaster © 1996-2017 Traditions Monastiques