Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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15. Januar 2014
Hl. Maurus und Placidus, Jünger vom hl. Benedikt


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am 12. Mai 2013 sagte Papst Franziskus bei der Heiligsprechung der Märtyrer von Otranto: „Heute stellt uns die Kirche eine Schar von Märtyrern vor Augen, die gerufen waren, gemeinsam das höchste Zeugnis für das Evangelium abzulegen. Etwa achthundert Menschen, die die Belagerung und Eroberung Otrantos überlebt hatten, wurden in der Nähe jener Stadt enthauptet. Sie weigerten sich, ihren Glauben zu verleugnen, und starben mit dem Bekenntnis des auferstandenen Christus auf den Lippen. Wo fanden sie die Kraft, um treu zu bleiben? Gerade im Glauben, der über die Grenzen unseres menschlichen Blicks hinausführt, der über die Grenzen des irdischen Lebens hinaus den offenen Himmel und den lebendigen Christus zur Rechten des Vaters sehen kann, wie der hl. Stephanus sagt.“

Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts stellte die Eroberungsoffensive des Osmanischen Reichs eine schreckliche Bedrohung für die Christenheit dar. Im 11. Jahrhundert waren seldschukische Türken islamischen Glaubens aus Zentralasien in das Byzantinische Reich eingewandert. Osman vereinigte ab 1299 die türkischen Stämme unter seiner Herrschaft und drang immer weiter nach Westen vor. 1453 marschierten die Türken als Sieger in das „zweite Rom“, Konstantinopel, ein. Der osmanische Sultan Mehmed II. entweihte die Basilika Hagia Sophia und verwandelte sie in eine Moschee. Fortan befanden sich der gesamte christliche Orient sowie ein Teil des Balkans in der Hand der Muslime. Doch der Eroberer gab sich damit nicht zufrieden: Sein Ziel war die Unterwerfung und Bekehrung ganz Europas zum Islam.

Unglückliche Stadt!

1480  schien Mehmed II. der Zeitpunkt für einen Einmarsch nach Italien günstig zu sein, denn das Land war durch innere Kriege verwüstet, in die auch der König von Neapel, Ferdinand von Aragon, verwickelt war. Der Sultan plante eine Offensive in Richtung Apulien im Südosten Italiens – über den Seeweg. Papst Sixtus IV. warnte seine Landsleute vor der türkischen Bedrohung: „Italiener, wenn ihr euch noch Christen nennen wollt, so verteidigt euch!“ Sein Aufruf verhallte ungehört, und Mehmed II. erklärte dem Papst: „Ich werde meine Pferde auf dem Grab des heiligen Petrus Hafer fressen lassen.“ Der heilige Franz von Paola aus Kalabrien hatte mehrmals die bevorstehende türkische Invasion ins Königreich Neapel vorhergesagt. Anfang 1480 rief er in Gegenwart seiner Mitbrüder mit Blick auf Otranto aus: „Unglückliche Stadt, mit wie vielen Leichnamen werden deine Straßen gepflastert sein! Wie viel christliches Blut wird dich überschwemmen!“ Er warnte auch den König von Neapel vor der Gefahr und beschwor ihn, seine Truppen aus der Toskana zurückzurufen, wo sie einen Bruderkrieg für ihn führten. Doch Ferdinand hörte nicht auf den Heiligen und befahl ihm zu schweigen.

Das Kap von Otranto bzw. die Halbinsel von Salento, die „Absatzspitze“ und zugleich östlichster Punkt des italienischen Stiefels, ragt wie ein Wachtposten in die südliche Adria vor, weniger als 100 km von Albanien entfernt, das bereits seit 1478 türkisches Hoheitsgebiet war. In der antiken griechischen Stadt Otranto war wohl der heilige Petrus auf seinem Wege von Antiochien nach Rom an Land gegangen. Die Stadt verblieb lange unter byzantinischer Hoheit. Im Jahre 1095 schifften sich dort 12 000 normannische Kreuzfahrer unter der Führung von Bohemund von Tarent ein, und 1219 wurde dort der heilige Franz von Assisi auf dem Rückweg aus dem Heiligen Land mit allen Ehren empfangen.

Nachdem die osmanische Flotte mit ihren über 150 Schiffen an der Gegenwehr der Johanniterritter von der Insel Rhodos gescheitert war, nahm sie mit 18 000 Soldaten an Bord Kurs auf das Kap von Otranto und erreichte die Küste am 29. Juli 1480. Ihr Ziel war ursprünglich der Hafen von Brindisi, doch widrige Winde zwangen sie, 50 Meilen weiter südlich in Roca bei Otranto an Land zu gehen. Da die dortige Bevölkerung damals nur auf eine Garnison von 400 Männern zählen konnte, rief sie umgehend König Ferdinand zu Hilfe: „Wenn Eure Majestät nicht sofort die notwendigen Maßnahmen ergreift, sind wir in großer Gefahr, eingenommen zu werden; wir werden unsere Pflicht tun, aber unser Tod wäre nicht das Schlimmste: Es ist zu befürchten, dass der Dienst Gottes sowie die Interessen Eurer Majestät Schaden nehmen.“ Ferdinand hatte jedoch keine Truppen verfügbar und konnte nicht vor Ablauf mehrerer Wochen in Otranto eingreifen.

Für Gott und die Heimat

Am 1. August gingen die Türken an Land, ohne auf Widerstand zu stoßen. Die Bewohner der Stadt haben sich im Inneren der Festung verschanzt. Der türkische General Ahmed Pascha schickte einen Abgesandten zu ihnen und bot ihnen eine Kapitulation zu günstigen Bedingungen an: Wenn sie keinen Widerstand leisteten, blieben Männer und Frauen ungeschoren, und es stünde ihnen frei, ob sie bleiben oder gehen wollten. Nach einer lebhaften Diskussion beschlossen die Würdenträger der Stadt einstimmig, „für Gott und die Heimat“ zu kämpfen. Sie wollten weder ihren König verraten, noch den Ungläubigen Zugang nach Italien gewähren. Einer der Stadtältesten, Ladislao De Marco, antwortete dem türkischen Unterhändler: „Wenn der Pascha Otranto will, wird er es gewaltsam einnehmen müssen ...“ Um jedes Missverständnis auszuschließen, ergriff er die Stadtschlüssel und warf sie von einem Turm aus ostentativ ins Meer.

Die türkischen Kanonen ließen einen Kugelhagel über Otranto niedergehen. In der Nacht seilten sich viele Soldaten der neapolitanischen Garnison über die Stadtmauern ab und liefen davon. Die Bewohner mussten ihre Stadt nunmehr allein verteidigen; es war ein ungleicher Kampf. Im Morgengrauen des zweiten Tages schlugen die Angreifer eine Bresche in die Mauern und stürmten vor, wurden jedoch zurückgeschlagen. Auch ein zweiter Angriff blieb erfolglos: Die Bewohner Otrantos gossen kochendes Wasser auf die Türken, die die Mauern erklettern wollten. Doch das pausenlose Bombardement durch die osmanische Artillerie brachte schließlich am 11. August den schwächsten Abschnitt der Befestigung zum Einsturz und machte den Weg für die Angreifer frei. Die Verteidiger kämpften um jeden Zentimeter, wurden jedoch bald überwältigt. Die osmanischen Horden stürmten laut grölend durch die Straßen, plünderten ein Haus nach dem anderen, legten Feuer und ermordeten die Bewohner. Viele Bürger waren in die von wenigen Bewaffneten verzweifelt verteidigte Kathedrale geflohen und hatten sich dort verbarrikadiert. Der betagte Erzbischof Stefano Pendinelli teilte ein letztes Mal das Brot des Lebens an die Gläubigen aus; danach wurden sie von einem Dominikaner namens Fra Fruttuoso ermahnt, sich christlich auf den Märtyrertod vorzubereiten. Die Worte des Dominikaners wurden vom Geräusch der unter den Schlägen der Rammböcke berstenden Tür unterbrochen. Die Angreifer brachten den Dominikaner endgültig zum Schweigen und stürzten auf den Bischof zu. Ahmed Pascha fragte ihn, wer er sei: „Ich bin der unwürdige Hirte dieser Christenherde.“ Einer der Türken forderte ihn auf, den Namen Christi nicht noch einmal zu erwähnen, nur noch den Namen Mohammeds. Der Erzbischof wiederum riet dem Anführer der Türken, sich zu bekehren, wolle er nicht vom Gericht Gottes wegen Gottlosigkeit verurteilt werden. Der Pascha geriet außer sich und befahl die Enthauptung des Bischofs. Das war das Signal zum allgemeinen Morden. Das Blut der Christen tränkte den Boden der entweihten Kathedrale.

Nach drei Tagen unterbrach Ahmed Pascha das Morden und befahl den Soldaten, alle gesunden Männer über 15 Jahren zusammenzutreiben. Ungefähr 800 Männer (einer Überlieferung nach genau 813) wurden vor den Anführer der Osmanen geführt. Neben ihm stand ein abtrünniger Priester aus Kalabrien und übersetzte seine Worte: „Der Sieg der Muslime beweist, dass Mohammed mächtiger ist als Christus. Wenn ihr euch zum Islam bekehrt, bleibt euer Leben verschont, und ihr dürft euer Hab und Gut behalten; wenn nicht, werdet ihr alle getötet.“

Ein tapferer Schneider

Da stand ein älterer Schneider namens Antonio Primaldo auf und richtete folgende Worte an seine Gefährten: „Brüder, wir haben gehört, zu welchem Preis man uns eine Verlängerung dieses elenden Lebens anbietet. Bis heute kämpften wir für unser Vaterland, für unser Leben und für unsere irdischen Herrscher. Jetzt ist die Zeit gekommen, für die Rettung unserer vom Herrn erlösten Seelen zu kämpfen. Da er für uns am Kreuz gestorben ist, müssen wir nun ebenfalls für ihn sterben ... Durch unseren irdischen Tod werden wir den Ruhm eines Märtyrers und das ewige Leben gewinnen.“ Alle antworteten mit einer Stimme und voller Inbrunst, sie wollten tausendmal lieber gleich welchen Todes sterben als Christus zu verleugnen, und sie sprachen sich gegenseitig Mut zu.

Der Anführer der Türken versprach den Gefangenen noch einmal, sie würden ihre Frauen, ihre Kinder, all ihr Hab und Gut wiederbekommen, wenn sie die Shahada nachsprächen, die rituelle Formel, durch die man sich zum Islam bekennt: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet.“ Primaldo weigerte sich und erneuerte sein Treuebekenntnis zu Christus, das von der Menge in der Gewissheit der Gottheit Jesu Christi begeistert aufgegriffen wurde: Es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der den Menschen gegeben wäre, dass wir in ihm sollten gerettet werden (Apg 4,12).

Jesus Christus ist in der Tat der einzige Erlöser der Menschen, wie die Kongregation für die Glaubenslehre in einem vom seligen Johannes-Paul II. gebilligten Dokument erklärt: „ ... er allein – als menschgewordener, gekreuzigter und auferstandener Sohn Gottes – [hat] durch die Sendung, die er vom Vater erhalten hat, und in der Kraft des Heiligen Geistes das Ziel ..., der ganzen Menschheit und jedem Menschen die Offenbarung und das göttliche Leben zu schenken. In diesem Sinn kann und muss man sagen, dass Jesus Christus für das Menschengeschlecht und seine Geschichte eine herausragende und einmalige, nur ihm eigene, ausschließliche, universale und absolute Bedeutung und Wichtigkeit hat. Jesus ist nämlich das Wort Gottes, das für das Heil aller Mensch geworden ist. Das II. Vatikanische Konzil greift dieses Glaubensbewusstsein auf und lehrt: ‚Gottes Wort, durch das alles geschaffen ist, ist selbst Fleisch geworden, um in vollkommenem Menschsein alle zu retten und das All zusammenzufassen. Der Herr ist das Ziel der menschlichen Geschichte, der Punkt auf den hin alle Bestrebungen der Geschichte und der Kultur konvergieren, der Mittelpunkt der Menschheit, die Freude aller Herzen und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Ihn hat der Vater von den Toten auferweckt, erhöht und zu seiner Rechten gesetzt; ihn hat er zum Richter der Lebendigen und Toten bestellt’ (Gaudium et spes, 45). Gerade diese Einzigartigkeit Christi ist es, die ihm eine absolute und universale Bedeutung verleiht, durch die er, obwohl selbst Teil der Geschichte, Mitte und Ziel der Geschichte selbst ist: Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der letzte, der Anfang und das Ende (Offb 22,13)“ (Erklärung Dominus Jesus, 6. August 2000, Nr. 15).

Ahmed Pascha war so verärgert, dass er die 800 Gefangenen zum Tode verurteilte. Sie wurden am Morgen des 14. August aneinandergefesselt zum nahegelegenen Minerva-Hügel geführt. Der abtrünnige Priester strich dabei ständig um sie herum und hielt ihnen eine Tafel hin, auf der die Shahada in lateinischen Buchstaben aufgeschrieben war: „Sprecht diesen einfachen Satz nach, und euer Leben ist gerettet.“ Doch die Todeskandidaten beteten zu Jesus und Maria und erklärten sich bereit zu sterben. Als Erster sollte Antonio Primaldo hingerichtet werden. Bevor der alte Mann sein Haupt auf den Richtblock legte, ermahnte er seine Gefährten, im Glauben standhaft zu bleiben und zum Himmel emporzublicken, der auf sie wartet. Diese Zuversicht entsprang seiner Glaubensgewissheit:

„Der Glaube ist gewiss, gewisser als jede menschliche Erkenntnis, denn er gründet auf dem Wort Gottes, das nicht lügen kann. Zwar können die geoffenbarten Wahrheiten der menschlichen Vernunft und Erfahrung dunkel erscheinen, aber die Gewissheit durch das göttliche Licht ist größer als die Gewissheit durch das Licht der natürlichen Vernunft” (Katechismus der Katholischen Kirche 157).

Sichere Zeichen

Nachdem Primaldo durch einen Säbelhieb enthauptet worden war, setzte er sich zur allgemeinen Verblüffung aufrecht hin. Sein kopfloser Leib blieb trotz aller Bemühungen der Henker, ihn umzustoßen, bis zum Ende der Hinrichtungen sitzen. Angesichts dieses Wunders bekehrte sich einer der Henker, Berlabei, auf der Stelle zum Christentum. Seine Bekehrung illustriert die Aussage des Katechismus der Katholischen Kirche, wonach „die Wunder Christi und der Heiligen, die Weissagungen, die Ausbreitung und Heiligkeit der Kirche, ihre Fruchtbarkeit und ihr Fortbestehen ganz sichere und dem Erkenntnisvermögen aller angepasste Zeichen der göttlichen Offenbarung” sind (Katechismus 156). Der Neubekehrte wurde umgehend zum Tod durch Pfählen verurteilt und so in seinem Blut getauft. Vier Augenzeugen (damals noch Kinder bzw. Heranwachsende) bestätigten beim Seligsprechung–sprozess im Jahre 1539 sowohl das Wunder des enthaupteten, aufrecht sitzenden Leichnams von Antonio Primaldo als auch die Bekehrung Berlabeis. Der blutgetränkte Minerva-Hügel wurde fortan „Märtyrer-Hügel“ genannt, und die Paulaner gründeten bald ein Kloster dort.

Der Fall Otrantos und die Ermordung eines großen Teils seiner Bevölkerung versetzten Italien und das ganze christliche Abendland in Angst und Schrecken. Papst Sixtus IV. erwog sogar, aus dem bedrohten Rom zu fliehen, und rief zu einem Kreuzzug auf; die italienischen Fürsten und der französische König stellten erschrocken ihre Feindseligkeiten ein. König Ferdinand schloss innerhalb weniger Tage Frieden mit Lorenzo de? Medici, und ein Kreuzzug aus vielen europäischen Völkern machte sich unverzüglich auf den Weg nach Otranto, angeführt von Alfonso von Kalabrien, dem Sohn des Königs von Neapel. Inzwischen hatten die Türken die Stadtbe-festigung wieder repariert. Die Kreuzzügler verharrten den ganzen Winter über auf der Stelle, während die Muslime – in Erwartung einer Großoffensive im Frühling – sich über den Seeweg mit Lebensmitteln und Munition eindeckten. Am 3. Mai 1481 starb jedoch Sultan Mehmed II. völlig unerwartet; der Machtkampf zwischen seinen Söhnen lenkte die Aufmerksamkeit der Osmanen von Italien ab. So konnte Alfonso von Kalabrien am 10. September 1481 nach dreimonatiger Belagerung als Befreier in die Stadt Otranto einziehen. Der Herzog hatte auf einen Angriff, der zu einem großen Blutvergießen geführt hätte, verzichtet; die türkischen Besetzer kapitulierten schließlich gegen freies Geleit und durften sich auf ihre Kriegsschiffe zurückziehen, nachdem sie alle christlichen Gefangenen freigelassen hatten, die sie ursprünglich als Sklaven mitnehmen wollten.

Ein rettender Widerstand

Bei ihrer Ankunft vor Otranto hatten die Kreuzfahrer die ein Jahr lang unbegraben gebliebenen Leichname der Märtyrer unversehrt vorgefunden. Alfonso ließ sie zunächst provisorisch beerdigen. Am 13. Oktober wurde dann ein Großteil der Reliquien in die Kathedrale von Otranto überführt; am Marien-altar steht heute noch ein Ossuarium mit den Überresten von 560 Männern; die restlichen Reliquien kamen nach Neapel. Die Bilanz der Tragödie war verheerend: Von den 22 000 Einwohnern Otrantos waren 12 000 während bzw. nach der Belagerung gestorben; 813 Männer (die vor Kurzem heiliggesprochenen Märtyrer) wurden enthauptet, viele der übrigen Bewohner als Sklaven entführt; nur ein geringer Anteil konnte dem Tod bzw. der Sklaverei entgehen. Gleichwohl hatten der zweiwöchige Widerstand der belagerten Stadt und das Opfer ihrer Märtyrer ganz Italien gerettet, denn sie verschafften den christlichen Fürsten Zeit, sich zu besinnen und den befreienden Feldzug zu organisieren. Die damaligen Geschichtsschreiber behaupteten ganz zu Recht, der Widerstand Otrantos habe die Rettung Süditaliens und vielleicht sogar Roms ermöglicht.

Bis heute wurden unzählige Wunder durch die Anrufung der – mit Ausnahme von Primaldo namenlosen – Märtyrer von Otranto bzw. durch ihre heiligen Reliquien bewirkt. Am 4. August 1980 reiste der selige Johannes-Paul II. zum 500. Jahrestag der Tragödie nach Otranto, um die Märtyrer zu ehren. Bei seiner Begegnung mit der Jugend sagte er: „Ihr bewahrt ein kostbares Erbe in eurem Herzen: das bewundernswerte Vorbild jener Bewohner Otrantos, die am 14. August 1480 lieber ihr Leben geopfert haben als sich vom Christentum loszusagen. Das ist eine leuchtende und ehrenvolle Seite in der zivilen und religiösen Geschichte Italiens, speziell aber in der Geschichte der Kirche ... Die Kirche muss über Jahrhunderte hinweg einen Tribut an Leiden und Verfolgung entrichten, um die Treue zu ihrem Gemahl, Christus, den Gottmenschen, den Erlöser und Befreier des Menschen, rein und unversehrt zu bewahren ... Ihr seid die Nachkommen dieser edlen und starken Menschen, die nach der mutigen Verteidigung ihrer geliebten Heimatstadt in ebenso erhabener Weise den Glaubensschatz verteidigen konnten, der ihnen bei der Taufe übergeben worden war ... Lebten diese Männer in einer illusionären, zeitfremden Welt? Nein, liebe Jugendlichen! Sie waren echte Männer, die zusammenhielten. Es gab unter ihnen Jugendliche, die, wie ihr, leben, glücklich sein, lieben wollten. Doch sie haben sich klar und bewusst entschieden: für Christus! Angesichts der modernen Ideologien, die den Atheismus in Theorie und Praxis rühmen und predigen, frage ich euch: Seid ihr bereit, die Worte der seligen Märtyrer nachzusprechen: ‚Wir wollen lieber für Jesus Christus sterben als Ihn zu verleugnen?’... Die Bereitschaft, für Christus zu sterben, beinhaltet die Verpflichtung, die Erfordernisse des christlichen Lebens großmütig und bewusst zu akzeptieren, d.h. für Christus zu leben.“

Beim Seligsprechungsprozess auf Diözesanebene 1539 konnten zehn Augenzeugen befragt werden. Auf ihr Zeugnis gehen die uns bekannten Einzelheiten zurück, insbesondere in Bezug auf die tragende Rolle Antonio Primaldos. Die Verehrung der achthundert Märtyrer „seit jeher“ wurde 1771 vom Heiligen Stuhl bestätigt, was einer Seligsprechung entsprach. Für ihre Heiligsprechung wurde 2012 von Papst Benedikt XVI. die Echtheit eines Wunders anerkannt. Es handelte sich um die plötzliche, medizinisch unerklärbare Heilung der italienischen Nonne Francesca Levote, die an fortgeschrittenem, unheilbarem Krebs gelitten hatte; das Wunder war 1980 auf Bitten der Kranken und durch die Fürsprache der Märtyrer von Otranto vom Herrn bewirkt worden.

Gegen den Strom schwimmen

Am 23. Juni 2013 richtete Papst Franziskus folgende Worte an die Gläubigen: „In zweitausend Jahren gab es eine immense Schar von Männern und Frauen, die das Leben geopfert haben, um Jesus Christus und seinem Evangelium treu zu bleiben. Und heute gibt es viele, ganz viele in zahlreichen Teilen der Welt – mehr als in den ersten Jahrhunderten – viele Märtyrer, die ihr Leben für Christus hingeben, die den Tod auf sich nehmen, um Jesus Christus nicht zu verleugnen. Das ist unsere Kirche ... Doch es gibt da auch das alltägliche Martyrium, das nicht den Tod mit sich bringt, doch auch ein ‚Verlieren des Lebens’ für Christus ist, indem man seine Pflicht mit Liebe tut, entsprechend der Logik Jesu, der Logik des Geschenks, des Opfers ... Alltägliche Märtyrer, Märtyrer des Alltags! Und dann gibt es viele Menschen, Christen und Nichtchristen, die ihr Leben für die Wahrheit verlieren.“ Zum Schluss wandte sich der Papst an die Jugend: „Habt keine Angst, gegen den Strom zu schwimmen, wenn sie uns die Hoffnung rauben wollen, wenn sie uns diese Werte vorschlagen, die verdorben sind. Vorwärts, seid mutig und schwimmt gegen den Strom!“

Bitten wir Gott durch die Fürsprache der Märtyrer von Otranto um die Gnade, Jesus Christus treu bleiben zu können im „Martyrium des Alltags“ – wenn es sein muss, bis hin zum Blutzeugnis. So werden wir eines Tages den offenen Himmel und Christus zur Rechten des Vaters schauen können.

Dom Antoine Marie osb

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