Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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12. September 2012
Gedenktag MARIÄ Namen


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Jugendliche, habt keine Angst, Heilige zu sein! Fliegt hoch!“ Dieser  Appell des seligen Johannes-Paul II. bei den Weltjugendtagen in   Santiago de Compostela im August 1989 hallte noch lange im Herzen von Chiara, einer achtzehnjährigen Italienerin, nach. Sie verfolgte das Ereignis von ihrem Krankenzimmer aus am Fernsehschirm und bot all ihr Leiden als Opfer für die Jugendlichen dar. Einundzwanzig Jahre danach, am 3. Oktober 2010, wurde sie den Jugendlichen von Papst Benedikt XVI. in Sizilien zum Vorbild gegeben: „Am vergangenen Samstag wurde in Rom die 1990 an einer unheilbaren Krankheit verstorbene Chiara Badano seliggesprochen ... Neunzehn Jahre voller Leben, Liebe und Glauben. Die beiden letzten Jahre waren auch voller Schmerzen, aber immer erfüllt von Liebe und Licht, von einem Licht, das sie um sich verbreitete und das von innen kam: aus ihrem ganz von Gott erfüllten Herzen! Wie ist das möglich? Wie kann ein Mädchen von 17, 18 Jahren ein Leiden so leben, menschlich gesehen ohne Hoffnung, aber dabei Liebe, Zuversicht, Freude, Frieden und Glauben ausstrahlen?“

Am 29. Oktober 1971 ging nach elf Ehejahren der größte Wunsch von Ruggero und Maria Teresa Badano in Sassello, einem ligurischen Städtchen über dem Golf von Genua (Norditalien), in Erfüllung: die Geburt ihres ersten und einzigen Kindes Chiara. „Von Anfang an kam sie uns wie ein Geschenk vor“, bezeugte ihr Vater später. „Ich hatte in einer Kirche unserer Diözese die Gottesmutter um dieses Kind gebeten, es war die Krönung unserer Ehe.“ Chiaras Mutter fügte hinzu: „Sie gedieh prächtig und machte uns viel Freude. Doch wir spürten, dass sie nicht nur unsere Tochter war. Sie war vor allem ein Kind Gottes, und wir mussten sie entsprechend erziehen.“ Während Ruggero als LKW-Fahrer weiterhin kreuz und quer durch Italien fuhr, gab Maria Teresa ihre Stelle auf und widmete sich ganz der Erziehung ihrer Tochter: „Ich habe begriffen, wie wichtig es war, immer bei seinem Kind zu bleiben, nicht so sehr der Sprache wegen, sondern vielmehr als Mutter, um es zu lieben und zur Liebe zu erziehen.“

„Nein, sie gehören mir!“

Von zartester Kindheit an wurde Chiara daran  gewöhnt, auf das „kleine Stimmchen“ in ihrem Herzen zu hören; man erklärte ihr, es sei die Stimme Jesu und man müsse unbedingt darauf hören, um das Richtige zu tun. Chiara war ein normales, fröhliches, kontaktfreudiges, aber auch sehr eigenwilliges Kind. Bat man sie um einen Gefallen oder eine Mühe, war die Antwort zunächst oft ein kategorisches „Nein“; so war es auch, als ihre Mutter ihr einmal vorschlug, ein paar Spielsachen für arme Kinder herzugeben: „Nein! Sie gehören mir!“ Kurz danach hörte man sie jedoch mit leiser Stimme ihre Spielsachen sortieren: „Das ja, das nein ...“ Ihre Erklärung dafür lautete: „Ich kann doch kein kaputtes Spielzeug den Kindern geben, die gar keins haben!“ Ein andermal erklärte Chiara voller Freude, endlich könne sie das biblische Gleichnis von den ungleichen Söhnen verstehen, die von ihrem Vater zum Arbeiten in den Weinberg geschickt werden (Mt 21,28-30); sie erkenne sich in dem Sohn wieder, der zunächst ablehnt, sich dann aber doch entschließt, dem Vater zu gehorchen. Ihre Eltern schätzten das Gespräch und den liebevollen Umgang, doch sie forderten gelegentlich auch einen Verzicht - aus Angst, die Kleine würde sonst zu eigenwillig. „Wir waren uns dieser Gefahr bewusst“, sagte die Mutter. „Deshalb wollten wir die Dinge von Anfang an klarstellen. Wir ließen keine Gelegenheit aus, um sie daran zu erinnern, dass sie im Himmel einen mächtigeren Papa hatte als uns zwei.“ Ruggero lenkte die Erziehung seiner Tochter mit fester Hand: „Mir schien, ich müsse etwas von ihr verlangen, um sie richtig zu erziehen; doch ich tat das immer nur aus Liebe, nie aus Verärgerung, Müdigkeit oder aus einem anderen Grund.“

Vor den sizilianischen Familien und Jugendlichen betonte Papst Benedikt XVI.: Die Eltern Badano haben als Erste „in der Seele ihrer Tochter die kleine Flamme des Glaubens entfacht und Chiara geholfen, sie immer brennen zu lassen, auch in den schwierigen Momenten des Reifens und vor allem in der großen und langen Prüfung des Leidens ... Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist, wie ihr wisst, von grundlegender Bedeutung; aber nicht nur aufgrund einer richtigen Tradition ... Sie ist noch mehr, etwas, das Jesus selbst uns gelehrt hat: Es ist die Fackel des Glaubens, die von Generation zu Generation weitergegeben wird; jene Flamme, die auch im Taufritus vorkommt, wenn der Priester sagt: ‚Empfangt das Licht Christi … österliches Zeichen … Flamme, die ihr immer nähren sollt.’ Die Familie ist von grundlegender Bedeutung, weil dort in der menschlichen Seele die erste Wahrnehmung des Lebenssinnes keimt. Sie entwickelt sich in der Beziehung zur Mutter und zum Vater, die nicht Eigentümer des Lebens ihrer Kinder sind, sondern die ersten Mitarbeiter Gottes in der Weitergabe des Lebens und des Glaubens. So geschah es in vorbildlicher und außerordentlicher Weise in der Familie der seligen Chiara Badano“ (3. Oktober 2010).

Kurz nach ihrer Erstkommunion nahm Chiara im September 1980 an einem von der Fokolarbewegung organisierten Kindertreffen teil und entdeckte dabei eine Art zu leben und zu denken, die ihrem Hunger nach Gott entgegenkam. Diese auch als „Werk Mariens“ bekannte Bewegung war 1944 von Chiara Lubich (1920-2008), einer aus Trient stammenden Lehrerin, gegründet worden. Die Spiritualität der Fokolare beruht auf der Gottesliebe. „Dieser Glaube an die Liebe Gottes zu uns hat uns veranlasst, nach jedem Mittel zu suchen, um diese Liebe mit unserer Liebe zu erwidern“, schrieb die Gründerin. „Gottes Willen tun: Das ist die beste Art, Gott zu lieben.“ Weitere Pfeiler dieser Spiritualität sind: die Präsenz Jesu unter den Jüngern (vgl. Mt 18,20), die Suche nach Einheit, insbesondere nach der „Einheit der Menschen mit Gott und untereinander“, die Passion Jesu, das Wort Gottes, die Eucharistie sowie die Verehrung Mariens als Mutter der Bewegung.

Jesus der Verlassene

Chiaras Leben änderte sich: Sie wurde sehr fromm,  ging so gut wie täglich zur Messe, betrachtete, betete den Rosenkranz und setzte stets Gott an die erste Stelle. Ihre Eltern unterstützten sie dabei. Die Kleine entdeckte bald das - von Chiara Lubich so genannte - Geheimnis von „Jesus dem Verlassenen“ am Kreuz. Einige Monate, nachdem sie 1983 an einem Treffen der Bewegung in der Nähe von Rom teilgenommen hatte, und kurz nach ihrem zwölften Geburtstag, schrieb sie an die Gründerin: „Ich habe entdeckt, dass Jesus der Verlassene der Schlüssel zur Einheit mit Gott ist; ich will ihn zum Bräutigam nehmen und mich auf sein Kommen vorbereiten. Ihm den Vorzug geben! Mir ist klargeworden, dass ich ihn bei den Menschen finden kann, die ihm fernstehen, bei den Atheisten, und dass ich diese in besonderer Weise lieben muss, nämlich: ohne etwas im Gegenzug zu erwarten.“ Chiara schloss sich mit ihren täglichen kleinen „Kreuzen“ dem Kreuzopfer Jesu an und nahm Anteil am Leiden anderer. Oft leistete sie einer einsamen alten Nachbarin Gesellschaft und wachte nächtelang bei ihren kranken Großeltern. Einer ihrer Vettern sagte später: „Sie hatte ein so schönes Verhältnis zu unseren Großeltern. Sie pflegte sich lange und liebevoll mit ihnen zu unterhalten. Sie war ihnen eine beachtliche Stütze, wenn man bedenkt, wie jung sie war.“ Chiara betrachtete das Evangelium als ihren größten Schatz; sie dachte darüber nach und wollte es gründlich kennenlernen: „Mir wurde klar, dass ich keine richtige Christin war“, notierte sie 1984, „weil ich nicht ganz konsequent danach lebte. Jetzt will ich dieses großartige Buch zum einzigen Zweck meines Lebens machen. Ich darf seiner Botschaft nicht weiter wie ein Analphabet gegenüberstehen. Genauso leicht wie das Alphabet muss ich auch lernen können, nach dem Evangelium zu leben.“ Ihr regelmäßiger Briefwechsel mit der Gründerin der Fokolarbewegung war Chiara sehr wichtig. Die beiden waren einander bald in tiefer spiritueller Freundschaft verbunden.

Das junge Mädchen hatte eine sehr schöne Stimme, liebte Musik und Tanz, machte leidenschaftlich gern Bergtouren und trieb Sport, besonders Tennis und Schwimmen. In ihrem großen Freundeskreis war Chiara sehr beliebt – bei Mädchen wie bei Jungen: Alle bewunderten ihre Gedankentiefe, ihre Reife sowie die geistige Kraft, die von ihr ausging. Mit Erwachsenen kam Chiara ebenso gut zurecht und konnte mit ihnen über wichtige und tiefgreifende Themen sprechen, ohne dabei jemals ihre christliche Überzeugung zu verbergen. Das Geheimnis ihrer Reife lag in ihrer engen Verbundenheit mit Gott. Sie unterhielt ein ständiges, spontanes, schlichtes Zwiegespräch mit ihm, ein von tiefem Vertrauen gespeistes Vater-Tochterverhältnis. Jesus betrachtete sie als Freund, Bruder und Bräutigam. Sie suchte in allen Begegnungen, in allen Ereignissen ihres Lebens nach seinem Antlitz; finden konnte sie Ihn vor allem in der Eucharistie. Diese Verbundenheit mit Gott war die Quelle, aus der sie die Kraft schöpfte, um ihr aufbrausendes Temperament zu zügeln. Sie lernte, sich zu beherrschen und nicht in die Luft zu gehen, wenn sie etwas hörte, was ihr missfiel; sie wartete nunmehr mit ihrem persönlichen Urteil, bis der Heilige Geist ihr die richtige Antwort eingab.

„Innerlich schön“

Chiara sprach nicht gern über sich und noch viel  weniger gern zog sie Blicke auf sich. Sie fiel gleichwohl bereits durch ihre große, schlanke Gestalt auf. Ihr Blick war rein und klar, ihr Lächeln offen und aufrichtig, ihre Züge fein und zart. Auf ihre Schönheit war sie nie stolz, reagierte vielmehr verlegen, wenn man ihr deswegen Komplimente machte. Ihr lag es lediglich an einem ordentlichen, sauberen Aussehen, schön wollte sie nur innerlich sein. In Punkto Manieren und Kleidung richtete sie sich nach den Vorgaben ihrer Familie und der Bewegung. Angriffe auf ihre Reinheit wehrte sie entschieden ab. Ein Junge, der eines Tages im Bus eine ungehörige Geste machte, bekam von ihr eine schallende Ohrfeige. Von Haus aus zu Keuschheit, Schamhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit erzogen, merkte sie recht früh, dass man „gegen den Strom schwimmen“ muss, um diesen Werten treu zu bleiben.

Diese mutige innere Einstellung erinnert an den heiligen Antonio de Sant’Anna Galvao (1739-1822), der sich mit folgenden Worten Unserer Lieben Frau weihte: „Nimm mir lieber das Leben, bevor ich meinen Herrn, deinen gebenedeiten Sohn, beleidige!“ Bei der Heiligsprechung des brasilianischen Ordensmannes am 11. Mai 2007 sagte Benedikt XVI. dazu: „Wie aktuell klingen für uns, die wir in einer so stark vom Hedonismus geprägten Zeit leben, die Worte seiner Weihe ... Das sind starke Worte einer leidenschaftlichen Seele, Worte, die zum normalen Leben jedes Christen gehören sollten, ob es geweiht oder nicht geweiht ist; sie wecken den Wunsch nach Treue zu Gott innerhalb und außerhalb der Ehe. Die Welt braucht reine Leben, klare Seelen, einfache Denker, die sich weigern, als Geschöpfe betrachtet zu werden, die Lustobjekte sind. Es ist notwendig, nein zu sagen zu jenen sozialen Kommuni–kationsmitteln, die die Heiligkeit der Ehe und die Jungfräulichkeit vor der Ehe lächerlich machen. Jetzt ist uns in der Gottesmutter der beste Schutz gegen die Übel gegeben, die das moderne Leben bedrohen; die Marienverehrung ist die sichere Gewähr für den mütterlichen Schutz und die Verteidigung in der Stunde der Versuchung.“

Heimsuchungen

Im Herbst 1985 wechselte Chiara auf ein humanisti- sches Gymnasium, denn sie träumte davon, später Medizin zu studieren und als Kinderärztin nach Afrika zu gehen. Die Familie zog nach Savona um, wo sie eine Wohnung besaß, und kehrte nur am Wochenende aufs Land zurück. Das Schuljahr wurde anstrengend für Chiara; trotz ihres großen Fleißes blieben ihre Noten enttäuschend; eine der Lehrerinnen konnte sie absolut nicht leiden, gab ihr unverdienterweise schlechte Noten und ließ sie schließlich durchfallen. In dieser besonders schwierigen Situation zeigte sich Chiaras Großmut: Obwohl sie sehr unter dem Verhalten dieser Lehrerin litt, verurteilte sie sie nicht und sprach nie unfreundlich über sie. Eines Tages sah eine Gruppe von Schülern, dass die betreffende Lehrerin gerade im Begriff war, eine Treppe hochzugehen; da sie allgemein unbeliebt war, stürmten die Schüler blitzschnell hinter ihr her, um sie zu Fall zu bringen. Chiara stellte sich ihnen jedoch sofort in den Weg und konnte den Racheakt verhindern. Als die Lehrerin merkte, was geschehen war, wandte sie sich zu Chiara um und warf ihr einen dankbaren Blick zu.

Zur gleichen Zeit ergaben sich auch in der Jugendgruppe der Fokolare Probleme mit einer neuen, unnachsichtigen Assistentin. Chiara kam schlecht mit ihr zurecht und fragte sich sogar, ob sie ihren Weg in der Bewegung fortsetzen sollte. Sie betete und brachte ihren Kummer Jesus als Opfer dar, ohne die anderen Mitglieder der Gruppe etwas merken zu lassen. Eine einzige Freundin erkannte, wie sehr sich Chiara zusammennahm, um die anderen nicht mit ihren Schwierigkeiten und Schulproblemen zu belasten: „Sie ist immerfort damit beschäftigt, für die anderen zu leben, für das gute Funktionieren der Gruppe. Sie ist heiter und fröhlich, trotz ihrer Belastungen.“ Am Ende des Schuljahres schrieb Chiara an eine Freundin: „Du hast vielleicht schon gehört, dass ich durchgefallen bin. Für mich war das sehr schmerzhaft. Ich konnte diesen Schmerz nicht sofort Jesus schenken. Ich habe lange gebraucht, bis ich mich fassen konnte, und heute noch möchte ich am liebsten weinen, wenn ich nur daran denke. Das ist halt Jesus der Verlassene!“

Die beiden folgenden Schuljahre fielen Chiara leichter, doch das Kreuz, das nun in ihr Leben getreten war, offenbarte sich bald in seiner ganzen Härte. Jesus der Verlassene, den sie sich zum Bräutigam erwählt hatte, nahm sie beim Wort. Schon im Juni 1988 wurde sie oft plötzlich ganz bleich, und das Lächeln schwand aus ihrem Gesicht. Manchmal tat ihr die linke Schulter weh, doch weder sie noch die Familie achtete darauf. Gegen Ende des Sommers wurde der Schmerz so heftig, dass ihr beim Tennisspielen der Schläger aus der Hand fiel. Die von den Ärzten verordneten Therapien erwiesen sich als wirkungslos. Ruggero und Maria Teresa erfuhren als erste das Ergebnis der eingehenden Untersuchungen: Ihre Tochter litt an einem Osteosarkom, einer besonders schmerzhaften Form von Knochenkrebs. Damit begann ein unendlicher Kreuzweg von Untersuchungen, Krankenhausaufenthalten, Therapien und Eingriffen. Chiara hoffte auf Genesung und bewahrte ihr herrliches Lächeln; ihre Aufmerksamkeit für die anderen ließ nicht nach. Sie kümmerte sich besonders um eine junge Drogenabhängige, die im Krankenhaus im Neben–zimmer lag, und begleitete sie auf ihren langen Wanderungen durch die Krankenhausflure. Auf die Bitte ihrer Eltern, ihre Kräfte zu schonen, erwiderte sie: „Ich werde später noch Zeit zum Schlafen haben.“ Erst im folgenden März, bei ihrer ersten Chemotherapie, wurde ihr die Schwere ihrer Erkrankung bewusst. Sie kehrte kreidebleich heim, zog sich wortlos zurück und blieb auf ihrem Bett liegen. Erst nach fünfundzwanzig Minuten wandte sie sich lächelnd ihrer Mutter zu: „Jetzt kannst du sprechen.“ Chiara hatte sich gerade dem Kreuzestod Jesu angeschlossen; ihr rückhaltloses „Ja“ zum Willen Gottes war nun gegeben, und sie blickte von da an nie mehr zurück. Das seit jeher für sie charakteristische Lächeln kehrte auf ihre Lippen zurück.

Schneeweiß

Da Chiara fortan wusste, wohin ihr Weg führte,  nahm sie ihren spirituellen Aufstieg in Angriff - die Frucht ihres ganzen bisherigen Lebens. Trotz ihrer ständigen Schmerzen klagte sie nicht. Während ihrer siebzehnmonatigen Leidenszeit sagte sie immer wieder „Ja“ zum verlassenen Jesus, dessen Bild sie in der Nähe ihres Bettes aufbewahrte: „Wenn du es willst, Jesus, will ich es auch! - Jesus reinigt mich mit Chlorbleiche auch vom letzten schwarzen Punkt, und das brennt. Wenn ich dann ins Paradies komme, bin ich schneeweiß.“ Manchmal gab sie zu: „Es ist schwer, das Christentum bis zur letzten Konsequenz zu leben ... aber es geht nur so.“ Als ehemalige Sportlerin konnte sie sich nur schwer mit der fortschreitenden Lähmung ihrer Beine abfinden, doch schließlich meinte sie: „Wenn man mich fragte, ob ich wieder anfangen wolle zu gehen, würde ich ‚Nein’ sagen, weil ich so Jesus näher bin.“ Oft sagte sie zu ihren Eltern: „Jeder Augenblick ist kostbar, man darf ihn nicht vertrödeln; wenn man danach lebt, bekommt alles einen Sinn. Alles findet seine richtige Dimension, wenn man es Jesus darbringt, selbst in den schrecklichsten Stunden. Den Schmerz darf man nicht verschwenden; er bekommt einen Sinn, wenn man ihn Jesus opfert.“

„Das Leid können wir versuchen zu begrenzen, zu bekämpfen, aber wir können es nicht aus der Welt schaffen“, schreibt Papst Benedikt XVI. „Nicht die Vermei-dung des Leidens, nicht die Flucht vor dem Leiden heilt den Menschen, sondern die Fähigkeit, das Leiden anzunehmen und in ihm zu reifen, in ihm Sinn zu finden durch die Vereinigung mit Christus, der mit unendlicher Liebe gelitten hat“ (Enzyklika Spe salvi, 30. November 2007, 37).

Chiara hielt an ihrem missionarischen Eifer fest. Sie wurde von unzähligen Leuten besucht, und alle staunten über die Nächstenliebe, die sie ausstrahlte. Ihr Zimmer wurde zum Schauplatz fröhlicher, manchmal auch musikalischer Begegnungen. Bischof Maritano aus ihrer Heimatdiözese Acqui suchte sie mehrmals auf; gemeinsam legten sie die Jugendlichen der Diözese Gott ans Herz. „Sie war menschlich wie christlich überdurchschnittlich reif ...“, sagte er später. „Durch die Einschränkung ihrer physischen Fähigkeiten trat ihre unbezähmbare seelische Kraft, die sicherlich von der Gnade gespeist wurde, umso deutlicher hervor. Diese Gnade schenkte ihr während ihrer ganzen Krankheit die Gewissheit des wahren Lebens, die Gewissheit der Begegnung mit dem Herrn. Chiara lebte die christliche Hoffnung wirklich.“ Verwandte berichteten auch von einem spirituellen Aufstieg der Eltern; von ihrem Kind angeleitet und dem gleichen Ideal verpflichtet, erkannten sie jenseits des Schmerzes die Liebe Gottes und brachten damit die Ärzte zum Staunen: „Wir konnten nicht verstehen, warum sie nicht verzweifelt waren. Sie waren zu dritt, doch man sah nur eine einzige Person.“

Ein neuer Name

Wie es bei den Fokolaren üblich war, erhielt Chiara von der Gründerin der Bewegung einen neuen Namen: Chiara Luce. Ihr Licht strahlte in der Tat weit: Sie, die davon geträumt hatte, afrikanische Kinder zu pflegen, begeisterte sich nun für den Plan eines Freundes, der in Benin Brunnen bohren wollte und schenkte ihm das Geld, das sie zu ihrem 18. Geburtstag bekommen hatte; dieser erste Anstoß führte später zur Errichtung einer Ambulanz und eines Waisenheims unter dem Namen „Chiara Luce“. Chiara mobilisierte ihre letzten Kräfte, um zusammen mit ihrer Mutter und ihren Freunden ihr „Hochzeitsfest“ vorzubereiten. Sie wählte die Lesungen, die Lieder und das weiße Kleid mit dem rosafarbenen Gürtel aus, das sie bei ihrer „Vermählung“ mit Jesus tragen wollte, und entschlief bald danach am 7. Oktober 1990 friedlich im Beisein ihrer Eltern. Sie wurde keine neunzehn Jahre alt. Ihre letzten Worte waren an ihre Mutter gerichtet: „Ciao, freue dich, weil ich mich freue!“ Nach ihrem Tod knieten beide Eltern nieder, sprachen das Credo und danach die Worte: „Gott hat sie uns geschenkt, Gott hat sie uns genommen, gelobt sei sein heiliger Name!“ An der von Bischof Maritano gehaltenen Beerdigung nahmen über zweitausend Personen teil. Bald strahlte Chiaras Ruhm über die Grenzen Italiens hinaus; da man immer zahlreichere Gnaden auf ihre Fürsprache zurückführte, wurde bereits 1999 ein Seligsprechungsprozess für sie eröffnet. Chiara wurde am 25. September 2010 in Rom seliggesprochen.

Chiara Luce war sich sicher, von Gott grenzenlos geliebt zu sein; ihr unerschütterliches Vertrauen in die Güte Gottes gab ihr die Gewissheit, dass Gott nur das Gute für uns will. Dem Zeugnis ihres Bischofs zufolge „wusste sie, dass das Wichtigste darin besteht, sich dem Willen Gottes zu überlassen, und sie tat es.“ Mögen wir nach ihrem Vorbild unter allen Umständen die Liebe Gottes erkennen und auf Ihn vertrauen – in der festen Überzeugung, dass denen, die Gott lieben, alles mitwirkt zum Guten (Röm 8,28).

Dom Antoine Marie osb

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