Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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2. Oktober 2013
Hl. Schutzengel


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Eines Abends bemerkte ein kleines Mädchen von seinem Fenster aus eine Gruppe weißgekleideter Frauen, die in einem Garten auf- und abgingen und dabei Psalmen sangen. Es fragte seine Mutter, was die Frauen da täten: „Das sind Nonnen, sie beten.“ – „Was ist das, Nonnen? Was ist beten?“, fragte die Kleine. „Sie beten zu ihrem Gott.“ – „Wo ist Gott? Warum beten sie, statt zu schlafen?“ Die Mutter war Agnostikerin und wusste keine Antwort. „Wie schön muss es sein, wenn man zu Gott beten kann!“, seufzte das Mädchen. „Gott, ich möchte auch beten!“ Damit hatte Hildegard den ersten Schritt auf ihrem langen Weg der Wahrheitssuche getan.

Hildegard Lea Freund wurde am 30. Januar 1883 in Görlitz (Sachsen) in einer assimilierten jüdischen Familie geboren. 1895 zog die Familie nach Berlin, wo Hildegard das Lyzeum besuchte. Sie war intellektuell hochbegabt und von einem tiefen Streben nach moralischer Redlichkeit beseelt; sie wollte eine „ethische Persönlichkeit“ werden, und das bedeutete für sie: eine Frau mit festen Überzeugungen und Grundsätzen. Sie machte sich nichts aus all dem, wofür sich ihre Altersgenossinnen begeisterten: Kleider, Freizeitver–gnügen, gesellschaftliches Leben ... Sie interessierte sich vielmehr für Philosophie, Kunst und Kultur; ihr Blick reichte allerdings noch nicht über die Gegenwart hinaus. Nachdem sie Schopenhauer gelesen hatte, für den der Glaube an ein transzendentes, absolutes Wesen und die Suche nach einer ewigen Glückseligkeit unrealistisch und nichtig waren, verfasste sie ein Gedicht mit einem desillusionierten Refrain: „Vorüber geh’n die Schmerzen und die Wonnen, geht an der Welt vorüber, es ist nichts!“ Bereits kurz vor der Geburt Jesu Christi hat das Buch der Weisheit den Ungläubigen die Worte in den Mund gelegt: Denn durch Zufall sind wir geworden, und hernach werden wir sein, als wären wir nie gewesen (Weish 2,2). Als viele Jahre nach ihrer Konversion jemand aus ihrer Bekanntschaft Selbstmord verübte, bemerkte Hildegard: „Wozu sollte man sich mit diesem sinnlosen Alltag herumschlagen, wenn man nicht ans Jenseits glaubt? Ich bin sicher, dass auch ich mir das Leben nehmen würde, wenn ich nicht gläubig wäre. Ich verstehe nicht, warum Menschen ohne Gottesglauben überhaupt leben können.“ Auch Papst Benedikt XVI. stellte in seiner Enzyklika Caritas in veritate (2009) fest: „Ohne Gott weiß der Mensch nicht, wohin er gehen soll, und vermag nicht einmal zu begreifen, wer er ist.“

1899 zog die Familie Freund nach Zürich. Nachdem Hildegard 1903 das Abitur bestanden hatte, schrieb sie sich an der Universität ein – damals ein seltenes Privileg für junge Mädchen. Sie studierte Germanistik und Philosophie und wurde dabei von zwei evangelischen Professoren namens Saitschik und Foerster betreut; diese vertraten eine Lebensphilosophie, die im Gegensatz zum damals vorherrschenden Rationalismus davon ausging, dass der Mensch zur Gotteserkenntnis durch Herzensreinheit und Einfachheit der Seele fähig sei. Hildegard fühlte sich davon angesprochen, war aber nicht überzeugt und wiederholte oft unter Tränen und flehentlich das „Gebet eines Ungläubigen“: „Gott, wenn du bist, zeige dich mir!“ Doch zunächst erhielt sie keine Antwort.

Der tiefere Sinn des Lebens

1907  kehrte Hildegard nach Berlin zurück, wo sie ein Wirtschafts- und Soziologiestudium aufnahm. Dort begegnete sie Alexander Burjan, einem jüdischen Ingenieur aus Ungarn, der wie sie nach dem tieferen Sinn des Lebens suchte; sie heirateten noch 1907. Im Oktober 1908 wurde die junge Frau mit einer Nierenkolik in das katholische St. Hedwigs-Spital in Berlin eingeliefert. Ihr Zustand verschlechterte sich so sehr, dass sie mehrere Eingriffe über sich ergehen lassen musste. In der Karwoche des Jahres 1909 war sie dem Tode nahe, und die Ärzte gaben jede Hoffnung auf Genesung auf. Entgegen allen Erwartungen besserte sich jedoch ihr Zustand am Ostermorgen entscheidend. Nach sieben Monaten im Krankenhaus wurde sie nach Hause entlassen, doch sie litt ihr ganzes Leben lang unter den Folgen dieser schweren Nierenerkrankung.

Während ihres langen Krankenhausaufenthaltes hatte Hildegard die selbstlose und hingebungsvolle Arbeit der im Spital tätigen Borromäerinnen bewundert; diese Schwestern waren Mitglieder eines im 19. Jahrhundert unter dem Schirmherrschaft des hl. Karl Borromäus gegründeten Ordens. Sie bemerkte dazu: „Dieses Wunder, eine ganze Gemeinschaft mit solchem Geist zu erfüllen, bringt nur die katholische Kirche fertig ... So etwas wie diese Schwestern kann der natürliche, sich selbst überlassene Mensch nicht vollbringen: Da habe ich die Wirkung der Gnade erlebt.“ Da sie die „unumstößliche Wahrheit“ der Kirche am Zeugnis ihrer Glieder erkannt hatte, bekehrte sich Hildegard zum katholischen Glauben. Nach einer kurzen Vorbereitungszeit wurde sie am 11. August 1909 getauft. Dieser entscheidende Schritt war der Abschluss einer langen geistlichen Entwicklung; nachdem sie lange gedacht hatte, die Menschen könnten aufgrund ihres Verstandes und ihres Willens eine ethisch höhere Stufe erreichen, schrieb sie nun: „Auf die Schulweisheit kommt es nur sehr wenig an, sondern einzig auf den Grad der Verbundenheit mit Christus. In Ihm vermögen wir ja alles, und ohne Ihn sind alle ganz bettelarm.“

„Der Mensch entwickelt sich nicht bloß mit den eigenen Kräften“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Caritas in veritate. „Im Laufe der Geschichte hat man oft gemeint, die Schaffung von Institutionen genüge, um der Menschheit die Erfüllung ihres Rechtes auf Entwicklung zu gewährleisten ... In Wirklichkeit reichen die Institutionen allein nicht aus, denn die ganzheitliche Entwicklung des Menschen ist vor allem Berufung ... Eine solche Entwicklung erfordert außerdem eine transzendente Sicht der Person, sie braucht Gott: Ohne ihn wird die Entwicklung entweder verweigert oder einzig der Hand des Menschen anvertraut, der in die Anmaßung der Selbst-Erlösung fällt und schließlich eine entmenschlichte Entwicklung fördert. Im übrigen gestattet nur die Begegnung mit Gott, im anderen das göttliche Bild zu erkennen und so dahin zu gelangen, wirklich den anderen zu entdecken und eine Liebe reifen zu lassen, die Sorge um den anderen und für den anderen wird“ (Nr. 11).

„Das Kind muss leben!“

Mit der Taufe begann für Hildegard ein neues Leben. Strahlend teilte sie ihr Glück allen ihr Nahestehenden mit. Ihr Mann Alexander ließ sich zu ihrer großen Freude im August 1910 ebenfalls taufen. Bald danach wurde Hildegard schwanger und bereitete sich auf eine schwierige Entbindung vor. Die Ärzte rieten ihr angesichts der Gefahr zu einer Abtreibung, doch sie lehnte entschieden ab: „Das wäre Mord! Wenn ich sterbe, so bin ich eben ein Opfer meines Mutterberufes, aber das Kind soll leben.“ Die Entbindung verlief ohne Komplikationen: Es kam eine kleine Lisa zur Welt. Sie blieb das einzige Kind der Familie Burjan, deren Lebensmittelpunkt nun Wien war, wo Alexander zum Direktor einer Telefongesellschaft ernannt wurde.

Hildegard war überzeugt, dass sie ihr wiedergeschenktes Leben Gott und den Menschen weihen müsse. Sie fühlte sich berufen, die Liebe Gottes durch soziales Engagement unter den Armen zu verkünden. Die neu hinzugezogene arme Bevölkerung der österreichischen Hauptstadt lebte zusammengepfercht in engen, ungesunden Wohnungen. Männer, Frauen und Kinder schufteten zwölf bis fünfzehn Stunden am Tag für einen Hungerlohn. In diesem Milieu waren Frauen der Versuchung ausgesetzt, sich zu prostituieren und ihre Kinder im Stich zu lassen. Um hier Abhilfe zu schaffen, gründete die Kirche katholische Frauenverbände, die nicht nur den moralischen Lebenswandel der Arbeiterinnen schützen, sondern auch deren Rechte gegenüber allzu skrupellosen Arbeitgebern verteidigen sollten. Gestärkt durch ihre an der Universität erworbenen Kenntnisse in sozialen Fragen, engagierte sich Hildegard voll und ganz für diese Aufgabe und trat insbesondere für die Rechte der unterbezahlten Heimarbeiterinnen ohne jede soziale Absicherung ein.

Im September 1912 ergriff Hildegard auf der Jahresversammlung der Liga der katholischen Frauenverbände das Wort: „Prüfen wir, ob wir nicht alle mitschuldig sind an der Not des Volkes. Kaufen wir nur bei gewissenhaften Kaufleuten, drücken wir nicht so die Preise, verlangen wir von Zeit zu Zeit von den Fabrikanten Rechenschaft über den Ursprung der Waren! Nur zu oft ist es die wohlhabende Frau, die die Kaufleute zwingt, zu unmöglichen Bedingungen zu liefern und dies geschieht immer auf Kosten der armen Heimarbeiterinnen.“ Anfangs fast allein bei der Verteidigung dieser „Stimmlosen“, konnte sie bald freiwillige Mitstreiterinnen aus wohlhabenden Kreisen gewinnen.

Kleine Arbeitssklaven

Noch im selben Jahr gründete Hildegard den „Verband der christlichen Heimarbeiterinnen“, der seinen Mitgliedern bessere Bezahlung, soziale Absicherung, Rechtsschutz sowie Fortbildung und Schulung zusicherte. Unter großen Mühen und vielen Demütigungen versuchte sie, die misstrauischen, mitunter sogar feindseligen Frauen zum Mitmachen zu bewegen. Sie war der Ansicht, dass Frauen das Recht zustünde, einen – auch intellektuell anspruchsvollen – Beruf auszuüben, sofern die Arbeit sie in ihrer naturgegebenen Rolle als Gattin und Mutter nicht beeinträchtige; doch dieses Recht dürfe nicht als Vorwand zur Ausbeutung ihrer Schwäche dienen. Sie nahm sich auch der Kinderarbeiter an – ein Drittel aller Wiener Kinder musste damals seinen Lebensunterhalt selbst verdienen: Gesetzwidrigerweise wurden sogar unter Sechsjährige bis zu 14 Stunden am Tag als Fabrik- bzw. Heimarbeiter beschäftigt. Unten den kleinen Arbeitssklaven herrschte eine hohe Sterblichkeit; wer dem Tod entging, blieb oft geistig zerrüttet.

Von diesen Missständen tief betroffen prangerte Hildegard in einer Broschüre die Ausbeutung der Kinder an und ließ sich dabei von der Enzyklika Rerum novarum (1891) von Papst Leo XIII. inspirieren: Die Liebe zu den Armen dürfe sich nicht damit begnügen, Einzelschicksale zu lindern, vielmehr müsse die tiefgreifende Ungerechtigkeit behoben werden, die ihnen zugrunde liege. Jeder müsse sich seiner Verantwortung stellen, auch auf der politischen Ebene, um die sündhaften Strukturen an der Wurzel zu packen. Während des Ersten Weltkriegs wurde Hildegard zur Fürsprecherin der Frauen, die in den Fabriken die eingezogenen Männer ersetzten. Ihr Ziel war die Anwendung des Prinzips „Gleicher Lohn für gleiche Leistung“ zugunsten der Arbeiterinnen. Im November 1918 führte die Niederlage der Zentralmächte Deutschland und Österreich-Ungarn zu einem Aufstand in Wien und schließlich zur Proklamation der Republik. Hildegard Burjan wurde als Kandidatin für die Nationalversammlung nominiert und brachte es als einzige Frau zur Abgeordneten der christlich-sozialen Partei. Im Parlament trat sie für soziale Reformen im Sinne der kirchlichen Soziallehre ein; sie reichte Gesetzesvorschläge zur Wahrung der Rechte von Arbeiterinnen sowie des Kinderschutzes ein. Auf ihre Anregung hin einigten sich die Parteien darauf, ein Gesetz zur sozialen Absicherung von Haushaltshilfen zu verabschieden.

Das Gewissen des Parlaments

Hildegard vertrat die Ansicht: „Volles Interesse für die Politik gehört zum praktischen Christentum.“ 70 Jahre später wurde das vom seligen Johannes-Paul II. bestätigt: Gläubige Laien können „nicht darauf verzichten, sich in die ‚Politik’ einzuschalten, d. h. in die vielfältigen und verschiedenen Initiativen auf wirtschaftlicher, sozialer, gesetzgebender, verwaltungsmäßiger und kultureller Ebene, die der organischen und systematischen Förderung des Allgemeinwohls dienen“ (Apostolisches Schreiben Christifideles laici, 30. Dezember 1988, Nr. 42).

Während ihres zweijährigen Mandats genoss Hildegard allgemeine Hochachtung im Parlament. Kanzler Ignaz Seipel sagte, er habe nie jemanden mit ausgeprägterer politischer Begabung und feinerem politischen Fingerspitzengefühl gesehen als sie. Der Wiener Erzbischof Kardinal Pfiffl nannte sie „das Gewissen des Parlaments“. Sie sollte bei den Wahlen 1920 erneut antreten und war als Sozialministerin vorgesehen, doch sie lehnte alle Angebote ab, zum einen wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes, zum anderen, weil sie sich dem Aufbau des Hilfswerks Caritas Socialis widmen wollte, dessen Ziel und Name auf das Wort des heiligen Paulus zurückging: Caritas Christi urget nos – Die Liebe Christi drängt uns (2 Kor 5,14).

Hildegard hatte erkannt, dass jedes soziale Handeln, das sein Ziel erreichen und tatsächlich etwas bewirken soll, eine tiefe religiöse Motivation voraussetzt. Sie wollte daher eine Gemeinschaft gottgeweihter Frauen gründen, um in den Arbeitersiedlungen, die sich dem Christentum entfremdet hatten, für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Die Schwestern sollten von christlicher Nächstenliebe beseelt sein, nach den „evangelischen Räten“ (Armut, Keuschheit, Gehorsam) leben und ein schlichtes, unauffälliges Ordenskleid tragen. Die Grundidee der Caritas socialis formulierte Hildegard folgendermaßen: „Die katholische Kirche hat im Laufe der Jahrhunderte die verschiedenartigsten Blüten hervorgebracht. In allen Zeiten der Not sandte ihr Gott Menschen, die, erfüllt vom Heiligen Geist, ... zu Stützen der Kirche wurden. Vielleicht darf auch unsere Caritas socialis im modernen Heidentum die Aufgabe erfüllen, eine unscheinbare Blüte am Stamm der Kirche zu sein.“ Das Projekt wurde von Kardinal Pfiffl gebilligt und von Papst Benedikt XV. gesegnet.

Am 4. Oktober 1919 legten bei einer Messe in Wien die ersten zehn Schwestern der „Apostolischen Schwesterngemeinschaft der Caritas socialis“ ihre Versprechen vor Gott ab. Neben den Schwestern beschäftigte die Organisation auch Laienmitar-beiterinnen. Die Caritas sollte sich neuen Feldern der Fürsorge widmen: obdachlosen Frauen ein Dach über dem Kopf bieten, gefährdeten jungen Mädchen beistehen, ledige Mütter aufnehmen, damit diese nicht in Versuchung gerieten abzutreiben (ein Mutter-Kind-Heim wurde 1924 in Wien eröffnet), Prostituierte dem Laster entreißen und wieder in die Gesellschaft eingliedern, Frauen mit Geschlechtskrankheiten pflegen usw. Dieses Apostolat stieß bei manchen Katholiken auf Entrüstung, denn sie sahen darin eine Entschuldigung oder gar eine Förderung der Unmoral. Hildegard beschrieb ihre Aufgabe hingegen so: Es soll „nicht nur äußeres Elend beseitigt, sondern neues Leben in Christo erweckt“ werden. Die sogenannten „gefallenen“ oder gefährdeten Frauen sollten dazu angehalten werden, sich zu bekehren und fortan ein christliches Leben zu führen. Die Caritas wollte ihnen dabei behilflich sein.

An der Spitze der Schwesternschaft

Obwohl selbst Ehefrau und Mutter, versah Hildegard Burjan in ihrer Eigenschaft als Gründerin auch das Amt der Oberin der Schwesternschaft; das war unüblich und stieß bei etlichen Gläubigen auf Kritik. Kardinal Pfiffl hielt ihnen entgegen: „Frau Doktor Burjan in meiner Diözese zu haben, ist eine Gnade, die ich vor Gott werde verantworten müssen. Es ist meine heilige Überzeugung, dass sie an der Spitze der Schwestern-schaft zu bleiben hat bis zum letzten Atemzug.“ Wenn sie sich von ihrer Arbeit überlastet und ausgelaugt fühlte, pflegte die Gründerin zu sagen: „Ruhe und schlafen werden ich einst unter der Erde.“ Sie widmete viel Zeit der Beratung der Schwestern und begegnete ihnen mit dem Respekt, der ihnen als in Ehelosigkeit lebenden und Gott geweihten Frauen gebührte. Bei ihrer Beratungstätigkeit legte sie Bescheidenheit, Beson–nenheit, aber auch Liebenswürdigkeit und menschliche Wärme an den Tag. Eine Schwester wegen eines Fehlers zu tadeln, fiel ihr überaus schwer, doch wenn es sein musste, tat sie es mit der größten Offenheit aber auch liebevoll und aufbauend. Ihre zeitaufwändige Arbeit hinderte Hildegard nicht daran, eine liebevolle Gattin und Mutter zu sein. Einige Zeit vor ihrem Tod erklärte sie ihrem Mann: „Ich wollte dir sagen, dass ich mit dir sehr glücklich war. Ich danke dir für all die schönen Jahre, die wir zusammen verlebten, für dein Verständnis und deine Hilfe in meiner Arbeit.“

Beten war für Hildegard ein Grundbedürfnis, denn ohne Gott könne nichts getan werden (vgl. Joh 15,5). Sie betete vor allem nachts, da sie tagsüber keine Zeit dafür fand. Als Diabetikerin musste sie sich 15 Jahre lang Insulin spritzen. Geduldig ertrug sie die krankheits–bedingten Leiden: Nieren- und Leibschmerzen, Erschöpfung, Hunger sowie quälenden Durst. Sie ging jeden Tag zur Messe und zur Kommunion. Nach den damals geltenden Vorschriften musste die Kommunion nüchtern empfangen werden; man durfte nach Mitternacht nichts mehr zu sich nehmen. Hildegard wartete morgens mit dem Messebesuch, bis ihr Mann gefrühstückt hatte und ins Büro gegangen war; erst danach konnte sie etwas trinken. Sie bat nie um eine Dispens. An eine Schwester schrieb sie einmal: „Glauben Sie mir: Für jeden Menschen ist das Leben ein Kampf, und ob man es ihm anmerkt oder nicht, jeder geht langsam den steinigen Kreuzweg hinein. Und danken wir Gott, wenn Er uns durch Opfer Gelegenheit gibt, damit es aufwärts gehe und Sein Licht immer mehr uns unsere Fehler erkennen lässt.“

Wenn jede Täuschung aufhört

Am Pfingstfest 1933 kam es bei Hildegard zu einer äußerst schmerzhaften Nierenentzündung. Obwohl die Ärzte recht zuversichtlich waren, bereitete sich die Kranke ruhig und gefasst auf den Tod vor. Über ihre letzten Tage berichtete einer ihrer Ärzte später: „Ich habe sehr viele Menschen sterben sehen; aber die letzten Stunden von Hildegard Burjan stehen in meiner Erinnerung einzig da. Sie war sich des nahen Endes völlig bewusst, und sorgte sich um ihre Lieben und ihre Werke. Für sich selbst war sie nicht nur gelassen und furchtlos; sie sah dem Tod freudig als Erlösung vom irdischen Dasein entgegen, völlig gewiss, in ein ewiges Leben einzugehen.“

Hildegard selbst bekannte: „Mein Sterben ist ein einziges großes Deo gratias! Vor 25 Jahren hat mich Gott aus dieser Krankheit heraus an sich gezogen und berufen, dann hat er mich auf den Armen getragen wie ein Kind, und jetzt führt er mich aus dieser Krankheit heraus zu sich!... Ich denke immerfort nach, wovor ich mich fürchten könnte ... Ich habe ja so vieles schlecht gemacht in meinem Leben, aber das eine weiß ich: Ich habe niemals etwas anderes als den Willen Gottes gesucht. Und darum finde ich nichts, was ich fürchten könnte.“ Sie brachte noch einmal ihren festen Glauben zum Ausdruck: „Manchmal kam mir im Leben der Gedanke, wie es wohl in der Todesstunde sein werde, wenn jede Täuschung aufhört. Ob einem dann noch alles zusammenbrechen wird, ob alles als Schein vor mir stehen wird ...? Jetzt aber sehe ich, dass alles echt ist, dass alles Wahrheit ist.“ Am Dreifaltigkeitssonntag, dem 11. Juni 1933, murmelte sie: „Wie schön das sein wird: ausruhen bei Gott!“ Sie küsste ihr Sterbekreuz und sagte langsam und deutlich: „Lieber Heiland, mach doch die Menschen alle recht lieb, damit Du sie lieb haben kannst. Mach sie alle reich nur durch Dich!“ Kurz danach starb sie.

Bei Hildegards Tod zählte die Caritas Socialis 150 Mitglieder und 35 Einrichtungen in Österreich und im Ausland. Die 1960 zu einem religiösen Institut päpstlichen Rechts erhobene „Gemeinschaft apostolischen Lebens“ umfasst heute 900 Schwestern und Laienmitarbeiterinnen, die sich engagieren, insbesondere zugunsten von Schwangeren in Notsituationen (Wohnheime) und von alten Menschen, die an schweren Krankheiten leiden. Hildegard Burjan wurde am 29. Januar 2012 in Wien seliggesprochen. Die von der Seligen formulierte Weiheformel der Caritas-Schwestern richtet folgende Worte an Gott: „Ich danke Dir aus tiefstem Herzen dafür, dass Du mich würdigst, ein Werkzeug Deiner Liebe zu sein.“

Bitten wir Jesus Christus, der von seinem Vater in die Welt entsandt wurde, um dort das Feuer der Liebe zu entfachen (vgl. Lk 19,42), er möge auch uns zu Werkzeugen seiner erlösenden Liebe machen.

Dom Antoine Marie osb

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