Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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15. August 2014
MARIÄ Himmelfahrt


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am 23. Januar 1791, einem Sonntag, liest Abbé Noël Pinot, der Pfarrer von Louroux-Béconnais in der Diözese Angers, in einer vollbesetzten Kirche die Messe: Pfarrvikar Abbé Mathurin Garanger steht oben im Chor, in den ersten Reihen haben der Bürgermeister sowie weitere Amtspersonen der Gemeinde Platz genommen. Sie sollen am Ende der Messe beiden Priestern den Treueeid auf die bürgerliche Verfassung des Klerus abnehmen. Abbé Pinot geht in die Sakristei, um die liturgischen Gewänder abzulegen. Als man ihn holen will, erklärt er, sein Gewissen verbiete es ihm, den Eid zu leisten. Dem Bürgermeister, der ihm daraufhin die Ausübung jeglichen kirchlichen Amtes untersagt, erwidert er, er sei von Gott und seiner Kirche ermächtigt und bleibe daher der legitime Pfarrer der Gemeinde; ungerechten Gesetzen werde er sich nie beugen.

Abbé Pinot hielt Gott und seinem Gewissen bis in den Märtyrertod hinein die Treue und wurde 1926 von Papst Pius XI. seliggesprochen.

Noël Pinot kam am 19. Dezember 1747 in Angers (Westfrankreich) als sechzehntes Kind seiner Familie zur Welt. Der Neugeborene wurde gleich am nächsten Tag getauft. In seiner frühen Kindheit hatte Noël den Mut sowie das arbeitsame, entbehrungsreiche Leben seines Vaters, eines Webermeisters, als Vorbild vor Augen. Während der Vater, der bereits 1756 starb, dem Jungen die Freude an gut gemachter Arbeit vermittelte, brachte ihm die Mutter das Beten bei. 1753 wurde der älteste Sohn der Familie, René, zum Priester geweiht. Er kümmerte sich mit besonderer Zuneigung um das Nesthäkchen der Familie; Noël vertraute ihm an, er wolle ebenfalls Priester werden. 1765 trat er mit achtzehn Jahren in das Seminar ein und wurde bereits am 22. Dezember 1770 zum Priester geweiht. Welche überwältigende Freude für die Mutter, das jüngste und das älteste ihrer sechzehn Kinder am selben Altar walten zu sehen!

Ein Pfarrer unter grollendem Sturm

In den folgenden zehn Jahren war Abbé Pinot in verschiedenen Pfarreien als Kaplan tätig. Überall kümmerte er sich so liebevoll um die Armen und Kranken, dass er 1781 von seinem Bischof zum Seelsorger der Unheilbaren in Angers ernannt wurde. Es handelte sich dabei um ein Heim für unheilbar Kranke, die oft genug nur noch auf den Tod warteten. Der junge Geistliche spendete ihnen Trost, indem er in Gegenwart der Kranken die Messe las und predigte. Dank mildtätiger Christen von materiellen Sorgen befreit, konnte er sich mit Leib und Seele seinem neuen Amt widmen: Seine besondere Sorge galt der Heiligung und Errettung der Kranken. In der Hausordnung der Unheilbaren stand, der Seelsorger solle „die Armen im ersten Jahr nach ihrer Aufnahme in das Haus behutsam an eine Generalbeichte heranführen, vor allem diejenigen, die noch niemals eine abgelegt hatten, und ihnen den ganzen Vorgang sorgsam und liebevoll erleichtern.“ Abbé Pinots Zuneigung war für diese Leute ein ungewohnter Trost; sie liebten ihn ungeachtet seines jugendlichen Alters wie einen Vater.

Als die Pfarrei in Louroux-Béconnais vakant wurde, ernannte der Bischof von Angers Noël Pinot dorthin; sein Amtsantritt fand am 14. September 1788, dem Kreuzerhöhungsfest, statt. Die Gemeinde zählte über 3000 Seelen und bestand aus einer Reihe von weit verstreuten kleineren Ortschaften, die durch schlechte Straßen miteinander verbunden waren. Obwohl ihm ein Kaplan zur Seite stand, hatte der Pfarrer ein Riesenpensum zu bewältigen; er stand seinen Pfarrkindern Tag und Nacht zur Verfügung – sowohl in seiner amtlichen Eigenschaft, als auch, um ihnen materiellen Beistand zu leisten; denn aus Liebe zu den Armen verschenkte er alles, was er besaß. Die Erinnerung an seine Wohltaten und seinen Eifer lebte in Louroux noch lange nach seinem Tod weiter.

Zwei Jahre vergingen so; doch nach Ausbruch der Revolution zog ein grollender Sturm am Himmel der französischen Kirche auf; die verfassungsgebende Versammlung wollte sämtliche Angelegenheiten der Kirche reglementieren. Sie setzte einen Kirchenausschuss ein, der das kirchliche Leben in den Dienst des neuen Staates stellen sollte. Nachdem die Besitztümer des Klerus verstaatlicht (2. November 1789) und jegliche Ordensgelübde abgeschafft worden waren (15. Februar 1790), wurde mit Billigung des fehlgeleiteten Königs Ludwig XVI. am 24. August 1790 die Zivilverfassung des Klerus verabschiedet. Das Gesetz sollte die zivile Macht in die Lage versetzen, der französischen Kirche ohne Rücksicht auf das Recht des Papstes eine Änderung der Diözesangrenzen sowie der bischöflichen Recht–sprechung vorzuschreiben. So wurden 52 von 135 Bistümern abgeschafft; Bischofsstühle und Pfarrstellen waren fortan durch Wahlen zu besetzen (jedes Departement wählte seinen Bischof, jeder Bezirk seine Pfarrer); jeder Einwohner hatte das Recht, abzustimmen (diese Regelung – angeblich eine Rückkehr zur Praxis der Urkirche – war absurd, räumte sie doch Protestanten, Juden und Atheisten gleichermaßen ein Stimmrecht ein, den Armen jedoch nicht). Der Bischof sollte seine Wahl dem Papst „als dem Oberhaupt der Weltkirche, in Bezeugung der Einheit des Glaubens und der ihm geschuldeten Verbundenheit“ zur Kenntnis bringen; amtliche Entscheidungen durfte er nur mit Billigung eines priesterlichen „ständigen Rates“ fassen. Der schwerwiegendste Fehler der Zivilverfassung war die Missachtung des Heiligen Stuhls: Zum einen ist einzig der Stellvertreter Christi befugt, die Aufteilung der Diözesen zu reformieren; zum anderen darf niemand einen Bischofsstuhl einnehmen, ohne vorher vom Papst eingesetzt worden zu sein.

Eine Nationalkirche

In den folgenden Wochen wurden Proteste seitens der Bischöfe laut, die die Zivilverfassung nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten. Vor einer definitiven Ablehnung wollten sie jedoch eine öffentliche Stellungnahme des Papstes abwarten. In diese Richtung ging auch ihre am 30. Oktober 1790 veröffentlichte und von so gut wie allen französischen Bischöfen mitgetragene Grundsatzerklärung zur Zivilverfassung des Klerus. Der darin empfohlene passive Widerstand verärgerte die Abgeordneten der Versammlung: Am 27. November verabschiedeten sie ein Gesetz, das sämtliche Bischöfe, Pfarrer, Kapläne, Seminarleiter und andere Kleriker im öffentlichen Dienst verpflichtete, einen Treueeid auf die Zivilverfassung zu leisten. Das Gesetz, das faktisch eine schismatische Nationalkirche etablierte, wurde am 26. Dezember von Ludwig XVI. – unter Zwang – gegengezeichnet. Priester, die den Eid verweigerten, wurden für abgesetzt erklärt; übten sie ihr Amt dennoch weiter aus, so wurden sie belangt. Obwohl sich der Papst immer noch nicht geäußert hatte, beschloss der Pfarrer von Louroux, er werde den Eid nicht leisten. Er besuchte seine Amtsbrüder in der Umgebung: Stieß er irgendwo auf Unentschlossenheit, so versuchte er zu überzeugen. „Seid versichert“, sagte er, „der Papst wird diesen Eid verurteilen. Er weiß nur zu gut, denke ich, dass diese Verfassung in Wirklichkeit kein anderes Ziel verfolgt, als uns durch die Gründung einer sogenannten Nationalkirche von der katholischen Kirche abzuspalten.“ Seinen eigenen Kaplan konnte er allerdings nicht überzeugen.

Als der Bürgermeister von Louroux die Weigerung des Pfarrers zur Kenntnis genommen hatte, lud er am 23. Januar 1791 den Kaplan ein, den vom Gesetz geforderten Eid zu leisten. Abbé Garanger kam der Aufforderung am ganzen Leib zitternd nach; die einen verfolgten seine Worte mit eisigem Schweigen, die anderen mit ablehnendem Gemurmel. Noël Pinot ließ den Kaplan vorerst seine Aktivitäten in der Gemeinde fortsetzen. Bald danach verurteilte Papst Pius VI. die Zivilkonstitution – durch zwei Breven vom 10. März sowie vom 13. April 1791 – gleich zweimal hintereinander und erklärte sie für häretisch, da sie in mehreren Punkten die Rechte des Heiligen Stuhles beschneide. Abbé Garanger widerrief seinen Eid am 22. Mai. Ohne die weitere Entwicklung abzuwarten, stieg Abbé Pinot am 27. Februar am Ende der Sonntagsmesse noch einmal auf die Kanzel; er hatte bewusst den Tag gewählt, an dem in Louroux eine Versammlung der Nachbargemeinden stattfand. Ohne auch nur ein einziges verletzendes Wort legte er in einer wohlüberlegten Rede vor dem Tabernakel dar, warum er als katholischer Priester, der durch seinen Bischof dem Nachfolger Petri, dem alleinigen Oberhaupt der Kirche Jesu Christi, verpflichtet sei, am 23. Januar den Eid auf die Zivilverfassung verweigert habe. Die National–versammlung habe nicht das Recht, vom Klerus einen Akt zu verlangen, der ihn vom Zentrum der Kirche entferne.

„Brandstifter!“

Da fuhr der Bürgermeister, der in der ersten Reihe saß, verärgert dazwischen: „Runter von der Kanzel! Du sagst uns, das sei eine Kanzel der Wahrhaftigkeit, und erzählst uns lauter Lügen!“ Die Gläubigen erhoben sich sogleich empört von ihren Sitzen. Eine Stimme übertönte alle anderen: „Bleiben Sie auf der Kanzel, Herr Pfarrer! Sie sprechen wahr, wir werden Sie unterstützen!“ Am Abend waren bereits sämtliche Bewohner der Nachbargemeinden über den Vorfall informiert. Das mutige Vorbild Noël Pinots war ansteckend: Sein leidenschaftlicher Protest stieß auf ein breites Echo. Der Gemeinderat verfasste umgehend einen Bericht an den Revolutionsgerichtshof von Angers und forderte die Verhaftung des „Brandstifters“ und „Störers der öffentlichen Ruhe“. Am folgenden Freitag kam – aus Angst vor der Bevölkerung in der Nacht – ein Kommando der Nationalgarde in das Dorf, um den Pfarrer zu verhaften. Er wurde gefesselt und auf seinem eigenen Pferd abgeführt; die Gruppe zog gegen Mittag in Angers ein, wo die Bevölkerung Abbé Pinot ihr Mitleid und ihren Respekt erwies. Er wurde verurteilt, zwei Jahre lang einen Mindestabstand von acht Meilen (dreißig Kilometern) zu seiner Pfarrei zu wahren, und fand zunächst im Hospiz der Unheilbaren Unterschlupf, wo er mit Freuden aufgenommen wurde. Doch sein Aufenthalt dort war den Anhängern der Revolution ein Dorn im Auge. So zog sich der Abbé im Juli 1791 in die Nähe von Beaupréau zurück, wo er sich der Seelsorge widmete und versuchte, die gezwungenermaßen im Exil lebenden Pfarrer zu ersetzen. 1793 durfte er schließlich im Zuge des Vendée-Aufstandes in seine Gemeinde zurück–kehren.

Der Vendée-Aufstand war mehr religiös denn politisch motiviert. „Wir haben uns trotz unserer Empörung nicht gerührt“, sagte ein alter Mann, „solange man uns unsere Pfarrer und unsere Kirchen ließ; als wir aber sahen, dass man dem lieben Gott Verdruss bereitete, haben wir uns zu seiner Verteidigung erhoben.“ Die Armee der Einheimischen eroberte im März 1793 Saumur und Angers und konnte die revolutionäre Armee für eine ganze Weile in Schach halten. Noël Pinots Rückkehr nach Louroux wurde ein Triumph. In seinem Amt waren mehrere revolutionstreue Priester einander gefolgt, aber keiner konnte sich halten. Der Glaube der Herde war von felsenfester Standhaftigkeit. Welche Freude für das Herz des Hirten, nach so vielen Schicksalsschlägen! Doch es handelte sich lediglich um eine kurze Aufheiterung zwischen zwei Stürmen. Der Armee der Vendéer wurden die Stadtmauern von Nantes zum Verhängnis, und im Juni 1793 begann erneut eine Zeit der Verfolgung! Der Nationalkonvent entsandte „Volksvertreter“ in den Westen, deren Macht keine Grenzen kannte und deren Schreckensherrschaft in der Provinz oft noch schrecklicher wütete als in Paris. Die Jagd auf renitente Geistliche war wieder eröffnet. Noël Pinot musste sich erneut verkleiden und als Geächteter leben. Er hätte wie viele andere ins Ausland fliehen können, aber er blieb lieber bei denen, die Gott ihm anvertraut hatte. Die große Mehrheit seiner Pfarrkinder war ihm zwar treu ergeben, doch er wusste sehr gut, dass das Land von Demagogen wimmelte und dass ihm möglicherweise Verrat drohte. Er blieb trotzdem, weil seiner Meinung nach der gute Hirte nun für seine Schäfchen sein Leben aufs Spiel setzen musste.

Wie einst in den Katakomben

Da die Pfarrei mit ihrem Heideland und ihren Wäldereien sehr weitläufig war, konnte sich Abbé Pinot gut auf abgelegenen Bauernhöfen verstecken. Die Gläubigen wachten liebevoll und sorgsam über seine Verstecke, die er allerdings oft wechseln musste, da die Nationalgarde von seiner Anwesenheit Wind bekommen hatte und immer wieder Hausdurchsuchungen vornahm. Tagsüber hielt er sich in Scheunen und Ställen versteckt und verbrachte die Zeit mit Schlafen, Beten, Lesen und Schreiben. Sobald es dunkel wurde, zog er los; er brachte den Kranken die Sakramente – auch in die Nachbargemeinden, deren Pfarrer so gut wie alle inhaftiert, vertrieben oder bereits getötet waren. Er taufte die Neugeborenen, unterrichtete die Kinder, traf sich mit den Gläubigen, nahm ihnen die Beichte ab und spendete Trost. Um Mitternacht wurden die Vorbereitungen für die Messe getroffen: Die Gläubigen – die sich zusammen mit ihrem Pfarrer damit in Todesgefahr begaben – konnten so am heiligen Messopfer teilnehmen und die Kommunion empfangen. Das religiöse Leben lief also weiter, ähnlich wie einst in den Katakomben.

Abbé Pinot erhielt das christliche Leben durch Katechese, Gebet und Sakramente aufrecht und hob dabei besonders die Notwendigkeit des gemeinsamen Betens in der Familie hervor. Seine Mahnungen sind nach wie vor aktuell: „Die christliche Familie ist der erste Ort der Erziehung zum Gebet. Das tägliche Familiengebet wird besonders empfohlen, weil es das erste Zeugnis des Gebetslebens der Kirche ist. Die Katechese, die Gebetsgruppen und die ‚geistliche Leitung’ bieten eine Schule und eine Hilfe für das Gebet“ (Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 565). Der Katechismus selbst präzisiert: „Das Auswendiglernen der Grundgebete bietet dem Gebetsleben eine unerlässliche Stütze; es ist jedoch wichtig, den Sinn dieser Gebete erfahren zu lernen“ (Nr. 2688).

Das Jahr 1794 begann mit Blut und Tränen. Robespierres Diktatur hatte ihren Höhepunkt erreicht. Jeglicher christlicher Kultus war untersagt, selbst derjenige der schismatischen Nationalkirche. Die entweihten Kirchen wurden in Waffenlager oder Revolutionsklubs umgewandelt. Der Wohlfahrtsausschuss dehnte sein Zerstörungswerk gegen die Kirche aus. Er setzte das Dekret vom 21. Oktober 1793, das für jeden aufgegriffenen Priester, der den Eid verweigert hatte, innerhalb von zehn Tagen die Todesstrafe vorsah, erbarmungslos um. Auf solche Geistliche wurde ein hohes Kopfgeld ausgesetzt. Noël Pinot hatte nun keinen Platz mehr, an dem er sich zur Ruhe betten konnte; sein ganzer Besitz, etwas Wäsche und das Nötigste für die Messfeier, passte in einen Beutel. Das Leid sowie die physischen und moralischen Prüfungen, denen er vom Sommer 1793 an standhalten musste, lockerten seine Bindung an die Erde; einzig seine Liebe zu Christus, sein Einsatzeifer für die Seelen und seine Zuneigung zu seinen Pfarrkindern ließen ihn weiterkämpfen.

Niquet, der Verräter

Die Maschen des Netzes um den Verbannten wurden immer enger. Den Vorschlag, sich an einen fernen, ruhigeren Ort zurückzuziehen, lehnte ab. Er bereitete sich täglich auf den Tod vor und tröstete sich damit, dass er von seinen ergebenen Pfarrkindern nie verraten würde. Sie hätten alles, selbst ihr Leben, geopfert, um ihren Pfarrer zu retten; sie wurden von den Nationalgardisten auf der Suche nach seinem Versteck ohnehin ständig belästigt und ausgeplündert, ihre Häuser verwüstet. Doch dann schlug die „Macht der Finsternis“ zu. Am 8. Februar hielt sich Abbé Pinot im Dorf Milandrerie bei einer frommen Witwe, Madame Peltier-Tallandier, auf; als er am Abend im Garten Luft schöpfte, wurde er trotz der hereinbrechenden Dunkelheit von einem Arbeiter namens Niquet wiedererkannt, den er früher einmal großzügig unterstützt hatte. Die Aussicht auf das hohe Kopfgeld ließ Niquet alle empfangenen Wohltaten vergessen: Er lief auf der Stelle los, um Noël Pinot zu denunzieren. Die Nationalgarde machte sich sogleich auf den Weg; gegen 23 Uhr war das Haus umzingelt. Bei der Witwe war man ahnungslos; alles für die Messe Notwendige lag schon bereit, als plötzlich Schläge gegen die Tür donnerten. Es war gerade noch Zeit, den Priester in einer großen Truhe zu verstecken und die liturgischen Geräte verschwinden zu lassen, dann öffnete Madame Peltier die Tür. Da die tapfere Witwe beharrlich schwieg, wurde das ganze Haus durchsucht, man fand jedoch nichts. Einer der zwangsverpflichteten Gardisten kam beim Hinausgehen an der Truhe vorbei, hob zerstreut den Deckel und ließ ihn mit bleichem Gesicht schnell wieder fallen. Er hatte den Geächteten entdeckt und zögerte, ihn zu verraten. Doch Niquet hatte alles gesehen. „Du hast den Pfarrer gefunden“, schrie er wütend, „und willst ihn decken?“ Er hob den Deckel hoch, und Abbé Pinot kletterte mit erster, ruhiger Miene heraus. Er blickte dem Verräter in die Augen und richtete einen einzigen Satz an ihn, gleichsam als Echo zu Getsemani: „Wie? Du bist es?“ (vgl. Lk 22,48). Übel beschimpft und verprügelt, ließ sich Noël Pinot widerstandslos festnehmen. Sein priesterliches Ornat wurde ebenfalls beschlagnahmt. Er wurde erst nach Louroux, dann nach Angers gebracht, wo er vor dem Revolutionskomitee erscheinen musste. Er wurde als „stark konterrevolutionär“ eingestuft und ins Gefängnis geworfen.

Nach zehn Tagen Haft bei Wasser und Brot wurde Noël Pinot vor ein Revolutionsgericht gestellt, das in einer entweihten Kapelle tagte. Ein verhängnisvoller Zufall wollte, dass an jenem 21. Februar ein abtrünniger Priester namens Roussel den Vorsitz führte, der zunächst den Eid geleistet hatte und später „laisiert“ worden war. Allerdings wusste keiner der Anwesenden über seine Vergangenheit Bescheid. Nach der Urteilsverkündung schlug er dem Verurteiltem mit einem Blick auf das vor dem Gericht ausgebreitete Ornat vor: „Möchtest du nicht lieber in deinem Priestergewand unter die Guillotine gehen?“ – „Doch“, bestätigte der Glaubenszeuge ohne zu zögern, „das wäre mir eine große Genugtuung.“ – „Nun denn“, erwiderte der andere, „du wirst es anziehen und in dieser Aufmachung den Tod empfangen.“

An einem Freitag um drei Uhr

Die Hinrichtung fand am selben Tag statt. Der Zug setzte sich in Bewegung, die Trommler vorneweg, dann das Opfer in seinem Ornat, begleitet von den Richtern. Das Schafott war an einem neuen Platz errichtet worden, an der Stelle einer vom Revolutionsrat nieder-gerissenen Stiftskirche. „Der Märtyrer betete in tiefer Andacht“, berichtete Abbé Gruget, ein papsttreuer Augenzeuge. „Sein Gesicht war ruhig, und von seiner Stirn strahlte die Freude der Auserwählten; man konnte die Dankeshymnen, die ihm aus dem Herzen quollen, gleichsam von seinen Lippen ablesen.“ Noël Pinot stand an jenem Freitag um drei Uhr (zur Todesstunde Jesu Christi) am Fuße des Schafotts. In seinen Augen verklärte sich das schauerliche Gerüst: Er sah sich am Fuße eines realen, blutüberströmten Opferungsaltars, an dem nach dem Vorbild des Gottes von Golgotha, wieder ein echtes Opfer dargebracht werden sollte. Instinktiv sprach er die Einleitungsworte der Messe: Introibo ad altare Dei (Zum Altare Gottes will ich treten). Man zog ihm seine Kasel aus; mit einem vierzackigen Stern auf der Brust trat er vor den Henker. Abbé Gruget erteilte ihm aus der Ferne die Absolution. Ein Trommelwirbel ... Das Fallbeil sauste nieder ... Das Opfer war vollbracht: Die Seele des guten Hirten war vor den Altar Gottes getreten! So starb am 21. Februar 1794 im Alter von 48 Jahren Abbé Noël Pinot, der Pfarrer von Louroux-Béconnais.

Nachdem Papst Pius XI. am 3. Juni 1926 die Hinrichtung Noël Pinots als einen aus Hass auf den Glauben herbeigeführten Märtyrertod anerkannt hatte, sprach er ihn am Christkönigsfest (31. Oktober) desselben Jahres selig. Das Vorbild des Seligen erinnert an folgende Worte des heiligen Gregors des Großen: „Wir, die wir die Mysterien der Passion des Herrn feiern, müssen nachmachen, was wir da tun. Wahrlich, für uns wird Gott eine Hostie dargebracht, wenn wir uns selbst zur Hostie machen“ (zitiert nach Paul VI., 18. November 1966). Möge uns Jesus Christus, der ewige Hohepriester, auf die Fürsprache des seligen Noël Pinot hin die Gnade gewähren, dass wir Ihm auch unter den schwierigsten Umständen die Treue halten!

Dom Antoine Marie osb

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