Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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21. November 2012
Darstellung Unserer Lieben Frau im Tempel


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Ich weiß, dass in bestimmten Kreisen selbst die Vorstellung eines  Wunders als altmodisch und undenkbar gilt“, schrieb Doktor Oliviéri,  der Präsident des Medizinischen Büros in Lourdes von 1959 bis 1971. „Spricht man vor solchen Menschen von Wunderheilungen, so haben sie stets eine Antwort parat: Diese Fälle seien entweder nicht richtig untersucht worden oder sie ließen sich durch alle möglichen natürlichen Ursachen erklären ... Solche Einwände basieren letztlich alle auf dem Vorurteil, es gebe keine Wunder. Darauf kann ich nur erwidern: ‚Wunder gibt es.’ Sogar der berühmte Arzt Alexis Carrel erkannte: Die Heilungen von Lourdes sind eine unbestreitbare Tatsache.“

Zu den bekanntesten und ältesten Wundern Unserer Lieben Frau von Lourdes gehört die Heilung von Pierre de Rudder. Dieser begegnete am 16. Februar 1867 auf dem Weg zur Arbeit in der Nähe des Schlosses von Jabbeke (Belgien) zwei jungen Männern, die dort Bäume fällten. Einer der Bäume war auf eine benachbarte Wiese gefallen, und die Holzfäller wollten ihn mit Hilfe von Hebeln wieder auf die Straße hieven. Pierre bot ihnen seine Hilfe an. Kaum hatten sie den Stamm hochgehoben, da geriet er plötzlich ins Rutschen und begrub Pierres linkes Bein unter sich. Der herbeigerufene Arzt stellte einen Schien- und Wadenbeinbruch fest; um die gebrochenen Knochen zu stabilisieren, legte er einen Stützverband an. In den folgenden Wochen bekam Pierre immer heftigere Schmerzen: Unter dem Verband hatte sich eine brandige Wunde entwickelt, die nun auch auf das umgebende Muskelgewebe übergriff. Auch nach zwölf Monaten zeichnete sich keine Besserung ab: Der 44 Jahre alte Kranke blieb ohne Hoffnung auf Heilung ans Bett gefesselt; eine Amputation lehnte er ab.

„Was machst du da?“

Acht Jahre vergingen. 1875 beschloss Pierre, nach  Oostakker zu pilgern, wo zu Ehren der Erscheinung der Unbefleckten Jungfrau vor der heiligen Bernadette eine Replik der „Lourdes-Grotte“ errichtet worden war. Am 5. April suchte Pierre in das Schloss von Jabbeke auf und erzählte dem Vicomte von seinem Plan, nach Oostakker zu pilgern und dort um Heilung zu beten. Die Verlobte des Vicomte fragte aus Neugier, ob sie die Wunde sehen könne. Als der Kranke seine Binden abgewickelt hatte, kam eine handtellergroße schwärende Wunde zum Vorschein, in der die getrennten Knochenenden deutlich zu erkennen waren; es gab keinerlei Zeichen von Vernarbung. Pierre konnte seine Ferse nach vorne und seine Zehen nach hinten drehen. Am 7. April brach er, begleitet von seiner Frau, auf Krücken nach Oostakker auf. Nach seiner Ankunft ruhte er sich kurz aus, trank einen Schluck Wasser und machte dann, auf Krücken humpelnd, zwei Runden durch die Grotte. Danach sank er erschöpft vor dem Abbild der Gottesmutter auf eine Bank. Er bat um Vergebung für seine Sünden und betete zu Unserer Lieben Frau um die Gnade, wieder arbeiten zu können, um den Lebens–unterhalt für seine Familie zu verdienen. Alsbald fühlte er sich so bewegt und aufgewühlt, dass er gar nicht wusste, was er tat: Er stand ohne Hilfe auf, ging durch die Reihen der Pilger und kniete vor der Statue nieder. Plötzlich besann er sich und rief laut: „Ich knie! Mein Gott, wo bin ich?“ Er sprang auf, ganz außer sich vor Freude und schritt ehrfürchtig durch die Grotte. „Was ist das? Was machst du da?“, rief seine Frau. Alle drängelten sich um ihn und überschütteten ihn mit Fragen; es gab keinen Zweifel: Er konnte sich dank Unserer Lieben Frau schmerzfrei auf den Füßen halten und fortbewegen.

Pierre wurde von einem Arzt untersucht, der feststellte, dass das kurz zuvor noch dick angeschwollene Bein sowie der Fuß ihren normalen Umfang wiedergewonnen hatten; die Binden waren abgefallen, die Wunde war vernarbt, die gebrochenen Knochen waren nun trotz der Lücke, die sie getrennt hatte, zusammengewachsen, und beide Beine hatten die gleiche Länge. Aus Dankbarkeit für seine Heilung kehrte Pierre in den verbleibenden 23 Jahren seines Lebens vierhundertmal zur Grotte zurück. Da die Krankheit spurlos verschwunden war, konnte er seinen Beruf als Gärtner bis zu seinem Tod 1898 weiter ausüben. Um sich der Echtheit seiner Heilung noch einmal zu vergewissern, wurden seine Beinknochen Jahre nach seinem Tod wieder exhumiert. Sowohl die Verletzung als auch die Heilung konnten zweifelsfrei festgestellt werden. Von den Knochen wurde ein Gipsabdruck gemacht und im Medizinischen Büro von Lourdes hinterlegt. 1908 verkündete der Bischof von Brügge, dass Pierres Heilung als Wunder zu betrachten und dieses Wunder einem Eingriff Gottes zu verdanken sei, der durch die Fürsprache der Allerseligsten Jungfrau Maria erreicht worden war.

Ein langwieriges Verfahren

Pierre de Rudders Heilung fand in Belgien statt, die  meisten Heilungen ereignen sich jedoch in Lourdes selbst. 2011 zum Beispiel wurden dem Medizinischen Büro von Lourdes 48 Heilungsfälle gemeldet. Die gläubigen und nichtgläubigen Ärzte dieses Büros, das bei seiner Gründung 1884 noch Konsultationsbüro hieß, überprüfen zunächst das Vorliegen jeder von den Kranken angezeigten Heilung; danach untersuchen sie eingehend die Heilungen selbst, um festzustellen, ob sie tatsächlich außerordentlichen Charakter haben, d.h. medizinisch unerklärlich sind. Sind nach Abschluss dieser Untersuchungen mindestens zwei Drittel der Ärzte der Ansicht, dass eine sichere, dauerhafte und medizinisch unerklärliche Heilung stattgefunden hat, wird die Akte an die nächsthöhere medizinische Instanz, das 1947 gegründete Internationale medizinische Komitee von Lourdes, weitergereicht. Das Komitee ist unabhängig vom Ärztebüro, hat seinen Sitz in Paris und tritt einmal im Jahr zusammen. In dem international besetzten, hochqualifizierten Gremium sind so gut wie alle medizinischen Fächer vertreten. In jedem einzelnen Fall erstellt ein Mitglied des Komitees, das auf die betreffende Krankheit spezialisiert ist, ein Gutachten, zu welchem jedes Mitglied Stellung nimmt. Am Ende dieses mehrere Jahre dauernden Verfahrens ist folgende Frage zu beantworten: Stellt die erwiesene Heilung ein den Beobachtungen und Prognosen der Medizin widersprechendes Phänomen dar? Antworten zwei Drittel des Komitees mit Ja, wird die Akte an den Bischof der Heimatdiözese des Geheilten weitergeleitet. Nunmehr liegt es in dessen Ermessen zu erklären, dass die Heilung durch ein Wunder erfolgt ist. Üblicherweise setzt der Bischof zunächst einen weiteren Ausschuss ein, der die Heilung und insbesondere ihre spirituellen Beglei–tumstände prüfen soll. Erst nach dessen Schluss–bericht entscheidet er, ob er die Heilung offiziell als Wunder anerkennt oder nicht.

Seit den Erscheinungen von Lourdes sind so insgesamt 67 Heilungen als Wunder anerkannt worden (zwei weitere wurden 2011 vom Internationalen Komitee von Lourdes für wissenschaftlich unerklärlich befunden). In Wirklichkeit liegt die Zahl echter und vollständiger Heilungen viel höher. „Von den zahlreichen Kranken, die jedes Jahr in Lourdes geheilt werden, ziehen etliche es vor, ihre Heilung lieber nicht anzuzeigen ... Von denen, die ihre Heilung anzeigen, haben viele nicht genügend Belege beisammen, um eine Akte zusammenzustellen und die genaue Art ihrer Erkrankung zu dokumentieren. Von denen, die eine Akte einreichen können, werden viele abgewiesen, weil die Akte unvollständig ist, oder weil zu irgendeinem Punkt der Beweis fehlt ...“ (Abbé René Laurentin). 1993 konnten nach Einschät–zung des Präsidenten des Ärztebüros von den insgesamt rund 6000 offiziell in Lourdes erfassten Heilungen etwa 2000 als außergewöhnlich betrachtet werden.

Trinkwasser

Die Heilungen warfen viele Fragen auf, und man  begann nach eventuellen natürlichen Ursachen dafür zu suchen. So wurden zahlreiche Untersuchungen zu den physikalischen und chemischen Eigenschaften des Wassers in der Grotte durchgeführt. Im August 1858 kam ein Chemieprofessor der Universität Toulouse zu dem Schluss: „Das Wasser der Grotte von Lourdes kann von seiner Zusammensetzung her als Trinkwasser betrachtet werden, ähnlich den meisten Wässern, die man in Gebirgen mit kalkreichen Böden vorfindet. Das Wasser enthält keinerlei aktive Substanz, die ihr nennenswerte therapeutische Wirkung verleihen könnte“ (vgl. Henri Lasserre, Notre-Dame de Lourdes, 1880). Die Ergebnisse späterer Analysen waren ähnlich.

Mitunter versucht man die Heilungen von Lourdes mit psychischen Phänomenen zu erklären. Doch die überaus große Vielfalt der geheilten Krankheiten (Tuberkulose, Multiple Sklerose, Wirbelsäulenver–krümmungen, Krebserkrankungen ...) schließt die Möglichkeit eines einzigen natürlichen Therapeutikums, ob physisch oder psychisch, aus. Unter den Ärzten, die die vorgelegten Fälle untersuchten, insbesondere denen des Internationalen Komitees, gab es zudem hochqualifizierte Experten für Psychiatrie.

Doktor Alexis Carrel (1873–1944), Anatomie-professor an der Universität Lyon, wurde ebenfalls mit den Wundern von Lourdes konfrontiert. Der Atheist Carrel erklärte sich im Jahre 1902 aus Gefälligkeit einem Kollegen gegenüber bereit, einen Krankenzug nach Lourdes zu begleiten. Er musste eine junge Person an der Schwelle des Todes, Marie Bailly, betreuen, die an einer tuberkulösen Bauchfellentzündung im letzten Stadium litt. Als ihm ein Freund unterwegs vom Fall einer Nonne berichtete, die nach dem Genuss des Wassers plötzlich geheilt war, murmelte Carrel: „Interessanter Fall von Autosuggestion. Von einer betenden Menge geht eine Art Fluidum aus, das eine unglaubliche Wirkung auf das Nervensystem entfaltet, das aber versagt, sobald es um organische Erkrankungen geht.“ Sein Freund versuchte ihn zu überzeugen, aber er blieb bei seiner Meinung: „Ich kann es nicht glauben. Das hat niemand wissenschaftlich untersucht. Die Kranke hätte unmittelbar vor ihrer Heilung von einem kompetenten Arzt untersucht werden müssen. Ein Wunder ist absurd, das steht fest. Erst wenn das Wunder unter Bedingungen festgestellt wird, die jeden Irrtum ausschließen, wird man es anerkennen müssen. Kein Argument kann gegen die Realität einer Tatsache bestehen ... Ich bin hier lediglich mitgefahren, um ein guter Protokollant zu sein ... Wenn ich auch nur eine einzige Wunde sehe, die sich unter meinen Augen schließt, werde ich entweder fanatisch gläubig oder verrückt ... Es ist auch noch diese junge Person da, Marie Bailly ... Ich habe Angst, dass sie mir unter den Händen stirbt. Wenn sie gesund würde, wäre das wirklich ein Wunder. Ich würde an alles glauben und als Mönch ins Kloster gehen!“

Um fünfzehn Uhr

Marie Bailly bat, ins Wasserbecken getaucht zu wer- den. Doktor Carrel dachte, das Bad werde sie töten, aber er wollte ihr den Wunsch nicht abschlagen. Am Becken angekommen, tauchte man sie dann doch nicht ins Wasser, sondern benetzte nur ihren durch die Krankheit aufgetriebenen Bauch damit und brachte sie anschließend zur Grotte. Carrel begleitete sie und murmelte: „Ach! Wie gerne möchte ich wie all diese Unglücklichen glauben, dass du nicht nur eine erlesene Quelle, ein Hirngespinst, bist, Jungfrau Maria. Mach doch dieses Mädchen gesund; es hat zu viel gelitten. Lass es doch noch ein bisschen leben und mach, dass ich glauben kann.“ Plötzlich kehrte unter seinen Augen das Leben in die Sterbende zurück; ihr Gesicht bekam Farbe, ihr Puls normalisierte sich und ihr extrem aufgeblähter Bauch begann allmählich zu schrumpfen. Carrel notierte den genauen Zeitpunkt auf seiner Manschette: 14.40 Uhr. Um 15 Uhr war der Heilungsprozess abgeschlossen. „Ich bin geheilt!“ rief Marie Bailly. Carrel schrieb später: „Das war ein Ding der Unmöglichkeit. Etwas völlig Unerwartetes. Ein Wunder war geschehen!“

Im Laufe des Abends und der Nacht untersuchte er den Fall genau und notierte alle Einzelheiten. Zwei weitere Ärzte fügten ihre Befunde den seinen hinzu. Er fragte die geheilte Patientin: „Was werden Sie nun tun?“ – „Ich werde als Nonne ins Kloster des hl. Vinzenz von Paul gehen und Kranke pflegen.“ Durch das Abenteuer zugleich beglückt und verstört, irrte Carrel lange durch die Nacht; schließlich betrat er die Basilika, ließ sich neben einem alten Bauern nieder, vergrub das Gesicht in den Händen und sprach folgendes Gebet: „Milde Jungfrau, Helferin der Unglücklichen, die demütig zu dir beten, schau mich an, ich glaube an dich. Du hast mit einem strahlenden Wunder auf meine Zweifel geantwortet. Ich kann es noch kaum fassen und ich zweifle noch. Aber mein größter Wunsch und all mein Streben richtet sich darauf, zu glauben.“

Damit war seine Bekehrung allerdings noch nicht vollzogen. Wunder, erst recht wenn sie offiziell bestätigt sind, beweisen zwar, dass es logisch ist, zu glauben, dass man einfach glauben muss. Aber das Bekenntnis zum Glauben ist das Werk einer übernatürlichen Gnade, die der Unterstützung durch die freie Entscheidung des Menschen bedarf. Alexis Carrel hat Jahre gebraucht, bis er zur Fülle des Glaubens vordringen konnte. Nach Lyon zurückgekehrt, legte er zunächst in einem Artikel getreu die Fakten dar, deren Zeuge er geworden war, ohne irgendwelche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Die heilige Edith Stein beschrieb einmal den Seelenzustand von jemandem, dem es ähnlich erging, so: „Ich kann den religiösen Glauben ersehnen, ohne dass er mir deswegen geschenkt wird. Nehmen wir an, ein überzeugter Atheist bekommt im Zuge einer religiösen Erfahrung die Gegenwart Gottes zu spüren. Er kann der Frage nach dem Glauben nicht ausweichen und dringt doch nicht in die Sphäre des Glaubens vor; er lässt den Glauben nicht in sich wirken, sondern klammert sich an seine wissenschaftliche Sicht der Welt, die längst erschüttert worden sein müsste.“

„Lass die Wüste erblühen!“

Im August 1909 hielt sich Alexis Carrel erneut in  Lourdes auf. Als er im Sprechzimmer des Ärztebüros gerade im Begriff war, zwei Fisteln am Hüftgelenk eines Kranken zu photographieren, schlossen sich diese schlagartig unter seinen Augen. Doch auch dieses Erlebnis konnte ihn nicht zur Rückkehr zum Glauben bewegen. Für seine medizinische Forschung bekam Carrel (als „Vater“ mehrerer moderner Operation-stechniken) 1912 den Nobelpreis für Medizin verliehen. Seine Arbeit regte ihn zu vielerlei Überlegungen über den Menschen an; er kam zu dem Schluss, dass empirisches Wissen nicht ausreiche, um zu definieren, wer er sei, da es seine Seele und seinen Geist nicht erfasse. 1935 erschien sein Hauptwerk: L’homme, cet inconnu (Der Mensch, das unbekannte Wesen). 1937 begegnete er Pater Alexis Presse, dem Gründer der Zisterzienserabtei Boquen in der Bretagne. Die aus dieser Begegnung entstandene Freundschaft half Alexis Carrel bei seiner Rückkehr zum Glauben weiter. Bald war er der Ansicht, seine ganze wissenschaftliche Arbeit habe nur die „Oberfläche des Lebens“ berührt. Am 3. November 1938 notierte er in sein Tagebuch: „Herr, mein Leben war eine Wüste, denn ich kannte dich nicht. Lass die Wüste erblühen, obwohl Herbst ist. Jede Minute der Tage, die mir noch bleiben, sei dir geweiht!“ In einem Artikel über das Gebet schrieb er 1940: „Dieser Gott, der jedem, der liebt, so zugänglich ist, bleibt dem, der nur verstehen kann, verborgen.“

Alexis Carrel starb am 5. November 1944 nach Empfang der Sterbesakramente. Abt Presse schrieb später dazu: „Manche behaupteten, er sei (am Ende seines Lebens) nicht katholisch gewesen. Ich höre heute noch seine Stimme: ‚Ich will glauben und ich glaube alles, was die katholische Kirche uns zum Glauben aufgibt, und ich habe keinerlei Schwierigkeiten damit, denn ich sehe keinen echten Widerspruch zu den gesicherten Erkenntnissen der Wissenschaft.’“

Die Wunder, die Gott auf Fürsprache von Heiligen hin tut, sollen den Glauben unterstützen, der notwendig ist, um ins ewige Leben einzugehen. Glauben kann nicht dadurch motiviert sein, dass die offenbarten Wahrheiten unserer naturgegebenen Vernunft als richtig und vernünftig einleuchten. Wir glauben wegen der Autorität des offenbarenden Gottes selbst, der weder sich noch uns täuschen kann. Gleichwohl wollte Gott die Huldigung unseres Glaubens mit der Vernunft vereinbar machen und begleitete die innere Gnade des Heiligen Geistes mit äußeren Zeichen seiner Offenbarung. So sind die Wunder Christi und der Heiligen, die Weissagungen, die Ausbreitung und Heiligkeit der Kirche, ihre Fruchtbarkeit und ihr Fortbestehen sichere, dem Erkenntnisvermögen aller angepasste Zeichen der göttlichen Offenbarung: Sie zeigen, dass die Zustimmung zum Glauben keineswegs eine blinde Regung des Herzens ist (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 156).

Doch neben den physischen Wundern geschehen in Lourdes auch viele spirituelle Heilungen (Bekehrungen, Rückkehr zur religiösen Praxis, innere Befriedung usw.). Ein Mariologe dazu: „Nach Lourdes strömen Tausende von Leuten, denen es völlig fern liegt, um physische Heilung zu bitten; sie kommen nicht, um Wunder zu sehen, oder weil sie Wunder erlebt haben, sondern wollen um geistliche Erneuerung bitten. Auch ohne äußere Wunder würden die Wallfahrten mit der gleichen Intensität weitergehen, denn die inneren Wunder der Bekehrung würden nicht aufhören: Sie sind viel wichtiger!“ (C. Balic O.F.M.). Jean-Pierre Bély, dessen Heilung vom 9. Oktober 1987 im Jahre 1999 als Wunder anerkannt wurde, bezeugte, dass er zunächst einen tiefen Frieden sowie eine intensive spirituelle Freude empfunden hatte; die physische Heilung trat erst später ein.

„Liebend gern ...“

Die Botschaft der Gottesmutter an die heilige  Bernadette war in erster Linie der inneren Heilung, d.h. der Umkehr und dem Gebet gewidmet. Am 14. August 1983 griff Papst Johannes-Paul II. diese Botschaft in Lourdes wieder auf: „Seien wir ehrlich: Unsere Welt braucht eine Umkehr ... Heute ist sogar das Gefühl für die Sünde teilweise verlorengegangen, weil der auch das Gefühl für Gott im Schwinden ist. Man dachte, man könne einen Humanismus ohne Gott errichten, und der Glaube kommt einem immer mehr wie eine individuelle Eigenheit vor, ohne notwendigerweise eine Rolle für das Heil aller zu spielen. Das Gewissen der Leute ist verdunkelt und kann nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden ... Es bleibt schwierig, die Welt vom Elend ihrer Sündhaftigkeit und vom Heil zu überzeugen, das Gott für sie bereithält ... Die makellose Jungfrau erinnert uns hier daran, wie nötig das ist; sie sagt uns, wie zu Bernadette: Betet für die Sünder, kommt und wascht euch, reinigt euch, schöpft neues Leben ... Denn Maria ist zwar die Widersacherin Satans und der Sünde, sie erweist sich hier aber als Freundin der Sünder, wie Christus ... Das ist die Gute Nachricht, die sie dieser Welt wieder verkündet, jedem einzelnen von uns. Es ist möglich, wohltuend und heilsam, den Weg zu Gott zu finden oder wiederzufinden ... Es ist, als wären hier (in Lourdes) alle menschlichen Rücksichten und Vorbehalte – die oft genug einer Umkehr und einem religiösen Bekenntnis im Wege stehen – auf natürliche Weise aufgehoben. Hier betet man, und zwar liebend gern, man versöhnt sich liebend gern mit Gott, verehrt die Eucharistie und räumt den Armen und Kranken einen Ehrenplatz ein. Das ist ein ganz außergewöhnlicher Gnadenort. Gelobt sei Gott!“

Am 15. August ermahnte der Papst die Gläubigen noch einmal, den Glauben als kostbares Gut zu bewahren: „Lasst nicht zu, dass der Wind atheistischer Ideologien, systematischer und bedenkenloser Infragestellungen die Gewissheiten des Glaubens fortweht oder auslöscht. Lasst nicht zu, dass religiöse Gleichgültigkeit anstelle des Glaubens an den Sohn des lebendigen Gottes tritt und dass praktischer Materialismus Eure Suche nach Gott erstickt ... Betet auch ihr, betet mehr ... und sorgt dafür, dass ihr, ob jung oder alt, euren Glauben nährt ... Richtet euch nicht nach den Sitten der Welt und lasst euch vor allem nicht entmutigen. Ein Leben in der Nachfolge Christi ist möglich, weil uns der Heilige Geist zur Seite steht ... Lasst die folgenden Generationen nicht der religiösen Ignoranz anheimfallen; eure Familie, eure Umgebung sollen an eurem Leben erkennen, wie fest eure Überzeugungen sind. Seid Zeugen der Hoffnung, die in euch lebt!“

Beten wir zur demütigen heiligen Bernadette, sie möge uns helfen, den Empfehlungen des seligen Johannes-Pauls II. zu folgen.

Dom Antoine Marie osb

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