Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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16. Mai 2013
Hl. Johannes Nepomuk


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

1836 Abbé Desgenettes, der Pfarrer von Notre-Dame-des-Victoires in  Paris ist entmutigt. Seit vier Jahren versucht er vergeblich, die  Gleichgültigkeit eines in materiellen Interessen befangenen Bürgertums zu überwinden; er denkt ernsthaft an Rücktritt, bis er am 3. Dezember während der Messe am Altar der Gottesmutter innerlich mehrfach den Satz vernimmt: „Weihe deine Pfarrei dem heiligsten und unbefleckten Herzen Mariens.“ Der Abbé legt seine Pfarrei in die Hände der Jungfrau Maria, und alles ändert sich: Seine Kirche wird gleichsam zur „Zuflucht der Sünder“ und weltberühmt. Wer war dieser Priester, der eine solche Wirkung entfalten sollte?

Ein aufbrausendes Temperament

Am 10. August 1778, in Alençon (Normandie) freute  sich die Familie des Verwaltungsbeamten Charles-Guillaume Desgenettes über die Geburt ihres Sohnes Charles-Éléonore. Das Kind wurde von seiner Mutter sehr früh zum Glauben und zur Frömmigkeit erzogen. Er war mit einem lebendigen Verstand und einem bemerkenswerten Gedächtnis begabt, musste jedoch sein aufbrausendes, mitunter sogar streitlustiges Temperament zähmen; er pflegte kleine Kapellen für die Seligste Jungfrau zu basteln und dort regelmäßig um Vergebung zu bitten, weil er seiner Mutter Kummer bereitet hatte. Er war sensibel, freigiebig und aufrichtig, zugleich aber auch entschieden, mitunter sogar stur. Obwohl er im Religionsunterricht Klassenbester war, wurde seine Erstkommunion aus Disziplinierungsgründen um sechs Wochen verschoben. Bereits mit zwölf Jahren erwog er, Priester zu werden. Charles kam auf ein Kolleg nach Chartres und fiel dort durch seine Kirchentreue auf; er weigerte sich, bei einem Priester zu beichten, der den schismatischen Treueeid zur Staatkirche geschworen hatte. Die Hinrichtung Ludwigs XVI. am 21. Januar 1793 veranlasste Vater Desgenettes, von seinem Amt zurückzutreten. Er wurde verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, sein Hab und Gut beschlagnahmt; die Familie geriet in große Not. Um sie zu lindern, durchstreifte Charles die Gegend nach Lebensmitteln und wurde von den Bauern großzügig beschenkt. Er knüpfte Kontakte zu romtreuen Priestern, die sich verstecken mussten, um dem Gefängnis bzw. dem Schafott zu entgehen. Frau Desgenettes unternahm viele vergebliche Versuche, die Freilassung ihres Mannes zu erreichen. Am 4. August 1794 platzte dem sechzehnjährigen Charles der Kragen: Er begab sich zum Revolutionsklub von Dreux, und man gestattete ihm, das Wort zu ergreifen. Die Rede des Sechzehn–jährigen bewirkte nicht nur die Freilassung seines Vaters, sondern auch die von rund hundert weiteren Gefangenen.

Diese Erfahrung ließ den jungen Mann reifen und bestärkte ihn in seiner Berufung; seine Familie, entsetzt über die Leiden, die die Priester ertragen mussten, war jedoch dagegen. Als Charles bald an Typhus erkrankte und in Todesgefahr schwebte, gelobte er, sich Gott zu weihen, wenn er geheilt würde; anschließend fiel er in einen Heilschlaf und wachte am folgenden Morgen völlig gesund wieder auf. Beherzt begann er nun Priester im Untergrund zu versorgen und bei einem von ihnen Theologie zu studieren. Erst nach Zustandekommen eines Abkommens zwischen Kirche und Staat konnte er 1803 in das Priesterseminar von Sées eintreten. Etwas bereitete ihm allerdings auch danach große Sorgen: das Seelenheil seines Vaters, der jede religiöse Praxis aufgegeben hatte. Er bat seine Mutter und seine Schwester, einen Monat lang verstärkt für die Bekehrung des Vaters zu beten; zur großen Freude aller wurden ihre Gebete bald erhört.

An Trinitatis 1805 (9. Juni) wurde Charles zum Priester geweiht und danach zum Vikar in der Pfarrei Saint-Germain d’Argentan ernannt; ein heikler Posten, weil sich dort Anhänger des verfassungsmäßigen – von der Revolutionsregierung eingesetzten – Bischofs und romtreue Katholiken gegenüberstanden. Der junge Vikar hatte die Aufgabe, die Kinder im Katechismus zu unterweisen; er unterrichtete in der Kirche, um feierlicher zu wirken und zugleich auch die erwachsenen Gemeindeglieder anzusprechen. Schon bald gelang es ihm, die gegnerischen Parteien miteinander zu versöhnen.

1815 erwog Charles, dem kurz zuvor von Papst Pius VII. wieder zugelassenen Jesuitenorden beizutreten. Er sprach mit Pater de Clorivière darüber, einem alten Jesuit, der sich für die Wiederbelebung des Ordens in Frankreich einsetzte. Die beiden vereinbarten, am 8. September jeweils eine Messe zu lesen, um durch die Fürsprache der Gottesmutter vom Heiligen Geist Klarheit zu bekommen. Das anschließende Urteil des Jesuiten fiel eindeutig aus: „Sie müssen unbedingt für immer auf Ihren Plan verzichten; Gott will, dass Sie Gemeindepfarrer werden, so werden Sie mehr Gutes bewirken.“ – „Ich, Gemeindepfarrer? Niemals! Schon zweimal habe ich dieses Amt abgelehnt“, erwiderte Abbé Desgenettes, der sich eher als Prediger, Beichtvater und Erzieher sah. „Noch vor Ende dieses Jahres werden Sie Ihre Ernennung erhalten“, antwortete der Jesuit. „Man wird Sie einer Pfarrei zuweisen, in der Sie viel zu leiden haben werden, aber auch viel Gutes bewirken können. Nach einigen Jahren werden Sie dann in eine andere Stadt versetzt.“

Beharrliche Nächstenliebe

1816 wurde Abbé Desgenettes tatsächlich zum Pfarrer der Gemeinde Saint-Pierre de Montsort bei Alençon ernannt. Die Vorstadt Montsort war wegen der revolutionären Haltung und Sittenlosigkeit ihrer Einwohner berüchtigt. Durch seine beharrliche Nächstenliebe gelang es dem Abbé innerhalb von vier Jahren, viele Hindernisse abzubauen und einen Wandel zu bewirken. Gleichwohl setzten ein paar hartnäckige Widersacher beim Kultusminister seine Abberufung durch. Er begann an seiner Eignung zum Seelsorger zu zweifeln und erwog, sich andere Aufgaben zu suchen. Doch seine Erfolge in der Seelsorge sprachen sich herum und kamen auch Abbé Desjardin zu Ohren, dem Pfarrer der Gemeinde um das Pariser Missionsseminar: Er war so begeistert, dass er Abbé Desgenettes als Vikar haben wollte und den Bischof von Sées bat, ihn nach Paris auszuleihen. Sein Antrag wurde bald bewilligt.

Charles Desgenettes kam im März 1819 in Paris an. Ab Oktober wurde er Abbé Desjardins Nachfolger und war nun, ob er wollte oder nicht, Pfarrer einer Pariser Gemeinde mit Hunderten von Armen. Die Katechese am Sonntagabend war extra für diese reserviert; jeder Teilnehmer konnte sicher sein, hinterher mit einem Brot- und Holzgutschein nach Hause zu gehen. Der Abbé bat nicht nur die Reichen zur Kasse: Er opferte auch seine eigene Sparbüchse, um ein Erziehungswerk namens La Providence de Saint-Charles zu gründen, das von König Karl X. großzügig gefördert wurde. 1829 bekam Abbé Desgenettes einen neuen Vikar: Es war der künftige Dom Guéranger, den er bei der Restaurierung der Abtei Solesmes und bei der Wiedereinführung des Benediktinerordens in Frankreich unterstützte. Im Juli 1830 brach eine Revolution aus. Abbé Desgenettes, dessen Werke mit denen des abgesetzten Königs verbunden waren, geriet ins Visier der Aufständischen; er trat von seinem Amt zurück und machte sich auf den Weg nach Fribourg in die Schweiz. Doch als im Frühjahr 1832 in Paris eine Cholera–epidemie ausbrach, entschloss er sich zur Rückkehr und wurde von Erzbischof Quélen zum Pfarrer von Notre-Dame-des-Victoires ernannt. Die Kirche war 1629 zur Erinnerung an die Siege Ludwigs XIII. gegründet worden und hatte den Unbeschuhten Augustinern gehört. Die Marien-Verehrung dort ging auf einen Angehörigen des Ordens, Bruder Fiacre, zurück: Er hatte im November 1637 von Gott den Auftrag erhalten, die bevorstehende Geburt des Dauphins, des künftigen Ludwigs XIV., anzukündigen und die offizielle Weihe Frankreichs an die heilige Jungfrau voranzutreiben. Auf seine Initiative hin wurde Maria an diesem Ort als „Mutter der Barmherzigkeit“ und „Zuflucht der Sünder“ verehrt.

Eine große Überraschung

Doch seither hatte die Revolution ganze Arbeit gelei- stet, und Abbé Desgenettes zählte sonntags beim Hochamt nur rund vierzig Teilnehmer – in einer Pfarrei mit vierzigtausend Seelen! Vier Jahre lang quälte er sich durch eine „Wüste“. „Vergeblich steigt der Priester auf die Kanzel, um dort das Brot des Wortes zu brechen“, sagte er. „Niemand ist da, um ihm zuzuhören. Eine Handvoll Christen, die sich davor fürchten, wie Christen auszu–s–ehen, das ist die ganze Herde. Die anderen gehen darin auf, Zinsen und Gewinne zu zählen, oder ertrinken in zügelloser Wollust und Leidenschaft und kennen weder Kirche noch Pastor.“ Während der Samstagsmesse am 3. Dezember 1836 hatte er plötzlich eine Eingebung: Er entwarf Statuten für eine Gebetsvereinigung zur Bekehrung der Sünder und lud die Gläubigen für Sonntag, den 11. Dezember, zur Vesper ein, um durch die Fürsprache des Herzens Mariens gemeinsam für die Bekehrung der Sünder zu beten. Den ganzen Sonntag über sorgte sich der arme Pfarrer und hoffte, dass zumindest ein paar Gemeindeglieder kämen. Zu seiner großen Überraschung waren am Abend fünfhundert Personen – darunter viele Männer – gekommen! Viele von ihnen bekannten später: „Wir wussten nicht, warum wir da waren.“ Die während der Vesper noch passive Gemeinde beteiligte sich inbrünstig am eucharistischen Segen. Sie sang spontan dreimal die Anrufung der Gottesmutter aus der Lauretanischen Litanei: „Du Zuflucht der Sünder, bitte für uns.“ Tief gerührt bat Abbé Desgenettes Unsere Liebe Frau sogleich um ein Zeichen der Zustimmung für seine Vereinigung, nämlich um die Bekehrung von Étienne-Louis-Hector de Joly, einem Mitglied der Gemeinde und früheren Justizminister unter Ludwig XVI. Der Geistliche hatte mehrfach vergeblich versucht, sich dem blinden und kranken Greis zu nähern; am 12. Dezember wurde er plötzlich bei ihm vorgelassen. Schon nach wenigen Minuten öffnete sich die Seele des alten Mannes der Gnade: Er war bekehrt.

Die Vereinigung wurde am 16. Dezember kanonisch errichtet, und man konnte ihr ab dem 12. Januar 1837 offiziell beitreten. Vor Jahresende gab es bereits 214 Vereinsmitglieder. Nun hatte Abbé Desgenettes seine Mission erkannt: arme Sünder zu Maria führen und so das Wirken Satans in den Seelen und in der Gesellschaft bekämpfen. Die Vereinsmitglieder wohnten am ersten Samstag des Monats der hl. Messe bei und versammelten sich sonntagabends, um gemeinsam bestimmte geist–liche Übungen zu verrichten. Sie „sollen sich darauf besinnen, dass sie den Schutz des heiligsten und unbefleckten Herzens Mariens vor allem durch die Reinheit ihres Herzens erlangen können. Sie sollen sich bemühen, ihn durch gründliche Beichten und häufige Kommunion zu verdienen.“ Denn, wie Abbé Desgenettes sagte, „wir bitten mit Jesus Christus, also durch Jesus Christus um die Bekehrung der Sünder, indem wir bei ihm den Einfluss und die Fürsprache des heiligsten Herzens seiner erhabenen Mutter geltend machen“.

„Die Welt dem unbefleckten Herzen Mariens anvertrauen, bedeutet, unter das Kreuz ihres Sohnes zurückzukehren“, sagte der selige Johannes-Paul II. „Mehr noch, es heißt, die Welt dem durchbohrten Herzen des Heilands anzuvertrauen, sie auf die Quelle der Erlösung zurückzuverweisen. Die Erlösung übertrifft stets die Sünde des Menschen und die Sünde der Welt. Die Macht der Erlösung ist allen Möglichkeiten zum Bösen, die dem Menschen und der Welt innewohnen, unendlich überlegen. Das Herz der Gottesmutter ist dessen bewusster als jedes andere im ganzen Universum. Deswegen ruft es. Es ruft nicht nur zur Umkehr auf, sondern auch dazu, dass wir uns von ihr, der Mutter helfen lassen, um zur Quelle der Erlösung zurückzukehren“ (Fatima, 13. Mai 1982).

Unzählige Bekehrungen

Anfangs wurde die Inbrunst der Vereinsmitglieder mit  aufsehenerregenden Gnadengaben belohnt. Es gab weder Verleumdungen noch Spott, wie das später der Fall war. In einem Brief vom Juni 1837 schrieb Abbé Desgenettes: „Unzählige spektakuläre Bekehrungen haben stattgefunden, und sie betrafen größtenteils Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Zuvor war meine Gemeinde das Zentrum der Gleichgültigkeit und Gottlosigkeit gewesen. Und nun hat sie mir in erstaunlicher Weise Trost gespendet. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Beichten abgenommen wie seit letztem Dezember. Zu den Neubekehrten zählen mehrere systematische Atheisten, ehemalige Freimaurer ... Alle leben heute christlich, mehrere führen sogar ein engelgleiches Leben.“ Am 24. April 1838 erhob Papst Gregor XVI. die Vereinigung zur Erzbruderschaft: Fortan durfte sie Gläubige und katholische Gemeinschaften aus der ganzen Welt aufnehmen. Beim Tode von Abbé Desgenettes im Jahre 1860 hatten sich über 800000 Einzelpersonen und um die 14000 christliche Gemeinschaften (Pfarrgemeinden, Kongrega–tionen, Schulen ...) der Erzbruderschaft angeschlossen. 1845 ersuchte auch der Pfarrer von Ars, Jean-Marie Vianney, um die Aufnahme seiner Pfarrei, obwohl er sie ursprünglich bereits am 1. Mai 1836, also sieben Monate früher als Abbé Desgenettes, dem unbefleckten Herzen Mariens geweiht hatte.

Der Pfarrer von Notre-Dame-des-Victoires war überzeugt, dass zwischen seiner Kirche und der Kapelle in der Rue du Bac, wo die Gottesmutter 1830 der heiligen Catherine Labouré erschienen war und ihr die Prägung der sogenannten „wunderbaren“ Medaille aufgetragen hatte, eine enge Verbindung bestand. Er betrachtete die Medaille als Gnadenquelle und ließ sie durch die Erzbruderschaft verbreiten. Die Offenbarung von Paray-le-Monial führte er ebenfalls auf die Anrufung des Herzens Mariens zurück: „Ihr habt alle meine Gnaden wirkungslos gemacht“, ließ er den Herrn Jesus sagen. „Ich gebe euch nun ein neues Unterpfand meiner Liebe und meiner Milde. Geht zu meiner Mutter, vertraut die Last eurer Sünden und Gewissensbisse ihrem mitleidigen Herzen an. Beschwört sie bei der Liebe, den Vorzügen und der Kraft ihres Herzens; sie wird für euch Fürbitte einlegen.“ Am 1. Januar 1839 erschien die erste Auflage des Handbuchs der Erzbruderschaft, in dem der Gründer über die bekanntesten Gnadenbeweise berichtete. Es folgten die sogenannten Annalen (Jahrbücher), die von Missionaren in aller Welt vertrieben wurden. Großen Widerhall fand die Bekehrung von Alphonse Ratisbonne im Jahre 1842 in Rom, dessen älterer Bruder Théodore bereits seit 1830 Priester und seit 1839 Mitglied der Erzbruderschaft war. Abbé Desgenettes bat letzteren um einen detaillierten Bericht über Alphonses Bekehrung und veröffentlichte ihn im April 1842 in den Annalen. Von da an strömten die Besucher massenhaft nach Notre-Dame-des-Victoires.

„Ein Spielball meiner Ungeduld“

Nach dem Morgengebet begab sich der Abbé jeden  Morgen um 6 Uhr in die Kirche, nahm bis 9 Uhr Beichten ab und feierte anschließend die hl. Messe, der er eine ausgiebige Danksagung folgen ließ. Tagsüber empfing er alle möglichen Leute sehr freundlich und schleppte sie mitunter eigenhändig zum Beichtstuhl. Er reagierte allerdings ungehalten, wenn man ihn dabei störte: „Meine Zeit gehört den Sündern, und sie sind zahlreich.“ So handelte sich die heilige Sophie Barat, die Gründerin der Sacré-Cœur-Schwestern, eines Tages eine unwirsche Antwort ein, als sie ihm in Anwesenheit ihrer Novizinnen erklärte: „Wir freuen uns, dass Sie für die Bekehrung der armen Sünder beten lassen; wir sind ja alle Sünderinnen!“ – „Liebe Mutter“, erwiderte er, „ich habe anderes zu tun als mich ausgerechnet um solche Sünderinnen zu kümmern!“ Abbé Desgenettes war sich seiner Fehler durchaus bewusst. Zweimal pro Jahr – an seinem Namenstag sowie am Jahrestag seiner Ordination – leistete er öffentlich Abbitte für seine Verfehlungen: „Ich habe meinen Charakter nicht bezwungen, als ich jünger war, und so bin ich heute ein Spielball meiner Ungeduld; all diese Schwächen, die ich vor Gott und euch beklage, werden mich lange Jahre in den Flammen des Fegefeuers schmoren lassen, wenn Gott sich meiner armen Seele nicht erbarmt und Maria, meine gute Mutter, keine Fürsprache für mich einlegt.“

Ein Fegefeuer auf Erden bereiteten ihm jedenfalls die Verleumdungen, denen er ausgesetzt war. Die Erzbruder-schaft brachte ihm nämlich nicht nur Freunde ein, wie Pater Libermann bezeugte: „Er ist ein Heiliger und ein Mann von großer Weisheit. Alles, was es an schlechten Geistlichen in Paris gibt, ereifert sich gegen ihn; er lässt sie gewähren, ohne jemals etwas zu seiner Rechtfertigung zu unternehmen ... In Bezug auf die Erzbruderschaft behaupten sie voller Neid, der heilige Mann habe sie nur gegründet, um Geld zu scheffeln. Wenn alle Kirchenleute so Geld scheffeln würden wie er, wäre das ein großes Glück für die Armen ... Er hat mir Briefe aus aller Welt gezeigt: Sie melden Wunder, die durch die Gebete der Erzbruderschaft erwirkt worden sind, plötzliche Wunderheilungen unheilbar Kranker, unverhoffte Bekehrungen.“ Von den vielfältigen Gnadengaben zeugen heute noch die 37000 Votivtafeln des Heiligtums.

Seine letzte Messe in Notre-Dame-des-Victoires feierte Abbé Desgenettes am 4. November 1858, seinem Namenstag, in einer kleinen Kapelle neben seinem Zimmer, denn er war 80 Jahre alt und gehbehindert. Danach litt er noch achtzehn Monate lang unter den Gebrechen des Alters. In seinen letzten Tagen konnte er kaum sprechen, dennoch wollte er die Gläubigen am Guthirtensonntag, dem 22. April 1860, unbedingt noch einmal segnen. Seine letzten Worte auf der Kanzel waren ebenso wie sein ganzes Leben von Schlichtheit und Mut geprägt: „Betet, haltet durch, und ihr werdet triumphieren. Die Verehrung des heiligen und unbefleckten Herzens Mariens ist Grundlage und Mittelpunkt jeder Frömmigkeit.“ Am 25. April gab er seine Seele in Gottes Hand zurück. Eine riesige Menschenmenge erwies ihm die letzte Ehre, bevor er in seiner Kirche zu Füßen der Gottesmutter beigesetzt wurde. Die Nachricht vom Tod des heiligen Priesters war überaus schmerzlich für den seligen Papst Pius IX., der früher einmal gesagt hatte: „Die Erzbruderschaft vom Herzen Mariens ist ein Werk Gottes, sie ist ein auf Erden verwirklichter Gedanke des Himmels; sie wird das Kapital der Kirche sein.“

Weniger als sechzig Jahre später (1937) erschien Unsere Liebe Frau drei Kindern in Fatima (Portugal), um auch selbst die Verehrung ihres unbefleckten Herzens zu empfehlen, zur Umkehr sowie zur Reue über die eigenen Sünden zu mahnen und dazu aufzurufen, unserem so oft beleidigten Herrn keinen Kummer zu bereiten sowie den Rosenkranz zu beten. „Im Lichte der mütterlichen Liebe wird die ganze Botschaft der Dame von Fatima verständlich“, sagte der selige Johannes-Paul II. „Was den Menschen auf seinem Wege zu Gott am meisten aufhält, ist die Sünde, die Verstocktheit in der Sünde und schließlich die Leugnung Gottes ... Das ewige Heil des Menschen findet sich in Gott allein. Wenn die Zurückweisung Gottes seitens des Menschen endgültig wird, führt er logischerweise zur Zurückweisung des Menschen von Gottes Seite, in die Verdammnis. Wenn nun unsere Mutter mit der ganzen Kraft ihrer Liebe durch den Heiligen Geist das Heil eines jeden Menschen wünscht, kann sie zu den Gefahren schweigen, die die Grundlagen des Heils bedrohen? Nein, das kann sie nicht!“ (Fatima, 13. Mai 1982).

Versuch mich zu trösten

Am 13. Juni 1917 erklärte Maria dem  ältesten der Kinder von Fatima, Lucia: „Jesus möchte auf Erden die Verehrung meines Unbefleckten Herzens begründen. Wer sie annimmt, dem verspreche ich das ewige Heil, und diese Seelen werden von Gott geliebt wie die Blumen, die von mir hingestellt sind, um seinen Thron zu schmücken.“ Am 10. Dezember 1925, in einer neuen Erscheimung, führte sie das weiter aus: „Meine Tochter, schau mein Herz, umgeben von Dornen, mit denen es die undankbaren Menschen durch ihre Lästerungen und Undankbarkeiten ständig durchbohren. Suche wenigstens du mich zu trösten und teile mit, dass ich verspreche, all jenen in der Todesstunde mit allen Gnaden, die für das Heil ihrer Seelen notwendig sind, beizustehen, die fünf Monate lang jeweils am ersten Samstag beichten, die heilige Kommunion empfangen, einen Rosenkranz beten und mir während 15 Minuten durch Betrachtung der 15 Rosenkranzgeheimnisse Gesellschaft leisten in der Absicht, mir dadurch Sühne zu leisten.“

Bitten wir in diesem Jahr des Glaubens die Gottesmutter, die selig ist, weil sie geglaubt hat (Lk 1.45), diese göttliche Tugend in unseren Herzen aufblühen zu lassen, auf dass alle unsere Handlungen von ihrem Licht geleitet werden.

Dom Antoine Marie osb

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