Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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5. Juni 2014
Hl. Bonifatius, Apostel Deutschlands


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Im Laufe seines langen Pontifikats hat der heilige Johannes-Paul II. die ganze Welt bereist, um das Evangelium zu verkünden. Am 30. April 1989 sagte er in Madagaskar: „Ich freue mich, dass ich zu euch kommen konnte, um die Seligsprechung einer Tochter eures edlen madagassischen Volkes zu feiern, die für ihre Brüder und Schwestern ‚Stütze und Fundament’ gewesen ist und jetzt noch mehr sein wird. Victorias (Rasoamanarivos) Beispiel zeigt, welcher Platz den Frauen in der Kirche gebührt … Ihr erkennt in eurer ersten Seligen die traditionellen Stärken eures Volkes wieder. Viele Zeugen haben ihre Geduld beschrieben, die angesichts von Schwierigkeiten weder mit Resignation noch mit Flucht reagierte, sondern vielmehr mit einer zutiefst friedlichen Haltung, und zwar angesichts von allem, was traurig stimmte, verletzte, sogar angesichts des allgemein geächteten Bösen.“

Rasoamanarivo wurde 1848 in Tananarive als viertes Kind einer siebenköpfigen Familie geboren. Ihr Vater wurde später Protestant, ihre Mutter war für ihre Sanftmut und Güte bekannt. Die Familie gehörte dem Stamm der „Hovas“ an, einem der – im Binnenland lebenden – 15 Stämme Madagaskars. Sie wurde die mächtigste und reichste Familie des Königreichs, nachdem Königin Ranavalona I. (1828-1861) den Großvater Rasoamanarivos zum Prinzgemahl und zum Oberbefehlshaber der Armee bestimmt hatte. Die Familie bildete einen weitverzweigten Clan, der in geräumigen Häusern in der Nähe des königlichen Palasts wohnte. Politisch herrschte im Land uneingeschränkte Despotie.

Rasoamanarivo verbrachte eine sorglose, beschauliche Kindheit; sie war mit den abergläubischen Gebräuchen ihres Volkes vertraut und trug stets ein unheilabwehrendes Amulett bei sich. Sie war 13 Jahre alt, als Königin Ranavalona I. starb und ihr Sohn, Radama II., den Thron bestieg. Erst dieser gestattete offiziell die Ansiedlung katholischer Missionare in Madagaskar. Die ersten auf der Insel gelandeten Missionare waren die Missionsväter gewesen, die vom heiligen Vinzenz von Paul im 17. Jahrhundert entsandt worden waren und Port-Dauphin am südlichen Zipfel der Insel gegründet hatten. Der christliche Glaube konnte sich jedoch erst nach 1820 etablieren, nachdem der protestantische Pfarrer Jones begonnen hatte, die Bibel im Lande zu verbreiten. 1830 gab es bereits einen beachtlichen Kern von Christen, von denen etliche der 1835 von der Königin angeordneten Verfolgung gegen Angehörige ausländischer Religionen zum Opfer fielen. 1855 gelangten wieder einige katholische Missionare heimlich ins Land. Erst Ende 1861 ließen sich ein paar Jesuitenpatres mit königlicher Genehmigung offiziell in Tananarive nieder. Sie wurden von zwei Josefsschwestern aus Cluny begleitet, die die erste katholische Mädchenschule in der Hauptstadt eröffneten.

„Jemand blickte mich an!“

Rasoamanarivo, die zu den ersten Schülerinnen der Schwestern zählte, machte durch ihr ernstes Wesen und ihren brennenden Wissensdurst in Sachen Religion auf sich aufmerksam. Sie erzählte später: „Ich betrat die Kirche vorwitzig mit einer Frucht in der Hand und begann sie zu essen. Plötzlich fielen meine Augen auf das Tabernakel, und ich fühlte mich auf einmal ganz betreten, als würde mich jemand anblicken! Ich schämte mich meiner Tat und ging hinaus, um die Frucht wegzuwerfen. Dann kehrte ich in die Kirche zurück, fiel auf die Knie und betete.“ Am 1. November 1863 wurde Rasoamanarivo zusammen mit 23 weiteren Katechumenen getauft und erhielt den Namen Victoria. Bald empfingen die Täuflinge die Erstkommunion und wurden Maria geweiht. Diese erste große Feier zog viele Schaulustige in die Kirche von Andohalo, darunter auch etliche Protestanten und Heiden, die den Aufschwung des Katholizismus im Land mit Sorge sahen.

„Den Christen von heute zeigt Victoria, wie man seine Taufe leben kann“, sagte Papst Johannes-Paul II. „Als von den Josefsschwestern von Cluny erzogene Heranwachsende bereitet sie ihren Kircheneintritt ernsthaft vor. Sie entdeckt die Gebote Gottes und beschließt sogleich, sie zu befolgen und gegen die Sünde zu kämpfen. Sie gehorcht dem Gesetz Gottes in glücklicher innerer Freiheit … Das Sakrament der Taufe bedeutet für sie, dass sie sich von der Gegenwart des auferstandenen Christus wirklich packen lässt … Die Firmung macht sie vollends zu einer Getreuen, zu einem Tempel des Heiligen Geistes, wie der Apostel sagt … Nehmt euch ein Beispiel an ihr, wenn ihr ihre tiefe Liebe zur Messe entdeckt, die sie nie versäumen wollte. Die Kommunion mit dem Leib Christi ist die wahre Speise des Getauften, denn sie ist die innigste Begegnung mit dem Herrn.“

Man ließ ihr keine Wahl

Victoria war 15 Jahre alt, und ihre Familie wollte sie verheiraten. Sie wäre lieber ins Kloster gegangen, doch man ließ ihr keine Wahl. Später, während des Krieges von 1883, erklärte sie: „Der liebe Gott hat es nicht zugelassen. Er dachte damals schon daran, was heute passiert. Wäre ich jetzt Ordensfrau, so wäre es mir unmöglich, etwas für den Glauben zu tun; das ist mir jetzt erlaubt.“ Am 13. Mai 1864 heiratete Victoria ihren Cousin Radriaka; in Madagaskar war es üblich, innerhalb der engeren Familie zu heiraten. Radriaka war ein hoher Offizier der madagassischen Armee. Bald nach der Hochzeit wurde Victorias Onkel und zugleich Schwiegervater Rainilaiarivony, ein großer Bewunderer seiner Nichte und ihres Glaubens, zum Premierminister ernannt.

Königin Rasoherina, die 1863 die Nachfolge von Radama II. angetreten hatte, vertraute die Erziehung ihrer Adoptivkinder katholischen Missionaren an; doch Letztere wurden in ihrem Apostolat zunehmend behindert. 1867 wurde der Protestantismus Staatsreligion und gewann weiter an Einfluss, als die Nachfolgerin von Rasoherina, Königin Ranavalona II., 1868 Protestantin wurde. Um Katholiken zum reformierten Glauben zu bekehren, wurde vielfach Druck ausgeübt – selbst in der Familie des Premierministers. Victoria, die trotz ihres Alters noch die Schule besuchte, wurde gezwungen, auf eine protestantische Schule zu wechseln. Sie weinte so viel darüber, dass sie schließlich zu den katholischen Schwestern zurückkehren durfte. Rainimaharavo, ein weiterer Onkel Victorias, versuchte als Familien-oberhaupt mehrmals, seine Nichte für den Protestan-tismus zu gewinnen, doch Victoria widersetzte sich standhaft. Einmal erwiderte sie ihm: „Du hoffst vergeblich, mich durch deine Drohungen einzuschüchtern. Sie bestärken mich nur in meinem Glauben. Ich sehne den Tag herbei, an dem du mich aus Ihrem Haus jagst. Dann bin ich alle Sorgen los; ich werde durch die Stadt laufen und mir wohlgesonnene Leute um ihre Gastfreundschaft bitten. Aber niemand auf der Welt wird mich dazu bringen, dass ich meine Religion verleugne.“

Victorias unerschütterliche Treue zum katholischen Glauben, den sie als wahr erkannt hatte, mag heute auf Grund der weit verbreiteten relativistischen Gesinnung nicht für jedermann verständlich sein; um die Richtigkeit ihres Verhalten zu würdigen, müssen wir uns zum einen daran erinnern, dass wir „wegen der Autorität des offenbarenden Gottes selbst, der weder sich täuschen noch täuschen kann» glauben (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 156); zum anderen daran, dass alle Menschen „verpflichtet [sind], die Wahrheit, besonders in dem, was Gott und seine Kirche angeht, zu suchen und die erkannte Wahrheit aufzunehmen und zu bewahren“ (II. Vatikanum, Dignitatis humanæ, 1).

Das Haupt ist Christus!

Radriaka teilte nicht die religiöse Überzeugung seiner Frau und lebte nicht gerade tugendhaft. So versuchte er, sie zur Abkehr von ihrem Glauben zu überreden; er hielt ihr den Satz des heiligen Paulus vor: Die Frauen seien ihren Männern untertan wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau (Eph 5,22-24). Victoria antwortete: „Ja, das stimmt, aber das Haupt des Mannes und der Frau ist Christus, und als ich mich dir hingab, gab ich mich Ihm hin; wie könnte Er wollen, dass ich Ihn verrate, um dir zu gehorchen? Nein, Radriaka, das ist unmöglich!“ Die junge Frau freundete sich mit einer – ebenfalls katholischen – Sklavin namens Rosalie an; die beiden beteten zusammen und unterstützten sich gegenseitig. Victoria lebte ihren Glauben ohne jede Zurschaustellung, aber unbeirrbar weiter und erwiderte allen, die sich über ihre Frömmigkeitspraxis wunderten: „Das machen wir halt so, wir Katholiken!“

Eines Morgens stand Victoria nach einer schlaflosen Nacht, die sie mit Rosenkranzbeten verbracht hatte, vor 4 Uhr auf, um in die Kirche zu gehen. Bald nach ihrem Weggang wurde bei ihr eingebrochen. Es lag ein hoher Geldbetrag auf dem Tisch, doch der Einbrecher ließ ihn liegen. Victoria erfuhr noch in der Kirche, was passiert war; sie sagte später: „Ich hatte den Eindruck, dass man mir nach dem Leben trachtete. Ich dankte Gott, dass Er mich beschützt hatte, und versprach, Ihm noch treuer zu dienen.“

Victoria führte ein schlichtes Leben, wobei sie ihre familiären Verpflichtungen, ihre Pflichten als Hofdame und ihre Gebetszeiten gut miteinander vereinbaren konnte. Ihre Liebenswürdigkeit, ihre Werke und ihr Glaubenszeugnis flößten allen Respekt ein und verschafften ihr eine unbestrittene moralische Autorität am Hof. Sie pflegte frühmorgens in die Kirche zu gehen; da das manch einem aus ihrem Umfeld missfiel, wurden Sklaven auf dem Weg postiert, die sie mit Steinen bewerfen sollten. Man sah sie oft in der Kirche: auf Knien, in sich gekehrt, die Augen auf das Tabernakel gerichtet. Ihr Lieblingsgebet war der Rosenkranz. Sie kannte alle Kranken der Pfarrei, besuchte und ermutigte sie, und ließ ihnen bei Bedarf ein Almosen zurück. Wie damals in ihrem Land üblich, wurde Victoria von mehreren hundert Sklaven bedient. Sie, die keine eigenen Kinder besaß, liebte sie und sorgte für sie wie eine Mutter.

Ein unauflösliches Band

Ungeachtet seiner hohen gesellschaftlichen Stellung schlug Radriaka gern über die Stränge und war insbesondere dem Alkohol verfallen. Die Folge waren Exzesse und Gewaltausbrüche, unter denen Victoria oft zu leiden hatte. Radriakas Benehmen wurde so skandalös, dass sein eigener Vater, der Premierminister, mit Zustimmung der Königin seine Ehe auflösen wollte. Victoria warf sich jedoch vor die Füße der Königin und bat, das Vorhaben nicht weiter zu verfolgen: „Die christliche Ehe ist unauflöslich; sie ist von Gott gestiftet und von der Kirche gesegnet. Menschen haben keinerlei Verfügungsgewalt über sie.“ Um bei ihrem Mann auf eine Umkehr hinzuwirken, versäumte Victoria keine Gelegenheit, ihn zu guten Werken zu ermuntern. „Ihre unerschöpfliche Geduld bestärkte ihre christliche Überzeugung, trotz aller Demütigungen und allen Leids, die sie zu erdulden hatte, dem unauflöslichen Band der Ehe treu zu bleiben“, sagte Johannes-Paul II.

Victoria machte ihrem Rang in der Welt alle Ehre, doch dabei verlor sie Christus nie aus den Augen. Wenn sie sich zusammen mit Rosalie von der Familie oder vom Hof verabschiedete, um in die Kirche zu gehen, dachte niemand daran, sie zurückzuhalten oder ihr Vorwürfe zu machen. 1876 wurde der französische Missionar Caussèque Pfarrer der Gemeinde von Andohalo. Er gab eine kleine apologetische Zeitschrift namens Resaka heraus und gründete zusammen mit ehemaligen Schülern der Christlichen Schulbrüder die Marienbewegung Union Catholique. Er baute die Kongregation der Heiligen Jungfrau, der auch Victoria angehörte, weiter aus und lenkte sie in Richtung karitatives Engagement für Arme und Leprakranke. Er sorgte dafür, dass die Kathedrale von Tananarive – u.a. mithilfe großzügiger Spenden Victorias – fertiggebaut wurde.

1883 kam es zum ersten französisch-madagassischen Konflikt, nachdem die madagassische Regierung Ausländern das Recht auf Grundeigentum verweigert hatte. Zudem hatte der Premierminister überall an der Küste die französischen Fahnen entfernen lassen, die seit 1840 auf Wunsch der Ortsvorsteher den Schutz Frankreichs symbolisiert hatten. Der Konflikt führte zur Ausweisung der französischen Missionare und brachte somit die katholische Gemeinde, die damals rund 80 000 Seelen zählte, in Gefahr. Die meisten Katholiken waren noch recht neu im Glauben und kamen beinahe ausschließlich aus den ärmsten Bevölkerungsschichten. Victoria allein verfügte über den notwendigen Einfluss, um diejenigen zu beschützen, die aufgrund ihrer guten Beziehungen zu den Franzosen wie Verräter behandelt wurden. In den Tagen vor der Abfahrt der Missionare waren die Kirchen von Tananarive überfüllt mit Christen, die die Beichtstühle belagerten und inbrünstig beteten. Am 29. Mai verließen die Josefsschwestern die Stadt – zu Fuß, da das Klima der Angst es ihnen unmöglich machte, Träger zu engagieren. Victoria verständigte sogleich ihren Schwiegervater, den Premierminister; er sorgte dafür, dass den Reisenden Träger nachgeschickt wurden. Pater Caussèque rief vor seiner Abreise die Mitglieder der Union Catholique zusammen und vertraute ihnen die Kirchen sowie die Schulen während der Abwesenheit der Missionare an. Zu Victoria sagte er: „Als unser Herr in den Himmel fuhr, blieb Maria, seine Mutter, auf Erden zurück, um die Apostel und die ersten Christen zu ermutigen und zu unterstützen; ebenso müssen Sie in Abwesenheit der Missionare zum Schutzengel der katholischen Mission und zur Stütze der Gläubigen werden.“ – „Mein Vater“, erwiderte sie unter Tränen, „ich werde alles tun, was ich kann.“

Mitten unter die Kirchenbesucher

Nach dem Weggang der Missionare wurden die Kirchen von den Behörden geschlossen und streng bewacht. Victoria sorgte dafür, dass sie am folgenden Sonntag sowohl in der Stadt als auch auf dem Lande wieder geöffnet wurden. Um Victorias Schlüsselrolle auch nach außen hin zu unterstreichen, wurde sie von den Christen in Tananarive regelrecht bestürmt, die abgeschiedene Ecke, in der sie normalerweise während der Messe saß, zu verlassen und sich mitten unter die Kirchenbesucher zu setzen. Es wurde eine Bank am Hauptgang für sie vorbereitet und geschmückt, und Victoria kniete fortan dort. Ihre Gegner fragten, warum sie in die Kirche gehe, obwohl keine Messe mehr gelesen werde; sie erwiderte: „Wie kann man mir so eine Frage stellen? Glaubt man, dass mein Geist in Abwesenheit des Allerheiligsten Sakraments müßiggeht? Ich stelle mir vor, wie die Missionare die Messe zelebrieren; in Gedanken nehme ich an allen Messen teil, die in der ganzen Welt gelesen werden. Ich vereine meine Stimme mit der Stimme der Heiligen im Himmel und der Gerechten auf Erden.“

In Abstimmung mit Victoria bereitete die Union Catholique unter der Leitung eines jungen Adligen, Paul Rafiringa, ein Aktionsprogramm vor. Rund 20 Mitglieder der Union teilten die 11 Bezirke rund um die Hauptstadt unter sich auf und wollten dort die sonntäglichen Treffen leiten, Schulen besuchen sowie den Lehrern Mut zusprechen. Im Oktober 1883 rief Victoria eine Versammlung aller katholischen Gemeindeleiter und Lehrer ein und sagte zu ihnen: „Es stimmt nicht, dass die Regierung die katholische Religion verbietet, wie die Protestanten behaupten. Die Königin und der Premierminister gewähren uns im Gegenteil jede Freiheit. Die Gläubigen sollten sich von den gegen sie gerichteten Aktionen nicht beirren lassen; Verfolgung ist eine unverzichtbare Begleiterin der katholischen Kirche. Ihr seid die Säulen eurer Kirchen. Ihr Wohlergehen bzw. ihr Untergang hängt von euch ab … Ich kann euch nicht alle persönlich besuchen. Aber die Mitglieder der Union Catholique werden es an meiner Stelle und in meinem Namen tun.“ Viele Katholiken waren einer regelrechten Verfolgung ausgesetzt; in abgelegenen Provinzen wurden Gläubige verhaftet und ungerechtfertigt vor Gericht gezerrt; viele von ihnen konnten durch das energische Einschreiten Victorias gerettet werden.

Der einzige madagassische Ordensmann, der noch in Madagascar wohnte, Bruder Raphaël von den Schulbrüdern, wurde zum Generaldirektor der kirchlichen Hilfswerke gewählt. Er war ein begeisterter Ordensmann, der jedoch in seinem Eifer meinte, die verschiedenen Verbände nach eigenem Gutdünken regieren zu können, ohne ihnen die notwendige Handlungs–freiheit zu lassen. Victoria musste mehrmals eingreifen, um zwischen den Beteiligten Frieden zu stiften; einmal musste sie den Bruder sogar öffentlich tadeln, um die Union Catholique zu retten. Bald besuchte Victoria auch entferntere christliche Gemeinschaften, um sie zuversichtlicher zu stimmen. Sie warb auch um finanzielle Unterstützung für sie, was nicht ungefährlich war. Doch vor allem betete, fastete und kasteite sie sich, um von Gott die Rückkehr der Missionare zu erreichen.

Eine unverhoffte Taufe

1886  als der Frieden wieder hergestellt war, kehrten die Missionare nach dreijähriger Abwesenheit an ihre Posten zurück. Ihr feierlicher Einzug in Tananarive fand am 29. März statt. Zu Ostern kamen die Mitglieder der Union Catholique angereist, um den neuen Bischof und Apostolischen Vikar, Mgr. Cazet, zu begrüßen. Da ihre Mission nun beendet war, kehrte Victoria an ihren bescheidenen Platz in der Gemeinde zurück, setzte jedoch ihre karitative Arbeit – vor allem zugunsten von Leprakranken und Häftlingen – fort. Schon seit Langem hatte sie sich gewünscht, dass sich ihr Mann zum Katholizismus bekehren möge. Nach einem schweren Sturz ließ er sich im letzten Augenblick vor seinem Tod noch taufen; da der Pfarrer der Kathedrale nicht verfügbar war, wurde er am 14. März 1888 von Victoria selbst getauft.

Im Hinblick auf dieses Ereignis sagte Papst Johannes-Paul II.: „Wir wissen, welch mutige Treue Victoria zum Sakrament der Ehe bewies – trotz aller Probleme in ihrer eigenen Ehe. Ihr ‚Ja’ zu diesem Bund war vor Gott besiegelt worden, und sie hätte es niemals von sich aus in Frage gestellt. Mit Unterstützung der Gnade respektierte sie ihren Gatten trotz allem und bewahrte ihre Liebe zu ihm – in dem brennenden Wunsch, er möge sich dem Herrn zuwenden und bekehren; ihr wurde der Trost zuteil, dass sie erleben durfte, wie ihr Mann kurz vor seinem Ende die Taufe akzeptierte.“

Vom Tode Radriakas an trug Victoria stets strenge Trauer; da sie nicht mehr verpflichtet war, ihren Mann an den Hof zu begleiten, zeigte sie sich nur selten dort. Ihre Verbundenheit mit Gott wurde beständiger und inniger denn je, begünstigt durch die Schweige-exerzitien, die sie demütig absolvierte. Sie kümmerte sich um ihren Onkel, den früheren Christenverfolger, der – in Ungnade gefallen, seines Besitzes beraubt und von Krankheit gepeinigt – von allen im Stich gelassen worden war.

1890 verschlechterte sich Victorias Gesundheits–zustand, doch sie sie setzte ihre Besuche beim Allerheiligsten und bei den Kranken fort. Als sie sich nicht mehr fortbewegen konnte, wurde ihr die Kommunion ins Haus gebracht. Sie ließ ihr Haus jedesmal entsprechend schmücken, damit das Allerheiligste mit königlichen Ehren empfangen wurde. 1894 verschlimmerte sich ihr Zustand; trotzdem bestand sie darauf, an der Himmelfahrtsprozession am 15. August teilzunehmen, und war hinterher zu Tode erschöpft. In ihren letzten Stunden betete sie unausgesetzt den Rosenkranz. Sie starb am 21. August 1894. „Gleich danach erstrahlte ihr Gesicht in einem Lächeln“, berichtete ein Zeuge. Der Trauerfeier in der Kathedrale wohnten Scharen von Besuchern bei.

„Mit ihren schönen weiblichen Tugenden nahm Victoria die Mission der Evangelisierung, der Heiligung und der Organisation in Angriff und konnte in gutem Einvernehmen mit allen Gliedern Kirche eine intensive Tätigkeit entfalten“ (Heiliger Johannes-Paul II.).

Möge uns das Vorbild der seligen Victoria helfen, durch alle Prüfungen dieses Lebens hindurch im Glauben auszuharren und bis zu unserem letzten Atemzug von ihm Zeugnis abzulegen!

Dom Antoine Marie osb

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