Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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2. Februar 2015
Darstellung des Herrn


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am 5. Juli 1852 wurde Abbé Ernest André, der junge Pfarrer von Mesnil-Saint-Loup, einem armen Dorf in der Diözese Troyes (Ostfrankreich), vom seligen Pius IX. in Privataudienz empfangen. Er kniete vor dem Papst nieder und fragte: „Heiliger Vater, würden Sie der Allerseligsten Jungfrau, die in unserer Kirche verehrt wird, den Titel ‚Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung’ verleihen?“ Bei diesen Worten hob der Papst den Kopf, überlegte kurz und sagte dann voller Freude und mit sichtlicher Zufriedenheit: „Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung: Ja!“

Auf die Initiative des jungen Pfarrers hin sollte Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung nicht nur die Pfarrgemeinde von Mesnil-Saint-Loup in wenigen Jahren völlig verändern, sondern ihre Gnaden sogar bis weit über die Grenzen des Dorfes hinweg ausgießen.

Ernest André, den die Nachwelt vor allem unter dem Namen Pater Emmanuel kennt, wurde am 17. Oktober 1826 in Bagneux-la-Fosse (Region Champagne) geboren. Mit neun Jahren erkrankte der Junge an Typhus; er stand vierzig Tage lang nahezu bewusstlos an der Schwelle des Todes und genas dann wie durch ein Wunder von einem Moment zum anderen. Bald danach keimte der Wunsch in ihm, Priester zu werden. 1839 kam Ernest auf die Bischofsschule. Das Sakrament der Firmung, das er dort am Ende des ersten Schuljahres empfing, beeindruckte ihn nachhaltig; in seiner Lehre hob er später immer wieder die Rolle des Heiligen Geistes im Leben des Christen hervor. Seine Studienjahre am Priesterseminar fielen in die Zeit, als gerade eine Welle der Begeisterung für die Mission durch den französischen Katholizismus fegte. Abbé Andrés Mitschüler verließen das Seminar und schlossen sich den Maristenbrüdern oder den Picpus-Missionaren an, um in fernen Ländern zu evangelisieren. Er selbst wurde ebenfalls von dem Fieber angesteckt. Doch schließlich entschied er sich für die klassische Mission als Gemeindepfarrer in seiner Heimatdiözese. Nach den dunklen Jahren der Revolution musste die Christenheit ja auch in Frankreich wieder aufgerichtet werden.

„Er wird nicht bei uns bleiben“

Nach seiner Priesterweihe am 22. Dezember 1849 wurde Abbé André mit 23 Jahren zum Pfarrer von Mesnil-Saint-Loup, einer 350-Seelen-Gemeinde im Westen von Troyes, ernannt. Der frischgebackene Pfarrer kam am 24. Dezember in Mesnil an. Als er auf einen Dorfbewohner traf, fragte er ihn nach dem Weg zur Kirche; der Mann begleitete ihn und legte dabei ganz treuherzig eine Beichte für sich und sein ganzes Umfeld ab: „Wissen Sie, wir sind hier nicht sehr fromm: Bei der Messe sind wir immer dabei; aber nach der Messe trinken wir gerne einen über den Durst.“ Als die Gemeindeglieder den neuen Pfarrer bei der Mitternachtsmette singen hörten, sagten sie: „Er singt viel zu gut, er wird nicht bei uns bleiben.“ Er blieb gleichwohl 53 Jahre lang. In dem ärmlichen Dorf war das religiöse Leben zur Routine geworden. An Ostern empfingen jedoch fast nur Frauen die Kommunion. Abbé André mit seinem Glaubenseifer konnte sich damit nicht zufriedengeben. Er wollte mehr und vor allem alles besser: begeisterte Christen, die ihren Durst an der Quelle der Sakramente stillen wollten, die sich von Gottes Wort nährten und dem Gebet Platz in ihrem Alltag einräumten. Der junge Pfarrer machte sich sogleich an die Arbeit: Haus- und insbesondere Krankenbesuche, Religionsunterricht und Vorbereitungskurse für die Erstkommunion. Seine gute Laune, sein Schwung, sein ungezwungenes Lachen wirkten herzerwärmend. Seine ganze Person sprühte nur so vor Leben; er wollte sich voll und ganz für das Heil der Seelen einsetzen; doch schon bald erkannte er, dass die Saat vor der Ernte erst heranreifen musste. Er sah, dass von den Erstkommunikanten, die ein Jahr zuvor von seinem Vorgänger vorbereitet worden waren, nur noch wenige die Sakramente empfingen; würde er mehr Erfolg haben? Er setzte alles daran: „Eine Verpflichtung für das Leben ist eine ernste Sache“, sagte er. „Ihr gehört Jesus Christus.“ Dennoch ließen einige der Kinder in ihrem Eifer nach. Manche konnte der junge Pfarrer zwar durch seine wiederholten Ermahnungen und sein spielerisches Eingehen auf die Kinder wiedergewinnen, doch die Lage blieb sehr labil.

Im Juni 1852 unternahm Abbé André eine Wallfahrt nach Rom. Als er einmal unterwegs den Rosenkranz betete, kam ihm plötzlich eine Idee, die ihn mit Freude und Rührung erfüllte: Maria war die Mutter der heiligen Hoffnung, wie es in der Bibel stand (vgl. Sir 24,18). Er musste nach seiner Ankunft in Rom den Papst einfach bitten, der Statue der Gottesmutter in seiner Kirche den Titel „Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung“ zu verleihen und ihr zu Ehren einen Festtag einzurichten. Die Zustimmung des Papstes wollte er – ganz zu Recht – als Zeichen dafür werten, dass seine Idee eine Eingebung des Himmels war. Wider Erwarten erteilte ihm Pius IX. umgehend die Erlaubnis, jeweils am vierten Sonntag im Oktober eine liturgische Feier zu Ehren Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung zu begehen. 1854 wurde das Fest zudem um einen vollkommenen Ablass ergänzt. Das war nicht weiter erstaunlich: Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung war ein persönliches Geschenk des Heiligen Vaters an die Gemeinde von Mesnil-Saint-Loup. Giovanni-Maria Mastai, der spätere Pius IX., war von seinen Eltern bereits am Tag seiner Geburt und seiner Taufe am 13. Mai 1792 einer Madonna geweiht worden, die man als Unsere Liebe Frau der Hoffnung kannte, und hatte die Jungfrau Maria von frühester Kindheit an innig verehrt. 1854 proklamierte der selige Pius IX. das Dogma der Unbefleckten Empfängnis.

„Unter Tränen beten“

Wieder heimgekehrt, behielt der Pfarrer die Zusage des Heiligen Vaters einige Zeit für sich und verkündete sie erst an Mariae Himmelfahrt. In einer denkwürdigen, von Freude und Vertrauen geprägten Predigt richtete Abbé André eine Reihe von Anrufungen an die Jungfrau Maria; eine dieser Anrufungen ging den Zuhörern mehr als alle anderen ans Herz: Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung, bekehre uns! Die Frömmigkeit der Gläubigen machte sich die einfache Formel zu eigen, und sie wurde immer wieder unter Tränen wiederholt. Der Pfarrer forderte nicht seine Pfarrkinder zur Umkehr auf, sondern bat Maria, bei ihrem Sohn ihre Umkehr zu erwirken. Das christliche Leben ist eine ständige Umkehr; und diese Umkehr ist ein Geschenk, das man durch das Gebet erhält.

Die erste Umkehr war diejenige von Ernest André selbst, der zu einem erleuchteten und produktiven Arbeiter im Weinberg des Herrn wurde: „Vor der ‚heiligen Hoffnung’ ging ich einfach auf gut Glück vorwärts; mit ihr hatte ich nun ein Ziel, ich habe gesehen, ich habe verstanden.“ Er wurde zu einem unvergleichlichen Pfarrer und Seelenhirten. Von jenem Tage an manifestierte sich die gnadenvermittelnde Kraft der Heiligen Jungfrau, die omnipotentia supplex (die allmächtige Fürsprache, wie die Kirchenväter sie genannt hatten), auf augenfällige Weise. Am 22. Oktober 1852 wurde in einem schichten aber fröhlichen Rahmen das erste Fest Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung gefeiert. Damals war es nicht üblich, an normalen Sonntagen zur Kommunion zu gehen, diesmal bestand der Pfarrer jedoch darauf. Die Frauen gaben rasch nach. Würden aber die Jugendlichen, die er um sich geschart hatte, ebenfalls den Mut aufbringen, öffentlich das Sakrament zu empfangen? Weil sie sich genierten, kamen die meisten erst zu später Stunde zum Beichten. Am nächsten Tag aber gingen sie doch vor aller Augen zur Kommunion. Das war der erste Triumph Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung. In Mesnil-Saint-Loup wehte nun ein neuer Wind: der Hauch des Heiligen Geistes. Die im Herzen der Gläubigen verschüttete Gnade der Taufe brach plötzlich in aller Frische und mit aller Kraft durch.

Die Begriffe zurechtrücken

„Um das Christentum in den Sitten wiederherzustellen“, sagte Abbé André, „muss man zunächst die Begriffe in den Köpfen zurechtrücken. Das Christentum besteht in der Erkenntnis und praktischen Anerkennung dessen, was wir in Adam verloren und was wir in Jesus Christus empfangen haben; die Lehre von der Erbsünde und ihren Folgen zum einen und die Lehre von der Gnade und ihrer Notwendigkeit zum anderen.“ Später beschrieb er genauer, worin die Umkehr besteht: „Das Werk Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung bestand einfach in der Wiederherstellung des Christentums unter den Getauften. Hier war, wie auch anderswo, nahezu alles von der Kälte und dem niederen Naturalismus überlagert, der den Menschen daran hindert, seine Gedanken über die Sinneswahrnehmung zu erheben. Hier hat, wie auch anderswo, die menschliche Vernunft über die göttliche Vernunft, d.h. über den Glauben, triumphiert. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus war eine unbekannte Größe … Man setzte sich über sämtliche christlichen Tugenden hinweg und ersetzte sie durch jene wohlfeile und universelle Tugend, die die Welt Ehrlichkeit nennt. Da kam Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung, und vom ersten Moment an sahen alle Menschen ein, dass eine große Veränderung notwendig war. Die äußere Kultpraxis erwies sich als unzureichend; die inneren Motive des Handelns wiederum mussten wesentlich verändert werden; die Gottesliebe hörte auf, eine bloße Formel zu sein; der Geist des Herrn wehte über die verdorrten Gebeine und ließ ein neues Volk erstehen (vgl. Ez 37).“

Papst Franziskus erklärt in seiner Katechese über die Gaben des Heiligen Geistes die Rolle des Heiligen Geistes und die Bedeutung der mit der Tugend der Hoffnung verknüpften Gottesfurcht. „Die Hoffnung und die Furcht hängen innig miteinander zusammen und vollenden sich gegenseitig. Denn durch die Furcht fürchten wir nicht, dass uns das mangle, was wir kraft des göttlichen Beistandes zu erlangen hoffen; sondern wir fürchten, uns dem göttlichen Beistände zu entziehen“ (Hl. Thomas von Aquin, Summa theologica II, II,19,9 ad 1). „Wenn der Heilige Geist in unserem Herzen Wohnung nimmt“, sagt der Papst, „dann schenkt er uns Trost und Frieden und führt uns dahin, uns so zu fühlen wie wir sind, also klein, mit der Haltung – die uns von Jesus im Evangelium so sehr ans Herz gelegt wird – dessen, der all seine Sorgen und Erwartungen Gott überlässt und sich umgeben und getragen fühlt von seiner Wärme und von seinem Schutz, wie ein Kind bei seinem Vater! Das bewirkt der Heilige Geist in unserem Herzen: Er lässt uns spüren, dass wir Kinder sind in den Armen unseres Vaters. In diesem Sinne verstehen wir also gut, dass die Gottesfurcht in uns die Form der Fügsamkeit, der Dankbarkeit und des Lobpreises annimmt und unser Herz mit Hoffnung erfüllt. Denn oft können wir den Plan Gottes nicht begreifen und merken, dass wir nicht in der Lage sind, uns selbst unser Glück und das ewige Leben zuzusichern. Gerade in der Erfahrung unserer Grenzen und unserer Armseligkeit jedoch tröstet uns der Heilige Geist und lässt uns spüren, was allein wichtig ist: uns von Jesus in die Arme seines Vaters führen zu lassen. Eben darum brauchen wir diese Gabe des Heiligen Geistes so sehr. Die Gottesfurcht bringt uns zu Bewusstsein, dass alles aus der Gnade kommt und dass unsere wahre Kraft einzig und allein darin liegt, Jesus, dem Herrn, nachzufolgen und den Vater seine Güte und seine Barmherzigkeit über uns ausgießen zu lassen. Das Herz zu öffnen, damit die Güte und die Barmherzigkeit Gottes zu uns kommen. Das wirkt der Heilige Geist durch die Gabe der Gottesfurcht: Er öffnet die Herzen. Ein offenes Herz, damit die Vergebung, die Barmherzigkeit, die Güte, die Liebkosung des Vaters zu uns kommen, denn wir sind unendlich geliebte Kinder“ (Generalaudienz vom 11. Juni 2014).

Die Bruderschaft des ewigen Gebetes

In den Jahren 1852-1860 gab es in Mesnil kein Osterfest, keinen Mai, kein Fest Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung ohne echte Bekehrungen, die die Menschen sich radikal von der Welt abwenden ließen und zu Gott zurückführten. Die Pfarrkinder empfingen häufiger die Sakramente, und auch Männer begannen an den bis dahin nur von Frauen besuchten Rosenkranzgebeten teilzunehmen. 1853 errichtete man in der Kirche trotz des Widerstands einiger Gemeindeglieder einen Altar für U.L.F. der heiligen Hoffnung. Im selben Jahr wurde auch eine Gebetsbruderschaft ins Leben gerufen. Die Mitglieder der Bruderschaft bildeten Zwölfergruppen, und jedes Mitglied verpflichtete sich, zu einer be-stimmten Stunde ein Gegrüßet seist du, Maria zu beten, jeweils eingeleitet und abgeschlossen durch die Anrufung: Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung, bekehre uns! Abbé André wollte nicht viele, sondern vielmehr zuverlässige und eifrige Mitglieder.

Die Bruderschaft erlebte einen rapiden Aufschwung: Ende 1854 gab es lediglich 272 Mitglieder, im Dezember 1855 waren es bereits über 4000. 1856 würdigte Abbé Desgenettes, der bekannte Pfarrer von Notre-Dame-des-Victoires in Paris, das Werk Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung folgendermaßen: „Alle Stürme gegen dieses Werk sind nur angezettelt worden, weil sie so fest auf dem Felsen des heiligen Petrus verankert ist. Es ist ein junger Baum, der groß und stark wird, weil seine Wurzeln in den Stein eingedrungen sind, um dort aus der lebenspendenden Quelle des Katholizismus zu schöpfen.“ Die Strahlkraft der Gebetsbruderschaft überwand bald die Grenzen der Pfarrei; es meldeten sich Kandidaten aus ganz Frankreich und selbst aus dem Ausland. Am 27. August 1869 wurde die vom Heiligen Stuhl durch mehrere Breven befürwortete Gebetsbruderschaft zur Erzbruderschaft erhoben. Weniger als zehn Jahre danach zählte die Vereinigung 100 000 Mitglieder. Ab dem 25. März 1877 erschien sogar ein monatliches Bulletin Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung.

Die Verwandlung der Pfarrei von Mesnil war das Werk Unserer Lieben Frau; doch auch der Pfarrer hatte eifrig daran mitgewirkt. „Ich brauche Christen, und zwar so, wie die Taufe sie gemacht hat. Sie existieren im Keim; ich werde sie kultivieren und werde sie bekommen. Ich brauche sie deswegen so, weil Gott sie so will; ich bin nur ein Werkzeug seiner Gnade. Ich werde die Einmischung des Weltlichen nicht dulden; es entstellt den Christen, setzt ihn herab und tötet ihn sogar, indem es sich einen religiösen Anschein gibt. Christen vom Scheitel bis zur Sohle, Christen des Evangeliums, Christen, die sich nicht hinter kalkulierter Unwissenheit verbergen, sondern das Licht suchen, damit sie sich in allem nach dem Licht ausrichten können: Das ist mein Programm.“

Sonntagnachmittags versammelte Abbé André seine Pfarrkinder um sich, um sie zu unterweisen und in ihrem Glauben zu erleuchten. Er kommentierte für sie die Heilige Schrift, die Liturgie und die Sakramente. Er brachte ihnen sogar die Grundlagen des Lateinischen bei, damit sie die Messgesänge und die Psalmen verstanden, denn an Sonn- und Feiertagen kamen viele Gläubige in die Kirche, um einen Teil der Stundengebete (Laudes, Vesper und Komplet) mitzusingen. Die Unterweisungen wurden durch Spiele aufgelockert, und der Sonntag wurde mit einem Abendgebet beschlossen, das zugegebenermaßen darauf abzielte, Tanzvergnügungen ein Ende zu setzen und Wirtshausbesuche zu verhindern. Nach einigen Jahren gab es in Mesnil gar kein Wirtshaus mehr. Die Umkehr schlug sich auch in der Bescheidenheit der Kleidung nieder. Der Pfarrer zog entschieden gegen Eitelkeit sowie unzüchtige Kleidung zu Felde: „Bescheidenheit ist ein Kennzeichen für die Gegenwart des Heiligen Geistes in einer Seele. Männer können im Allgemeinen nicht keusch sein, wenn die Frauen nicht züchtig sind.“ 1878 gründete er für Frauen die „Gesellschaft des dornengekrönten Jesus“.

Marias „Rache“

Die Bewegung stieß allerdings auch auf Widerstand. Etliche Dorfbewohner lehnten Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung ab: In einem zu einem Tanzsaal ausgebauten Stall gründeten sie eine „Parallelgemeinde“ und machten kirchliche Zeremonien nach. Unsere Liebe Frau rächte sich auf ihre Weise: Als die aufmüpfigen jungen Leute an einem Sonntag im Marien-Monat zu einer Vergnügungstour unterwegs waren, blieb ihr Anführer plötzlich stehen und beschloss, nach Hause zurückzukehren. Die spöttischen Bemerkungen seiner Kameraden konnten ihn nicht umstimmen. Er sagte später: „Es war, als wäre mir eine Medaille der Heiligen Jungfrau auf den Kopf gefallen.“ Er begann den Rosenkranz zu beten, ging bald zur Beichte und wurde schließlich Mönch.

Abbé André konnte offenbar trotz solcher Zeichen nie die einhellige Zustimmung seiner Pfarrkinder gewinnen. Von auswärts hingegen strömten die Leute in Scharen herbei, angezogen vom Ruhm Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung, von der andachtsvollen Atmosphäre, die sie umgab, und von den schönen Feierlichkeiten an ihrem Festtag. Bald wurde das Fest am vierten Oktobersonntag zu einem Wallfahrtsziel, und die Zahl der Anmeldungen für die Gebetsbruderschaft nahm rapide zu. In seinem Bulletin vom November 1878 schrieb der Abbé: „Man pilgert dorthin, wo es eine Quelle, eine wunderbare Quelle, gibt. Vor einigen Wochen kam ein armer Mann. Er kam von weit her, auf zwei Krücken. Er bat um ein Almosen und fragte: ‚Ach, man pilgert hierher?’ – ‚Ja, im Oktober.’ – ‚Dann haben Sie wohl eine Quelle hier?’ Eine Quelle! Das ist die einzige richtige Erklärung für die Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung. Wie viele Seelen dürsten nach der Gnade Gottes, nach himmlischem Trost; und sie kommen hierher, weil sie eine Quelle zu finden glauben. Und von allen, die gekommen sind, hat noch nie einer gesagt: Ich wurde in meiner Erwartung enttäuscht. Ja, es gibt eine Quelle Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung, die die Kirche auch Mater, fons amoris nennt: Maria ist eine Mutter, die Mutter und die Quelle der Liebe.“ Die Pilger legten der Madonnenstatue Votivtafeln zu Füßen: „Dank an Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung, sie hat mich bekehrt.“ – „Sie hat mich aus meiner Eitelkeit befreit.“ Maria erwies sich als allmächtige Bekehrerin, als Königin der Herzen.

Leben im Kloster

Der große Andrang von Pilgern und der schlechte Zustand der Pfarrkirche machten die Errichtung eines neuen Heiligtums erforderlich. Der Bau zog sich über rund zehn Jahre hin. Die Heilige Jungfrau tat noch ein Übriges und erfüllte den sehnlichsten Wunsche von Abbé André, der sich schon immer zum Ordensleben hingezogen gefühlt hatte. Er konnte 1864 ein kleines Kloster im Dorf gründen und nahm den Namen Pater Emmanuel an. 1886 schloss sich das Kloster der italienischen Benediktinerkongregation von Monte Oliveto an. Pater Emmanuel war ab 1899 von der Gemeindeseelsorge freigestellt, musste 1901 allerdings noch persönlich miterleben, wie sein Konvent im Zuge laizistischer Zwangsmaßnahmen aufgelöst wurde. Bei seinem Tod am 31. März 1903 befand sich das Kloster im gerichtlichen Liquidationsprozess. 1920 fand wieder ein Konvent in Mesnil zusammen, doch die Mönche zogen 1948 in die Abtei Bec-Hellouin um; erst 1976 kehrte wieder eine Mönchsgruppe nach Mesnil zurück. Obwohl das Leben von Pater Emmanuel also mit einem Schiffbruch endete, blieben die Verehrung Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung, die Wallfahrten und die Pfarrgemeinde weiterhin lebendig.

1923 erhielt die Diözese Troyes von Rom die Erlaubnis, das Fest Unserer Lieben Frau der heiligen Hoffnung jedes Jahr am 23. Oktober in der ganzen Diözese zu feiern. Die Erzbruderschaft zählt heute über 150 000 Mitglieder, und ihre Gebete bewirken nach wie vor viel Gutes. Man kann ihr unter der Adresse des Pfarrhauses auch heute noch beitreten (Maison Paroissiale, F. 10190 Mesnil-Saint-Loup).

Am 6. Juli 1952 wurde der hunderste Jahrestag der Gründung der Erzbruderschaft von mehreren Bischöfen mit einer Danksagungsfeier an Unsere Liebe Frau der heiligen Hoffnung für die Bekehrung unzähliger Seelen begangen. Zum 150-jährigen Jubiläum am 7. Juli 2002 wurde ebenfalls eine große Festmesse gefeiert.

Die Mutter der heiligen Hoffnung ist bereit, auch uns, die wir heute in einer „Welt ohne Hoffnung“ (Benedikt XVI., Spe salvi, Nr. 42) leben, die Gnade der Bekehrung zu schenken; sie wartet nur darauf, dass wir sie darum bitten, dann wird sie uns zu Zeugen und Aposteln der Hoffnung machen, die nicht zuschanden werden läßt (vgl. Röm 5,5).

Dom Antoine Marie osb

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