Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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8. August 2012
Hl. Dominikus


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Es sind die Gesetze des Evangeliums und die Gebote Christi, die zur  Freude und zum Glück führen, und darin besteht die Wahrheit, die  Philipp bei seiner täglichen apostolischen Arbeit der Jugend verkündete. Er stützte sich dabei vor allem auf den durch das häufige Gebet erreichten familiären und täglichen Umgang mit Gott“ (Seliger Johannes-Paul II. zum 400. Todestag des heiligen Philipp Neri am 7. Oktober 1994). Nur wenige Menschen haben die Stadt Rom so stark, so tief und so nachhaltig geprägt wie der heilige Philipp Neri, der „Narr Gottes“, obwohl er nie eine wichtige Stellung in der Kirche innehatte. Seine große persönliche Ausstrahlung wirkt heute noch fort.

Philipp (Filippo) wurde am 21. Juli 1515 als zweites der vier Kinder des Notars Francesco Neri in Florenz in der Toskana geboren. Seine Mutter Lucrezia starb, als er fünf Jahre alt war. Ihre Stelle nahm bald Alessandra, die zweite Frau seines Vaters, ein, die das Kind mit besonderer Zuneigung umsorgte. Philipp, der sich durch einen sonnigen und gelehrigen Charakter auszeichnete, besuchte die Schule der Dominikaner im Markuskloster, wo er von einem zweifachen Einfluss geprägt wurde: zum einen von der Schönheit der Kunst - dank der Wandmalereien des seligen Fra Angelico, zum anderen von der Person des Dominikaners Savonarola, der die Stadt rund 30 Jahre zuvor in Aufruhr versetzt hatte. Von diesem übernahm Philipp eine brennende Liebe zu Jesus sowie den Ruf zur Umkehr, wobei er allerdings im Gegensatz zu Savonarola stets Augenmaß und Milde bewahrte.

Nach der Plünderung von Florenz durch kaiserliche Landsknechte im Jahre 1530 kam Philipp zu einem Verwandten, der als Stoffhändler zu einigem Reichtum gelangt war. Sein Leben war nunmehr mit Kalkulationen zum Stoff- und Tuchhandel ausgefüllt, und da zählte allein der Gewinn; bald fragte sich der junge Mann verunsichert, ob man bei so vielen Armen allenthalben überhaupt so viel Geld anhäufen durfte. Er beschloss, seinen Wohltäter zu verlassen, um in Rom ein mehr am Evangelium orientiertes Leben zu führen. Er wurde dort von einem Florentiner Landsmann, dem Leiter der Zollbehörde, aufgenommen, arbeitete als Hauslehrer von dessen beiden Söhnen und begann ein überaus asketisches Leben zu führen. Rom erholte sich nur mühsam von den Verwüstungen der schrecklichen Plünderung von 1527 (des sogenannten Sacco di Roma). Die Stadt hatte einen schlechten Ruf; dennoch beherbergte sie auch geistige Strömungen, die zu einem Wiedererwachen des religiösen Lebens führten. Philipp nutzte die Nähe der päpstlichen Universität La Sapienza und begann Philosophie und Theologie zu studieren; er ging dabei nicht systematisch vor, sondern wandte sich vor allem den Themenbereichen zu, die ihm im Hinblick auf spätere Hilfesuchende am nützlichsten erschienen.

Die Glut christlicher Liebe

Der junge Mann suchte nachts oft die Katakombe San  Sebastiano zum Beten auf. Dort gewährte ihm der Heilige Geist 1544 am Abend vor Pfingsten eine außerordentliche Gnade: Er sah, wie eine Feuerkugel durch seine Lippen bis in sein Herz vordrang und dieses heftig zum Wallen brachte, und spürte, wie die Glut christlicher Liebe darin entfacht wurde. Diese Gnade wirkte sich auf sein ganzes Leben aus, denn sein Herz wurde durch die göttliche Liebe gleichsam erweitert. Bei einem späteren Arztbesuch stellte man fest, dass durch eine physische Ausweitung seines Herzens sogar mehrere Rippen gebrochen worden waren. Der Herr ließ Philipp fortan oft übernatürliche Erfahrungen und Gaben zuteil werden.

Die langen Stunden, die Philipp mit Beten verbrachte, weckten eine große Nächstenliebe in ihm; diese wiederum bewegte ihn dazu, Krankenhäuser zu besuchen und solide pflegerische Kenntnisse zu erlernen. Das galt damals angesichts des Zustandes der Pflegeein–richtungen für Arme als nahezu heldenhaft; der junge Mann erkannte bald, dass die Kranken vor allem liebevolle Zuwendung brauchten. Er nahm sich auch der armen und kranken Rompilger an und eröffnete zusammen mit seinem Beichtvater, Persiano Rosa, ein Pilgerheim für sie. Bald nahm er dort auch Konvaleszenten auf, die, sobald sich ihr Zustand zu bessern begann, aus den Krankenhäusern gejagt wurden, um anderen Platz zu machen; sie fanden sich oft auf der Straße wieder und liefen Gefahr, einen Rückfall zu erleiden. Diese Tätigkeit nahm einen solchen Aufschwung, dass Philipp 1548 die „Bruderschaft der Dreifaltigkeit der Pilger“ gründete.

Die Stunde, Gutes zu tun

Philipp Neri traf oft mit dem heiligen Ignatius von  Loyola und dessen ersten Gefährten zusammen; einen Moment lang erwog er sogar, sich ihnen anzuschließen. Die Einführung der sogenannten Quarant’ore in Rom, einer vierzigstündigen eucharistischen Anbetung zur Sühne für die skandalösen Auswüchse bei den Karnevalsfeierlichkeiten, ging auf Philipps Einfluss zurück. Er beteiligte sich an der Organisation des Ablaufs und pflegte die Teilnehmer, deren Anbetungszeit abgelaufen war, zu ermahnen: „Geht, die Zeit für euer Gebet ist um, nicht aber die Zeit, um Gutes zu tun.“

Philipp ließ sich von seinem Beichtvater überreden, sich zum Priester weihen zu lassen, und empfing am 23. Mai 1551 im Alter von 35 Jahren die Priesterweihe. Er hielt sich für so unwürdig, dass er seine Primiz zunächst immer wieder hinauszögerte; erst nach und nach konnte er das heilige Messopfer als göttliche Glücksgabe und als den erhabensten menschlichen Akt schlechthin begreifen. Wegen seiner häufigen Ekstasen und Levitationen verzichtete er auf öffentliche Messfeiern. Richtig fruchtbar wurde seine Seelsorge durch das Spenden des Bußsakraments. 1551 zog er in die Priestergemeinschaft San Girolamo della Carità. Von frühmorgens bis zur Mittagsstunde nahm er in der Kirche Beichten ab; dann zelebrierte er die heilige Messe und empfing anschließend Besucher und Beichtkinder in seinem Zimmer. Letztere wusste er geschickt zu behandeln, indem er sie von Anfang an sein Wohlwollen und seine priesterliche Liebe spüren ließ. Man verließ ihn immer erleichtert und getröstet; die Zahl seiner Anhänger wuchs stetig. Doch sein großer Einfluss brachte ihm auch Feindschaften und Verleumdungen ein; er reagierte mit tiefer Verzweiflung darauf, denn er wollte unter keinen Umständen von seinen Gegnern daran gehindert werden, Gutes zu tun. „O Jesus“, pflegte er zu beten, „ich habe dich immer wieder um die Tugend der Geduld gebeten, warum gewährst du sie mir nicht? Warum lässt du es zu, dass sich mir so viele Gelegenheiten zur Unruhe, zum Zorn, zur Ungeduld bieten?“

Philipp Neri sammelte einen Kreis von Jugendlichen um sich. Er konnte nicht nur schwierige Sachverhalte erklären, sondern wusste auch seine Zuhörer in das Gespräch einzubinden. Sein mitunter gewagter Humor machte ihn bei vielen neugierigen Jugendlichen beliebt, und sie gerieten bald in den Sog seines glühenden Glaubens. Eines Tages erzählte ihm ein Student von seinen Träumen und Zielen. Der Heilige antwortete ihm immer wieder mit der gleichen Frage: „Und dann?“ Der junge Mann merkte schließlich, wie eitel seine Pläne im Lichte der Ewigkeit waren.

In seiner Botschaft zur Fastenzeit 2012 schrieb Papst Benedikt XVI.: „Hier möchte ich an einen Aspekt des christlichen Lebens erinnern, von dem ich meine, dass er in Vergessenheit geraten ist: die brüderliche Zurechtweisung im Hinblick auf das ewige Heil. Heutzutage ist man generell sehr empfänglich für das Thema der Fürsorge und der Wohltätigkeit zugunsten des leiblichen und materiellen Wohls der Mitmenschen, die geistliche Verantwortung gegenüber den Brüdern und Schwestern findet hingegen kaum Erwähnung ... Anders ist es in den wirklich im Glauben gereiften Gemeinden, wo man sich nicht nur der leiblichen Gesundheit der Brüder und Schwestern annimmt, sondern mit Blick auf ihre letzte Bestimmung auch des Wohls ihrer Seele.“

In Seinem Namen versammelt

Bei den Treffen der jungen Leute wurde unter Philipps  Leitung über die Heilige Schrift, vor allem über das Johannesevangelium, aber auch über geistliche Autoren wie Johannes Cassianus, die heilige Gertrud usw. gesprochen. Jeder konnte sich frei zu dem gelesenen Abschnitt äußern; Philipp war überzeugt, dass bei diesen Treffen der Heilige Geist am Werk war - gemäß dem Jesus-Wort „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Nach und nach wurden die Jugendlichen an das geistliche Leben herangeführt, das seinerseits für Begeisterung und Erneuerung in ihren Herzen sorgte. Das war die Geburtsstunde des „Oratoriums“: Das Wort bezeichnete zunächst nur den Versammlungsort, später auch die Gruppe derer, die diesen Ort zum Beten aufsuchten, die sogenannten „Oratorianer“. Die Versammlungen bestanden aus zwei Teilen. Ein Teil war dem Gebet, der andere der Behandlung von Sachthemen gewidmet (Kirchen-geschichte, Leben der Heiligen, Fragen der moralischen Lebensführung, das Gebet und die damit verbundenen Schwierigkeiten). Die Jugendlichen erarbeiteten selbständig Referate; Philipp wollte, dass über konkrete Realitäten gesprochen wird, die mit Erfahrungen aus dem Leben der Heiligen bzw. der Kirchengeschichte illustriert werden. Nach den Versammlungen pflegte er mit seinen Schülern eine Kirche oder ein Krankenhaus zu besuchen, und anschließend traf man sich unter freiem Himmel, etwa auf dem Gianicolo-Hügel, zum gemeinsamen Musizieren wieder; daraus wurden – dank der Beteiligung von Musikern wie Giovanni da Palestrina und Mitgliedern des päpstlichen Chors – bald richtige Konzerte, die wiederum weitere Personen anzogen. Bald nahm Philipp Neri auch Kunst in sein Erziehungs-konzept auf und förderte entsprechende Initiativen.

Zu den Persönlichkeiten, die sich Philipps Führung anvertrauten, zählte Giovanni Battista Salviati, ein entfernter Vetter der Königin Katharina von Medici: Er bekehrte sich und vollzog eine so radikale Wende vom größten Prunk zur äußersten Demut, dass Philipp ihn sogar bremsen musste.

Cesare Baronio trat 1557 sehr jung dem Oratorium bei. Philipp erkannte sein geistiges Potenzial, schulte ihn gezielt, um ihn geduldiger und demütiger zu machen, und lenkte ihn schließlich in Richtung Kirchen–geschichts–studium; Cesare wurde ein hervorragender Wissenschaftler und verfasste insbesondere die Annales ecclesiastici, ein monumentales Werk, das die Grundlage für die moderne Kirchengeschichte legte. Er wurde später zum Kardinal ernannt.

Gabriele Tana war ein tuberkulosekranker junger Mann, der mit seiner Krankheit haderte und zeitweilig der Versuchung der Verzweiflung sowie der geistigen Öde ausgesetzt war. Unter Philipps Einfluss gewann er seinen Seelenfrieden und seine Gelassenheit wieder, so dass er dem Tod schließlich freudig entgegenblickte. Philipp Neri wurde oft zu Sterbenden gerufen. Seine Gegenwart hatte eine beachtliche Wirkung, oft kam es sogar zu Wunderheilungen. Mit seinen Schülern machte er regelmäßig Krankenbesuche, und er schickte sie zum Almosensammeln, was besonders reichen jungen Adligen schwerfiel.

Andacht und Freude

1559

führte Philipp die erste Bußwallfahrt zu den sie- ben großen Pilgerkirchen Roms an. Die Stimmung war von Andacht und geistlicher Freude geprägt. Aus den rund dreißig Teilnehmern an dieser ersten Wallfahrt wurden später Hunderte, dann Tausende. In dieser Zeit lebten die Diskussionen um Savonarola wieder auf; es gab Bestrebungen, seine Werke auf den Index zu setzen; Philipp sprach sich dagegen aus und machte sich damit für die Gegner Savonarolas bereits verdächtig. Aus Angst, die großen Umzüge des Oratoriums könnten in offene Aufruhr münden, erteilte der Kardinalvikar (der Vertreter des Papstes für das Bistum Rom) Philipp ein offizielles Verbot, Treffen abzuhalten und die Beichte zu hören. Der Heilige gehorchte und überredete auch seine Anhänger, sich den Beschlüssen der kirchlichen Obrigkeit zu fügen: „Für mich gingen die Anordnungen meiner Vorgesetzten immer allem anderen vor, und ich gehorche gern.“ Als der Kardinalvikar bald darauf überraschend starb, wurden alle Sanktionen aufgehoben.

Es kommt vor, dass die Kirche durch die Person ihrer Amtsträger ihren Kindern Leid zufügt. Heilige können ihr trotz dieses Umstandes treu bleiben. Der Glaube erinnert sie daran, „dass zwischen Christus Unserem Herrn, dem Bräutigam, und der Braut, der Kirche, der Heilige Geist waltet, der uns zum Heil unserer Seelen leitet und lenkt, weil durch denselben Geist und Unsern Herrn, der die Zehn Gebote erließ, auch Unsere Heilige Mutter die Kirche gelenkt und regiert wird“ (Geistliche Übungen des hl. Ignatius, Nr. 365).

Eine Abordnung florentinischer Landsleute bat Philipp Neri, die Seelsorge in der Kirche San Giovanni Battista dei Fiorentini am Tiber zu übernehmen; daraufhin zog ein Konvent des Oratoriums dort ein. Das war der Beginn des konventualen Lebens für die Priester des Oratoriums. Philipp war durch die vielen Anfragen völlig überfordert gewesen und hatte einige seiner ältesten Schüler gebeten, sich ebenfalls zu Priestern weihen zu lassen, damit sie ihn in der Seelsorge entlasten konnten. Er gab ihnen keine Regel: Als solche diente seine spirituelle Leitung zusammen mit einigen vom gesunden Menschenverstand diktierten Vorschriften.

Eine kritisierte Vorliebe

1567

hätte eine geheime Verschwörung unter dem heiligen Papst Pius V. beinahe zur Schließung des Oratoriums geführt. Seine Rettung verdankte es dem heiligen Karl Borromäus, dem damaligen Erzbischof von Mailand. Auf Befehl des Papstes wurden zwei Domini–kaner entsandt, um sich Philipps Predigten anzuhören; sie waren so zufrieden und so erbaut, dass sie ihm auch nach Beendigung ihres Auftrags treu blieben. Sieben Jahre später startete ein junger Mann, der wegen eines Fehlverhaltens aus dem Oratorium ausgeschlossen worden war, eine neue Verleumdungs-kampagne: Kritisiert wurde insbesondere die Vorliebe des Gründers für öffentliches Aufsehen und Späße – zwei Mittel des Apostolats, auf die er gern zurückgriff. Philipp litt sehr unter diesen Angriffen. Nach dem Tode Pius’ V. vertraute der neue Papst Gregor XIII. dem Oratorium eine kleine verfallene Kirche an: Santa Maria in Vallicella. Bald stellte sich heraus, dass die Kirche komplett neu errichtet werden musste. Der Architekt scheute zunächst vor dem Projekt zurück, doch der Heilige zeigte ihm eine Stelle, wo er graben sollte: Dort stieß er tatsächlich auf eine stabile Mauer, die ihm als Fundament dienen konnte.

1575 wurde das Oratorium vom Papst offiziell als Kongregation bestätigt; 1577 wurde der Gründer in das Amt des ersten Generalprokurators gewählt. Die Postulanten strömten in Scharen herbei. Da Philipp keine Niederlassungen außerhalb Roms gründen wollte, entstanden unabhängige Oratorien in San Severino, Mailand, Padua usw. Als Vorbild diente ihnen das römische Haus, sie waren ihm jedoch nicht unterstellt. 1586 beschloss die Vollversammlung der Oratorianer dann doch die Gründung einer Niederlassung in Neapel. In der Folge entwickelte sich dieser Zweig eher in Richtung eines geregelten Ordenslebens, während das römische Oratorium an seinem informellen Stil festhielt.

Im März 1583 erkrankte Paolo Massimo, der vierzehnjährige Sprössling einer adligen Familie, schwer; Philipp besuchte ihn täglich, und als der Junge den Tod nahen fühlte, ließ er ihn rufen. Als der Heilige eintraf, war Paolo jedoch bereits gestorben; Philipp nahm ihn in die Arme, begann zu beten und rief ihn zweimal beim Namen. Paolo schlug die Augen auf, und Philipp fragte ihn, ob er lieber weiterleben oder sterben möchte. Paolo erwiderte, er wolle sterben. „Dann geh!“, sagte Philipp. „Sei gesegnet und bete für mich.“ Das Kind starb. Der Jahrestag dieses Ereignisses wird heute noch jedes Jahr am 16. März im Palazzo Massini in der Nähe der Piazza Navona begangen. Diese Auferweckung machte ebenso schnell die Runde in der Stadt wie die Wunder–heilungen; so stand Philipp bald im Rufe der Heiligkeit, obwohl er ein bewusst exzentrisches Verhalten an den Tag legte, um die Leute eines Besseren zu belehren. Er war entzückt, wenn man ihn einen „alten Narr“ nannte. Er erlegte sowohl seinen Gefährten als auch seinen Beichtkindern demütigende Handlungen auf, um sie vor Hochmut zu bewahren. Als ihn Papst Gregor XIV. 1590 zum Kardinal ernennen wollte, erteilte er ihm eine Absage.

Philip Neri maß den Sakramenten große Bedeutung bei. „Beichtväter müssen ihren Pönitenten etwas von der zärtlichen Liebe Gottes vermitteln ... Bemüht euch immer, die Sünder zu Christus zu führen: durch eure Freundlichkeit und eure Liebe... Bemüht euch, ihnen die Liebe Gottes begreiflich zu machen, sie allein kann wirklich Großes bewirken.“ Die Liebe zu Christus war die Grundlage von Philipps Apostolat, der von Liebenswürdigkeit und Milde geprägt war; er empfing alle Besucher freundlich, hörte ihnen zu, freute sich mit den Glücklichen und trauerte mit den Weinenden. Als sich einmal ihm gegenüber eine depressive Nonne für verloren erklärte, erwiderte er: „Ich sage dir, du bist für das Paradies bestimmt, und ich werde es dir beweisen. Sag mir mal, für wen Christus gestorben ist.“ – „Für die Sünder.“ – „Stimmt. Und was bist du?“ – „Eine Sünderin.“ – „Dann ist das Paradies für dich, weil du deine Sünden bereust.“ Für ihn war die Demut die Kehrseite der Liebe. Er wusste, dass wir im spirituellen Leben durch Selbsterhöhung hinab- und durch Demut hinaufsteigen (Benediktsregel, Kap. 7), und wollte alle zur Heiligkeit führen: „Die Leute, die in der Welt leben“, sagte er, „müssen sich bemühen, in ihrem eigenen Haus zur Heiligkeit zu gelangen. Das Leben am Hof, der Beruf, die Arbeit sind für den, der Gott dienen will, kein Hindernis.“

„Ich weiß, was ich sage!“

Als es ihm gesundheitlich immer schlechter ging,  legte Philipp Neri im Dezember 1593 sein Amt als Generalprokurator nieder; zu seinem Nachfolger wurde Cesare Baronio gewählt. Der Heilige empfing weiterhin Besucher in seinem Zimmer und begab sich von Zeit zu Zeit in die Kirche, um ein paar armen alten Frauen die Beichte abzunehmen. Wenn es seine Kräfte erlaubten, besuchte er Freunde, die Kummer hatten, oder Kranke und brachte ihnen ein kleines Geschenk mit. Nachdem ihm im Frühjahr 1594 die Heilige Jungfrau Maria erschienen war, schickte er seine Ärzte weg: „Ich brauche euch nicht mehr. Die Madonna hat mich geheilt.“ Und das erwies sich als richtig. Philipp war der Gottesmutter stets mit tiefer Verehrung begegnet und gab auch seinen Schülern gern den Rat: „Seid Maria ergeben. Ich weiß, was ich sage! Seid Maria ergeben!“

Ein Jahr danach, am 12. Mai 1595, erlitt Philipp einen Schwächeanfall und verlor das Bewusstsein. Als Pater Baronio ihm die heilige Eucharistie brachte, kam er plötzlich zu sich und sagte: „Da ist mein Gott! Geben Sie ihn mir, schnell!“ Am 26. Mai, dem Fronleich-namsfest, bat er frühmorgens darum, man möge alle Leute, die bei ihm beichten möchten, herbeirufen. Später am Tag sagte sein Arzt zu ihm: „Noch nie habe ich Sie bei so guter Gesundheit gesehen!“ In der folgenden Nacht kam es erneut zu einem Schwächeanfall; alle Brüder versammelten sich an seinem Lager. Pater Baronio empfahl Philipps Seele dem Herrn und bat um seinen Segen für den Sterbenden. Philipp hob die Hand und verharrte einige Augenblicke in dieser Position, die Augen zum Himmel gewandt; dann ließ er die Hand sinken, schloss die Augen und entschlief friedlich.

Gregor XV. sprach ihn am 12. März 1622 heilig. Sein Leichnam liegt in einem gläsernen Sarg in „seiner Kirche“ Santa-Maria in Vallicella. Beim Tode des Heiligen existierten sieben Oratorien in Italien. Heute gibt es eine Konföderation von rund 80 Gemeinschaften; sie nennt sich „Kongregation des Oratoriums“ und zählt etwa 500 Ordensleute in 19 Ländern.

Der heilige Philipp Neri lebte in einer schwierigen Periode der Kirchengeschichte (geprägt von sittlichem Verfall in weiten Kreisen des Klerus, von der protestantischen Reformation sowie von großen politischen Umbrüchen), doch er lehrt uns, dass die auf Petrus gegründete Kirche (vgl. Mt 16,18) zu jeder Zeit die Verheißung des ewigen Lebens hat.

Dom Antoine Marie osb

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