Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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17. September 2014
Hl. Hildegard von Bingen


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Wer behauptet, dass Gott nie in die Geschichte eingreife, wird durch das Leben der heiligen Jeanne d’Arc bzw. Johanna von Orléans, wie sie im Deutschen oft genannt wird, eines Besseren belehrt. Der selige Vladimir Ghika schrieb über sie: „Sie ist die Heilige des grenzenlosen Vertrauens auf die übernatürlichen Realitäten, auf die Gegenwart Gottes, die göttlichen Wahrheiten und die Wesen des Jenseits, Engel und Heilige ... Jeanne lehrt uns nicht nur, diese Realitäten zu bedenken, sondern auch, uns beherzt auf sie zu stützen, damit wir den Aufgaben, die wir hienieden zu erfüllen haben, besser gewachsen sind.“ Die historischen Ereignisse in Jeannes Leben sind durch zahlreiche Augenzeugenberichte belegt und unbestritten. Dank der erhaltenen Prozessakten zu ihrer Verurteilung und ihrer Rehabilitation sind wir heute in der Lage, ihre Heldentaten zu rekonstruieren und ihren Freimut gegenüber den Mächtigsten der Erde zu würdigen.

Jehanne (wie man damals schrieb) wurde der Überlieferung nach an Epiphanias 1412 als Tochter von Jacques d’Arc und Isabelle Romée in eine einfache, arbeitsame Bauernfamilie hineingeboren, die in Domrémy in Lothringen wohnte. Jeanne verbrachte eine friedliche Kindheit im Kreise ihrer vier Geschwister. Sie war ein hilfsbereites Kind mit viel Mitgefühl für die Armen. Als sie größer wurde, zog sie sich samstags gern in eine nahegelegene Einsiedelei zurück, um zur Heiligen Jungfrau zu beten. Ein besonderes Herzensanliegen war ihr auch die Verehrung des Namens Jesu.

Im Königreich wütete bereits seit 1337 der Hundertjährige Krieg. Die englischen Plantagenets, die über die weibliche Linie ebenfalls von Philipp dem Schönen abstammten, beanspruchten die französische Krone für sich und wollten sie mit Waffengewalt erobern. Das Land war gespalten zwischen den Armagnacs, den Anhängern des legitimen Königs, und den Burgundern, den Verbündeten der Engländer. Marodierende Soldatentruppen hatten das Land der–maßen ausgeplündert, dass man nur noch unter bewaffnetem Begleitschutz säen und ernten konnte. König Karl VI. litt an einer Geisteskrankheit und war nicht regierungsfähig. Durch den Vertrag von Troyes (zwischen Königin Isabeau, der Frau Karls VI., König Heinrich V. von England sowie dem Herzog von Burgund) wurde der Dauphin (der künftige Karl VII.) 1420 zugunsten Heinrichs V. enterbt; zudem sah der Vertrag nach dem Tode Karls VI. eine Vereinigung der englischen und der französischen Krone vor. Doch 1422 starben sowohl Karl VI. als auch Heinrich V.; der Dauphin erklärte sich unter dem Namen Karl VII. zum französischen König, und Bedford, der Regent Englands, proklamierte den erst ein Jahr alten Sohn Heinrichs V. als Heinrich VI. zum König von England und Frankreich.

„Geh, Tochter Gottes!“

Jeanne war dreizehn Jahre alt, als sie eines Tages im Garten ihres Vaters plötzlich eine Stimme vernahm, die sich ihr bald als die Stimme des heiligen Michael zu erkennen gab; der Himmelsbote kündigte ihr Besuche der heiligen Katharina und der heiligen Margarethe an, die ihr helfen würden, „sich zu beherrschen“. Jeanne legte sogleich ein Keuschheitsgelübde ab und nannte sich fortan „die Jungfrau“:

„Mit dem Versprechen der Jungfräulichkeit weihte Jeanne ihre ganze Person ausschließlich der einzigen Liebe zu Jesus: Es ist ‚ihr Versprechen gegenüber unserem Herrn, die Jungfräulichkeit des Leibes und der Seele stets zu bewahren’. Die Jungfräulichkeit der Seele ist der ‚Stand der Gnade’, der höchste Wert, der für sie kostbarer ist als das Leben: Sie ist ein Geschenk Gottes, das mit Demut und Vertrauen empfangen und bewahrt werden muss“ (Benedikt XVI., Generalaudienz, 26. Januar 2011).

Der Engel richtete Jeanne den Auftrag Gottes aus, sie möge dem König zu Hilfe eilen, um die Not Frankreichs zu lindern. Sie wusste nicht, wie man mit Waffen umgeht, und weinte bei der Vorstellung, ihre Familie zu verlassen. Der Engel beruhigte sie: „Geh, Tochter Gottes! Der König des Himmels wird dir beistehen. Er wird besorgen, was dir fehlt.“

Im Mai 1428 nutzte Jeanne einen Aufenthalt bei ihrem Vetter Durand Laxart, den sie ins Vertrauen gezogen hatte, und ließ sich von ihm zur königlichen Burgvogtei Vaucouleurs begleiten; dort bat sie den Hauptmann Robert de Baudricourt, dem Dauphin zu bestellen, dass er erst nach Mittfasten, d.h. nach dem 3. März 1429, den Kampf aufnehmen solle, denn dann werde er Hilfe erhalten. Doch sie wurde grob abgewiesen.

„Lieber heute als morgen!“

Im Oktober begannen die Engländer mit der Belagerung von Orléans, einer strategisch wichtigen Stadt, die den Verkehr über die Loire kontrollierte und die dem Dauphin treu ergebenen Gebiete beschützte. Mit dem Fall von Orléans würde das ganze französische Reich den Engländern anheimfallen. Jeanne wusste, dass sie nach Orléans reisen musste, um die Stadt zu befreien. Kurz nach ihrem 17. Geburtstag verließ sie Domrémy und suchte erneut Baudricourt auf, von dem sie sich eine Eskorte erhoffte. Sie holte sich erneut eine Abfuhr; ein Stallmeister, Jean de Metz, war jedoch auf sie aufmerksam geworden und erkundigte sich nach ihren Absichten. „Ich muss unbedingt vor Mittfasten zum Dauphin“, erwiderte sie, „selbst wenn ich mir die Füße bis zu den Knien wundlaufe ..., obwohl ich viel lieber bei meiner armen Mutter geblieben wäre ..., aber ich muss gehen und das tun, weil mein Herr das will.“ Als der Stallmeister erfuhr, dass ihr Herr niemand anderer als Gott war, bot er ihr an, sie zu Karl zu führen, und fragte, wann sie aufbrechen wolle. „Lieber heute als morgen“, antwortete sie, „und lieber morgen als noch später.“ Sie machte noch eine kurze Wallfahrt nach Saint-Nicolas-de-Port in Lothringen und brachte Baudricourt bei ihrer Rückkehr nach Vaucouleurs die Information mit, dass die königliche Armee soeben eine Niederlage erlitten habe. Daraufhin bewilligte der Hauptmann der nunmehr als Mann verkleideten Jeanne eine Eskorte von sechs Männern.

Der Weg von Vaucouleurs nach Chinon führte fast 600 km durch Feindesland. Jeanne beeindruckte die Männer durch ihre Unermüdlichkeit und ihre schlichte Reinheit. Die Gruppe zog am 23. Februar in Chinon ein. Im Empfangssaal steuerte Jeanne inmitten der Menge direkt auf den Dauphin zu und sagte: „Edler Dauphin, ich heiße Jeanne die Jungfrau, und der König des Himmels lässt Euch durch mich wissen, dass Ihr in der Stadt Reims zu seinem Statthalter, zum König von Frankreich, geweiht und gekrönt werdet.“ Damit offenbarte sie ihm ein Geheimnis, das damals nur Gott und ihr selbst bekannt war. Karl, der ein zögerlicher Mensch war, wollte Jeanne gleichwohl erst einmal auf die Probe stellen.

Die Jungfrau blieb drei Wochen in Chinon. In dieser Zeit machte Karl sie mit dem Herzog Jean d’Alençon bekannt; dieser bezeugte später, dass Jeanne einmal nach der Messe den Dauphin ersucht habe, sein Königreich dem König des Himmels anzuvertrauen; dies sei die Bedingung dafür, dass er selbst wieder in seine Rechte eingesetzt werde. Der Dauphin ließ die Jungfrau durch ein nach Poitiers einberufenes Kollegium von Theologen befragen. Unmittelbar davor diktierte sie einen Brief an die Engländer, die sie im Namen Jesu zu einem Friedensschluss aufforderte. Sie erhielt nie eine Antwort. Die Verhöre stellten die Geduld des jungen Mädchens auf eine harte Probe. Man forderte von ihr ein Zeichen ihrer Mission; sie erwiderte, man solle sie nach Orléans führen, dann werde man die Zeichen schon sehen, um derentwillen sie gesandt worden sei. Insgesamt sagte sie vier Ereignisse voraus: die Aufhebung der Belagerung, die Krönung in Reims, die Befreiung von Paris und die Befreiung des Herzogs von Orléans aus der englischen Gefangenschaft. Als man ihr entgegenhielt, Gott könne Frankreich doch auch ohne menschliche Mitwirkung befreien, erklärte sie: „Es werden Bewaffnete im Namen Gottes kämpfen, und Gott wird ihnen den Sieg schenken.“ Die Richter kamen zu dem Schluss, dass Jeanne eine gute Christin sei und dass man ihr vertrauen könne. Der Dauphin beauftragte sie daraufhin, Orléans unter dem Befehl des Herzogs von Alençon mit Nachschub zu versorgen. In Tours ließ sich Jeanne eine mit Lilien verzierte Standarte anfertigen und darauf „das Bild unseres Herrn, der die Welt in Händen hält, malen: die Ikone ihrer politischen Sendung. Die Befreiung ihres Volkes ist ein Werk menschlicher Gerechtigkeit, das Jeanne in der Liebe, aus Liebe zu Jesus durchführt. Sie ist ein schönes Vorbild der Heiligkeit für die Laien, die im politischen Leben tätig sind, vor allem in schwierigen Situationen (Benedikt XVI., ibidem).

Die „Jungfrau von Orléans“

Am 25. April stieß Jeanne in Blois zum Heer. Als Erstes sorgte sie dafür, dass alle Frauen von liederlichem Lebenswandel davongejagt wurden; anschließend redete sie den Männern zu, zur Beichte zu gehen. Sie duldete keine gotteslästerlichen Sprüche, und selbst der Herzog von Alençon hielt sich zugegebenermaßen in ihrer Gegenwart zurück. Durch ihre Güte, ihren Mut sowie durch die außerordentliche Reinheit ihres ganzen Lebens erfüllte Jeanne bei den Soldaten eine echte Evangelisierungsmission. Am 28. April kam sie in Sichtweite der am rechten Loireufer gelegenen Stadt Orléans, doch sie wurde entgegen ihrer Erwartung am linken Ufer entlanggeführt. Als sich ihr der Oberbefehlshaber der Festung vorstellte, begrüßte sie ihn trocken: „Habt Ihr den Ratschlag erteilt, ich solle mich auf dieser Seite des Flusses nähern und nicht dort, wo Talbot und die Engländer lagern?“ – „Ich selbst und andere noch weisere Männer haben diesen Rat erteilt, der uns am sichersten erschien.“ – „In Gottes Namen, der Rat des Herrn, unseres Gottes, ist weiser und sicherer als Euer Rat ... Ich bringe Euch den Beistand des Himmelskönigs, der sich hin der Stadt Orléans erbarmt hat.“ Genau in jenem Augenblick schlug der widrige Wind um, und so konnten die Schiffe mit dem Nachschub zur Verpflegung der Stadt auch gegen die Strömung anlegen. Die Jungfrau wurde in der Stadt wie eine Befreierin begrüßt. In den Tagen danach machte sie eine Reihe von Ausfällen gegen die Engländer, deren jeder ein Volltreffer war; am 8. Mai zogen die englischen Truppen schließlich endgültig ab.

„Er wird gekrönt!“

Am 13. Mai traf Jeanne den Dauphin in Tours; sie verteidigte dort das Krönungsvorhaben gegenüber dem königlichen Rat mit dem Argument, die Krönung werde die Feinde schwächen. Am 30. wurde der Marsch nach Reims beschlossen. Zuvor sollte ein Loirefeldzug unter dem Befehl des Herzogs von Alençon für die Sicherheit von Orléans sorgen. Trotz einer Reihe von ruhmreichen Schlachten zögerte der Dauphin den Aufbruch immer wieder hinaus. Das Heer hingegen war begeistert und Jeanne voller Zuversicht: „Ich werde den edlen Dauphin Karl und seine Begleitung sicher führen, und er wird in Reims gekrönt.“ Am 29. Juni brach Karl endlich zu dem 200 km langen Ritt durch feindliches Gebiet auf. Eine Stadt nach der anderen ergab sich widerstandslos. Am 16. Juli zog die englische Besatzung aus Reims ab, so konnte die Krönung bereits am nächsten Tag stattfinden. Der Erzbischof von Reims salbte den Dauphin in der herrlichen Kathedrale von Reims mit Öl aus der heiligen Ampulle, setzte ihm die Krone aufs Haupt und weihte ihn zum König. Jeanne freute sich, als sie ihre Standarte in der Nähe des Königs sah: „Sie war so oft in hartem Einsatz, es war nur gerecht, dass ihr die Ehre erwiesen wurde.“

Die siegestrunkene Armee vor Paris im Rücken, ließ sich der König noch am Tag der Krönungszeremonie auf Waffenstillstandsverhandlungen mit den Burgundern ein, die versprachen, Paris zu räumen. Doch der Herzog von Burgund spielte nur auf Zeit, die heranmarschierenden Engländer in Stellung brachten, um den Vormarsch des Königs zu stoppen. Der König unternahm eine Reihe zögerlicher Ausweichmanöver und landete schließlich in Compiègne. Jeanne hingegen beschloss, in Richtung Hauptstadt zu ziehen. Am 8. September kam es zum Angriff auf Paris: Jeanne wurde durch eine Armbrust am Bein verletzt und konnte die Angreifer nur mündlich anfeuern. Am nächsten Morgen pfiff der König seine Truppenführer zurück: Die königliche Armee trat den Rückzug an und wurde Ende September ausgelöst. Paris musste noch sechs Jahre auf seine Befreiung warten.

Der königliche Rat, eifersüchtig auf die Erfolge der Jungfrau, überredete den König, Jeanne und den Herzog von Alençon voneinander zu trennen: Sie stellten ein allzu kriegslustiges Gespann dar und erschwerten dadurch einen Friedensschluss auf diplomatischem Wege. Der Herzog von Burgund ließ sich auf Verhandlungen mit Frankreich ein, rüstete jedoch zusammen mit Bedford insgeheim zur Wiedereroberung der verlorenen Städte. Im Februar 1430 wurden Reims und Troyes von den Burgundern belagert. Jeanne unterstützte die beiden Städte, so gut sie konnte. Angesichts der Untätigkeit des Königs ergriff sie die Initiative und eroberte Anfang April das Städtchen Lagny. Dort konnte sie ein drei Tage zuvor verstorbenes Kind kurz wieder zum Leben erwecken, so dass es vor seinem endgültigen Tod noch getauft werden konnte.

Verraten und verkauft

Am 22. April vernahm Jeanne eine Botschaft ihrer „Stimmen“, die ihr ankündigten, dass sie innerhalb von 2 Monaten gefangengenommen werde; sie solle sich keine Sorgen machen und „alles klaglos hinnehmen“, denn Gott werde ihr beistehen. So eilte sie zunächst der von den Burgundern belagerten Stadt Compiègne zu Hilfe und marschierte dort mit 400 Bewaffneten ein. Am 23. Mai wandte sie sich nach der Messe an die versammelte Menge: „Meine lieben Freunde, man hat mich verraten und verkauft, ich werde bald getötet. Betet für mich, denn ich werde weder dem König noch Frankreich lange dienen können.“ Noch am selben Tag wagte Jeanne einen Ausfall, doch er missriet; beim Rückzug wurde sie vor den bereits geschlossenen Stadttoren gefangengenommen. Als man sie aufforderte, Folgsamkeit zu geloben, erwiderte sie: „Ich habe mein Wort jemand anderem als euch gegeben, und ich werde mein Wort halten.“ Sie wurde von einem Kerker zum anderen geschleppt und versuchte immer wieder zu fliehen, doch sämtliche Fluchtversuche scheiterten. Am 19. November wurde sie schließlich den Engländern ausgeliefert, die sie nach Rouen brachten.

Der Bischof von Beauvais, Pierre Cauchon, plante im Auftrag von Bedford, Jeanne in einem Prozess der Häresie und der Hexerei zu überführen. Als sie an Weihnachten um die Sakramente bat, wurden sie ihr verweigert. Obwohl sie nach kirchlichem Recht in einem von Frauen bewachten Frauengefängnis hätte einsitzen müssen, hielt man sie in einem Turm gefangen, wo sie von fünf englischen Soldaten malträtiert und nachts angekettet wurde. Am 21. Februar musste die gerade einmal 19 Jahre alte, durch ihre neunmonatige Gefangenschaft stark geschwächte Jeanne zum ersten Mal vor Cauchon und einem 40-köpfigen Beisitzerkollegium erscheinen. Bis zum 3. März fanden sechs öffentliche Sitzungen statt, bei denen Jeanne jeweils mindestens drei Stunden lang einem intensiven Verhör unterzogen wurde. Sie bat um einen Verteidiger, um eine aus Engländern und Franzosen zusammengesetzte Jury sowie um die Möglichkeit, der Messe beizuwohnen. Cauchon lehnte alles ab und setzte ihr mit seinen Fragen jedesmal hart zu. Jeanne erklärte klar und deutlich, dass sie gelobt habe, nichts über den König zu offenbaren: „Ihr wollt bestimmt nicht, dass ich meineidig werde ... Ihr behauptet, mein Richter zu sein. Bedenkt allen Ernstes, was Ihr macht; denn in Wahrheit bin ich von Gott gesandt. Ihr begebt Euch in große Gefahr.“ Das Gericht brauchte vom 4. bis zum 9. März, um Jeannes Antworten auszuwerten und ein weiteres Verhör vorzubereiten, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollte. Die Fragen betrafen Jeannes sittlichen Lebenswandel, die „Stimmen“, die sie gehört hatte, ihren Gehorsam der Kirche gegenüber, das Zeichen, das dem König gegeben worden war, sowie ihre Männerkleider.

In ihrer Not wandte sich Jeanne mit folgendem Gebet an den Herrn: „Gütiger Gott, zu Ehren Eures heiligen Leidens bitte ich Euch, wenn Ihr mich liebt, mir zu offenbaren, was ich diesen Kirchenmännern antworten soll.“ Ihre Antworten fielen dann tatsächlich überaus weise aus: „Warum hat Gott dich und keine andere erwählt, um Orléans zu befreien?“ – „Gott gefiel es, dieses Werk durch ein demütiges, armes Mädchen zu vollbringen.“ – „Welche Belohnung erbittest du dir von deinen Stimmen?“ – „Eine einzige: mein Seelenheil.“ – „Hältst du es für nötig zu beichten, wenn du doch den Stimmen glaubst, die behaupten, dass du gerettet wirst?“ – „Ich bin mir keiner Todsünde bewusst... Dennoch möchte ich gerne beichten, denn ich denke, man kann sein Gewissen nicht genug reinigen.“ – „Bist du im Stande der Gnade?“ – „Wenn ich es nicht bin, möge mich Gott dahin bringen, wenn ich es bin, möge Gott mich darin erhalten! Ich wäre jedoch die unglücklichste Frau der Welt, wenn ich mich im Stande der Todsünde wüsste.“ – „Hast du deine Siegeshoffnung auf dich oder auf deine Standarte gegründet?“ – „Weder auf mich noch auf meine Standarte; mein ganzes Vertrauen ruhte auf unserem Herrn Jesus Christus.“

Die Kirche bis zuletzt lieben

Man wollte Jeanne der Häresie überführen, indem man ihr nachzuweisen versuchte, dass sie sich den Entscheidungen der von Cauchon und seinen Beisitzern vertretenen Kirche nicht unterwerfe. Man bedrängte sie: „Wirst du dich eines Tages auf die Meinung der Kirche berufen?“ – „Ich berufe mich auf unseren Herrn, der mich gesandt hat, auf Unsere Liebe Frau und auf die Heiligen im Paradies. Von Jesus und der Kirche denke ich, dass das alles eins ist und dass man daraus kein Problem machen soll.“

Papst Benedikt XVI. sagte dazu: „Diese Aussage, die im Katechismus der Katholischen Kirche wiedergegeben wird (Nr. 795), hat im Zusammenhang mit dem Prozess, der zu ihrer Verurteilung führte, im Angesicht ihrer Richter, der Kirchenmänner, die sie verfolgten und verurteilten, einen wirklich heroischen Charakter. In der Liebe zu Jesus findet Jeanne die Kraft, die Kirche bis zuletzt zu lieben, auch im Augenblick der Verurteilung“ (ibidem).

Jeanne forderte mehrfach einen Urteilsspruch des Papstes, doch ihre Richter nahmen es nicht zur Kenntnis. Nach einem Scheinprozess wurde sie zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Die Hinrichtung fand am 30. Mai 1431 statt: Jeanne empfing die Sakramente und bat anschließend darum, dass ihr während ihres Todes–kampfes das Kruzifix vor die Augen gehalten werde. So starb sie, die Augen auf den gekreuzigten Jesus geheftet, und rief mehrmals laut seinen heiligen Namen. Die Henker warfen das Herz der Heiligen, das später unversehrt in der Asche aufgefunden wurde, in die Seine.

Nach Jeannes Tod erfüllten sich ihre Vorhersagen: Der Herzog von Orléans kehrte nach Frankreich zurück. Paris wurde am 13. April 1436 befreit, und der Hundertjährige Krieg ging 1453 mit der Eroberung von Bordeaux zu Ende. Jeannes Unschuld und Kirchentreue wurden 1456 durch einen langen Rehabilitationsprozess erwiesen. Die Jungfrau von Orléans wurde 1909 vom heiligen Pius X. selig- und am 16. Mai 1920 von Benedikt XV. heiliggesprochen. Am 2. März 1922 wurde sie (nach Unserer Lieben Frau) zur zweiten Schutzpatronin Frankreichs erhoben.

„Liebe Brüder und Schwestern, der Name Jesu, der von unserer Heiligen bis zum letzten Augenblick ihres irdischen Lebens angerufen wurde, war gleichsam der unablässige Atem ihrer Seele. Er war gleichsam ihr Herzschlag, der Mittelpunkt ihres ganzen Lebens. ‚Jeanne d’Arcs Geheimnis der öLiebe’, das den Dichter Charles Péguy so sehr fasziniert hatte, ist diese vollkommene Liebe zu Jesus und zum Nächsten in Jesus und für Jesus. Diese Heilige hatte verstanden, dass die Liebe die ganze Wirklichkeit Gottes und des Menschen, des Himmels und der Erde, der Kirche und der Welt umfasst. Jesus steht immer an erster Stelle in ihrem Leben, gemäß dem schönen Satz: ‚Gott kommt an erster Stelle’. Ihn zu lieben bedeutet, stets seinem Willen zu gehorchen“ (ibidem). Möge unsere heilige Schutzpatronin diese brennende Liebe zu Jesus für uns erwirken, denn sie allein kann unsere Gesellschaft erneuern!

Dom Antoine Marie osb

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