Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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21. Februar 2014
Hl. Petrus Damiani


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Bei seiner apostolischen Reise im Jahre 2006 nach Polen richtete Papst Benedikt XVI. einmal folgende Worte an die Versammelten: „Ich bitte euch, pflegt dieses reiche Glaubenserbe, das euch von den vorangegangenen Generationen übergeben worden ist, das Erbe des Denkens und des Dienstes jenes großen Polen, der Papst Johannes Paul II. war! Steht fest im Glauben, gebt ihn an eure Kinder weiter, bezeugt die Gnade, die ihr in eurer Geschichte in so reichem Maße durch den Heiligen Geist erfahren habt!“ Ein Beispiel für die geistliche Fruchtbarkeit Polens bietet die Familie Ledóchowski: Zwei ihrer Töchter wurden zur Ehre der Altäre erhoben, und ein Sohn, Wladimir, wirkte von 1915 bis 1942 als Generaloberer der Jesuiten. Die am 19. Oktober 1975 von Papst Paul VI. seliggesprochene Maria Theresia Ledóchowska gründete die Kongregation der Missionsschwestern vom heiligen Petrus Claver, die die Mission durch Publikationen unterstützt. Ihre Schwester Julia wurde von Papst Johannes-Paul II. 1986 selig- und 2003 heiliggesprochen. Sie war die Gründerin der „Grauen Ursulinen“, die sich insbesondere der Erziehung der Ärmsten weihten.

Anton Halka Graf Ledóchowski stammte aus einer alten polnischen Adelsfamilie, die sich stets durch besondere Gottes- und Königstreue ausgezeichnet hatte. Seiner ersten Ehe entsprangen drei Söhne; nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er 1862 die Schweizerin Josephine von Salis-Zizers. Mama Sephine, wie man sie nannte, sorgte wie eine wahre Mutter für die Söhne des Grafen; am 29. April 1863 kam als erstes ihrer eigenen neun Kinder Maria Theresia zur Welt, 1865 folgte Julia, 1866 Wladimir. Die Familie wohnte auf ihrem reichen Landgut in Loosdorf bei Melk in Niederösterreich. Unter den aufmerksamen Augen der Eltern entfalteten alle Kinder große künstlerische Begabung (in Musik, Malerei und Literatur). Mama Sephine lenkte ihre kleine Welt mit sanfter und fester Hand. In puncto Pflichten und Selbstbeherrschung ließ sie nicht mit sich handeln, selbst wenn es ihr zuweilen schwerfiel. Der christliche Glaube wurde den Kindern durch den häufigen Empfang der Sakramente, durch das Gebet, die Lektüre des Evangeliums und das Lesen von Heiligenviten vermittelt. Das Familienleben verlief glücklich.

Mehr Verdienste sammeln

Maria Theresia glänzte gern und versuchte, die anderen Kinder zu übertreffen. Sie drückte sich oft davor, mit den jüngeren Geschwistern zu spielen, und las lieber; die Mutter musste sie immer wieder bitten, ihre Lieblingsbeschäftigung zu opfern und sich um die Kleinen zu kümmern. Mit 9 Jahren enthüllte sie ihren wahren Charakter in einem Gedicht. Es handelte von einem Traum, in dem sie von einem Engel ins Paradies geführt wird und sieht, dass dort diejenigen, die mehr gelitten und mehr erduldet haben, viel schönere Kronen tragen. Ihr Fazit: „Ich dankte Gott und freute mich darüber, dass Er mir Zeit gab, mehr Verdienste zu sammeln.“ 1873 musste Schloss Loosdorf infolge eines schweren Schicksalsschlags verkauft werden; die Familie zog in eine Wohnung nach Sankt Pölten. Die Mädchen gingen bei den Englischen Fräulein zur Schule und erhielten daneben Privatunterricht. Musik, Theater, Besuche, Sport, Ausflüge und Spiele waren feste Bestandteile ihres Alltags. Bei den Ledóchowskis wurde für jede Annehmlichkeit des Lebens Gott gedankt.

„Die Arbeit und das Fest sind mit dem Leben der Familien eng verbunden“, schrieb Papst Benedikt XVI. am 23. August 2010. „Sie bedingen die Entscheidungen und beeinflussen die Beziehungen zwischen den Eheleuten sowie zwischen Eltern und Kindern und wirken sich auf das Verhältnis der Familie zu Gesellschaft und Kirche aus. Der Heiligen Schrift (vgl. Gen 1–2) entnehmen wir, dass Familie, Arbeit und Festtag Gabe und Segen Gottes sind, um uns zu helfen, ein vollmenschliches Leben zu führen. Die tägliche Erfahrung zeigt, dass die echte Entwicklung der Person sowohl die indivi-duelle, familiäre und gemeinschaftliche Dimension einschließt als auch die Tätigkeit und die zweckgebundenen Beziehungen, ebenso wie die Öffnung auf die Hoffnung und das grenzenlos Gute hin.“

Maria Theresia strebte nach dem ewig Guten. Im Alter von 11 Jahren notierte sie in ihr Tagebuch: „Die Verfolger der Kirche werden zugrunde gehen, während sie selbst glorreich wieder aufersteht; was wir in diesem sterblichen Leben nicht bekommen, werden wir im Himmel finden, wenn wir mutig bis zum Tod standhaft bleiben.“ Mit 13 Jahren lernte sie ihren Onkel, Kardinal Mieczyslaw Ledóchowski, kennen, der während des Kulturkampfs unter Bismarck für den katholischen Glauben im Gefängnis gesessen hatte. Schon während seiner Gefangenschaft in Ostrowo hatte er ein Gedicht seiner Nichte erhalten und sie zu weiteren dichterischen Versuchen ermutigt. Mit 15 Jahren stellte Maria Theresia eine Monatszeitschrift unter dem Titel „Der Schmetter-ling“ auf die Beine, die in gebildeten Kreisen verbreitet wurde; sie hatte einigen Erfolg damit, musste aber auch Kritik einstecken: Manch einer dachte, eine junge Komtess dürfe sich nicht derart öffentlich exponieren. Mit 16 Jahren begleitete sie ihren Vater auf eine Polenreise. Sie freute sich deswegen besonders darüber, weil sie sich mit ihren Geschwistern große Mühe gegeben hatte, die Muttersprache ihres Vaters zu erlernen. Kurz nach der Reise erkrankte sie an Typhus und musste sechs Wochen lang das Bett hüten.

Ein gemütliches Heim

Da der Graf endgültig in das Land seiner Vorfahren zurückkehren wollte, erwarb er 1882 das Landgut Lipnica Murowana bei Krakau – mit Herrenhaus, diversen Nebengebäuden, Garten, Feldern und Wäldern. Maria Theresia half ihrem Vater bei der Verwaltung des Gutes. Anstelle der schönen Künste wandte sie sich dem Viehhandel, der Bauleitung sowie der Aufsicht über das Personal zu; bald vermochte sie sogar ein Ochsen–gespann zu lenken. Julia arbeitete ebenso mit wie Wladimir während der Schulferien. Sephine verwandelte den Hof in ein gemütliches Heim. Ausflüge in die Welt des Krakauer Adels brachten Abwechslung in die Monotonie des Landlebens. Den Ledóchowskis standen alle Türen offen: Man schätzte die Gesellschaft der jungen Komtessen, die allerdings trotz ihrer Erfolge in der Welt nicht ganz zufrieden waren.

Das lag am tiefen Glauben der beiden Schwestern, den sie ihrer Familie zu verdanken hatten. Papst Franziskus schreibt in seiner ersten Enzyklika: „Der erste Bereich, in dem der Glaube die Stadt der Menschen erleuchtet, findet sich in der Familie. Vor allem denke ich an die dauerhafte Verbindung von Mann und Frau in der Ehe … In der Familie begleitet der Glaube alle Lebensalter, angefangen von der Kindheit: Die Kinder lernen, der Liebe ihrer Eltern zu trauen. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern gemeinsam den Glauben in der Familie praktizieren und so die Reifung des Glaubens der Kinder begleiten“ (Lumen fidei, 5. Juli 2013, Nr. 52-53).

Mit 22 Jahren erkrankte Maria Theresia an Pocken und musste isoliert werden. Für ihre Pflege wurde eine Krankenschwester – eine Nonne – engagiert. Auch Julia stand ungeachtet der Ansteckungsgefahr ihrer Schwester bei. Sie hatte bereits seit Langem den Wunsch gehegt, ins Kloster zu gehen, und sprach nun gern mit der Krankenschwester über ihr Vorhaben. „Ich möchte auch etwas Großes für den lieben Gott tun!“, rief Maria Theresia einmal dazwischen. Sephine sorgte sich indessen wegen der Pockennarben im Gesicht ihrer Tochter und ließ alle Spiegel aus ihrer Nähe entfernen. Trotzdem entdeckte sie eines Tages einen Spiegel an Maria Theresias Bett. Diese erriet die Bestürzung der Mutter: „Das macht nichts, ich weiß seit Langem, dass ich für mein ganzes Leben gezeichnet bin.“ Frau Ledóchowska war von der heroischen Demut ihrer Tochter tief bewegt. Maria Theresia genas, während ihr Vater, der sich ebenfalls angesteckt hatte, kurze Zeit später starb.

Hofdame

Das junge Mädchen wurde Hofdame der Erzherzogin von Toscana in Salzburg. Paradoxerweise vertiefte sich ihr Innenleben inmitten des glanzvollen Lebens am Fürstenhof. Zuvor hatte sie an ihren Onkel, den Kardinal, geschrieben: „Ich weiß wohl, dass die Laufbahn, die ich nun einschlage, ebenso hart und mühsam wird, wie sie nach außen hin glänzt. Doch ich schöpfe Mut aus der Überzeugung, dass Gott mir seinen Beistand nicht versagen wird, solange ich den festen Willen und den ernsthaften Wunsch habe, ihm eine treue Dienerin zu bleiben. Doch damit ich nicht vom rechten Weg abweiche, bin ich mehr denn je auf Deine Gebete angewiesen, lieber Onkel.“ Das luxuriöse und abwechslungsreiche Leben am Hof war durch die vielen Pflichten zugleich auch anstrengend. Maria Theresia begleitete die Erzherzogin nichtsdestoweniger jeden Tag zur Messe und ging jede Woche zur Beichte. Während des Besuchs einiger Franziskaner-Missionarinnen Mariens am Hof wurde sie von deren brennender Begeisterung angesteckt. Am liebsten wäre sie sofort für die Mission in ferne Länder gezogen, doch das war wegen ihrer schwachen Gesundheit unmöglich. Als sie erfuhr, dass eine der Missionarinnen eine ehemalige Hofdame war, die alles aufgegeben hatte, um Leprakranke in Madagaskar zu pflegen, trat sie begeistert dem Dritten Orden der Franziskanerinnen bei.

Eines Tages gab ihr eine Freundin einen Vortrag des Primas von Afrika, Kardinal Lavigerie, über die Sklaverei in Afrika und den Kreuzzug zu ihrer Abschaffung zu lesen; er appellierte an die europäischen Frauen, die die Möglichkeit dazu hatten, öffentlich für dieses Anliegen zu werben. Maria Theresia sah darin einen Ruf Gottes. Sie machte sich alsbald an die Arbeit und schrieb entsprechende Artikel für eine Zeitungkolumne. Sie bekam so viele Briefe und Spenden zur Antwort, dass sie erwog, den Hof zu verlassen, um sich ausschließlich dieser Aufgabe zu widmen. Unter dem Pseudonym Africanus verfasste sie ein Theaterstück mit dem Titel „Zaida, das schwarze Mädchen“ und überreichte es Kardinal Lavigerie. Als sich dieser nach der Identität des Autors erkundigte, antwortete sie: „Seine Lebensumstände verbieten ihm, sich zu erkennen zu geben.“ Der afrikanische Primas blickte sie unverwandt an und sagte: „Dann knien Sie mal nieder, damit ich diesen Africanus segne!“

1891 konnte Maria Theresia den Hof verlassen und wandte sich nunmehr voll und ganz der Mission zu. Während einer Erholungskur wurde sie durch einen Unbekannten angegriffen, konnte sich jedoch nach Anrufung des heiligen Ludwig selbst befreien; danach litt sie ihr ganzes Leben lang unter heftigen Migräneanfällen als Spätfolge des Überfalls. Dessenungeachtet gab sie eine eigene Zeitschrift, das „Echo aus Afrika“, heraus und veröffentlichte Berichte aus der Mission. Sie sammelte Spenden für die Evangelisierung Afrikas und leitete sie weiter. Sie verdiente sich ihre ersten Sporen als Rednerin, um das Werk bekannt zu machen und um Mitarbeit zu werben, und zwar sowohl bei Bischöfen, als auch auf Vortragsreisen quer durch ganz Europa.

Ein kostbares Geschenk

1894  begann Maria Theresia die Gründung einer Schwesternschaft unter dem Namen „Petrus-Claver-Sodalität“ zu planen. Als Papst Leo XIII. sie am 29. April zu einer Audienz empfing, segnete er das Vorhaben. Bald schlossen sich Freiwillige als auswärtige Mitglieder der Schwesternschaft an. Am 13. Juni wohnte Maria Theresia zusammen mit ihrer Schwester Julia, nunmehr Schwester Ursula im Ursulinenkloster von Krakau, der Primiz ihres Bruders Wladimir bei, der seinerseits Jesuit geworden war. 1897 wurden die Konstitutionen ihres Ordens bestätigt, der dem Gebet sowie dem Apostolat für die Mission – mithilfe von Druckerzeugnissen – geweiht war. Der Orden kam ihrer persönlichen Neigung entgegen und sorgte zugleich für die Stabilität und die Hingabe, die das Werk erforderte. Die ersten Mitglieder ließen sich auf dem Gut Maria Sorg in einem abgelegenen Tal bei Salzburg nieder. Maria Theresia wählte Unsere Liebe Frau vom guten Rat zur himmlischen Patronin: „Wir leben in Zeiten der Unruhe und der fieberhaften Geschäftigkeit, in denen man sich viel zu leicht der menschlichen Vorsicht verschreibt … Wir sehnen uns danach, dass das kostbare Geschenk des Heiligen Geistes, das Geschenk des guten Rates, alle unsere Handlungen leiten möge. Ein solches Geschenk indes ist eine Gnade, die uns nur durch Gebet zuteil wird. Und wen könnten wir besser als Mittlerin anrufen als Maria, die Mutter vom guten Rat?“

Das Ordensleben ließ sich allerdings nicht einfach improvisieren; die Gründerin rief drei Missionarinnen Mariens zu Hilfe, die ein Jahr lang die Ausbildung der ersten Schwestern übernahmen. Bald halfen schon zwölf Postulantinnen bei den Feldarbeiten sowie in der Druckerei mit, die die Missionare in Übersee mit Katechismen, Wörterbüchern, Gebetbüchern und allen notwendigen Werken in verschiedenen Eingeborenen–sprachen versorgte. Das Werk fasste bald in mehreren Ländern Fuß: in Deutschland, Österreich, Polen, Italien, der Schweiz, Frankreich, den Vereinigten Staaten. Die Häuser profitierten von den früheren Verbindungen der Gründerin mit der Welt des Adels. Im Jahre 1900 holte der damalige Patriarch von Venedig und spätere Papst Pius X. die Schwesternschaft auch in seine Diözese. 1905 zog das Generalat endgültig nach Rom, in die Nähe von Santa Maria Maggiore, und im selben Jahr ließ sich das Werk auch in England, Portugal und Spanien nieder.

Während des Ersten Weltkriegs schickte Mutter Maria Theresia weiterhin Spenden und ganze Berge von Druckwerken nach Afrika. Ihre unerschöpfliche Energie bezog sie aus dem persönlichen Gebet vor dem Tabernakel: Da schien für sie neben dem Schöpfer und seinem Geschöpf alles andere zu verblassen. Ihre unermüdliche Arbeit kostete sie eine übermenschliche Anstrengung. „Es ist ganz klar, dass der liebe Gott mich auf übernatürliche Art unterstützt, denn mein Gesundheitszustand ist erbärmlich und eigentlich dürfte ich zu nichts fähig sein“, bekannte sie am 17. Mai 1922. Bald darauf wurde sie tatsächlich bettlägerig; ihr Bruder Wladimir besuchte sie jeden Tag. Am Morgen des 6. Juli leuchtete plötzlich ein himmlisches Lächeln auf ihrem Antlitz auf; es schien zu sagen, dass sie es nicht bereute, ein glänzendes, gesichertes Leben für die Mission aufgegeben zu haben. Bald danach gab sie ihre Seele in die Hand Gottes zurück. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatten die Druckereien der „Mutter Afrikas“ bereits 3 000 000 Bücher in 160 Eingeborenensprachen produziert. Heute sind die Missionsschwestern vom heiligen Petrus Claver mit 43 Gemeinschaften in 23 Ländern und auf allen Kontinenten vertreten.

Julia

Wie ihre Schwester Maria Theresia hatte auch Julia eine sorgfältige Erziehung erhalten und konnte so inmitten der Verführungen der Welt ihrem Glauben treu bleiben. Im Bewusstsein dieses Vorzugs weihte sie ihr ganzes Leben der Erziehung der Jugend. Sie hatte die Schönheit und Schwierigkeit dieser Arbeit erkannt, deren wichtige Rolle vom II. Vatikanischen Konzil folgendermaßen zusammengefasst wurde:

„Alle Menschen, gleich welcher Herkunft, welchen Standes und Alters, haben kraft ihrer Personenwürde das unveräußerliche Recht auf eine Erziehung, die ihrem Lebensziel Rechnung trägt … Die wahre Erziehung erstrebt die Bildung der menschlichen Person in Hinordnung auf ihr letztes Ziel, zugleich aber auch auf das Wohl der Gemeinschaften, deren Glied der Mensch ist und an deren Aufgaben er als Erwachsener einmal Anteil erhalten soll … Schön, freilich auch schwer ist darum die Berufung all derer, die als Helfer der Eltern und Vertreter der menschlichen Gesellschaft in den Schulen die Erziehungsaufgabe übernehmen. Ihre Berufung erfordert besondere Gaben des Geistes und des Herzens, eine sehr sorgfältige Vorbereitung und die dauernde Bereitschaft zur Erneuerung und Anpassung“ (Erklärung über die christliche Erziehung, 28. Oktober 1965).

Graf Ledóchowski hatte vor seinem Tod noch dem Eintritt seiner Tochter Julia ins Kloster zugestimmt. Diese schloss sich 1886 im Alter von 21 Jahren den Krakauer Ursulinen an und erhielt den Ordensnamen Schwester Maria Ursula von Jesus. Nach Beendigung ihrer Ausbildung widmete sie sich der Erziehung junger Mädchen und wurde 1904 Oberin; 1905 eröffnete sie das erste Heim für polnische Studentinnen der Jagiellonen-Universität. Mutter Ursula kümmerte sich auch um die Ausbildung von jungen Heimkehrerinnen aus Russland. Bald bat ein katholischer Pfarrer aus Sankt Petersburg um ihre Hilfe, um das vom Untergang bedrohte St. Katharinen-Pensionat zu retten. Sie wurde 1907 von Papst Pius X. offiziell nach Russland entsandt und siedelte mit einigen Schwestern nach Sankt Petersburg über. Da die Regierung von Zar Nikolaus II. keine katholischen Klosterschwestern duldete, traten sie in Russland als weltliche Erzieherinnen auf. Die Gemeinschaft wuchs dennoch weiter und erhielt bald die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit von den Krakauer Ursulinen nach kanonischem Recht.

Die Grauen Ursulinen

1914  wurden Mutter Ursula und ihre Gefährtinnen wegen des Krieges aus Russland vertrieben. Sie flohen nach Stockholm, wo die Mutter die schwedische Zeitschrift „Solglimtar“ (Sonnenstrahl) gründete; Schwedisch war eine der neun Sprachen, die sie fließend beherrschte. Ihr Wirkungsbereich umfasste ganz Skandinavien; sie gründete Patronate, Waisenhäuser, Altenheime und sogar ein Noviziat für die vielen Neuberufenen. 1920 nach Krakau zurückgekehrt, beantragte Mutter Ursula die Anerkennung ihrer Kommunität als eigenständige Kongregation. Benedikt XV. bat sie zunächst, in ihr Mutterkloster zurückzukehren, und sie befolgte seine Bitte. Als er jedoch erfuhr, dass sie von ihrem Bruder beraten wurde, der mittlerweile zum General der Jesuiten gewählt worden war, erlaubte er ihr die Fortsetzung ihres Werkes. Am 23. Juni 1923 wurden die Konstitutionen der neuen „Apostolischen Kongre-gation der Ursulinen von dem Todesangst leidenden Herzen Jesu“ gebilligt, die in Polen einfach „Graue Ursulinen“ hießen. Die Spiritualität der Kongregation konzentrierte sich im Wesentlichen auf die Betrachtung der erlösenden Liebe Christi. Die Schwestern beteiligten sich an der Heilsmission Jesu durch ihre Arbeit in Erziehung und Bildung sowie im Dienste kranker, vernachlässigter und ausgegrenzter Personen, die nach dem Sinn des Lebens suchten. „Seelen retten, sie zu Jesus führen, sie die unendliche Güte seines Herzens spüren lassen, das ist das Ideal, dem wir uns weihen müssen“, so die Gründerin.

Bald darauf berief Papst Pius XI. Mutter Ursula nach Rom, wo sie ein Generalat errichtete. Sie eröffnete Internate und Bildungseinrichtungen für junge Mädchen und engagierte sich aktiv sowohl für junge und alte Leute als auch für Frauen. Papst Johannes-Paul II., der die ehemalige Krakauerin immer zutiefst verehrt hatte, beschrieb ihre Spiritualität so: „Sie schöpfte aus der Liebe zur Eucharistie die nötige Inspiration und Kraft für ihr bedeutendes Evangelisierungswerk. Sie schrieb an die Schwestern: ‚Das Allerheiligste Sakrament ist die Sonne unseres Lebens … Liebt Jesus im Tabernakel! Euer Herz soll stets bei ihm bleiben, auch wenn ihr körperlich bei der Arbeit seid.’ Im Lichte dieser eucharistischen Liebe vermochte die hl. Ursula in allen Dingen ein Zeichen der Zeit zu erkennen, um Gott sowie den Brüdern und Schwestern zu dienen. Sie wusste, dass für den Gläubigen jedes Ereignis, auch das geringste, zur Gelegenheit für die Verwirklichung der Pläne Gottes werden kann. Das Normale wurde durch sie außergewöhnlich; dem Alltäglichen verlieh sie Beständigkeit; das Banale machte sie heilig“ (Predigt vom 18. Mai 2003). Mutter Ursula starb, betreut von ihrem Bruder Wladimir, 1939 in Rom. 1989 wurde ihr unversehrter Leichnam in das Mutterhaus nach Pniewy überführt. Die Grauen Ursulinen zählen heute 786 Schwestern in 14 Ländern und auf 4 Kontinenten.

Auch heute lädt uns die Kirche ein, den Glauben weiterzugeben und uns der Ärmsten anzunehmen. Mögen die Schwestern Ledóchowska für uns die Gnade der Bereitschaft für den Dienst des Herrn erwirken, sie, die sein Gebot „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10,8) so gut in die Praxis umzusetzen wussten!

Dom Antoine Marie osb

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