Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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24. Juli 2013
Hl. Christophorus


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am 27. November 1830 fand im Noviziat der Töchter der christlichen  Liebe vom heiligen Vinzenz von Paul in der Rue du Bac eine Andacht  des Konvents statt. Da erschien einer jungen Novizin, Schwester Catherine Labouré, plötzlich ein Bild der heiligen Jungfrau Maria, wie man sie von Darstellungen der Unbefleckten Empfängnis kennt: aufrecht und mit ausgestreckten Armen; von ihren Händen gingen herrlich leuchtende Strahlenbündel aus. Zugleich hörte Catherine eine Stimme: „Diese Strahlen sind das Sinnbild der Gnaden, die ich allen schenken werde, die mich darum bitten.“ Um das Bild herum las sie in goldenen Lettern: “O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen.” Dann wendete sich das Bild; auf der Rückseite erblickte sie den Buchstaben M, überragt von einem kleinen Kreuz, und darunter die heiligen Herzen Jesu und Mariens. Zum Schluss vernahm sie wieder die Stimme: „Lass nach diesem Muster eine Medaille prägen. Alle, die sie mit Vertrauen tragen, werden den besonderen Schutz der Muttergottes erfahren.“ Am 30. Juni 1831 wurden 1 500 Medaillen geprägt und zunächst persönlich weitergegeben. Nach und nach verbreitete sich die Nachricht, dass die Medaille außergewöhnliche Wohltaten bewirke, und so wurde sie im Volksmund bald „wundertätige Medaille“ genannt.

Von 1834 an explodierte der Absatz geradezu: 1839 waren weltweit bereits über zehn Millionen Exemplare geprägt! 1842 kam es in Rom zu einem Ereignis, das den Namen der Medaille noch einmal bekräftigte. Lassen wir doch den Helden der Geschichte, Alphonse Ratisbonne, selbst zu Worte kommen:

„Meine Familie ist recht bekannt, denn sie ist reich und wohltätig. In beiderlei Hinsicht nimmt sie im Elsass seit Langem den ersten Rang ein.“ Der 1814 geborene Alphonse war das jüngste von insgesamt 10 Kindern. Das Familienoberhaupt, Auguste Ratisbonne, gehörte einer Generation von Juden an, die lediglich nach irdischem Lebensgenuss strebte; obwohl er Vorsitzender des Ältestenrates war, ließ er sich nur selten in der Synagoge blicken. Die Kinder wurden zwar nicht im israelitischen Glauben, aber doch in der jüdischen Tradition erzogen. Alphonse verlor bereits im Alter von vier Jahren seine Mutter, eine durch und durch tugendhafte Frau, deren Vorbild den Kindern als einzige moralische Richtschnur diente.

1825 kam Alphonse auf die höhere Schule in Straßburg. „In jener Zeit hatte meine Familie einen harten Schlag zu verkraften. Mein (um zwölf Jahre älterer) Bruder Théodore wurde Christ und bald danach – trotz aller inständigen Bitten – Priester; er übte sein Amt in unserer Heimatstadt unter den Augen der Familie aus. Sein Benehmen fand ich empörend, und ich hasste sowohl seine Kleidung als auch sein ganzes Wesen. Da ich inmitten von Christen aufgewachsen bin, die ebenso gleichgültig waren wie ich, gelangte ich aufgrund der Bekehrung meines Bruders zu der Überzeugung, dass alle Katholiken Fanatiker waren.“ Ein Jahr nachdem sein Vater gestorben war, legte Alphonse 1831 erfolgreich die Abiturprüfung ab.

Die Welt genießen

Ein kinderloser Onkel wurde sein zweiter Vater. „Dieser in der Finanzwelt recht bekannte Onkel wollte mich an die Bank binden, die er leitete. Ich studierte in Paris Jura und kehrte hinterher zu ihm zurück. Er ließ mir alle Freiheit. Ich dachte, man sei auf der Welt, um sie zu genießen ... Auf dem Papier war ich zwar Jude, aber ich glaubte nicht einmal an Gott.“ Nichtsdestoweniger war nach Aussage eines Zeugen „sein Herz rein geblieben“. Er versuchte, „der Sache seines unterdrückten Volkes zu dienen, und setzte sich für die Gleichberechtigung der Juden sowie für ihre bessere Integration in die Gesellschaft ein“.

1841 wurde Alphonse 27 Jahre alt. Die Familie beschloss ganz in seinem Sinne, ihn mit einer seiner Nichten zu verheiraten. „Ich sah meine Familie auf dem Gipfel der Freude, denn ich muss sagen, es gibt nur wenige Familien, in denen man sich mehr liebt als in meiner ... Ein einziges Familienmitglied stieß mich ab: mein Bruder Théodore. Sein ernstes Gerede machte mich wütend. Ich empfand einen bitteren Hass auf Priester, Kirchen, Klöster und vor allem auf Jesuiten.“ Alphonse feierte seine Verlobung in Nizza, doch in seiner Seele blieb danach eine gewisse Leere zurück. „In der Ablehnung allen Glaubens war ich mit all meinen Freunden einig; doch der Anblick meiner Braut weckte etwas in mir, das mich an die Unsterblichkeit der Seele glauben ließ; mehr noch, ich begann instinktiv, zu Gott zu beten; ich dankte ihm für mein Glück, und doch war ich nicht glücklich.“ Da das junge Mädchen erst 16 Jahre alt war, wurde die Hochzeit vorerst verschoben. Alphonse brach zu einer Reise in den Orient auf.

Eine tiefe Antipathie

Am 9. Dezember erreichte er Neapel. „Ich verbrachte  einen Monat dort, um alles zu sehen und aufzuschreiben. Oh! Wie viele Gotteslästerungen stehen in meinem Tagebuch!“ Von dort aus reiste er auf Einladung von Freunden nach Rom. Nach seiner Ankunft am 6. Januar begann er in fieberhafter Eile die Sehens-würdigkeiten der Stadt zu besichtigen. Am 8. Januar traf er auf der Straße einen ehemaligen Mitschüler aus Straßburg, Gustave de Bussierre. Alphonse wurde von ihm zum Abendessen eingeladen und traf dabei Gustaves älteren Bruder, Théodore de Bussierre, der vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert war: „Das reichte schon, um eine tiefe Antipathie in mir zu wecken; doch da Théodore für seine Reiseberichte aus dem Orient berühmt war, sagte ich ihm, dass ich ihn gern besuchen würde.“ Einige Tage danach besichtigte Alphonse die Kirche Ara Coeli auf dem Kapitol, wo gerade zwei Juden getauft wurden. Aus Abscheu gegen die Zeremonie verließ er fluchtartig die Kirche und lief ins nahegelegene jüdische Ghetto, dessen Elend ihn zutiefst empörte.

Obwohl sein angekündigter Besuch bei Théodore de Bussierre ihm nun wie eine „lästige Pflicht“ vorkam, suchte er ihn trotzdem auf. „Ich sprach ihn auf seine Streifzüge durch Rom an“, berichtete Théodore. „Er erzählte von seinen Eindrücken ... Vom Ghetto, in dem sein Hass auf den Katholizismus wieder aufgeflammt war. Ich versuchte, ihm gut zuzureden, doch er erwiderte, er sei als Jude geboren und werde als Jude sterben ... Da kam mir eine äußerst ungewöhnliche Idee: ‚Da Sie innerlich so gefestigt sind, versprechen Sie mir, dass Sie das, was ich Ihnen gleich gebe, bei sich tragen werden.‘ – ‚Was denn?‘ – ‚Diese Medaille.‘ Und ich hielt ihm eine wundertätige Medaille hin ... Er zuckte zurück. ‚Aber nach Ihrer Sichtweise müsste es Ihnen doch völlig gleichgültig sein, und mir würden Sie eine Freude machen.‘ – ‚Wenn es nur das ist‘, rief er laut lachend. ‚Ich will Ihnen zumindest beweisen, dass man die Juden zu Unrecht der Verstocktheit bezichtigt.‘ Und er machte eine Reihe von Scherzen, die für mich Gotteslästerungen waren. Währenddessen legte ich ihm ein Band um den Hals, an dem meine Enkelinnen die gesegnete Medaille befestigt hatten ... Ich hatte noch etwas weitaus Schwierigeres vor: ihn überreden, das Memorare zu sprechen, das Gebet des heiligen Bernhard, das mit den Worten beginnt: ‚Gedenke, gütigste Jungfrau Maria‘. Das ging ihm zu weit. Doch eine innere Stimme ließ mich weitermachen ... Ich drückte ihm das Gebet in die Hand und bat ihn, es wenigstens mitzunehmen und so gut zu sein, für mich eine Abschrift zu machen, da ich kein zweites Exemplar besäße. Etwas launisch und ironisch erwiderte er: ‚Gut, ich werde es abschreiben, Sie behalten meine Kopie und ich nehme Ihr Exemplar!‘

Ins Hotel zurückgekehrt, begann Alphonse das Gebet abzuschreiben und schlief dann vor Müdigkeit ein. Théodore de Bussierre hielt zu diesem Zeitpunkt Wache vor dem Allerheiligsten. Am Tag danach ging Alphonse noch einmal bei Théodore vorbei: „Obwohl er sich über meine Hartnäckigkeit ärgerte, las er das Gebet mehrmals durch, weil er sehen wollte, warum es in meinen Augen so wertvoll war.“ Es war ihm sehr unwohl dabei, und er sagte: „Sie kennen mich erst seit 24 Stunden und zwingen mich, mir Sachen anzuhören, die mein Bruder niemals zu mir sagen würde!“ Er erhob sich wütend, um sich endgültig zu verabschieden. Herr de Bussierre konnte ihn jedoch nach langem Hin und Her überreden, vorerst in Rom zu bleiben, um in ein paar Tagen eine Zeremonie in Sankt Peter mitzuerleben.

Mehr als ein Wunder sei nötig

Alphonse fuhr mit der Besichtigung römischer  Denkmäler fort – nun in Gesellschaft von Théodore. „Herr de Bussierre kam so naiv auf religiöse Fragen zu sprechen und blieb so eifrig bei der Sache, dass ich mir sagte: ‚Wenn etwas einen Mann der Religion weiter entfremden kann, so ist das die Beharrlichkeit, mit der man ihn zu bekehren sucht.‘ Als wir an der Scala Santa vorbeifuhren – der Treppe, über die Jesus während seiner Passion geschritten sein soll –, rief der Baron begeistert: ‚Sei gegrüßt, heilige Treppe! Hier kommt ein Mann, der dich eines Tages noch auf Knien besteigen wird!‘ Ich lachte und sagte meinem Apostel, er werde mich nicht so weit bringen ... Zu meiner Bekehrung sei mehr als ein Wunder nötig.“

Am 20. Januar betrat Alphonse ein Café an der Piazza di Spagna und traf dort zwei Elsässer. „Wir sprachen über Paris, über Kunst, Politik und weitere Nichtigkeiten, und ich lud die beiden zu meiner Hochzeit ein ... Wenn da ein Dritter zu mir gesagt hätte: ‚Alphonse, in einer Viertelstunde wirst du Jesus Christus anbeten, deinen Gott und Erlöser, und du wirst dir vor einem Priester an die Brust schlagen in einem Jesuitenhaus, in dem du den Karneval verbringen wirst, um dich auf die Taufe vorzubereiten...‘, so hätte ich ihn für völlig verrückt gehalten!

Als ich aus dem Café trat, erblickte ich Herrn de Bussierre, der mich in seine Kutsche einlud. Das Wetter war herrlich, ich nahm das Angebot mit Freuden an. Er bat mich, ein paar Minuten bei Sant’Andrea delle Fratte anhalten zu dürfen, und schlug mir vor, im Wagen zu warten; ich stieg lieber mit aus, um mir die Kirche anzusehen. Man bereitete dort eine Trauerfeier vor. ‚Das war ein Freund von mir, der Graf de Lafferronnays; sein plötzlicher Tod war die Ursache dafür, die Sie mich gestern so traurig erlebt haben.‘ Er verließ mich: ‚Ich brauche nur zwei Minuten.‘ Die Kirche Sant’Andrea ist klein, ärmlich und verlassen ... Kein Kunstwerk zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich ließ mechanisch meinen Blick herumwandern, ohne an etwas Besonderes zu denken; ich erinnere mich nur an einen schwarzen Hund, der vor meinen Füßen herumsprang. Bald sah ich nichts mehr ... oder vielmehr, o mein Gott, ich erblickte plötzlich etwas!!!... Wie soll ich das beschreiben? O nein, die menschliche Sprache kann nicht einmal versuchen, das Unbeschreibliche zu beschreiben ... Ich lag da, auf dem Boden ausgestreckt, zerfloss in Tränen, und mein Herz war außer sich.“

Wie gütig ist Gott!

Als ich in die Kirche zurückkehrte“, berichtet de  Bussierre, „sah ich Ratisbonne in einer zutiefst andächtigen Haltung vor der Kapelle des hl. Michael und des hl. Raphael knien. Ich trat zu ihm und schüttelte ihn mehrfach, doch er merkte gar nicht, dass ich da war. Schließlich wandte er mir sein tränennasses Gesicht zu, faltete die Hände und sagte: ,Oh, was hat dieser Herr für mich gebetet!‘ Er meinte den Verstorbenen, dem ich drei Tage zuvor mein Herzensanliegen anvertraut hatte; er hatte mir erwidert: ‚Wenn er einmal das Memorare betet, dann haben Sie ihn – und viele andere mit ihm.‘ – ‚Wo möchten Sie hin?‘, fragte ich Alphonse. ‚Wohin Sie wollen. Nachdem, was ich gesehen habe, gehorche ich ... Ich bin so glücklich! Welche Fülle der Gnade und des Glücks für mich! Wie gütig ist Gott! Und wie unglücklich sind diejenigen, die das nicht wissen!‘ Er bedeckte die wundertätige Medaille, die er bei sich trug, mit Küssen und brennenden Tränen. Dann nahm er mich in die Arme und sagte mit leuchtendem Antlitz: ‚Bringen Sie mich zu einem Beichtvater. Wann kann ich die Taufe empfangen, ohne die ich nicht länger leben kann?‘ Ich brachte ihn zu Pater de Villefort in die Gesù-Kirche; Alphonse zog sogleich seine Medaille hervor und rief: ‚Ich habe sie gesehen!! Ich habe sie gesehen!!! – Ich war gerade einen Augenblick in der Kirche, da fühlte ich mich plötzlich von einer unbeschreiblichen Unruhe ergriffen. Das ganze Gebäude verschwamm vor meinen Augen; das Licht konzentrierte sich sozusagen auf eine einzige Kapelle, und inmitten dieses hellen Glanzes erschien über dem Altar die Jungfrau Maria, wie sie auf meiner Medaille dargestellt ist: groß, strahlend, voller Majestät und Sanftmut; eine unwiderstehliche Kraft zog mich zu Ihr hin. Sie bedeutete mir mit der Hand, mich niederzuknien. Sie schien mir zu sagen: Gut so! Sie sprach kein Wort, aber ich verstand alles.‘ Als er dann mit dem Pater allein war, erklärte er, er wolle Christ werden. ‚Ich weiß schon, dass ich viel zu leiden haben werde; aber ich bin zu allem Leid bereit und verdiene es, denn ich habe viel gesündigt.‘“

Einen Monat danach, am 19. Februar, gab Alphonse vor einem Notar zu Protokoll: „Ich versuchte mehrfach, meine Augen zur Heiligen Jungfrau zu erheben; doch ihr Glanz und der Respekt ließen mich den Blick senken, ohne mir allerdings die Gewissheit ihrer Gegenwart zu nehmen. Ich richtete meine Augen auf ihre Hände und sah in ihnen den Ausdruck der Vergebung und der Barmherzigkeit. Obwohl sie kein Wort an mich richtete, erkannte ich in ihrer Gegenwart die Abscheulichkeit des Zustandes, in dem ich mich befand, die Hässlichkeit der Sünde und die Schönheit der Katholischen Kirche: Mit einem Wort fiel der Schleier von meinen Augen ... Durchdrungen von einem Gefühl der Dankbarkeit für die Heilige Jungfrau Maria dachte ich mit unbeschreib-licher Freude an meinen Bruder; ich empfand tiefes Mitleid mit meiner Familie, die in der Finsternis des religiösen Irrtums befangen war, ebenso für die Gotteslästerer und Sünder.“

Was schenkt dir der Glaube?

Die Seele des Konvertiten war nun von einem bren- nenden Verlangen nach der Taufe erfüllt, er wollte vom Makel der Erbsünde befreit werden. Manche rieten zum Abwarten. „Aber wieso?“, hielt er ihnen entgegen. „Die Juden, die den Aposteln folgen wollten, wurden auf der Stelle getauft (s. Apg 2,41); und Sie wollen, dass ich warte, nachdem ich die Königin der Apostel gehört habe?“ Tatsächlich erwies sich bei ihm nach Ansicht von Pater Roothan, dem General der Jesuiten, der Sinn für den Glauben als so intensiv und wirksam, dass er alles auf Anhieb erfasste, verstand und behielt. Nach wenigen Tagen genügten seine Kenntnisse, damit der Generalvikar des Papstes die Taufe für den 31. Januar ansetzte. Freudig wiederholte Alphonse bereits im Voraus immer wieder die Worte der Taufzeremonie für sich: Wie ein Hirsch verlangt nach Wasserbächen, so verlangt meine Seele nach dir, o Gott (Ps 41,2). Am Tag der Taufe wurde er vom Kardinal gefragt: „Was willst du von der Kirche Gottes?“ – „Den Glauben!“ – „Was schenkt dir der Glaube?“ – „Das ewige Leben!“ – „Welchen Namen willst du tragen?“ – „Maria!“ – „Glaubst du an Jesus Christus?“ – „Ich glaube an ihn!“ Als Marie-Alphonse Ratisbonne sein vom Taufwasser benetztes Haupt erhob, war sein Herz von unbeschreiblichem Glück erfüllt: Er war nun Christ! Unmittelbar danach empfing er auch das Sakrament der Firmung, und an–schließend folgte das heilige Messopfer; als der Kardinal die geweihte Hostie zwischen die Lippen des frischgetauften Christen legte, schluchzte dieser laut auf: „In diesem Augenblick spürte ich ganz intensiv die reale Gegenwart des Herrn.“

Seine Familie hatte versucht, die Taufe zu verhindern: „Es ist eine abscheuliche Sache, den Glauben seiner Vorfahren zu verleugnen!“ – „Ach!“ erwiderte Alphonse. „Ich lehne nicht den Glauben Abrahams und Moses ab, ich lehne nicht die Weissagungen Jesajas und Malachias ab, ich lehne weder David noch Salomo ab ... Aber ich lehne Judas ab.“ Denkt nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen aufzuheben, sondern zu erfüllen (Mt 5,17), sagte Jesus; den ungläubigen Jüngern auf dem Weg nach Emmaus zeigte er, was in allen Schriften sich bezieht auf ihn (Lk 24,27). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts publizierten zwei ursprünglich jüdische, dann bekehrte und zu Priestern geweihte Brüder, Augustin und Joseph Lémann, die Ergebnisse ihrer sorgfältigen Untersuchung der Heiligen Schrift: „Wird ein Jude Katholik, so wechselt er nicht seine Religion: Er ist der religiöse Mensch par excellence, dem Vollendung zuteil wird ... Das neue Gesetz ist nur die Erfüllung und Vollendung des alten Gesetzes; bei beidem ist derselbe Gott Gesetzgeber, bei beidem ist Jesus Christus Mittelpunkt und Ziel des Gesetzes.“ Beim Eintritt in die Katholische Kirche finde das Kind Israels das Verlorene wieder: „Er findet überall den Tempel, den Altar und das ewige Opfer wieder; er findet die Psalmenverse und die Worte der Propheten wieder; er findet das Manna wieder, oder besser gesagt das, was es vorweggenommen hat: das lebendige Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist, um uns heimzuführen.“ Ein neues Priestertum trete an die Stelle des levitischen Priestertums ... „Unser Jerusalem, die Stadt Davids, ist nur noch ein Schatten. Doch es hat sich ein neues Jerusalem erhoben. Seine Atemluft ist die Liebe, seine Wahrheit die Sonne, sein Band die römische Einheit ... Sein Anliegen und sein Ziel ist das Heil; der Majestät Gottes wird dort ein einziges allmächtiges Opfer dargebracht vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang (Mal 1,11): die weiße und reine Hostie!“ Die Kontinuität zwischen dem alten Israel und der Kirche wurde auch vom II. Vatikanischen Konzil bestätigt:

„So anerkennt die Kirche Christi, dass ... die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten finden. Sie bekennt, dass alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und dass in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist“ (Nostra ætate, 4).

Alphonse kehrte Anfang März nach Paris zurück. Die Nachricht des Wunders vom 20. Januar verbreitete sich bereits damals bis in die protestantischen Länder hinein und führte zu einem Wiederaufleben der Marien-Verehrung und zahlreichen Bekehrungen. 75 Jahre später, am 20. Januar 1917, gründete der künftige Märtyrer Maximilian Kolbe auf eine Inspiration der Gottesmutter hin die „Militia Immaculatæ“, deren gemeinsames Erkennungszeichen die wundertätige Medaille wurde. Am 12. April 1842 begab sich Marie-Alphonse zum Pfarrer von Notre-Dame-des-Victoires und sagte: „Meine Familie gibt mich frei. Diese Freiheit weihe ich Gott.“ Am 14. Juni trat er ins Noviziat der Jesuiten in Toulouse ein und war zehn Jahre lang Mitglied der Societas Jesu.

Zu den Schafen des Hauses Israel

In der Zwischenzeit ging sein Bruder, Abbé Théodore,  daran, seinen innigsten Wunsch zu verwirklichen: „Geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 10,6). Er gründete in Jerusalem erst das Katechumenat für jüdische Kinder, dann die Sionsschwestern und schließlich die Brüder Unserer Lieben Frau von Sion. Marie-Alphonse nahm Anteil an den Werken seines Bruders und unterstützte sie nach Kräften, soweit sein Gehorsamsgelübde es zuließ. Bald dachte er daran, den Jesuitenorden zu verlassen und sich seinem Bruder anzuschließen. Im Dezember 1852 wurde er von Pater Roothan von seinen zeitlichen Gelübden entbunden, und er schloss sich den Sionsbrüdern an.

Die beiden Brüder wollten selber Ausgeschlossene sein ... zum Besten ihrer Brüder, aus denen dem Fleische nach Christus stammt (Röm 9,3-5). Théodore starb am 7. Januar 1884 in Paris, Marie-Alphonse am 6. Mai 1884 in Jerusalem. Sein letztes Wort - „Gott ist mein Zeuge, dass ich mein Leben für das Heil Israels opfere“ - ging auf das Wort des heiligen Paulus zurück: Der Wunsch meines Herzens und mein Flehen zu Gott geht um sie und ihr Heil (Ibid. 10,1).

Möge seine durch die wundertätige Medaille herbeigeführte aufsehenerregende Bekehrung uns zu der Einsicht führen, dass die Zuflucht zur unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria ein mächtiges Bollwerk gegen die Angriffe des Teufels sowie das wirksamste Mittel ist, um Seelen für Gott zu gewinnen.

O Maria ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen!

Dom Antoine Marie osb

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