Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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6. November 2013
Hl. Leonhard


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

September 1903. Pater Daniel Brottier, 27 Jahre jung, schreibt an Monsignore Le Roy, den Generalsuperior der Missionsgesellschaft vom Heiligen Geist: „Das Missionarsleben habe ich bereits als Zwölfjähriger als das Leben eines Mannes betrachtet, der sich für das Heil der Seelen als Opfer darbringen will: gleichviel, ob schnell oder scheibchenweise. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich für die erste Möglichkeit. Damit meine ich, Monsignore, dass mein Kopf nicht allzu fest auf den Schultern sitzt. Ich habe gute Gründe dafür. Ich möchte nicht anmaßend sein, aber wenn Sie einen gefährlicheren Posten hätten, sage ich Ihnen schlicht und einfach: Hier bin ich.“ Die letzten Worte lassen die Einstellung des jungen Missionars erkennen. Sie ist eine Antwort der Liebe auf den Ruf der Liebe, der vom Kreuz ausgeht: Mich dürstet!, eine absolute, freudige Hingabe, eine Liebe bis ans Ende.

Daniel Brottier wurde am 7. September 1876 als zweites Kind einer einfachen, tiefgläubigen Familie in Ferté-Saint-Cyr bei Orléans an der Loire geboren. Er war von lebendigem Verstand, rechtem Urteil und liebendem Herzen, doch dabei auch ein mutwilliger, ausgelassener Junge, der keinem Streit aus dem Wege ging. Mit fünf Jahren erklärte er seiner Mutter, er werde Papst. „Da musst du zuerst Priester werden“, erwiderte sie. – „Dann werde ich eben Priester!“ In der Schule gehörte Daniel zu den Klassenbesten. Am 11. April 1887 empfing er mit 11 Jahren die Erstkommunion: Diese erste persönliche Begegnung mit Jesus prägte ihn nachhaltig, und er fühlte sich in seiner Berufung zum Priesteramt bestätigt. „Der Himmel ist ein Erstkommunionstag, der nie zu Ende geht!“, schrieb er später einmal. Im folgenden Oktober kam der Junge auf die bischöfliche Schule von Blois, wo er aufgrund seiner Fröhlichkeit und seiner Tatkraft, aber auch aufgrund seiner Marienfrömmigkeit sehr beliebt war. Bereits damals dachte er daran, Missionar zu werden. Am 8. Dezember 1892 durfte er beim Übertritt auf das Priesterseminar die Soutane anlegen. Obwohl er oft unter heftigen Kopfschmerzen litt, ließ er sich nicht beirren und setzte sein Studium fort. Nach seiner Priesterweihe am 22. Oktober 1899 wurde er an das Collège von Pontlevoy entsandt. „Sie sind der geborene Erzieher“, versicherte sein Bischof. Abbé Brottier kam bei den Jugendlichen sehr gut an. Doch seine Berufung zum Missionar ließ ihm keine Ruhe.

Auf den Rat seines Beichtvaters hin bewarb er sich 1901 um Aufnahme in die Missionsgesellschaft vom Heiligen Geist, die sich vor allem in Schwarzafrika engagierte. „Ich kann es kaum erwarten, mein Leben und mein Blut für die Verbreitung der Guten Nachricht darzubringen ... Diese Sehnsucht nach dem Märtyrertod ist gewiss ehrgeizig; doch ohne sie kann man, wie mir scheint, kein richtiger Missionar sein“, schrieb er. Gegen seine Berufung gab es reichlich Widerstand: sowohl von seinem Bischof, der keinen derart beliebten Geistlichen verlieren wollte, als auch von seiner Familie. „Wenn das irdische Glück das Ziel all unserer Bestrebungen wäre, dann wäre mein Plan unsinnig“, schrieb er an seinen Bruder. „Doch die Opfer, die wir jetzt bringen, sind die Saat für unseren Ruhm und unser Glück im Himmel, und darauf kommt es in erster Linie an. Das soll nicht heißen, dass man unter diesen Opfern nicht leidet; aber wenn der liebe Gott ruft, muss man springen, koste es, was es wolle. Gott weiß, was mich das gekostet hat und noch kosten wird. Doch das wäre nichts, wenn ich nicht allen, die ich liebe, vor allem unseren lieben Eltern, ebenfalls Leid bereiten müsste.“

Die Flut der Gottlosigkeit eindämmen

Daniel wurde im September 1902 in das Noviziat aufgenommen. Nach seiner Profess im November 1903 bekam er seinen Einsatzort mitgeteilt: Zu seiner Enttäuschung war es nicht der Busch, sondern eine Pfarrgemeinde in Saint-Louis im Senegal. Er gewöhnte sich dort rasch an das Klima und an die Einwohner. Damals war gerade das sogenannte Combes-Gesetz verabschiedet worden, das die Laisierung katholischer Schulen und den Ausschluss von Ordensgeistlichen aus der Lehrerschaft verfügte. Im Auftrag des leitenden Pfarrers der Gemeinde, Pater Jalabert, sollte sich Pater Brottier um die Rettung der Jugendlichen bemühen. Er setzte sich mit großem Eifer in der Jugendarbeit ein und organisierte daneben auch Vorträge zu religiösen Themen für Erwachsene. „Das Gute ist schwierig, aber wir kommen immerhin voran“, schrieb er. „Ist es nicht unsere Aufgabe, die Flut der Gottlosigkeit einzudämmen, die die Jugend zu verschlingen droht?“ 1911 erlitt Pater Brottier eine Knie- und Kopfverletzung, die ihn monatelang auf Pflege angewiesen sein ließ und seine Kopfschmerzen so unerträglich machte, dass die Ärzte ihm zu einer Rückkehr nach Frankreich rieten. Er sah Afrika nie wieder, engagierte sich jedoch bis zu seinem Tode im Jahre 1936 weiter für den Kontinent: Auf Bitten seines ehemaligen Pfarrers, Mgr. Jalabert, der inzwischen zum Bischof von Dakar ernannt worden war, sammelte er Spenden für das Hilfswerk Souvenir Africain zur Errichtung einer Kathedrale in Dakar.

Das Glückskind unter den Geistlichen

Am 2. August 1914 kam es zur Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich. Daniel Brottier meldete sich freiwillig für den Dienst in der Militärseelsorge und wurde ein vorbildlicher Militärpfarrer: In den vier Kriegsjahren war er stets an vorderster Front zu finden und stand dort französischen wie deutschen Verletzten und Sterbenden bei. Daneben führte er einen regen Briefwechsel und betreute auf diesem Wege Kriegerwitwen und Mütter, die ihren Sohn verloren hatten. In seiner Freizeit spielte er gern Karten mit den Offizieren und Soldaten, denn er sah darin einen Weg, die Leute in ihrem Herzen und in ihrer Seele zu erreichen. Zum Osterfest 1915 gelang es ihm, eine ganze Kompanie – Offiziere wie Soldaten – zur Beichte zu bewegen. Am Vorabend einer von vornherein zum Scheitern verurteilten Offensive begab er sich einmal auf eigene Faust zum Führungsstab, überzeugte die Offiziere von der Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens und rettete so Hunderte von Menschenleben. Seine Haltung war eine große Stütze für die Moral der Soldaten. „Und dennoch habe ich genauso Angst wie jeder andere!“, versicherte er. Da er offenkundig unter einem besonderen Schutz des Himmels stand – er hätte hundertmal umkommen können – nannte man ihn das „Glückskind unter den Geistlichen“; er kehrte mit vielen Auszeichnungen aus dem Krieg zurück. Bischof Jalabert erklärte später, er habe sein Foto in ein doppelt gefaltetes Bild von Schwester Therese vom Kinde Jesus gesteckt und „Behüte meinen Pater Brottier, ich brauche ihn“ darauf geschrieben. Der Pater selbst verehrte seine Beschützerin mit besonderer Inbrunst. „Wenn sie seliggesprochen wird, verspreche ich, dass ich ihr eine schöne Kapelle errichten werde“, erklärte er voller Dankbarkeit.

Nach dem Krieg begann erneut Pater Brottier für den Bau der Kathedrale von Dakar zu sammeln, was aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation nicht einfach war. In diesen Jahren kam er sich oft unnütz und unfruchtbar vor; seine Kopfschmerzen wurden wieder stärker, und er durchlebte eine innere Läuterung, während der die kleine Therese sein Vorbild und seine Stütze war.

1923 wurde Pater Brottier zum Leiter des Waisenwerkes Oeuvre d’Auteuil in Paris berufen. Das 1866 von Abbé Roussel gegründete Werk hatte anfänglich alle vier Monate eine neue Gruppe von Kindern von der Straße geholt und auf die Erstkommunion vorbereitet. Nach und nach war eine humanitäre Dimension hinzugekommen: eine Berufsausbildung für die Waisenkinder. 1895 übernahm die Kongregation des heiligen Vinzenz von Paul das Werk und führte es auch während des Krieges fort; die Spenden gingen allerdings so zurück, dass man eine Schließung erwog. Als der Pariser Kardinal Dubois 1923 den Spiritanern die Rücknahme des Heimes anbot, entsandte deren Generalsuperior, Mgr. Le Hunsec, Pater Brottier nach Auteuil. Dieser übernahm am 19. November die Leitung des Werkes, das damals 175 Lehrlinge zählte. Zwei Tage danach beschloss er, das Versprechen an seine Beschützerin während der Kriegstage einzulösen und ihr an diesem Ort eine Kapelle zu errichten – anstelle der in einer Werkshalle eingerichteten Behelfskapelle. Der Pater besass keinen Heller, doch er teilte das blinde Vertrauen der kleinen Therese, die das Werk übrigens über den Vater ihrer Novizin Marie de la Trinité, einen engen Mitarbeiter Abbé Roussels, auch selbst gekannt hatte.

Ihre kleine Mutter

Die Waisen wurden zu einer Gebetsnovene eingela den, und der Pater setzte seine Beschützerin richtig unter Druck: „Ich habe in Zusammenhang mit unserer Kapelle eine Audienz beim Kardinal beantragt. Wenn dir etwas an unserem Projekt liegt, so schick mir ein Zeichen: Ich möchte noch vor diesem Besuch 10000 Franc bekommen. Sonst gebe ich den Plan auf.“ Die Novene ging zu Ende, und die Stunde der Audienz rückte näher. Nichts. Doch in dem Moment, als der Pater ins Taxi stieg, um zum Erzbischof zu fahren, wurde ihm ein Umschlag mit dem gewünschten Betrag überreicht! Der Kardinal billigte den Kapellenbau, wandte jedoch ein: „Meinen Sie nicht, dass für die Jungen ein junger männlicher Heiliger besser geeignet wäre als eine kleine Heilige?“ – „Nein, Eminenz: Diese Kinder haben in ihrer frühesten Kindheit keine Mutterliebe erfahren und fühlen eine große Leere in ihrem Herzen; sie werden es sicherlich bald an diese junge Heilige hängen, der sie alles verdanken. Sie wird ihre kleine Mutter sein.“

Am 8. Dezember 1923 wurde eine Spendenaktion gestartet: Die Spenden sprudelten reichlich, oft auch anonym. Bereits 1925, dem Jahr von Thereses Heiligsprechung, waren die Bauarbeiten soweit fortgeschritten, dass Generalsuperior Le Hunsec zu Weihnachten eine erste Pontifikalmesse in der Kapelle feiern konnte. Am 5. Oktober 1930 schließlich wurde das Gebäude von Kardinal Verdier eingeweiht. Den Pater ließ trotz aller Freude die Sorge um das Schicksal der Waisen nicht zur Ruhe kommen. Die Räume mussten erweitert werden, um möglichst viele Kinder vor den Gefahren der Straße, vor physischem und moralischem Elend bewahren zu können. „Diese Kinder sind meine kleinen Wilden!“, pflegte er zu sagen. Er wollte sie zu Gott führen und litt sehr darunter, dass er sie nicht alle aufnehmen konnte: „Sehen Sie, ich musste heute schon wieder zehn Waisen ablehnen; ich weiß nicht, wo ich sie unterbringen soll.“ Er ging betteln und konnte so in vier Jahren die Aufnahmekapazität des Heimes verdoppeln. Bei seinem Tod 1936 gab es 1475 Lehrlinge. Da er sie nicht alle in Auteuil beherbergen konnte, erfand er das sogenannte „Zuhause auf dem Lande“: Er vertraute die Kinder zuverlässigen Bauernfamilien an und brachte ihnen so nebenbei die Freude am Landleben nahe. Im März 1932 wurden Mgr. Le Hunsec und Pater Brottier von Papst Pius XI. zu einer Audienz empfangen; der Papst segnete den Pater: „Wir müssen die wohltätigen Einrichtungen für unsere lieben Kinder ausbauen“, sagte er und überreichte eine namhafte Spende, die die Ausbreitung des Hilfswerks in die Provinz anstieß: Fortan wurden jedes Jahr ein oder zwei Häuser eröffnet. Trotz der damaligen schwierigen sozialen Situation konnte der Pater viele großherzige Spenden verbuchen.

Der Blitzableiter

Pater Brottier verlor auch das wichtige Anliegen der Erstkommunion nicht aus den Augen. „Das ist der Blitzableiter unseres Hauses. Gott kann keinem Haus etwas antun, das so viele arme Kinderseelen rettet“, pflegte er zu sagen. Während der Kommunions-vorbereitung wurden die Kinder unentgeltlich beherbergt und ernährt; als Gegenleistung sollten sie lediglich für die Waisen beten. Letztere waren männliche Heranwachsende zwischen 13 und 18 Jahren, oft ohne jegliche Erziehung und Bildung, meistens auch ohne Glauben; es mussten also viele Vorurteile ausgeräumt und viele rebellische Regungen bewältigt werden. Der Pater versuchte Vertrauen aufzubauen, mit Milde und Entschlossenheit, weder übertrieben streng, noch zu nachgiebig. Bei der Bekanntgabe der Noten pflegte er die Lehrlinge mit Lob und Tadel zu bedenken. War einmal eine strenge Rüge nötig, wurde sie mit ermutigenden Worten begleitet; der Pater zeigte sich stets zuversichtlich; die Kinder liebten und verehrten ihn. Er lehrte sie, auf ihre Seelenreinheit zu achten und ihr Gewissen rasch von jeder Todsünde zu befreien.

Im Interesse seines Werkes entfaltete Pater Brottier eine rege Publikationstätigkeit. Neben dem Mitteilungsblatt L’Oeuvre du souvenir africain sowie dem Courrier d’Auteuil gab er die Illustrierte La France illustrée sowie die Jugendzeitschriften Missions und L’Ami des jeunes heraus. Er pflegte als Erster zum Morgengebet in der Kapelle zu erscheinen, noch bevor er die Messe las; den Rest des Tages verbrachte er in seinem Büro mit dem Schreiben von Artikeln und Briefen (zuweilen waren es an die hundert) sowie mit der Beratung von Jugendlichen und Menschen in Not, die er wieder auf den rechten Weg lenkte. Zu Letzteren gehörte auch Louis Delage, ein Großindustrieller aus der Automobil–branche, der viele Jahre in Saus und Braus gelebt und nie erwogen hatte, ein christliches Leben zu führen. Als sein Haus 1934 von einer finanziellen Katastrophe heimgesucht wurde, verfiel er in tiefe Mutlosigkeit. Auf Anraten eines Freundes suchte er Pater Brottier auf, und die halbstündige Begegnung verwandelte ihn in einen wahren Christen. „Als ich ihn verließ“, berichtete Louis Delage, „ergriff der Pater meine Hände und sagte: ‚Haben Sie Vertrauen, kämpfen Sie weiter. Ich weiß nicht, ob Ihr Haus gerettet wird; aber sagen Sie sich, dass der Wille des lieben Gott stets zu Ihrem Besten ist. Und jedes Mal, wenn Sie ihre Kräfte schwinden fühlen, wenn Ihre Gedanken um Ihre vermeintlichen Fehler zu kreisen beginnen, halten Sie ein und beten Sie aus ganzem Herzen ein „Vaterunser“. Vertrauen Sie auf Ihn.’ Und ich, der ich der Kirche so fernstand, habe ohne das geringste Bedauern allen Beziehungen und mondänen Anlässen Lebewohl gesagt; und wenn ich eine Wallfahrt nach Chartres, Lisieux oder Lourdes mache, bin ich glücklich wie niemals zuvor ... Dieses Gefühl der Freiheit und des Wohlbefindens führe ich auf den Zuspruch Pater Brottiers zurück; ich kann nun sagen: Ich habe zwar ein großes Vermögen verloren, aber ein viel größeres gefunden: den Glauben!“

„Gott hat es offenbart ...“

Im Herzen Pater Brottiers herrschte ein vollkommener Glaube – ohne Zaudern, schlicht und fest: Er war bereit, sein Leben dafür zu opfern. Quelle seines Glaubens waren die unendliche Wahrhaftigkeit Gottes und Christi sowie die Beständigkeit und Unfehlbarkeit der Kirche. „Wer sind wir“, fragte er, „dass wir mit Gott hadern? Können wir uns nicht einfach demütig fügen, wenn Gott etwas offenbart hat?“

„Nur durch die Gnade und den inneren Beistand des Heiligen Geistes ist man imstande, zu glauben“, mahnt uns der Katechismus der Katholischen Kirche. „Und doch ist Glauben ein wahrhaft menschlicher Akt. Es widerspricht weder der Freiheit noch dem Verstand des Menschen, Gott Vertrauen zu schenken und den von ihm geoffenbarten Wahrheiten zuzustimmen. Schon in den menschlichen Beziehungen verstößt es nicht gegen unsere Würde, das, was andere Menschen uns über sich selbst und ihre Absichten sagen, zu glauben, ihren Versprechen Vertrauen zu schenken (z. B. wenn ein Mann und eine Frau heiraten) und so mit ihnen in Gemeinschaft zu treten. Folglich verstößt es erst recht nicht gegen unsere Würde, dem offenbarenden Gott im Glauben vollen Gehorsam des Verstandes und des Willens zu leisten“ (Katechismus 154).

In diesem Jahr des Glaubens, das im Oktober 2012 begonnen hat und noch bis zum Christkönigsfest am 24. November 2013 dauert, lädt uns die Kirche ein, den Katechismus der Katholischen Kirche wieder zu lesen und zu reflektieren; er liegt mittlerweile auch in einer von Benedikt XVI. zu Beginn seines Pontifikats 2005 publizierten kürzeren Ausgabe (dem Kompendium) vor. Beide Werke sind wertvolle Ratgeber, wenn es darum geht, den Glauben zu vertiefen und aus ihm heraus zu leben. Ein weiteres Dokument, auf das man sich besinnen sollte, ist das Glaubensbekenntnis von Paul VI.: Es kommentiert das Credo in präziser Sprache und antwortet indirekt auch auf heute noch verbreitete Irrtümer.

Pater Brottier konnten die Irrlehren des Moder-nismus, der großen Häresie, die in den ersten Jahren seiner Priesterschaft die Kirche heimgesucht hatte, nie erreichen. Er klagte offen über „jene selbsternannten Doktoren, die auf dem Gebiet des Glaubens mehr wissen wollen als der Papst“, und setzte grenzenloses Vertrauen in die göttliche Vorsehung: „Man darf nicht an ihr zweifeln. Beten und handeln: Damit kann man Berge versetzen.“ Ebenso fest verankert in ihm war die Lehre von der Gemeinschaft der Heiligen: „Glaubt mir, die Lebenden werden von den Toten geleitet. Wir glauben, dass wir ganz allein zurechtkommen, und werden in Wirklichkeit doch von den vielen Fürsprechern und Freunden geführt, die wir im Himmel haben. Ich habe meine Werbeaktionen stets den Seelen im Fegefeuer anvertraut und habe es nie bereut. Ihr wisst, dass unsere Toten lediglich unsichtbar sind: Sie bleiben uns ganz nah, und zu gegebener Zeit, wenn der Vorhang fällt, werden wir uns für immer wiederfinden.“

Verlieren wir keine Zeit

1933 zwang ein schwerer Herzanfall Pater Brottier, zwei Monate lang die Leitung des Waisenhauses aus der Hand zu geben. Danach verschlechterte sich sein Gesundheits-zustand zunehmend; nichtsdestoweniger erklärte er Ende 1935: „Ich habe den Kopf voll großer Pläne ... Was daraus wird, liegt bei Gott. Arbeiten wir, verlieren wir keine Zeit, scheuen wir keine Mühe: Wir haben ja die ganze Ewigkeit zum Ausruhen.“ Ob er sein baldiges Ende ahnte? „Ich kann von einem Tag zum anderen sterben. Man kann trotzdem gefasst in die Zukunft blicken, denn ich habe um unsere Waisen ein Netz von Freundschaft und Hilfsbereitschaft geknüpft, das ich für unzerstörbar halte.“ (Das Waisenwerk besaß zur damaligen Zeit 150 000 Förderer.) Am 2. Februar 1936 organisierten die Waisen eine kleine Feier, um den Pater dafür zu entschädigen, dass er der Einweihung der Kathedrale in Dakar nicht beiwohnen konnte, obwohl er sich so für sie eingesetzt hatte. Er war tief gerührt und richtete ein letztes Mal das Wort an sie: „Mein Glück finde ich bei euch. Manch einer hat sich gewundert, dass ich nicht nach Dakar gereist bin, um Lorbeeren zu ernten. Aber ich bin nicht mehr in einem Alter, in dem man nach menschlichem Glück strebt. In Bezug auf Dakar kann ich euch nur sagen, dass ich dabei keinen Moment an menschlichen Ruhm gedacht habe. In allem muss man die Liebe Gottes sehen, der die Ereignisse so fügt, dass sie ihm zur größten Ehre gereichen.“ Am folgenden Tag erkrankte er an einer doppelten Lungenentzündung. „Fragt nicht nach der Ursache meines Leidens. Wenn einer das ganze Elend sähe, das an meine Tür klopft, und wenn er mein Unvermögen, es zu lindern, ermessen könnte, so wüsste er, was mich heute niederstreckt.“ In Auteuil wurde pausenlos für seine Heilung gebetet. Am 12. Februar empfing er die Sterbesakramente und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er am Morgen des 28. Februar 1936 im Alter von 60 Jahren seine Seele an Gott zurückgab. Die Trauerfeier wurde am 2. März von Kardinal Verdier in der Kapelle von Auteuil gehalten, die sich als für diesen Anlass zu klein erwies.

Nach dem Tod des Paters wuchs das Werk konti–nuierlich weiter; 1939 zählte es über 2000 Waisen. Pater Brottier wurde 1984 aufgrund der von ihm bewirkten Heilungswunder, Bekehrungen usw. von Johannes-Paul II. seliggesprochen. „Daniel Brottier arbeitete, als hinge alles von ihm ab, obwohl er wusste, dass alles von Gott abhängt“, sagte der Papst. „Er hat die Kinder von Auteuil der heiligen Therese vom Kinde Jesus anvertraut, die er ganz unbefangen zu Hilfe rief; er war sich sicher, dass sie allen wirksam beistehen würde, für die sie ihr Leben geopfert hatte.“

Machen wir uns nach dem Vorbild Pater Brottiers die Vorstellung der kleinen Therese zu eigen: „Man kann niemals auf den gütigen und mächtigen Gott zu viel vertrauen. Man erhält von ihm alles nach dem Maße des Vertrauens.“

Dom Antoine Marie osb

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