Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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25. Dezember 2012
Weihnachten


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

In der Gesamtgeschichte Europas stellt das Christentum zweifellos ein zentra- les und prägendes Element dar“, sagte der selige Papst Johannes-Paul II. am 1.  Oktober 1999, als er die heilige Birgitta von Schweden, die heilige Katharina von Siena und die heilige Theresia Benedicta vom Kreuz zu Mitpatroninnen Europas erklärte. „Der christliche Glaube hat die Kultur des Kontinents geformt und sich mit seiner Geschichte unlösbar verflochten ... Denn zahllos sind die Christen, die durch ihr von der Liebe zu Gott und zum Nächsten beseeltes, rechtschaffenes und aufrichtiges Leben in den verschiedensten Berufen als Geistliche, Ordensleute und Laien eine Heiligkeit erlangt haben, die in ihrer Verborgenheit echt und weit verbreitet war. Die Kirche zweifelt nicht daran, dass gerade dieser Schatz der Heiligkeit das Geheimnis ihrer Vergangenheit und die Hoffnung ihrer Zukunft ist ... Die Rolle der heiligen Katharina von Siena hat in den Entwicklungen der Kirchengeschichte und selbst bei der lehrmäßigen Vertiefung der geoffenbarten Botschaft tiefe Anerkennung gefunden, die in der Verleihung des Titels einer Kirchenlehrerin gipfelte.“

Katharina wurde zusammen mit ihrer Zwillings-schwester Gianna – nach 22 älteren Geschwistern – als Tochter des Pelzfärbers Giacomo Benincasa und seiner Frau Lapa am 25. März 1347 in Siena (Italien) geboren. Gianna starb bald; 1348 adoptierten die Eltern Benincasa einen zehnjährigen Waisenknaben namens Tommaso della Fonte. Von Kindheit an empfand Katharina eine tiefe Zuneigung zu Gott und Maria. Bereits mit 5 Jahren konnte sie das „Gegrüßet seist du, Maria“ voller Andacht beten und hatte Freude daran, es z.B. beim Treppensteigen auf jeder Stufe zu wiederholen. Später empfahl sie immer wieder, man möge sich mit allen Anliegen an Maria wenden: „Maria ist unsere Fürsprecherin, die Mutter der Gnade und der Barmherzigkeit. Sie ist ihren Dienern gegenüber nicht undankbar.“ Mit knapp 6 Jahren hatte Katharina ihre erste Vision, die sie in ihrem Glaubenseifer weiter bestärkte: Christus segnete sie. Im Rahmen ihrer religiösen Erziehung las sie viel über das Leben von Heiligen, Einsiedlern und Wüstenvätern und versuchte bald, diesen durch ein asketisches und zurückgezogenes Leben nachzueifern. Katharina fühlte sich sehr zum Dominikanerorden hingezogen, zumal Tommaso ab 1353 dort Novize war, und legte bereits mit 7 Jahren ein Keuschheitsgelübde ab.

Vorstellungsgabe

Ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Bonaventura  zuliebe ließ sich Katharina ab dem Alter von etwa 12 Jahren sehr elegant kleiden. Im August 1362 starb Bonaventura im Wochenbett. Nach der Trauerzeit sollte Katharina bald verheiratet werden, doch sie wehrte sich heftig. Die Eltern wandten sich an Tommaso. Als dieser die Entschlossenheit Katharinas zu einem gottgeweihten Leben sah, riet er ihr, sich einfach die Haare abzuschneiden. Die Eltern reagierten zutiefst verärgert. Katharina wurde bestraft, gehänselt und aus ihrem Zimmer vertrieben, wo sie viel Zeit allein mit Beten verbracht hatte. Ihre Mutter hatte keinerlei Verständnis für sie und zwang sie, fortan die Magd im Haus zu ersetzen. Da beschloss Katharina, in ihrem Inneren gleichsam eine „kleine Klosterzelle“ einzurichten, in die sie sich während der Arbeit mit Jesus zurückzog. Um ihre Andacht und ihren Gehorsam zu steigern, stellte sie sich vor, ihre Mutter sei die heilige Gottesmutter, ihr Vater Jesus, ihre Geschwister die Jünger Christi und die heiligen Frauen ... So konnte Katharina dank ihrer Vorstellungsgabe inmitten der Welt kontemplativ leben; sie konnte in der Welt sein, ohne weltlich zu sein, und dem Alltagsleben viele Gelegenheiten zur Begegnung mit Gott abgewinnen. Ihre Schüler lehrte sie später: „Alle Werke, die wir für unseren Nächsten oder für uns selbst aus Liebe tun, und mögen sie noch so äußerlich sein, sind ein Gebet, sofern sie in heiliger Absicht verrichtet werden.“

Eines Tages erschien Katharina der heilige Dominikus im Traum und überreichte ihr die Tracht einer Dominikanerin. Angesichts ihrer Entschlossenheit war ihr Vater schließlich doch damit einverstanden, dass sie sich den Bußschwestern des heiligen Dominikus anschloss (die wegen ihres schwarzen Umhangs – italienisch mantellata - Mantellaten genannt wurden); die Gemeinschaft bestand im Wesentlichen aus Witwen, die sich karitativen Werken widmeten und einmal wöchentlich zusammenkamen, um gemeinsam die Messe zu besuchen und religiöse Unterweisung zu erhalten. Katharina wurde allerdings zunächst einmal abgewiesen: Die Schwestern fanden sie zu jung, vielleicht auch zu schwärmerisch. Aber schon bald konnte Katharina sie durch ihre mutige Haltung während einer schweren Krankheit so beeindrucken, dass sie sie doch aufnahmen: Sie wurde Ende 1364 eingekleidet.

„Wenn ich nicht dagewesen wäre ...“

Bereits während ihres Noviziats wurde der asketisch  lebenden Katharina die Gnade von Erscheinungen sowie von Gesprächen mit Jesus zuteil. Diese mystischen Gaben waren mitunter von Momenten des Zweifels, der Angst und starker Versuchungen begleitet. Nach einer solchen Versuchung wurde Katharina mit einer Erscheinung des Herrn belohnt: „Gütiger und sanftmütiger Jesus“, sprach sie zu ihm. „Wo warst du, als meine Seele von solchen Qualen gepeinigt wurde?“ – „Ich war in deinem Herzen, Katharina, denn ich lasse diejenigen nie im Stich, die sich nicht als Erste von mir abwenden, indem sie der Sünde huldigen.“ – „Wie? Du warst in meinem Herzen, während es von den abscheulichsten Gedanken überschwemmt wurde?“ – „Sag mal, Katharina, haben dir diese Gedanken Freude oder Traurigkeit bereitet?“ – „Ach, Herr! Unbeschreibliche Traurigkeit und unermesslichen Abscheu.“ – „Und was bewirkte deine Traurigkeit, wenn nicht meine Gegenwart in deinem Herzen? Wenn ich nicht dagewesen wäre, wärst du den Versuchungen erlegen: Ich habe bewirkt, dass du ihnen widerstehen konntest und dass du traurig warst. Und ich habe mich gefreut über deine Treue während dieses schmerzhaften Kampfes.“ In einem Brief zog Katharina folgende Lehre aus diesem Erlebnis: „Gott lässt die Versuchung zu, damit unsere Tugenden sich bewähren können ..., damit wir der Versuchung nicht erliegen, sondern sie besiegen dank des Vertrauens auf die göttliche Hilfe, das uns mit dem heiligen Apostel Paulus sagen lässt: Alles vermag ich im gekreuzigten Jesus, der in mir ist, und der mich stärkt (vgl. Phil 4,13).“

Mehrere Gestalten des Alten Testaments – Abel, Abraham, Hiob, Tobias – erinnern uns daran, dass Gott auch seine liebsten Freunde Heimsuchungen und Versuchungen aussetzt. Denn erst durch die Versuchung erfahren wir unsere Schwäche und die Schwere unserer Bosheit. Diese Einsicht lässt uns die Wahrheit erkennen; sie ist demütigend für uns und zugleich sehr hilfreich für unser Heil. Die Versuchung regt uns nämlich zu der Tugend an, die dem Laster, zu dem sie uns verführen will, genau entgegengesetzt ist. Sie lässt uns bei Gott Hilfe suchen im Gebet; in diesem Sinne ist sie sogar eine Quelle der Einheit mit Gott. Deswegen versichert uns der Katechismus der Katholischen Kirche: „Es gibt keine Heiligkeit ohne Entsagung und geistigen Kampf“ (Katechismus 2015).

1368 starb Katharinas Vater. Im gleichen Jahr hatte Katharina eine Vision, die sich ihrem Herzen für immer einprägte. Sie wurde von der Gottesmutter Jesus als Braut präsentiert, und er schenkte ihr einen herrlichen Ring mit den Worten: „Ich, dein Schöpfer und dein Heiland, verlobe mich mit dir in dem Glauben, den du immer rein erhalten sollst, bis du im Himmel deine ewige Vermählung mit mir feierst.“ Katharina konnte den Ring an ihrem Finger spüren und sehen, für andere blieb er unsichtbar. Von da an widmete sie sich vermehrt den Armen und Kranken und vollbrachte wahre Wunder für sie. Sie musste jedoch zugleich auch viel Spott und Verleumdung einstecken: Man warf ihr unter anderem einen üblen Lebenswandel vor.

Katharina besaß die Gabe der Tränen. Diese brachten eine tiefe Empfindsamkeit, eine große Emotions- und Liebesfähigkeit zum Ausdruck. Viele Heilige waren im Besitz der Gabe der Tränen und konnten die Gemütsbewegung Jesu nachempfinden, der seine Tränen am Grab des Freundes Lazarus und gegenüber der Trauer von Maria und Martha sowie – in den letzten Tagen seines Erdenlebens – angesichts Jerusalems nicht zurückgehalten und verborgen hat. „Denkt an den gekreuzigten Christus“, schrieb Katharina in einem Brief. „Blickt auf den gekreuzigten Christus, bergt euch in den Wunden des gekreuzigten Christus, versenkt euch in das Blut des gekreuzigten Christus“.“

„Die Lehre Mariens“

Katharinas Ruhm verbreitete sich, und sie entfaltete  eine rege spirituelle Beratungstätigkeit für Adlige und Politiker, Künstler und einfache Leute, geweihte Personen und Kleriker. Es entstand eine Gruppe von Schülern um sie, die sie anhielt, sich für das Heil ihres Nächsten einzusetzen. Diesen Einsatz nannte sie „die Lehre Mariens“, denn, so erklärte sie, „als Mensch war der Gottessohn von dem Wunsch getragen, zur Ehre seines Vater und für unser Heil zu wirken; und dieser Wunsch war so mächtig, dass er in seinem Eifer Leid, Schmach und Schande bis hin zu seinem elenden Kreuzestod auf sich nahm. Den gleichen Wunsch hegte auch Maria, denn sie konnte nichts anderes wünschen als die Ehre Gottes und das Heil seiner Geschöpfe.“ Als Katharina auch zu reisen begann, stieß ihre Rührigkeit sowohl in Siena als auch beim Dominikanerorden auf Befremden, und sie musste 1374 vor dem Generalkapitel der Dominikaner in Florenz erscheinen. Man wies ihr als geistlichen Ratgeber den heute noch als Seligen verehrten künftigen Generalmeister des Ordens, Raimund von Capua, zu, der nicht nur ihr Beichtvater, sondern auch ihr geistlicher Ziehsohn wurde.

Zu Pfingsten 1375 empfing Katharina die Stigmata Christi: Die Wundmale des Gekreuzigten an Händen, Füßen sowie an der Seite prägten sich ihrem Körper unsichtbar ein, wie sie darum gebeten hatte. Geistliches Leben bestand für sie in der Einheit mit Gott, der ein „Weg der Wahrheit“ sei; die beste Führung auf diesem Weg biete die Passion Christi: Sie sei „allen Büchern vorzuziehen“. Die Liebe wies Katharina den Weg in die Nachfolge Christi durch ein Leben der Askese, der Buße und des Dienstes am Anderen. Eines Tages wagte sie sich sogar in die Todeszelle des aus politischen Gründen verurteilten Niccolo di Toldo vor und beschwor ihn, sich mit Gott zu versöhnen. Ihr Besuch verwandelte den jungen Mann: Er beichtete, wohnte der Messe bei und empfing die hl. Kommunion. Zu seiner großen Freude war Katharina am Tag seiner Hinrichtung zur Stelle. Nachdem er mit den Namen Jesu und Katharinas auf den Lippen gestorben war, sah die Heilige, wie seine Seele ins Reich Gottes einging „wie die Braut, die die Schwelle zum Haus des Bräutigams überschreitet“. Niccolo di Toldo hatte also durch sie den Zustand der Gnade, das Wohlwollen Gottes, das Heil und somit das ewige Leben wiedergewonnen.

Ein unentbehrliches Amt

Ab 1375 engagierte sich Katharina für die Rückkehr  der Päpste aus Avignon (wo sie aus politischen Gründen seit 1309 residierten) nach Rom sowie für die Einheit und Unabhängigkeit der Kirche. „Die Kirche ist nichts anderes als Christus selbst“, schrieb sie, sie vermittele die Liebe Gottes zu den Menschen; die hierarchisch organisierte Kirche versehe ein unentbehrliches Amt für das Heil der Welt. Das war die Basis für Katharinas Respekt und leidenschaftliche Liebe zum Papst, den sie als „Christus auf Erden“ betrachtete und dem kindliche Zuneigung und kindlicher Gehorsam gebührten: „Wer dem Christus auf Erden, der den Christus im Himmel vertritt, (d.h. dem Papst) nicht gehorcht, der hat keinen Anteil am Blute des Gottessohnes.“ Somit nahm die Heilige das Dogma vom Primat des Papstes vorweg, das 1870 vom 1. Vatikanischen Konzil definiert wurde: Dem Papst gegenüber sind alle, Gläubige wie Hirten, „zu hierarchischer Unterordnung und zu wahrem Gehorsam verpflichtet. Und das nicht nur in Fragen des Glaubens und des sittlichen Lebens, sondern auch in allem, was zur Disziplin und zur Regierung der Kirche auf dem ganzen Erdenrund gehört. Wenn diese Einigkeit mit dem römischen Papst in den rechtlichen Gemeinschafts–beziehungen wie im Bekenntnis des gleichen Glaubens treu bewahrt ist, so wird die Kirche Christi wirklich zu Einer Herde unter Einem obersten Hirten. Das ist die katholische wahre Lehre: Von ihr kann niemand abgehen, ohne an seinem Glauben und an seinem Heil Schiffbruch zu leiden“ (Konstitution über die Kirche Christi, Kap. 3).

Katharinas Mahnungen waren die praktische Umsetzung der Mission, die sie von Gott erhalten hatte. Ihr ging es nicht darum, die Strukturen der Kirche zu verändern, gegen Geistliche zu rebellieren oder im Bereich des Kultus sowie der Disziplin Neuerungen einzuführen, sondern darum, der Braut Christi ihre ursprüngliche Berufung wiederzugeben. Denn „obwohl die Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes die treue Braut des Herrn geblieben ist und niemals aufgehört hat, das Zeichen des Heils in der Welt zu sein, so weiß sie doch klar, dass unter ihren Gliedern, ob Klerikern oder Laien, im Lauf so vieler Jahrhunderte immer auch Untreue gegen den Geist Gottes sich fand ... Vom Heiligen Geist geführt, mahnt die Mutter Kirche unablässig ihre Kinder zur Läuterung und Erneuerung, damit das Zeichen Christi auf dem Antlitz der Kirche klarer erstrahle“ (2. Vatikanisches Konzil, Gaudium et spes, Nr. 43).

„Die heilige Katharina“, sagte Papst Paul VI., „liebte die Kirche so, wie sie wirklich ist; sie hat, wie wir wissen, einen doppelten Aspekt: Der erste ist mystisch, spirituell und unsichtbar, er ist der wesentliche Aspekt und mit Christus, dem glorreichen Erlöser, verwoben ...; der zweite ist menschlich, historisch, institutionell und konkret, jedoch nie losgelöst vom göttlichen Aspekt zu sehen. Es ist fraglich, ob unsere heutigen Kritiker an der Institution der Kirche in der Lage sind, beiden Aspekten zugleich gerecht zu werden ... Katharina liebt die Kirche, wie sie ist, nicht wegen der menschlichen Verdienste derer, die ihr angehören oder die sie repräsentieren. Bedenkt man die Bedingungen, unter denen die Kirche damals existierte, so erkennt man, dass ihre Liebe anders motiviert war ... Die heilige Katharina schwieg nicht zu den Verfehlungen der Kirchenleute; indem sie ihre Stimme gegen die Dekadenz erhob, betrachtete sie diese sogar als einen zusätzlichen Grund, als eine Notwendigkeit, noch mehr zu lieben“ (Audienz vom 30. April 1969).

In seinen Armen

Die Erneuerung der Kirche betraf zunächst die  Kleriker, von denen Katharina eine hohe Meinung hatte. In ihrem Dialog über die göttliche Vorsehung lässt sie Gott sagen: „Ich wählte meine Diener zu eurem Heil aus, damit sie das Blut des einzigen, demütigen und unbefleckten Lammes, meines Sohnes, an euch weitergeben.“ Katharina setzte sich aber auch für eine Umkehr der Laien ein. An einen Mann, der fleischlichen Leidenschaften verfallen war, schrieb sie: „Geliebter Bruder, dämmere nicht länger in der Todsünde dahin! Ich sage dir: Die Axt rührt bereits an die Wurzel des Baumes. Nimm die Schaufel der Gottesfurcht und lass die Hand der Liebe sie führen. Leg die Verdorbenheit deiner Seele und deines Leibes ab. Sei nicht dein eigener Henker, indem du dir das sanfte Haupt, Jesus Christus, abschlägst!... Mach Schluss mit deinen Ausschweifun–gen. Ich habe es dir gesagt und wiederhole es: Gott wird dich bestrafen, wenn du dich nicht besserst; aber ich verspreche dir auch: Wenn du umkehren und die Zeit, die dir noch bleibt, nutzen willst, wird Gott so gütig, so barmherzig sein, dass er dir vergeben, dich in seine Arme schließen, dich am Blut des Lammes teilhaben lassen wird, das mit so viel Liebe vergossen wurde, dass es keinen Sünder gibt, dem keine Barmherzigkeit zuteil werden kann; denn die Barmherzigkeit Gottes ist größer als unsere Sorgen, sobald wir nur unser Leben ändern wollen.“

Katharina wusste, dass der Weg zur Heiligung über die Sakramente der Buße und der Eucharistie führt; an einen Schüler schrieb sie einmal: „Ihr müsst eure Seele oft vom Schmutz der Sünde reinigen durch eine gute und heilige Beichte und sie mit dem Brot der Engel nähren, das heißt mit dem süßen Sakrament des Leibes und des Blutes Jesu Christi, der Gott und Mensch zugleich war.“ Sie ließ unter ihren Schülern die selten gewordene Gewohnheit der häufigen Kommunion wiederaufleben; die beste Vorbereitung auf die sakramentale Kommunion war ihrer Ansicht nach die spirituelle Kommunion: Diese bestehe darin, die Eucharistie mit echtem, innigem Verlangen zu empfangen; dieses Verlangen müsse nicht nur im Moment der Kommunion, sondern zu jeder Zeit und an jedem Ort vorliegen.

Auf Bitten der Stadtoberen von Florenz brach Katharina im April 1376 nach Avignon auf, wo sie den Papst traf. Sie bat ihn um dreierlei: nach Rom zu fahren, einen großen Kreuzzug zu unternehmen und schließlich gegen Laster und Sünde inmitten der Kirche vorzugehen. In der Stadt Avignon wurde Katharina wegen ihres wachsenden Einflusses auf den Papst, aber auch wegen ihrer - mitunter in aller Öffentlichkeit stattfindenden - Ekstasen mit einigem Misstrauen beobachtet. Der Papst ließ sie insgeheim überwachen, doch man konnte ihr letztlich nichts vorwerfen.

Ein unermesslicher Schmerz

Der kränkliche französische Papst Gregor XI. verließ  Avignon am 13. September 1376 in Richtung Italien, wo gerade heftige Unruhen tobten, und traf am 16. Januar 1377 in Rom ein. Katharina fuhr zunächst nach Siena, dann im Auftrag des Papstes in die immer noch gegen das Papsttum rebellierende Stadt Florenz, die sie unter Hinweis auf den „gekreuzigten Christus und die sanfte Maria“ zu besänftigen suchte. 1378 hatte sie mehrere Ekstasen, die sie in ihren von fünf Schreibern aufgezeichneten Dialogen verarbeitete.

Am 27. März 1378 starb Papst Gregor XI. Bald darauf wurde Urban VI. zu seinem Nachfolger gewählt. Doch die - vor allem französischen - Kardinäle, die mit dem autoritären Stil des neuen Pontifex unzufrieden waren, hielten am 18. September 1378 eine Versammlung in Fondi ab und wählten ihrerseits Kardinal Robert von Genf zum Gegenpapst Clemens VII. Ein schwerwiegender Akt für Katharina, denn er führte zu einem (vierzig Jahre währenden) Schisma. Sie verließ Siena und kam am 28. November 1378 in Rom an. Sie wurde von Papst Urban VI. empfangen, der in ihrer Anwesenheit eine wichtige Unterstützung sah. Da die Spaltung der Kirche sie überaus schmerzlich berührte, begann sie einen Gebetskreuzzug und appellierte an alle, mit christlicher Liebe zu handeln, um die Probleme der Christenheit zu lösen. Sie rief Fürsten und Städte zum Gehorsam gegenüber dem Papst auf und bat Ordensleute und Einsiedlermönche um Unterstützung für den Papst. Am 29. Januar 1380 geriet Katharina bei ihrem letzten Besuch im Petersdom in Ekstase und sah Jesus, wie er zu ihr trat und das schwere, unruhige Schiff der Kirche auf ihre schmalen Schultern legte; unter der gewaltigen Last brach sie ohnmächtig zusammen. Durch ihre vielen Bußübungen zusätzlich geschwächt und krank, verabschiedete sie sich bald danach von ihren Freunden. Als sie am 29. April ihr Ende nahen fühlte, betete sie noch einmal insbesondere für die katholische Kirche und für den Heiligen Vater. Bevor sie starb, erklärte sie: „Ich habe mein Leben in der Kirche vollendet und für die heilige Kirche hingegeben; das ist für mich eine einzigartige Gnade.“ Dann sprach sie mit strahlendem Gesicht die Worte des Erlösers „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Lk 23,46), neigte sanft den Kopf und entschlief im Herrn im Alter von 33 Jahren.

„Historisch war Katharinas Opfer offenkundig ein Misserfolg“, gab Papst Paul VI. zu. „Doch wer kann behaupten, ihre brennende Liebe habe sich unnütz verzehrt, wenn Myriaden jungfräulicher Seelen, unzähliger Priester, frommer und aktiver Laien sie sich zueigen machten? Diese Liebe brennt immer noch - zusammen mit Katharinas Worten: ‚Süßer Jesus - Jesus, meine Liebe’. Möge dieses Feuer in uns weiterbrennen, möge es uns Kraft geben, damit wir das Wort und das Geschenk Katharinas wiederholen können: ‚Ich habe mein Leben für die heilige Kirche hingegeben.‘“

Dom Antoine Marie osb

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