Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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11. März 2015
Fastenzeit


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

„Unser Leben ist nur in dem Maße wertvoll, in dem wir den heiligen Willen Gottes getreu akzeptieren und erfüllen. Im Laufe der Jahre erkennen wir das immer besser, und der gottliebende Mensch bemüht sich immer eifriger um die erstrebenswerte Fügsamkeit.“ Diese Worte aus der Feder Mutter Marie-Adèle Garniers sind ein Zeugnis ihrer ganz und gar gottergebenen Seele. Ihre Hingabe machte sie empfänglich für die Verletzungen, die dem Herzen Jesu zugefügt wurden, und weckte den Wunsch in ihr, sich im Geiste der Sühne für die Sünden der Welt am erlösenden Leid des Gekreuzigten zu beteiligen.

Marie-Adèle Garnier kam am 15. August 1838 in Grancey-le-Château in der Diözese Dijon (Ostfrankreich) zur Welt. Zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter wurde sie mit acht Jahren bei den Cölestinerinnen in Villeneuve-sur-Yonne in Pension gegeben. Sie war ein frommes Kind, wenn auch nicht immer von vorbildlichem Benehmen. Ihrer eigenen Schilderung nach war sie in diesen Lebensjahren „sehr schwierig, sehr undiszipliniert und sehr glücklich“. Am 19. Mai 1850 empfing sie die Erstkommunion und am folgenden Tag die Firmung. Bereits da erwachte der Wunsch in ihr, Gott allein zu gefallen. Als sie mit sechzehn Jahren aus der Pension nach Hause zurückkehrte, hielt ein junger Mann um ihre Hand an. Sie verlobte sich mit ihm. Eines Tages hörte sie, wie ihr Verlobter, ein eher oberflächlicher Christ, sich mit einem Freund über die Frömmigkeit seiner künftigen Frau lustig machte?: „Sobald wir verheiratet sind, räume ich mit all dem auf.“ Adèle zögerte keinen Augenblick, lief die Treppe hinunter und gab ihm sogleich den Laufpass?: „Sie werden sich gar nicht bemühen müssen?; ich werde nie Ihre Frau?!“ Der junge Mann stritt zuerst alles ab, entschuldigte sich dann, machte eine Szene und stieß sich schließlich eine Schere in die Brust?; die Verletzung war schwer, aber nicht tödlich. Adèle blieb hart?: Die Verlobung wurde aufgelöst. Bald danach wurde der jungen Frau eine einzigartige Gnade zuteil, die sie folgendermaßen beschrieb?: „Gott zog mich auf so erlesene Art an sich, dass es mir vorkam, als wäre ich gar nicht mehr von dieser Welt.“

Brennender Durst

Bei der weihnachtlichen Mitternachtsmette des Jahres 1862 hatte Adèle eine Vision des Jesus-Kindes, die ihre Verehrung für das Heiligste Herz Jesu weiter steigerte?; sie fühlte sich nunmehr zum Ordensleben berufen. Mit 26 Jahren absolvierte sie einen Probeaufenthalt bei den Sacré-Cœur-Schwestern in Conflans, musste jedoch nach zwei Monaten aus Gesundheitsgründen zu ihrer Familie nach Dijon zurückkehren. Dort wurden ihr mehrfach besondere Gnaden zuteil?: „Mitunter, wenn ich in der Kirche saß, oft recht zerstreut, jedenfalls nicht gerade andächtig und aufmerksam, fühlte ich mich plötzlich durch eine übermenschliche Kraft emporgehoben, die mich entzückte?: Ich spürte Gott, ich war im Himmel?; das währte nur kurz, vielleicht eine Minute, kam jedoch häufiger vor … Die Folge war immer die gleiche?: Liebe zu Gott, Durst nach Jesus und größere Inbrunst beim Empfang der Kommunion.“

Im Mai 1868 kam sie als Hauslehrerin zur Familie de Crozé auf Schloss de l’Aulne bei Laval. Sie blieb acht Jahre dort und versah nebenbei auch das Amt des Sakristans in der kleinen Schlosskapelle, in der das Allerheiligste aufbewahrt wurde. In diese Zeit fiel die Verkündung des päpstlichen Unfehlbarkeitsdogmas, und Adèle entwickelte eine innige Liebe zum Stellvertreter Jesu Christi?; so wählte sie später den Ordensnamen Mutter Marie de Saint-Pierre für sich. Eines Abends im Jahre 1869 erschien ihr plötzlich eine große, lichtglänzende Hostie mit dem Bildnis unseres Herrn darauf, der sein Heiligstes Herz zeigte?; das Motiv verwendete Adèle später für die Medaille ihrer Ordensfamilie.

Bald kam es zu großen politischen Umwälzungen?: Der Kirchenstaat wurde aufgelöst, und der Französisch-Preußische Krieg endete mit der Abschaffung des Zweiten Kaiserreichs in Frankreich. Die dem Stellvertreter Christi zugefügte Schmach und das Missgeschick ihrer Heimat gingen Adèle sehr zu Herzen. Am 12. Dezember 1871 notierte sie in ihr Tagebuch?: „Für Frankreich beten, sühnen, leiden, lieben.“ Das ganze folgende Jahr war für sie von innerem Leiden geprägt?: „Es ist mir unmöglich, im Dienst des Herrn Freude, Reiz und Trost zu finden.“ Im Frühjahr 1873 war sie so niedergedrückt, dass ihr Beichtvater ihr den Rat gab, Jesus um Erleuchtung und seelischen Trost zu bitten. Sie ging in die Kapelle und betete. Als sie gerade hinaustreten wollte, „schoss vom Tabernakel her ein feuriger Pfeil der Liebe wie ein Blitz auf mich zu und drang mir ins Herz … Außer mir vor Glück, das mir die Besinnung raubte, fiel ich wie vom Blitz getroffen nieder und war von einem unbeschreiblichen Entzücken überwältigt“.

Eine schöne Antwort

In Erinnerung an die Offenbarungen des Heiligsten Herzens an die heilige Marguerite-Marie begannen zwei tiefgläubige Christen namens Legentil und Rohault de Fleury nach dem Krieg von 1870 für die Idee eines Heiligtums zu werben, das man dem Herzen Jesu errichten und in dem ohne Unterlass für den Papst, die Kirche und für Frankreich gebetet werden sollte. Jesus hatte sein Herz im Juni 1675 vor der heiligen Visitantin entblößt und gesagt?: „Sieh hier das Herz, das die Menschen so sehr liebt, dass es nichts gespart hat, um sich zu opfern und zu erschöpfen in Liebesbeweisen?; und als Dank empfange ich von den meisten Menschen nur Kälte, Unehrerbietigkeit, Verachtung und Sakrilegien.“ Der Bau der Basilika von Montmartre in Paris war die Antwort auf diesen schmerzlichen Appell des Herzens Jesu und sollte die Reue und die Ergebenheit Frankreichs Gott und Christus gegenüber zum Ausdruck bringen. Am 23. Juli 1873 erklärte die Nationalversammlung, die Errichtung des Gebäudes liege im öffentlichen Interesse.

Als Adèle 1872 durch einen Zeitungsartikel von dem Kirchenbauprojekt erfuhr, vernahm sie gleichzeitig eine innere Stimme?: „Da will ich dich haben.“ Der Ruf ließ sie nicht mehr los. Im September 1874 gab ihr der Herr eines Abends klar zu verstehen, dass er das Allerheiligste auf Montmartre Tag und Nacht ausgesetzt haben möchte, und erteilte ihr den Auftrag?: „Suche den Erzbischof von Paris auf und sprich mit ihm.“ Von ihrem Beichtvater ermutigt, begab sich Adèle zu Kardinal Guibert, der ihr in leicht ironischem Ton erwiderte, der Kirchenbau habe noch nicht einmal begonnen, ihr Anliegen scheine ihm daher nicht realisierbar zu sein. Gleichwohl war es der Kardinal selbst, der später die ewige Anbetung einführte, die er damals für unmöglich gehalten hatte und die seit dem 1. August 1885 ununterbrochen fortgeführt wird.

Am 16. Juni 1875 erfolgte die Grundsteinlegung für die künftige Basilika von Montmartre. Im Geiste der Liebe und der Sühne, die Christus dort dargebracht werden sollten, bot sich Adèle noch am selben Tag als Opfer dar, um durch ihr eigenes Leben am Leiden des Heilands teilzuhaben.

Der heilige Apostel Johannes schreibt, Jesus sei die Sühne für unsere Sünden (1 Joh 2,2). „Das Wort ist Fleisch geworden“, lehrt uns der Katechismus der Katholischen Kirche, „um uns mit Gott zu versöhnen und uns so zu retten?: Gott hat uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt (1 Joh 4,10)“ (Katechismus, 457). Jesus ist das für unsere Sünden dargebrachte Opfer, weil Er sie gesühnt und uns durch seine Passion und seinen Kreuzestod erlöst hat. „Der Erlöser hat anstelle des Menschen und für den Menschen gelitten“, sagt der heilige Johannes-Paul II. „Jeder ist auch zur Teilhabe an jenem Leiden aufgerufen, durch das die Erlösung vollzogen wurde. Er ist zur Teilhabe an jenem Leiden gerufen, durch das zugleich jedes menschliche Leiden erlöst worden ist … Der Glaube an die Teilhabe an den Leiden Christi bringt die innere Gewissheit mit sich, dass der leidende Mensch ergänzt, was an den Leiden Christi noch fehlt (vgl. Kol 1,24)?; dass er in der geistlichen Dimension des Erlösungswerkes wie Christus dem Heil seiner Brüder und Schwestern dient. Damit ist er also nicht nur den anderen nützlich, sondern erfüllt zudem noch einen unersetzlichen Dienst. Im Leib Christi, der vom Kreuz des Erlösers her unaufhörlich wächst, ist gerade das vom Opfergeist Christi durchdrungene Leiden der unersetzliche Mittler und Urheher der für das Heil der Welt unerlässlichen Güter“ (Hl. Johannes-Paul II., Apostolisches Schreiben Salvifici doloris, 1984, Nr. 19.27).

Das Sühnegebet

Ende des Jahres 1875 – die Basilika befand sich bereits im Bau – schrieb Adèle einen Brief an Kardinal Guibert?: „Kann Jesus in diesem Frankreich, das Er liebt und das Er gnädig mit Liebe und Barmherzigkeit überschüttet, deren Ozean und Kanal zugleich die Heilige Eucharistie ist, nicht erwarten, dass die Menschen, denen er besondere Gnaden erwiesen hat, sich mit Ihm vereinen, sich am Fuße seines Altars für immer dem Sühnegebet weihen und durch ihre demütigen Bitten einen Rückgang der Gotteslästerungen sowie der ansteckenden Neigung zur Gleichgültigkeit und zum Vergessen erwirken??“ Sie brachte damit ein Anliegen Jesu zum Ausdruck?: die Gründung eines neuen Ordens von Anbetungsschwestern. Sie selbst begann am 18. Mai 1876 in einer kleinn Wohnung auf Montmartre ein Leben des Gebets. Doch ihre Gesundheit war angegriffen, und sie litt ein wahres Martyrium, das lediglich während der Messe gelindert wurde, wenn ihre Seele die Gnade des Trostes empfing. Da sich die Krankheit verschlimmerte, konnte sie ihr Vorhaben nicht fortführen und sah darin eine Fügung Gottes. Auf Rückkehr hoffend verließ sie Montmartre am 13. September und verbrachte viele Monate zwischen Leben und Tod bei ihrer Familie, bevor sie wieder etwas zu Kräften kam. Später sagte sie dazu?: „Ich habe schreckliche und mitunter recht lange Zeiten der Trauer und Entmutigung erlebt … Ich musste mich fügen und betete kaum ein anderes Gebet als das Vaterunser.“

1878 reiste Adèle nach Lourdes. „Am 15. August“, schrieb sie, „als ich in Gebet versunken vor der Grotte stand, kam mir der Gedanke, dass Maria mich deswegen dort hingeführt hat, damit ich das Werk und alle künftigen Opfer unter ihren mütterlichen Schutz stelle. Daraufhin brachte ich ihr in ein paar gleich zu ihren Füßen verfassten demütigen Zeilen die entstehende Gesellschaft schriftlich dar?; sie sollte unter dem Schutz der Unbefleckten Gottesmutter einzig und allein der Wiedergutmachung gegenüber dem Herzen Jesu dienen … Ich steckte den Zettel in eine Felsspalte … Er glitt mir aus den Fingern und fiel in ein Loch, in welches kein Auge und keine entweihte Hand je vordringen können.“ Einen ähnlichen Brief begrub gleichzeitig eine Freundin Adèles in den Fundamenten der Basilika von Montmartre?: In ihm boten beide ihr Leben als Opfer dar.

„Was passiert da??“

Fast zehn Jahre vergingen. Als Adèle im 14. November 1887 die Kommunion aus der Hand eines Priesters empfing, vernahm sie ganz deutlich die Worte?: „Das ist deine Vermählung?!“ Sie berichtete?: „Ich fand mich hingestreckt wieder, wie auf dem Kreuz, gekreuzigt mit Jesus, als wären meine Glieder auf eine Weise von den Gliedern Jesu durchdrungen, wie man es nur aufgrund eigener Erfahrung begreifen kann … Ich sagte zum Herrn?: ‚Mein Gott, was passiert da?? Was machst du??’ – ‚Ich nehme dich in Besitz, du gehörst mir, du bist meine Braut.’“ Adèle hegte schon seit Langem eine innige Verehrung für das heilige Messopfer. Jesus ließ sie nun erkennen, dass Er durch die Person des Priesters handelt, dass Er unser alleiniger und einziger Hohepriester und Mittler ist. „Jesus gab mir zu verstehen, dass es ein universelles Priestertum gibt, das notwendigerweise ganz mit seinem Priestertum vereint ist … und das nur existieren kann, wenn die Seele es herbeigewünscht hat und ihm durch ihre Bereitschaft, sich jederzeit mit Jesus als Opfer darzubringen, zustimmt … Er gab mir zu verstehen, dass ich eine sehr große, sehr vollkommene Reinheit des Herzens, der Seele, des Geistes und Leibes erwerben müsse, damit das Opfer … nicht befleckt werde. Dann sagte er zu mir?: ‚Die notwendigen Opfer lasse ich dich machen?; die Liebe schenke ich dir?; die Schwierigkeiten glätte ich?; deiner Not nehme ich mich an, ich nehme sie auf mich.’“

Das II. Vatikanische Konzil erinnerte daran, dass es ein allen Gläubigen gemeinsames Priestertum gibt, das sich vom offiziellen Priesteramt unterscheidet. „Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem heiligen Priestertum geweiht … So sollen alle Jünger Christi ausharren im Gebet und gemeinsam Gott loben und sich als lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe darbringen … Es sind nämlich alle ihre Werke, Gebete und apostolischen Unternehmungen, ihr Ehe- und Familienleben, die tägliche Arbeit, die geistige und körperliche Erholung, wenn sie im Geist getan werden, aber auch die Lasten des Lebens, wenn sie geduldig ertragen werden, geistige Opfer, wohlgefällig vor Gott durch Jesus Christus (1 Petr 2,5). Bei der Feier der Eucharistie werden sie mit der Darbringung des Herrenleibes dem Vater in Ehrfurcht dargeboten. So weihen auch die Laien, überall Anbeter in heiligem Tun, die Welt selbst Gott“ (Konstitution Lumen gentium, Nr. 10.34).

Die Gnaden, die Adèle so reichlich empfing, machten sie nicht übermütig?: „Ich bin immer noch ich“, schrieb sie an ihren Beichtvater. „Ich begehe jeden Augenblick Fehltritte, die mich die ganze Last meiner armen Natur spüren lassen, aber der Gedanke an meinen Gott erhebt mich und stützt mich?; ich glaube fest, dass Er es nicht zulässt, dass mich irgendetwas auf der Welt von ihm trennt.“ Fortan sah sie alles im Geiste Gottes und blieb inmitten aller Heimsuchungen und Widernisse ruhig und gelassen.

Amen – Halleluja

1896 freundete sich Adèle mit einer 23-jährigen jungen Frau namens Alice Andrade an, die sich in einen Orden berufen fühlte, der insbesondere für die Kirche und für Frankreich betete. Da die beiden Fauen nicht sofort ein gemeinschaftliches Leben aufnehmen konnten, legten sie erst einmal gemeinsam ein Gelübde vor Gott ab und verpflichteten sich auf eine kurze Regel, die mit den Worten „Amen–Halleluja“ endete?; diese lagen auch ihrer künftigen Kongregation sehr am Herzen. Im März 1897 bewarb sich eine dritte Gefährtin um Aufnahme, und im Juni bezog die kleine Gruppe, der sich bald eine vierte Schwester anschloss, eine Wohnung auf Montmartre. Sie beteten gemeinsam das Stundengebet und begannen, sobald es ging, zuerst mit der Tagesanbetung, dann auch mit der Nachtanbetung. Vorgesehen waren auch apostolische Tätigkeiten, sofern sie nicht auf Kosten des kontemplativen Lebens gingen. Am 29. Juni weihten sich die Ordensschwestern in der Krypta der neuerbauten Basilika dem heiligen Petrus. Am 21. November legten sie unter ihrer Zivilkleidung ein Skapulier aus weißem Wollstoff an. Auf der Vorderseite war das Herz Jesu inmitten der Dornenkrone abgebildet, darunter die Schlüssel des heiligen Petrus?; auf der Rückseite ein Kreuz mit dem Buchstaben M für Maria. Die Devise der entstehenden Kongregation lautete „Gloria Deo per Sanctissimum Cor Jesu – Ehre sei Gott durch das Heiligste Herz Jesu“.

Am 4. März 1898 genehmigte Kardinal Richard, der Erzbischof von Paris, die Einrichtung eines Noviziats?: Damit war die Gesellschaft der Anbetungsschwestern des Heiligsten Herzens Jesu von Montmartre gegründet. Bald wurden auch die von der Regel des heiligen Augustinus inspirierten Konstitutionen der Gründung gebilligt. Am 9. Juni 1899, des Jahres, in dem Papst Leo XIII. die gesamte Menschheit dem Heiligsten Herzen Jesu weihte, legten die ersten vier Nonnen ihre Profess ab. Von da an kannte man Adèle nur noch als Mutter Marie de Saint-Pierre. Für sie war Montmartre das Zentrum einer landesweiten Anbetungs- und Sühneinitiative, die sich jedoch bald auch über die Grenzen Frankreichs hinaus ausdehnte und dort eine jeweils ähnliche Rolle entfaltete. Die Kongregation war also im Gebet für Kirche und Papst vereint?; daneben erfüllte jedes Haus eine spezifische Mission für sein Gastland.

Bald kauften die Schwestern ein Grundstück in der Nähe der Basilika Sacré-Cœur. Als jedoch 1901 alle Ordenskongregationen von der französischen Regierung aus antiklerikalen Motiven heraus aufgelöst wurden, flohen die Anbetungsschwestern nach London. Dort legten sie am 21. November 1901 zum ersten Mal eine Ordenstracht an?: Sie bestand zunächst aus einer weißen Tunika, einem roten Skapulier und einem schwarzen Schleier. Im März 1903 ließ sich der Konvent in Tyburn, am mons martyrum (dem Berg der Märtyrer) von London, nieder, wo im 16. und 17. Jahrhundert mehrere hundert Märtyrer – Priester, Nonnen und Laien – aus Treue zur Römischen Kirche ihr Blut vergossen hatten. In den folgenden Jahren musste der Konvent viele Schicksalsschläge und finanzielle Probleme bewältigen. Doch die Vorsehung des Herzens Jesu wachte über ihn?; eine Botschaft des Herrn an die Mutter im Hinblick auf die Kongregation lautete?: „Ich will nicht, dass sie untergeht?!“ 1909 gab es bereits so viele Neuberufene, dass eine Niederlassung in Belgien gegründet wurde. Mutter Marie de Saint-Pierre neigte schon seit Langem innerlich dazu, die Benediktusregel zu übernehmen. Nachdem ihr im März 1913 der heilige Benedikt erschienen war und sie von einer schweren Krankheit geheilt hatte, übernahmen die Schwestern 1914 die Regel des heiligen Benedikt und legten sich eine schwarze Ordenstracht zu, wobei sie für die Stundengebete die weiße Kukulle beibehielten.

„Schlepp dein Kreuz auf allen vieren“

Das Leben von Mutter Marie de Saint-Pierre blieb von ständigem Leiden an Leib und Seele geprägt?; wenn sie einmal zwei Stunden lang keine Schmerzen litt, fragte sie Jesus, ob er sie denn vergessen habe. Sie hatte starke Migräneanfälle, die sie am Denken und Handeln hinderten, und war den ganzen Tag arbeitsunfähig, wenn sie nicht gleich beim Aufstehen etwas Kaffee trank. Nach den damals geltenden kirchlichen Regeln durfte sie andererseits nicht zur heiligen Kommunion gehen, wenn sie nach Mitternacht noch etwas zu sich genommen hatte?; schließlich wurde ihr ein Dispens vom eucharistischen Fasten erteilt. Das Gemüt der Mutter war durch die Gnade Gottes von unerschütterlicher Sanftmut und gelassener Freundlichkeit geprägt?; so konnte sie ihren Mitschwestern einfühlsam Trost spenden. Zu einer jungen Schwester, die besonders schwer geprüft war, sagte sie eines Tages?: „Mein armes Töchterchen, ich habe so viel für dich gebetet. Wenn du so sehr leidest, dann schlepp doch dein Kreuz auf allen vieren, wenn es sein muss?; wenn es dann etwas besser geht, kannst du versuchen, dich zu erheben, und dein Kreuz aufrechter zu tragen.“

Eines Tages im Oktober 1922 fühlte sich Mutter Marie de Saint-Pierre im Geiste auf den Kalvarienberg versetzt?: Sie lag krank und kraftlos dem gekreuzigten Jesus zu Füßen. Aber es war kein Kreuz da. „Herr“, sagte sie, „ich kann das Holz deines Kreuzes nicht sehen.“ – „Das Holz meines Kreuzes wir in dir sein“, erwiderte Jesus. Damit kündigte er ihr ihre letzte Krankheit an, die 18 Monate dauerte. Anfang November bekam sie eine Angina pectoris, und bald kam eine Lungenentzündung hinzu. Von da an war sie bettlägerig und konnte nur selten der heiligen Messe beiwohnen. Dennoch beteuerte sie?: „Ich glaube, ich werde bis zur letzten Minute fröhlich sein?!“ Sie bot ihr Leiden als Opfer dar, „damit alle Völker katholisch werden“. Am 15. November 1923 erkannte sie auf der Hostie, die ihr ein Priester reichte, das Herz des in der Eucharistie lebenden Jesus. Sie entschlief friedlich am 17. Juni 1924.

Die Kongregation der Anbetungsschwestern des Heiligsten Herzens Jesu von Montmartre folgt heute ihrer Berufung zum kontemplativen Leben in Klöstern in England, Australien, Peru, Irland, Schottland, Neu-Seeland, Ecuador, Kolumbien und seit 2013 auch in Frankreich nach. Aus der Kongregation von Tyburn ist 1947 eine weitere Kongregation hervorgegangen, die Benediktinerinnen des Heiligsten Herzens Jesu von Montmartre?; sie betreuen heute die Basilika von Montmartre sowie weitere Pilgerstätten in Frankreich.

Mutter Marie-Adèle Garnier wollte „unter den Augen Jesu leben, untrennbar mit Jesus verbunden sein, unter den brennenden Strahlen des heiligen Feuers der Eucharistie weiterwachsen“. Folgen wir ihrem Beispiel und lernen wir im Sinne der Ermahnung des heiligen Benedikt (Regel, Kap. 72), der Liebe zu Christus „überhaupt nichts“ vorzuziehen.

Dom Antoine Marie osb

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