Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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22. Oktober 2014
Hl. Johannes-Paul II.


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am 7. Oktober 2012 erhob Papst Benedikt XVI. den heiligen Johannes von Avila zum Kirchenlehrer. „Er verfügte über eine gründliche Kenntnis der Heiligen Schrift und war von einem brennenden missionarischen Geist erfüllt“, sagte der Heilige Vater. „In einzigartiger Tiefe vermochte er die Geheimnisse der von Christus für die Menschheit erwirkten Erlösung zu durchdringen. Als ein wahrer Gottesmann verband er das ständige Gebet mit der apostolischen Tätigkeit. Er widmete sich der Predigt sowie der Förderung der sakramentalen Praxis und konzentrierte seine Bemühungen auf die Verbesserung der Ausbildung der Priesteramts-kandidaten, der Ordensleute und der Laien, im Hinblick auf eine fruchtbare Reform der Kirche.“ Der in Spanien hochangesehene Heilige hat die spanische Kirche des 16. Jahrhunderts entscheidend geprägt.

Johannes von Avila (Juan de Avila) wurde um 1500 als Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Alonso de Avila und seiner Frau Catalina Xixón in Neukastilien geboren und war nicht verwandt mit der großen Teresa von Avila (1525-1582). Nach einer sorglosen Kindheit begann er 1514 an der Universität von Salamanca ein Jurastudium; 1517 verließ er jedoch die Universität ohne Abschluss und zog sich zu seiner Familie zurück. „Als er einmal zu einem Stierkampfturnier unterwegs war“, schreibt ein Zeitzeuge, „führte ihm der Herr den Leichtsinn der Welt angesichts des Todes und sein eigenes Abweichen vom Heilsweg so lebhaft vor Augen, dass er mit sich selbst zu hadern begann, da er wie alle anderen durch Vergängliches gefesselt war und völlig vergessen hatte, dass er dereinst vor Gott Rechenschaft ablegen müsse … Nach Hause zurückgekehrt, dachte er lange über die Eitelkeit der weltlichen Dinge nach und beschloss, sein Jurastudium abzubrechen und sich hinfort einzig und allein den Belangen Gottes zu widmen.“ Wie der heilige Gregor berichtet, hatte der heilige Benedikt in seiner Jugend einen ähnlichen Entschluss gefasst, nachdem er von seinen Eltern zum Studium nach Rom geschickt worden war: „Dabei sah er viele in die Abgründe des Lasters fallen. Deshalb zog er den Fuß, den er gleichsam auf die Schwelle zur Welt gesetzt hatte, wieder zurück, damit nicht auch er von ihrer Lebensart angesteckt werde … Er wandte sich also vom Studium der Wissenschaften ab und begehrte das Gewand gottgeweihten Lebens“ (Buch der Dialoge II,1). Diese Beispiele erinnern uns daran, dass man dem Dienst Gottes und dem Seelenheil nichts vorziehen darf. Denn wie der Katechismus der Katholischen Kirche schreibt, liegt das wahre Glück „nicht in Reichtum und Wohlstand, nicht in Ruhm und Macht, auch nicht in einem menschlichen Werk – mag dieses auch noch so wertvoll sein wie etwa die Wissenschaften, die Technik und die Kunst – und auch in keinem Geschöpf, sondern einzig in Gott, dem Quell alles Guten und aller Liebe“ (Nr. 1723).

Nach seiner Heimkehr begann Johannes von Avila in einem eigenen kleinen Raum im Hause seines Vaters Buße zu tun. Er ging oft zur Beichte und verbrachte lange Stunden vor dem Allerheiligsten. 1520 zog er auf Anraten eines befreundeten Franziskaners zum Studieren nach Alcalá. Die dort kurz zuvor gegründete Universität vereinte alle geistlichen Strömungen der damaligen Zeit unter ihrem Dach, insbesondere auch den Illuminismus, eine breite Bewegung, die sich bemühte, den Verfall des Christentums (die Dekadenz der religiösen Orden sowie den Tugend- und Wissensverlust beim Klerus) aufzuhalten. Der Illuminismus ging mitunter mit einem übersteigerten Subjektivismus, einer Ablehnung kirchlicher Hierarchien, Zeremonien und Sakramente, einher. Er beeinflusste auch Johannes, der 1523 einen Abschluss in Philosophie machte und anschließend ein Theolo–giestudium aufnahm, das er jedoch 1526 abbrach. Er wurde erst 1537 zum Doktor der Theologie promoviert.

Lieber zwölf Arme als ein Festmahl

Johannes wurde 1525 zum Priester geweiht und machte bald durch seine Beredsamkeit und seine Wohltätigkeit auf sich aufmerksam. Am Tag seiner Primiz verzichtete er auf das Festessen, das sein Heimatdorf ihm zu Ehren ausrichtete, und teilte sein Mahl mit zwölf Armen. Er träumte davon, als Missionar nach Westindien zu segeln, blieb jedoch in Spanien, nachdem ihn ein Priester aus Sevilla auf ein weites Apostolatsfeld in Andalusien verwiesen hatte, wo zahlreiche – mehr oder minder gefestigte – neubekehrte Mauren wohnten. Er begann seine Tätigkeit in Sevilla: Er predigte in Krankenhäusern, erteilte in Schulen Religionsunterricht, warb auf öffentlichen Plätzen für die christliche Lehre und betätigte sich zunehmend als Wanderprediger, wobei er in Privathäusern auch Erwachsenengruppen im inneren Gebet unterwies.

Das innere Gebet ist, wie die heilige Teresa von Avila sagt, „nichts anderes als ein freundschaftlicher Umgang, bei dem wir oftmals ganz allein mit dem reden, von dem wir wissen, dass er uns liebt”. Der Katechismus fügt hinzu: „Das innere Gebet ist Hören auf das Wort Gottes ein Gehorchen des Glaubens, ein bedingungsloses Empfangen des Knechtes und liebendes Einwilligen des Kindes“ (Nr. 2716).

Da bald böswillige Gerüchte über Johannes’ Tätigkeit als Wanderprediger in Umlauf gebracht wurden, gab er diese Form des Apostolats nach kurzer Zeit wieder auf. Seine große innere Freiheit blieb davon unberührt: Eines Tages, als er in einer Kirche predigen wollte, stellte sich ihm ein anderer Prediger in den Weg, der für päpstliche Ablässe warb. Johannes verließ daraufhin die Kirche; die Leute folgten ihm und ließen den anderen allein zurück. Als die beiden Geistlichen später draußen aufeinandertrafen, versetzte der andere Prediger Johannes einen Schlag ins Gesicht; Johannes aber warf sich vor ihm nieder und bat ihn um Vergebung!

Höre, Tochter!

Im Jahre 1527 schickte sich Doña Sancha Carillo, eine vornehme junge Dame, an, als Hofdame der Kaiserin an den Hof überzusiedeln. Sie wurde von ihrem Bruder, der ein Schüler von Johannes war, überredet, zuvor eine umfassende Beichte bei seinem Mentor abzulegen. Doña Sancha kehrte völlig verwandelt nach Hause zurück, gab ihre Pläne auf und weihte sich dem Herrn; sie lebte fortan als Eremitin in zwei aneinandergrenzenden Räumen des väterlichen Herrensitzes. Für sie verfasste Johannes seine einzige mystische Schrift Audi filia (Höre, Tochter; Ps 45 [44], 11). Zu den Persönlichkeiten, die von ihm bekehrt wurden, gehörten auch der später heilig–gesprochene Johannes von Gott, der Begründer des modernen Krankenhauswesens, sowie Francisco de Borja, ein Prinz aus dem Gefolge Karls V. und Kaiserin Isabellas, in dessen Seele eine von Johannes von Avila gehaltene Beerdigungspredigt über die Eitelkeit der Welt einen prägenden Eindruck hinterließ. Francisco de Borja wurde später deren dritter Ordensgeneral der Jesuiten; er wurde 1671 heiliggesprochen.

Im Herbst 1531 wurde Johannes von Avila bei der Inquisition wegen Häresie angezeigt: Man warf ihm Illuminismus sowie Lutheranismus vor. 1532 wurde er in Sevilla gefangengenommen. Die spanische Inquisition war wegen der zahlreichen Versuche, die protestantische Häresie auf der Iberischen Halbinsel heimisch zu machen, überaus argwöhnisch. Johannes von Avila, der das Evangelium als wichtigste Quelle des inneren Lebens betrachtete, schien Luther nahezustehen, für den die Heilige Schrift die alleinige Richtschnur für den Christen war. Zudem konnten manche seiner Aussagen zum kontemplativen Leben in einem illuministischen Sinn interpretiert werden, obwohl er sich in Wirklichkeit vom Illuminismus deutlich distanzierte. Einmal schrieb er an einen jungen Mann: „Ich warne Sie vor einem Missverständnis, nämlich zu glauben, dass die wahre Gottesliebe in dem Gefühl liegt, das man empfindet. Gott macht seine Liebe nicht im Gefühl erfahrbar, sondern dort, wo Sie sie richtig verstehen, d.h. wenn Sie aus Liebe zu Ihm bedenkenlos leiden, wenn Sie aus seiner Hand alles annehmen, ohne etwas zurückzuweisen, wenn Sie mehr Wert darauf legen, demütig, keusch und geduldig zu sein, für Christus zu leiden, zu schweigen und verachtet zu werden, als auf das Fühlen bestimmter Emotionen bzw. einer besonderen Andacht.“

Eine große Ehre

Im Laufe des Prozesses wurde immer deutlicher, dass Johannes von Avila Opfer einer Intrige war: Beleidigte Reiche und eifersüchtige Amtsbrüder hatten versucht, ihn seine Armenfürsorge und seine Erfolge als Prediger büßen zu lassen. Johannes behielt auch in den kritischen Phasen des Prozesses sein Gottvertrauen und verzichtete sogar auf sein Recht, Belastungszeugen zu widersprechen. In einem Brief an seine Freunde schrieb er aus dem Gefängnis: „Meine geliebten Brüder, möge Gott eure Augen gnädig öffnen, damit ihr erkennt, welche Gunst Er uns dort erweist, wo die Welt nur Nachteile sieht; wie wir auf der Suche nach der Ehre Gottes selbst geehrt werden, indem man uns entehrt; welche große Ehre für uns reserviert ist wegen der Schläge, die wir zurzeit einstecken; wie zärtlich, liebevoll und sanft die Arme sind, die Gott uns entgegenstreckt, um alle zu umfangen, die im Kampf für ihn verwundet werden!“ Das Gericht sprach Johannes von Avila am 5. Juli 1533 öffentlich frei, forderte ihn jedoch auf, in der Verkündigung umsichtiger zu sein. Zu diesem Zweck hielt er in Gegenwart der Inquisitoren eine feierliche Predigt in Sevilla.

Er hatte bereits einige Schüler, die Andalusien bereisten, jene oft von Gott verlassene Gegend, in der sich allerlei Gesindel herumtrieb: streitlustige Soldaten auf Urlaub, Wegelagerer, gefallene Mädchen mit ihren Beschützern usw. Die Wohlhabenden und sogar die Kleriker stellten ihren Reichtum stolz zur Schau … Neben ihnen vegetierte eine große Schar von Feldarbeitern vor sich hin: mager, wie ihre Felder, oft verlassen von ihren Seelsorgern, in Glaubensdingen unwissend und immer in Gefahr, der Hexerei anheimzufallen. Johannes’ Schüler waren durch nichts gebunden; es gab keine Gelübde, keine Sesshaftigkeit und keinen Gehorsam, also im Gegensatz zur ihnen ansonsten nahestehenden Societas Jesu keinerlei Hierarchie und keinerlei Organisation. Sie waren ganz anders als die Mehrheit der damaligen Priester, die keine Berufung und keine ordentliche Ausbildung hatten und lediglich auf kirchliche Pfründe aus waren.

Die Saat bewässern

1546 organisierte Johannes von Cordoba aus eine große Missionierungskampagne, an der über 24 seiner Schüler beteiligt waren: Sie sollten immer zu zweit und unter Aufsicht des jeweiligen Bischofs unterwegs sein, in Hospizen oder Sakristeien schlafen und weder Messstipendien noch Spenden annehmen, um die Botschaft Christi glaubwürdig zu vertreten. Abends und an Feiertagen nahmen sie den Bauern die Beichte ab und stifteten bei Zwistigkeiten Frieden. Der bei der Taufe empfangene Glaube sei vergleichbar mit einer Saat, die bewässert werden müsse, meinte Johannes; das Wasser, dessen der Glaube bedürfe, um wachsen und Früchte tragen zu können, seien: die Erkenntnis Christi, das Hören auf sein Wort, das regelmäßige Beten und Empfangen der Sakramente. Der Zweck der Mission bestand darin, den Kindern Gottes dieses lebenspendende Wasser anzubieten.

Die Gruppe um Johannes erwog damals die Gründung einer Kongregation. Er selbst träumte ebenfalls davon, als er sah, dass sein Werk sich im Laufe der Jahre immer mehr durchsetzte. Doch Gott wollte es nicht so. Johannes fühlte sich erschöpft und krank; zudem lernte er den Orden des Ignatius von Loyola kennen, der seinem eigenen Streben entsprach. „Der Herr hat Ihren Ignatius zum Werkzeug dessen erwählt, was ich vorgehabt hatte und nicht verwirklichen konnte“, sagte er zu Pater Villanueva, als dieser ihn 1553 im Auftrag des heiligen Ignatius besuchte. Er begrüßte den Eintritt einiger seiner Schüler in die Gesellschaft Jesu. Johannes verfügte selbst über eine große persönliche Ausstrahlung. Man wandte sich aus vielen Gegenden Spaniens und Portugals an ihn, um ihn um Rat zu fragen und um die Entsendung von Schülern zu bitten.

Doch es genügt nicht, die Saat möglichst breit auszubringen, man muss die Jugend auch in der Tiefe prägen und entsprechend Lehrer dafür ausbilden. Johannes reformierte sowohl die 1532 gegründete Universität in Granada als auch das maurischen Kindern vorbehaltene Kolleg; er unterstützte den Erzbischof bei der Gründung eines Seminars sowie eines Instituts für bereits geweihte Priester mit mangelhaften philosophischen und theologischen Kenntnissen. Später kamen Kollegien in Jerez, Cordoba und anderswo hinzu. Die wichtigste Gründung war das Kolleg von Baeza, das sowohl in organisatorischer als auch in methodischer Hinsicht zum angesehensten Kolleg Andalusiens wurde und sich allmählich zu einer Universität wandelte, an der jeder die ihm angemessene geistige und geistliche Nahrung fand. Unterrichtet wurden das Lesen und Schreiben ebenso wie die christliche „Lehre“ – d.h. der Katechismus – und die erhabensten Fächer: die Heilige Schrift und die Theologie. Die Institution stand auch Frauen offen.

Ein entschlossener Geist

Johannes, dem die Heiligung des Klerus ein Herzensanliegen war, bemühte sich, entsprechende Initiativen von Geistlichen zu unterstützen: „Tief sind unsere Wunden“, schrieb er an den Papst aus Anlass des Trienter Konzils. „Sie sind alt und geben keine Ruhe. Man kann sie nicht mit einem Placebo heilen; Schwäche und Nachlässigkeit sind unangebracht. Vonnöten ist vielmehr Entschlossenheit, um aller Bindungen entledigt auf das Kreuz zu steigen, wie es der Herr tat.“ Seine praktischen Empfehlungen stützten sich vor allem auf das Wort Gottes: Demut, Zusammenhalt, Buße, kurzum Umkehr. Durch sein Werk übte er einen indirekten Einfluss auf das Konzil aus, denn Papst Paul III., der das Konzil 1545 einberief, war damit vertraut und hatte das von Johannes gegründete Kolleg in Baeza am 14. März 1538 selbst kanonisch genehmigt. Eine direktere Rolle spielte Johannes von Avila während der zweiten und dritten Sitzungsperiode des Konzils – als Berater des spanischen Gesandten Don Pedro Guerrero, seines ehemaligen Mitschülers in Alcalá, der in der Zwischenzeit Erzbischof von Granada geworden war. Er erstellte zwei überaus wichtige Dokumente für ihn, die zum Teil in die Beschlüsse des Trienter Konzils eingingen: Das eine hatte den Titel Die Reformierung des kirchlichen Standes, das andere Hinweise für die Bischöfe. Johannes lag die Katechese besonders am Herzen. 1554 publizierte er einen selbstverfassten kurzen Katechismus in Versform und ließ die Verse bei Prozessionen bzw. bei solchen Stationen singen, bei denen die christliche Lehre in Frage-Antwort-Form wiederholt wurde. Seine Methoden wurden überall in Spanien und selbst jenseits der Landesgrenzen kopiert.

Das von Johannes von Avila hinterlassene Erbe bestand vor allem in seiner speziellen Art des Predigens – lebendig, evangelientreu, schlicht, feurig und praktisch. Sein Vorbild war der heilige Paulus. Einer seiner Zuhörer, Ludwig von Granada, notierte einmal: „Der Meister war so entflammt und so hingerissen von seiner Liebe und dem Wunsch, Seelen zu retten, dass er sich für nichts anderes interessierte als dafür, was ihm bei seinem Rettungswerk Beistand leisten konnte. Diese Liebe befeuerte die Flamme und den Geist seiner Predigten.“ Der heilige Priester und überaus populäre Prediger pflegte die Sünder zur Versöhnung mit Gott einzuladen und begab sich gleich nach der Predigt in den Beichtstuhl. Einige seiner schlichten Predigten sind heute noch im Wortlaut erhalten: Sie haben die Form eines Frage-Antwort-Dialogs. Seine Hauptbotschaft lautet: „Wir haben einen Gott und Herrn, dessen Wesen von unendlicher Liebe geprägt ist … Um seine über alles erhabene Liebe zu uns zu bezeugen, schenkte er uns seinen geliebten Sohn, damit wir im Besitz eines so vollkommenen Liebesbeweises – nämlich Gottes selbst – die Wahrheit bezeugen: Gott liebt uns!“

Auch das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche beginnt mit folgender Grundaussage: „Gott ist in sich unendlich vollkommen und glücklich. In einem aus reiner Güte gefassten Ratschluss hat er den Menschen aus freiem Willen erschaffen, damit dieser an seinem glückseligen Leben teilhabe. Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott Vater seinen Sohn als Erlöser und Retter der Menschen, die in Sünde gefallen waren. Er hat sie in seine Kirche gerufen und durch das Wirken des Heiligen Geistes als seine Kinder angenommen und zu Erben seiner ewigen Glückseligkeit gemacht.“

Neben dieser Hauptbotschaft hebt Johannes von Avila die Forderungen des Evangeliums hervor. Er geißelt die Sünde, zeigt ihre Hässlichkeit und Bösartigkeit auf. Denn die Sünde „ist eine Beleidigung Gottes: Gegen dich allein hab’ich gesündigt, ich habe getan, was dir missfällt (Ps 51 [50],6). Die Sünde lehnt sich gegen die Liebe Gottes zu uns auf und wendet unsere Herzen von ihm ab“ (Katechismus 1850). Um den Sünder zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, verweist Johannes auf die ewigwährenden Folgen der Sünde: die Hölle sowie die Ewigkeit ohne Gott und ohne Liebe.

Seine Worte sind auch uns eine Mahnung, die Schwere der Sünde zu erkennen. „Im Licht des Glaubens gibt es nichts Schlimmeres als die Sünde, nichts hat so arge Folgen für die Sünder selbst, für die Kirche und für die ganze Welt“, sagt der Katechismus (Nr. 1488). Aber „für viele Gläubigen“, schrieb Papst Johannes-Paul II., „erfolgt die Wahrnehmung der Sünde nicht nach Maßgabe des Evangeliums, sondern nach Maßgabe der soziologischen ‚Normalität’“ (Brief an die Priester, Gründonnerstag 2001). Unsere von Wollust überschwemmte Gesellschaft hat keine Achtung mehr vor der Keuschheit; gleichwohl bleiben wilde Ehe und Ehebruch – entgegen der Mehrheitsmeinung – schwere Sünden. Ebenso die Empfängnisverhütung. Denn während „die geschlechtliche Vereinigung ihrer ganzen Natur nach ein vorbehaltloses gegenseitiges Sichschenken der Gatten zum Ausdruck bringt, wird sie durch die Empfängnisverhütung zu einer objektiv widersprüchlichen Gebärde, zu einem Sich-nicht-ganz-Schenken. So kommt zur aktiven Zurückweisung der Offenheit für das Leben auch eine Verfälschung der inneren Wahrheit ehelicher Liebe, die ja zur Hingabe in personaler Ganzheit berufen ist“, wie Johannes-Paul II. erklärte (Apostolisches Schreiben Familiaris consortio, 22.November 1981, Nr. 32).

„Du hast mich gesucht!“

Johannes von Avila ermuntert den Sünder aber auch, auf Gott zu vertrauen; er verweist ihn auf Jesus Christus, unseren Erlöser, unseren Hohepriester, unser Ein und Alles: „O Jesus, auf dem Kreuz hast du mich gesucht; du hast mich gefunden, du hast mich umhegt, befreit und geliebt, indem du dein Leben und dein Blut in den Händen grausamer Henker für mich hingegeben hast. Ich werde dich auch auf dem Kreuz suchen. Da werde ich dich finden. Du wirst mich umhegen und von mir selbst befreien, mich, der ich deiner Liebe im Wege stehe, in der doch mein Heil liegt … – Haltet euch eure Verfehlungen vor Augen, erhebt euren Blick zum Gekreuzigten, nicht zum gestorbenen Christus, sondern zu dem Christus, der euch anschaut und mit offenen Armen erwartet. Bedenkt, was er am Kreuz für euch getan hat und was ihr für ihn getan habt, was ihr ihm tagtäglich antut“ (Briefe Nr. 58 und 232).

Obwohl er immer kränker wurde und beinahe erblindet war, setzte Johannes von Avila seine Beratungstätigkeit bis 1559 weiter fort. Danach zog er sich nach Montilla in eine schlichte Hütte zurück, wo er am 10. Mai 1569 friedlich verstarb. Seine immer kleiner werdende „Gesellschaft“ führte ihre Arbeit noch bis zum Ende des Jahrhunderts fort und verschwand dann von Bildfläche. Doch die Saat ging auf: Der spanische Klerus profitierte nachhaltig vom Eifer und von den Methoden des Reformers. Johannes von Avila wurde 1944 von PiusXII. zum Schutzpatron des spanischen Klerus ernannt und am 31. Mai 1970 von Paul VI. heiliggesprochen.

Einem berühmten Theologen, der ihn gefragt hatte, was er tun solle, um fruchtbar predigen zu können, gab Johannes von Avila die Antwort: „Unseren Herrn innig lieben.“ Ähnlich lautet die wichtigste Empfehlung des heiligen Benedikt an seine geistlichen Söhne: „Der Liebe zu Christus nichts vorziehen“ (Regel, Kap. 4,21). Mögen wir diesen Rat von Tag zu Tag besser beherzigen!

Dom Antoine Marie osb

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