Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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18. Oktober 2012
Hl. Lukas


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am Nachmittag des 29. Januar 1920 wohnten in Cernusco sul Naviglio  in der Nähe von Mailand zwei Schwestern aus der Kongregation  der Marcellinen zusammen mit einem Kaplan der Exhumierung von drei Nonnen bei, deren sterblichen Überreste auf den Klosterfriedhof umgebettet werden sollten. Die Prozedur versprach nichts Erfreuliches. An den Körpern der beiden zuerst exhumierten Schwestern hatte die Zeit ihr Werk verrichtet; als der Totengräber jedoch auf den Sarg der dritten Nonne, Schwester Maria-Anna Sala, stieß, fand er ihn so schwer, dass er meinte, der Leichnam der Verstorbenen hätte sich nicht zersetzt. Und tatsächlich kam beim Öffnen des Sarges unter dem schneeweißen Leichentuch ein unversehrter Leib mit einem frischen, rosigen Antlitz zum Vorschein. Der Kaplan, der Schwester Sala nicht gekannt hatte, äußerte die Vermutung: „Das muss eine junge Schwester gewesen sein! Sie war bestimmt keine dreißig Jahre alt.“ Schwester Maria-Anna war jedoch mit 62 Jahren gestorben und 29 Jahre lang im Grab gelegen.

Die umgehend informierte Generaloberin der Marcellinen legte die unerhörte Entdeckung in die Hände des Herrn. Einige Tage später erlitt eine Schwester namens Gulfi einen so schweren Blutsturz, dass man einen chirurgischen Eingriff ins Auge fasste. Die Generaloberin forderte die Kranke auf, drei Tage lang das Heiligste Herz Jesu anzurufen, um durch die Fürsprache von Schwester Maria-Anna Sala der Operation zu entgehen. Nach drei Tagen war Schwester Gulfi außer Gefahr. Sogleich begann man, Zeugnisse und Dokumente über Schwester Maria-Anna zu sammeln. Viele Leute erinnerten sich noch an sie, an ihr schlichtes Leben und an ihre in Demut geübten Tugenden in den Notwendigkeiten des Alltags. Etliche Personen, insbesondere Mitschwestern und Schüle–rinnen, hatten sie bei ihrem Tod für eine Heilige gehalten. So wurde im Mai 1931 in Mailand das Verfahren eingeleitet, das am 26. Oktober 1980 zur Seligsprechung der Schwester führte. Bei diesem Anlass hob Papst Johannes-Paul II. namentlich drei Lehren hervor, die man aus ihrem Leben und ihrem Vorbild ziehen kann: „Die Notwendigkeit eines guten, festen, einfühlsamen und ausgeglichenen Charakters; den heiligenden Wert gehorsamer Pflichterfüllung; die fundamentale Wichtigkeit pädagogischer Arbeit.

Maria-Anna Sala wurde am 21. April 1829 im norditalienischen Brivio geboren und getauft. Ihre Familie war wohlhabend und fest in der christlichen Tradition der damals zu Österreich gehörenden Lombardei verwurzelt. Maria-Anna war das fünfte von acht Kindern. Ihr Vater, ein sehr gläubiger Mann, arbeitete als Holzhändler. Beide Eltern Sala führten ein zutiefst christliches Leben und lenkten die Kinder durch ihr Vorbild in Richtung Gott. Maria-Anna hatte eine glückliche Kindheit und wurde zunächst zu Hause unterrichtet. Das Mädchen war sehr begabt, geistig lebendig und ausgeglichen. Mit 13 Jahren kam es auf die ein Jahr zuvor gegründete Schule der Marcellinen in Vimercate. Die Kongregation der Marcellinen war 1838 vom mailänder Priester Don Biraghi, sowie der Mutter Marina Videmari gegründet worden. Hauptzweck der Gründung war die Erziehung junger Mädchen im christlichen Glauben; neben einem seriösen Unterrichts–programm sollten diese auch mit allen häuslichen Arbeiten vertraut gemacht werden. Patronin der neuen Ordensfamilie wurde die heilige Marcellina, die Schwester des heiligen Ambrosius, die 353 in Rom den Schleier der geweihten Jungfrauen aus der Hand von Papst Liberius empfangen hatte. Maria-Anna war von Anfang an Klassenbeste; sie lernte so fleißig, dass sie mitunter sogar vergaß, zu den Mahlzeiten in den Speisesaal zu kommen.

Eine kostbare Eigenschaft

Arbeitseifer ist bereits an sich positiv zu werten, denn  „Müßiggang ist ein Feind der Seele“ (Regel des hl. Benedikt, Kap. 48). Der Arbeit kommt ein wichtiger Platz im Plan Gottes für den Menschen zu: Gott wollte den Menschen in sein Schöpfungswerk einbeziehen und erteilte ihm den Auftrag, er solle sich die Erde untertan machen und sie gottgefällig und gerecht regieren, damit das ganze Universum den Namen Gottes verherrliche. Arbeit sichert den eigenen sowie den familiären Lebensunterhalt; sie gibt einem Gelegenheit, sich mit anderen zusammenzutun und anderen zu dienen. Indem jeder seine Standespflicht sorgfältig und gewissenhaft erfüllt, trägt er zum Fortschritt seiner Nation und der Gesellschaft bei. Die Kirche „fordert die Christen ... auf, nach treuer Erfüllung ihrer irdischen Pflichten zu streben, und dies im Geist des Evangeliums ... Ein Christ, der seine irdischen Pflichten vernachlässigt, versäumt damit seine Pflichten gegenüber dem Nächsten, ja gegen Gott selbst und bringt sein ewiges Heil in Gefahr“ (II. Vatikanum, Gaudium et spes, 43). Manche können wegen Krankheit, Arbeitslosigkeit oder aus Altersgründen keine berufliche Tätigkeit ausüben. Diesen wird empfohlen, ihren Zustand und ihre Leiden mit der Passion Jesu zu vereinen und Gott darzubringen; das kann ihnen zu einer großen spirituellen Fruchtbarkeit für das Heil der Seelen verhelfen.

Der heilige Papst Pius X. hat in einem schönen Gebet zum heiligen Josef beschrieben, wie ein Christ seine Arbeit heiligen kann: „Ruhmreicher, heiliger Josef, du bist das Vorbild aller Arbeiter. Erbitte mir die Gnade, dass ich arbeite im Geiste der Buße, um Sühne zu leisten für meine vielen Sünden; dass ich gewissenhaft arbeite und die Erfüllung meiner Pflicht höher stelle als meine persönlichen Neigungen; dass ich dankbar und freudig arbeite und meine Ehre darein setze, bei der Arbeit die mir von Gott verliehenen Talente zu verwerten und zu entfalten; dass ich ordnungsgemäß und friedlich, mit Mäßigung und Geduld arbeite und nie zurückschrecke vor Ermüdung und Schwierig–keiten; vor allem, dass ich in reiner Absicht und selbstlos arbeite und stets den Tod vor Augen habe und die Rechenschaft, die ich ablegen muss über die verlorene Zeit, über die ungenutzten Talente, über das unterlassene Gute und über jede eitle Selbstgefälligkeit bei Erfolgen, die im Dienste Gottes doch so schädlich ist. Alles für Jesus, alles durch Maria, alles nach deinem Vorbild, heiliger Vater Josef! Das soll mein Wahlspruch sein im Leben und im Sterben.“

„Gott wird an uns denken“

Am 16. November 1846 bekam Maria-Anna ihr  Diplom als Grundschullehrerin überreicht. Da sie sich berufen fühlte, wäre sie am liebsten sofort in das Kloster eingetreten, in dem sie ihre Ausbildung absolviert hatte. Sie musste jedoch noch am gleichen Tag von einem Vetter abgeholt und nach Brivio gebracht werden: Der schlechte Gesundheitszustand ihrer Mutter, die vielfältigen Bedürfnisse der kinderreichen Familie sowie wirtschaftliche Probleme, weil ihr Vater einem Betrüger aufgesessen war, machten eine vorübergehende Heimkehr der ruhigen und umsichtigen Maria-Anna erforderlich. Sie konnte ihrem Vater Kraft zur christlichen Vergebung vermitteln und ihm Mut machen, seine Geschäfte wieder aufzunehmen, denn ihr Arbeitseifer wirkte ansteckend. Einmal protestierte ihr Vater, als sie einem Armen Almosen gab: „Jetzt müssen wir an uns selber denken.“ – „Es ist besser, einem Bedürftigen zu helfen“, erwiderte sie. „Gott wird an uns denken.“ Neben der Versorgung der Familie fand Maria-Anna noch Zeit, Kinder zu unterrichten und im Katechismus zu unterweisen. Mit einer ihrer Schwestern suchte sie gern die Kapelle des heiligen Leonhard in der Nähe ihres Dorfes auf, wo eine Madonnenstatue verehrt wurde. Viele Leute kamen dorthin, um ihr persönliches Leid loszuwerden. Im Gegenzug konnten sie den Trost christlicher Hoffnung, mitunter sogar große Gnadenerweise empfangen. Die beiden Mädchen beteten zur Heiligen Jungfrau für ihre kranke Mutter. Wie ein Votivbild der Familie Sala bezeugt, wurde die Kranke daraufhin geheilt, und zwar in der festen Überzeugung, die Gottesmutter bei sich gesehen und ihren Segen empfangen zu haben.

Zwei Jahre danach hatte sich die familiäre Situation soweit gebessert, dass Maria-Anna ins Kloster der Marcellinen eintreten konnte; begleitet wurde sie von ihren zwei jüngsten Schwestern, die ins Kolleg aufgenommen worden waren. Nach ihrem Noviziat legte Maria-Anna am 13. September 1852 die ewigen Gelübde ab. Ihr Leben richtete sich von da an am Bedarf der Kongregation aus. Mehrere Schulen der Marcellinen konnten von ihrem fruchtbaren Apostolat profitieren: in Cernusco, in der via Amedei in Mailand, in Genua, in Chambéry in Savoyen (während der Herbstferien) und schließlich im Pensionat Quadronno in Mailand, das damals auch als Mutterhaus diente. Trotz ihrer großen Sensibilität nahm Schwester Sala alle Versetzungen folgsam hin. Zunächst arbeitete sie als Grundschullehrerin für Französisch und Musik; 1868 wurde sie mit dem Amt der stellvertretenden Oberin der Kongregation betraut. Anschließend kam sie nach Genua. Die Eltern ihrer Schülerinnen gewann sie durch ihre Güte für sich, während ihre Beziehungen zu den jungen Mädchen selbst von Offenheit, Loyalität und Wahrheitsstreben geprägt waren.

Sofort !

Schwester Maria-Annas Gehorsam ging so weit, dass  sie sich nicht nur von ihren Vorgesetzten, sondern selbst von ihren Mitschwestern völlig abhängig machte, als hätte sie gelobt, allen Schwestern zu gehorchen, wie ein Zeuge sagte. Ihre permanente Verfügbarkeit für die Schülerinnen und alle anderen, die sich an sie wandten, war geradezu sprichwörtlich. „Ich komme sofort“, lautete der Leitspruch ihres Lebens, das sie unwiderruflich dem Dienst ihrer Mitmenschen geweiht hatte. Dieses „Ich komme sofort“ ließ sie mitunter auch wichtige Tätigkeiten unterbrechen. Das ständige Bemühen, anderen zu dienen, ließ sie sogar die innige Zwiesprache mit dem Herrn abkürzen, obwohl sie solche Momente der Besinnung innig liebte und herbeisehnte. Ihr Leitspruch war gleichsam ihre liebende, demütige, bescheidene Erwiderung an Gott.

1878 kehrte Schwester Maria-Anna Sala nach Mailand zurück, wo sie weiterhin Erziehungsaufgaben erfüllte, daneben aber auch als Assistentin der Oberin und als Wirtschafterin fungierte. Der Wechsel fiel ihr schwer: „Liebste Oberin Caterina“ schrieb sie an die Leiterin des Kollegs von Genua am 1. November 1878. „Gestern wurde mir mein neuer Einsatzort mitgeteilt: Wie sich das auf meine Seele ausgewirkt hat, kann ich gar nicht beschreiben; ich bin selbst überrascht. Aber genug gerechtet! Der Herr will es so, der Herr wird mir beistehen. Ist das der heilige Gleichmut, von dem wir gesprochen haben? Ach! Ich habe ihn noch bei Weitem nicht erreicht! Ich schäme mich, weil ich sehe, dass meine Natur ausgerechnet in dem Augenblick, in dem ich mich zu jedem Opfer bereit fühlte, so heftig reagiert ... Und unsere lieben Schülerinnen? Vor allem die Großen? Wenn Sie wüssten, wie schwer mir die Trennung von ihnen fällt! Ich wusste gar nicht, dass ich sie so lieb hatte.“ Trotzdem gelang es ihr, ihren inneren Frieden zu bewahren.

Die inzwischen betagte Gründerin der Kongregation setzte Maria-Anna auch als Sekretärin ein, fragte sie häufig um ihren Rat und betraute sie mit heiklen Aufgaben. Da sie Maria-Anna für eine Heilige hielt und da Heilige sich ihrer Ansicht nach zu bewähren hatten, behandelte sie sie absichtlich schroff und demütigend. Schwester Maria-Anna hatte auch unter dem lebhaften, schwierigen Temperament der Gründerin zu leiden und ertrug ihre Launen dreizehn Jahre lang. Trotz allem blieb sie ihr in Respekt und Zuneigung zutiefst verbunden. Denn Heiligung war für sie eine Frage der Wahrhaftigkeit, der Loyalität, der getreuen Pflichterfüllung als getaufte und geweihte Person. Sie ging dabei ganz einfach zu Werke; ihre selbstauferlegte Askese war diskret und unauffällig, übte sie jedoch im beharrlichen Bemühen um die alltäglichsten Tugenden.

Wie man die Herzen gewinnt

Schwester Maria-Anna war nachsichtig und gütig zu  ihren Schülerinnen. Da aber die wohlhabenden Schichten Italiens damals von starkem Antiklerikalismus geprägt waren, benahmen sich die Mädchen mitunter aufmüpfig und ungehorsam; sie waren nicht bereit, Verdruss oder auch nur die geringste Zurechtweisung hinzunehmen. Der Heilige Geist verhalf Schwester Maria-Anna zu der Einsicht, dass sie ihre Schülerinnen nur durch umfassende und solide Bildung nachhaltig beeindrucken und in die richtige Richtung lenken konnte; so bildete sie sich fleißig fort und erwarb sich nicht nur gründliche Kenntnisse in der ganzen Weltliteratur, sondern auch in den naturwissenschaftlichen (Physik, Chemie, Botanik, Medizin) sowie den geisteswissenschaftlichen Fächern (Theologie, Philosophie, Bibelwissenschaft). Sie interessierte sich für Kunst, speziell für Musik, für Erziehungsmethoden, verbesserte ihre Latein- und Griechischkenntnisse und sprach perfekt englisch sowie französisch.

Sie wusste sich dem unterschiedlichen intellektuellen Niveau der Schülerinnen anzupassen, ermutigte die einen und half den anderen. Sieben Jahre lang kümmerte sie sich besonders um ein zurückgebliebenes Mädchen. Pädagogisch versuchte sie, Evangelium und Kultur, Glauben und Leben in Einklang zu bringen. Denn wie der selige Papst Johannes-Paul II. bemerkte, sind Personen des geweihten Lebens, die sich der Erziehung von Kindern widmen, berufen, „das radikale Zeugnis der Güter des Reiches, die jedem Menschen in Erwartung der endgültigen Begegnung mit dem Herrn der Geschichte angeboten werden, in den Erziehungshorizont einzubringen“ (Apostolisches Schreiben Vita consecrata, 25. März 1996).

Im Geschichtsunterricht zum Beispiel bewies Schwester Maria-Anna den Schülern, dass der Machtverfall Napoleons I. in dem Moment begann, in dem er sich gegen den Papst wandte. Besprach sie Dantes Paradies, ließ sie auch auf die Liebe und die Sehnsucht nach dem Himmel nicht unerwähnt. Beim Interpretieren der Ilias von Homer fehlte nie der Hinweis, dass der Gottesbegriff bei allen Völkern zu finden ist.

Sie setzte die Lehre des heiligen Franz von Sales in die Praxis um: „Wenn du Gott innig liebst, wirst du auch gern mit deinen Hausgenossen, Freunden und Nachbarn von Gott sprechen, nicht salbungsvoll, sondern sanft, liebevoll und demütig. Lass den köstlichen Honig der Frömmigkeit und des Göttlichen bald in dieses, bald in jenes Herz träufeln und bitte Gott im Stillen, dieser heilige Tau möge bis ins Innerste deiner Zuhörer dringen. Vor allem soll man dieses wirklich engelgleiche Werk in milder und gewinnender Art verrichten, nicht in nörglerischem Ton, sondern herzlich. Wie wunderbar gelingt es einem doch, Herzen zu gewinnen und mitzureißen, wenn man eine gute Sache geschickt und liebenswürdig vertritt (Philothea, 3. Teil, Kap. 26).

Eine anpassungsfähige Frömmigkeit

Schwester Maria-Annas Aufgabe war oft undankbar,  doch sie ließ sich nicht entmutigen. 1869 gab sie einer ihrer Schwestern, die sich ebenfalls den Marcellinen angeschlossen hatte, folgende Ratschläge: „Glaube nicht, dass eine Mühe, die nicht sofort Früchte trägt, vergeblich ist; hab Geduld, mit Gottes Hilfe kannst du viel gewinnen, wenn du in seinem Weinberg arbeitest. Wenn wir einmal das Gefühl haben, dass unsere Aufgabe über unsere Kräfte geht, dürfen wir nicht den Kopf verlieren: In solchen Fällen haben wir einen Grund, ja sogar das Recht, vom Herrn zusätzliche Hilfe zu erwarten.“ Sie gab nicht nur nützliches Wissen an ihre Schülerinnen weiter, sondern auch Weisheit und Gottesliebe. Für sie spielte sich alles ganz einfach in Gottes Gegenwart ab, und sie lebte diese Frömmigkeit ihren Schülerinnen vor, bis sie sie auch liebgewannen: „Wahre Frömmigkeit ist in jedem Alter und unter allen Lebensumständen ein Schatz. Sie kann sich den Bedürfnissen der Familie und der Gesellschaft anpassen und sich bei allen beliebt machen.“ Eine Schülerin bezeugte später: „Schwester Maria-Anna verfolgte ein einziges Ziel: Sie wollte wahre Christinnen heranziehen, die später christliche Familien gründen und so das Reich Gottes verkünden würden.“

Schwester Maria-Anna wollte dem Gekreuzigten Jesus nacheifern, ohne deswegen besondere Bußübungen ins Auge zu fassen: „Man braucht sich nicht zu geißeln. Nehmen wir jeden Tag friedlich unser von Gott geschicktes Kreuz an, so können wir unseres Heils gewiss sein. Selbst die kleinste Mühsal, die wir auf uns nehmen, ist verdienstreich ... Legt eure Kümmernisse in der Sparkasse des lieben Gottes an; ihr werdet sie im anderen Leben (in Freude verwandelt) wiederfinden ... Das Holz des Kreuzes eignet sich hervorragend, um das heilige Feuer der Gottesliebe zu entfachen.“ An eine Mitschwester schrieb sie: „Wir wollen nie aufhören, dem Herrn zu dienen, so gut wir können, selbst wenn er Opfer von uns verlangt ... Was ist unser Leid schon, gemessen daran, was unser geliebter Bräutigam Jesus aus Liebe zu uns gelitten hat? Müssten wir uns nicht vielmehr im Herrn freuen und Ihm danken, wenn Er uns Gelegenheit gibt, Ihm unsere Liebe und Treue zu beweisen? Oh doch! Überlassen wir uns ganz dem Herrn, und er wird uns helfen, heilig zu werden“ (Brief vom 16. Oktober 1874). Ein weiterer Rat lautete: „Jeder Tag ist ein weiterer Schritt auf dem Weg, der uns zum Guten und zur Tugend führt, jener tapferen Tugend, die sich von kleinen, oft verlangten Opfern nährt und stärkt, selbst unter den besten Lebensbedingungen und im glücklichsten Alter.“

Schwester Maria-Anna hatte den Herrn stets an ihrer Seite. Die Schülerinnen merkten das, und zwar sowohl in spannenden Schulstunden, als auch beim gemeinsamen Gebet in der Kapelle, im Vorübergehen, wenn sie eilig, mit tausenderlei Aufgaben beschäftigt durch die Flure huschte, vor allem aber abends, wenn sie sie im Halbdunkel des Schlafsaals vor ihrem Bett knien sahen, in ein letztes vertrauliches Gespräch mit dem Gekreuzigten vertieft.

Ungefähr acht Jahre vor ihrem Tod – Schwester Maria-Anna lebte gerade im Pensionat Quadronno in Mailand – zeigten sich die ersten Symptome der Krankheit, an der sie sterben sollte: ein bösartiger Tumor am Hals, der sich auch durch eine äußerliche Schwellung bemerkbar machte. Um die auffällige Entstellung zu kaschieren, trug die Schwester stets ein schwarzes Tuch. Musste sie wegen starker Schmerzen den Unterricht abbrechen, tat sie das mit einem sanften Lächeln und heiterer Miene. Sie pflegte sich über ihre Krankheit lustig zu machen und nannte die Geschwulst an ihrem Hals ihren „Perlenschmuck“. Von Zeit zu Zeit litt sie Qualen, die ihr Tränen in die Augen trieben: „Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie dann. „Ich habe ein schlechtes Beispiel gegeben. Ich werde besser aufpassen ... Der Schmerz hat mir bestimmt etwas für das Paradies eingebracht. Dort oben werde ich für alle beten. Wird das schön sein, das Paradies!“

Verklärt

Im Oktober 1891 sah sich Schwester Maria-Anna  gezwungen, ihre Arbeit zu unterbrechen. Die Krankheit hatte ihre physische und moralische Widerstandskraft besiegt. Während am 24. November in der Kapelle die Litanei der Allerseligsten Jungfrau gesungen wurde und nachdem Schwester Maria-Anna voller Gottvertrauen die Worte „Bitte für mich“ wiederholt hatte, gab sie ihre Seele sanft an Gott zurück. Bereits auf ihrem Sterbelager wirkte sie verklärt und erstrahlte in neuer Schönheit; sogar die Spuren des Krebses, an dem sie gestorben war, verschwanden.

Das schlichte Vorbild Schwester Maria-Anna Salas mahnt uns daran, dass wir alle zur Heiligkeit berufen sind: „Jedem ist also klar, dass alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen sind. Durch diese Heiligkeit wird auch in der irdischen Gesellschaft eine menschlichere Weise zu leben gefördert. Zur Erreichung dieser Vollkommenheit sollen die Gläubigen die Kräfte, die sie nach Maß der Gnadengabe Christi empfangen haben, anwenden, um, seinen Spuren folgend und seinem Bild gleichgestaltet, dem Willen des Vaters in allem folgsam, sich mit ganzem Herzen der Ehre Gottes und dem Dienst des Nächsten hinzugeben. So wird die Heiligkeit des Gottesvolkes zu überreicher Frucht anwachsen, wie es die Kirchengeschichte durch das Leben so vieler Heiliger strahlend zeigt“ (II. Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, 40).

„Den Weg der Demut und des Vertrauens auf den allmächtigen Gott zu Ende gehen“, lautet die Botschaft, die die selige Maria-Anna Sala durch ihr ganzes Leben an uns weitergibt.

Dom Antoine Marie osb

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